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awogfli

Awogfli - Bookcroc

Ich bin Buchgourmet und Buchgourmand quer durch viele Genres

Ich lese gerade

Die Stadt der Träumenden Bücher
Walter Moers, Dirk Bach
BETA…civilisations volume 1
Jens Harder
Gletschergrab: Island Thriller
Arnaldur Indriðason

Der Stromkrieg: Edison - Westinghouse - Tesla

Die letzten Tage der Nacht - Graham Moore, Kirsten Riesselmann

So liebe ich das Genre des historischen Romans: Eine im Kern wahre Geschichte, die fast an einen Thriller herankommt, eine Prise Fiktion, ein bisschen Wissenschaft, wundervoll entwickelte Figuren, ein spannender Plot, angenehme Sprache und einen Krieg der Theorien eigentlich der Erfinderpersönlichkeiten Edison – Westinghouse – Tesla – der Stromkrieg, der Ende des 19. Jahrhunderts ganz Amerika in Atem hielt.

Der Autor Graham Moore berichtet die Story aus der Sicht des jungen Anwalts Paul Cravath, der in seiner Funktion des Rechtsvertreters von George Westinghouse genauestens seinen Auftraggeber, alle potenziellen strategischen Partner, alle Hinderungsfaktoren, die Finanziers im Hintergrund wie z.B. J.P. Morgan und selbstverständlich den Hauptgegner Edison, den es zu bekämpfen gilt, tiefgehend mit all seinen Stärken und Schwächen strategisch klug und relativ objektiv analysiert. Dabei bleibt die Hauptfigur Paul als treffender Beobachter am Rande über weite Strecken des Buches zwar ein wesendtlicher Akteur des Geschehens, tritt aber als fühlende tiefgründige Persönlichkeit im Roman etwas in den Hintergrund, was mich gar nicht gestört hat, da es ihn als leidlich objektiven Beobachter aus dem sehr emotionalen Ränkespiel der Erfinderpersönlichkeiten herausnimmt. Erst als Cravath als Kollateralschaden einer Brandstiftung fast getötet wird, ändert sich seine analytisch-neutrale Position dramatisch, und er wirft sich voller Emotionen mit eigenen Interessen ins Gefecht der Erfinder.

Wundervoll werden zuerst alle zentralen Figuren des Stromkrieges installiert. Die für den Anwalt relevante Ersatzvaterfigur George Westinghouse, der Paul als sein erster Mandant die Chance gibt, sich auf dem Parkett der Juristerei einen Namen zu machen, der das Konzept des Wechselstroms vertritt und visionäre Ideen auf den Boden der Tatsachen bringt, indem er sehr gerne reale Produkte baut. Nikola Tesla, ein genialer Visionär mit monkhaften Zwangsstörungen und teilweise wahnhaften Schüben, in denen er am laufenden Band Ideen entwickelt, die seiner Zeit meilenweit voraus sind. Und zuletzt Thomas Alva Edison, ein weiterer diametral entgegengesetzter Erfindertyp, der mit einem großen Ingenieursteam im Sinne der kontinuierlichen Verbesserung so lange probiert, bis sich ein Erfindungsproblem auf irgendeine Weise technisch und wirtschaftlich vertretbar relativ gut lösen lässt. Der also im Prinzip das moderne Innovationsmanagement erfunden hat. Flankiert noch von den Persönlichkeiten des J.P Morgan, als Banker ein beinharter Rechner und Strippenzieher im Hintergrund, Mr. Brown, ein Fanatiker, der unbedingt den elektrischen Stuhl einführen will und Agnes, die große Liebe von Paul.

   "Offenkundig beherrschte Tesla das Rohmaterial der Sprache durchaus – Wörter und kurze Sätze -, agierte beim Anwenden komplexer Sprachbestandteile – Grammatik und Satzbau- allerdings vollkommen beliebig. Es war als werfe Tesla sämtliche Wörter, die er zu einem bestimmten Thema kannte, hoch in die Luft und ginge dann weg, ohne abzuwarten, wo sie landeten“

Als der Stromkrieg voll ausbricht, werden von fast allen beteiligten Hauptprotagonisten Hemmungen und Skrupel komplett über Bord geworfen, da werden Hunde und Pferde mit dem Stromsystem von Westinghouse coram publicum gegrillt und gemeuchelt, nur um ihn zu diskreditieren, da bricht auch der brave Rechtsverdreher Paul in Büros ein, um Industriespionage zu begehen, da werden von irgendwem Mordanschläge verübt, und alle belügen und betrügen sich gegenseitig mehrmals massiv um Geschäftsanteile und brechen viele schriftlichen Verträge. Lediglich Nikola Tesla bekommt in seiner Naivität nichts mit und ist letztendlich das eigentliche Opfer der verwickelten Ränkespiele.

Am Ende der Geschichte gibt es sowohl für jene, die den historischen Ablauf nicht genau kennen, als auch für alle anderen eine überraschende fiktionale Wendung. Aber mehr möchte ich nun nicht mehr spoilern. :-)

Normalerweise fragt sich jeder historisch interessierte Leser am Ende eines Romans, wie viel und was genau bei so einer Story auf Fakten basiert und welche Teile halb oder völlig fiktional sind. Auch hier hat der Autor im Nachwort wundervoll Abhilfe geschaffen. Er erklärt genau seine Quellen, welche Teile auf Fakten beruhen, wo ziemlich gesicherte Vermutungen in den Plot einflossen und was genau komplett erfunden ist. Weiters beschreibt er detailliert, an welchen Stellen er im Roman Veränderungen im Zeitablauf – im Vergleich zu den historischen Daten – vorgenommen hat. Bravo!! Sehr witzig und außerordentlich überraschend fand ich den Umstand, dass auch die Hauptfigur Paul Cravath und seine Angebetete Adele als historische Persönlichkeiten tatsächlich in dieser Story mitspielten. Ich dachte eigentlich, dass sie frei erfunden sind. Als offensichtlich wichtige Akteure des New Yorker Society-Lebens hätte ich gerne auch mal einen Roman oder eine Biografie über diese beiden gelesen.

Fazit: Eine absolute Leseempfehlung von mir für diesen grandiosen Pageturner – ich finde ausnahmsweise gar nichts zu kritisieren. In Anbetracht der Tatsache, dass der Autor normalerweise Drehbücher schreibt, freue ich mich auch schon sehr auf den Film.

Weniger Krimi, aber viel Witz und Biss

Volksfest - Rainer Nikowitz

Hab ich mal gesagt, dass ich mit Dennis Scheck übereinstimme, der das Genre des Regionalkrimis als Bassena der Belletristik bezeichnet hat? Ok ich muss meinem früheren Selbst widerspechen, denn dieses Buch hat mich ganz vom Gegenteil überzeugt....

Das Werk von Rainer Nikowitz glänzt mit Sprachwitz, grandios gnadenlose Wuchteln* prasseln gleich einem Maschingengewehrfeuer auf den Leser ein, auf den ersten zwei Seiten kleben bereits 10!! Post-iTs, nur um meine Highlights zu markieren - Wahnsinn! Mein Mann hielt mich fast schon für verrückt, weil ich im Bett lag und Tränen lachte. Wenn einige Rezensenten die Schachtelsätze und die gewöhnungsbedürftige Sprache bemängeln, dann bin ich entzückt und total hingerissen. Knackige Anekdoten, wundervolle Methaphern, Allegorien und Seitenhiebe auf wichtige vergangene Ereignisse aus Politik, Kultur und Kriminalfällen und sensationelle Wortkreationen zeichnen den Stil des Autors aus. Hier einige Beispiele:

"30 hochmotivierte Niederwildniedermetzler"=  Jäger in Niederösterreichs Flachland (dort gibt es kein Hochwild)

"In Suchaneks Augen leuchtete ein beeindruckendes Morgenrot. In denen seiner Mutter kondensierte langsam der Zorn."

"Keine Geschwindigkeitsbegrenzung, keine Ortstafel, kein Zebrastreifen, gar nichts vermochte Suchanek zu bremsen. Auch nicht das weiße Kreuz, das knapp vor Wulzendorf an jenem Kirschbaum angebracht war, an dem der Lengauer Edwin und sein GTI, unzertrennlich wie immer, ihre Leben ausgehaucht hatten."

"Andererseits ist es ja Allgemeingut, dass es der Einbrecher als solcher gemeinhin eher weniger schätzt, wenn sich im Zielobjekt noch ein Subjekt befindet."

"Bisher war Suchanek eigentlich immer davon ausgegangen, es könne keinen schlimmeren Job geben, als Gesangslehrer vom Hansi Hinterseer zu sein. Jetzt musste er allerdings einräumen, dass die Vorstellung, in einer trüben Algenbrühe, in der man wahrscheinlich keinen Meter weit sah, nach einem halbverfaulten Kopf zu tasten, dem hohen C vom Hansi zumindest nicht viel nachstand."


Ich weiß schon, der Humor ist etwas ganz Spezielles, aber für mich war er maßgeschneidert, vor allem weil ich ja genau in diesem Bundesland lebe.

Der Krimiplot ist zwar nicht durchsichtig aber auch nicht wirklich richtig spannungsgeladen.  Da jeder im Buch, so wie es in Niederösterreich am tiefen Land üblich ist, zwei Namen hat - nämlich den Hausnamen und den richtigen Familiennamen - und diese abwechselnd eingesetzt werden, entsteht beim lustigen Mörderraten eher unnötige heillose Verwirrung als dass Freude aufkommt. Fakt ist aber, dass dies exakt der Realtität entspricht. Jedes Mal, wenn ich am Land umgezogen bin, musste ich auch die Hausnamen mühsam zu den eh schon fremden Personen und Namen dazulernen. Für den etwas zu gemächlichen Krimiplot muss ich mit Bedauern einen Stern abziehen, da bin ich immer sehr puristisch und streng, als Heimatkomödie mit mehreren zufällig auftauchenden Leichen hat sich dieser Roman jedoch allemal fünf Sterne plus verdient.

Fazit:: Wundervoll - Schmähätzungssäuregrad des Textes gefährlich mit Verdacht auf Lach-Bauchmuskelkater


*Eine Wuchtel ist ein Scherz der so heftig so witzig, tief und manchmal auch dreckig ist, dass er wie ein Fussball mitten in Dein Gesicht klatscht - die Bezeichnung Wuchtel kommt sogar aus dem Fussball, wurde aber in Österreich bald auf jedweden wirkungsvollen Scherz im Bereich der Ironie aber auch in tieferen Gefilden angewendet. Auf jeden Fall fällt Dich die Wuchtel schmähmäßig wie einen Baum und lässt Dich lachend und hilflos am Boden liegen.

Hosentaschenratgeber für nachhhaltiges Essen

Ich koche, also bin ich - Rudi Obauer, Klaus Kamolz

Der kleine Band, der fast in jede Hosentasche passt, ist definitiv kein Kochbuch, sondern ein interessanter Ratgeber, wie man nachhaltig essen, einkaufen, leben und kochen kann aus der Sicht von Starkoch Rudi Obauer.

Dabei propagiert der Autor ohne Moralinsäure einen umweltbewussten, nachhaltigen, selbstbestimmten und dennoch genussorientierten Umgang mit dem Thema Essen und alles was damit zusammenhängt: Wie wird der Konsument von der Nahrungsmittelindustrie beim Einkauf manipuliert und wie kann man sich selbst vor den Psychotricks der Unternehmen schützen, wie sollte eine Küche eingerichtet sein, welche Geräte sind unnütz, wie koche ich saisonal und umweltverträglich, wie lerne ich den für mich richtigen Genuss zu finden, wie bewirte ich Gäste, wie wirkt sich Stress auf das Geschmacksempfinden aus etc. Gewürzt ist dieser Lebensratgeber nicht nur mit guten Tipps sondern auch mit einer gehörigen Portion Ironie.

„Du stehst vor zwei verschiedenen Marken Mineralwasser, auf einer davon prangt deutlich sichtbar die Kennzeichnung „gluten- und lactosefrei“. In diesem Fall halte kurz inne. Und frage Dich, bevor Du das vermeintlich verträglichere nimmst, wie viel Getreidekleber und Milchzucker Wasser enthält.“

Auch dem von vielen Haubenköchen geächteten Jamie Oliver zollt er durchaus Respekt in der Rolle, die dieser fürs Kochen in den letzten zehn Jahren gespielt hat, wodurch Obauer für mich sofort sehr an Glaubwürdigkeit gewinnt, und überhaupt nicht abgehoben rüberkommt.

„Und ich rede nicht von einem Kochen, bei dem wieder nur Leistungsdruck und Wettbewerb im Vordergrund steht, bei dem in Milligramm und Zehntelgrad gerechnet wird. In diesem Sinne bin ich sogar ein Fan des Briten Jamie Oliver, der viel dazu beigetragen hat, das Kochen zu befreien und Lust darauf zu machen. 170 oder 175 Grad im Backrohr? Ein Schuss Öl oder zwei? Ein anderes Kräutlein als im Rezept vorgesehen? So wichtig ist das gar nicht. Jamie Oliver regt die Menschen zum Kochen an, das ist sein Verdienst.“

Rudi Obauer hat sich offensichtlich nach einem Herzinfarkt hingesetzt und für sich und andere Menschen diesen Ratgeber erstellt. Neben sehr gelungenen Checklisten, die die einzelnen Kapitel dann noch in Form von Fragen an sich selbst zu einem Leitfaden zusammenfassen, gibt es ab und an vereinzelt doch noch ein paar Rezepte, die aber sehr gut in den restlichen Inhalt integriert sind.

Leider kommt nun von mir jedoch die gravierende Kritikkeule. So wundervoll großartig wie sich dieses Buch liest, schmerzt und ärgert es mich doppelt so stark, dass es gar so kurz ist: Nur 115 Seiten nicht mal in A5 und zudem sehr groß geschrieben – da ist man als Leser in 30 Minuten durch. Lieber Herr Obauer ich möchte vier Mal so viele Tipps von Ihnen, also wenn Sie schon ein Buch schreiben, das auch noch so grandios ist, sollten Sie sich einfach länger hinsetzen und nachdenken, welche Weisheiten Sie mir sonst noch verklickern könnten. Potenzial für weiteres Material gäbe es rund um das Thema Kochen und Essen zur Genüge. Das ist mir einfach zu wenig!

Fazit: zu kurz, zu kurz, zu kurz, aber sehr gut

Endstation süchtig

Süchtig: Von Alkohol bis Glückspiel: Abhängige erzählen - Lorenz Gallmetzer

Und? Wie steht es mit Deinem Alkoholkonsum? Diese Frage stellte sich mir unweigerlich bei der Lektüre dieses sehr interessanten Sachbuches, das ich terminlich sehr treffend gewählt am Aschermittwoch begonnen habe. Da ich mitten in Österreichs berühmtestem Weißweinanbaugebiet lebe, sind mir Alkoholmissbrauch getarnt als „Weinkultur“ sowohl bei mir selbst als auch in meinem Freundeskreis und eigentlich überall, wo ich mich umblicke, nicht fremd.

 

„Gegenüber keinem anderen Suchtmittel verhält sich unsere Gesellschaft so zwiespältig, selbstbelügend und heuchlerisch wie gegenüber dem Alkohol. […] Solange jemand mitmacht, solange er mit dabei ist, solange er lustig ist, solange er eben nicht krank ist, ist alles in Ordnung. Sobald jemand aber öffentlich eingesteht, ein Problem zu haben, will man nichts mehr mit ihm zu tun haben. Ab dem Zeitpunkt, ab dem er nicht mehr die gewohnte Leistung erbringt – wenn man ehrlich ist, eigentlich ab dem Zeitpunkt, ab dem er nicht mehr erfolgreich ist, wendet man sich ab.“

 

Lorenz Gallmetzer beleuchtet in seinem Sachbuch die Sucht umfassender und nicht nur auf den Alkohol fokussiert in unterschiedlichen Ausprägungen.

 

Der erste Teil ist grandios und schildert sehr ehrlich und selbstkritisch im Detail wie der Autor selbst nach jahrelangem exzessivem Problemtrinken quasi in Zeitlupe in die körperliche Alkoholsucht schlittert.

 

In Teil zwei befindet sich Gallmetzer in Therapie im Suchtzentrum Kalksburg und legt durch Interviews gewonnene Lebensbiografien einiger seiner Mitpatienten dar. In sich gesehen sind diese unterschiedlichen Suchtkarrieren bezüglich Alkohol, anderen weichen und harten Drogen, Medikamenten, Spielsucht, etc. und logischerweise auch kombinierten Substanzen sehr zahlreich, viel weniger ehrlich und detailliert analysiert, was einfach dem Umstand geschuldet ist, dass man einem Fremden eben nicht immer alles ganz so reflektiert und tiefgründig erzählt. Klar wird durch die Anzahl der qualitativen Daten aber auf jeden Fall, dass der Ursprung des Alkoholproblems in der Jugend begründet ist, und bei Männern durch das übliche Trinkverhalten beim Bundesheer und in der Lehre bzw. im Job manifestiert wird. Ein hoher Prozentsatz von Süchtigen hat eigentlich auch ganz andere Probleme, meist Depressionen, die rechtzeitig psychotherapeutisch behandelt gar nicht zur Sucht hätten führen müssen. Weiters wurde in früheren Jahren ein Alkoholkranker durch den medizinisch angeordneten und durchgeführten Entzug erst oft zum Psychopharmaka-Süchtigen gemacht, da Ärzte in der Vergangenheit die in der Therapie angewandten sehr gefährlichen Antidepressiva, Neuroleptika etc. wie die Zuckerln austeilten. Erst in den letzten Jahren fand, mit den weitaus dramatischeren Folgen der Tablettensucht konfrontiert, ein Umdenken in der Therapie statt.

 

Im dritten Teil reflektiert der Autor die medizinische Sicht der Sucht und Therapie durch ein Interview mit dem anerkannten Experten Dr. Michael Musalek. Hier wird es nun richtig spannend, denn Musalek gibt dem Leser nicht nur einen Alkoholiker-Selbsttest zur Einschätzung des Trinkverhaltens und der Sucht an die Hand, sondern zeigt auch neue Wege in der Therapie auf. Vom historischen Odysseus Prinzip analog - wie mit den Sirenen verfahren wurde (der Patient wird mit allen Mitteln daran gehindert, Alkohol zu trinken – Odysseus band sich und seine Kumpels an den Schiffsmast) zum Orpheus Prinzip (der Patient sucht sich eine lohnendere Alternative zum Suchtmittel, etwas das mehr Spaß macht – Orpheus passierte die Sirenen unbeschadet, indem er schönere Musik als die verführerischen Damen machte).

 

Fazit: Schlussendlich habe ich zu diesem Thema schon viel gewusst, aber der Themenkomplex Sucht wurde mir in diesem Werk sehr anschaulich und strukturiert vor Augen geführt. Zudem habe ich einige spannende und neue Aspekte gelernt. Die Interviews in Teil zwei hätte ich mir oft reflektierter und detaillierter gewünscht, auch wenn dann eben weniger zu Stande gekommen wären. Der dritte Teil mit dem Herrn Professor war grandios, aber für mich viel zu kurz, hier hätte ich mir vor allem in der Tiefe noch einiges mehr an Fachexpertise bezüglich Therapie erwartet. Für alle, die sich mit diesem Thema beschäftigen, eine Leseempfehlung von mir. Ein Anfang für Betroffene und Problemtrinker, für Süchtige in Therapie zu wenig detailliert.

Gedankensplitter von Papas Prinzessin

Fliegenpilze aus Kork - Marie Luise Lehner

Zu Beginn des Buches fand ich alles wundervoll, lyrisch und herzerwärmend und vor allem stilistisch sehr spannend konzipiert. Der Roman über die Erlebnisse einer Tochter mit ihrem Vater ist so geschrieben, als ob ein kleines Mädchen mit der Aufmerksamkeitsspanne einer Fruchtfliege nach Hause kommt und kindlich schwer atmend alles erzählt, was es heute erlebt hat: tausend Geschichtln verwoben zu einer, sehr sprunghaft plaudert die kleine Prinzessin über die Erlebnisse mit ihrem Vater.

Irgendwann bekommt man als Leser bei aller begeisterten Schilderung mit, dass dieses Prinzessinnenabenteuer mit Papi aber nicht nur deshalb außergewöhnlich ist, weil es das fröhliche Überleben in der sozialen Unterschicht thematisiert und der Vater durch sehr innovative Ideen auch mal einen Kronenkorken zum Spielzeug substituiert, sondern dass mit dem Mann zudem psychisch einiges im Argen liegt. Das war für mich als Leserin inhaltlich die grandioseste Wendung in diesem Roman. Ohne Vorwurf aber eben mit den verklärten Augen der Tochter werden hier ganz unglaubliche Probleme und Verfehlungen erörtert, die ich eigentlich, wenn ich sie als Erwachsene irgendwo mitkriegen würde, sofort dem Jugendamt melden müsste. Papa laviert oftmals zwischen Genie und Wahnsinnn, Arbeitslosigkeit, Gelegenheitsjobs, Kleinkriminalität, Depression, Agression und anderen massiven psychischen Problemen herum, zieht seine Tochter mit in diesen verwirrenden Strudel und setzt damit das Vertrauen des Kindes langfristig aufs Spiel.

    "Weil wir nie Fahrscheine haben, erklärt er mir, woran man Kontrolleure erkennen kann. Manchmal träume ich von ihnen. Plötzlich stehen sie hinter mir. Ich wache auf, wenn sie „Fahrkarten, bitte“, sagen."

Nach und nach wird das Mädchen erwachsen und auch der Blick auf den Vater abgeklärter. Leider passt sich hier der Roman zwar inhaltlich und meinungsmäßig komplett an das Alter der Protagoinistin an aber bedauerlicherweise nicht immer stilistisch. War die authentisch kindliche dekonstruierte Erzählform bis zum - sagen wir 12. Lebensjahr - noch einigermaßen konsistent, habe ich Probleme damit, die Worte einer Zwanzigjährigen im Stil einer Siebenjährigen glaubhaft zu rezipieren. Das ist aber Jammern auf hohem Niveau, denn nun muss ich auch gleich meine eigene Kritik kritisieren: In Anbetracht der Tatsache, dass der Vater als Sudetendeutscher noch immer seine Muttersprache nicht korrekt beherrscht, ist es schon ein Wunder, dass die Tochter überhaupt einen geraden Satz, geschweige denn eine zusammenhängende komplexe Geschichte herausbringt, wenn man davon ausgeht, dass in Österreich Spracherwerb durch das elitäre Schulsystem nahezu immer sozial und ethisch vererbt wird.

    "Manchmal denke ich, mein Vater sieht ständig zu, was alle anderen machen, um dann ganz anders zu sein als sie.“

Am Ende meiner Rezension kommt aber dann dennoch ein gewichtigerer Kritikpunkt am Roman, der sich doch auf eine umfassend begeisterte Beurteilung von mir etwas negativ ausgewirkt hat. Ich hasse es, wenn eine Geschichte derart abrupt aufhört, als hätte die Autorin den Bleistift fallen lassen oder mitten in der Formulierung des Endes einen Schlaganfall erlitten. Was ist das für eine Stilform, einfach so aufzuhören? Als Leser habe ich es mir verdient, mich nicht mit Cliffhängern (da denke ich zwangsläufig immer an Sly Stallone der mit schmerzverzerrter Miene in einer Wand hängt) abgespeist zu werden, sondern durch das Lesen des Romans steht mir durch die aufgebaute Beziehung ein ordnungsgemäßes Schlussmachen durch die Autorin einfach zu. Soviel Zeit und Mühe muss einfach sein.

Fazit: Auf jeden Fall eine Leseempfehlung von mir. Konzeptionell und dramaturgisch sehr ungewöhnlich dieser Roman, aber auch über weite Strecken richtig grandios.

P.S.: Gratulation an den Verlag, der Klappentext hält diesmal punktgenau und kurz & knackig formuliert, was er verspricht.

Uralt und derzeit topaktuell - die rassistische Fratze Amerikas

America - T.C. Boyle

Was ist das eigentlich mit mir und T.C. Boyle, dass es nahezu keinen Roman gibt, der mich gänzlich von den Socken reisst und mich restlos begeistert? Gut dieses Buch ist gut - ok was sage ich - es ist sogar sehr gut, aber irgendwas ist immer, sodass ich erst einmal wirklich vollen Herzens 5 Punkte vergeben konnte. 

 

Es fing ganz wunderbar an: Ganz Boyle untypisch sparte sich der Autor das ewige Herumgelabere warf den Leser mitten in die Geschichte - in zwei Welten oben und unten, arm und reich, Amerikaner und Mexikaner abwechselnd beschrieben. America, auch the Tortilla Curtain, habe ich ganz bewußt heuer aus meinem SUB gezogen, denn in Anbetracht der Tatsache, was sich gerade mit Donald Trump in Amerika an Rassismus gegen die Mexikaner abspielt, ist dieses Werk sicher grade topaktuell. Dabei fiel mir auf, dass der Roman eigentlich vor 22 Jahren als überspannte Satire mit auf die Spitze getriebenen klischeehaften Archetypen geplant war. Leider hat die Realität die Satire schon längst überholt. Die ehemals bürgerliche grüne Linke ist in die Jahre gekommen und hat sich schleichend von grün zu braun (und das meine ich wie es hier steht) entwickelt - ist somit faulig geworden. Mit den Tieren hat man noch immer vollstes Mitleid und Verständnis, und lebt unter ihnen ohne Furcht auch wenn die wilden Coyoten einem zwei Hunde töten, der Fremde an der Ecke ist aber gefährlich gehört ausgesperrt, vernichtet und nötigenfalls nihiliert. Ein Menschenleben zählt nix ein Tierleben umso mehr, deshalb fordert man auch, völlig alle Relationen verlierend, vehement die Todesstrafe für Carnivoren und andere, die Tiere aus welchen Gründen auch immer töten.

 

Diese BOBOS - ja es gibt diesen Typus bereits zu Hauf auch bei uns und eine Bezeichnung wurde auch gleich kreiert - bevölkern in Wien bereits mehrere Bezirke - wollen in schöne Ecken ziehen auch aufs Land und sobald sie dort sind, agitieren sie gegen alle anderen und sperren sie aus. Dies ist auch die perfekte Analogie zum Roman. Man hat viel Geld, lebt nachhaltig und zeigt überheblich mit seinem Lebensstil und dem moralischen Zeigefinger auf die Armen, die man erstens unbedingt aus seinem eigenen Leben hinausschmeissen muss, und die einfach gezwungen werden sollten, sich anders zu verhalten. Natürlich ist man für Ausländer so ganz prinzipiell, aber sicher nicht in der eigenen privaten Waldorfschule - wo kämen wir denn da hin! Selbstverständlich nutzt man den eigenen SUV aber nur gaanz selten, um ins Wochenendhaus in der Natur zu fahren, aber wehe ein armer Tropf von Pendler vom Land, der nur in die Arbeit fahren muss, braucht einen Parkplatz im eigenen Stadtwohnbezirk, der soll ruhig öffentlich fahren der Umwelt zuliebe 2 Stunden mehr pro Tag verplempern, denn die Parkplätze sind nur für die eigne Community reserviert.

 

Ich kann ja über die derzeitigen Leute in Amerika nicht reden, weil ich nicht dort wohne, aber da dieser Achetyp auch bei uns schon komplett durchgeschlagen hat, kann man diesen Roman von Boyle als regelrecht prophetisch bezeichnen, dass die 22 jahre alte "Dystopie" der Gesellschaft exakt Realität wurde. Delany ist Umweltschützer und Demokrat hat sich mitten in die Natur gebaut, die er respektiert, aber wehe er sieht ein mexikanisches Gesicht der Armut, dann kennt er keine Gnade mehr. Da wird zwar schon zu Beginn noch mit ein paar prinzipiellen ethischen Skrupeln gekämpft, aber durch die perfekte Täter-Opfer Umkehr wird das mexikanische Opfer eines Autounfalls, bei dem man erstens medizinische Hilfeleistung unterlassen und die illegale Notlage ausnutzend einen Schwerverletzten mit 20 Dollar abgespeist hat, zu einem mexikanischen Betrüger, der einem absichtlich ins Auto gelaufen ist und somit um 20 Dollar Betrug begangen hat. So geht es in der abgeschotteten gutbürgerlich reichen Siedlung weiter: Erst kommt ein Tor, um die braven anständigen Leute vor dem bösen armen Gesocks zu schützen und dann eine Mauer und dann bewaffnet man sich bis auf die Zähne.

 

Auch die mexikanische Sicht - die Gesellschaft unten wird sehr gut beschrieben, mit wenig Sozialromantik behaftet, sondern genauso brutal und schäbig wie sie eben ist: Der tägliche Kampf ums Überleben von Candido dem Familienvater in spe auf der Suche nach einem Job und den anderen Armen im Canyon. Natürlich muss man als Mann auch weiter nach unten auf die Schwächeren treten, darf seine Frau verprügeln, wenn man nicht gut drauf ist, junge Männer vergewaltigen andere Frauen ohne jede Skrupel und rauben sich einfach gegenseitig permanent aus. So schlecht kann es einem gar nicht gehen, dass man nicht ohne Not noch jemandem, der schutzlos ist, etwas ganz Furchtbares antun kann.

 

Irgendwann kurz vor Ende fand ich die Geschichte dann etwas langweilig und vorhersehbar. Ist man normalerweise bei Boyle ganz überfordert von dem Gewusel an Aktivitäten, Beschreibungen, Figuren und Handlung, ist diesmal irgendwie alles zu normal und dramaturgisch wenig überraschend. Das ist auch der kleine Kritikpunkt am Roman. Diesmal werden die typischen Schwächen des Autors in Bezug auf Übertreibung so unterrated, dass sie nicht zu Stärken, sondern zu erneuten aber nur ganz leichten Schwächen mutieren. Das Ende ist dann wieder grossartig, einerseits sozial-romantisch klischeehaft, aber im Sinne des brutalen Credos des Romans dennoch überraschend.

Der Wissenschaftler und die Liebe

Das Rosie-Projekt - Graeme Simsion

Der Erfolg dieses Buches ist völlig nachvollziehbar auch ich konnte es nicht mehr weglegen und las es in einem Rutsch durch. Als leichte romantische Komödie konzipiert, die tatsächlich ganz ohne Schmalz und Schmachten auskommt, trifft sie voll ins Schwarze und hat auch mein romantikresistentes Herz im Sturm erobert. Vor allem auch deshalb, weil sich der Roman dem Thema Liebe recht innovativ auf wissenschaftlicher, genetischer Basis nähert, was zu teilweise wundervollen köstlichen Verwicklungen führt.

 

Professor Don Tillmann, ein Genetiker mit leichtem Aspergersyndrom (was ihm bis zum Ende der Geschichte nicht wirklich bewusst ist - bei Eigendiagnosen versagt das Wissenschaftlerhirn mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit - da gibt es im Buch noch viele andere Beispiele) hat eine ganz spezifische methodische Vorgehensweise entwickelt, sein bisheriges Leben ohne Partnerin zu beenden und die zu ihm passende perfekte Ehefrau durch einen gefinkelten Fragebogen zu finden. Alleine der Fragebogenpretest des Nerds mit seinen Freunden ist derartig witzig und läßt mein empirisches Herz ob der wissenschaftlichen Korrektheit höher schlagen. Um die Komik der Geschichte zu verstärken, kommt ihm Rosie zwischen seine strukturierten Pläne, die diametral entgegengesetzt zu seiner Definition der perfekten Frau ist und die völliges Chaos in seinem Leben anrichtet. Für Rosie und ihr Anliegen, ihren biologischen Vater zu finden, wirft er auch seine ethischen Grundsätze, sich immer an alle Regeln zu halten, komplett über Bord, hackt sich in Computersysteme, beschafft Genproben ohne Einwilligung des Probanden, stiehlt Toilettartikel etc. Letztendlich will er für sie sogar komplett sein Verhalten ändern. Am Ende der Geschichte könnte man zwar sagen, dass die Liebe alles überwindet - eine Zweittheorie, mit der das Buch durchaus liebäugelt, könnte aber auch die biologisch-genetisch determinierte Anziehung von Gegensätzen sein: "Wer braucht schon einen Papagei als Partner".

 

Die Figuren sind wundervoll entwickelt und jeder Prototyp läuft massenhaft auf den Gängen der Universitätsinstitute herum, wer hier platte Klischees vermutet, der sollte sich mal auf den unzähligen TNF's (Technisch-Naturwissenschaftlichen Fakultäten) der Unis herumtreiben. Der meist nicht sehr gepflegte Nerd mit Kontrollzwang entweder anerzogen oder eben durch eine Krankheit determiniert und scheußlicher Kleidungswahl. Ich sagte mal zu einem Studenten mit dottergelber Strickjacke, Pepitahose und oranger Satinkrawatte (bitte das war nicht in den 80ern sondern in den 90ern) "Gell Du studierst technische Mathematik". Er schaute mich fragend an und antwortete dass ich fast richtig läge. Er studierte technische Physik. Als Grenzgängerin zwischen den Fakultäten ich studierte BWL und Informatik habe ich oft ganz bewusst diese Verhaltenscodes missachtet und ging in Birkenstockschlapfen und Strickpullover in Marketingvorlesungen und mit maßgeschneidertem orangen Mini-Kostüm in die Informatikveranstaltungen. Das hat damals schon massive Irritationen verursacht und tut es noch heute, wenn ich auf einer TU gut angezogen unterrichte. Auch der promiskuitive Professor, der am liebsten Kolleginnen und Studentinnen an die Wäsche geht, kommt natürlich vor. Dieser Typus ist auch nicht gerade selten, aber darüber schweige ich nun sehr dezent :D.

 

Die Sprache ist einfach, sollte aber ohnehin für so ein leichtes Buch nicht zu komplex ausfallen.

 

Fazit: Wundervolle leichte aber nicht seichte Unterhaltung, die hält, was der Klappentext verspricht: viel Humor, ein bisschen Romantik ohne schmalztriefende und lüsterne Gefühlsduseleien, wissenschaftliche Korrektheit und sogar eine Botschaft.

Hello Vienna Calling

Falco: Die Legende lebt. Die Graphic Novel - Reinhard Trinkler

Heute wäre Hansi Hölzl aka FALCO 60 Jahre alt geworden. Weiters jährte sich sein Todestag am 6. Februar zum neunzehnten Mal. Bei uns in Österreich wurde aus diesem Grund gleich der ganze Monat zum Gedenken an den Popstar ausgerufen – Vernissagen in Wien, Gedenkfeiern, Dokumentationen, Filmportraits etc… feiern derzeit fröhliche Urständ. Der Autor Reinhard Trinkler hat sich zu diesem Anlass etwas ganz besonderes dazu einfallen lassen: die Falco Biografie als Graphic Novel. Nun stellt sich die Frage: War das eine gute oder eine schlechte Idee?

Eines muss ich bei dieser Rezension gleich vorwegschicken, damit Ihr meine Beurteilungen auch gleich im richtigen Licht interpretieren könnt: Erstens kenne ich mich im Genre Graphic Novel nicht so gut aus, ich kann also die Zeichnungen nicht ganz so gut beurteilen, wie es für Profis nötig wäre, sondern nur feststellen, ob sie mir gefallen oder nicht. Zweitens ICH BIN EIN FAN – und nicht so ein lascher „Falco war schon sehr gut – Fan“ der den Künstler erst nach den Hitparadenerfolgen vom Kommissar oder Rock me Amadeus entdeckte, sondern ein richtig leidenschaftlicher seit den 80er Jahren. Seitdem der Falke bei einem Drahdiwaberl-Konzert für den Stefan Weber, der sich in jedem Song in ein neues Outfit warf und dafür einen Pausenfüller brauchte, „Ganz Wien“ sang, war es um mich geschehen. Insofern könnte es natürlich sein, dass die schwarze Ray-Ban Brille, die ich mir immer aufsetze, wenn es um Falco geht, mich etwas meiner ansonsten gut ausgeprägten Kritikfähigkeit beraubt.

Aber wie gefällt mir nun die Biografie im Comic Style? Ich liebe sie!!! Die wichtigsten Stationen Falcos, sowohl beruflich als auch privat, sind erstens vollständig vorhanden und zudem wundervoll beschrieben bzw. gezeichnet. Wer glaubt, die gefühlsduseligen Szenen mit seiner Mutter, seiner Lebensgefährtin und seiner Tochter wären zur rührselig übertrieben, dem sei gesagt, das arrogante Arschloch existierte vor allem als Rolle, um der feinen koksenden Wiener Gesellschaft und der Musikindustrie der 80er Jahre einen grauslichen Zerrspiegel vorzuhalten. Wenn ich mir denke, wie viele „Falco-Typen“ damals im Wiener Bermudadreieck durch die Lokale gezogen sind, so war es absolut notwendig, dass endlich einer kam, um diese Szene durch Überspitzung einer unsympathischen Prototypfigur – auch Wiener Schnösel genannt – mal ordentlich zu verarschen. Privat war Falco meist ganz anders und wohnte ja auch lange nicht in Wien sondern mit seiner Familie bei mir in der Nähe auf dem Land in Gars am Kamp.

Zeichnerisch und inhaltlich sehr innovativ gefällt mir am Comic von Reinhard Trinkler am besten, dass einige der wichtigsten Lieder als Zeichnungen verewigt sind, und teilweise mehrere Strophen der Songs als Text in die Grafik einfließen. Der Zeichenstil ist wie bei vielen modernen Grafischen Novellen ein bisschen wie ein Wimmelbild angelegt, sodass der Leser auch beim erneuten Lesen noch etwas Neues entdecken kann. Für eine komplette Biografie fehlen natürlich einige Hintergrundinformationen, aber das kann ja auch gar nicht der Anspruch dieser grafischen Ausdrucksform sein. Auf jeden Fall wurden die wichtigsten und wesentlichsten Meilensteine grandios dargestellt. Wer nun interessiert ist, und Falco auch abseits seines Images näher kennenlernen will, dem empfehle ich die sehr gute und relativ aktuelle Filmdokumentation von  bei Dolezal&Rossacher   über das Wesen von Falco. Seit dieser Woche gibt es eine grandiose brandneue Doku von Rudi Dolezal – Die ulitmative Doku zum 60. Geburtstag, die tatsächlich neue Fakten zu den letzten Jahren und zum Tod des Musikers ausgegraben hat (Ausstrahlung Deutschland: 19.2. Kabel 1 20:15).

Fazit: Für einen Falco-Fan das absolute Must-Have zum Jubiläum, für Liebhaber des Genres Graphic Novel aber auch nicht schlecht.

Book2movie-Rezension des alten Schinkens

Rebecca - Daphne du Maurier, Karin von Schab

Schon zu Beginn baute sich eine schwierige Hürde für dieses Buch auf: Da ich den Film schon als Kind gesehen habe, konnte mich daher der Plot bedauerlicherweise nicht mehr überraschen. Aus diesem Grunde drängt sich eine Book2movie-Rezension nahezu auf und ist unvermeidbar.

 

Buch 3,5 Sterne wohlwollend aufgerundet auf 4

Die Hauptprotagonistin nervt ganz schön mit ihren ermüdenden Selbstzweifeln, der anstrengenden Unsicherheit und ihrer naiv romantischen Attitüde, aber sie ist derart authentisch und konsistent gezeichnet, dass es eine Freude ist. Leider sind die Zweifel des Charakters dieser dummen Gans und ihre schmalztriefenden romantischen Anwandlungen viel zu ausufernd beschrieben. Gottseidank steht ihr als Antagonistin gegenüber die verschlagene Haushälterin Mrs. Danvers, die grandios beschrieben ihre fiesen Spielchen inszeniert, man sieht sie förmlich hinter den Türen lauern. Die böse alte Vettel mit dem Totenkopfgesicht lässt Mrs. De Winter Numero 2 anlässlich des Balls so richtig grandios auflaufen - das ist herrlich. Max, der Mann dazwischen ist eher ein ambivalenter Charakter, der irgendwie gar nix checkt und hin und wieder brummig dahinspinnt.

 

Daphne Du Maurier hat die Hauptcharaktäre und auch alle Nebenrollen sehr liebevoll entwickelt und tief gezeichnet, leider hat sie bei der Handlung nicht so ein gutes Händchen bewiesen. Immer wenn etwas spannendes passiert, wird sehr schnell über das Ereignis hinweggegangen, und eher die entbehrlichen Gedanken und Kommentare der Mrs. de Winter fokussiert, die eh keiner mehr hören kann. Dieser Stilgriff nimmt dem gesamten Plot, der übrigens ausgezeichnet innovativ und grandios konzipiert ist, die Spannung, wenn alles aus der Sicht der naiven Gans beleuchtet wird, die ewig in ihren Zweifelen egozentrisch um sich und ihren Angebeteten kreist. Leider konnte ich natürlich die Überraschungen in der Handlung nicht mehr genießen, denn ich kannte ja die Geschichte schon durch den Film.

 

Die Sprache kann sich aber sehen lassen: Sehr stimmungsvolle Beschreibungen schon der erste Satz (sowohl im Buch als auch im Film) reißt einem vom Hocker.

"Gestern nacht träumte mir, ich sei wieder in Manderley....."

 

Der Schluss ist übrigens das größte Übel an diesem Roman. Da fackelt die fiese Haushälterin diesen alten Kasten Manderley aus Bosheit ab, und wenn nicht das vorletzte Wort des gesamten Romans Asche gewesen wäre, hätte ich gar nicht gecheckt, dass die Bude brennt. Wie kann man sich als Autorin nur ein derartiges, durch den Spannungsbogen selbst konzipiertes Ereignis, das man perfekt beschreiben und inszenieren könnte, entgehen lassen. Das ist handwerklich, schriftstellerisch, sprachlich und dramaturgisch einfach komplett idiotisch!

 

Film 4 Sterne wohlverdient

Grandios vom good old Meister Alfred Hitchcock umgesetzt. Schwarzweiss, wundervoll gemacht, a bissi Grusel, die Musik punktgenau inszeniert, Nebel, Dunkelheit etc. schaffen die perfekte Atmosphäre.

 

Durch das Genre Film wird der Cineast zudem von den entbehrlichen Gedanken der Mrs. de Winter 2 verschont. Klar sieht man durch die gute schauspielerische Leistung der Darstellerin, dass sie unsicher, naiv verliebt und von Selbstzweifeln geplagt ist, aber man muss gottseidank nicht das Innere in ihrem Hirn über sich ergehen lassen.. Mrs. Danvers der alte Drache klatscht übrigens den gesamten restlichen Cast an die Wand: so gut gespielt, das versteinerte Gesicht ohne irgendeine Muskelregung, die sanfte Stimme, herrlich. Die beiden Frauen bleiben im Gedächtnis haften, alle männlichen Rollen überhaupt nicht.

 

Und dann wurde auch noch die Handlung - im Drehbuch genau dort umgeschrieben, wo der Roman gravierende Schwächen aufwies. Der Mord war ein Unfall und das Ende wird wirklich auszelebriert inklusive lebendiger Abfackelung der Haushälterin im Zimmer von Rebecca. So geht ein Finale mit Paukenschlag! Das einzige, das ich mich die ganze Zeit frage: Als Kind hatte ich den Film wesentlich gruseliger in Erinnerung. Warum wohl?

 

Fazit: Wieder mal einer jener Fälle, die Buchliebhaber gerne verdrängen möchten, aber der Film ist einfach besser.

Ein gutes Buch über eine langweilige Hauptprotagonistin ist dennoch langweilig

Die Tapetentür - Marlen Haushofer

Eigentlich sind die 3 Sterne, die ich für dieses Buch vergebe, ungerecht und ich müsste von 3,5 auf 4 aufrunden, aber was solls, dies sind meine Beurteilungen und da darf ich auch mal ungerecht sein.

Marlen Haushofer ist ein ausgezeichnetes pointiertes Psychogramm einer unsicheren depressiven Frau gelungen, ich habe selten eine so unsymphatische weibliche Hauptfigur skiziert bekommen, was meine Beurteilung prinzipiell noch nicht beeinträchtigt hätte, aber sie ist ja nicht nur keine angenehme Person, sondern sie langweilt mich extrem durch ihren faden Charakter. Hab letzte Woche von den Finnen gehört, dass diese ihre Winterdepression stolz zelebrieren, sie öffentlich vor sich hertragen und hegen & pflegen - diese Tusse, genannt Anette, macht das ganzjährig, nahezu lebenslänglich, so wie viele Wiener im allgemeinen auch. Die Leute tun mir zwar leid, tatsächlich nerven und langweilen sie aber mit ihrem permanenten Gesudere im Buch genauso wie real. Da bin ich streng, denn das erste GEBOT, das ich einem Autor vorschreibe, ist gleich einem Glaubensbekenntnis: DU SOLLST NICHT LANGWEILEN. Das gilt nicht nur für die Erzählweise, sondern auch für die Figuren.

Klar kommen dann noch die sehr gut beschriebenen durch die Depression verursachten Eigenschaften des Phlegmas, Misanthropie und ein bisschen von latent bis offen auftretender Männerhass dazu, da sich die Dame permanent als inaktives der Umwelt ausgeliefertes OPFA sieht, was mich manchmal durch die guten Formulierungen schon ein bisschen amüsiert hat.  

"Die Vorstellung, dass all diese ernsthaften, dezent gekleideten Männer manchmal ihre Kleider ablegen und, bleich wie Kartoffeltriebe, darangehen, sich eine Stunde mit Liebe zu beschäftigen, hat etwas Obszönes und Lächerlichers an sich. Man kann eben nicht ungestraft durch Generationen das Fleisch verachten und mit dem Hirn allein leben. Eines Tages rächt sich das Fleisch.

Persönliche Grausamkeit und Bosheit, wie man sie bei Frauen findet, kann ich zur Not verstehen, aber die männliche Grausamkeit aus Gedankenlosigkeit und Kontaktunfähigkeit macht mir Angst."


Als dann der Märchenprinz am Horizont auftaucht, ist die Depression schwupdiwupp verpufft - um dann kurze Zeit später mit Beziehungszweifeln erneut gnadenlos zurückzuschlagen. Man wünscht sich das ganze Buch über, dass Anette endlich wirklich etwas furchtbares passieren möge, damit sie schließlich einen Grund für ihr Jammern hat, aber als dies endlich auf den letzten Seiten passiert und sie durch das echte Leid tatsächlich eine Katharsis und Metamorphose durchlebt, wurde einfach viel zu viel meiner Lesezeit unnötig mit Langeweile vergeudet.

Versteht mich nicht falsch, eine Depression ist eine ernstzunehmende Krankheit, über die ich mich nicht lustig machen möchte, aber manche Leute in der Realität wie auch die Hauptfigur und auch das Buch zelebrieren diese und gehen mit dem Gejeiere ganz bewußt ihrer Umgebung und den Mitmenschen auf die Nerven, anstatt professionelle Hilfe zu bezahlen. Dann möchte ich in der Realität immer pro 50 Minuten, in denen ich dieses Gesudere gratis durchstehen mußte und als Therapeut missbraucht wurde, die Hand ausstrecken und eine Rechnung über 75,-- Euro ausstellen.

So geht es mir bei diesem Buch auch. Ich möchte entweder meine Lesezeit zurück oder Therapeutenhonorar!

Fazit: Kein Buch für mich - eine gute Charakterstudie, aber kein Charakter, über den ich wirklich was lesen möchte.

Passion habe ich nicht empfunden

Wiener Passion: Roman - Lilian Faschinger

Der Roman ist eine viel zu gemächliche Story, deren Rasanz zwar zum morbiden weinerlichen Schneckentempo des Wasserkopfs Wien passt, mich aber nur mittelmäßig begeistert hat.

Die junge Sängerin Magnolia Brown besucht die Stadt ihrer Vorfahren, um sich bei  Gesangsunterricht auf ihre Rolle der Anna Freud vorzubereiten bzw. ihre Lebensumstände kennenzulernen. Durch ein hundert Jahre altes in einer alten Truhe gefundenes Schriftstück, die Lebensbeichte der Rosa Hawelka, wird ihr und dem Leser das triste Schicksal der Dienstboten in der Kaiserzeit und die Lebensgeschichte ihrer eigenen Großmutter nähergebracht.

Lilian Faschinger kann und will sich einfach nicht entscheiden, welche Story sie wirklich erzählen will und das ist der Qualität des Romans meiner Meinung nach sehr abträglich, da sich der Inhalt des Romans in seinem Ziel und Zweck komplett in den beiden gleichberechtigen Erzählsträngen verliert - regelrecht verzettelt. Welches Wien soll denn nun gezeigt näher thematisiert und analysiert werden? Jenes der Jahrundertwende, das die grauenhafte von Armut geprägte Lebensrealität der Dienstboten schildert oder jenes der xenophoben und misanthropen pseudofeinen eingesessenen Wiener Gesellschaft der Innenstadtbezirksbewohner (Nummern 01-09), die angesichts ihrer  diversen ausländischen Wurzeln aus der KUK-Zeit ganz dezent ihre Papalatur halten sollten?

Es ist unbenommen, dass Faschinger beide Gesellschaften sehr genau und pointiert beschreibt, wer glaubt, die Autorin entwirft klischeehaft irgendwelche Achetypen, dem sei gesagt, die sind wirklich so, sowohl um die Jahrhundertwende als auch jene in der Jetztzeit skizzierten Figuren. Wenn der Roman nach 2010 geschrieben worden wäre, käme auch noch die neuerdings grassierende BOBO-Attitüde der Innenstadtbezirke dazu. Diese Gesellschaftsbeschreibungen sind auch die eigentliche Stärke des Romans, aber die beiden Erzählstränge nehmen wahnsinnig viel Tempo aus der gesamten Geschichte und schaffen eine Distanz des Lesers zu den Figuren, die die Empathie und das Involvement mitunter komplett eindösen lässt.

Die Lebensbeichte der Rosa Haweka aus der Jahrhundertwende ist insofern informativ, da in der KuK Zeit unter den Dienstboten gar nix Heppi Beppi war, so wie man es in den Sissi-und anderen Filmen immer darstellte. Das wusste man zwar ohnehin,  aber dass die Dienstboten derart rechtelos waren, war mir bisher unbekannt. Ich dachte immer, die Bettgeher- Obdachlosen- und anderen Probleme trafen nur die ungelernten Arbeiter aber nicht das Dienstpersonal. Es existierte ein Dienstbotenkodex der jeglichem Missbrauch der "feinen" Herrschaft Tür und Tor öffnete: Hungern lassen, Gewalt, sexueller Mißbrauch, Ausgangsverbot bzw. eigentlich Freiheitsentzug, 20 stündige Arbeitszeiten, ... im Prizip war alles erlaubt. Die Einbindung von historischen Ereignissen in die Geschichte der Rosa Hawelka ist zwar ob der Zufälle etwas an den Haaren herbeigezogen, aber durchaus nicht ungelungen.

Auch in der Gegenwart wird ein gutes Psychogramm der Innen-Stadt und ihrer pseudofeinen Bewohner, die sich oft sogar aus den ehemaligen Dienstboten lukrieren, gezeichnet. Wien ist ..... wo sogar die Ausländer xenophob sind (Martin Mucha, Papierkrieg). Die bösartigen "anständigen" alten "Österreicher", von der arbeitenden Bevölkerung mittlerweile mit Höchstpensionen gesponsort, in den mietpreisgebundenen Kaiserzeitwohnungen in den Innenbezirken hausend und Nachmietern mit ihren knochigen Fingern horrende jurisitisch ungerechtfertigte Ablösen von zigtausenden Euro fordernd und selbstverständlich rechtspopulistisch wählend, weil ihnen die pösen Ausländer gar sooo viel angetan haben, sind meinen besten Freunden, die nach dem Studium in Wien geblieben sind, so oft untergekommen, dass man das nicht als Klischee sondern als Epidemie werten muss. Auch der im Roman beschriebene hypochondrische feine Mammasohn mit Hang zur Homöopathie hat mich derart oft in meinem Leben erfolglos angebraten, dass er nicht als Einzelfall gewertet werden kann.  Weiters gefällt mir auch die Tristesse mit der Wien und die Innenstatdtbezirke beschrieben werden, habe erst gestern wieder in einer Musikdokumentation gehört, dass Wien Anfang der 80er Jahre eine der rückständigsten grausten Städte Europas war, im Gegensatz dazu war Moskau hinter dem Eisernen Vorhang eine pulsierende Metropole. Auch das setzte sich so ca. bis Ende der 90er Jahre  in den Innenstadtbezirken außer dem 2. und dem 6. Bezirk fort, die feine WienStadt war ein greises Museum, das eigentliche Leben fand außerhalb des Gürtels und in Transdanubien statt.   

Fazit: Für mich wäre es am besten gewesen, die Autorin hätte sich auf eine Geschichte konzentriert und die andere nur nebenbei behandelt, so konnte sie beiden nicht ganz gerecht werden. Wenn Ihr einen Faschinger Roman lesen wollt, dann nehmt Magdalena Sünderin der ist um Weltklassen besser!

Mediokrer komplet vorhersehbarer Thriller

Das Gebot der Rache: Thriller - John Niven, Stephan Glietsch

Bisher kannte ich den Autor nur von der Humorfront -  einen bösen  Thriller hatte ich ihm gar nicht zugetraut und war deshalb auch sehr gespannt auf diesen Wechsel in ein neues Genre.

Der Anfang beginnt auch wirklich gut: Kanada, unendliche Weiten, ein toter ausgeweideter Hund und der Hinweis auf eine vertuschte Vergangenheit inmitten der momentan noch nahezu unzerkratzen kitschigen Familienidylle. Doch sobald auf den ersten 100 Seiten die Vorgeschichten in den Plot eingeführt werden und die Figuren installiert sind, steuert der Thriller mit atemberaubender Fadesse auf eine durchgehend und komplett vorhersehbare Art dem Finale zu. Wirklich nichts ist irgendwie unerwartet, innovativ oder nur im entferntesten überraschend. Der Täter vor dem ersten Drittel klar, die Motive auch - so etwas hasse ich bei Thrillern da kann ich mir das Lesen ja gleich sparen und mir die Story selber erzählen GÄÄHNN!!

Die mangelnde Innovation in der Geschichte, Aufbau und Fiktion versucht der Autor mit  Grausamkeit überzukompensieren. Versteht mich nicht falsch, ich habe überhaupt nix gegen Grausamkeit, neuartige spannende Spielarten, perfekt im Plot wohldosiert inszeniert finde ich großartig.
Aber das? Ein bisschen Foltern, weil man verrückt geworden ist, alle geliebten Menschen umbringen um den wahren Täter leiden zu lassen? Ehrlich da haben die Kleinmädchen-Gewaltfantasien der Frau Roche in Mädchen für alles , die ich normalerweise nicht unbedingt in den Himmel loben möchte, das 1000-fache Innovationspotenzial.

So bleibt ein nicht ganz übler aber extrem mittelmäßiger Thriller, der einem gelegentlich die Füße einschlafen läßt.

Fazit: In diesem Genre muss der Herr Niven meiner Meinung nach noch ganz schön üben - vielleicht macht er mal eine Schulung im Winter in Norwegen beim Herrn Nesbo ;-)

Familienleben mit Demenz

Der alte König in seinem Exil - Arno Geiger

Das unangenehme Thema des Alterns, der Demenz bzw. Alzheimer wird in unserer dem Jugendwahn frönenden Gesellschaft meiner Meinung nach in der Literatur abseits von spezialisierten Sachbüchern viel zu wenig thematisiert, insofern ist das Buch von Arno Geiger, bereits bevor man eine Seite gelesen hat, eine erfreuliche Ausnahme.

Ich hatte ja bisher so meine Probleme mit dem Autor, da er mir in seinen früheren Werken einfach keine relevanten Geschichten erzählt hat, dies aber sprachlich hervorragend arrangiert.

Dieses Buch ist jedoch total anders und ich bin so froh, dass ich ihm eine weitere Chance gegeben habe! Es rührte mich fast zu Tränen, wie persönlich, ehrlich und intim Geiger über die Alzheimererkrankung seines Vaters und die gemeinsame Beziehung schreibt, das war so wundervoll und großartig. In der Krankheit und in der dementen Person nicht nur eine fürchterliche Bürde – was sie auch definitiv ist und was in diesem Roman auch nicht verheimlicht wird – sondern auch eine Chance zu sehen, die nicht gerade gelungene Vater-Sohn-Beziehung neu zu entwickeln, finde ich berührend. Der Vater wird nicht nur über den Verlust der Fähigkeiten definiert, sondern auch über die durch die Demenz verursachte Herauskristallisierung von alten Stärken, die durch das bisherige Leben verschüttet waren. Ich glaube so eine Sichtweise hilft allen Beteiligten, obwohl Geiger selbstverständlich darauf hinweist, dass alle Demenzerkrankungen höchst unterschiedlich verlaufen, und ein solcher Umgang und die damit einhergehenden Chancen nicht generalisierbar sind.

    „Das Leben ist ohne Probleme auch nicht leichter“. Witz und Weisheit des August Geiger. Schade nur, dass die Sprache langsam aus ihm heraussickert, dass auch die Sätze, bei denen einem vor Staunen die Luft wegbleibt, immer seltener werden. Was da verlorengeht, das berührt mich.

    Es ist, als würde ich dem Vater in Zeitlupe beim Verbluten zusehen. Das Leben sickert Tropfen für Tropfen aus ihm heraus. Die Persönlichkeit sickert Tropfen für Tropfen aus der Person heraus. Noch ist das Gefühl, dass dies mein Vater ist, der mitgeholfen hat, mich großzuziehen, intakt. Aber die Momente, in denen ich den Vater aus früheren Tagen nicht wiedererkenne, werden häufiger, vor allem abends.

    Die Abende sind es, die einen Vorgeschmack auf das liefern, was bald auch der Morgen zu bieten haben wird. "


Durch die Aufarbeitung und erstmalige Thematisierung der Vergangenheit des Vaters und seiner Familiengeschichte quasi mitten in der Demenz – also viel zu spät – versucht Geiger das gleichgültige Verhältnis der beiden zueinander zu verändern und zu verstehen, warum der Vater nie irgendwie Position bezogen und als Reibebaum für seinen Sohn fungiert hat.

  "Wir hatten nie etwas anderes als beiläufige Gespräche geführt. Er hat mich nie ins Gebet genommen, mir nie Ratschläge erteilt. Ich kann mich an keinen Vortrag von pädagogisch relevantem Inhalt erinnern. Sein bevorzugtes Metier waren Bemerkungen über das Wetter und die Bewegungen der Landschaft.“

Diesen Fehler macht übrigens der Autor auch, was psychologisch sehr nachvollziehbar und verständlich ist, mich aber trotzdem ein ganz kleines bisschen gestört hat. Immer wenn Arno Geiger etwas zu nahe geht, wird er beiläufig, um sich abzugrenzen und abzuschirmen. Das beginnt mit beiläufigen Verwandtengeschichten, die dann einfach plötzlich eingestreut erzählt werden, obwohl sie mit der Familiengeschichte im Kern überhaupt nichts zu tun haben, und endet mit beiläufigen Kommentaren von irgendwelchen anderen Alzheimer-Patienten, die auch in keinem Bezug zu August Geiger stehen. Ich hätte mir gewünscht, dass er die Zähne zusammengebissen hätte und beim Kernthema Krankheit des Vaters, Vater-Sohn Beziehung und Vergangenheit des Vaters geblieben wäre, ohne abzuschweifen.

Das allerletzte Ziel des Buches, nicht einen Roman über den sterbenden August Geiger zu schreiben, sondern einen über den lebenden bzw. sehr lebhaften Demenzkranken, wurde meiner Meinung nach ausgezeichnet erfüllt und hat mir ausnehmend gut gefallen.

Fazit: Ein grandioses Thema, eine sehr gute Geschichte, sprachlich wundervoll umgesetzt und somit eine absolute Leseempfehlung von mir.

Brilliante Analyse des gnadenlosen Ökosystems Gymnasium

Spieltrieb - Juli Zeh

Dieses Buch handelt von einer Jugend-Generation, die man mir näher erklären muss, weil sie sich für mich sehr mysteriös gebärdet. Schon als ich das erste Mal kurz in Dawson's Creek hineingeschaut habe, war mir bewußt, dass oben genannte Kohorte so völlig anders ist, als meine Generation: Wie altkluge vorzeitig vergreiste Jodas stolpern sie von Weltschmerz gepeinigt, permanent philosophierend und gehirnwichsend ununterbrochen Jeden zitierend, der nur irgendwie etwas Gescheites gesagt hat, durch ihre Teenagerzeit, anstatt einfach raus aus ihren vordefinierten Innenräumen zu gehen und zu leben. Auch ich habe in meiner Teenagerzeit die relevanten Philosophen und Psychologen gelesen und verstanden, für mich waren sie aber alternde Männer, die mir damals sehr wenig zu sagen hatten, da ich mehr mit meinem Leben und dem Überleben beschäftigt war. Auch die relevanten Filme, psychologischen Grundlagen und Sozialtheorien habe ich verschlungen und auch ab und an diskutiert, aber tatsächlich nur gelegentlich. In einer Zeit der 80er, als einem jeden Tag die Atombombe auf den Schädel fallen konnte, also die Bedrohung nicht im Fernsehen virtuell hinter den Butzenglasscheiben, sondern sehr real war, versuchten wir jeden Tag so zu leben, als sei es unser letzter gewesen. Also Aktion statt permanente Reflexion nicht getaner Taten.

 

Juli Zehs Teenager schalten nun im Vergleich zu den Dawson's Creek Kids auch noch den Turbo ein, denn der ewige Weltschmerz und prinzipiell alle Gefühle sind mittlerweile auch passé, es regiert nurmehr eine analytische Eiseskälte, unendliche Gleichgültigkeit und grenzenlose Misantropie, sie glauben an Nichts und sind die UrUrenkel der Nihilisten. Lediglich die Herumphilosophiererei und das Gehirnwichsen sind geblieben.

 

"Auch wenn Sie selbst verdammt jung sind, liegt doch etwas zwischen uns, das gemeinhin eine Generation genannt wird, obwohl man es besser einen zeitgeistlichen Tapetenwechsel nennen sollte. Ihr Geburtsjahr mag mit einer Neunzehn-Sieben beginnen, vielleicht sogar mit einer Neunzehnsechs, während ich der Achter Serie angehöre, eine späte Acht, beinahe schon eine Neun.[...]

 

Auf dem Gebiet des Seelischen gibt es nichts, das ein Psychologe den Vertretern meiner Generation erzählen könnte. Wir kennen die Funktionsweisen von Traumata. Wir wissen, was Projektionen, Minderwertigkeitsgefühle und Schuldkomplexe sind. Wir kennen Ödipus und Elektra, haben Freud, Adler, Jung und Psychologie heute gelesen... [...]

 

Wir sind der banalen und kleinkrämerischen Reglementierungen müde, die uns bei Strafe zwingen, ein Licht an unser Fahrrad zu schrauben, mit dem Rauchen bis zum sechzehnten Lebensjahr zu warten und unsere Autos für zwei Euro pro Stunde in ein Kästchen zu stellen, das irgendjemand fein säuberlich auf den Boden gemalt hat, während wenige Flugstunden entfernt ganze Welten verbrennen, vertrocknen, ersaufen, explodieren, verbluten."

 

Juli Zeh führt den Leser durch diese fremde Welt wie ein erfahrener Antropologe, der sein Geschäft in der Verhaltensforschung mit Tieren gelernt hat. Fast scheint es so, als sei der Roman eine Form der Raubtierrudelbeobachtung in der Serengeti, um das Ökosystem der Ernst Bloch-Schule detailliert und brilliant zu analysieren. Das macht Freude, erklärt jeden der Hauptprotagonisten - Lehrer wie Schüler inklusive aller Beziehungen und Machtverhältnisse so erschöpfend tiefgehend und logisch in nahezu allen Facetten, teilweise auch in solchen, an die ich als Leserin noch gar nicht gedacht habe.

 

Dann kommt dramaturgisch perfekt inszeniert auch noch das mittelhübsche, aber sehr interessante männliche Arschloch in der Person des neuen Mitschülers Alev ins Spiel, das jedem intelligenten Teenagermädchen komplett den Verstand raubt und das wie selbstverständlich das bisher eingespielte soziale Geflecht der Schule komplett durcheinanderwirbelt. Ohne Moral und Skrupel, aber auch nicht komplett bösartig, sondern eher so wie ein Kind einem Käfer die Beine ausreißt, nur um zu sehen, was passiert, werden sozialwissenschaftliche und psychologische Experimente im Feldversuch durch Elemente der Spieltheorie inkl. Gefangenendilemma an den lebenden Probanden der Schule durchgeführt. Das menschliche Schachspiel wird Zug zum Zug aufgestellt, um gleich einem D-Zug fatalistisch und auch sehenden Ausges dem ultimativen Abgrund menschlicher Untiefen und der finalen Katastrophe zuzusteuern.

 

Manipulation, Verführung, Sex, Erpressung, Macht, Mißbrauch von Schutzbefohlenen hier entsteht die Täter-Opfer-Umkehr nicht als Ausrede für Straftaten von Erwachsenen, sondern ist tatsächlich der ultimative Sündenfall der Jugendlichen. Oh so würden die Teenager dies auf keinen Fall bezeichnen, aber ich als alte Vettel darf mit meinen antiquierten Moralbegriffen der 60er-Jahre Geborenen auf jeden Fall derart urteilen, muss ich sogar - ich unbrauchbares gefühlsduseliges, moralinsaures Relikt dieser längst überholten Vergangenheit ;-).

 

Die Sprache dieses Romans hat mich fast am meisten begeistert. Juli Zeh schüttelt die wundervollen knackigen Metaphern nur so aus dem Ärmel und formt sie sogar mitunter zu großartigen Aphorismen.

 

• Gott ist Jurist. Er schafft Regeln und überläßt die Umsetzung anderen.

 

• Etwas Neues stand im Begriff zu beginnen, und Smutek freute sich darüber wie ein Masttier über die frische Luft, während es zum Schlachter geführt wird.

 

• Das Geräusch einer ins Schloss krachenden Tür im unteren Stockwerk trat dem Zauber des Augenblicks den Schemel weg.

 

Als mein Mann das Buch vor einem Jahr gelesen hat, meinte er, dass es ihm ein bisschen zu lang und zu langatmig war. Anfangs konnte ich das nicht verstehen, aber ca. auf Seite 400 musste ich ihm dann für kurze Zeit doch zustimmen. Manchmal übertrieb es die Autorin mit dem gemächlichen Aufbau der Figuren und Hintergründe, indem einfach viel zuwenig passierte und das Tempo total aus der Geschichte herausgenommen wurde. Eine Kürzung des Romans von 50-70 Seiten hätte dem Plot ohne Qualitätsverlust wesentlich mehr Drive und Rasanz gegeben. Das ist aber Jammern auf allerhöchstem Niveau.

 

Fazit: Absolute Leseempfehlung von mir!

Unglaubwürdiges Psychogram eines Autors über eine Frau

Das Vermächtnis der Eszter - Sándor Márai, Christina Viragh

Selten klappte ich ein Buch mit derartigem verblüfften heiligen Zorn zu wie dieses, denn alle inneren Antriebe der Hauptprotagonistin zu ihren völlig wahnwitzigen selbstzerstörerischen Handlungen sind so unglaubwürdig und wurden mir einfach vom Autor überhaupt nicht erklärt. Da hilft es auch nichts, dass das Buch von einem Schriftsteller aus einer anderen Zeit und Generation vor der Emanzipation stammt, in der die Frauen allesamt noch gefügige arme Hascherln warn, aber so dämlich, sich wie ein Lemming ohne Zwangslage freiwillig von einer Klippe zu stürzen, das brachten nicht mal die naivdümmsten Vorkriegsfrauen zustande.

Aber nochmals zurück zur Ausgangslage: Das Buch beginnt eigentlich in gewohnter Marai Qualität als wortgewaltiges Psychogram des Schlawiners, Strizzis, Pülchers, Falotten (ui da poppt das österreichisch/ungarische Synonymwörterbuch in meinem Schädl automatisch auf) Lajos, geschrieben von jener Frau Eszter, die er am meisten um ihr Leben und ihr halbes Vermögen beschissen hat. Als sich Lajos zu Besuch ansagt, will er von ihr auch noch den kümmerlichen Rest ihrer Existenz und sie überschreibt ihm ihr Haus, um fortan ihr Leben im Armenhaus zu fristen.

So weit so gut - die Schuldgefühle und die Tränendrüse auf die der Schwindler wortreich, eloquent, übergriffig, manipulierend und mit gewiefter emotionaler Erpressung drückt, sind ja durchaus nachvollziehbar und gut beschrieben. Aber warum Esther auf die Forderungen eingeht, erschließt sich mir nicht. Offenbar versteht es jeder, die Hausdame, der Familienanwalt, Sandor Marai - nur der Leser bleibt kopfschüttelnd und völlig ahnungslos zurück. Nun wäre es nicht so verwerflich, wenn Marai das Buch aus männlicher Perspektive geschrieben hätte, dann könnte man noch sagen, so stellt sich der kleine Sandor völlig unrealistisch und hirnverbrannt die unterwürfigen dummen Weiber vor (dies tat auch schon mal Murakami und wurde von mir deshalb besser bewertet), aber das Buch auch noch quasi aus der Frauenperspektive herauszuschreiben, ist tatsächlich ein verdammtes Sakrileg. Marai macht sich ja nicht mal die Mühe, uns schlüssig zu erklären, was die Meinungsänderung von Esther wirklich verursacht hat. So quasi - sie ist eine Frau - deshalb muss sie sich naiv dumm opfern. Punkt.

Da fühle ich mich als Mensch und als weibliches Wesen übelst beleidigt, und müsste Marai dringend empfehlen (sofern er noch leben würde), dass er über Sachen schreiben sollte, von denen er was versteht, aber auf keinen Fall über Frauen. In die Haut alternder Männer konnte er gut hineinschlüpfen über Frauen hätte er nie schreiben dürfen, dafür war er zu respektlos und präpotent-dämlich.

Selbst wenn ich ein armes weibliches Hascherl vor 1914 gewesen wäre, die noch nie was von feministischen Ideen gehört und nie aufgemuckt hätte, hätte ich mich nach damaligen Maßstäben gemansplaint gefühlt und auf diesen Roman ordentlich gespuckt.

Ach ja Stern 2 gibt es für die Form und Sprache, denn schreiben kann er ja der Herr Marai.

Ein Krimi als schlechter Trip

Natürliche Mängel - Thomas Pynchon, Nikolaus Stingl

Wow dieser Schmöker war für mich richtig zäh. Doc ein Privatschnüfflerverschnitt ala Philipp Marlowe & Mike Hammer mit ein bisschen Hippie Attitüde stolpert mit einer in Eisberge gemeißelten Coolness durch ein total konfuses Universum aus Drogensüchtigen, Freaks, Rassisten und geldgeilen Verbrechern aus allen Berufs- und Bevölkerungsschichten inkl. endlosen und verwirrenden Beschreibungen der Stadt L.A. und Szenewechseln im Stakkato.

 

Weiters konnte ich diese unzähligen, unsäglichen Musik- und Filmanspielungen, Modevokalbeln, Drogenjargon, Surfervokabular, Hippiejargon, lokale L.A. Orts-Wörter...... so gar nicht verstehen, da sie in einem derartigen Schwall auf mich einprasselten, lohnte es sich nicht mal mehr, sie zu googeln. Sie begründeten zwar eine bestimmte Stimmung im Roman, aber verstanden habe ich zur Hälfte nur Bahnhof. Ich kann aber verstehen, dass eine gewisse Community, die etwas mehr damit anfangen kann, total darauf abfährt.

 

Aber was rege ich mich eigentlich auf? Mir wurde im Klappentext eh das versprochen, was im Endeffekt geliefert wurde: Ein psychodelischer Drogentrip in Form eines Marlowe Krimis, aber dieser Trip hört sich besser an, als er ist, ich vertrage ihn nicht so gut :D Ich hätte einfach auf Mammi und Papi hören sollen: "Hände Weg von solchen Drogen" :D .

 

Auch die Handlung fährt mit dem Leser gleich einem schlechten Trip in konfusen Schleifen Schlitten, die Hauptfigur und der Leser stolpern ohne Sinn und Verstand durch den Plot und letztendlich ist die Auflösung des Kriminalfalls auch nicht gerade berauschend. Manchmal muss man aber dann sogar lachen, wenn sich die Sprache strotzend vor coolem Machismus einfach selbst ad absurdum führt, oder weil dem Autor dann letztendlich doch etwas Witziges eingefallen ist (so wie bei der Beschreibung der Parkplatzsituation, die mich frappant an meine derzeitige Heimatstadt Krems erinnert). Deshalb schraubte sich dieses Werk dann doch noch etwas mühsam auf einen zweiten Stern.

 

"Doc wollte gerade in seinen Wagen steigen, als eine schwarz-weiße Bullenwanne mit voller Festbeleuchtung um die Ecke gebrettert kam und neben ihm hielt." "Die freundlichste Bezeichnung, die jemals irgendwer für die Parkplatzsituation in Gordita Beach gefunden hatte, war nonlinear. Die Vorschriften änderten sich auf unvorhersehbare Weise von einem Häuserblock, oft auch von einem Parkplatz zum nächsten und waren offenbar insgeheim von teuflisch raffinierten Anarchisten ersonnen worden, die die Autofahrer so zur Raserei bringen wollten, dass sie eines Tages die Büros der Stadtverwaltung stürmen würden."

 

Fazit: Dieses Buch ist definitiv ein Roman für jemand anderen - aber nicht für mich.