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awogfli

Awogfli - Bookcroc

Ich bin Buchgourmet und Buchgourmand quer durch viele Genres

Ich lese gerade

Die Stadt der Träumenden Bücher
Walter Moers, Dirk Bach
BETA…civilisations volume 1
Jens Harder
Gletschergrab: Island Thriller
Arnaldur Indriðason

Mittelmäßiges philosophisches Pallaver

Lila oder ein Versuch über Moral - Robert M. Pirsig, Hans Heinrich Wellmann

Tja was soll ich Euch erzählen? Hüte Dich vor Fortsetzungen, denn sie könnten einfach nur das schale, aufgewärmte Gericht vom letzten Mal sein. Genau das trifft auf dieses Buch zu, es hat sehr wenig mit  Moral zu tun und nervt aus mehreren Gründen massiv.

1. Redundanz: Der Autor Pirisg bzw. sein Alter Ego-Phaidros versteigt sich, anstatt ein neues Gedankengebäude für  Moral zu entwickeln, noch immer in ewig denselben Qualitätsdefinitionen wie in Zen oder die Kunst ein Motorrad zu warten - er  führt sie nur ein bisschen weiter aus, das hätte er aber auch noch in 2 zusätzlichen Kapiteln in Zen machen können.  

2. Ungenauigkeit: Er definiert mitunter sehr salopp und ungenau überheblich aus der Sicht eines überlegenen Amerikaners  vor allem wenn er auf den "europäischen Lebensstil" runterhauen kann.  Er meint viktorianisch, puritanisch, neurreich wenn er europäisch sagt.

"Jedesmal, wenn er herkam, spürte er wie die Menschen förmlicher und unpersönlicher wurden und gerissener. Ausbeuterischer. Europäischer. Und kleinlicher, weniger großzügig."

Pirsig hat einen Knall - den typischen Turbokapitalismus der Republikaner haben die Amis ganz autonom aus den österreichischen Theorien von Hayek entwickelt, das hat nix mit europäischen Werten seit 1945 zu tun.  Ist schon komisch, da definiert er sich zuerst über Qualität und Werte einen Wolf, und dann ist er bei dem Wort europäisch dermaßen schlampig, vor allem weil er eine Ohrfeige mitten ins Gesicht eines jeden modernen Europäers klatscht.

3. Präpotenz: Redet der Autor in der Figur des Phaidros über Moral und Gesellschaft, wird er präpotent teilweise sogar größenwahnsinnig. In Zen konnte man das noch nachvollziehen, da er ja verrückt wurde und durch eine Katharsis ging, nach der er sich selbst an den Haaren aus seinem eigenen Sumpf zog. In diesem Roman ist Phaidros jedoch geheilt und der unagenehme onkelhafte Erklärbär vom Typ mainsplainender Oberlehrer, der sogar meint, ein geisteskrankes junges Mädchen heilen zu können, das er natürlich vorher gebumst und ausgenutzt hat. Wäre spannend, ein Buch aus ihrer Perspektive zu lesen.  

4. Timing: Die falschen Thesen zur falschen Zeit.  In einer Zeit, in der jegliche Aufklärung  und Wissenschaft quasi jeder Beruf wie Arzt, Journalist, jeder Naturwissenschaftler grad von pöbelnden Gehirnakrobaten, die in der Schule nicht mal 1 und 1 zusammenzählen konnten, schlichtweg als Systemtrottlen, Lügner und Betrüger in den Sozialen Medien derart grossflächig vernadert werden, dass die Bevölkerung diese Berufe bereits verachtet, giesst ein Buch, das sich philosophisch kritisch mit Technokratie, Positivismus und Empirismus in der Wissenschaft der 80er und 90er Jahre auseinandersetzt, natürlich komplett sinnloserweise Öl ins Feuer. Erstens weil sich die Wissenschaft schon längst gewandelt hat. Ja das haben wir nämlich nun davon, dass Wisssenschaftler der 3. Generation in einem holistischen, ganzheitlichen Ansatz nicht in ihrem Fachgebiet geblieben sind, sondern sich mit ihrem Fachwissen auch in fremde Gebiete begeben haben.  Phaidros schwurbelt was von Menschenverstand gegen empirische Wissenschaft in seiner Postivismuskritik - in einer Zeit in der die Aufklärung vielerorts wieder negiert wird von Eso-Freaks, Flacherdlern, Impfkritikern, Chemtrailern..."

In einer Zeit in der sich jeder Depp seine Individualempirie zusammenschustert (ich kenne da aber jemanden...), glauben auch Krethi und Plethi ohne Schulabschluss, mit Diplom von der youtubeUniversität und ohne Verständnis von wissenschaftlichen Theorien, sich irgendwas von einer flachen Erde oder einem Zusammenhang zwischen Impfen und Autismus ...... zusammenzuschwurbeln zu koennen.  Plötzlich sind alle empirischen Aussagen, die bereits mit 90-99,9%iger Wahrscheinlichkeit bewiesen wurden, alles graue Theorie und gleichbedeutend mit jeder anderen Schwachsinnstheorie, die sie sich in ihrer Paranioa gegenüber Fachleuten aus ihren Fingern gesogen haben. Und das nur, weil die Wissenschaft nie 100%ige Annahmen trifft - nicht mal bei der Schwerkraft ;-).

Wenn ich das Wort Haus- oder Menschenverstand oder Bauchdenken, mehr fühlen denn Denken, mehr Spiritualität gegenüber Wissenschaft heutzutage schon höre, die der Autor auch mitunter propagiert (selbstverständlich  fundierter auf der Basis von wissenschaftlich philosophischen Methoden) geht mir sprichwörtlich das Geimpfte auf (sagt man so auf österreichisch man könnte aber auch sagen,... geht mir ein Impfschaden auf).

Somit ist das Buch, auch wenn der Autor es zwar gut argumentiert hat, aber in ein paar Punkten  sowas von falsch liegt, Wasser auf die Mühlen der aufklärungskritischen Deppen von heute.

Ein paar Aussagen zur dynamischen vs. statischen Qualität und zur Wissenschaft und auch zu den Nazis habe ich dennoch sehr gut gefunden.


Fazit: Ich mag zwar die wissenschaftliche Art des Autors, die Welt zu sehen, zu analysieren, zu katalogisieren und zu strukturieren. Leider  kommt dabei Pirsig vom Hundertsten ins Tausendste, diese gedankliche Reise war nur mäßiig spannend und führte bedauerlicherweise ins NIRWANA der Mittelmäßigkeit.

Welcher Mensch willst Du sein?

28 Tage lang - David Safier

Lange hab Ich ungläubig staunend die begeisterten Rezensionen zu diesem Buch verdrängt, denn ich konnte mir nicht vorstellen, wie ein Autor, der mich derart mit seinem primitiven schenkelklopfenden Humor genervt hat, ein so großartiges Buch zuwege bringen sollte. Aber so kann es passieren: Wenn man einen Schriftsteller schlussendlich in eine Schublade gesteckt hat, hüpft er mitunter wie ein Schachtelteufel überraschend aus derselben wieder heraus.

Safier ist mit diesem Roman eine wundervolle Geschichte aus dem Warschauer Ghetto gelungen. Die 16-jährige Mira betätigt sich zuerst als Schmugglerin, um ihre Familie durchzubringen. Als die Deportationen ins Konzentrationslager Treblinka beginnen und ihre Schwester und Mutter getötet werden, schließt sie sich dem jüdischen Widerstand im Ghetto an, der 28 Tage lang den deutschen SS-Soldaten und den polnischen Polizeikollaborateuren standhält. Das ist länger, als Frankreich die Deutschen aufgehalten hat.

Durch den ganzen Roman zieht sich in allen Szenen eine essentielle menschliche Frage, die Tag für Tag, bei jeder Aktion aufs Neue beantwortet werden muss: Wie weit kann man in seinem Überlebensinstinkt gehen, ohne die Menschlichkeit komplett zu verlieren? Wo beginnt Schuld und wann ist sie gesühnt?

   „Die Frage ist, kleine Mira, was für ein Mensch möchtest Du sein?“
    „Einer der überlebt,“ antwortete ich leise, abwehrend.
    „Das scheint mir als Sinn des Lebens nicht ausreichend“, antwortete der Clown.
    Dann lachte er mich an – nicht aus -, hüpfte mit seiner Beute davon und
    ließ mich mit der Frage zurück: Was für ein Mensch möchte ich sein.

    „Die Frage ist nur“ fuhr er fort, „wie willst Du sterben?
    Willst Du ein Mensch sein, der sich wehrlos abschlachten lassen will?
    Oder einer der sich wehrt?“
    „Der letzte der mich das gefragt hat, was für ein Mensch ich sein will,
    war ein Verrückter“, erwiderte ich.


Dieses Thema hatte ich letztes Jahr schon im sehr realistisch grausamen Roman Nacht von Edgar Hilsenrath. Im polnischen Ghetto gibt es auch unter den jüdischen Opfern nur noch Täter, denn der Firnis von Zivilisation und Menschlichkeit ist unter dem Umstand des täglichen wahnwitzigen Überlebenskampfes wie weggeweht. Bei Safier wird dieser moralische Themenkomplex aber erstens aus der Sicht einer 16-jährigen dargelegt, die noch relativ unverbraucht eine naivere Vorstellung von der Welt hat, und zweitens haben die meisten handelnden Personen ihre Moral und ihre Skrupel noch nicht endgültig abgelegt, sie überprüfen täglich aufs Neue ihren Standpunkt, wohl auch durch den Umstand, dass sie sich entschlossen haben, sich gegen die Nazis zu wehren und somit ein bisschen menschliche Souveränität zurückerlangt haben. So entsteht mitten im Ghetto nicht nur eine grausame Überlebensgeschichte – die natürlich auch Tag für Tag geschrieben wird – sondern auch eine Story über Liebe, Eifersucht, Freundschaft, Heldenmut, Altruismus, Humor, Satire, fantastische Märchen und – man glaubt es kaum – sogar in kurzen Szenen über Genuss und Glück. Fast ist es eine normale Geschichte, wenn nicht der Tod an jeder Ecke lauern würde.

Auch die Frage, warum die meisten Juden sich sehenden Auges, ohne Widerstand zu leisten, wie Schlachtvieh in die Konzentrationslager haben treiben lassen, wird hier konsistent thematisiert. Die Nazis haben die Hoffnung immer ein bisschen am Leben gehalten. Es wurden immer wieder Ausnahmen von der Deportation gemacht zum Beispiel durch bestimmte Bescheinigungen, die nach einer Woche nichts mehr wert waren, aber die Hoffnung – quasi wie auf einen Lottogewinn – aufrechterhielten. So wurde die Bevölkerung still gehalten und auch Kollaborateure akquiriert, die andere ans Messer lieferten. In den Ghettos gab es viele Werkstätten, die wichtige Güter für die Nazis produzierten. Die Juden haben gedacht, „Wir sind billige Arbeitskräfte, da werden sie doch nicht, das wäre doch verrückt“….. . Es dauerte lange, bis alle begriffen: Wir werden nicht überleben. Erst diese bittere Einsicht gab den Menschen die Kraft, sich zu wehren.

So lebt und kämpft Mira mit ihren jugendlichen Freunden im Ghetto Tag für Tag – 28 Tage lang im Widerstand gegen die deutschen Besatzer und überlebt in einem Happy End außerhalb des Ghettos zusammen mit ihrer großen Liebe – vorerst in einem offenen Ende.

    Ich werde keinen neunundzwanzigsten Tag kämpfen. […] Ich werde ein Versteck suchen für mich und die Kleine. […] Kommst Du mit?“

Fast schon ist dieses Ende ein bisschen zu kitschig, um wahr zu sein, man denkt daran, dass Safier hier den gesamten Roman etwas zu optimistisch und rührselig angelegt hat … und dann …
Kommt man im Nachwort drauf, dass fast alle Personen und Ereignisse historisch sind. Die Überlebenden aus der jugendlichen Widerstandsgruppe, die 28 Tage erfolgreich Widerstand und Kampf abgeleistet haben, der Schmugglerkönig mit dem großen Herz, der Zivilisten und Kämpfern seinen Bunker zur Verfügung gestellt hat, der Pädagoge Korczak, der sich für Waisenkinder einsetzte und sogar der durchgeknallte Clown Rubinstein, der reiche Ladenbesitzer erpresste, indem er Hitler lauthals schmähte, wenn SS-Soldaten vorbeigingen, und dadurch Lebensmittel abpresste, nur damit er zu reden aufhörte und die Soldaten nicht in Versuchung kamen, alle zu erschießen. Lediglich die Hauptfiguren Mira, Amos und Daniel sind fiktional, aber alles, was ihnen im Roman geschieht und alle Szenen ihrer inneren Konflikte basieren auf realen Ereignissen. Sie wurden aus den Memoiren von Überlebenden, umfangreichen Sammlungen, Quellen und von Ringelblums Vermächtnis, einem geheimen Ghettoarchiv, übernommen.

Fazit: Großartige Aufarbeitung des Themas – diesmal nicht nur furchtbar und bedrückend erzählt, sondern auch mit einem Fünkchen Hoffnung, Humor, Liebe, Freundschaft und viel Menschlichkeit. Das Beste an der Geschichte ist, dass sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit tatsächlich genauso passiert ist.

Szenen einer zerrütteten Ehe

Traumnovelle (SZ-Bibliothek, #12) - Arthur Schnitzler

Prinzipiell hat Arthur Schnitzler hier eine sehr gute Geschichte begonnen, diese Ehe voller Nadelstiche, kleiner Kränkungen und gegenseitiger Entfremdung. Leider steht in diesem Fall der literarische Typ der Novelle wieder mal gegen eine wirklich ausgezeichnete Aufarbeitung des angerissenen Themas. Ich finde einfach eine bzw. diese Beziehung ist viel zu vielschichtig und komplex, um derart kurz abgehandelt zu werden. Das merkt man auch beim Ende, als der Ehemann alles beichtet und dann ist alles wieder gut. Wirklich? Das ist mir einfach zu platt, wird viel zu hastig abgehandelt und das Finale kommt mir dadurch auch als unlogischer Handlungssprung vor. Eine Paartherapie einer Ehe mit jahrelangen kleinen Verletzungen und massiver Entfremdung kann auch nicht in einer Sitzung erfolgreich absolviert werden.

Daran krankt aber meiner Meinung nach die Gattung der Novelle sehr oft. Sie nimmt sich zu komplexe Themen vor, die einfach nur für einen Roman geeignet sind.  Lediglich beim Lieutnant Gustl  und bei der Schachnovelle kam mir die Geschichte hinreichend erzählt und konsistent abgeschlossen vor.

Die Traumszenen der Ehefrau sind wundervoll in die Handlung eingefügt. Diese Dame versteht es wirklich, Ihren Mann zwar nicht körperlich zu betrügen, aber ihm durch die Erzählung ihres Traumes unmissverständlich klarzumachen, dass sie es erstens könnte und dass sie es zweitens aus Verachtung sehr gerne tun wollte. Eine ganz perfide Manipulatorin, die dann auch noch ein paar sehr subtile Tötungsfantasien in den Traum einbringt. Hier zeigt sich auch der Einfluss von Freud, Jung und Konsorten, die sich zur Zeit Schnitzlers mit der Traumdeutung befasst haben. Auch die Figur des Ehemanns und Arztes Fridolin ist sehr gut und konsitent entwickelt. Schnitzler zieht dies konsequent bis zur ärztlich angehauchten Sprache durch. Die außerehelichen Abenteuer Fridolins, die nie zum Abschluss kommen, sind erstens sehr spannend konzipiert (nämlich ein jedes ist völlig unterschiedlich), zeugen aber durch ihren gemeinsamen Coitus Interruptus-Charakter durchaus von sehr bösartigem Humor. Die Ehefrau betrügt und verletzt ihren Mann im Traum mehr als dieser - zu allen Schandtaten bereit - imstande ist, die ihm dargebotenen Gelegenheiten wirklich am Schopf zu packen. Fridolin hat ein derart schlechtes Timing und die Tendenz, in gewissen Situationen immer genau das Falsche zu tun, dass ich oft schmunzeln musste. Letztendlich bleiben sich die beiden Partner in ihrem kleinen Ehegefecht nichts schuldig. Diese Szenen einer Ehe hätte ich aber gerne noch ein bisschen länger, intensiver betrachtet und nicht mit so einem derart abrupten unglaubwürdigen Happy End versehen.

Fazit: 3,5 Sterne weil die Geschichte natürlich sehr gut geschrieben ist, aber viel zu kurz abgehandelt wurde.

Die Substanz der Angst

Eine allgemeine Theorie des Vergessens: Roman - José Eduardo Agualusa, Michael Kegler

Am Vorabend der angolanischen Revolution mauert sich die portugiesisch-stämmige Ludovica, nachdem sie einen Einbrecher in Notwehr erschossen und auf ihrer Dachterrasse begraben hat, aus Angst für dreißig Jahre in ihrer Wohnung ein und schottet sich somit in einem selbst gewählten Exil von den Wirren des Jahrzehnte andauernden angolanischen Bürgerkriegs ab.

 

Es klingt fast wie ein utopisches Märchen, könnte aber dennoch wahr sein. Sie braucht ihre umfangreichen Vorräte auf, sammelt Regenwasser, züchtet Hühner auf ihrer Dachterrasse im elften Stock des Hochhauses der Hauptstadt Luanda, schießt Tauben mit einer Steinschleuder und wird auch noch durch einen Feigenbaum versorgt. In wundervoller Manier und mit dem typisch episch breiten, sprachlich gewundenen und mystisch angehauchten lateinamerikanischen Schreib- und Erzählstil wird hier die Geschichte einer einsamen Frau, ihr Überleben, und das von einigen Protagonisten, die direkt und indirekt Einfluss auf das Schicksal von Ludo nehmen und genommen haben, erzählt.

 

Wer Gabriel García Márquez liebt, der wird eine helle Freude an diesem Roman haben, wobei erstens nicht Myriaden von verwirrendem Personal mit nicht mehr nachvollziehbaren Verwandtschaftsverhältnissen in der Geschichte herumwuseln und zweitens der Plot derart nachvollziehbar ist, sodass der Leser den Faden nicht verliert. Mir kommt fast vor, dem Autor Agualusa ist eine kürzere, knackigere, bessere Márquez-Geschichte im Stile des magischen Realismus gelungen als das Original Hundert Jahre Einsamkeit.

 

Am Ende in Form eines grandiosen Finales treten alle Personen, die irgendetwas mit Ludos Schicksal zu tun hatten, als die mittlerweile alte Dame sich endlich anschickt, die Wohnung zu verlassen, gleichzeitig in die Handlung ein und lösen in einem Netzwerk alle Verflechtungen aus Schuld und Sühne der Vergangenheit auf. Dies ist zwar vom Timing her sehr unwahrscheinlich - der Autor benennt sogar eine Kapitelüberschrift als „Die subtile Architektur des Zufälligen“ - aber so sind sie eben, die lateinamerikanischen Geschichten: voller Zufälle, die in ihrer gewollten fiktionalen Konstruktion einen märchenhaften tieferen Sinn ergeben.

 

Nebenbei vermittelte der Roman en passant auch noch sehr viel Wissen und strukturierte Informationen über die Hintergründe, die Beteiligten und die Politik im Bürgerkrieg in Angola. Ich kann mich noch sehr gut an meine Kindheit erinnern, als die Nachrichten voll waren, mit den Namen der ganzen Splittergruppen bzw. Kriegsbeteiligten wie SWAPO, ANC, FNLA, MLPNA, UNITA und wie sie alle hießen, als keiner in Europa mehr nachvollziehen konnte, wer, was, wie, mit wem paktierte und worum es in diesem Krieg eigentlich ging.

 

"Du und Deine Freunde, ihr nehmt immer den Mund voll mit so großen Worten: Soziale Gerechtigkeit, Freiheit, Revolution, und die Leute vegetieren vor sich hin, werden krank und sterben. Große Reden machen nicht satt. Was die Leute brauchen, ist frisches Gemüse und wenigstens ein Mal in der Woche eine richtige Fischsuppe. Mich interessiert nur die Revolution, die mit einem vernünftigen Essen beginnt."

 

"Magno Moreira Monte kam durch eine Satellitenschüssel zu Tode. Er fiel vom Dach, als er versuchte, sie zu befestigen. Anschließend fiel ihm die Schüssel auf den Kopf. Manche sahen darin eine ironische Allegorie für die neuen Zeiten. Der frühe Agent der Staatssicherheit, letzter Repräsentant einer Vergangenheit, an die sich in Angola nur wenige gerne erinnern, war von der Zukunft erschlagen worden; die freie Kommunikation hatte gesiegt, über den Obskurantismus, das Schweigen und die Zensur; Weltgewandtheit hatte den Provinzialismus erschlagen."

 

Sprachlich-stilistisch bin ich zudem restlos begeistert und auch die subtile Ironie, den Wortwitz und die wundervollen Allegorien habe ich sehr genossen. Alleine wenn man sich das Inhaltsverzeichnis durchliest, sind die Kapitelüberschriften derart poetisch, dass es schon auf Seite drei, ohne jemals einen ganzen Satz des Autors gelesen zu haben, die reine Freude ist. Wenn wir jetzt nicht erst Juli hätten, sondern schon Oktober, würde ich schwören, dass dieses Buch ganz oben auf meine Bestenliste kommt. Soweit möchte ich jedoch noch nicht gehen, denn das Jahr ist noch jung und die wundervollen Bücher sind auch noch nicht alle ausgelesen.

 

Fazit: Ein bisschen lateinamerikanisches Märchen mitten in Afrika, der Überlebenskampf von Rapunzel im selbstgewählten Exil fast schon à la Marlen Haushofer in Die Wand am Dach eines Hochhauses, viel Revolution und politische Wirren, Schuld und Sühne, gute Absichten und böse Taten, viele atemberaubend kuriose Verflechtungen in den Beziehungen der Protagonisten, sehr viel kluge philosophische Bonmots mit Ironie und einer wundervollen Sprache gewürzt - fertig ist dieser köstliche lateinamerikanisch-angolanische Eintopf. Chapeau! Bisher mein Buchstoffhöhepunkt – eine absolute Leseempfehlung von mir.

Horrorgruselvergnügen mit Gänsehautfaktor aber auch leichten Schwächen

Es - Alexandra von Reinhardt, Stephen King

Aus aktuellem Anlass habe ich endlich erstmals dieses Werk von Stephen King gelesen. Da im September der neue Film herauskommen soll, ist hier auch eine Book2Movie Rezension geplant. Bin mal gespannt, wie dieses Thema glaubwürdig cineastisch mit Spezialeffekten umgesetzt wird.

Zum Buch:
Ein sehr guter sehr gruseliger Thriller und hervorragende Charakterstudien aller Protagonisten, so beurteile ich diesen Roman von Stephen King. Als Meisterwerk ohne Kritik und Tadel kann ich die Geschichte aber aus meiner Sicht aber auf keinen Fall bezeichnen, denn da gibt es schon einige Punkte, die mich gestört haben.

Da wäre zuerst mal die typische enorme epische Breite - man könnte es auch bösartig als Geschwätzigkeit in Form eines Modetrends bezeichnen - die amerikanische Autoren sehr gerne an den Tag legen. Bei über 1200 Seiten halte ich es aber als Leser schon für angebracht, bei jeder Szene einzeln zu überprüfen, ob diese wirklich notwendig ist und für den Plot und den Handlungsaufbau tatsächlich etwas tut. Hier kann ich mit gutem Gewissen nicht für alle die Hand ins Feuer legen, was somit den Roman vor allem bei den Zwischenspiel-Kapiteln in der Mitte manchmal ein bisschen spröde und zäh macht. Nicht dass ich mich sehr gelangweilt hätte, aber ein paar Szenen rauszustreichen, hätte dem Stoff eheblich mehr Tempo, Rasanz und Spannung beschert. Ich merke bei meinem Leseverhalten so einen Umstand immer daran, dass ich nach vorne blättere und abzuschätzen beginne, wieviele Seiten noch zu lesen sind und wie lange ich noch brauchen werde. Wenn sowas passiert, ist irgendwas definitiv episch zu ausladend.

Der Grusel- und Monsterfaktor ist aber tatsächlich als einzigartig grandios herauszuheben. Der Autor  bedient permanent elementarste Kindheitsängste. Jeder Leser kann sich hier mit mindestens einer uralten Phobie identifizieren und wiederfinden, seien es Mörder, Alpträume oder Monster, Clowns, Vögel, grausliche Viecher, Abwässer, Scheiße, Leichen.... . Bei mir war z.B. es nicht nur der Keller, sondern das Böse lauerte auch hinter den Türen in der Wohnung, die alle kontrolliert werden mussten, wenn ich abends immer ganz alleine war. Eine weitere Phobie meinerseits wird auch noch hervorragend stimuliert. Da ich einen sehr ausgeprägt guten Geruchssinn habe, treffen mich erstens unangenehme Gerüche wie ein Keulenschlag und ich kann sie mir sogar bildlich so gut vorstellen, dass mich alleine die Vorstellung schon zum Würgen bringt. Mammamia King kann grausliche Gerüche wirklich gut beschreiben - so anschaulich habe ich so etwas noch nie gelesen. Manchmal scheint es mir, dass dieser Roman durch ein völlig neues Medium transportiert werden müsste - nämlich das Geruchskino, das in Aldous Huxleys Schöne neue Welt beschrieben wurde.

Der prinzipielle Plotaufbau, der zwischen den zwei Zeitebenen Kindheit in den 50er Jahren und Erwachsenenalter der Gruppe der Verlierer in den 80er Jahren hin und her switcht macht den Roman vom dramaturgischen Aufbau her sehr ansprechend. King entwickelt wundervolle Psychogramme aller handelnden Personen - sowohl der Hauptfiguren als auch der Nebenfiguren, dabei wird so en passent vermittelt, wie sich das Leben aller Einwohner von Derry seit den 50er Jahren entwickelt hat - quasi wird das 25-jährige Klassentreffen einer gesamten Stadt abgewickelt. Alles wird thematisiert, die Mobber, die Verlierer, die Reichen, die Mitläufer, das elterliche Umfeld aller Protagonisten, die Beziehungen untereinander: Freundschaften, kleine Animositäten und riesige Antipathien, das Gewaltpotenzial jedes einzelnen ausgelotet, die Entwicklung der Persönlichlichkeiten aller Beteiligtern, die unterschiedlichen Biografien nach 25 Jahren, die Lügen und der Selbstbetrug...... nichts bleibt unaufgedeckt. Das ist wirklich wundervoll konzipiert. Auch habe ich mich sehr gewundert, wie gut und eindringlich die Charaktäre beschrieben und voneinander abgegrenzt werden, denn bei derart viel Personal in diesem Roman, habe ich tatsächlich nur einmal ganz kurz bezüglich einer Namensgleichheit - es gab zwei Eddies - den Faden verloren und wusste nicht, wen der Autor meinte. In Anbetracht der Tatsache, wieviele Figuren hier in den Roman eingeführt werden - King beschreibt ja fast eine ganze Kleinstadt - ist dies wirklich sehr ungewöhnlich.

Auch sprachlich kann der Thriller anderen literarischen Romanen sowohl von teilweise humoristischen Auswüchsen als auch an Weisheiten durchaus das Wasser reichen.

"... aber Fußnoten sind eine komische Sache, wissen Sie, wie Trampelpfade durch ein wildes, zügelloses Land. Sie teilen sich, dann teilen sie sich wieder; man kann an jeder Stelle in eine Sackgasse einbiegen, die einen zu einem mit Brombeersträuchern überwucherten Ende führt, oder in sumpfigen Treibsand. "Wenn Sie eine Fußnote finden", hat ein Prof. für Bibliothekswissenschaften einmal zu einer Klasse gesagt, an der ich auch teilgenommen habe, "dann zertreten Sie sie, bevor sie sich vermehrt.""

 "Kinder konnten das Unerklärliche besser in ihr Leben integrieren. [..] Als Erwachsener lag man nicht wach im Bett und war überzeugt davon, dass im Schrank etwas lauerte oder unermüdlich am Fenster kratzte... aber wenn dann tatsächlich etwas passierte, etwas außerhalb einer vernünftigen Erklärung, war man völlig überfordert, geriet ins Schleudern, die Vorstellungskraft versagte. Man konnte das unerklärliche Ereignis nicht so ohne weiteres mit der Lebenserfahrung in Übereinstimmung bringen. Es war unverdaulich. Der Verstand beschäftigte sich immer wieder damit... bis man schließlich entweder verrückt oder zumindetst völlig unfähig zum Handeln wurde."

Gleichzeitig hatte er auch begonnen, jenes wichtige Prinzip zu begreifen das die Welt regiert - zumindest wenn es um Karriere und Erfolg geht: Man muss den verrückten Kerl in seinem eigenen Inneren finden, der einem das Leben schwermachte. Man musste ihn in die Ecke teiben und packen. Aber man durfte ihn nicht umbringen, o nein. Für kleine Bastarde dieser Art wäre der Tod viel zu gut gewesen. Man musste ihm ein Geschirr anlegen und dann anfangen zu pflügen. Der verrückte Kerl legte sich mächtig ins Zeug, sobald man ihn erst in die Spur gebracht hatte. Und er hielt einen bei Laune, amüsierte einen. Das war eigentlich auch schon das ganze Erfolgsgeheimnis."


Die ganze Geschichte steigert sich dann für meinen Geschmack eben ein bisschen zu gemächlich zu einem Finale indem ES sowohl in der Vergangenheit durch die Kindergruppe gestoppt als auch in der Gegenwart vernichtet wird. Die permanenten Zeitsprünge und Analogien zwischen Vergangenheit und Zukunft passen punktgenau.

Und dann kommt noch eine Szene, die wieder einmal für den Plot überhaupt nichts tut und zudem aus einem anderen Grund völlig fatal und daneben ist. Nachdem die Kindergruppe ES zurückgeschlagen hat, haben alle das Gefühl, der Zusammenhalt würde zerbrechen. Also "opfert" sich die 12-jährige Beverly - ihres Zeichens bisher auch noch Jungfrau - und schnackslt gleich einer Gang-Bang Orgie mit all ihren Freunden aus dem Club der Verlierer gleich in einem Aufwaschen hintereinander, um quasi als Gruppenkleber den Zusammenhalt zu gewährleisten.
Ich bin ja gar nicht zart besaitet und hab zum Beispiel schon mehrere derartige Bücher gut gefunden wie Mc Evans Zementgarten, aber was hier so nebenbei an Pädophilie und männlichem Täter-Opfer-Umkehr-Stereotyp von einem Autor wie King vermittelt wird, lässt mich bei all dem fiktionalen Horror erstmals ernsthaft erschaudern.  
Dies liegt vor allem daran, dass Beverly ja bis zu diesem Zeitpunkt noch keine sexuellen Erfahrungen hatte - nicht mal wusste, worum es genau beim Sex ging -  aber von Ihrem Vater, der seine sanft sprießenden pädophilen Neigungen durch Gewaltorgien kompensierte, beschuldigt wurde, eine Schlampe zu sein. Dann entscheidet sich Bev autonom - und wir reden hier nicht von einer 14-jährigen in der Pubertät sondern einer 12-jährigen, die noch nicht mal weiß worum es geht, spontan diesem Bild zu entsprechen und Sex mit all ihren Freunden zu haben? Echt jetzt? Dass ist wirklich psychologisch völlig irreal. Derart sexualisiert verhalten sich nämlich nur kleine Mädchen, die wirklich bereits vom Vater missbraucht wurden, oder eben nur in einer männlichen Vorstellung, wie sich das erwachsene Täter gerne in der typischen Täter-Opfer-Umkehr zurechtreden: Das Kind hat dies auch so gewollt.

Seid mir nicht bös, auch wenn wir hier über Fiktion reden, einen derartigen Humbug braucht man weder unter die Leute bringen noch solchen Fake unterstützen, das machen die pädophilen Täter eh schon seit Jahrhunderten selber, indem sie so einen Dreck vor der Gesellschaft und ihren Frauen behaupten, um die Schuld abzuwehren. Und dann hat die Szene ja nichts mit Gruselfaktor oder mit sonst irgendwas zu tun. Sie schwebt irgendwie frei im Plotkonzept und wird auch noch so beiläufig in die Handlung eingefügt. Das ist meiner Meinung nach total daneben.
Eine meiner Goodreads Freundinnen hat mir gesteckt, dass King sich zu dieser berechtigten Kritik rechtfertigte, dass er dieses Kapitel total bekifft geschrieben hat.

Fazit: Ein guter Horrorroman, mit hohem Gruselfaktor der aber auch meiner Meinung nach einige Schwächen aufweist.

Feelgood

Geschenkt: Roman - Daniel Glattauer

Dieser Roman von Daniel Glattauer ist der diametrale Gegenentwurf zur alarmistischen boulevardesken Xenophobie und Misanthropie der heutigen Welt – ein Alternativentwurf zu Mord, Totschlag, bösartigen, sensationsgeilen Menschen – quasi ein sehr modernes Märchen. Er ist durchaus ein wenig klischeehaft und auch rührend, aber ehrlich gesagt, der Autor hat bei mir wie auf Knopfdruck die richtigen Stellen gefunden, um Empathie und ein paar zerdrückte Tränchen zu erzeugen – ich bin entzückt! Und wir reden hier nicht von Romantik und schwülstigem Schmalz, was ich bis auf den Tod hasse, sondern von einer sich entwickelnden Vater-Sohn-Beziehung und spontaner Hilfe für die Ärmsten der Gesellschaft.

Worum geht es? Basis für diese Geschichte bildet eine wahre Begebenheit, in der 2011 in Braunschweig ein anonymer Wohltäter an unterschiedliche karitative und soziale Einrichtungen und an in Not geratene Privatpersonen mehrere höhere Geldbeträge gespendet hat. In diesem Roman werden ausgerechnet jene Institutionen und Personen ausgewählt, die ein versoffener abgehalfterter Journalist, der bei einem rechtspopulistischen Gratiszeitungs-Schmierblattl gelandet ist, als Kurzmeldungen in seinem Ressort Vermischtes & Soziales anspricht.

Weiters wird Journalist Gerold Plassek mit der Bärenaufgabe konfrontiert, erstens überraschend einen 14-jährigen Sohn zu akzeptieren und diesen zweitens auch noch jeden Nachmittag zu beaufsichtigen, da Mama ein halbes Jahr bei einem Hilfsprojekt von Ärzte ohne Grenzen in Afrika weilend, sich um den pubertierenden Fortpflanz nicht ausreichend kümmern kann. Hier beginnt nun das Märchen, der Vater Gerold (eigentlich Onkel, denn Papi ist sohnemannmäßig ungeoutet) baut doch ganz langsam liebevoll und sanft eine Beziehung zum Sohn auf, entwickelt sich plötzlich von einem versoffenen Versager zu einem verantwortungsvollen Menschen mit Rückgrat, der als Mensch, Mann, Vater, Freund und im Beruf seinen Dornröschenschlaf in der Agonie überwindet und zu einer erfolgreichen Persönlichkeit mutiert.

Ein bisschen Krimi ist auch in diesem Roman, aber diesmal gibt es im Paralleluniversum von Glattauer nicht ein heiteres Mörderraten mit zerstückelten Leichen, sondern der Leser und auch Gerold Plassek mit Sohn fahnden detektivisch nach Hinweisen und Indizien auf den edlen Spender. Die Auflösung ist übrigens auch sehr gelungen.

Und bei all dem ganzen Feelgood-Rausch kriegt man dann ganz sanft allmählich mit, dass eine gehörige Portion Medienkritik am Boulevard und Kritik an all jenen Menschen, die Hilfsbereitschaft als dummes Gutmenschentum vernadern, so en passant auch noch sehr ernsthaft – aber auch humorvoll transportiert werden.

Nach dem Roman Ewig Dein, der doch sehr stark polarisierte, ist es eigentlich sehr still um den Erfolgsautor Daniel Glattauer geworden, obwohl er weitere Romane wie diesen hier publiziert hat. Das finde ich sehr sehr schade.

Sprachlich ist zwar der gemächliche Formulierungsstil von Glattauer zu Anfang ein bisschen gewöhnungsbedürftig, aber er schwingt sich sowohl stilistisch als auch inhaltlich bald in fast schon humoristisch-philosophische Höhen auf.

 „Jedenfalls hatte sie mir im Vorfeld jede Freude auf unser erstes richtiges Rendezvous, genommen. Sie mochte ja was von Zähnen verstehen, aber in der Romantik war sie eine Versagerin.“

    „Wenn er mich zweimal mit Herr Plassek ansprach und dazwischen Atemgeräusche einlegte, als würde man ihm gerade ohne Narkose einen Luftröhrenschnitt verpassen, dann deutete das auf ein gravierendes Ereignis hin. Also kroch ich widerwillig in die Redaktion zurück.“


Fazit: Absolute Leseempfehlung von mir – dieser Roman zeigt, dass man nicht durch Leid, Mord, Totschlag, Blut, Schweiß und Tränen und böse Menschen waten muss, um großartige Literatur zu finden.

Sklavendrama in Märchengestalt

Menschenkind - Toni Morrison

Ich kann die restlose und überschwengliche Begeisterung von vielen für diesen Roman sehr gut verstehen, in seiner Konzeption ist dieses Werk wirklich einzigartig. Eine blumige Märchensprache, die fast schon an Garcia Marquez erinnert und auch ein teilweise mystischer, dann auch wieder sehr realistischer Plot wird im Gegensatz dazu mit dem unermesslichen Leid der Sklaverei im Süden der USA auf einzigartige Weise irgendwie zu einer Familiengeschichte in Form einer epischen Collage verknüpft. Die Intention dahinter mag von der Autorin dahingehend eingesetzt sein, dass das unaussprechliche Leid, die unpackbare Grausamkeit dadurch einerseits kaschiert und erträglicher gemacht wird, andererseits aber gerade deshalb als Alleinstellungsmerkmal grotesk verzerrt und somit auch noch irgendwie in den Vordergrund gestellt wird. Bisher habe ich sowas erst einmal so ähnlich bei Edgar Hilsenrathts "Das Märchen vom letzten Gedanken" gesehen, als die Schrecken des Genozids an den Armeniern in Märchenform erzählt wurden.

Für mich als Realistin war die Geschichte keine einfach zu bewältigende Aufgabe. Es fiel mir immer schwer zu trennen, was Märchengschichtl und was in der Vergangenheit wirklich passiert ist. Dieser sehr verklausulierte und verwirrende Stil löst sich zwar nach und nach quasi wie eine Mystery-Story auf, leider blieben für mich aber dennoch lose Enden, und so was mag ich überhaupt nicht.
Was passierte wirklich mit Sethes Mann Halle? Warum hatte er die Butter im Gesicht? Und was haben die Schüler des Schulleiters Sethe angetan?  Diese Mysterien werden das ganze Buch über angesprochen und deren Lösung auch irgendwie vorangekündigt, lediglich die Auflösung blieb mir aber verwehrt. Ich bin einfach ein Mensch, der dann auch hinschauen will, der nicht wie ein kleines unmündiges Kind unter dem Vorwand, dass die Ereignise zu grausam wären, abgespeist werden will. Sowas kann ich nicht leiden, diese wabernden Andeutungen, dieser Ankündigungsmarathon und letztendlich bleibt alles im Dunkeln bzw. wird wohlwollend unter den Teppich gekehrt. Damit kann ich mich einfach nicht abfinden, und deshalb ziehe ich auch ohne Bedauern einen Stern ab.

Fazit: Ein sehr innovatives Werk über die Sklaverei in den USA mal stilistisch völlig neu aufgerollt und auf jeden Fall eine Leseempfehlung von mir.

Werkschau mit zeitgeschichtlichem Antisemitismushintergrund

Arthur Schnitzler: Anatom des Fin de Siècle - Max Haberich

Wer mit diesem Sachbuch eine Biografie erwartet hat, die dem Leser den Menschen und Literaten Arthur Schnitzler näherbringt – so wie ich – der wird leider sehr enttäuscht sein.

Irgendwie schaut das Werk auf drei Viertel seines Umfangs so aus, als ob es ursprünglich als literaturwissenschaftliche Arbeit eines Doktoranden konzipiert worden wäre, der seinem Germanistikprofessor beweisen wollte, wie viel er von Schnitzler gelesen hat und wie gut er dessen Werke nacherzählen kann. Das sich wahrscheinlich daraus ergebende ohne wesentliche Änderungen publizierte Buch passt sich so gar nicht an die Bedürfnisse und Erwartungen des Lesers an. Als Werkschau werden im Stakkato die Stücke von Schnitzler im Telegrammstil sinnlos und lähmend zusammengefasst – teilweise drei bis vier Stücke auf einer Seite. Wenn ich als Leserin die Werke Schnitzlers kennenlernen will, geh ich zum Schmied und nicht zum Schmiedl, ergo lese ich entweder vorher oder parallel noch die wichtigsten Stücke des Autors, die mir fehlen, oder an die ich mich nicht mehr so gut erinnern kann.

Als Charakterstudie des Literaten, der im Untertitel auch noch als Anatom des Fin de Siècle bezeichnet wird, ist dieses Sachbuch recht ordentlich misslungen. Lediglich wenn Max Haberich Schnitzlers Identität als Deutsch/Österreicher und als Jude thematisiert und auch den in Europa grassierenden Antisemitismus zeitgeschichtlich aufrollt, wird der Inhalt endlich sehr spannend und leidlich biografisch. Ansonsten wird aber fast gar nichts zur Persönlichkeit Schnitzlers enthüllt: Nebensätze zu seiner Krankheit und Hypochondrie, kurze Anspielungen zu Frauen und Kindern. Das hätte Schnitzler so gar nicht gefallen. Nur auf seine jüdische Identität und auf den Antisemitismus reduziert und nicht als Mensch dargestellt zu werden – da wär dieser literarische Meister und Analyst der menschlichen Psyche total ausgeflippt.

"Ich betrachte mich keineswegs als einen jüdischen Dichter, sondern als einen deutschen Dichter, der, soweit sich so etwas überhaupt nachweisen läßt, der jüdischen Rasse angehört.[…]

Ich schreibe in deutscher Sprache, lebe innerhalb des deutschen Kulturkreises, verdanke gewiss von allen Kulturen der Deutschen am meisten […]

Daran, dass ich ein deutscher Dichter bin, wird mich weder jüdisch-zionistisches Ressentiment, noch die Albernheit und Unverschämtheit deutscher Nationalisten, im geringsten irre machen; nicht einmal der Verdacht, dass ich mich beim Deutschtum oder gerade bei seinen kläglichsten Vertretern anbiedern möchte, wird mich daran hindern, zu fühlen was ich fühle, zu wissen was ich weiß […]


Auch die Parallelen im literarischen Werk durch den ursprünglichen Beruf als Arzt, die Rolle als Militärarzt und einfließende, damals aktuelle Methodiken der Psychoanalyse, Traumdeutung und Hypnose – ergo der Einfluss von Freud und Konsorten auf Schnitzlers Werk – wurden so gut wie gar nicht breiter untersucht.

Erst am Ende des Buches, als seine Tochter Lili Selbstmord begeht, blitzt ein bisschen der Mensch Schnitzler aus dieser Wüste an Werksbeschreibungen und Zeitgeschichte hervor. Dabei bräuchte man hier gar nicht spekulieren, es gibt tonnenweise Material – wie dieses vor den Nazis gerettet und auf abenteuerliche Weise nach Cambridge gebracht wurde, verschweigt uns Haberich natürlich auch geflissentlich. Der Briefverkehr mit seiner Frau, der dem Leser klar die Eheprobleme im Hause Schnitzler darlegt, wird auch nicht analysiert sondern gleich in den Anhang verschoben, soll sich der Leser doch selbst bemühen, die Geschichte zu schreiben und sich eine Meinung bilden. Insofern waren das letzte Kapitel und der Anhang der spannendste Teil des Sachbuchs.

Fazit: Ich bin überhaupt nicht begeistert, da ich mir eine richtige Biografie erwartet habe, dennoch habe ich ein paar Informationen mitgenommen. Erstens habe ich zur Eskalation des Antisemitismus um die Jahrhundertwende in Österreich einige neue Fakten gelernt. Zweitens habe ich durch dieses Buch recherchiert und bin zufällig darüber gestolpert, dass das Theaterstück Prof. Bernardi im November 2017 Premiere in der Josefstadt hat. Da muss ich unbedingt hin. Drittens werde ich die Novellen Der Sohn und die Traumnovelle demnächst lesen. Und viertens und letztens weiß ich endlich, wo das Schnitzlerhaus steht, das in der Praterstraße weder ausgeflaggt, noch auf den offiziellen Tourismuskarten verzeichnet ist, was mich wieder mal in meiner Meinung bestätigt, dass Wien selten sehr nett zu seinen berühmten Söhnen und Töchtern ist, vor allem wenn sie renitent waren bzw. keine Volksmusiksänger oder Wintersportler sind.

Ungustls verletzte K&K Militärseele - eine herrliche Dramödie

Lieutnant Gustl - Arthur Schnitzler, Julian Greis, HörGut! Verlag

:D Normalerweise kann ich diese sabbernden sudernden labernden nutz- und geistlosen Leute - seien sie aus der russischen Oberschicht wie bei Dostojewski, dem gähhnend langweiligen amerikanischen Mittelstand, aus dem österreichischen Militär oder sonstwoher, die einen inneren Monolog bezüglich ihrer Luxusproblemchen führen, so gar nicht ausstehen, aber bei Schnitzler ist dies alles anders.

 

  1. Der Lieutnant Gustl bzw. Schnitzler hält sich sehr kurz, knapp und bündig und lamentiert sich nicht auf 200-800 Seiten in einem Crescendo einen Wolf und bringt damit mich als Leserin nicht nahezu in ein gehirndurchbrochenes katatonisches Lesekoma.
  2. Das Luxusproblemchen und die Sinnlosigkeit in vorliegender Novelle ist sogar bei Protagonisten dieser Schicht und dieses Lebensstils derart grotesk überspitzt vom Autor konzipiert, dass auch ich als normalerweise genervte Leserin ob so eines Irrsinns herzhaft lachen musste.

 

Dieser Lieutnant Gustl (eigentlich müsste er Ungustl heißen) ist ein typischer Vertreter des österreichischen Militärs, ein wohlhabender, unterbeschäftigter Lebemann, zudem offenbart sich tatsächlich ein relativ schlechter Charakter: Antisemitismus, Kriegstreiberei, gnadenlose Selbstüberschätzung-und dieses weinerliche Gesudere, als ob ihm die ganze Welt was schuldig wär. In vorliegender Novelle will sich der Herr Lieutnant doch tatsächlich umbringen, weil ihn ein bekannter Bäckermeister im Theater einen dummen Bub genannt hat, was er ja auch realiter ist. Durch die Aufbauschung dieser Petitesse zum lebensbedrohlichen Drama inklusive Pflicht zur Selbstentleibung zerlegt Schnitzler den traditionellen Ehrbegriff der K&K-Monarchie umso mehr, weil sie derart satirisch überhöht und somit alle daraus resultierenden Hirngespinste und geplanten Reaktionen völlig unrealistisch sind. Kein Wunder, dass Schnitzler bei einigen seiner Zeitgenossen alles andere als beliebt und als subversiver Brunnenvergifter und Zerstörer von Moral und Anstand berüchtigt war. Nichts ist schlimmer, als diesen unverrückbaren Begriff von männlicher Ehre derart der Lächerlichkeit preiszugeben.

 

Sprachlich ist das Werk relativ kurios aber auch sehr kurzweilig in seiner abgedrehten Verschrobenheit des Hauptprotagonisten, der in seinem Wahnwitz von Ehre sowohl sprachlich als auch als Figur sehr konsistent herüberkommt, solange man sich nur kurz mit so jemandem beschäftigen muss. Das Ende ist übrigens grandios und überraschend.

 

Fazit: Lesenswert.

 

Im ausführlichen Nachwort werden auch noch ein paar spannende Details offenbart. Da wäre beispielsweise die Form des inneren Monologs, die Schnitzler im Lieutnant Gustl schon Jahre vor Joyce anwandte, der eng gesteckte Zeitrahmen des Werkes und die Erkundung der Stadt Wien durch eindeutige Ortsangaben. Kommt Euch das nicht bekannt vor? Wurde Ulysses von Gustl inspiriert?

 

Weiters gibt es eine witzige biografisch-historische Konsequenz aus dieser Novelle: Schnitzler war definitiv infolge seines Medizinstudiums und des einjährigen freiwilligen Engagements als Sanitäter beim Militär im Offiziersrang. Er wusste also genau, was er kritisierte. Neben dem Umstand, dass die K&K Militärs über die Novelle not amused waren, was verständlich ist, wurde der Autor zudem von der bürgerlichen Zeitung „Die Reichswehr“ aufs heftigste persönlich attackiert, In Militärkreisen erwartete man nun offenbar mit unerschütterlicher Automatik, dass Schnitzler als Offizier den Chefredakteur zum Duell fordern würde. Als der Autor den Teufel tat und sich in seiner Meinung über die Absurdität des Duellzwangs nicht erschüttern ließ, erklärten man ihn des Offizierscharakters für verlustig, ergo man revidierte sein Offiziersdiplom und stufte ihn zum einfachen Soldaten hinab.

Erschreckende Fiktion, die in einigen Teilen der Welt fast Realität ist

Der Report der Magd - Helga Pfetsch, Margaret Atwood

Diese dystopische Welt der Margret Atwood ist teilweise sehr schwere Kost. Der im Roman dargestellte totalitäre theokratische Überwachungsstaat Gilead im Norden Amerikas hat alle Frauen komplett entrechtet und mit ihnen auch einige Männer.

Die gesamte Gruppe der Frauen ist in mehrere Schichten segregiert, die gemäß der gesellschaftlichen Regeln ordentlich gegeneinander ausgespielt werden: Eine doch relativ privilegierte Schicht der alternden Ehefrauen der wichtigen Kommandanten, die sich mit Luxusgütern vom Schwarzmarkt ablenken, die Jungen weiblichen Arbeitssklaven, die Hausarbeiten erledigen und die Dienerinnen, quasi die Fickfetzen, deren einziger Zweck es ist, den alternden wichtigen Kommandanten Kinder zu schenken. Weiters noch die Frauen der armen Bevölkerungsschicht, die entrechtet alle drei Aufgaben (Küche, Bett, eheliche Repräsentation) erledigen müssen und außerhalb der Gesellschaft gibt es noch sterilisierte Prostituierte im Untergrund und ältere Frauen werden als Zwangsarbeiterin zur Beiseitigung von radioaktivem Giftmüll beziehungsweise in der Landwirtschaft eingesetzt. Eingebettet ist dies alles in ein irres theologisches Konstrukt, einem Staat der zur Bespitzelung aufruft und somit die Bevölkerung zum Exzess treibt und ganz krude moralische Lebens- bzw. Bekleidungsvorschriften entwickelt hat. Zum Beispiel ist alles, das nicht direkt die Empfängnis fördert,  für die Sex-Dienerinnen verboten, das fängt sogar bei der Körperhygiene an. Die jungen empfängnisbereiten Frauen werden sommers wie winters in rote Kutten und weiße Flügelhüte gesteckt, damit sie immobil sind und auch von der Umgebung nichts sehen können. Auf der Straße dürfen sie sich nur kurz und nicht alleine bewegen, im Prinzip sind sie auf ihre biologische Funktion des Gebärens reduziert und völlig entmenschlicht. Dies wird auch noch durch Religion grausam unterstützt und institutionalisiert. Alleine die Szene im Schlafzimmer zu dritt im Bett mit der Ehefrau und dem Kommanden ist widerlich, gruselig und grausam mit dem theologischen Begleitbrimborium regelrecht grotesk.

Nach und nach enthüllt uns auch die Autorin glaubwürdig, wie es zu einer derartigen dystopischen Zukunft kommen konnte. Ein Putsch von Religionsfanatikern setzte zuerst alle Gesetze außer Kraft. Da alle Barvermögen nur noch virtuell vorhanden waren, konnten die Frauen sehr schnell ihrer ökonomischen Selbständigkeit beraubt werden. Ihre Vermögen wurden zuerst auf die Ehemänner übertragen, die sich vorerst gerne korrumpieren ließen und sich zunächst in der Rolle des allmächtigen Totalversorgers nur allzusehr gefielen. Nach und nach wurden dann die einzelnen weiblichen Bevölkerungsschichten Zug um Zug entrechtet. Zuerst nur die jungen ledigen Frauen dann jene, die bereits ihre zweite Ehe eingegangen waren und erst nach und nach die anderen Gruppen. Getreu dem Motto:

"Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte."

wurde die weibliche Bevölkerung ausgetrickst. Vereinzelt auftretende Demonstationen wurden mit einer Spezialpolizei beinhart niedergemetzelt, und so kristallisiert sich in Rückblenden der Weg zur dystopischen Welt heraus.    

Wer in diesem Roman die Parallelen zu George Orwell findet, mag bezüglich Überwachungsstaat Recht haben, ich kann aber dieses Werk als Hauptquelle der Inspiration so gar nicht ganz nachvollziehen, zu sehr unterscheidet sich die Fiktion von Orwell von Atwoods Gedankenwelt. Viel mehr glaube ich, hat sich die Autorin wahrscheinlich von realen Ereignissen und den radikalen Umbrüchen im theokratischen Staat Iran in der 70er Jahren inspirieren lassen. Wer diese Welt nämlich nur als Dystopie sieht, verschließt leider die Augen davor, dass 90% der geschilderten Welt 1979 im Iran und eigentlich schon immer schleichend in Saudi Arabien aber auch bei den Taliban passieren:
Zum Beispiel: Die weibliche saudische Oberschicht, völlig eingespert, als einzige Daseinsberechtigung zum Lebenszweck der Reproduktion geduldet, zwangsverheiratet, in Unbildung und Untätigkeit gehalten und ihre völlige emotionale Leere Luxusartikel shoppend und ihr filipinisches und anderes ausländisch-muslimisches komplett entrechtets Hauspersonal quälend, ertragend. Die Männer, die bei jeglicher Vergewaltigung das Opfer bestrafen dürfen und ohne irgendwelche Grenzen auch Gewalt über Leben und Tod in ihrer Familie und in ihrem Haushalt ausüben können.. Lediglich die Farbe des Ganzkörperkondoms variiert. In Saudi Arabien ist es schwarz, bei den Taliban blau und in der Dystopie der Margret Atwood rot.

Übrigens sehe nicht nur ich dies so, sondern auch die New York Times verglich grad letzte Woche ganz aktuell Saudi Arabien mit der Atwood Dystopie. Artikel hier

Da gruselt es mich ob der prophetischen Wirkung dieses Werkes und eigentlich der genauen Bechreibung der Realität, wenn man sich denn wirklich auf den Vergleich einlassen will und nicht immer verdrängt, dass diese Welt weit weit weg ist bzw. utopisch sein möge.

Fazit: Harte Kost, teilweise schwer zu ertragen, aber sehr lesenswert.

Habsburgischer Ehepoker

Maria Theresias Kinder - Hanne Egghardt

Maria Theresias Geburtstag jährt sich heuer zum dreihundersten Mal. Anlässlich dieses Jubiläums beschäftigen sich zahlreiche Dokumentationen z.B. auf 3Sat und Bücher wie dieses mit der interessanten Grande Dame der österreichischen bzw. europäischen Geschichte.

Als Österreicherin habe ich mich natürlich im Geschichtsunterricht sehr ausführlich mit der ganzen Familie beschäftigen müssen, ich bin mir aber nicht sicher, ob die Biografie und die geschichtliche Bedeutung der Dynastie der Habsburger auch in Deutschland so ausführlich thematisiert wurde, wie bei uns.

Dieses Buch analysiert detailliert treu des Mottos Maria Theresias „Tu felix Austria nube“ (Du glückliches Österreich heirate) das "Rohmaterial" der Regentin  - im wahrsten Sinne des Wortes - nämlich ihre Kinder, die anstatt Kriege zu führen, in ganz Europa zwecks politischer Bündnisse und Friedensstiftung - oftmals auch gegen den Willen des Heiratskandidaten - regelrecht verschachert wurden. Sechzehn Kinder hatte die Regentin, die ihren Mann zum Kaiser krönen ließ, obwohl sie ja die eigentliche Kaiserin war, als Unterpfand ihrer politischen Ränkespiele zur Verfügung, elf davon überlebten die Kindheit.

Sehr detailliert mit vielen kaum bekannten Quellen beschreibt die Autorin zuerst kurz die Biografie von Maria Theresia und anschließend den Lebenslauf eines jeden einzelnen Kindes. Obwohl ich schon sehr viel wusste, wurden mir dennoch sehr viele Neuigkeiten vermittelt, die mir in der Schulzeit nicht dargelegt wurden (wen wunderts ;-).

Da wäre beispielsweise die erste Gattin des späteren Kaisers Joseph II, Isabella von Parma, die Joseph innig liebte, die jedoch dem weiblichen Geschlecht und vor allem auch Josefs Schwester mehr als zugetan war. Ganz Wien zerriss sich über die Lesbe das Maul, nur der angetraute Gatte Josef bekam oder wollte anscheinend nix mitbekommen. Auch mit ein paar anderen Mythen über den angeblichen Reformkaiser der Aufklärung, räumt dieses Sachbuch auf. Josef war planlos und unausgegoren in seinen Konzepten und Reformvorhaben. Alle Visionen wurden erst von seinem Bruder und anschließendem Kaiser Leopold nach dem Tode Josefs innerhalb kürzester Zeit auf den Boden der Tatsachen gebracht und erfolgreich umgesetzt. Vor allem das positive Bild des in Österreich sehr verehrten Josefs hat mir die Autorin nachhaltig zertrümmert. Ich wusste zwar bereits, dass er sich Marie Antoinette gegenüber schäbig verhalten hatte, und es unterließ, sie zu retten, da er den revolutionären Ideen der Franzosen anhing, aber dass er sich gegenüber allen Geschwistern als Erstgeborener mit allen Privilegien aus Narzissmus und Eifersucht gleichermaßen schäbig verhalten hat, war mir völlig unbekannt. Wann immer eines seiner Geschwister im Rampenlicht stand, startete Josef eine Vernichtungsintrige. Seine Sünden reichten vom Klau von kleinen Erbschaften zur Existenzsicherung der Geschwister – er hatte ohnehin als Haupterbe fast alles vom Kuchen abbekommen – bis zur Verweigerung der Aufnahme seiner Geschwister, die als Flüchtlinge vor Napoleon in Österreich um Asyl ansuchten. Viele durften das Land nicht betreten, denn offensichtlich hatte er Angst, dass ihm die Show gestohlen wird.

"Der kleine Josef wurde von den Eltern und vom Kammerpersonal regelrecht hofiert und verwöhnt. Glücklich machte ihn das nicht. Sobald er sprechen konnte, wurde "I mog ned" zu seinem Lieblingssatz."

So geht es weiter in grandiosen Enthüllungen ausführlichst Kind für Kind, lediglich über die Enkelin von Maria Karolina, die Frau von Napoleon, hätte ich als wichtige historische Persönlichkeit noch gerne ein bisschen mehr gelesen.

So großartig der Inhalt dieses Sachbuchs zu verzeichnen ist, so katastrophal ist der strukturelle Aufbau des Werkes. Da jeder Lebenslauf von Maria Theresias Kindern solitär konzipiert wurde, strotzt das Sachbuch nur so von völlig entbehrlichen Redundanzen. Der Gemahl Maria Theresias ist gefühlte 17 Mal gestorben (obwohl die Anzahl natürlich Blödsinn ist, da ein paar Kinder nicht lange überlebt haben) und auch andere Ereignisse werden immer wiedergekäut. Aber nicht nur die Redundanzen stören sehr, sondern auch der korrekte historische zeitliche Ablauf bzw. die zeitliche Einordnung gehen dem Leser komplett verloren, da bei jedem Kind mit der Geburt die Geschichte von vorne begonnen wird. Ich habe zwar keine Ahnung, wie man dieses Problem hätte besser lösen können, denn das Buch lebt davon, die Kinder Maria Theresias einmal einzeln und intensiver zu betrachten und gerät damit natürlich in einen Zielkonflikt mit einem korrekten biografischen Ablauf, in dem alle Kinder auf einmal und ihre Lebensereignisse entlang einer korrekten Zeitschiene aufgebaut sind.

Fazit: Inhaltlich wundervoll, über die strukturellen Schwächen muss man hinwegkommen. Alle, denen die konkrete zeitliche Einordnung der Ereignisse nicht so wichtig erscheint, werden eine helle Freude an diesem Sachbuch haben. Die Geschichte, die Gschichtln und Anekdoten eignen sich sowohl für Neulinge, die die Habsburger näher kennenlernen möchten, als auch für Kenner der Materie.

meist sinnloses Geschwurbel

Der Tod in Venedig und andere Erzählungen - Thomas Mann

Jetzt gleich mal ein Fazit: Thomas Mann und seine Kurzgeschichten sind meiner Meinung nach total überbewertet. Die Germanisten unter Euch mögen mich hinrichten, aber dieses nutzlose verkrampfte geistige Gehirnwichsen ergibt einfach keinen Sinn. Eines muss man dem Autor lassen: Er kann Schachtelsätze, aber das ist auch schon alles. Ausführliche Details ob dieses Trauerspiels in den Einzelbeurteilungen.


1. Tod in Venedig 2,5 Sterne
Der Beginn ist ein unnötiges verkrampftes nichtssagendes Geschwurbel über Kunst (genaue Beschreibung der Schwurbelei bei Tristan). Als sich der Hauptprotagonist Aschenbach nach Venedig aufmacht, wird die Geschichte zwar mit pädophilen homosexuellen Zügen behaftet aber recht erträglich.

2. Tristan 2,5 Sterne
Auch hier läßt es sich der Autor nicht nehmen, über Musik zu schwurbeln. Der Mann'sche Stil um es Euch zu beschreiben, ist so wie bei den Leutchen, die zwar selber keine Künstler sind, sich aber bei den sehr progressiven Kulturfestivals in der Foldertextbeschreibung einen auf pseudo-intellektuell  abonanieren, indem sie versuchen, präpotent mit der Sprache die Kunst nachzustellen, ohne natürlich auch wirklich mit der Sprache umgehen zu können. Eine Aneinanderreihung von wertlosen Fremdwörtern, Wortschöpfungen und Metaphern, die einfach keinen Sinn ergeben, nicht wissend, dass man manche Kunst einfach erleben und nur die Rahmenbedingungen wie Stil Hintergrund etc. beschreiben sollte. Nachdem man die Beschreibung des Theaterstücks, Musikstücks... gelesen hat, hat man gar keine Ahnung was einen erwartet oder was die Scheisse soll.
Nachdem man sich als Leser durch dieses unsägliche nutzlose Elaborat durchgewühlt hat, kommt wieder etwas Plot und Figurenentwicklung und die Geschichte wird recht erträglich.

3. Die vertauschten Köpfe 0-1 Stern (0 kann man ja in Goodreads gar nicht geben weil dies nicht beurteilt bedeutet)
Das ist wirklich der Gipfel an schlechter Literatur. Auf 100 Seiten nur 1 Szene, die es wert ist, erzählt zu werden. Die vertauschten Köpfe sind wieder mal nutzloses Geschwafel in Form eines indischen Märchens über eine Dreicksgeschichte zwischen zwei Freunden und einer Frau, da tun sich literarische Abgründe auf, die man sich gar ned vorstellen möchte - dagegen ist Tod in Venedig ein mittelmäßiger Lercherlschas ;-).
Meine Empfehlung im Originalton an die Protagonisten, die es verdient haben, alle zu sterben, aber ihre Entleibung einfach zu langsam durchgezogen und mich dadurch leider mit ihrem nutzlosen Dasein viel zu lange gequält haben. "Ja bringts Euch alle um, denn Ihr seids sogar zum ordentlichen hinterlistigen Ehebruch zu deppat und brauchts a Kopftausch Ausrede und extrem viel hirnloses Gelaber als Rechtfertigung für Eurer dreieckiges Swingerabenteuer :D unpackbar."

4. Gladus Dei 3,5 Sterne
Ok diese Story ist durchaus gelungen, aber in Anbetracht der Tatsache, dass dies eine Kurz-Kurzgeschichte von 10 Seiten ist, wäre diese schwerlich auch noch so zu vergeigen, wie die anderen.

5. Schwere Stunde 3 Sterne
Der Hauptprotagonist quält sich bei der Erstellung von literarischer Kunst in einem Schreibprozess einen ab. Nicht schlecht aber eben auch nur 10 Seiten. Eine Geschichte dieses Umfanges können auch Deutschmaturanten in einer Schularbeit.

6. Das Gesetz 3,5 Sterne
Das war die erste Geschichte, die mir im Ansatz ganz gut gefallen hat. Das Gesetz ist die Story von Moses: eine Perlenkette atemberaubender Inkompetenzen - gut angelehnt an die alten Überlieferungen aber aus anderer Sicht erzählt.

Fazit: Wenn ich alles zusammenzähle, kommen 2,5 Sterne raus. Weil es aber der Thomas Mann ist, kriegt er ob seines Namens einen Promibonus, und ich runde sehr gnädig auf.

Ach ja so wie Thomas Mann ständig in seinen Geschichten herumlaviert, möchte ich meine Gefühle bezüglich dieser Lektüre mit dem Zitat von Christian Tramitz aus dem Schuh des Manitu ausdrücken: "Ich bin mit der Gesamtsituation unzufrieden. [...] ständiges sinnloses herumschleichen und dauernd am Marterpfahl."

Mord auf Steirisch

Steirerpakt: Sandra Mohrs siebter Fall (Kriminalromane im GMEINER-Verlag) - Claudia Rossbacher

In Anbetracht der Tatsache, dass die steirischen Krimis von Claudia Rossbacher mit der Ermittlerin Sandra Mohr unter dem Label Landkrimis (Trailer hier) nun alle nach und nach verfilmt werden sollen, habe ich mir ihren neuesten Roman wieder genauer angeschaut.

Der Beginn war schon mal ganz nach meinem Geschmack - sehr skurril: So ähnlich wie beim Wolf Haas sitzt auf dem alten Präbichl-Sessellift ein Toter, der zudem auch noch semifachmännisch seines Skrotums beraubt wurde.

Sowohl die steirische Region inklusive Wetterkapriolen und das soziale Gefüge der eingeborenen, etwas sonderbaren Bergbevölkerung als auch aktuelle Tourismusprobleme, wie die Einstellung des alten Sesselliftes inklusive Unterstützergruppe auf Facebook und teilweise an Korruption grenzende Verflechtung der Lift-Betreiber mit der Lokalpolitik, werden erstens gut dargestellt und zweitens von der Autorin perfekt in die Dramaturgie des Krimis eingewoben.

Die aus dem Landeskriminalamt der Hauptstadt Graz stammenden Ermittler Sandra Mohr und Sascha Bergmann haben alle Hände voll damit zu tun, überhaupt irgendwas Substantielles aus der Dorfgemeinschaft herauszubekommen, was zu Anfang des Romans ein wundervolles Spannungsfeld erzeugt. Nachdem der Tote endlich als ein vor Jahrzehnten nach Kanada ausgewanderter Sohn des Ortes identifiziert wird, passiert leider gar nix. Alle, inklusive der Gerichtsmediziner des LKA, der sich auch als ehemaliger Dorfbewohner entpuppt, mauern derart, dass über weite Strecken der Geschichte nicht das kleinste Fitzelchen eines Hinweises weder bei den Ermittlern noch beim Leser ankommt. So komplett ganz ohne Spuren mag der Plot einer realistischen Polizeiarbeit in einer derartigen Umgebung zwar sehr nahekommen, aber mein lustiges Mörderraten wurde mir somit völlig vergällt. Hey, das ist ein Roman, ich hätte gerne hier mehr Fiktion, mehr Spuren und mehr Tempo, denn Realität genossen. Am Ende, als endlich einer die Mauer des Schweigens durchbricht, ging es mir dann gar zu schnell mit der Auflösung des Falles.

Für die Damen in dieser Runde, die bei Krimis von weiblichen Autoren etwas Romantikfaktor erwarten, ist auch ein klitzekleines bisschen gesorgt. Sandra Mohr ist wieder Single, flirtet, macht sich beziehungstechnische Gedanken über ihren Chef und hängt auch noch ein bisschen im Tränenerstickungsmodus ihrem Ex-Freund nach. Bei mir rollen sich ob des Wortes romantisch und dieser Gefühlsduselei zwar gleich die Zehennägel auf, aber was soll's, das weibliche Zielpublikum erwartet anscheinend immer ein paar schmalztriefende Szenen und hat anscheinend nie ein Problem mit der Ambivalenz der Figuren:  beinharte(r) Politzist(in) – vs. romantisches Sensibelchen. Gar so schlimm wie in vielen anderen Romanen war dann diesmal die Diskrepanz auch nicht, insofern konnte ich es gerade noch ertragen. :-)

Fazit:Guter regionaler Krimi - aber kein sehr guter - mit Stärken in der Beschreibung von Land und Leuten. Eben nicht schlecht für die Landkrimi-Reihe, wenn man beim Plot und der Äktschn* noch a bissal auf das Gas drückt.

*frei nach der steirischen Eiche Arnold Schwarzenegger … Action auf Steirisch

Nebbich

Der gefrorene Rabbi - Steve Stern, Friedrich Mader

Dieser Roman hat eigentlich alle Ingredienzien, die mich zu Begeisterung hinreissen könnten.

Jiddische Geschichte einer Familie quer durch die Jahrhunderte ganz so wie ich es mag, in Rückblenden a bissal polnisches Ghetto, a bissal Shoa, a bissal Auswanderung nach USA, a bissal kabbalistische Mystik versus gottloses kapitalistisches amerikanisches Judentum, a bissal Israel, Terrorismus (sorry Freiheitskampf) bei Staatengründung und Kibbutz - über mehrere Generationen verteilt. Jiddische Witze meist sexuell anzüglich bis fast schon unverschämt dreckig, ausschweifend erzählt mit Anekdöteln gespickt,  jüdisches Leiden in jeder Situation und eingeflochtene jiddische Sprach. Dazu noch ein Familienfluch und das Versprechen einer skurrilen Familiengeschichte.

Leider waren diese wundervollen Komponenten für mich im völlig falschen Mischungsverhältnis vorhanden. Die Story zog sich permanent und zäh wie Strudelteig und ich habe lange gerätselt, was mich tatsächlich so derart gestört hat bei einer für mich so perfekten Ausgangessituation: Es war  der Skurillitätszwang, den sich der Autor bei der Erzählung der jiddischen Familiengeschichte selbst auferlegt hat, der mich derart nervte. Sobald irgendwas in der Familienchronik einen Hauch von (spiessiger) Normalität versprühte, wie beispielsweise eine klassische Liebesgeschichte mit Hochzeit, normalen Kindern mit normalen Problemen und relativ normaler glücklicher Ehe wurde vom Autor sofort weggeblendet, ein paar Jahre übersprungen und das nächste Kuriosum erzählt. Somit ergab sich keine normale Familiengeschichte, sondern lediglich eine Aneinanderreihung im Kuriositätenkabinett. Ich fand den Autor einfach zu bemüht und angestrengt, sich bei all den Generationen nur die Skurillitäten herauszupicken, die mehr oder weniger doch jede Familie hat. Kuriositäten sollten wie Gewaltsszenen in einem Roman wohldosiert, in den Plot eingewebt und teilweise überraschend eingesetzt werden, sonst stumpft der Leser einfach ab und langweilt sich nur.

In die andere Richtung bin ich natürlich auch geneigt, Romane mit totalem fiktionalen Wahnwitz, der sich bei schwarzhumorigen Irrsinnspunkten ganz vorne einreiht, sehr zu schätzen zu wissen. In dem Fall war aber dann die Story eigentlich wieder viel zu normal, um in diese Kategorie zu fallen. So pendelte für mich das Werk permanent auf der Kippe zwischen Fisch und Fleisch (im Jiddischen selbstverständlich zwischen Fleisch und Milchprodukten herum). Was ich durch diese Erkenntnis aber gewonnen habe ist, dass ich verstehe, das dieses Buch sehr polarisierend rezensiert wurde, und dass es die einen lieben und die anderen hassen. Für mich war es gleichzeitig zu wenig und zuviel Skurrilität und deshalb bleibt meine Bewertung genauso wie die Geschichte auf dem Grad auf der mediokren Mittellinie.

Fazit: Nebbich mit guten Ansätzen hätte 2 komplett unterschiedliche gute Romane ergeben können.

Fremdsein

Lauter Fremde!: Wie der gesellschaftliche Zusammenhalt zerbricht - Livia Klingl

Die ersten 30 Seiten, die der Feder der Autorin entstammen, sind wirklich schwer zu ertragen, denn Livia Klingl geriert sich mit der Lanze der moralischen Rechtschaffenheit bewaffnet, auf die strohdumme männliche unmenschliche Landbevölkerung herabzublicken, nein noch schlimmer sie zu verunglimpfen.

„Verkannt werden die tektonischen Linien entlang derer die Gesellschaft auseinanderbricht. Sie tut es nicht an der Linie Alteingesessene versus neu Hinzugekommene sondern eher entlang der städtischen und der ruralen Bevölkerung, zwischen jungen wenig gebildeten Männern und gebildeteren Frauen, zwischen weltoffenen Menschen und Abschottungswilligen, zwischen Humanisten und Egoisten, Menschenfreunden und Fremdenfeinden.“

Dieses eine Beispiel von mehreren muss man sich wirklich mal auf der Zunge zergehen lassen, da wird einerseits larmoyant in einem Satz der Zusammenbruch des gesellschaftlichen Zusammenhalts beklagt und gleichzeitig der alleinige Schuldige identifiziert und gebasht, der männliche rurale dumme Höhlenmensch.

Dass diese Sicht der Dinge, sofern man tatsächlich an der Lösung der Probleme interessiert ist, genauso wenig zielführend wie rechte Hetze ist, versteht sich für einen denkenden und ausgewogen formulierenden Journalisten, der ausnahmsweise gerade bei diesem Thema von billiger Polemik die Finger lassen sollte, von selbst, vorausgesetzt es ist nicht das einzige Ziel, sich selbst moralisch zu überhöhen und zu beweihräuchern. So eine tendenziöse, schlecht recherchierte Auslegung mag bei einem Kaffee in kleiner Runde mit Gleichgesinnten, durchaus noch diskutabel sein, denn weniger gebildete Menschen sind mitunter möglicherweise tatsächlich in jede Richtung leichter beeinflussbar, es ist aber einer Journalistin, die ein Buch mit Öffentlichkeitswirksamkeit schreibt, absolut nicht würdig.

Vor allem weil diese Aussage auch noch von ihren Kausalitäten total falsch ist. Frau Klingl hätte sich mal weniger bei irgendwelchen Moralphilosophen aufhalten, sondern gleich einen Ausflug in die psychologische Wissenschaft machen sollen. Im Eugene Hartley-Experiment wurde empirisch bewiesen, dass bei der Bewertung von Menschen die Informationslage eine wesentliche Rolle in der Entstehung von Vorurteilen spielt und dies quer durch alle Klassen, sozialen Schichten, Hautfarben, religiösen Ausrichtungen, ethischen Erziehungen etc. Fazit dieses Experiments war: Je weniger wir über einen Sachverhalt oder eine Person wissen, desto kritischer stehen wir den unbekannten Inhalten oder Personen gegenüber. Dies bedeutet, dass die urbanen gut gebildeten Städter lediglich aufgrund ihrer Infrastruktur und der Gelegenheit, reale Erfahrungen in ihrem sozialen Umfeld mit Flüchtlingen zu sammeln, eine bessere Meinung von ihnen haben. Dies erklärt auch, dass jene am meisten Angst und Vorurteile haben, die noch nie einen Flüchtling gesehen haben. Die moralische Überlegenheit der Menschenfreunde, ist also nur in der Gelegenheit begründet, Flüchtlinge kennenzulernen, etwas Fremdes vorerst abzulehnen, ist nur zutiefst menschlich, in allen sozialen Gruppen. Was bedeutet dies aber für die Landbevölkerung?

Ich möchte mal die aktuelle Situation mit einer Flüchtlingsintegrationswelle, die ich selbst erlebt habe und die sowohl zahlenmäßig ähnlich als auch weitaus erfolgreicher absolviert wurde, vergleichen. Ab 1991 haben wir in Österreich ohne viele Reibungsverluste sehr viele Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien aufgenommen. Was war damals anders?

    Die Flüchtlinge waren nicht gar so fremd, da schon viele Österreicher Erfahrungen mit Jugoslawen im Urlaub gemacht haben. Deshalb plädieren auch sehr viele anerkannte Migrationsexperten dafür, Flüchtlinge in Nachbarländern zu integrieren und dafür Gelder locker zu machen. Es ist schlicht und ergreifend einfacher.
    Die Kampagne damals lautete „Nachbar in Not“. Diese Formulierung nahm auch viel von der Fremdheit.
    Es gab tatsächlich damals auf dem Land eine bessere Flüchtlingsinfrastruktur, da die katholische Kirche sehr viele im Sinne der Nachbarschaft in die Klöster, Pfarrhäuser und Pfarrgemeinden geholt hat. Diesmal fühlt sich die Kirche durch die Muslime oft nicht zuständig und auch nicht mehr im Stande, da in den letzten Jahren viele Klöster zu Luxus-Management- oder Fastenunterkünften umgewandelt wurden.

Was kann man daraus lernen?  Man muss die Landbevölkerung schon dort abholen, wo sie sich befindet. Und ich meine nun nicht emotional in ihrer Xenophobie und ihren Ressentiments, sondern am Ort an dem sie sich befinden, um sie mit Flüchtlingen in ihrem vertrauten Umfeld bekannt zu machen. In den Landdörfern gibt es eben keine Caritas und kein Rotes-Kreuz oder sonstige zivilgesellschaftliche Initiativen, sondern nur die Kirche, die Feuerwehr und die Bürgermeister, die aktiv etwas dafür tun könnten. In Landgemeinden, in denen sich die Bürgermeister aktiv um Integration kümmern, funktioniert es ja sogar teilweise ausgezeichnet. Es funktioniert ja sogar in Traiskirchen besser als in einigen Gemeinden des Waldviertels. Sowas ähnliches hätte Frau Klingl schreiben sollen, anstatt die männliche Landbevölkerung zu verteufeln, aber da mache ich ja grad ihre Arbeit.

„Ähnlich unsachlich wie die Kopftuchdebatte verläuft jene, über die Gesichtsverschleierung der Frau beginnend mit dem Umstand, dass Burka genannt wird, was ein Niqab ist.“

Ui ist das putzig, wenn man anderen Unsachlichkeit vorwirft und selbst überhaupt nicht unterscheiden will, dass es früher mehrere Möglichkeiten gab, als Muslima ein Kopftuch zu tragen, und man heute fast nur noch die Art des politischen Kopftuchs sieht, das jener der Wahabiten (Saudis) entspricht, und das wirklich sehr stark zugenommen hat. Alle jene Arten, bei denen man ein Fitzelchen von den Haaren sah, wurden in den letzten 20 Jahren massiv in der muslimischen Welt zurückgedrängt. Auch hier wird von der Autorin nicht auf die prinzipielle faire Diskussionsmöglichkeit der Abschaffung von allen religiösen Symbolen in der österreichischen Öffentlichkeit und im öffentlichen Dienst verwiesen, sondern das „Kopftuch" ist laut Frau Klingl auf jeden Fall von den Frauen freiwillig getragen, und sakrosankt - wer hier wagt, etwas anders zu behaupten, steht eh schon wieder im Eckerl der so verachteten Rechten oder der ängstlichen Dummköpfe. Ach ja und das Kopftuch ist laut ihrer Meinung ein Ausdruck von Tradition und nicht von Religion. Ich weiss nicht, ob sie in den 70er Jahren mal nach Ägypten, in den Iran oder nach Afghanistan geschaut hat - da gab es teilweise gar keine Kopftücher. So weit zur Tradition früherer Zeiten.

Man kann dann richtig froh sein, dass ab Seite 50 nur mehr andere Personen durch Interviews zu Wort kommen, um sich als Österreicher mit Migrationshintergrund aber auch als Vorarlbergerin mit Oberösterreichhintergrund mit der eigenen Identität des Fremd-Seins auseinanderzusetzen. Hier wird das Buch richtig gut, sehr durchdacht meist sehr persönlich wertschätzend, um auf die Integrationsprobleme von vielen Menschen aufmerksam zu machen. Diese wohltuende Entwicklung ist aber den großartigen Interviewpartnern und nicht der Autorin zu verdanken.

Leider kommt selbstverständlich die im Vorwort so gebashte Bevölkerungsgruppe der ruralen schlechter gebildeten Männer in den Interviews wieder nicht zu Wort. Und ich rede da nicht von rechten Hetzern, denen man keine Plattform geben darf, aber von Männern, die durchaus selbstkritisch und reflektiert ihre Ängste artikulieren können, denn auch die gibt es genauso zuhauf, wie nicht alle muslimischen Männer potenzielle Vergewaltiger sind. Leider ist die Frau Klingl da mal wieder nicht von ihrem hohen Ross der moralischen Überlegenheit heruntergestiegen und hat, wie sie es der Landbevölkerung bezüglich der Flüchtlinge oktruiert, ihren Allerwertesten aus Wien herausbewegt um sich ins Fremde zu begeben und die Landbevölkerung mit Ihren Infrastrukturproblemen und Ängsten kennenzulernen. Tja ändern müssen sich dann immer die anderen - gell? Und das Hartley-Experiment hat auch ihr Verhalten bestätigt.

Fazit: Für wen soll das Buch überhaupt sein? Eine moralische Stütze für die moralisch überlegenen Menschenfreunde? Die sind eh schon überzeugt. Rechten Hetzern, die schon komplett in die Szene hineingekippt sind, ist nur mit breiter gesellschaftlicher Ächtung beizukommen, die sind für diese Informationen auch verloren. Also sollte sich das Sachbuch doch tatsächlich an die Ängstlichen wenden. Die hat Frau Klingl aber schon bereits ab Seite 20 das erste Mal zum dummen Sündenbock abgestempelt. Die werden hier sicher nicht mehr weiterlesen, denn so blöd, wie sie glaubt, sind sie dann auch nicht.
Das ist sehr kontraproduktiv und bedauerlich, denn die Interviewpartner mit Migrationshintergrund in diesem Buch kennenzulernen, würde möglicherweise wirklich einiges von der Angst nehmen.

Zu meiner Person, damit hier keine Missverständnisse auftreten, ich könnte mich irgendwie auf den Schlips getreten fühlen und deshalb so argumentieren:

     Ich habe großväterlicherseits keine Migrations- sondern sogar eine Flüchtlingsbiografie, aber das ist schon 102 Jahre her.
    Wenn Du mich in eine Gruppe Syrer stellst, kannst Du mich optisch nicht leicht rausfinden
    Ich bin sehr gut gebildet und weiblich, mein Mann ist auch Akademiker
    Ich wohne so richtig am tiefsten Land und weiß, wovon ich spreche, meine Freunde sind zwar nahezu alle gut ausgebildet, aber ich bin natürlich alltäglich, wenn ich nur 10 Meter rausgehe, mit dieser „pösen männlichen Landbevölkerung“ konfrontiert.
    Ich bin Österreicherin, Feministin, Links und selbstverständlich sehr gerne Teil der Zivilgesellschaft. Ich stehe dafür, dass wir die Pflicht haben, die Flüchtlinge zu versorgen. Ich stehe dafür, ängstlichen schlecht gebildeten Menschen auf dem Land, die nicht hetzen, ihre Angst zu nehmen und sie zu überzeugen, anstatt sie zu diffamieren und zu verspotten.

Geschwätziges, viel zu langes Elaborat, das sich auf Petitessen konzentriert

Die Korrekturen - Jonathan Franzen, Bettina Abarbanell

Ich war schon ewig lange nicht mehr soweit, ein Buch fast abzubrechen wie dieses, weil es mich gar so geärgert hat. Ein Werk mit derart viel Potenzial verkommt ab der Hälfte nur noch zu einem geschwätzigen Stückerl Papier ohne Substanz, Entwicklung und Aussage.

Ja Franzen kann tatsächlich ein bisschen gut formulieren, aber das ist meiner Meinung nach schon alles, was er mit diesem Roman positiv - letztendlich wenn man es gesamt betrachtet - in die Waagschale werfen kann. Dabei beginnt die Geschichte sogar extrem ambitioniert: Eine Familie, mehrere vordergründige Dramen ein paar ernsthafte Probleme, wie die Demenz des Familienoberhauptes, unter der Oberfläche brodelnde Beziehungs-Konflikte und Personen mit sehr fiesen Tendenzen, lassen die Story bis ca. Seite 400 sehr vielversprechend wirken. Das wäre nun kein Drama, wenn sich das Finale in den letzen 100-200 Seiten auflösen würde, aber bei Seite 400 sind wir leider erst in der Mitte dieser Lesefolter angelangt.

Also Franzen hat uns die Familie Lambert aufgestellt und die fiesen Winkel der Persönlichkeiten vor uns ausgebreitet.... und dann passiert zumindest mit den Figuren und dem Plot fast gar nichts mehr. Der Autor drückt sich davor, dem Leser zu erklären, warum er die Beziehungsgeflechte so konzipiert hat. Die Figuren werden auf 400 Seiten fast gar nicht mehr entwickelt, bis auf das letzte Kapitel, aber da hatte ich als Leserin die Schnauze schon so voll von dieser Papierverschwendung und Leserverarsche, dass es nicht mehr ins Gewicht fiel.

Der Antrieb der fiesesten Haupt-Figuren der Famile wie beispielsweise jener von Caroline oder auch die Gründe für Denises Verhalten bleiben für immer im Dunkeln, auf die wartet der Leser vergeblich. Stattdessen werden mit erzähltechnischen Schnörkeln und Verzettelungen, Motive und Lebensgeschichten von für die Geschichte völlig irrelevanten Personen wie zum Beispiel die Zufallsbekanntschaft am Kreuzfahrts- Restauranttisch, oder die gesamte Abteilung von Denises erstem Ferialpraktikum ausgebreitet.
Wenn mir jetzt jemand mit den Worten Karaseks kommt "Aber der Subplot ist grandios", dann muss ich leider darauf verweisen, dass ein grottenschlechter Plot nicht mit einem Subplot kompensiert werden kann. Mammamia es ist der eigentliche Job des Autors, eine konsistente spannende Geschichte zu erzählen und die Hintergründe und Motivationen der "Handelnden Figuren" zu erleuchten und nicht jene von Humsti und Bumsti, die uns zufällig über den Weg rennen. Manchmal kann man wirklich meinen, der Autor hätte ab der Mitte, die Lust an den eigentlichen Figuren verloren.  

Was ist eigentlich mit den Kritikern los, die diesen Roman als grandios bezeichnet haben. Manchmal kommt mir vor, die lesen so viel und sind so konzentriert auf Kritik, dass sie sich nur noch für die Schnörkel am Rande interessieren und dabei die zentrale Geschichte komplett aus den Augen und aus ihrem Fokus verlieren. Um es mit den Essensmethaphern aus dem Denise Kapitel zu untermauern, das war so wie in den Zeiten von Boccuse oder heute bei Adrian Ferreira in der Küche, in der das Essen und der Geschmack die Bedeutung verlieren, weil man sich nur auf Chichi-Mini Anrichtung (Boccuse) oder unerwartete Textur mittels Chemie (Ferreira) konzentriert. Die eigentliche Dienstleistung wird so auf Randaspekte reduziert und dekonstruiert, dass sie keine ursprüngliche Dienstleistung mehr ist. Der Roman ist kein Roman, keine Geschichte mehr und das Essen kein Essen, sondern nur mehr Chemie.

Und dieser Plot ab der Kreuzfahrt ist zäh wie Sirup und zieht sich wie amerikanischer Kaugummi. Muss man über Denise wirklich seitengreifend und raumfüllend ihre ganzen Sexualerfahrungen der Jugend ausbreiten, ohne irgendeinen eigentlichen Konflikt in Beziehungen z.B. mit den Eltern oder den Brüdern zu beleuchten? Und was soll dieses komplett unnötige laange Kapitel in Litauen? Wir lernen einen relativ unwichtigen Arbeitgeber von Chip genauer kennen als Chip himself.

Ja so ist dieser Roman von Franzen, der Autor hat sich wirklich erfolgreich davor gedrückt, seine eigentliche Geschichte seinen Roman zu Ende zu erzählen, indem er den Leser mit unwichtigen Details vollstopft. Ab der Szene mit dem Scheißhaufen (ja Ihr hört richtig - es gibt tatsächlich eine Unterhaltung mit einem Scheißhaufen in einer Demenzphase des Familienoberhauptes Alfred), war das Papier auf dem die Geschichte geschrieben steht, meiner Meinung nach nur mehr zum Wegwischen desselben zu gebrauchen.

Ich habe ja in letzter Zeit mehrere Romane gelesen, die auch nicht gerade gradios waren und sie dennoch wohlwollend von 2,5 auf 3 Sterne aufgerundet. Warum ich das hier ums Verrecken nicht tue, ist einfach erklärt: Diese unglaubliche Frechheit, mich mit 800 Seiten Schwachsinn bis ans Ende meiner Duldungsfähigkeit zu quälen, gehört abgestraft. Mich - mit wirklich großer Lese-Leidensfähigkeit gesegnet, die in ihrem Leben bisher weniger als 10 Bücher abgebrochen hat.