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Awogfli - Bookcroc

Ich bin Buchgourmet und Buchgourmand quer durch viele Genres

Willkommen in der Gesellschaftspolitischen Klapse

Die Rache des Mainstreams an sich selbst - Gabriele Krone-Schmalz, Max Uthoff, Claus von Wagner, Mely Kiyak, Norbert Blüm, HG Butzko, Dietrich Krauß

Eines muss ich gleich vorwegschicken, ich bin schon seit Jahren ein Fan der Sendung Die Anstalt und bereits bei der Bestellung des Sachbuchs anlässlich des 5-jährigen Jubiläums habe ich mir gedacht, das könnte ein voll langweiliger Rohrkrepierer oder auch richtig gut werden. Ich bin sehr froh, dass Zweiteres zutrifft.

 

Die Festschrift startet sehr interessant mit einem Interview des Verlages mit Uthoff und von Wagner, in dem der Produktionsvorgang der Sendung beleuchtet wird. Dabei und in den folgenden Kapiteln mit Beiträgen der Crew werden Fragen beantwortet, die ich mir tatsächlich schon mehrmals gestellt habe: Wie lange vorher wird ein Thema ausgewählt, wie werden die Inhalte erarbeitet, wie oft wird umgeschrieben, wie wird der Text von den zahlreichen in die Sendung integrierten Gästen, wie professionelle Comedians und den Laien gelernt und wie funktioniert der Hintergrund-Faktencheck, der dem Publikum im Anschluss an die Sendung im Internet zur Verfügung steht?

 

Dann kommt eine Positionsbestimmung der Anstalt, das Konzept wird dargelegt, wie Satire mit Journalismus verknüpft wird und in welche Lücke diese neue Art von Infotainment beim Publikum stößt. Das wird zuerst richtig gut als medientheoretische Aufarbeitung der Entwicklung der Medienlandschaft in den letzten 10 Jahren präsentiert und der neue Platz der Satire in diesem Kontext wissenschaftlich sehr grandios erklärt.
Leider wiederholt sich diese Kernaussage weit weniger kompetent vermittelt, bei fast jedem, der an dieser Festschrift teilnehmenden Beitragsschreiber als Einleitung auf eine persönliche Eloge immer und immer wieder. So etwas habe ich erwartet und befürchtet, hasse ich doch Lobhudelei, und Redundanzen bringen mich regelrecht auf die Palme. Hier hätte das Lektorat eisern durchgreifen, alle Eitelkeiten übergehen und die ewig selben wiedergekauten löblichen Statements beinhart streichen müssen.

 

Kaum hatte ich mich ein bisschen geärgert, änderte sich das Konzept des Sachbuchs und Gast-Protagonisten der einzelnen Sendungen, vor allem Fachleute in den einzelnen thematischen Gebieten der Sendung und Laiendarsteller erläuterten die Entstehung einzelner Sendungen. Da kam Norbert Blüm zur staatlichen Rente zu Wort, der Wissenschaftler Krüger, der eine Arbeit zur Unabhängigkeit deutscher Medien verfasst hat, Argyris Sfountouris, der Grieche, der das Massaker der Nazis in Distomo überlebte, vermittelte eine andere Sicht der Schulden der Griechen bei den Deutschen, die Chorleiterin eines Flüchtlingschors beschrieb ihren Beitrag zu Sendung, die Protagonisten des Care Slams, die auf die Missstände in der Pflege aufmerksam machten, der Volkswirtschaftler Walter Ötsch, der den Neoliberalismus erklärte … Das ist wirklich spannend und sehr gut gemacht.

 

Leider gab es zwischendurch wieder die redundante Lobhudelei, dass die Satire der Anstalt die Aufgabe des klassischen politischen Journalismus übernommen hat. Genervt wollte ich schon abbrechen, da kam doch glatt ein total kritischer Artikel, von Gabriele Krone-Schmalz zur Verantwortung der Anstalt, was mit ihren Aussagen gemacht werde. Durch die Pointierung und Verkürzung der Satire sei die Anstalt die Sendung mit der Maus für Erwachsene. Reichsbürger andere Schwurbler und viele Zuseher können nicht differenzieren, die Satire nicht erkennen und heften sich die Aussage der Anstalt, dass Medien insbesondere der „Mainstream“ Lügenpresse wäre, fälschlich auf die Fahnen. Dadurch wird einem dahergelaufenen YouTube-Trottel oder den rechtsfaschistischen Neo-Prawda-Propaganda-Schreibern von Russia Today ungeschaut, ohne Quellenangabe und unreflektiert alles geglaubt. Solche Leute suchen leider einfache Wahrheiten und fallen von einem Extrem ins andere. Nur nichts reflektieren, nur nichts selbst recherchieren, was das „INTERNET“ sagt, stimmt. Klassische Medien und der Journalismus werden nun als Systemmedien diffamiert, unter Generalverdacht gestellt und rechten Propagandisten alles geglaubt. Das ist insofern tragisch, da auch ehemals Linke Fakten von Fake nicht mehr unterscheiden können und wollen, weil es zu mühsam ist, zu recherchieren und sich aus der Eso-Ecke mit tatsächlich berechtigen Kritikpunkten allmählich und teilweise ungewollt in die braune Richtung bewegen. Schade, dass nur zwei kritische Beiträge vor allem mit Fokus auf die Rezeption der Anstaltssendungen in all dem wohlwollenden Konglomerat der Artikel existieren, dieses

Thema hätte ich gerne noch ein bisschen qualifizierter vertieft.

 

Ein weiterer Beitrag hat mich auch sehr begeistert, er berichtet, wie ein engagierter Lehrer die Anstaltsfolgen als Grundlage für politische Bildung zusammen mit den Schülern im Unterricht einsetzt, erarbeitet und wie diskutiert wird.

 

Fazit: Eine sehr spannende Mischung mit für mich etwas zu überschwänglicher positiver Tonalität und vielen Redundanzen, für eine Festschrift zum 5-jährigen Jubiläum aber außerordentlich gut gemacht. Eine klare Leseempfehlung von mir für Fans, aber auch für alle anderen Fernsehzuseher, unter der Bedingung, dass man zumindest ein paar Folgen der Anstalt gesehen haben sollte, um das Buch zu verstehen.

 

Tierliebe Nachhaltigkeit und Nutztierdachhasen*

Schiff oder Schornstein - Andrea Stift-Laube

Die Autorin hat ihren Roman in ein ethisch philosophisch sehr interessantes Setting eingebaut: Tierliebe und Tierschutz, Veganismus, nachhaltige und ressourcenschonende Lebensweise, Austeigerleben in der Kommune, ökologisches Engagement bei Greenpeace, ökologische Gesamtbetrachtung von allen Komponenten, Tierschutz im Konflikt mit Artenschutz … All diese Themen und Positionen, die vor allem von Menschen, denen der Planet nicht egal ist, durchaus sehr kontrovers diskutiert und verbissen gegeneinander verfochten werden, werden sehr konsistent und glaubwürdig in den Plot und in die sich nach und nach entwickelnden Meinungen der Protagonisten eingewoben.

 

Basierend auf der Geschichte zweier Schwestern, von denen eine plötzlich nach einem Greenpeace Einsatz spurlos verschwunden ist, wird die Vergangenheit in der Familie, die Kindheit der beiden Mädchen und die Entwicklung zum gegenwärtigen Weltbild und der nachhaltigen Lebensweise Schritt für Schritt verständlich aufgerollt. Das beginnt in der Kindheit bei der ersten Verweigerung von tierischen Lebensmitteln respektive Schnecken und endet bei dem derzeitig ökologisch geprägten Lebensstil. Dabei haben die Schwestern mit ähnlichen Prinzipien im Detail auf Grund ihres unterschiedlichen Charakters und ihrer differierenden Lebenssituationen – eine der beiden Schwestern ist nicht bei den Eltern sondern bei der Großmutter aufgewachsen – durchaus unterschiedliche Positionen zu dem Thema Nachhaltigkeit und Öko-Kampf. Ila, die von der Oma geprägt wurde, denkt sehr ganzheitlich und pragmatisch, grenzt sich aber auch persönlich vom missionarischen Eifertum ihrer Schwester ab und ist nicht so risikofreudig und geduldig mit Menschen wie Franziska, die ja nun spurlos verschwunden ist.

 

Mit ins Spiel kommt dann auch noch Konstantin, Kommunenpartner von Franziska und in diese hoffnungslos verliebt, der eigentlich mit seiner ökologischen Einstellung nur ein bisschen gegen den konventionellen Fleischerzeugungsbetrieb seiner Eltern oder vielleicht sogar nur gegen seine Eltern rebelliert.

 

Nach zwei Dritteln des Romans wird ein ganz heißes Eisen an der Ökofront aufgegriffen und in die Story eingewoben. Auf der Suche nach und in Erinnerung an die verschwundene Franziska nähern sich Konstantin und Ila an und beginnen gemeinsame Ideen umzusetzen. Die nachhaltigen Tierschützer und Öko-Faserschmeichler entwickeln sich zu beinharten Artenschützern und gründen den Katzenfleischversand Felifell. Was eigentlich als fiktives Kunstprojekt beginnt, um einen inszenierten Skandal zu verursachen, die Tierschützer zur Diskussion über Artenschutz anregen und allen anderen gedankenlosen Menschen ihre Scheinheiligkeit vor Augen führen soll, wird zumindest als Konstrukt, Marke und im Rahmen eines Webauftritts Realität. Da die Katzenpopulation im ganzen Land unbeherrschbar wächst und alle mittlerweile stark bedrohten Tierarten wie Singvögel, Maulwürfe und Insekten… meuchelt, sollen sie anstatt der Schweine als Nutztierfleisch herhalten. Diese Idee hat im Sinne von Artenschutz etwas zwingend Logisches und hält zudem den doch zu Haustieren sehr affinen Personen, die sich gar nicht für Ökologie interessieren, einen Spiegel vor, um sie zum Nachdenken zu bringen, wie sie mit Schweinen und Hühnern und anderen Nutztieren umgehen. Selbstverständlich sollen die hypothetischen Nutztierkatzen biologisch und artgerecht gehalten werden und mit 6 Monaten, bevor das Fleisch zäh wird und die Tiere ihren Jagdtrieb voll ausleben, geschlachtet werden.

… denn nur mit einem Angriff auf den liebsten Begleiter des Österreichers, Hund oder Katz, sei es möglich, einen Diskurs über ethische Bedenken bezüglich des Verzehrs von Nutztierfleisch loszutreten, ja über den Konsum tierischer Ressourcen überhaupt. Die anderen machten sich über Felifell lustig. Der Name sei eine Verhöhnung der haustierliebenden Bevölkerung. Und dann erst die von uns angebotenen Produkte. Felifell Falafel, gefrorene Fleischbällchen im Zehnerpack. Feligulasch im Recycling-Glas. Felifischerl im Stück.

Neben dem Skandal und den einhergehenden Morddrohungen wird die Story um das fiktive Kunstprojekt noch um einen Tick kurioser, denn unvermittelt tauchen die Chinesen auf, versuchen Ila und Konstantin zu korrumpieren und bieten den beiden für ihre Geschäftsidee, die Marke, den Namen und die Website einen Batzen Geld. Die nachhaltige öko-zertifizierte Katzenfleischzucht soll Realität werden. Auf diesem Weg lässt sich der Fleischerzeugersohn verführen, korrumpieren, er hintergeht Ila und verkauft das Konzept tatsächlich hinterrücks an die Chinesen. Die Katzenfleischfabrik Felifell wird grausame Wirklichkeit. Solche schrägen Geschichten und unerwartete Wendungen zum Nachdenken liebe ich übrigens sehr.

 

Leider ist das Ende wieder mal sehr unbefriedigend. In der Kernstory, also in der Angelegenheit der verschwundenen Franziska, tut sich gar nichts. Weder wird bis zur letzten Seite eine Leiche gefunden, noch taucht sie nach Jahren lebend wieder auf. So etwas ist für mich als Leserin genauso unbefriedigend wie für echte Betroffene, die auch wissen wollen, was nun wirklich passiert ist, um mit der Geschichte abschließen zu können. Angehörigen von Abgängigen ist es sogar lieber, wenn eine Leiche gefunden wird. Sie wollen so einen unendlichen Schwebezustand schon in der Realität nicht akzeptieren, geschweige denn in einer erfundenen Geschichte ist das ein adäquater Abschluss oder gutes Schreibhandwerk.

 

Manchmal frage ich mich ob des grassierenden inflationären Einsatzes des Stilmittels, in der Kernfrage einer Geschichte einfach auf der letzten Seite symbolisch den Bleistift fallen zu lassen, ob die angehenden Schriftsteller jetzt in den kreativen Schreibschulen lernen, dass ein offenes Ende so cool ist? Ist das so eine unnötige Mode wie damals die ach so pseudoinnovativen abgeschnittenen sinnlosen Porträtbilder, auf denen die dargestellte Person manchmal gar nicht mehr erkennbar war? Ein Finale mit drei möglichen Ausgängen wie bei Ishiguros „Damals in Nagasaki“ finde ich grandios, aber ein völlig offenes Ende finde ich total entbehrlich, schlampige Arbeit und einfach Leserverarsche.

 

Fazit: Bis auf den Schluss eine ausgezeichnete Geschichte, sehr gut konzipierte Figuren, das ethische Thema wird in vielen Facetten beleuchtet, regt zum Nachdenken an und ist zudem auch noch kurios und mit schwarzem Humor präsentiert. Lesenswert!

 

*Dachhase ist eine alte kulinarische Bezeichnung für ein Katzengericht. Zu Zeiten der 2. Türkenbelagerung Wiens 1683 sollen sich die ärmeren Bevölkerungsgruppen mangels anderer Nahrung unter anderem von Katzenfleisch ernährt haben.

Mittelmäßig genialer Roman kaum mit genialen Freundinnen sondern eher mit dummen Teenager-Gänsen

Meine geniale Freundin: Band 1 der Neapolitanischen Saga (Kindheit und Jugend) - Elena Ferrante, Karin Krieger

Tja ich muss Euch gestehen, dass ich von Band 1 dieser Neapolitanischen Saga nicht ganz so begeistert war wie die meisten von Euch.

 

Versteht mich nicht falsch, ich erkenne die positive Richtung und weiß (zumindest glaube ich zu wissen) wohin der Roman tendieren soll, aber ich finde eben der erste Teil dieser Lebensgeschichte weist erhebliche Schwächen auf. Ich frage mich gerade, ob er meiner Meinung nach überhaupt so viel hergibt, um als eigenständiger Band der Biografie eine Existenzberechtigung zu haben, oder einfach als Vorgeschichte in den anderen Teilen hätte aufgehen sollen.

 

Dabei geht es mir nicht um die vermeintliche Handlungsarmut des Plots prinzipiell. In einer Lebensbiografie darf meiner Meinung auch auch mal eine Weile nichts Außergewöhnliches passieren und ich mochte diese gemächliche Beschreibung der geistigen Entwicklung und der Konkurrenz unter den Mädchen sehr. Mir geht es aber um die Tiefe der angesprochenen Emotionen und Themen. Anstatt als übergeordnete Autoreninstanz auch mal über Familien, Gewalt und das Armenghetto in Neapel ein bisschen intensiver zu reflektieren, wenn auch aus kindlicher Sicht (indirekte Andeutungen gab es ja genug) drehen sich zwei Drittel der Gedanken der Mädchen um die Frage, wer in wen verliebt ist, wer manipuliert werden kann etc. Dieser Ringelpietz mit Anfassen aller weiblichen Figuren ist so oberflächlich und widerlich. Fast könnte man meinen, der Roman hieße die Bachelorettes, gleich einem Gäseblümchen werden die Blüten ausgerissen "X liebt Y, Z liebt Y nicht, oder doch? Mir ist schon klar, dass es auch solche amurösen Gedanken in der Jugend gibt, aber wenn man dem Ghetto entkommen möchte, und auch noch begabt bis hochbegabt sein soll, macht man sich auf jeden Fall in seinem Leben nicht hauptsächlich und vorwiegend Gedanken darüber, pubertierende testosteronabsondernde Burschen möglichst effizient zu manipulieren. Das wäre eine derartig unnütze Zeitverschwendung, deren ich intelligente Menschen, auch wenn sie sehr jung sind, für nicht würdig erachte.

 

Vor allem ist man zudem auch in ganz jungen Jahren schon durchaus im Stande, die vorherrschende Gewalt zu reflektieren und darunter zu leiden. Was sollen diese in Mikrodosen eingeworfenen lapidaren Anspielungen im Vergleicht zum raumgreifenden lebensgreifenden verliebten nutzlosen Geschwätz? Sehr unrealistisch! Ich weiß wirklich wovon ich spreche, bin ich doch in noch viel prekäreren familiären Verhältnissen aufgewachsen als die Protagonisten und habe es aus dem Glasscherbenviertel bis auf die Universität geschafft. Wobei möglicherweise hatte ich Glück und wurde auf Grund meiner Begabung, in eine streng katholische sehr leistungsorientierte Mädchenschule gesteckt. Für uns waren Gespäche über Burschen zwar auch wichtig, aber sie bestimmten nicht derart unser Leben, unser Denken und unsere Entwicklung.

 

 

Einzig und allein die so grausam und bösartig skizzierte schielende, hinkende, peinliche, dumme, böse Mutter von Linu (Elena Greco) hat einen Funken von Realismus und Verstand in ihrem Schädel und versucht die richtigen Dinge in für ihre Tochter in die Wege zu leiten. Auch wenn sie anfangs ob der Armut und weil sie nicht weiß, wie sie das Geld zusammenkratzen soll, gegen die weiterführende Schule ist, unterstützt sie ihre Tochter dann immer wieder sehr verbissen in ihrem Weg, oft gegen die Meinung ihres Mannes und auch oft selbst gegen die Unvernunft ihrer Tochter, ihr Leben einfach aus lauter Dummheit und Übermut gegen die Wand zu fahren. Denn Elena hat nicht 1000 Chancen wie viele andere reiche Kids sondern wahrscheinlich immer nur eine, um sich Schritt für Schritt weiterzuentwickeln.

 

Einen weiteren gravierenden Kritikpunkt muss ich auf der stilistischen Seite anbringen. Die Autorin schmeißt in dem ganzen Ringelspiel der Verliebtheit zusätzlich bei der Beschreibung des neapolitanischen Stadtteils Rione auch inflationär, verwirrend und sehr unstrukturiert für die Geschichte zum Erwähnungszeitpunkt unzählige unnötige Verwandte und noch irrelevante Kinder der Hauptfamilien in den Plot. Das ist wie bei einem Wimmelbild aus Rione oder wie bei Gabriel Garcias Amazonasgewimmel 100 Jahre Einsamkeit. Einige der Figuren haben auch noch Spitznamen, die dann auch noch abwechselnd eingestreut werden und zusätzlich für Chaos sorgen. Das muss nicht sein! Können die Figuren bitte eingeführt werden, wenn sie gebraucht werden - das geht handwerklich besser und viel übersichtlicher ohne ein Jota am Plot zu verändern.

 

Warum ich mir aber sicher bin, dass die Geschichte im zweiten und dritten Teil besser wird, dafür sorgt der geniale Einstieg in den Roman. Die 66-jährige Lila, die im Buchtitel angesprochene geniale Freundin, haut aus ihrem Leben ab, verschwindet und tilgt sich selbst zuvor und alle Erinnerungen an sich. Kein Schnipsel, kein Ding bleibt in ihrer Wohnung, aus den Fotos hat sie sich herausgeschnitten. Der längst erwachsene, mehr als 30jährige Versagerstubenhocker, genannt Sohn, ist fassungslos. Das ist eine Bombenidee seinen Roman so zu beginnen und macht dem Leser Lust auf das Ende der Geschichte in Band 3.

 

Weiters habe ich nun hoffentlich jede auch noch so irrelevante Person des Stadtteils kennengelernt, hab eine ungefähre Ahnung der verwandtschaftlichen, freundschaftlichen und feindschaftlichen Struktur des Viertels und es bleibt zu wünschen, dass ich in einem weiteren Entwicklungschritt im Gymnasium nicht nochmals 1000 neue, für die Geschichte total unwesentliche Leute kennenlernen muss.

 

Fazit: Ganz Ok, aber nicht sehr gut sondern mit einigen gravierenden Schwächen behaftet. Ich hoffe und erwarte, dass die Saga irgendwann einmal auch wirklich so gut wird, wie es von vielen begeistert angekündigt wurde. Da ist also noch VIIIEEEL Luft nach oben.

Fundament, Urmutter aller Kochbücher

Kochbuch ohne Rezepte - #1 Küchenpraxis - Ingrid Andreas

Habt Ihr Euch nicht auch schon oft beim Versuch, diese großartigen Gerichte von den diversen Küchenstars wie Jamie Oliver und Konsorten aus dem Kochbuch nachzukochen, verzweifelt gefragt, warum es bei Euch nicht so funktioniert, wie es beschrieben wurde? Habt Ihr das Gefühl, dass bei manchen Rezeptanleitungen einfach irgendetwas Wichtiges fehlt? Oder wollt Ihr die Grundlagen des Kochens und alle erdenklichen Techniken wirklich mal von der Pike auf, gut zusammengefasst, übersichtlich dargestellt haben, so wie man es als Profi lernt? Dann seid Ihr hier mit diesem 4-bändigen Kompendium, das die Grundlagen des Kochens in einer Reihe bündelt, absolut richtig. Diese Serie vermittelt die Geheimnisse des Kochens sowohl dem Hobbykoch als auch dem Anfänger ausgezeichnet, blickt hinter die Arbeitsvorgänge und klärt auf, was in den Rezepten so nicht drinnen steht.

 

Die Autorin Ingrid Andreas hat Profiköchen jahrzehntelang über die Schulter geschaut und beschreibt ganz simpel, auch für Nichtprofis nachvollziehbar die Grundlagen, die hinter den Rezepten stehen.
Band 1 dieses Werkes beleuchtet die grundlegenden Küchentechniken,
Band 2, der im April 2019 erscheinen wird, widmet sich dem Teig,
Band 3 mit Erscheinungstermin Juni beschäftigt sich mit Obst und Gemüse und
Band 4, der im August auf den Markt kommt, wird dann die Hintergrund-Geheimnisse von Fisch und Fleisch aufdecken.

 

Bei der gesamten Beurteilung dieses Sachbuchs musste ich mich immer am Riemen reißen und meinen inneren Kritiker ein bisschen auf leise schalten, um nicht ständig etwas anzumerken, das fehlt, denn ich bin eigentlich Profi in der Küche. Habe mir genau dieses Wissen im Rahmen meines ersten Berufs sowohl in der Hotelfachschule als auch in der Praxis angeeignet. Also wenn ich zu oft kritisiere, dass etwas fehlt, seid gnädig mit mir und beurteilt selbst, ob es wesentlich für Euch ist oder nicht. Bei all den Punkten, die ich anführen werde, ist zu sagen, dass diese aus der Sicht des Hobbykochs betrachtet wahrscheinlich fast ausschließlich wenig gravierende Punkte sind, die auch in meiner Wahrnehmung den sehr guten Gesamteindruck dieses Buchs nicht zu trüben vermögen.

 

So, was wird denn nun im Detail alles zum Thema allgemeine Küchenpraxis besprochen?

 

Die Bandbreite geht zu Beginn von Kräutern und Würzsaucen zum Selbermachen über Suppen und Fonds zu den Saucen. Wobei bei den Fonds Hühnerfond, Fischfond und Wildfond fehlen, und der Unterschied zwischen Jus und Fond nie beleuchtet wird.
Bei braunen und weißen Grundsaucen fehlen fast alle bis auf Bechamel- und Butter-basierte: Kalb-, Huhn-, Fisch- und Wildgrundsaucen werden nicht mal erwähnt, was kein Wunder ist, wenn sie auch im Fondkapitel schon fehlen. Leider gibt es auch zwei gravierende strukturelle Fehler, denn die süßen Saucen tummeln sich mitten zwischen den sauren, was wirklich irritierend ist. Außerdem befindet sich die Salsa Verde nicht bei ihrer Verwandten der deutschen Grüne Sauce, sondern sie steht solitär im Kapitel Bindung, wo sie meiner Meinung nach nur Verwirrung stiftet.

 

Nach einer umfassenden Betrachtung von Fetten und Ölen wird das Kochen mit Alkohol beleuchtet – wie wenig sich Alkohol bei hoher Temperatur rauskocht, habe ich immer gut verdrängt. Die Tipps zum Gelieren sind sehr gut, die Details zum Agar-Agar fehlen mir aber, denn in Zeiten von Veganismus sollte da noch mehr Augenmerk darauf gelegt werden, insbesondere, da Agar-Agar – zumindest bei mir – nie ganz so, wie Gelatine reagiert. Die Ratschläge zum Auslegen von Formen mit Klarsichtfolie, Gartechniken mit Backpapier etc. sind großartig. Beim Umgang mit der Alufolie fehlt mir wiederum der Warnhinweis bezüglich der Reaktion auf Säure in den Lebensmitteln, da heutzutage ja sehr viel Wert auf Gesundheit gelegt wird.

 

Das Garkapitel ist herausragend. Endlich wird die Niedrigtemperaturmethode für Anfänger Schritt für Schritt erklärt und so einfach, dass sich jeder traut, diese wirklich einfache Kochtechnik, bei der man fast nichts falsch machen kann, anzuwenden. Auch moderne Methoden, die ich in der Schule noch nicht gelernt habe, wie Dämpfen und Sous vide werden beleuchtet. Beim Dämpfen wusste ich gar nicht, dass ich ohnehin einen guten, sehr kostengünstigen Dämpfer zu Hause habe. Nämlich jenen, in dem ich die Kartoffeln dampfgare. Da brauche ich mir wirklich keinen teuren Dampfgarer oder ein Bambuskörberl für die Dim-Sums kaufen.

 

Das Konservierungskapitel ist genauso wie die Hintergründe zum Garen einfach nur grandios und sehr umfassend. Abgerundet wird der ganze Inhalt mit einem sehr genau beschriebenen Glossar zum Küchenlatein ergo Küchentechniken und einem detaillierten Abschnitt zu allen wichtigen Küchengeräten bzw. -utensilien. Am Ende gibt es auch noch Maßtabellen, Temperaturtabellen zum Backen und Garen, Umrechnungstabellen für amerikanische Rezepte und ein Österreichisch-Deutsch-Wörterbuch für Lebensmittel.

 

Fazit: Kochbuch ohne Rezepte ist ein perfektes Schmöker- und Nachschlagwerk für den Hobbykoch und für solche, die es noch werden wollen, auch wenn ich ein paar Sachen gefunden habe, die mir fehlten. Wenn ich alle vier Bände erhalten habe, überlege ich mir ernsthaft, mein viel geliebtes und –genutztes Schullehrbuch „Karl DUCH Handlexikon der Kochkunst“ mal im Regal nach hinten zu räumen, denn das gibt es seit den 80er-Jahren und es ist doch inhaltlich schon ein bisschen angestaubt und physisch zerlesen. Auf jeden Fall geht diese Reihe inhaltlich in die Richtung, die notwendigen Grundlagen der Küche für den Hobbykoch ganzheitlich abzudecken, und das ist wichtig, um andere Kochbücher erfolgreich nutzen zu können. Also echt mal eine mittlere Innovation im Kochbuchmarkt, sich ausschließlich mit den Grundlagen zu beschäftigen, die in normalen Kochbüchern mit Rezepten fast immer stiefmütterlich in einem Kapitel am Anfang oder am Ende des Kochbuchs abgespult werden. Auf jeden Fall erwarte ich mit Freude die restlichen Teile.

Triathlon, Lokalpatriotismus, unreife Figuren, Mord und Nazischatzsuche

Mörderische Idylle - Meta Osredkar

Also das war wirklich überhaupt kein Regionalkrimi nach meinem Geschmack.
Ausdauer-Extremsportler ala Ironman und Ironwoman, die permanent über ihr Hobby  schwadronieren, sind offensichtlich fiktional in Begleitung von Mord und Totschlag genauso gähnend langweilig wie im richtigen Leben. War die erste Szene noch witzig und kurios, als der ortsansässige Adler die Drohne killte, die den Triathlon im slowenischen Bergtal filmen sollte, so ging es dann für mich stetig bergab mit der Story.  

Zudem tummeln sich auch noch brünftige, lüsterne Frauen in der Geschichte, die beim Anblick der nackten Bauchmuskeln des Triathleten Benoit völlig den Verstand verlieren, indem sie zudem auch noch pseudo-lyrische sehr abwegige Gedanken äußern, die meine Freundinnen nicht mal im Traum denken würden und die mir tatsächlich die Zehennägel aufdrehen:  
"Hach er ist wirklich eine griechische Gottheit, wo sind Marmor und Meißel, wenn man sie mal braucht."
Solche "romantischen" Szenen und amourösen Verwicklungen sind speziell für mich sowieso immer sehr traumatisch.

Die Polizeitruppe, die als Amateursportler im Urlaub nebenbei ermitteln, fand ich jetzt auch überhaupt nicht prickelnd, eher peinlich, alle Männer und Frauen (nicht nur jene, die die Autorin explizit als unreif schildert) sind derart unreife Charaktäre, dass ich überhaupt keinen Zugang zu den Figuren bekommen habe. Meist kam ich mir vor wie in einem Kindergarten mit völlig nervigen Blagen, mit nervigen Emotionen, die auch noch stetig über ihre nervigen Hobbies und ihre seichten Liebesgefühle plaudern, oder wie Dr. Pfeiffer in der Feuerzangenbowle diese Pennäler erstmals erlebt haben muss. Ich weiß zwar, dass es solche Persönlichkeiten im richtigen Leben zu Hauf gibt, aber als Erwachsene, in solch einer konzentrierten Dichte, derart unreif, an einem Ort, ist das sehr unwahrscheinlich - wobei ich noch nie auf solchen Sportveranstaltungen war - könnte sein, dass sie sich dort vor mir verstecken. Sogar der Polizeipsychologe ist derart unreflektiert, dass ich mich fragen muss, wie der an seinen Job gekommen ist.

Gerwürzt ist der Plot, um die Regionalität des Krimis zu manifestieren, nicht mit atemberaubenden Landschaftsbeschreibungen, sondern auch noch mit ziemlich deplatziertem Lokalpatriotismus und "Mir san Mir"-Mentalität. Das geht sogar so weit, dass alle Slowenen, die nicht aus den angrenzenden Bergtälern stammen, pauschal als Laibacher diffamiert werden. Als ob es in Slowenien keine anderen großen Städte gäbe. *Kopfschüttel*

Im Rahmen des Krimiplots war mir das Motiv von Anfang an klar, wodurch für mich der Täterkreis sehr stark eingeschränkt war. Da half auch die zugegebenermaßen gut konstruierte Fährte mit dem Nazischatz, der im lokalen Bohinj-See versenkt sein soll, nicht viel weiter.

Fazit: Kein Krimi für mich: die Figuren überzeichnet und unrealistisch, die Sprache simpel, der Plot durchsichtig, der unnötige Schuss Schwülstigkeit und Romantik und der Lokalpatriotismus. Stern Nummer 2 gibt es übrigens für die köstliche erste Szene mit dem ersten Todesopfer - der Drohne und für die Idee mit dem versenkten Nazischatz als Ablenkungsmanöver.

Zigeunerklatschen

Samy - Zdenka Becker

Auf meiner diesjährigen Reise durch die europäischen Staaten im Rahmen meiner EU-Autorinnenchallenge bin ich in der Slowakei mit Zdenka Becker tatsächlich unerwartet auf Gold gestoßen. Dieser Roman, der sich mit Rassismus, Ausgrenzung und Demütigung von Roma – oder Personen, die für Sinti bzw. Roma gehalten werden – auseinandersetzt und sehr heftig die Folgen eines solchen Lebens am Rande der Gesellschaft thematisiert, war für mich ein richtig funkelndes Juwel in dieser Landschaft der unzähligen guten Neuerscheinungen, mit denen ich Woche für Woche erfreut werde.

 

Als unehelicher Sohn eines indisch-österreichischen Arztes hat es Samy in der kommunistischen Slowakei besonders schwer, weil er für einen Zigeuner gehalten wird. Was für eine furchtbare Biografie hat der Protagonist: ein Leben vom Kindergarten an voll von permanenten Demütigungen und rassistischen Übergriffen, die sehr detailliert geschildert werden. Besonders übel spielt Samy der Sohn von Mutters ehemals bester Freundin mit. Harry beginnt seine Mobber-Karriere im Kindergarten mit ersten Übungen am Paradeopfer Samy und endet in der heutigen Zeit als politischer Mastermind der rechtsextremen slowakischen Szene.

 

Die ach so intellektuelle Mutter, Karriere-Kommunistin, die als Sozialarbeiterin eigentlich schon ob ihres Jobs bezüglich Rassismus, Mobbing und Problemen von Jugendlichen sensibilisiert sein sollte, versteht es nicht, beziehungsweise will die Probleme ihres Sohnes nicht verstehen. Auch sie ist rassistisch gegen Zigeuner eingestellt, aber ihren Sohn sollte das ohnehin nicht betreffen, denn er ist ja kein solcher Abschaum, sondern ein guter, geborener Slowake und ein halber Österreicher mit Migrationshintergrund. Dass er wie ein Roma aussieht und keiner dieser Rassisten differenziert, ignoriert sie geflissentlich.

 

Was so ein Leben der permanenten Herabwürdigung von Kindheit an mit einem Menschen anrichtet, wird auch schnell klar. Samy leidet seit jungen Jahren an starken Depressionen. Als er von seiner Freundin Julia durch ihren Vater mit einer Intrige quasi chirurgisch getrennt wird, da er als Farbiger nicht standesgemäß ist, bricht die Verzweiflung wieder voll aus.

 

Das gruseligste an der Geschichte ist der Umstand, dass alle handelnden Personen, die etwas unternehmen könnten, zusehen, wie der junge Mann unverschuldet in Zeitlupe gegen die Wand fährt. Und es wäre genug Zeit, etwas für Samy zu tun, bevor er zu Grunde geht. Einzig der Vater aus Wien, der als Unbeteiligter von der Existenz seines Sohnes erst erfährt, als dieser 8 Jahre alt ist und Samy so gut wie nie gesehen hat, erkennt das Problem in seiner Funktion als Psychiater, spezialisiert auf Migranten, sofort. Er bietet seine Hilfe an, aber er hat eben im Leben seines Sohnes nichts zu melden. Als Samy auf der Suche nach seiner Identität und nach seinem Vater in Wien auf der Mariahilferstraße seinen adoptierten Cousin Ondraj trifft, der genetisch ein Roma ist, sein Leben in der Slowakei nicht mehr ausgehalten hat und nach Wien abgehauen ist, entspinnt sich folgender, sehr spannender Dialog:

„Jetzt aber wirklich. Warum bist Du damals weggegangen?“ Ondraj verdrehte die Augen, dann sah er Samy an.
„Warum? Warum? Als ob Du es selbst nicht wüsstet. Ganz einfach, ich wollte kein Zigeuner mehr sein.“
„Und hier bist Du kein Zigeuner?“
„Nein hier bin ich ein Ausländer, und das ist mir tausendmal lieber. Aber dort…“ Er deutete unbestimmt in die Ferne
„Zu Hause … dort haben mich die Nachbarn seit meiner Geburt als eine minderwertige Ratte angesehen, die ihren Eltern und der ganzen Umgebung nur Troubles bereiten wird. „

Der Roman startet in der heutigen Zeit im Krankenhaus. Der erwachsene Samy wird schwer verletzt eingeliefert, in Rückblenden werden sein Leben und seine Leidensgeschichte als verachteter Zigeunerjunge zuerst im Kommunismus und dann nach der Wende aufgerollt. Irgendwann wird nach und nach indirekt klar, dass Samy wahrscheinlich nicht nur Opfer einer Gewalttat geworden ist, sondern dass auch er irgendetwas angestellt haben könnte. Der Showdown, der zu dieser lebensgefährlichen Verletzung geführt hat, ist dann übrigens grandios konzipiert und zeigt, was permanentes Mobbing und rassistische Übergriffe bei den Betroffenen anrichten können, wenn sie keine Hilfe bekommen. Am Ende hätte ich zwar gerne noch ein kleines bisschen mehr über Samys Motive aus Innensicht gelesen – es ging mir im Finale ein bisschen zu schnell – aber das ist nicht mal mehr Jammern auf hohem Niveau, sondern fast nicht der Rede wert.

 

Fazit: Absolute Leseempfehlung! Ein spannender Roman, der enorm wütend und gleichzeitig auch sehr nachdenklich macht. Die Autorin nimmt kein Blatt vor den Mund und legt ziemlich brutal den Finger in die Wunden unserer Gesellschaft, die mittlerweile sehr am aufkeimenden Nationalismus und erneut an rassistischen Wahnvorstellungen krankt. In dieser Geschichte jedoch hat dieser Wahnsinn mit den Zigeunern seit der Nazizeit gar nicht aufgehört und sowohl den Kommunismus als auch die Wende konstant überdauert.

Rassismus ist scheiße!!!!!

Diese Aussage ist zwar klar wie Kloßbrühe, aber selten wird sie uns so plastisch vor Augen geführt wie in dieser Story. Denn der Rassismus existiert hier in seiner Reinkultur, nicht gepaart mit Xenophobie, Fremdenfeindlichkeit und Ausländerhass (die Ausreden von „besorgten Bürgern“), denn Sinti und Roma sind seit Jahrhunderten bestens integrierter Bestandteil und Minderheit der Bevölkerung vieler europäischer Staaten, wie Österreich, Ungarn, Slowakei, Rumänien … Diese Minderheit wird nicht wegen mangelnder Integration, Spracherwerb, Staatsbürgerschaft oder sonstiger Komponenten ausgegrenzt, sondern einzig und allein wegen der Farbe ihrer Haut.

Odysseus Heimkehr in die Securitate Hochburg

Begegnung - Gabriela Adameșteanu, Georg Aescht

Ich sitze schon zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit etwas fassungslos, ein bisschen überfordert und konsterniert vor einem rumänischen Roman, habe irgendwie das Gefühl, zwar etwas Gutes, sehr Lyrisches gelesen, aber nicht wirklich verstanden zu haben und frage mich, warum diese Art zu beschreiben und mir diese Welt so fremd erscheint, beziehungsweise warum sie so schwer für mich zu verstehen ist. Nachdem ich ein bisschen in den Pressestimmen der Leipziger Buchmesse, deren Gastland Rumänien ja 2018 war, recherchiert habe, fällt mir die Antwort wie Schuppen von den Augen. Diese rumänische Strömung nennt man literarischen Surrealismus und genauso surreal, unverständlich und verklausuliert stellen sich mir aus bisheriger Erfahrung rumänische Romane dar. Fast könnte man meinen, die Securitate wäre noch immer hinter allen Schriftstellern her und würde alle Romane zensieren, so indirekt und über tausend Ecken wird hier Gesellschaftskritik angebracht. Die Inhalte sind irgendwie spannend-kurios, die literarische Reise ist weit wie in die Walachei und bis ans Schwarze Meer, aber der Sinn bleibt mir doch ein böhmisches Dorf (beziehungsweise ein walachisches).

 

Manu Traian hat sein Heimatland bereits vor dem Krieg verlassen, ist nach Italien emigriert und lebt dort ein sehr erfolgreiches Leben als anerkannter Intellektueller. Obwohl er die Schrecken der Securitate gar nicht am eigenen Leib erlebt hat, dürfte sich dennoch im Exil ein Trauma in ihm festgesetzt haben. Die erste Szene der Geschichte ist schon sehr heftig. Manu verfolgt ein immer wiederkehrender Alptraum: Er ist in den Westen gegangen und dann hat er sich nach Jahrzehnten ohne Ticket mit dem Zug zu seiner Familie zurückgeschummelt. Alle sitzen an einem Tisch, aber erkennen ihn nicht und glauben, er ist von der Securitate geschickt worden, um alle auszuhorchen. Er soll verschwinden, keiner der Familie ist in den Westen gegangen, sagen sie.

 

Im Kernstrang der Erzählung kehrt Manu Traian als erfolgreicher Westler auf Einladung offizieller Stellen in seine Heimat Rumänien zurück, permanent verfolgt, bespitzelt und vernadert* von seinen eigenen Verwandten, der Familie seiner ehemaligen Geliebten und seinen beruflichen Bekanntschaften. Manu will nicht wahrhaben, dass die gesamte Reise unter der Regie des Geheimdienstes gleich einem Theaterstück aufgeführt wird und kann nicht zwischen Freund und Feind unterscheiden, im Gegenteil, in den schlimmsten Spitzeln glaubt er seine eigentlichen Freunde zu erkennen.

 

Alles, was in Rumänien spielt, hat was von Kafka in der Securitate-Hochburg: die exzessiv bürokratische Verwaltung und das hierarchische Human-Ressource-Management von Bespitzelung, Vernaderung*, Terror und Folter durch papiererne Aktenberge und beamtische Speichelleckerei. Wie sagt man bei uns in Österreich „Nach oben buckeln und nach unten treten“. Vor allem die ältere Generation der kommunistischen Geheimdienstschergen wird extrem primitiv und als grobschlächtige, dumme Säufer ohne Manieren dargestellt. Manus gesamte Rumänienreise ist gekennzeichnet von permanentem seichtem Geplapper seiner Verwandten, die alle etwas von ihm wollen, es aber nicht wirklich artikulieren, Aktennotizen, die an die Vorgesetzten der Securitate zwecks Bespitzelung von Taijan verfasst wurden und von Zitaten aus der Odyssee, die das Lieblingswerk von Manu darstellt und irgendwie auch das Heimkommen symbolisiert. In diesem Ballett aus nutzloser Geschwätzigkeit, Finten, Lug, Betrug, Spionage und Reminiszenzen an den Sagenstoff kann der Protagonist die einzige Person, die es gut mit ihm meint und die einfach keine Gelegenheit findet, mit Manu zu reden, einfach nicht identifizieren. Das Gespräch zwischen Daniel und Manu scheitert in vielen Anläufen an Sprachlosigkeit und Zurückhaltung des jungen Mannes und an der Fehleinschätzung von Manu.

 

Warum Adamesteanu mit der Figur der Christa, der deutschen Freundin des Protagonisten, auch noch eine Nazifamilienbiografie in die totalitäre Schlacht der Geschichte wirft, erschließt sich mir inhaltlich nicht so ganz, denn für eine intensive Aufarbeitung der beiden totalitären Systeme in Ost und West hat sie diesen Handlungsstrang für meine Begriffe nämlich viel zu wenig in den Fokus der Story gesetzt. So bleibt diese Verzweigung für mich nur ein kleines aufblitzendes Schlaglicht in der Gesamtkonstellation. Auf dem blauen Sofa der Leipziger Buchmesse hat die Autorin zugegeben, dass sie von Anfang an den Roman auch für den deutschen Markt schreiben wollte. Das erklärt natürlich vieles, hätte dann aber auch in der Gegenüberstellung für meine Begriffe weitaus intensiver und konfliktreicher mit dem Protagonisten betrieben werden sollen.

 

Fazit: Ich bin unschlüssig. Eine nicht unspannende Geschichte, die ich in ihrem Aufbau und in der Botschaft nicht ganz verstanden habe. Tonalität und Inhalt sind für mich ein bisschen ambivalent. Auf jeden Fall regte sie mich zur intensiven Recherche an. Vielleicht sollte ich noch mehr rumänische Schriftsteller lesen, um in diese literarische Kultur tiefer einzutauchen und sie in letzter Konsequenz auch wirklich zu verstehen.

 

*vernadern – denunzieren

Auf ins weite Europa – ohne Sinn und Verstand

Kartografie der Freiheit. Roman - Andrej Kurkow

Als ich nach Beendigung des Romans das Nachwort des Autors las und realisierte, wie er die Tonalität seiner Geschichte und deren Intention sah, war ich total überrascht und von der Rolle, denn ich hatte das Gefühl, ein komplett anderes Buch gelesen zu haben. Kurkov meint, er habe einen sehr europäischen Roman über junge Leute geschrieben, die „den Wegfall der Grenzen und die europäische Zusammengehörigkeit ernst nehmen.“ Das ist bei mir überhaupt nicht so angekommen.

 

Im Prinzip geht es um drei junge Paare aus Litauen (Barbora und Andrius, Ingrida und Klaudjus, Vitas und Renata), die am Tag des Wegfalls der Schengen-Grenzen während eines Festes miteinander vereinbaren, sich ihren Traum von Europa zu erfüllen, mit dem Ziel, in die Ferne, in ihre Traumstädte London, Paris und Rom aufzubrechen, um genau dort ihr Glück zu versuchen und sich niederzulassen.

 

Dabei gehen sie aber derart hirnlos vor, dass ich die ganze Zeit den Kopf schütteln musste. Keiner checkt vorab über das Internet die Lage, sucht sich in Jobportalen von Litauen aus schon eine qualifizierte Arbeit, sie lassen sich treiben, brauchen ihre Ersparnisse auf und taumeln von einem zufällig ergatterten Billiglohn-Gelegenheitsjob zum nächsten. Zwei Paare – und das muss man sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen – deren Traumdestinationen Paris und Rom sind, sprechen noch nicht mal ein Wort in der Sprache des Ziellandes, in dem sie sich dauerhaft niederlassen, leben und arbeiten wollen. Das ist irgendwie total verrückt und kann ja von vornherein nicht gut gehen. Irgendwie hatte ich als Leserin auch das Gefühl, der Autor vermittelt uns unterschwellig, dass Europa diesen Paaren, die sich derart respektlos ihren Zielländern gegenüber verhalten, etwas schuldig sein soll.

 

Zum Beispiel gerade in Paris angekommen, dem Bus entstiegen, entspinnt sich folgender Dialog:

Der Barkeeper antwortete in einem langen unverständlichen Satz. Andrius und Barbora tauschten Blicke.
„Was hat er gesagt, was glaubst Du?“ fragte die junge Frau.
„Dass ich eine wundervolle Begleiterin habe, nehme ich an“.
„Nein, er hat doch zu mir gesprochen“, widersprach Barbora. „Also, wir müssen Französisch lernen! Warum haben wir das eigentlich nicht gemacht?“
„Weil wir keine Zeit hatten.“ Andrius nahm einen Schluck Espresso.“Und wenn wir welche hatten, haben wir lieber geschmust, als Französisch gelernt …“
„Na, dann lernen wir jetzt Französisch. Das Schmusen kann warten …“
“ Wieso denn das?“ Andrius tat entrüstet.

 

Gerade meine Generation kann so eine Situation wie hier im Roman in Litauen beschrieben, sehr gut nachvollziehen, denn als wir ungefähr im Alter der Protagonisten waren, gingen auch für uns schon vor dem Beitritt Österreichs zur EU (durch Gegenseitigkeitsabkommen) in den 90er-Jahren unvermittelt die Grenzen auf – das war wie im Schlaraffenland. Was vorher extrem bürokratisch und schwierig – fast schon unrealistisch war, war plötzlich ganz einfach möglich, nämlich arbeiten in Deutschland, in Italien, am Meer, studieren durch Finanzierung mit Au-pair oder Jobben in allen großartigen Städten der EU. Einige wollten das Meer sehen, einige viel Geld verdienen, manche hatten als Zieldestination die Stadt der Liebe, Paris. Aber keiner war so unvorbereitet wie diese Protagonisten, jeder paukte wie verrückt Französisch, Italienisch, Spanisch oder Griechisch, Englisch war ja nicht notwendig, denn das konnten wir und durchsuchte die lokalen Zeitungen vorab schon nach Jobs und bewarb sich. Dabei hatten wir damals nicht so einfach Zugang zum Internet wie heute und waren trotzdem weitaus besser gerüstet für das Leben in fernen Ländern.

 

In keiner Situation des im ganzen mehr als 600 Seiten dauernden extrem langen Romans wird ob dieser Blauäugigkeit und des mangelnden Realitätssinns irgendwann mal ein Funken Selbstkritik der Figuren oder eine kritische Darstellung des Autors vermittelt, im Gegenteil, die im selbstgewählten Exil im Ausland „Gestrandeten“, hadern und lamentieren permanent herum. Schlimmer ist zudem noch, dass Renata und Vitas, jenes Paar mit Ziel Rom, das durch die notwendige Versorgung von Renatas Großvaters an der Auswanderung gehindert wurde, offensichtlich als Einzige mit Hirn und Verstand die Segnungen des Internets einzusetzen vermag, und damit in Litauen erfolgreich ist. Was soll das nun? Was ist die Moral von der Geschicht?: Renn mutig aber kopflos wie ein Hendl gegen Westen und werde unglücklich oder bleib zu Hause trau Dich nix, dann bist Du erfolgreich und froh?- Das ist so BÄÄÄHHH (sorry für das Wort, aber dieselben fehlen mir gerade).

 

Zudem begeht Kurkov mit seiner Geschichte – zumindest für meine Begriffe – eine unverzeihliche Todsünde, nämlich sie hat mich über weite Strecken extrem gelangweilt. Zwei Paare wandern also ziemlich friktionsfrei aus …. und dann passiert 200 Seiten gar nix: Ein paar Gelegenheitsjobs und ein alter Hund ist gestorben, ansonsten nichts als Banalitäten … und dann passiert bis Seite 500 wieder fast gar nichts. Der Roman hat das Tempo einer Schnecke, in super-super-slow-motion vegetiert der Plot dahin. Ich wünschte mir die ganze Zeit, dass einer der Figuren mal was richtig Furchtbares zustößt, damit endlich Schwung in die Story kommt. Ich brauche ja nicht immer Drama, aber das ist mir wirklich zu wenig Action. Wenn mein Leben in jungen Jahren so gewesen wäre, wäre ich wahrscheinlich vor Langeweile schon längst gestorben. Ab Seite 500 – das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen – kommt die Handlung dann endlich richtig in Schwung, aber da habe ich schon irgendwie die Lust an den Figuren und ihren Schicksalen verloren.

 

Fazit: Viel zu langer, gähnend langweiliger, inhaltsloser, larmoyanter Roman, in dem ich die Botschaft des Autors einfach nicht vernommen habe. Eines muss man Kurkov aber lassen, auch wenn er sich in Banalitäten ergeht, diese kann er sehr gut und mit ausgezeichneter Sprache transportieren.

Japanischer Stromberg packt Samuraischwert aus - oder How not to run human ressource management for Dummies

Mit Staunen und Zittern - Amélie Nothomb, Wolfgang Krege

Diese kleine Geschichte hinter den Kulissen des Büroalltags der japanischen Firma Yuminoto von Amélie Notohomb ist gar köstlich, wenn sie nicht so menschenverachtend grausam wäre. Also wie in der Einleitung knackig geschildert: Man nehme die Bürosatire Stromberg, verdopple, beziehungsweise verdreifache die Grausamkeiten und menschlichen Abgründe - respektive was man den lieben Kollegen, speziell hierarchisch Untergebenen antun kann - füge noch die japanische Demut von Mitarbeitern, die Angst vor dem Gesichtsverlust und patriachalische gesellschaftliche Verhaltenskodizies, speziell für Frauen hinzu und fertig ist diese Groteske, bei der mir oft das Lachen und Schmunzeln im Halse steckengeblieben ist.

 

Die Abläufe und Bestrafungssysteme für nicht konformes Verhalten und unerwünschte Mitarbeiter-Eigeninitiative sind sehr kafkaesk in diesem hierarchischen, bürokratischen Unternehmen mit menschenverachtenden, oft komplett sinnentleerten Managementmethoden. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist diese Unternehmenskultur sogar so unbetriebswirtschaftlich und leistungsfeindlich, dass man sich wundert, wie in so einem Umfeld irgendwann überhaupt Innovation (sei es auch nur eine Prozessinnovation oder Marketingidee) stattfinden kann.

 

Insofern witzig ist das ganze auch auf jeden Fall, da die belgische Protagonistin als ausländische Mitarbeiterin erstens diese Demütigungen nur ein Jahr bis zum Arbeitsvertragsablauf erdulden muss und sie zweitens die ganze Sache insofern sportlich und mit Humor nimmt, dass sie das ganze als Übung zur Assimilation in die japanische Kultur sieht. Man stelle sich vor, als japanische Frau aber auch als Mann kann man diesem System ein Leben lang nicht entkommen, da erklären sich die vielen Selbstmorde wie von selbst, was in dieser Geschichte auch thematisiert wird. So kommt zu dieser Story, die sehr starke autobiografische Züge trägt, eine gehörige Portion japanische Gesellschaftskritik hinzu.

 

Also, weil es die selbstverständlichste Sache von der Welt war, den Infinitiv eines Verbs als Vornamen zu wählen, hatte Herr Saito seinen Sohn Tsutomeru, "arbeiten" genannt. Den Gedanken, dass man die Identität des Knäbleins mit solch einem Programm ausstaffiert hatte, fand ich erheiternd. Ich stelle mir vor, wie die Mutter in wenigen Jahren den Jungen ermahnen würde, "Arbeiten, geh arbeiten!" Und wenn er nun arbeitslos werden würde?

Zögere daher nicht zwischen Selbsttötung und Schwitzen! Das eigene Blut zu vergießen, verdient Bewunderung, Schweiß zu vergießen Verachtung. Wenn Du Dir den Tod gibst, schwitzt Du nie wieder und deine Beklemmung hat für alle Ewigkeiten ein Ende.

 

Fazit: Sehr böse, insofern sehr witzig und sehr klug gemacht, wenn man ein bisschen die Unternehmenskultur in multinationalen japanischen Konzernen kennt oder kennenlernen will. Ach ja den Punkt Abzug gibt es eigentlich nur für die Kürze dieses Romans. Ich wollte auf jeden Fall mehr.

Abschied und Tod einmal anders

Bevor wir verschwinden. Roman - David Fuchs

Dieser Debutroman von David Fuchs hat mich vordergründig nicht großartig berührt, mich fast gar nicht zu Tränen gerührt und trotzdem bin ich gerade aus diesem Grund am Ende der Geschichte sehr bewegt. Warum?

 

Es geht ums Sterben, aber nicht um eine herzzerreißende Story, sondern um das alltägliche Sterben aus der Sicht eines Mediziners, recht sachlich, manchmal auch ekelhaft und grausam, aber nie respektlos den Sterbenden gegenüber, sondern immer sehr wertschätzend. Das ist nun eben auch eine Sicht, ein für mich recht innovativer Zugang, wie man mit dem Tod von Mitmenschen verantwortungsvoll umgehen, sich auf seine eigene Art abgrenzen, die Trauer und das Sterben so bewältigen kann. Kein Wunder, der Autor ist Arzt auf der Onkologie im Linzer Universitätskrankenhaus und kann wahrscheinlich, wie viele in seiner Branche nicht anders, sonst würde er verrückt werden in seinem Job.

 

In diesem Roman wird das Ganze aber nicht so wie in vielen Ärztestories von der Außensicht betrachtet, sondern der Leser bekommt aus Innensicht einen Einblick in die Abgrenzungsstrategien eines Mediziners.

 

Der Protagonist Benjamin absolviert sein Praktikum auf der Onkologie als angehender Arzt und trifft zufällig auf seine Jugendliebe Ambros, die er fünf Jahre nicht mehr gesehen hat. Dieser ist dem Tod geweiht und hat keine Chance mehr, sein Körper ist von Metastasen zerfressen. Nach und nach nähern sich die beiden wieder ein bisschen an, währenddessen wird in den Zimmern auf der Station bei den Mitpatienten gelitten und gestorben. Der Krankenhausalltag und die tägliche Routine rollen wie ein Uhrwerk ab, aber nicht Ermergencyroom- oder Greys Anatomy-mäßig sondern ganz realistisch und lapidar: Resolute Schwestern, der Kampf um das Delegieren von Aufgaben zwischen Pflege- und medizinischem Personal, röchelnde Zimmernachbarn, recht verantwortungsvolle Oberärzte, Eiter, Blut und Behandlungen, Routine und auch ein bisschen Mitgefühl … alles ganz normale Tätigkeiten auf der Onkologie.

Zwischendurch werden zwar ziemlich grausliche Tierversuche an Schweinen durchgeführt, die ein Tierschützer sicher respektlos finden wird, die aber wahrscheinlich auch oftmals den Alltag im Studium eines Humanmediziners darstellen, insbesondere in der Forschung.

 

In Rückblenden wird die homosexuelle Beziehung der beiden Freunde ein bisschen aufgerollt, aber gemäß dem Stil des Romans nicht paukenschlagend mit einem Outing, sondern einfach, ganz nebenbei, lapidar und selbstverständlich, genauso leise wie vieles in diesem Roman.

 

Ambros hat ein recht kurioses Hobby, beziehungsweise ein finales Projekt. Er fertigt Polaroids seiner Mitpatienten vor deren Tod an, damit sie ohne einen Nachweis ihrer Existenz nicht komplett verschwinden. Dieser Kunstgriff, der auch titelgebend für den Roman fungierte, wirft existenzielle Fragen auf: Was wird von uns bleiben? Wie wichtig ist es, dass sich jemand an uns erinnert, wenn wir nicht mehr existieren?

 

Das letzte Kapitel hat mir schlussendlich dann doch Tränen der Rührung in die Augen getrieben, weil es irgendwie so minimalistisch und wundervoll war. Nach dem Tod von Ambros geht Benjamin in die Pathologie und wäscht die Leiche seines Freundes ganz liebevoll – eine herzergreifende Szene und auch ganz symptomatisch für dieses leise, hintergründige Buch über das Sterben.

 

Fazit: Auf jeden Fall eine absolute Leseempfehlung von mir für diesen Debutroman. Mich wundert es nicht, dass er für den österreichischen Buchpreis 2018 nominiert war.

Spannendes brandaktuelles Justizdrama in mühsamer mittelalterlicher Sprache

Michael Kohlhaas - Heinrich von Kleist

Mein Anstoß, Kleists Drama als Erwachsene erstmals zu lesen, kam übrigens von Marc-Uwe Kling aus seinem Roman Qualityland, der seinen Protagonisten Peter Arbeitsloser mit Michael Kohlhaas verglich, und ich glaube, mein Lesefreund Manuel tat dies auch gleich zu Beginn meiner Statusmeldungen, obwohl er Qualityland noch nicht gelesen hatte. Hier musste ich erstmals feststellen, dass ich dringend und schleunigst eine echte Bildungslücke zu stopfen hatte. Als Österreicherin englische Literatur nicht zu lesen (nicht mal Shakespeare),  halte ich nicht für eine Bildungslücke, wenn mir aber im Deutschsprachigen etwas fehlt, das auch noch in der heutigen Zeit oftmals zitiert wird, muss ich so etwas sofort reparieren...

Puh die Sprache ist wirklich extrem mühsam: Eine Novelle geschrieben um 1800 mit der Sprache des 16. Jahrhunderts. Bei der wenig adäquaten Sprache rede ich übrigens nicht von den verschachtelten Bandwurmsätzen, die sich oft sogar über die ganze Seite des Reclamheftes ziehen - im Gegenteil, so etwas liebe ich sogar und nehme das ganze immer als sportliche Herausforderung an. Ich spreche von den unzähligen mittelalterlichen Vokabeln dieses Justizdramas, die einfach so fern von unserer heutigen Sprache sind, dass sie wie chinesisch anmuten. Auch aus dem Kontext heraus sind sie schwierig zu erraten, da sie des öfteren einen juristischen Hintergrund haben. Ehrlich gesagt, bei einem jiddischen Buch verstehe ich mehr als doppelt so viel. Wenn ich die Sprache nicht gut genug kann, ist mir immer der Lesefluss vergällt, weil ich dauernd soviel nachschlagen muss, das ist auch der Grund, warum ich nicht gerne fremdsprachige Literatur (auch keine englische lese). Wenn so etwas dann auch noch auf ein deutschsprachiges Werk zutrifft, ist es doppelt so unangenehm.

Kein Wunder, warum so viele Schüler es hassen, diese Pflichtlektüre zu absolvieren, denn kein Mensch kann heutzutage diese Sprache. Mir ist die Novelle ja als Liebling des Deutschlehrers ( :-) das war ich wirklich - habe ihn erst vor 2 Jahren anläßlich meines 30jährigen Maturajubiläums getroffen und er schwärmt immer noch von mir als Schülerin) erspart geblieben, denn mein Deutschlehrer war stets zufrieden mit der Auswahl meiner Wahl-Bücher zu den Buchbesprechungen und drückte mir somit nie eine Zwangslektüre aufs Auge, aber ich kann mich vage erinnern, irgendwen in der Klasse hat es mit dem Kleist erwischt.

Nun aber zum Inhalt des Werks, der im Gegensatz zur Spache wirklich außergewöhnlich großartig ist und auch in heutigen Zeiten Jahrhunderte später derart modern anmutet, dass es eine Freude ist. Gerade in der heutigen Zeit als in Österreich und in Ungarn der Rechtsstaat gegenwärtig abmontiert wird, ist das Thema aktueller denn je. (Siehe Staatsanwaltliche Untersuchungen gegen Innenminister Kickl FPÖ, die auf Weisung eingestellt werden, oder Politiker, die im Parlarment brüllen "Niemals haben wir uns damit abzufinden, dass Gesetze uns in unserem Handeln behindern" Dagmar Belakovitsch FPÖ)

Wenn durch Korruption, Unterschlagung von Dokumenten, Freunderlwirtschaft und Rechtsbrüche der Rechtsstaat ausgehobelt wird, darf man sich nicht wundern, dass irgendwann ein Untertan durchdreht, sich dies alles nicht mehr gefallen lässt und zur Selbstjustiz greift.  

So passiert es in einer mittelalterlichen Gesellschaft. Der Pferdehändler Michael Kohlhaas hat Recht in seiner relativ geringfügigen juristischen Angelegenheit gegen den Junker von Troncka, aber da die Verwandten dieses Nichtsnutzes überall an den Schalthebeln der Justiz und der Verwaltung sitzen und sich nicht genieren, diese Ämter auch zu Gunsten des entfernten Verwandten zu missbrauchen, hat Kohlhaas keine Chance. Dabei geht es ursprünglich nur um zwei Pferde, die sich der Junker unerlaubt einverleibt hat. Der Pferdehändler besteht auf seinem Recht, wird zwar irgendwie als starrsinnig und spießig dargestellt, aber wenn man sich die Zeit ansieht, dann waren damals zwei Pferde auch grad keine Petitesse im Vermögen eines Bürgers. Und wenn jemand Recht hat, darf er auch auf diesem Rechtsweg bestehen, die niedrigen Adeligen sind der Gerichtsbarkeit genauso unterworfen, wie alle anderen Bürger. Als die Frau von Kohlhaas so nebenbei lapidar bei der Einreichung eines Bittgesuchs getötet wird und sein Diener zusammengeschlagen, dreht Kohlhaas verständlicherweise durch und greift zur Selbstjustiz, die auch noch recht erfolgreich ein Heer von gewaltbereiten Anhängern findet, denn es ist ziemlich viel faul im Staate Sachsen, in dem die niederen Adeligen meinen, sie könnten sich über das Gesetz stellen und mit den Bürgern machen, was sie wollen.

Von Martin Luther persönlich überredet und durch eine Amnestie vom Kurfürsten pardonniert, legt er die Waffen nieder und bestreitet seinen Rechtsweg erneut. Durch Intrigen der Verwandten von Troncka werden aber alle Abmachungen seitens der Adeligen und der Gesetzgeber durch juristische Finten, Dokumentenunterschlagungen, Fristenverkürzungen, Korruption etc. gebrochen. Mittlerweile sind nicht nur die Tronckas involviert, das juristische Tohuwabohu wird auch noch durch unterschiedliche Zuständigkeiten der Kurfürstentümer Brandenburg  und Sachsen verschlimmert - bis zum Kaiser in Wien geht die Angelegenheit, die natürlich von den Adeligen falsch dargestellt wird und ein Todesurteil für Kohlhaas nach sich zieht.

Am Ende bekommt er groteskesterweise in der Ausgangs-Petitesse Recht - nämlich seine zwei Pferde werden ihm retourniert - er selbst wird jedoch wegen Selbstjustiz zum Tode verurteilt. Der Staatenbund übernimmt keine Verantwortung für die Korruption, die das Leben von Kohlhaas Frau gekostet hat. Ein großartiges, nicht gut endendes Justizdrama, das auch 2019 spielen könnte.

Fazit: Inhalt topmodern - Sprache einfach nicht mehr zeitgemäß und richtig mühsam deshalb 3,5 Sterne. Da ich persönlich immer Inhalt vor der Präsentation bewerte, selbstverständlich auf 4 Sterne aufgerundet.

Bosnische Dorfgemeinschaft vor, im und nach dem Krieg

Wie der Soldat das Grammofon repariert: Roman (Das Besondere Taschenbuch) - Sasa Stanisic

Wow dieser Sasa Stanisic kann wirklich erzählen! Liebevoll präsentiert er uns kuriose Geschichten aus einem kleinen bosnischen Dorf, durch die wir den Protagonisten Aleksander, einen Jungen irgendwo zwischen 10 und 15 Jahren, seine Familie und eigentlich die ganzen Bevölkerung dieses Mikrokosmos kennen und lieben lernen. Dabei geht es um ganz normale Erlebnisse, wie das Leben eben so spielt, es ereignen sich teilweise sehr lustige, entzückende und dann auch wieder unglaublich herzzerreißende Szenen. Ich liebe diese Art von Familiengeschichten. Als Aleksander von seinem Opa einen Zauberhut und einen Zauberstab geschenkt bekommt, wird diese Szene mit folgenden Erklärungen begleitet:

"Im Hut und im Stab steckt eine Zauberkraft, trägst Du den Hut und schwingst Du den Stab, wirst Du der mächtigste Fähigkeitenzauberer der Blockfreien Staaten sein. Vieles wirst Du revolutionieren können, solange es mit den Ideen von Tito konform geht und in Übereinstimmung mit den Statuten des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens steht"


Als Opa ein paar Tage später plötzlich an einem Herzinfarkt stirbt, will Aleksander den toten Opa lebendig machen und macht sich - als es nicht funktioniert - Vorwürfe, dass er die ganze Zauberkraft des Stabes für den Weltrekord von Carl Lewis am Tag vor Opas Tod aufgebraucht hat. - Das ist wirklich herzzerreißend!

Aber auch mit Humoristischem wird bei der Beschreibung des Dorfes nicht gespart. In diesem Roman habe ich eine der groteskesten, geilsten Ehebruchszenen ever gefunden. Der Vater von Aleksanders bestem Freund (Spitzname Walross) kommt zu früh mit seinem Sohn heim, Mutter bläst indes dem Trafikanten einen und wird prompt in flagranti erwischt, Vati ist nur wütend, und wirft dem Trafikanten vor, ihn, der ihm sogar einen Kredit für sein Geschäft gewährt hat, schändlich betrogen zu haben. Er dreht aber völlig durch und packt die Puffn aus, als er merkt, dass der Trafikant beim Tetris seinen Highscore in seinem eigenen Haus auf den ersten 3 Plätzen geknackt und das Kapital von Karl Marx auf den Boden geschmissen hat.  Vati schmeißt beide raus und spielt bis Mitternacht, um diese Schande zu tilgen. Als er damit fertig ist, stapft er mit dem Gewehr zur Wohnung des Trafikanten, zerschießt, als er niemanden mehr antrifft, alle Fenster, trägt sich auch dort im Tetris auf den ersten drei Plätzen ein, schmeißt alle Büche auf den Boden und kackt auf den Teppich. Das nenne ich mal eine gerechte Rache!

Als der Bosnienkrieg ausbricht, dreht sich die heiter-groteske Stimmung des Romans in eine bedrohlich-groteske. Alles wird aus der Sicht des vertäumten Protagonisten kommentiert: das Grauen, die marodierende Soldateska, Tod, Flucht nach Deutschland, Verlorenheit und Sehnsucht, Integration, Frieden und Weigerung zurückzukehren zu diesen Mördern.

Auf Seite 163 war ich dann erstmals nicht mehr richtig glücklich mit diesem Roman, denn ab diesem Punkt verlor er völlig seinen chronologischen Bezug und seine Verankerung - im Prinzip hat er sogar die Mitte verloren. Das begann, als der Autor ein Buch im Buch begann, also die Aufzeichnungen von Aleksander respektive seine Schreibversuche in die Geschichte  einbaute. Was an und für sich in dieser Konstellation schon totaler Mumpitz ist, denn auch alles davor war aus der Sicht und mit der lyrischen Sprache des kleinen Jungen erzählt, die dürftigen Inhalte hätte man leicht davor logisch und chronologisch in den Hauptstrang einbauen können. Also nachdem Aleksander seinen Status als erwachsener und bestens integrierter Deutscher erreicht, beginnt die Geschichte in Fragmenten wieder von vorne, das Dorf vor dem Krieg - der Krieg - nach dem Krieg - und so weiter. Aber damit nicht genug, es werden weitere Schleifen eingezogen. Als die Schreibversuche des Protagonisten zu Ende sind, fährt der erwachsene Aleksander zurück nach Bosnien, um ein Mädchen zu suchen, das er in der ersten Kriegsnacht kennengelernt hat. In Bosnien angekommen gibt es wieder chronologische Schleifen und Rückblenden in das Dorf vor dem Krieg, in die Schicksale der Dorfbewohner während des Krieges und danach. Hier hat sich der Autor nicht mal mehr die Mühe gemacht, zu erklären, wer aus dem Dorf sich denn da tatsächlich in Rückblenden erinnert, es wird einfach unerklärt immer ohne Sinn und Verstand in den Zeiten vor- und zurückgesprungen.

Versteht mich nicht falsch, was die stoboskopartigen Szenen der Vergangenheit und die weder chronologischen noch logisch konsistent eingebauten Fragmente zum Gesamtinhalt beitragen, kann nicht weggelassen werden, weil es so essentiell ist. Teilweise erschließt sich erst jetzt, wie in diesem bosnischen Dorf ehemalige Nachbarn sich plötzlich auf gegensätzlichen Seiten des Krieges befinden, wie sich dieser Hass und die lapidare Grausamkeit gegen die sehr guten Freunde einfach auf Grund von unterschiedlichen Ethnien aufbaut. Diese sehr wichtige Frage im Jugoslawienkrieg, wie man so plötzlich Ressentiments bis zum Hass auf Freunde entwickeln kann, beschreibt das Buch nämlich ziemlich genau zum Beispiel in einer sehr grotesken Szene, als sich zwei ehemalige Schulkollegen plötzlich auf unterschiedlichen Seiten des Schützengrabens befinden und sich im Rahmen eines Fußballspiels während des Waffenstillstandes begegnen. Diese unversöhnlichen Gräben, die nun genau beleuchtet werden, ziehen sich auch durch  Aleksanders Familie, dessen Vater eine Muslima geheiratet hat, und der alleine schon deshalb seine ganzen Verwandten und das Land schleunigst verlassen musste.

Trotz dieser Notwendigkeit der Rückblenden und näheren Erläuterungen hat der Aufbau der Geschichte einfach ziemlich plötzlich komplett den roten Faden verloren und ich als Leserin habe ausgerufen "Kann man das irgendwie ein bisschen ordnen bitte!"

Sogar der Autor wird sehr ambivalent, denn seine Figuren empfehlen genau jene Chronologie beim Geschichtenerzählen, an die sich Sasa Stanisic in seinem Aufbau bedauerlicherweise nicht gehalten hat.
Eine gute Geschichte ist wie unsere Drina: nie ein stilles Rinnsal, sie sickert nicht sie ist ungestüm und breit, Zuflüsse kommen hinzu [...].
Aber eines können weder die Drina noch die Geschichten: Für beide gibt es kein Zurück. Das Wasser kann nicht umkehren und ein anderes Bett wählen [...].


Fazit: Trotz des chrononlogischen Tohuwabhus, das  die gesamte Geschichte aus der logisch-zeitlichen Verankerung  gerissen hat, ziehe ich nur einen Stern ab, denn der Roman ist wirklich grandios erzählt und beleuchtet einen ganz wesentlichen Aspekt genauer, den ich schon immer wissen wollte, und der mir von anderen Autoren noch nie beleuchtet worden ist. Nämlich: Was zum Teufel mit den Menschen untereinander eigentlich im Bosnienkrieg und im Kossovo passiert ist, in dem eine fast 50 Jahre ineinander verwobene integrierte, friedlich zusammenlebende ethnische Gesellschaft einfach so derart implodieren konnte. Auf jeden Fall absolut lesenswert!

Book2moviechallenge Aufgabe 13: Ein Buch zu einer TV-Serie

 

Über das Buch bin ich zufällig bei der Caritas gestolpert, da in einer Lesegruppe Alias Grace durchgenommen wurde und ich neugierig auf die Autorin war. Keine Ahnung warum ein solch feministisches Werk Ende der 80er Jahre an mir als Leseratte so derart vorbeigegangen ist, wahrscheinlich war ich damals grad sehr intensiv in einem Urlaub auf der Scheibenwelt, auf Dune beziehungsweise habe ich möglicherweise nur Phipip K. Dick und Lem verschlungen. Auf jeden Fall habe ich den Roman 2017 mit großer Begeisterung gelesen und auch im Rahmen dieser Book2moviechallenge nun nochmals überflogen.

Als die Serie im selben Jahr meiner Entdeckung des Buchs aber eben ein halbes Jahr danach rauskam, wollte ich sie selbstverständlich unbedingt sofort sehen, aber ich scheiterte am Zugang: What the fuck is HULU? Aha, ein Videoportal, das genau Null meiner Freunde abonniert hatten. So wartete ich auf die DVD beziehungsweise auf eine günstige Gelegenheit, sie zu sehen und da ich lang genug - nämlich bis zur Book2moviechallenge - gewartet habe, gibt es nicht nur Staffel 1 zu bewerten, sondern auch schon die 2. Staffel, die von der Literaturvorlage Margaret Atwoods abweicht, respektive die Geschichte weitererzählt.
Aus diesem Grund gibt es jetzt einen Book2movievergleich mit Staffel 1 und etwas später dann auch eine Rezension von Staffel 2 hier auf dieser Review.


Buch: ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ Sterne
An der originären Buchkritik möchte ich gar nicht viel ändern, weil sie noch nicht lange her ist und ich seither meine Meinung nicht geändert habe:

Diese dystopische Welt der Margret Atwood ist teilweise sehr schwere Kost. Der im Roman dargestellte totalitäre theokratische Überwachungsstaat Gilead im Norden Amerikas hat alle Frauen komplett entrechtet und mit ihnen auch einige Männer.

Die gesamte Gruppe der Frauen ist in mehrere Schichten segregiert, die gemäß der gesellschaftlichen Regeln ordentlich gegeneinander ausgespielt werden: Eine doch relativ privilegierte Schicht der alternden Ehefrauen der wichtigen Kommandanten, die sich mit Luxusgütern vom Schwarzmarkt ablenken, die jungen weiblichen Arbeitssklaven, die Hausarbeiten erledigen und die Dienerinnen, quasi die Fickfetzen, deren einziger Zweck es ist, den alternden wichtigen Kommandanten Kinder zu schenken. Weiters noch die Frauen der armen Bevölkerungsschicht, die entrechtet alle drei Aufgaben (Küche, Bett, eheliche Repräsentation) erledigen müssen und außerhalb der Gesellschaft gibt es noch sterilisierte Prostituierte im Untergrund und ältere Frauen werden als Zwangsarbeiterin zur Beiseitigung von radioaktivem Giftmüll beziehungsweise in der Landwirtschaft eingesetzt.

Eingebettet ist dies alles in ein irres theologisches Konstrukt, einem Staat der zur Bespitzelung aufruft und somit die Bevölkerung zum Exzess treibt und ganz krude moralische Lebens- bzw. Bekleidungsvorschriften entwickelt hat. Zum Beispiel ist alles, das nicht direkt die Empfängnis fördert,  für die Sex-Dienerinnen verboten, das fängt sogar bei der Körperhygiene an. Die jungen empfängnisbereiten Frauen werden sommers wie winters in rote Kutten und weiße Flügelhüte gesteckt, damit sie immobil sind und auch von der Umgebung nichts sehen können, sie haben keine eigenen Namen mehr, sondern heißen so, wie sie als Sklaven-Eigentum leicht identifiziert werden können: Desfred, Deswarren, Desglen = Eigentum von Fred, Warren, Glen. Auf der Straße dürfen sie sich nur kurz und nicht alleine bewegen, im Prinzip sind sie auf ihre biologische Funktion des Gebärens reduziert und völlig entmenschlicht. Dies wird auch noch durch Religion grausam unterstützt und institutionalisiert. Alleine die Szene im Schlafzimmer zu dritt im Bett mit der Ehefrau und dem Kommanden ist widerlich, gruselig und grausam mit dem theologischen Begleitbrimborium regelrecht grotesk.

Nach und nach enthüllt uns auch die Autorin glaubwürdig, wie es zu einer derartigen dystopischen Zukunft kommen konnte. Ein Putsch von Religionsfanatikern setzte zuerst alle Gesetze außer Kraft. Da alle Barvermögen nur noch virtuell vorhanden waren, konnten die Frauen sehr schnell ihrer ökonomischen Selbständigkeit beraubt werden. Ihre Vermögen wurden zuerst auf die Ehemänner übertragen, die sich vorerst gerne korrumpieren ließen und sich zunächst in der Rolle des allmächtigen Totalversorgers nur allzusehr gefielen. Nach und nach wurden dann die einzelnen weiblichen Bevölkerungsschichten Zug um Zug entrechtet. Zuerst nur die jungen ledigen Frauen dann jene, die bereits ihre zweite Ehe eingegangen waren und erst nach und nach die anderen Gruppen. Getreu dem Motto:

"Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte."

wurde die weibliche Bevölkerung ausgetrickst. Vereinzelt auftretende Demonstationen wurden mit einer Spezialpolizei beinhart niedergemetzelt, und so kristallisiert sich in Rückblenden der Weg zur dystopischen Welt heraus.    

Wer in diesem Roman die Parallelen zu George Orwell findet, mag bezüglich Überwachungsstaat Recht haben, ich kann aber dieses Werk als Hauptquelle der Inspiration so gar nicht ganz nachvollziehen, zu sehr unterscheidet sich die Fiktion von Orwell von Atwoods Gedankenwelt. Viel mehr glaube ich, hat sich die Autorin wahrscheinlich von realen Ereignissen und den radikalen Umbrüchen im theokratischen Staat Iran in der 70er Jahren inspirieren lassen. Wer diese Welt nämlich nur als Dystopie sieht, verschließt leider die Augen davor, dass 90% der geschilderten Welt 1979 im Iran und eigentlich schon immer schleichend in Saudi Arabien aber auch bei den Taliban passieren:
Zum Beispiel: Die weibliche saudische Oberschicht, völlig eingespert, als einzige Daseinsberechtigung zum Lebenszweck der Reproduktion geduldet, zwangsverheiratet, in Unbildung und Untätigkeit gehalten und ihre völlige emotionale Leere Luxusartikel shoppend und ihr filipinisches und anderes ausländisch-muslimisches komplett entrechtets Hauspersonal quälend, ertragend. Die Männer, die bei jeglicher Vergewaltigung das Opfer bestrafen dürfen und ohne irgendwelche Grenzen auch Gewalt über Leben und Tod in ihrer Familie und in ihrem Haushalt ausüben können.. Lediglich die Farbe des Ganzkörperkondoms variiert. In Saudi Arabien ist es schwarz, bei den Taliban blau und in der Dystopie der Margret Atwood rot.

Übrigens sehe nicht nur ich dies so, sondern auch die New York Times verglich grad letzte Woche ganz aktuell Saudi Arabien mit der Atwood Dystopie. https://www.nytimes.com/2017/05/24/opinion/why-saudi-women-are-literally-living-the-handmaids-tale.html?_r=0

Da gruselt es mich ob der prophetischen Wirkung dieses Werkes und eigentlich der genauen Bechreibung der Realität, wenn man sich denn wirklich auf den Vergleich einlassen will und nicht immer verdrängt, dass diese Welt weit weit weg ist bzw. utopisch sein möge.
Fazit: Harte Kost, teilweise schwer zu ertragen, aber sehr lesenswert.

Serie Staffel 1:  ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️+ Sterne

Die erste Staffel hält sich recht genau an die literarische Vorlage, nur die Kommandantenehepaare wurden für meine Begriffe im Roman ein bisschen älter geschildert, als sie dargestellt wurden, das störte mich aber nicht wirklich. Auch die Entwicklung von unserer Welt zu dieser dystopischen  Zukunft wurde in Rückblenden quasi als Gedankensplitter und Erinnerungsschlaglicher der Vergangenheit von Desfred ausgezeichnet umgesetzt und beschrieben. Man kann ja nicht alle Hintergrundinformationen eines Romans in einem Film aus dem OFF erklären, ansonsten wird er zu langweilig, aber die Erinnerungen Desfreds und Andeutungen der Frauen über die Vergangenheit reichen aus, um das Bild genauso wie im Roman zu zeichnen, wie es zu dieser Gesellschaft kommen konnte. Nur die Frauen aus armen Familien, die entrechtet alle Funktionen (sowohl Küche, Bett und eheliche Repräsentation) ausüben müssen und die Frauen aus den Kolonien werden nicht gezeigt, denn sie haben in der Erlebniswelt der Desfred keinen Platz.

Ansonsten arbeitet der Film richtig grandios mit den visuellen Effekten. Das Grün der Wiesen, das Rot der Uniformen, das Rot des Blutes auf dem Schnee und im Abwaschwasser, das in Zeitlupe in Schwällen in den Fluss schwappt, wenn die Mägde die Spuren der Hinrichtungen wegwischen, um die Straßen für einem Staatsbesuch aus anderen Ländern vorzeigbar zu machen. Abartig! Großartig! Die trübe düstere Stimmung in den Häusern, das Sonnenlicht, das nur in einzelnen Stahlen in die feinen altbackenen Villen fällt. WUNDERVOLL diese Stimmung!!!

Die performerische Leistung aller Schauspielerinnen ist in diesem Setting auch extrem gefordert, denn Frauen in ihrer Rolle sollten ja tunlichst demütig sein, den Mund halten und ihre Aufgaben erledigen. So sind die Dialoge eher selten, auf jeden Fall nicht im Fokus, auf geflüsterte und gezischte Fragmente reduziert. Aus diesem Grund muss sich viel in den Gesichtern abspielen und was soll ich sagen, jede weibliche Darstellerin macht das so abartig gut, dass es eine Freude ist. Abscheu, Demut, versteckte Rebellion, Trauer, Entsetzten, Freude, Mordgier, Wahnsinn, all das sieht man so genau in feinen Nuancen der Mimik aber nicht übertrieben auf diesen ungeschminkten Gesichtern der weiblichen Rollen. Besonders hervorheben möchte ich hier Elisabeth Moss als Desfred, Alexis Bledel (die Rory Gilmore) als Desglen, Madeleine Brewer als Deswarren und Samira Wiley als Moira. Aber auch die Frauen der Oberschicht wie die Frau des Kommandanten und Tante Lydia werden grandios verkörpert. Fast schon zwangsläufig spielen alle weiblichen Rollen ihre männlichen recht farblosen Pendants sehr grausam an die Wand, was bei diesem Setting natürlich auch von mir gefordert wird.

Auch die Musik wird punktgenau eingesetzt, am Ende jeder Folge, werden Lieder aus der Vergangenheit in der Stimmung passend zum jeweiligen Finale der Szene plaziert.

Am Ende der ersten Staffel fehlt im Gegensatz zum Buch die letzte Szene, als nachträglich die Aufzeichnungen von Desfred analysiert werden, aber diesen Abschluss hat man sich aufbehalten, um noch eine zweite Staffel drehen zu können. Selbst Margaret Atwood hat im Making of behauptet, auch sie wisse selbst gerne, wie das etwas offene Ende ihres Romans - wie also die Geschichte weitergeht. Ich hoffe inständig, in der 2. Staffel wurde sie beauftragt, hier an der Entwicklung des Plots mitzuarbeiten, denn die 2. Staffel soll ja genau das durchführen, den Roman von Margaret Atwood weitererzählen.
Fazit Serie: Ein must see auch für Literaturfans, denn hier kann man als Bücherwurm auch mal in der Realität beobachten, wie eine literarische Vorlage perfekt umgesetzt wurde. Ich habe mich keine Sekunde gelangweilt, bin ob der Bilder und der schauspielerischen Leistung stark beeindruckt. Witzig was für eine Qualtität heutzutage diese Videoportale bei Eigenproduktionen hervorbringen, da kann sich Hollywood verstecken.

Buch gegen Serie: Jetzt ducke ich mich gleich, denn ich sehe die Serie um eine Nuance besser als das Buch. Sie hat alle Vorteile der grandiosen literarischen Vorlage genutzt, nichts wesentliches verloren und optisch durch das visuelle Medium und die grandiose Leistung des gesamten Casts ein Schäuferl Genialität draufgesetzt.

Durch die Gästebetten von Paris - mit Einblick in den soziokulturellen Nukleus der Grande Nation

Das Leben des Vernon Subutex 1: Roman - Virginie Despentes, Claudia Steinitz

Im Zentrum dieses sehr zynischen Einblicks in die französische Gesellschaft steht Vernon Subutex, ehemals Inhaber eines Plattenlandens, den als Technologieverlierer der Internet-Onlinehandel aus seinem Job und seiner Kernkompetenz gefegt hat. Nun ist seine Expertise nicht mehr nützlich, er wird durch die Umstände zu wenig brauchbarem Menschenschrott, eine Weile hält er sich noch durch die Sozialhilfe über Wasser, aber irgendwann ist auch damit Schluss, er verliert diese und damit auch postwendend seine Wohnung.

Durch diese Plotwendung erzeugt die Autorin Virginie Despentes einen guten, gleichsam zwangsläufigen Überblick über unterschiedliche Prototypen der französischen Gesellschaft mit ihren Lebenskonzepten und Schicksalen, denn aus der Not heraus mit einer hanebüchenen Ausrede auf den Lippen quartiert sich Vernon kurzfristig bei sehr vielen seiner Kumpels aus seinem ehemaligen riesigen Freundeskreis ein. Um niemanden zu sehr zu strapazieren und auch durch sehr dumme Aktionen von Vernon, sind diese „Notschlafstellen" nur Intermezzi beziehungsweise Übergangslösungen und machen den Roman dadurch zwar nicht zum Road-trip, denn Vernon besitzt kein Auto, sondern zum innerstädtischen Pflasterspektakel.

Sehr viele von Vernons Freunden haben sich seit den alten unbeschwerten Zeiten von Sex, Drugs and Rockn‘ Roll in Vernons Plattenladen enorm verändert. Viele laufen entweder ihrer verlorenen Jugend nach, haben sich selbst verraten, oder sind gestorben wie die Fliegen, einige haben ihren sich in der Teenagerzeit abzeichnenden Arschlochcharakter einfach noch um ein Vielfaches vertieft, manche sind in ihrer jugendlichen Unruhe und Suche nach sich selbst noch immer steckengeblieben und haben sich verloren. Wie bei einem Kaleidoskop zeichnet Despentes die unterschiedlichen Archetypen des intellektuellen Mittelstands: Der erfolgreiche Sänger Alex, der an seinem Ruhm zerbrach und gestorben ist, der rechte nationalistische wenig erfolgreiche Drehbuchautor Xavier, der eine reiche Frau geheiratet hat, die ihn verachtet, eine Online Reputationsmanagerin, genannt die Hyäne, die in Wahrheit ja nur die geschönte Bezeichnung einer Schmutzkübelcampagnisiererin verkörpert, zwei ehemalige Pornodarstellerinnen, wobei eine es geschafft hat und die andere auch schon gestorben ist, Sylvie eine Frau die Vernon im Gegenzug für ein warmes Bett gebumst hat, und die nach Vernons Laufpass zu einem Facebook Racheengel mutiert, ein sehr erfolgreicher Filmproduzent, Gaelle, die sich noch immer bei wohlhabenden Irren durchschnorrt und Vernon mitzieht und so weiter und so fort.

Die Autorin fährt ein Potpourri des Zynismus auf, in dem wie beiläufig viele moderne Themen gestreift und durchphilosophiert werden, Sex, Porno, Drogen, Ehe, Familie, Politik, Links und Rechts, der Sozialstaat, neue Technologien, Wohlstandsverlierer, Kapitalismus, Reichtum, Hedonismus, Egoismus, Tierliebe, Eifersucht, Wahnsinn, ... Alle diese einerseits zeitlosen als auch in der Sicht der modernen Welt neuartigen Ausprägungen des Menschlichen werden aufgefahren. Keine Figur – nicht mal Vernon - ist wirklich sympathisch alle tragen eine gehörige Arschlochkomponente zur Schau.

In ihrem Zynismus der Misanthropie erinnert mich die Autorin frappant an …. na an wen? -  an einen handwerklich besseren und moderneren Houellebecq, der nicht vor 20 Jahren in seiner schriftstellerischen Entwicklung steckengeblieben ist, einfach sorgfältiger recherchiert, sich keine so sagenhaften technologischen und logischen Schnitzer leistet und der nicht ausschließlich seinem Sexismus und dem Faible für Skandale frönt. Das ist insofern sehr witzig kurios, da man meinen könnte, Houelle wäre in diesem Fall in den Geist und den Körper einer Frau geschlüpft. Stellt Euch das mal praktisch vor, das wäre wirklich die Hölle für ihn!

„Sie hat nie verstanden, was junge Mädchen daran finden, mit älteren Männern zu schlafen. […]„Männer ihres Alters stoßen sie ab, ihre Eier hängen herab wie sklerotische Schildkrötenköpfe. Sie könnte kotzen, wenn sie sie anfassen muss."

„Internet ist für Eltern so, als würde man dir dein Kind rauben, noch bevor es lesen kann.“

„Er steht hier und kauft ein, anstatt zu arbeiten, weil Madame nicht will, dass man sie für ein Dienstmädchen hält, aber die dreckigen Faulenzer von Kanaken hängen draußen rum, ohne einen Finger krumm zu machen. […] Zusammen mit den Arbeitslosen, denen die Stütze in den Arsch geschoben wird, sitzen sie den ganzen Tag im Cafe, während ihre Weiber schuften. Die machen nicht nur alles im Haus, ohne zu jammern, und gehen arbeiten, um ihre Kerle durchzufüttern, sie müssen sich auch noch einen Schleier umhängen, um ihre Unterwerfung zu demonstrieren. Das ist doch Psychoterror! Alles nur, damit der französische Mann merkt, dass er nichts mehr wert ist.“


Alle Figuren sind detailgetreu tiefgründig mitsamt ihrer Geschichte und den Einstellungen zum Leben entwickelt und irgendwie miteinander verwoben. Man hat das Gefühl, Paris ist nicht viel mehr als ein kleines Dorf, vor allem was Vernons Kohorte betrifft. Das letzte Interview des berühmten Sängers Alex, das in Vernons Besitz sein soll, spielt auch eine Rolle, warum sich so viele Menschen mit diesem Verlierer überhaupt abgeben wollen. Am Ende des ersten Teils ist Vernon ganz unten, nämlich nicht nur ohne Wohnung sondern richtig obdachlos draußen auf der Straße angekommen und kann auch von dort einen Bericht über den Zustand dieser französischen Subkultur abgeben.

Fazit: Ich persönlich bin sehr begeistert, muss aber anmerken, dass dies nicht unbedingt ein Werk für alle ist, denn es ist beinharter Tobak. Wer Zynismus, Bösartigkeit, Menschenfeindlichkeit und grenzenlosen Pessimismus bezüglich der Gesellschaft schwer erträgt, sollte die Finger davon lassen. Denn zumindest im ersten Teil hat die Autorin jeden Funken der Hoffnung mit der Perfidie einer Göttin in ihrem fiktiven bitterbösen selbstkonzipierten Mirkoversum namens Paris ausgeblasen. Wundervoll, genial, großartig und absolut lesenswert. Für mich schon im Jänner ein erstes Highlight des Buchjahres.

Ich will auf jeden Fall unbedingt wissen, wie es weitergeht!!!!

Das Leben als Domestikenkreuzworträtsel

Ich war Diener im Hause Hobbs: Roman - Verena Roßbacher

Ja dieser Roman war tatsächlich ein ganz kleines bisschen mühsam, aber kennt Ihr den Unterschied zwischen einem Buch, das ausschließlich anstrengend ist und einem, bei dem sich am Ende alle Mühe gelohnt hat? In die Kategorie fällt nämlich punktgenau diese Geschichte. Alle Rätsel lösen sich am Ende auf, die Handlungsstränge werden entwirrt, aufgeklärt und genau zusammengeführt. Wie bei einem gut gelösten Kreuzworträtsel fallen die Buchstaben in die richtige Reihe, das Losungswort poppt auf und das Gesamtbild wird sichtbar.

 

Die Beschwerlichkeit des Romans ist übrigens von der authentischen Sorte und liegt am Protagonisten, dem Butler Christian Kaufmann genannt Krischi. Krischi ist nicht wirklich sympathisch, er ist nebulös und nichtssagend, denn er hat kaum Persönlichkeit, er ist ein exzellenter aktiver Verdränger, der sogar aus der Vergangenheit nur Fakten mitnimmt, die sein Weltbild nicht allzu sehr erschüttern, er checkt mitten im Auge eines Hurrikans und des Geschehens so gut wie gar nichts, obwohl sogar unbeteiligte Dritte alles mitbekommen und schon mit dem Zaunpfahl winken. Krischi bleibt stoisch, uninvolviert, neutral, respektive feige – ein richtiger Mehlwurm. Da der Leser ausschließlich aus der Sicht von Krischi ins Geschehen der Geschichte eintaucht, ist durch diesen Charakter der Plot oft verwirrend und lückenhaft, aber eben auch authentisch.

 

Als der im österreichischen Kleinstadtmilieu Feldkirch geborene junge Mann nach der Butlerschule bei der reichen Züricher Familie Hobbs zu arbeiten beginnt, ist er sogar bereit, wegen einer marginalen Namensgleichheit in der entfernten Verwandtschaft seinen Namen abzulegen und sich fortan Robert zu nennen, um Verwechslungen vorzubeugen. Die Familie Hobbs ist ein recht guter Arbeitgeber: reich, großzügig, freundlich, sehr hedonistisch, aber auch etwas verkorkst. Der erfolgreiche Businessmann Hobbs hat einen Zwillingsbruder, der auch im gemeinsamen Haushalt mit den Kindern lebt und möglicherweise eine Affäre mit seiner Schwägerin hat. Aber Krischi denkt nicht einmal eine Sekunde darüber nach, er hält sich wie immer aus allem raus. Frau Hobbs ist überhaupt so ein Typ Marke verwöhntes, wunderschönes, gepflegtes und sehr unkompliziertes Weibchen, das sich jeden Mann nimmt und einverleibt, der nicht bei drei auf den Bäumen ist. Eine Frau, die die Männer reihenweise ins Verderben stürzt, weil sie sich in sie verlieben, während sie schon wieder wie ein Schmetterling von Blüte zu Blüte flattert. Was sie wirklich bei ihrem Mann hält, findet der Leser nie heraus, denn Robert/Krischi hat sich nie Gedanken darüber gemacht, wahrscheinlich ist es der angenehme reiche und opulente Lebensstil, den der Ehemann gewährleisten kann.

Irgendwann kollidieren die berufliche und die private Welt von Krischi genannt Robert.

 

Als Frau Hobbs mit ihm in seine Heimatstadt Feldkirch fährt, seine besten Freunde Olli, Isi und Gösch kennenlernt und mit einem von ihnen eine Affäre beginnt, entwickelt sich ein unabsehbares episches Drama, das aus der Vergangenheit und dieser unangenehmen Situation resultiert und in einem tödlichen Finale gipfelt. Dabei wollte Krischi immer sein Privatleben von seinem Butlerjob trennen. Auch in dieser Situation versucht er, sich anfänglich rauszuhalten, bis diese „Kopf in den Sand“-Strategie nicht mehr funktionieren kann, da er persönlich und auch seine Freunde viel zu sehr involviert sind. Als er endlich aktiv wird, setzt er gemäß seiner Rolle als Dilettant in Beziehungsangelegenheiten genau die falsche Aktion und macht sich auch noch mitschuldig an dieser Tragödie, die er weder verursacht hat, noch kontrollieren kann.

 

Wie schon gesagt zwischendurch war ich schon sehr irritiert über das verworrene Beziehungsgeflecht, das die Autorin zwischen der Familie Hobbs und den Freunden von Krischi inklusive Anspielungen auf die Vergangenheit spinnt. Aber im Endeffekt entpuppt sich die Geschichte gleichsam als griechische Tragödie, die einfach nicht aufzuhalten ist.

 

Stilistisch haben mir sowohl die Sprache als auch der ab und an aufblitzende Humor in der Story sehr gut gefallen. Die Autorin macht zum Beispiel ziemlich respektlos und genial ihre humoristischen Anmerkungen zu den typischen literarischen Werken, die man so in der beginnenden Adoleszenzphase liest und probiert. Da werden Hesse, Max Frisch, Marlen Haushofer, Franz Kafka, Albert Camus und Thomas Bernhard beziehungsweise die typische jugendliche Beschäftigung mit diesen Werken ganz köstlich durch den Kakao gezogen.

 

So liefert Krischis Freund Gösch zum Thema James Joyces Ulysses folgende Aussage im Rahmen eines Referats ab:

Man vermutete in ihm einen ausgebufften feindlichen Ausländer und in seinen Schriften wichtige Marschanweisungen fürs feindliche Ausland, die aber offensichtlich so unentschlüsselbar waren, dass auch das feindliche Ausland fassungslos davorsitzen würde. […] Tatsächlich aber blättert man ja bis heute ratlos im Ulysses und rätselt, was er da eigentlich ausspioniert hat. Er war gar nicht so avantgardistisch, wie alle immer denken, Ulysses war einfach der missglückte Versuch, militärische Strategien zu verschlüsseln.

 

Peter Handke wurde einmal gefragt, ob er nicht eine Lesung machen wolle in Feldkirch, er sagte, „Ach wissen Sie, ich habs schon schwer genug in meinem Leben.“

Alle Figuren sind sehr detailgetreu, tief und liebevoll entwickelt. Oft fragt man sich als Leser, was die von der Autorin ausschweifenden Einzelheiten zu den Personen überhaupt mit der Geschichte zu tun haben, aber im Finale des Romans sind sie tatsächlich wesentlich, das erschließt sich erst ex post. Auch die extrem genau skizzierten und breit angelegten Nebenfiguren ergeben schlussendlich einen Sinn, denn sie sind die einzigen, die als Außenstehende die reale Situation überblicken und liefern letztendlich die letzten Anstöße zur Auflösung der offenen Fragen.

 

Ein kleiner Umstand hat mich dennoch in der Endabrechnung des Romans gestört. Die Autorin kündigt quasi von der ersten Seite der Geschichte beginnend die große Tragödie unentwegt inflationär immer wieder an. So etwas nervt mich enorm. Ich lasse mich gerne überraschen, und diese effektheischende Einpeitschung durch Spoilern kann ich gar nicht leiden. Wahrscheinlich ist dieser für mich unangenehme Stilgriff jedoch dem Umstand geschuldet, dass die Geschichte schon über weite Strecken ein bisschen verwirrend ist, und andere Leser bei der Stange halten soll, den Roman nicht vorzeitig abzubrechen.

 

Fazit: Ein verworrenes sehr vielschichtiges Beziehungsdrama, das ein bisschen Durchhaltevermögen erfordert, das aber wie bei einem guten Krimi oder einem guten Rätsel durch die Aufklärung aller Hintergründe dann ziemlich genial finalisiert.

Ich war Diener im Hause Hobbs von Verena Rossbacher ist 2018 im Verlag  Kiepenheuer & Witsch in Hardcover-Ausgabe erschienen. Nähere Infos zum Buch über einen Klick auf das Cover im Beitrag oder auf der Verlagsseite.

Sa-Tierische Schreibversuche

Menschen, Tiere und andere Dramen: Warum wir Lämmer lieben und Asseln hassen - Peter Iwaniewicz

Der Autor Peter Iwaniewicz hat es schon schwer mit mir, denn ich habe im August hier im Blog bereits Helmut Höges Werk Die lustige Tierwelt und ihre ernste Erforschung sehr begeistert rezensiert und der Stil wie auch die Intention beider Sachbücher ist sehr ähnlich: nämlich dem Leser populärwissenschaftlich, humorvoll und über den Tellerrand der Biologie hinausgehend, die Welt der Tiere nahezubringen. Ein Leser auf lovelybooks nannte dieses Konzept Sa-Tiere, was eigentlich kurz, knackig und in einem Wort punktgenau beschreibt, worum es sich handelt.

 

Nun ist bei einer ähnlichen Idee der erste Vertreter und Vorreiter nicht immer der bessere, aber in diesem Fall gilt bedauerlicherweise diese Regel, wobei ich mich tatsächlich sehr bemüht habe, die beiden Werke sehr fair und objektiv miteinander zu vergleichen und den Neuigkeitsbonus von Höge nicht in die Beurteilung einfließen ließ.

 

Menschen, Tiere und andere Dramen beginnt schon mal sehr vielversprechend. Der Einstieg von Iwaniewicz bezüglich seines Werdegangs als Biologe war sehr gut, aber ab dem Zeitpunkt, als er zu den eigentlichen Tieren kommt, flacht das Geschriebene ganz schön ab. Auch wenn es vom Stil her sehr ähnlich wie Helmut Höges Tierwelt daherkommt, ist dieses Sachbuch aber bei weitem nicht so brillant und witzig geschrieben.

 

Der Autor verliert bei seinem humoristischen fächerübergreifenden Rundumschlag, den ich als populärwissenschaftlichen Stil im Prinzip immer sehr schätze, da er die Kernmaterie aufpeppt, bedauerlicherweise total den Fokus auf sein eigentliches Thema Tier. Da geht es zwei Seiten lang um die weibliche menschliche Brust, dann auch noch um die humanoiden männlichen Penisvarianten und anschließend kapitelweise um Kunst, in der das Tier nur die Rolle des dargestellten Opfers einnimmt – das ist nur mäßig spannend aus der Sicht der tierischen Biologie. In der Intention witzig zu sein und sukzessive fächerübergreifend von Kalauer zu Kalauer zu galoppieren, hat der Autor sich verirrt und seinen eigentlichen Weg, seine Kernkompetenz und seinen Bezug zum Thema Tier ganz schön verloren.

 

Zudem leidet natürlich auch noch die konsistente Struktur durch die Sprünge in Siebenmeilenstiefeln von Witz zu Witz und durch die Fächer . Er hat sich zu Beginn kein Gerüst gebaut, wie er methodisch vorgehen will, sondern plaudert nur ganz unstrukturiert dahin. Somit bleibt erstens beim Leser sehr wenig hängen, bis auf die störenden Ärgerfaktoren, und wenn man nochmals etwas nachschlagen will, findet man es einfach nicht mehr in dieser sequentiellen Wurst von witzigen Fakten. Auch da hat sich Höge mehr überlegt, denn zusätzlich zum Umstand, dass er immer wieder zum Fokus Tier zurückkehrt, hat er sein Sachbuch thematisch auch noch in Form eines alphabetischen Registers strukturiert, was vor allem dem Leser sehr viele Ankerpunkte bietet.

 

Fazit: So bleibt noch zu sagen, dass dieses Werk über die Oberflächlichkeit, Unstrukturiertheit und Zerrissenheit wahllos aneinandergereihter Zeitungskolumnen (die der Autor ja tatsächlich schreibt) nicht hinauszugehen vermag und das ist mir für ein Sachbuch, das mich begeistern soll, einfach zu wenig.