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Awogfli - Bookcroc

Ich bin Buchgourmet und Buchgourmand quer durch viele Genres

Bitterkitsch

Zusammen ist man weniger allein - Anna Gavalda

Was ich wieder mal für mich persönlich gelernt habe: Hüte Dich vor Büchern, die in der Werbung als bittersüß beschrieben werden. Wobei - ganz so dramatisch war es auch nicht, aber der Roman von Anna Gawalda war für mich nur äußerst mittelmäßiger Roman mit einigen Ärgerfaktoren.

Aber beginnen wir am Anfang. Also der Plot ist zu Beginn sehr wirrr mit inflationären entbehrlichen Szenenwechseln aufgebaut, die teilweise im Halbseitentakt daherkommen und dadurch den Roman dekonstruieren. Das fand ich extrem enervierend und machte mich ganz unruhig. Eine unnötige Qual, die nicht mal mit Qualität punkten kann. Gut dieses Stilmittel wird ab ca. 40% des Werkes obsolet, da die drei und dann vier Protagonisten beginnen, zusammenzuwohnen und viele Szenen gemeinsam zu haben.

Am schlimmsten waren eigentlich die Figuren, die waren mir wirklich viel zu bemüht kurios durchgeknallt mit ein bisschen sehr oberflächlichem Seelenstriptease (Die Socken und die Unterwäsche bleiben aber angezogen) auf Pseudo-Tiefgang in der Untiefe getrimmt. Der stotternde Adelige mit feinen Manieren ohne Geld und mit großer Wohnung, der mit ein bisschen Schauspielunterricht seinen Sprachfehler korrigieren kann, nebenbei die große Liebe findet und sich von seinen Eltern emanzipiert. Der promiskuitive etwas ordinäre Koch mit leichter Bindungsstörung, der von der richtigen Frau dann schon zur großen Liebe kuriert wird. Seine ein bisschen demente Omi (Alzheimer kann sie ja nicht gehabt haben, denn das ist ernsthafter und kann nicht wirklich im Familenverband so nebenbei gepflegt werden). Und dann der größte Faux-Pas Gawaldas, die magersüchtige Camille, die schon bis auf die Knochen abgemagert, nur die große Liebe braucht, um schwuppdiwupp ohne Therapie quasi von selbst zu genesen. Der richtige liebevolle Mann, der zudem noch Koch ist, heilt alles auch eine ernstzunehmende Krankheit. Was für ein billiges, zudem unwahres und sehr respektloses Klischee vor allem gegenüber jenen Personen, die verzweifelt mit viel Aufwand und ärztlicher Begleitung jahre- bis jahrzehntelang gegen diese Krankheit kämpfen. Und dann auch noch quasi als ein bisschen durchgeknallter Proband mit ein paar "Marotten" (ja genauso stellt sich die Magersucht dar, als kleine Marotte, die man aufgeben kann) für das Globuli der Liebe von der Autorin regelrecht vorgeführt werden - das ist extrem ungut. Ja so setzt Gavalda als Ingredienzien die psychischen und physischen Störungen ihrer Protagonisten ein - als bourgeoises Beiwerk, als kleine Durchgeknalltheit für ihren zähen Liebeseintopf. Aber natürlich immer schön an der Oberfläche bleiben, denn das könnte ja sonst die Romantik zerstören.

Ach ja sprachlich sehr gut und eloquent erzählt, dennoch werde ich ums Verrecken nicht auf drei Sterne aufrunden, denn diese "Liebe heilt alles" - Attitüde geht mir sowas auf meine Eierstöcke.

Fazit: Entbehrlich und jetzt weiß ich wieder, warum ich so viele Probleme mit "typischer Frauenliteratur" habe. Diese Diskussion hatten ich auf goodreads mit ein paar anderen bereits vor ein paar Wochen.

Brilliante Analyse einer parasitären Künstlerfamilie

Die Parasiten - Daphne DuMaurier

Auch ich habe diese Autorin zu Beginn unterschätzt, je mehr ich von ihr lese, desto besser gefällt sie mir. Du Mauriers Sprachfabulierkunst und die kurze, knackige, aber dennoch tiefgründige prägnante Skizizierung von Figuren ist außerordentlich - bereits auf den ersten 15 Seiten bekommt man fast eine tiefe psychologische Einsicht in Ihre Protagonisten, die sich von Seite zu Seite immer tiefer - fast in die Abgründe der Seele bohrt.  

Die Charaktäre und vor allem die Beziehungskonstellationen sind sehr spannend. Der Eklat mit den Parasiten steht zu Beginn des Plots: Charles der Ehemann von Maria schimpft Maria und ihre zwei Geschwister in einem Zornesanfall ziemlich unvermittelt als Parasiten. Anlässlich dieses sehr ernsten und emotionalen Ausbruchs reflektieren die drei Geschwister ihr bisheriges Leben, ihre Beziehung zu ihren Eltern, ihre eigenen Entwicklungen und die etwas krankhaften klammernden Beziehungen untereinander. Die Stimmung im Buch beginnt ein bisschen humorvoll und steigert sich nach und nach ins dramatische. Dabei werden die dramatischen Abgründe nicht sprachlich und plotmäßig bedeutungsschwanger von der Autorin konzipiert, sondern sind derart lapidar realistisch, dass sie umso gravierender wirken.

Die ganze Familie stammt aus dem Künstlermilieu (manchmal kam es mir so vor, als hätte ich den Haushalt der Albach-Rettys vor mir bzw. so wie ich mir diesen früher vorgestellt habe)  und ist derart rücksichtslos egoistisch und selbstzentriert gegen die gesamte Umwelt, dass einem manchmal wirklich die Spucke wegbleibt. Dieser sagenhafte Egoismus ist aber nicht aus einer absichtlichen Bösartigkeit geboren, sondern ist von massiv gedankenlosem Charakter, weil sowohl Eltern und Kinder von Anfang an ob ihres Talents den Applaus und die Ovationen des Publikums gewohnt sind, auch wenn sie nur privat agieren und deshalb meinen, sie könnten sich alles herausnehmen. Aus diesem Grund ist auch die Beschimpfung Parasit derart punktgenau gewählt, denn es liegt im Wesen, im Lebenszweck, in der DNA des Parasiten auzunutzen und das ist nicht mal absichtlich bösartig.  

Weiters thematisiert Du Marier einige topmoderne Themen wie die Selbstverwirklichung der Frau im Beruf, versus Aufopferung und Pflege der Familie bzw der Kinder. 68 Jahre hat dieser Roman schon auf dem Buckel und er liest sich momentan so modern und aktuell, dass es eine Freude ist, man merkt es nicht, denn diese Qualität ist zeitlos.

Die Erzählweise ist recht kurios und hat mir in diesem Fall aber ausnehmend gut gefallen. Normalerweise mag ich ja keine sprachlichen Manierismen um der stilistischen Eitelkeit wegen, aber wenn der Stil die Handlungen und die erzählte Geschichte unterstützt, dann bin ich begeistert.  Du Maurier geht von der Identifikation des Erzählers ab (wenn die drei Geschwister reflektieren, weiß man nie, aus welcher Sicht genau erzählt wird - sie agieren und erzählen als parasitäre Einheit). Dieser Stil beschreibt und manifestiert ja auch die psychologischen übergriffigen Beziehungen der Familie untereinander, in denen oft nicht klar ist, wo die eine Person aufhört und die andere beginnt.

Ein wundervolles detailliertes Psychogramm von fünf Personen: Charles, dem die rücksichtslose lieblose Distanziertheit seiner Ehe mit der gleichzeitig viel zu engen Beziehung seiner Frau zu ihren Geschwistern einfach irgendwann zu viel wird. Pappi, der seinen Kindern nie Grenzen aufzeigt und letztendlich wie ein Blutsauger seine Tochter Celia als Ehefrauersatz ausnutzt. Celia, die eigentlich auch ein riesengroßes künsterlisches Talent hat, aber nie etwas anderes gelernt hat, als sich von Pappi und ihrer Schwester Maria ausnutzen zu lassen und zu dienen. Die, als sie die Chance ergreifen müsste, es einfach nicht wagt, ihr Leben und ihr Talent zu nutzen.  Maria als Bienenkönigin des Egoismus in diesem Familienverband, die als sie endlich die Rechung präsentiert bekommt, aufsteht, ihre Krone richtet und lächelnd weitermacht. Und Niall der Zyniker, der eine viel zu enge fast schon krankhafte Beziehung zu seiner Stiefschwester hat und dem Talent und Geld immer in den Schoß fällt, das er aber nie zu nutzen weiß.

Das Ende von Niall war jetzt das einzige, das mir nicht so schlüssig vorkam, es passte auch nicht ganz so für seinen zynischen Charakter, dass er sich so duldsam in sein Schicksal ergibt. Wobei der Witz auf seinen Lippen in dieser Situation war eigentlich schon wieder grandios.

Fazit:   Eine absolute Leseempfehlung von mir: Modern, tiefenpschologisch ansprechend, sprachlich hervorragend aber unaufgeregt, ein bisschen humorvoll, ein bisschen Tragödie. Ein wundervolles Werk, das beschreibt, wie das Leben so spielt in einer parasitären Künstlerfamilie.

Mord mit Psychopath in der Steiermark

Steirerquell: Sandra Mohrs achter Fall (Kriminalromane im GMEINER-Verlag) - Claudia Rossbacher

Claudia Rossbacher ist mit dem achten Fall mit der steirischen Landeskriminalamts-Ermittlerin Sandra Mohr und Ihrem Chefinspektor Sascha Bergmann wieder ein recht solider Krimi gelungen.

 

In gewohnter Manier gibt es liebevolle Beschreibungen von Land und Leuten aus der südsteirischen Thermenregion, den üblichen winzigen Konflikt der LKA-Ermittler mit den lokalen Polizeibehörden und diesmal als überraschende Wendung auch keine verliebte Polizistin. Im Gegenteil, was Sandra Mohr diesmal wirklich zum Zittern bringt, ist die berechtigte Sorge um ihre beste Freundin Andrea, die nach einem Hilferuf über das Handy wie vom Erdboden verschluckt ist. Dass die Angst um die etwas flatterhafte beste Freundin kein hysterisches Hirngespinst von Sandra Mohr ist, zeigt auch der Fund einer verkohlten unidentifizierten tätowierten Leiche, quasi gleich neben Andreas Auto.

Was dann folgt, ist ein etwas zu aufgeregter Plot mit solider Ermittlungsarbeit und gelegentlichen Schnitten zum psychopathischen Täter beziehungsweise den Opfern á la Das Schweigen der Lämmer – statt im Schneider- diesmal im Tattoo-Milieu. Für mich als Leserin waren es durch die vielen ausgelegten Hinweise aus Tätersicht, etwas zu wenige Verdächtige, um nicht relativ bald mit der Nase auf den Mörder zu stoßen.

 

Fazit: Trotz dieser Kritikpunkte ein solider, kurzweiliger, leichter Krimi, den ich in einem Rutsch durchgelesen habe.

 

Im Prinzip eignen sich die Stoffe von Claudia Rossbacher ja extrem gut als Drehbuch fürs Fernsehen. Ich muss mir unbedingt mal eine Folge im Fernsehen ansehen und dann eine Book2TV Rezension schreiben.
Steirerblut: https://www.youtube.com/watch?v=dKaRcHUtvvk
Steierkind: https://www.youtube.com/watch?v=UluCAdBaHrk
Was für eine Freude! Da dies ORF Produktionen sind, sieht man nicht nur den Trailer, sondern der gesamte Film hat sich auf youtube gehalten, ohne aus urheberrechtlichen. Gründen gelöscht worden zu sein.

In Lichtgeschwindigkeit durch die USA gerast

Die Amerikafalle: oder: Wie ich lernte, die Weltmacht zu lieben - Martin Amanshauser

Kann ein Reisejournalist, der es gewohnt ist, seine Gedanken in ziemlich kurze Artikel in Zeitschriften zu stopfen, weil er nur ein paar tausend Wörter zur Verfügung hat, auch zwangsläufig ein gutes Buch schreiben? Nein er kann nicht, vor allem wenn er seinen Zeitschriften Reportagen-Stil beibehält und so überhaupt nicht auf das Medium Buch eingeht, in dem er dem Leser eine tiefergehende Analyse präsentieren könnte, weil er so weitermacht wie schon immer.

 

Was ich von diesem Buch erwartet habe und was mir auch durch den Umschlagtext versprochen wurde, war folgendes: Eine Nah- und Momentaufnahme eines Landes im Umbruch, ein liebevoll entlarvender Blick auf die USA unter Präsident Trump. Klingt wirklich sehr interessant, und dementsprechend habe ich mich sehr auf dieses Sachbuch gefreut

 

Was ich bekommen habe: Einen dekonstruierten, oberflächlichen Roadtrip mit einem völlig wirren sprunghaften Erzählstil, der mir Land und Leute bis auf drei Ausnahmen (und die kann ich wirklich noch zählen) überhaupt nicht näher bringt. Kaum ein Gedanke wird sorgfältig zu Ende formuliert, wird schon der nächste aufs Tapet gebracht. Dabei rast der Autor ruhelos von Ort zu Ort. Aber auch diese Reisereportage ist teilweise derart unstrukturiert konzipiert, dass es schon fast zum Lachen wäre, wäre es nicht so wirr und lähmend. WTF! Ganz New Orleans wird von Amanshauser in neun A5 Seiten abgespult, der Geist und auch noch alle besuchten Locations von San Francisco in acht Seiten. Schon klar, dass hier nur so die Schlaglichter gleich einem Stoboskop aufblitzen und man sich von den Orten und den Menschen gar nichts merken kann. Aber es wird sogar noch grotesker. Im Kapitel Across the border werden die beiden Länder Mexiko und Kanada als Ganzes in sechs Seiten vergewaltigt. In jedem Absatz – also alle drei bis vier Zeilen – ist man an einem anderen Ort, da kriegt man als Leser einen Drehwurm, geschweige denn, dass man den Gedankensprüngen folgen könnte.

 

So ein Stil mag in einem Einzelartikel in einer Geo- oder National Geographic-Reportage gerade noch funktionieren, weil ja die Wörterzahl beschränkt ist. Aber zwischen zwei Buchdeckeln immer und immer wieder im Batch-Verfahren hintereinandergereiht? Da muss man sich als Schriftsteller schon ein bisschen mehr bemühen und tiefer gehen. Sonst ist das Buch das falsche Medium für solche Fastfood-Reisereportage-Happen, wenn ich mal einen der servierten Fastfood-Bissen überhaupt vollständig runterschlucken und verdauen konnte. Abgesehen davon habe ich eben so gut wie gar nichts über das Land und die Leute gelernt bei dem Gehetze von Ort zu Ort. Fast scheint es so, als würde dieses Werk uns einen Blick in die Tiefe Amerikas versprechen, genauso wie diese sinnlosen Reisen von amerikanischen Reisebüros, die dem US-Bürger in sechs Tagen ganz Europa nahebringen wollen und in deren Urlauben man auch nur von Stadt zu Stadt hetzt. Wobei ich diese Art zu reisen noch eher goutieren kann, denn das hier ist im Gegensatz zum Ami mit einer Woche Urlaub eben ein Buch mit viel Platz für die versprochene Analyse der amerikanischen Seele und den liebevollen Blick auf die USA, der mir total verweigert wurde. So etwas macht mich immer sehr ärgerlich.

 

Fazit: Eine absolute Empfehlung von mir, dieses Buch NICHT zu lesen. Außer drei gute, sehr kurze Analysen der amerikanischen Seele bezüglich Obrigkeitshörigkeit, Freundlichkeit und Political Correctness gibt es auf 210 Seiten keinen einzigen weiteren Gedanken, der es wert wäre, dafür Lesezeit zu verschwenden.

Menschliches Ersatzteillager

Die Akte Kalkutta: Kriminalroman - Emfried Heidi

Dieser Roman von Heidi Emfried hat keine meiner Vorurteile bestätigt und mich positiv überrascht. Ich vermutete nämlich, dass ein österreichischer Regionalkrimi, als Erstlingsroman von einer Frau erzählt mit einem Schuss Romantik, punktgenau für das nach Schmalz lechzende weibliche Zielpublikum, viel dramatischer Figurenverwicklung und einem aufregendem Finale im Plot sicher nicht für mich funktionieren kann. Ich habe mich sehr geirrt, denn dieser Krimi hat so fast gar keine der von mir befürchteten Komponenten und hat mir deshalb wirklich gut gefallen.

 

Erstens ist die Regionalität recht wenig ausgeprägt, denn die Handlung spielt durchaus sehr international in Wien bzw. in der Umgebung der Stadt und in Kalkutta und die Locationbeschreibungen des Wiener Plots sind auch nicht extrem ausufernd und liebevoll. Schwülstige Romantik mit zitternden Knien gibt es gar keine, obwohl natürlich eine neue Beziehung im Leben des Kommissars Leo Lang eine Rolle spielt, die aber recht pragmatisch abgewickelt wird – typisch für einen Polizisten, der sich mit Mord und Totschlag beschäftigt. Die Figuren sind dennoch gut mit viel Hintergrund entwickelt, aber nicht im effektheischenden Sinne mit einem kriminalistischen Drama in der Vergangenheit des Protagonisten, sondern mit einem ganz normalen Krankheits-Tod der Tochter im Lebenslauf des Kommissars, was natürlich seine Ehe zertrümmert hat, worauf aber nicht wirklich detailreich eingegangen wird. Auch die Zusammensetzung des Ermittlerteams und die Beziehungen untereinander werden psychologisch und soziologisch sehr gut aufgerollt.

 

Und jetzt kommt einer der beiden Punkte, die mir am besten gefallen haben. Die Leiche eines kleinen blonden Jungen, der nicht aus Österreich stammt und von dem es auch keine internationale Vermisstenmeldung oder Hinweise auf seine Herkunft gibt, wird in der Wiener Lobau gefunden. Mysteriös und sehr ungewöhnlich, der Fall – wahrscheinlich was mit Organhandel – das Kind, dem eine Niere entnommen wurde, ist HIV-positiv. Da hier Profis am Werk waren und auch keine verwertbaren forensischen Beweise vorhanden sind, spielt diesmal weniger die kriminaltechnische Untersuchung im Labor eine Rolle, sondern die Ermittlungen werden tatsächlich von der Polizei vorangetrieben. Strukturiert fast schon technokratisch beschreibt die Autorin, wie bei ganz langweiliger klassischer Polizeiarbeit vorgegangen wird. Die akribische Spurensuche, die im Umschlagtext genannt wird, trifft den Nagel tatsächlich auf den Kopf. Ein Fall, bei dem weder Opfer noch Täter bekannt sind und das Opfer lange nicht identifiziert werden kann, wird systematisch aufgerollt: 3D-Modelling der verstümmelten Leiche, Systematisierung der Bevölkerungshinweise in A, B und C Hinweise und der strukturierte Umgang mit den Tipps, Befragungen der Hinweisgeber, Suche nach der Nadel im Heuhaufen – nach potenziellen Krankenhäusern und Arztpraxen, in denen die Niere entnommen werden konnte, Analyse der Kleidung des Jungen… Diese systematische Durchleuchtung der Autorin von klassischer Polizeiarbeit hat mir sehr gut gefallen. Kein Wunder, dass sie das so gut strukturiert konzipiert hat, schließlich hat sie Informatik auf meiner Universität, der Johannes Kepler Uni in Linz studiert und bis zu ihrer Pensionierung in der IT gearbeitet, bevor sie Schriftstellerin wurde. Da hat sie das Systematisieren von der Pike auf gelernt.

 

Vor dem letzten Viertel des Romans fiel es mir wie Schuppen von den Augen und da komme ich zu jenem Punkt, der mich am meisten begeistert hat. Zuerst dachte ich noch, die Fährte, die Frau Emfried auslegte und der ich folgte, ist entweder ein Hirngespinst meinerseits oder führt in die Science Fiction. Nach Befragung von Dr. Google wurde ich aber eines besseren belehrt. Uiuiui, da hab ich in den letzten drei Jahren die wissenschaftlichen Fortschritte in der Genetik total verpasst, beziehungsweise ignoriert. Wirklich toll, wie die Autorin Revolutionen in der Genetik seit 2013 glaubwürdig und konsistent mit wissenschaftlichem Hintergrund in den Plot einfließen lässt – die Story klingt zwar total abgedreht, aber meine Recherche zeigte, dass diese Handlung nun wirklich keine Science Fiction mehr ist und tatsächlich genauso im Jahr 2018 hätte passiert sein können. Mehr möchte ich nun nicht mehr verraten, viele können sich ohnehin schon einiges aus meinen Hinweisen zusammenreimen.

 

Das Ende der Geschichte und die Ausforschung der tatsächlichen Täter bot letztendlich für mich ein bisschen wenig Überraschung, was mich natürlich doch etwas an meinem lustigen Mörderraten hinderte.

Sprachlich hat mir der Krimi gut gefallen, die Autorin ist eine punktgenaue, messerscharfe und pointierte Beobachterin. Zum Beispiel zitiert sie eine Analogie zwischen Koriander und der Palmolive-Werbung, wohl wissend, dass für manche Menschen auf Grund von genetischen Komponenten Koriander wie Seife schmeckt.

„Magst Du Koriander?“ […]
„Koriander? Äh ich glaube schon, überlasse ich Dir. Wie sieht der aus?“
„Du zufpst ihn gerade ab“, sagte Leo. Er fühlte sich an die Palmolive Werbung aus den Achtzigern erinnert, bei der der Hausfrau von einer Expertin eröffnet wurde, dass sie gerade ihre Hände in Spülmittel bade. […] Er wartete gespannt – bei Koriander gibt es nur lieben oder hassen.

Oder auch diese Uniformen der Stewardessen, der Austrian Airlines. Jeder Österreicher, den ich kenne, hat sich bei einem Flug schon mal über die Strumpfhosen mokiert.

Da sie außer Dienst war, trug sie saloppe Alltagskleidung, was ihr wahrscheinlich ohnehin viel besser passte als die AUA-Uniform, die Lang überhaupt nicht gefiel. Das viele Rot, besonders bei den Strümpfen, stand den wenigsten, fand er.

Fazit: Ein guter internationaler Krimi mit einer spannenden wissenschaftlichen Ausrichtung bezüglich, Genetik, Informatik, Materialkunde und Psychologie. Für manche vielleicht mit zu wenigen dramatischen Effekten und zu langsamem Tempo, in diesem Fall für mich aber nicht, denn dieser qualifizierte Blick hinter die Kulissen wog für mich alles auf.

Update Autorinnen Challenge A-Z - Der Monat März und Anfang April

Totenweg: Kriminalroman (Elbmarsch-Krimi, Band 1) - Romy Fölck Orchis: Roman - Verena Stauffer Der Lügenpresser - Livia Klingl Die drei Marias (WAT) (German Edition) - Rachel de Queiroz, Ingrid Führer

Tja der März war etwas durchwachsen in meiner Autorinnenchallenge, ich habe nur mein Minimalziel von 2 Autorinnen/ Monat erreicht. Das lag aber auch daran, dass rund um den Termin der Leipziger Buchmesse einfach die meisten Rezensionsexemplare eintrudelten, die eben zeitnahe gelesen und rezensiert werden mussten. Da sind eben immer sehr viele männliche Schriftsteller unter den Neuerscheinungen.

 

Außerdem ergibt sich nun vermehrt auch das Problem, dass auch Neuerscheinungen und Rezensionsexemplare von Autorinnen eintrudeln, die einen Buchstaben abdecken, der bereits Monate vorher erfüllt worden ist. Aber ich habe mich entschlossen, Euch über alle Bücher von Autorinnen, die ich im Challengezeitraum von 1.12.2017 bis 31.12.2018 - also während der 13 Monate - gelesen habe, zu informieren. Nötigenfalls werden manche Buchstaben doppelt und dreifach belegt sein.

 

Nichtsdestotrotz schaut meine Challenge insgesamt wirklich gut aus. Sie wirkt sich schon auf meine Autorinnenquote insgesamt aus. Mit heutigem Stand 10.4. habe ich schon 17 Bücher von Autorinnen zumindest angefangen zu lesen. Meine Statistik sagt

Autorinnen 17/31

Gemischt Autorin/Autor 1/31

Autoren 13/31

 

Ihr seht also, meine Autorinnenquote hat sich von ca. 12% in der Vergangenheit auf wesentlich mehr als 50% erhöht. Das war das eigentliche Ziel für mich selbst.

 

Im April ist es wieder spannend. Derzeit bin ich schon beim dritten Buch von Schriftstellerinnen.

 

Nun natürlich auch noch meine Liste zum Nachschauen mit heutigem Stand der Dinge:

 

A:
B: Bachmann, Ingeborg: Das dreißigste Jahr **
C: Chambers, Becky: Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten 2,5 *** aufgerundet auf 3
D: Dusl Anna Maria: Boboville - 2,5 *** aufgerundet auf 3
E: Emfried Heidi: Die Akte Kalkutta (currently reading) (Rezensionsexemplar)
F: Fölck, Romy: Totenweg 3,5*** aufgerundet auf 4 (Rezensionsexemplar)
G:
H: Han, Kang: Die Vegetarierin *****

     Hirth, Simone: Bananama **** (Rezensionsexemplar)
I:
J: Joyce Rachel: Die unwahscheinliche Pilgerreise des Harold Fry ****
K: Kaiser, Vea: Blasmusikpop ****

     Klingl, Livia: Der Lügenpresser 3,5*** aufgerundet auf 4 (Rezensionsexemplar)
L: Lessing, Doris: Die gute Terroristin **
M:
N: Nothomb Amelie: Der Professor ****
O:
P: Piuk Petra: Lucy fliegt *** (Rezensionsexemplar)
Q: De Queiroz, Rachel: Die drei Marias ***

R:
S: Stauffer, Verena: Orchis **** (Rezensionsexemplar)
T:
U:
V:
W:
X:
Y: Yoshimoto Banana: Eidechse *** nur wegen der Stilform Kurzgeschichte
Z: Zeh Julie: Schilf ****

 

Ansammlung von unverständlichen Romantikern

Die drei Marias (WAT) (German Edition) - Rachel de Queiroz, Ingrid Führer

Eigentlich fand ich das Buch sprachlich gut gemacht und auch angenehm zu lesen, aber ich hatte enorme Probleme mit den Figuren, mit ihrer Handlungsmotivation und mit den Beziehungen der Figuren untereinander. Ich konnte gar so wenig mit den Charaktären anfangen und die Autorin hat mir die inneren Antriebe dieser Protagonisten auch nicht so ausführlich genug erklärt, dass ich sie verstehen konnte. Auf Grund dieses Unverständnisses meinerseits bleiben in meinem Gedächtnis die Figuren also extrem flach.

Dabei fing der erste Teil der Geschichte schon mal sehr gut an. Das Szenario in der Klosterschule habe ich 7 Jahre lang (also von 6-13) genauso am eigenen Leib erlebt: Die Abschottung - die Nonnen, die irgendwie nur in Ausnahmefällen menschlich reagierten, einerseits, weil sie so entrückt des normalen Lebens in der Hinwendung zu Gott, andererseits weil manche tatsächlich sehr bösartig waren. Sie waren auch in meiner Schule  kaum geeignet, Kinder zu erziehen. Auch diese Sonderstellung und die glühende Beneidung der externen Schüler, die nach der Schule rausdurften, und die kasernierten internen Internatsschüler - und bei uns gabs noch die dazwischen, die im Halbinternat HORT bis zum Abend erzogen wurden (ich war übrigens in dieser Gruppe). Auch diese Ausgrenzung von unehelichen Kindern kenne ich zur Genüge - ich wurde mit 6 Jahren meiner 1. Volksschulklasse als "das Produkt einer Sünde" vorgestellt. Das hat mich aber damals nicht gekränkt, da ich von meinen Pflegeeltern atheistisch erzogen wurde, und mit dem Konstrukt "Sünde" damals glücklicherweise nicht vertraut war bzw. sogar das Wort nicht kannte. Auch die durch die Abschottung und Fehlerziehung ohne menschliche Wärme verursachte fast krankhafte Entwicklung zu Klosterschulganserln, die sich bezüglich des männlichen Geschlechts komplett unrealistische romantische Vorstellungen machen, kenne ich zur Genüge und auch diese tiefen Frauen-Freundschaften, die sich einfach nicht verändern, obwohl man sich Jahre - bei mir waren es bei einer Freundin 33 und bei der anderen 20 - nicht gesehen und aus den Augen verloren hat, hab ich kennengelernt.

ABER: und jetzt kommt das traurige ABER: Wo bleibt das Erwachsenwerden der Figuren in dieser Geschichte? Wo bleibt die Rebellion gegen das alles? Keine meiner ehemaligen Freundinnen ist in diesem romantischen Stadium steckengeblieben, schon auf der Schule haben wir uns in der Pubertät zu Rebellinnen zu gnadenlosen Kritikerinnen entwickelt. Bei uns gabs fast nur 2 Extreme - entweder gefangen fürs Kloster oder sehr unromantische pragmatische atheistische Rebellin. Kaum eine in meiner Klasse ist als gläubige Christin aus dieser Hölle herausgegangen - von denen, die wirklich in die Welt gegangen sind.

Und das fehlt mir bei den Protagonisten - sowohl bei den Mädchen, die in der Klosterschule waren, als auch bei den Männern. Die Adoleszenz, die Entwicklung. Und da starten eben die für mich unverständlichen Ungereimtheiten.

Hier startet nun mein Spoileralarm

* Angeblich ist eine der drei Marias laut Information auf dem Buchrücken im Kloster. Warum lebt sie dann mit Maria Augusta zusammen?
* Dieser Trottel, der sich in Guta verliebt hat, warum bringt er sich um? Er hat noch nicht mal versucht, ihr Herz zu gewinnen, er hat sie nicht mal um ein Rendez-vous gefragt. Stattdessen ergeht er sich in schwärmerischer Minne, die mir schon bei Clemens Brentano, Walther von der Volgelweide und Goethe also in der Zeit der ritterlichen Romantik sehr unverständlich war und die heutzutage wirklich recht selten und undenkbar ist. Außerdem ist er tatsächlich eine sehr ambivalente mysteriöse Figur - einerseits zu feige in Sachen Liebe, die ihn quält, zu handeln - andererseits geht er todesmutig in einen Selbstmord, den ich durch den schmerzhaften Tod nicht mal meinem ärgsten Feind zumuten würde. Verliebt in die Todessehnsucht und in die Vorstellung einer unerfüllten Liebe, nach deren Erfüllung man sich nicht zu fragen traut. Also das muss mir Frau de Queiroz dann schon genauer erklären, was in diesem Hirn vorgeht - tut sie aber leider nicht.
* auch der zweite Mann in Gutas Leben, der jüdische Arztanwärter Isaak, ist schon wieder so ein schwärmerischer Romantiker. Die Frau, die er (angeblich) liebt, lässt er von dannen ziehen, ist wieder zu feige, zu fragen und bittet sie nicht, bei ihm zu bleiben und zu heiraten, auch wenn sich dadurch sein Problem der Abschiebung gelöst hätte. Er kann ja vor lauter Liebeskrankheit die Nostrifikationsprüfungen für den Doktor Med nicht machen, die ihm eine unbefristete Aufenthaltsbewillung beschert hätten. Wie hat er denn mit so einem Charakter überhaupt den Doktor in Griechenland geschafft? Den bekam man auch damals nicht unbedingt nachgeschmissen.
* und Guta in Angst vor einer Schwangerschaft, die natürlich auch tatsächlich eintritt, kriegt auch nicht den Mund auf. Sie nimmt lieber die Schande in Kauf und liebt es, sich leidend dieser zu Hause auszusetzen, als einmal die Frage nach dem Zusammenbleiben mit ihrer großen Liebe zu stellen? Was ist schwieriger oder peinlicher? Zu fragen "wollen wir zusammenbleiben" oder die andere Konsequenz für beide, sich ins Unglück bzw. in richtig schwere Nachteile in der Zukunft zu stürzen und die vermeintliche große Liebe nur als etwas theoretisches auszuleben, dem man ewig nachweint. Hat sie das Kind übrigens verloren oder irgendwie nachgeholfen? Fragen über Fragen.

(show spoiler)


Ok dass es solche Charaktäre gibt, ist gar nicht unwahrscheinlich und auch dass solche Personen einander möglicherweise magisch anziehen. Das ist sogar gut für den Plot, solche kuriosen Figuren einzubauen, denn das macht den Handlungsablauf überraschend und spannend. Aber was denken Sie? Was ist ihre Motivation? Warum zum Teufel machen sie das? Diese Anworten bleibt mir Frau de Queiroz leider schuldig und genau deshalb hat mir das Buch nur mittelmäßig gefallen.

Fazit: Ein recht ungewöhnlicher guter Plot, der mich leider durch die flache Figurenentwicklung und die fehlenden Erklärungen zum inneren Antrieb von fast allen Figruen zu ihren ungewöhnlichen Handlungen sehr unbefriedigt zurücklässt. Ich bin kein Fan dieses Stils von Autoren ala "Leser erklär es Dir selbst" das ist meiner Meinung nach schon die Aufgabe des Schriftstellers und nicht meine.

Der Herr Karl gegen und für die Welt

Der Lügenpresser - Livia Klingl

Eigentlich mag ich die Sachbücher der Autorin nicht so recht, da sie doch etwas unausgewogen formuliert und polemisch agitiert – die journalistisch sachliche Herangehensweise und Beleuchtung der gesellschaftlichen Themen von mehreren Seiten fehlt mir einfach, allzu oft trennt sie in ihren Büchern nicht zwischen Information und Meinung und setzt sich dadurch über eine prinzipielle Regel des Qualitätsjournalismus hinweg. Aus diesem Grund hab ich bei Frau Klingls erstem Roman auch sofort zugegriffen, denn was im Journalismus und bei politischen Sachbüchern verpönt ist, ist in der Belletristik ja eher eine große Tugend: dass die Figuren sehr viel subjektive Meinung einbringen, diese äußern und ein unverwechselbares Profil aufweisen. In dieser Hinsicht wurde ich nicht enttäuscht.

 

Der Protagonist Karl Schmied, 62, arbeitet als studierter Historiker bei einer Boulevardzeitung, aber nach eigenen Angaben bei einer der besseren und nicht bei diesen dreckigen Gratiszeitungen. Er hat sich gerade in die Moldavierin Sonja verliebt, in der Redaktion ist das Betriebsklima recht angenehm und auch sonst läuft alles gut in seinem Leben.

 

In Form eines inneren Monologs philosophiert, analysiert, polemisiert und wettert er für und gegen die heutige Welt, wie sie sich darstellt, wie sie früher war und wie sie sich seit 2015 verändert hat. Gleich einem modernen Herrn Karl (nach dem gleichnamigen Theaterstück von Helmut Qualtinger deshalb wahrscheinlich auch der Name) drückt er aus, was einem „normalen“ österreichischen Bürger auf der Seele liegt. Dabei geht es um Gesellschaft, Politik, die moderne Arbeitswelt, den Boulevardjournalismus, Soziale Medien, Ausländer, Flüchtlinge, Fremdenhass, Ausländerfeindlichkeit – einfach um alle Themen, die heute die Menschen so bewegen.

Seit das Facility Dings outgesourct wurde, tummelt sich der Lurch* zwar unter den Bücherregalen, aber das ist der Chefetage wurscht*, die surft auf der Welle des economical success. „Wir müssen alle succeeden“, sagt der Online Chef alle Augenblicke, der grundsätzlich sehr genau auf seine Work-Life-Balance achtet und aktuell sehr wenig beiträgt zum success der Zeitung. […]

 

Aber wenn ein Drittel der Österreicher in einer Umfrage angibt, sie könnten auch Kanzler, da fragt man sich schon, ob die wo angedonnert sind! Die würden ja nicht mal einmal physisch das Tagespensum derschnaufen, das diese Politiker haben. Das weiß ich sehr gut, ich habe oft genug Politiker begleitet. Und man mag sie für alles mögliche halten, aber Kondition haben sie.  […]

 

Diese Formulierung ist eigentlich eine der dümmsten im gesamten Sprachgebrauch, die hasse ich. Und alle verwenden sie! Ein Krieg bricht nicht aus, der ist keine irgendwo eingesperrte Bestie, die ausbrechen kann. Einen Krieg muss man mühsam machen! Das braucht ziemlich lange Vorbereitung. Da müssen Politiker das Volk vorbereiten, da braucht man Aufwiegler, meistens sind das eh Journalisten, aber die miesen charakterlosen, vielleicht sogar dafür bezahlten und dann braucht man auch noch die, die Finanzen für den Krieg haben und die, die die Waffen besorgen. Am Unwichtigsten ist am Anfang das Volk.

Was an dieser Geschichte wirklich spannend ist: Karl polemisiert und analysiert die Gesellschaft aus der politischen Mitte heraus. Und ich möchte hier nicht von einer Mitte reden, die die Rechten Recken nun mittlerweile besetzt haben, sondern von der ursprünglichen politischen Mitte. Einer Mitte, die mittlerweile stumm geworden ist, weil sie vor allem in Sozialen Medien einfach nicht so laut kräht wie der radikale Rand, wird hier eine gewichtige und auch etwas wütende Stimme beziehungsweise ein Podium gegeben. Es ist spannend, wie Frau Klingl den Herrn Karl hier konzipiert hat, der sich permanent austariert und verschiedene Positionen beleuchtet. Er schwankt eben gleich einer Wasserwage zwischen Fremdenangst und Fremdenfreundlichkeit, zwischen linken und rechten politischen Positionen, zwischen Boulevard und Ablehnung desselben und argumentiert sich persönlich wirklich fast punktgenau in die Mitte.

 

Ein kleines Problem hatte ich aber mit der Geschichte: Karl polemisiert drei Viertel des Romans lang also von Montag bis Donnerstag und sonst passiert eigentlich so gut wie nichts. Aber auch dies ändert sich, denn der Freitag hat es in sich. Das Leben des Protagonisten gerät sowohl beruflich als auch privat völlig aus den Fugen, und Karl muss sich beim inneren Reflektieren eingestehen, dass er eigentlich mit Scheuklappen durch sein eigenes Leben gelaufen ist.

 

Trotzdem ist eben auch dieser innere Monolog in langsamem Tempo vor allem für Leute um die Lebensmitte nicht schlecht, denn der Leser lernt einiges, reflektiert den Zustand der heutigen Gesellschaft zusammen mit Herrn Karl und findet kuriose Lebensgewohnheiten aus der Vergangenheit wieder. Zum Beispiel gab beziehungsweise gibt es in Wien 50 Ausdrücke für Sterben: wie den 71er nehmen (Straßenbahnlinie zum Zentralfriedhof), cool war auch die Erinnerung an meine typische Wiener Wohnung der 80er Jahre mit Indischer Toilette (jenseits des Ganges) 

 

Fazit: Ein guter erster Roman – ich kann ihn empfehlen, auch wenn er für mich ein etwas zu langsames Tempo aufweist.

 

*Lurch = Wollmaus
*wurscht = egal

Stirb, Mutter!

Am Ende bist du still: Kriminalroman - Herbert Dutzler

Dieser Roman gibt eine gute und glaubwürdige Sicht auf die allmähliche Entwicklung einer Mörderin, beginnend mit einer übergriffigen lieblosen Mutter, die permanent psychischen Missbrauch verübt und einem duldenden Vater, der als Co-Täter nie eingreift – Schritt für Schritt – bis zur Verübung der ultimativen Tat – dem Elternmord.

Laut den Untersuchungen des Profilers und Psychologen Thomas Müller, der viele Mörder, vor allem Massenmörder analysiert, verglichen und darüber auch zwei Bücher publiziert hat, unterscheidet sich das Täterprofil eines weiblichen Mehrfachmörders enorm vom männlichen Täterbild, denn Frauen morden sehr häufig zur Abgrenzung und nicht aus Lust. Dabei spielen andere Motive wie Geldgier Rache etc. zwar eine wesentliche, aber nur untergeordnete Rolle.

Auch in dieser Geschichte wird genau das offenbar. Sabine kann sogar als Erwachsene ihrer Mutter nicht die Grenzen aufzeigen, obwohl sie diese mehrfach kommuniziert, ignoriert sie die Mutter immer wieder und setzt den psychischen Missbrauch der Kindheit mit noch viel subtileren Mitteln im Erwachsenenalter fort. Ganz gut konnte ich als Leserin nachvollziehen, wie sich allmählich diese Ohnmacht und Wut aufbaute, die zur Entladung und zur ultimativen Tat führte. Als Leserin litt ich richtig mit Sabine, der Mörderin, und ehrlich gesagt konnte ich dem widerlichen psychopatischen „Opfer“, der Mutter, die ja eigentlich auch eine missbrauchende Täterin ist, wirklich recht wenig Mitleid entgegenbringen.

Bis zum letzten Drittel des Romans habe ich mich dann gewundert und auch ein bisschen geärgert, warum der Verlag in seinem von mir vermuteten Drang nach reißerischem Marketing unbedingt Kriminalroman vorne draufschreiben muss, wenn das ganze eigentlich ein Psychogramm einer Mörderin fast aus Innensicht ist. Denn ein Krimi mit eindeutigen Krimi-Merkmalen war die Geschichte bis zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht. Täterin, Tat und Opfer sind sonnenklar, die Motive liegen auch auf der Hand und bauen sich allmählich auf. Nur weil es Ermordete gibt, muss man ja nicht alles Krimi nennen. Aber dann musste ich im letzten Drittel meine Meinung doch noch revidieren und dem Verlag Recht geben. Völlig überraschend drehte sich der Plot nochmals und weitere mögliche Täter und neue Straftaten traten auf. Dieser Knalleffekt hat mir sehr gut gefallen, denn ich liebe es, unvorhergesehene Wendungen zu erleben und im Dunkeln zu tappen.

Leider bin ich mit dem Ende des Romans und der psychologischen Motivlage gar nicht einverstanden. Bedauerlicherweise kann ich Euch nicht erklären, was mich gar so gestört hat, ohne den Inhalt zu verraten. Deshalb setze ich auch genau an diesem Punkt der Rezension eine eindeutige Spoilerwarnung. Wer sich überraschen lassen möchte, der breche genau hier mit dem Lesen ab, alle anderen fahren auf eigene Gefahr fort: 

 

Sabine, die Täterin, ist eigentlich schon aus dem Schneider, hat sogar zur Verdeckung des Mordes an ihrer Mutter relativ abgebrüht noch einige weitere Kapitalverbrechen begangen, die man ihr aber nicht nachweisen kann. Im Gegenteil, für einige gibt es sogar andere dringende Verdächtige. In dem Moment, als sie ohne Not glücklich davongekommen ist, bricht sie zusammen und gesteht der Kommissarin den Elternmord? Also das ist für mich völlig an den Haaren herbeigezogen und psychologisch auch sehr unverständlich. Da würde ich gerne den Profi Herrn Müller fragen, ob so etwas überhaupt vorstellbar ist.

(show spoiler)



Fazit: Ein spannender ungewöhnlicher psychologischer Roman, der sich tatsächlich zu einem Krimi entwickelt, der aber ein für mich sehr unplausibles Ende aufweist.

Qualityland - die Zukunft die Du Dir nicht wünschen willst - die Du aber nicht verhindern kannst

QualityLand (Dunkle Edition) - HörbucHHamburg HHV GmbH, Marc-Uwe Kling, Marc-Uwe Kling

Wenn ein berühmter Autor mit einer sehr erfolgreichen Figur sich aus seiner Komfortzone herausbegibt und etwas völlig neues kreiert, dann ist das erstens schon mal sehr innovativ, kann aber entweder total in die Hose gehen, oder sehr gut werden. In diesem Fall ist Qualityland sowas von der Turbo, der ultimative affengeile, neuartige, politische dystopische Science Fiction Roman, der so gut ist, dass ich das Känguru, das ich geliebt habe, fast schon vergessen habe. Für mich war es sogar der beste Roman (respektive das Hörbuch, denn Marc-Uwe Kling perfomen zu hören, sollte man sich nicht entgehen lassen) von allen Büchern seit 5 Jahren.

Es geht um Qualityland, ein fiktionales Land in einer relativ nahen Zukunft. Marc–Uwe Kling extrapoliert die technologischen, gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen… Entwicklungen der Gegenwart im Zeitalter der Digitalisierung, Automatisierung, Vernetzung und des gläsernen Menschen, verzerrt sie und wendet sie auf die Spitze getrieben auf die nahe Zukunft an.

 

Die industrielle Fast-Food Ernährung wird mit FESATZU’s 1/3 Fett, 1/3 Salz, 1/3 Zucker abgewickelt. Es gibt eine große Plattform genannt THE SHOP, die aus den zahlreichen Vergangenheits-Profildaten zukünftige Bedürfnisse automatisiert berechnet extrapoliert und die Produkte unbestellt mit Drohnen zustellt. Die Medizin wird mit Nanorobots und Sensoren abgewickelt. Die Pharmafirma DASGUTEZEUGS misst mit Sensoren die medizinischen Bedürfnisse, stellt in Losgröße 1 die ultimative Tablette unaufgefordert her und lässt sie per Drohne liefern. Dass massig private DNA Daten von der Firma gesetzwidrig abgegriffen werden, tut dem Höhenflug des Aktienkurses keinen Abbruch.
Das Geldsystem ist eine Weiterentwicklung von Bitcoin und Facebook heißt jetzt Everybody, weil Everybody in Social Media sein muss. Keiner (Ok fast keiner) kann der Datensammelwut und der Digitalisierung entkommen, die Leute heißen in Familiennamen nach den Berufen ihrer Eltern, damit soziale Schichten fast in Beton zementiert sind. Das sind nur ein paar der wundervollen Ideen, die im Stakkato auf den Leser oder Hörer einprasseln. Ich habe mich nicht einmal eine Zehntelsekunde während des Werkes gelangweilt.

Die Hauptfigur, Peter Arbeitsloser ist wie sein Familienname schon sagt ein richtiger Verlierer in diesem System, der eine Schrottpresse betreibt. Sein virtuelles Profil weist ein ganz niedriges Wichtigkeitslevel auf, was sowohl die Freundlichkeit der Transportsysteme, die Partnerwahl einfach seine gesamten persönlichen, ökonomischen Möglichkeiten der Interaktion beschränkt.

Ein wichtiges Thema im ganzen Werk ist auch noch der Wahlkampf in dem Heinz Koch (ja sein Vater war Koch) gegen den Androiden John-of-us der Fortschrittspartei antritt. Was dann folgt, ist ein Lehrstück an politischer Satire, denn der Android John-of-us argumentiert als Rechner basierend auf Logik, Wahrheit und Spieltheorie zum Wohle aller Menschen – die Partei von Heinz Koch ist die typische Politikerkaste korrupt bis in die Knochen. Der Wahlkampf in Qualityland gleicht in vielem dem von Österreich:

„Seit wann haben die Nutzlosen schon jemals eine Regierung gewählt, die Ihre Interessen vertritt? Scheiß auf Argumente, es zählen nur Emotionen. Können wir diese sinnlose Diskussion über Inhalte jetzt endlich beenden?"

Obwohl der Android  natürlich gegen das manipulierte Volk und gegen die korrupten populistischen Demagogen der Gegenpartei eine denkbar schlechte Ausgangsposition hat, weiß er seine Vorzüge gut einzusetzen und gibt auch ein bisschen Hoffnung für die Zukunft. Wie Ihr seht, bin ich voll für den Androiden und nicht für die Menschen in diesem Wahlkampf aber John-of-us steht einfach für eine ehrliche, sachlich basierte Politik.
 
Manche haben sich über Marc-Uwe Klings Hang zu Kalauern beschwert, aber dieser Humor ist für mich weitaus mehr als schenkelklopfender Witz, denn wenn man die zugrundeliegenden Theorien aus Wirtschaftsinformatik, Politik, Soziologie, VWL und Philosophie kennt und unterrichtet, ist es gleich zehn Mal so witzig. Marc- Uwe Kling hat sie fast ALLE  genial identifiziert, richtig zitiert, abmontiert, dann durch den Qualityland-Wolf gedreht und dystopisch korrekt verwurstet: z.B. Adorno, Asimovs Gesetze, der Turing Test, der Gottesbegriff als allwissende Maschine = Omnius, ist Gott wohlwollend, feindselig oder gleichgültig, das Peter Pprinzip wird zum Peter Problem und allg. postuliert…. um nur einige zu nennen.

Da sind wir schon bei der prinzipiellen Aussage:  Das alte Peter Prinzip aus der Betriebswirtschaft– wird zum Peter Problem transferiert, gegen das der Protagonist kämpft. Die virtuellen Profile und die darauf angewendeten Onthologien (hier eigentlich fälschlich Algorithmus genannt - zwecks des perfekten Reimes "das ist der Algorithmus, wo jeder mitmuss") sind falsch und kreieren eine self fullfilling prophecy, also eine sich selbst erfüllende Prophezeiung bzw. ein bestimmtes fremdbestimmte Leben ohne Wahlmöglichkeit und eigenem Willen. Mein erster Chef auf der Uni Linz hat sich übrigens schon 1981 mit dem Thema, dass bei Profilinformationen falsche Schlüsse gezogen werden können, in seiner Habilitation beschäftigt. Dort heißt das Problem aber nicht so einfach Peter Problem sondern Kontextverluste in betrieblichen Informationssystemen  

So kämpft der Verlierer Peter Arbeitsloser wie Don Quixote gegen das System - aber wahrscheinlich sogar ein bisschen erfolgreicher - während im Land der gnadenlose Wahlkampf tobt, der die übelsten Intrigen und absurdesten Dinge an die Oberfläche der Wahrnehmung der Gesellschaft und des Lesers spült. Unterstützt wird er dabei von KIKI, einer Hackerin, die auch gleich für die Liebesgeschichte in der Story steht und von einer Gruppe mehrerer ausgemusterter elektronischer Geräte, die Peter nicht übers Herz brachte, zu verschrotten. Herrlich subversiv, anarchisch und klug konzipiert.

So mehr möchte ich nun nicht mehr verraten bis auf die Werbeeinschaltungen in Qualityland, die sind köstlich und fast ein eigenes Kunstwerk (wahrscheinlich wird da irgendwann wieder ein Spiel daraus gemacht).

Einen letzten Hinweis habe ich noch – unbedingt das Hörbuch nehmen. Marc Uwe liest nicht, als Kleinkünster performt er das Stück, und das solltet Ihr Euch nicht entgehen lassen.

Fazit: Keine Sekunde gelangweilt, viele Szenen mehrmals gehört – ES IST GRANDIOS - 10 von 5 Sternen!!!!

Die Magie der botanischen Forschung

Orchis: Roman - Verena Stauffer

Verena Stauffer hat mit ihrem Erstling ein sehr beachtliches Romandebut hingelegt. Die Geschichte ist sowohl sprachlich, stilistisch vom Plot her als auch durch die Vielzahl der angesprochenen und eingearbeiteten Thematiken sehr vielfältig und anspruchsvoll.

 

Der erste Teil der Story spielt in Madagaskar und hat im Sinne des magischen Realismus stilistisch ein bisschen etwas von Gabriel Garcia Marquez’s Macondo: wundervolle Beschreibung des Dschungels der Insel, der Orchideen, der Farbenpracht, der Düfte, der zwei europäischen Botaniker, die das Umfeld erforschen, der Einheimischen und des neugewonnenen Guides und Freundes Isaak aus Mozambique. Der Protagonist und Botaniker Anselm ist nicht nur Pflanzenforscher, sondern muss sich auch intensiv mit den indigenen Völkern auf seinen Reisen beschäftigen, denn sonst ist man Mitte des 19. Jahrhunderts bei Forschungen rund um die Welt schneller gestorben, als man Orchidee sagen kann. Die Rückfahrt von der Expedition mit dem Schiff zählt auch noch zu diesem magischen Abschnitt, denn dem im Fieberwahn befindlichen Anselm wächst eine Orchidee aus seiner Schulter.

 

Der zweite Teil in Europa bringt dann den Leser sehr unsanft auf den Boden der Realität zurück. Die Orchidee verschwindet nicht von Anselms Schulter und dieser findet sich auf Grund einer wahnhaften Persönlichkeitsstörung in einer Irrenanstalt wieder. Der Alltag, die triste Stimmung, die Entbehrungen und die sehr menschenverachtenden Therapien, die geistig kranken Menschen dieser Zeit angetan wurden, beschreibt die Autorin grandios. Dennoch gibt es wieder einen Funken Magie und Hoffnung, denn Anselm verguckt sich in den letzten Tagen seines Klinikaufenthalts in die Insassin Lilia, die einer Blume ähnelt.

 

Im dritten Abschnitt wird Anselm – als er vollständig geheilt ist – auf Grund der Protektion seines Vaters als Lektor für Botanik an der Universität aufgenommen. Erst jetzt offenbart sich der wahre Charakter des Protagonisten. Anselm lebt tatsächlich mit dem Kopf in den Wolken bzw. im Elfenbeinturm, ist eitel, präpotent und im Rahmen seiner Forschung nicht nur rücksichtslos gegen sich selbst und seine Gesundheit, sondern auch gegen seine Umwelt. Er lehnt sowohl alle politischen Umbrüche im Land als auch Darwins neue Theorien ab, aber nicht so sehr, weil sie Gott lästern oder sich schon als falsch herausgestellt hätten, sondern weil er prinzipiell gegen Veränderung ist. Er entpuppt sich als ein überheblicher manisch rechthaberischer Wissenschaftler, der auf Grund von Angst vor Veränderung nie neue Theorien in Betracht zieht bzw. sie überprüft– sondern nur einsam dagegen polemisiert, sich aus Feigheit und Überheblichkeit nicht mal einem ehrlichen wissenschaftlichen Disput stellt – eine sehr schlechte und ungeeignete Kombination in der Welt der universitären Wissenschaft, sowohl in der Forschung als auch in der Lehre.

"Sobald er [Darwin] dann einmal nach England käme, würden sie sich gegenüberstehen und der gute Charles müsste ihm ins Gesicht sagen, dass der Mensch nicht von Gott erschaffen sei, sondern von anderen Tieren abstamme, von welchen, das wollte sich Anselm gar nicht ausmalen. Er sah sich selbst in England einen großen Vortrag halten, in welchem er bewies, dass dem nicht so sein konnte. Er brauchte also einen Gottesbeweis."

Am Ende dieses Teils rast er, verursacht durch eine kleine Intrige wieder los, lässt alle, sowohl die Wissenschaft, die Kollegen, die Studenten, seinen wohlmeinenden Freund Lendi und seine Eltern im Stich und begibt sich erneut nach China auf die Jagd nach einer neuen Orchidee – nach einem Phantom.

 

Der letzte Teil wiederum schließt den Kreis sowohl stilistisch als auch vom Inhalt. Wundervoll beschrieben entdeckt Anselm durch seine rücksichtslose Hartnäckigkeit und etwas Glück zufällig entgegen aller Wahrscheinlichkeiten im magischen China eine neue blaue Orchidee, was natürlich wieder Konsequenzen nach sich zieht. Das Ende ist wieder mal etwas offen und zeigt dem Leser nicht ganz klar, ob und ab wann sich die Geschichte um wahnhafte Imagination dreht, oder vielleicht doch wirklich wahr sein könnte – alles ist möglich im magischen Realismus. Irgendwie ist es die Geschichte eines großen leidenschaftlichen Forschers, der auf Grund grundsätzlicher wissenschaftlicher Charakterschwächen z.B. fehlender Kritikfähigkeit, Zweifel an eigenen Positionen und Theorien, Realitätssinn etc. ganz episch gescheitert ist. Auch weil er ex post betrachtet einfach fundamental unrecht hat und sich trotzdem nicht beirren lässt.

 

Fazit: Ein sehr guter Erstlingsroman, sprachlich wundervoll, vom Plot her gut gearbeitet, inhaltlich sehr spannend mit einem magisch realistischen Touch und einem offenen Ende.

Inside Israel - Alltag in einem zerrissenen Land

Fast ganz normal: Unser Leben in Israel - Ben Segenreich, Daniela Segenreich-Horsky

Die ORF-Israel-Korrespondenten Ben und Daniela Segenreich geben einen Einblick in das fast ganz normale Land Israel, in dem das Leben sich aber eben nur fast normal abspielt. Bereits im Vorwort wird dem Leser versprochen, dass vor allem der Alltag in diesem ständig im Krieg befindlichen Landstrich voller politischer Wirren näher beleuchtet wird, und das fand ich sehr innovativ, denn eine Innensicht auf das tägliche Leben im modernen Israel habe ich noch nie gelesen und finde ich sehr spannend.

 

Natürlich kenne und liebe ich die Romane von Amoz Oz vor allem die mit den ausufernden historischen Geschichten und Bezügen, habe auch einige Shoa-Romane unterschiedlicher Autoren und einige politische Analysen gelesen, aber moderne, alltägliche Geschichten über das ganz normale Leben in diesem Land wollte ich schon immer kennenlernen. Im Vorwort wurde zudem versprochen, Politik nur so nebenbei zu erwähnen, sofern sie notwendig für die Geschichten sei.

 

Bezüglich der näheren Beleuchtung des Alltages wurden meine Erwartungen exzellent erfüllt. Ganz wundervoll beschreibt vor allem Daniela Segenreich, wie es ist, mit kleinen Kindern ständig die Gasmasken bereitzuhalten, wie man sich kaum zu längeren Autofahrten motivieren kann, denn „die Vorstellung“ auf der Straße schutzlos einem Giftgasangriff ausgesetzt zu sein, lässt jeden Busfahrer und Verkehrsteilnehmer immer fast hypnotisch das Autoradio in Hörweite behalten. Auch die Erinnerungskultur der Nazizeit in der Schule wird sehr ausgewogen analysiert. Da fast alle 17-jährigen mit ihren Schulklassen eine Exkursion nach Ausschwitz unternehmen, wird hier diskutiert, ob es nicht eigentlich kontraproduktiv ist, seine eigenen Kinder derartig zu traumatisieren, man muss ja berücksichtigen, dass diese Kinder – zumindest ihre Großeltern – direkt als Opfer betroffen waren. Am großartigsten war das Kapitel der Armee, wie es für eine Mutter ist, ihre beiden Töchter mit 18 Jahren zur Armee und mitten in einen Krieg zu schicken. Aber sogar die Vorteile, nämlich dass die jungen Erwachsenen sehr schnell Selbständigkeit lernen, werden ausführlich erörtert. Auch Ben Segenreich analysiert die deutschen Wörter, die in die Slang-Sprache des modernen Hebräischen Eingang gehalten haben, die Innovationskultur der Israelis und die Küche des kleinen Landes mit all ihren Besonderheiten und Improvisationsnotwendigkeiten.

 

Und dann zwischendurch verliert das Buch plötzlich komplett seine Mitte, seinen Schwerpunkt, da Ben Segenreich doch wieder Politik in den Alltag hineinbringt. Da ist das für mich völlig unnötige politische Analyse-Kapitel der Beziehung von Österreich – respektive Bruno Kreisky – und Israel, das in mehrfacher Hinsicht nicht in dieses Werk passt. Erstens weil es nichts zum Alltag beiträgt, zweitens als politische Analyse ist es weder Fisch noch Fleisch, da es den gesamten Kontext anderer Länder bzw. der Politik nicht berücksichtigt und als ordentliche politische Analyse einfach viel zu kurz greift. Drittens gibt es umfassendere und bessere politische Analysen zu diesem Thema, das ist nichts Neues. Viertens interessieren sich wenig Leser auf dem deutschen Buchmarkt für Kreisky, einige werden ihn wahrscheinlich gar nicht mehr kennen, über das alltägliche Leben in Israel möchten aber wahrscheinlich sehr viele etwas wissen, und last but not least widerspricht es einfach dem Ziel und dem Versprechen des Sachbuchs an den Leser, die Politik weitestgehend außen vor zu lassen, was ich einfach für den gravierendsten Fehler halte.

 

Die fehlenden Seiten nach der Streichung wüsste ich durchaus aufzufüllen, denn ein paar Fragen, die ich mir schon immer gestellt habe, könnten auch noch geklärt werden: Wie ist das in den unterschiedlichen Kibbuz(en) heute wirklich? (Wie ist eigentlich die Mehrzahl von Kibbuz?) Ich habe da ganz außergewöhnliche Geschichten von gelebtem Sozialismus und sexueller Freizügigkeit vernommen. Sind diese Geschichtln, Anekdoten und Mythen der Zeit der 70er-Jahre geschuldet, in denen sie entstanden sind, oder gibt es die heute vereinzelt noch wirklich irgendwo? Funktioniert dieses Lebensmodell und wenn ja, wie? Oder wie lebt sich der Alltag als radikaler Siedler mitten im Feindesland, aber beleuchtet fernab von politischer Propaganda, die Entbehrungen, die Einsamkeit, …? Das wären noch Alltagsgeschichten gewesen, die mich sehr interessiert hätten. Den ganz normalen Alltag eines „Palästinensers“, der für die Arbeit zwischen den Grenzen pendelt, hätte ich dann auch noch gerne gelesen.

 

Fazit: Viel mehr Politik raus aus diesem Sachbuch und mehr Alltag rein. Ansonsten hat es mir gut gefallen.

Mörderischer Apfelduft

Totenweg: Kriminalroman (Elbmarsch-Krimi, Band 1) - Romy Fölck

Manchmal darf es bei mir auch ein Regionalkrimi sein. Meine Qualitätskriterien in diesem Genre sind: Spannung, ein nicht durchsichtiger Plot, exzellente Figurenentwicklung, einigermaßen anspruchsvolle Sprache, gute Ortsbeschreibungen und dicht beschriebene Stimmungen, lustiges Mörderraten, nachvollziehbare Motive, ein Ende, das nicht an den Haaren herbeigezogen ist und die Vermeidung von jeglicher schmalziger Romantik. Romy Fölcks Krimi erfüllt diese Aufgaben auf jeden Fall gut, sicher wesentlich besser als der Durchschnitt der unzähligen Romane in dieser Gattung.

Am besten hat die Autorin im Rahmen der Figurenentwicklung und bei der Stimmungsbeschreibung gearbeitet. Frida, eine junge ehrgeizige Polizistin auf dem beruflichen Erfolgsweg zur Kommissarin muss von Hamburg kurzfristig wieder in ihr Heimatdorf zurück, da ihr Vater niedergeschlagen wurde und ins Koma gefallen ist. Dort wird sie zuerst mit der desolaten wirtschaftlichen Lage des Apfelbauernhofs der Eltern konfrontiert, muss schleunigst ein paar Brände löschen und dringende Probleme lösen. Weiters trifft sie ihre alten Freunde und Bekannten wieder und ein paar uralte Traumata brechen auf. Der Mord an ihrer Freundin Marit ist noch immer nicht aufgeklärt. Frida hat Kommissar Haverkorn, der sich nun erneut an ihre Fersen heftet und den Cold Case aufklären will, als 13-jähriges Mädchen wichtige Details zum Mörder aus Angst verschwiegen.

Auf Seite 120 könnte der Leser meinen, der Roman sei schon zu Ende, denn der Täter des Mordes aus den 90er Jahren ist nun klar, Frida hat als Kind zuerst aus Angst geschwiegen und als Polizistin deshalb, weil der Mörder relativ bald nach der Tat bei einem Autounfall gestorben ist, und sie seinen Vater nicht noch mehr belasten wollte. Lediglich der feige Anschlag auf ihren Vater ist noch ungeklärt, aber da werden die Spuren von der Autorin auf massive Grundstücksspekulationen gelegt.

Dann macht der Plot eine Kehrtwende um 180 Grad (so etwas ist immer ganz mein Geschmack) und alles wird in Frage gestellt, der vermeintliche Mörder von Marit war es gar nicht, weitere Verbrechen geschehen, sind alle miteinander verflochten und werden offenbar: Mord, Totschlag, Brandstiftung, Entführung … die Entwicklung ist sehr rasant und man kann das Buch kaum weglegen.

Die Autorin beschreibt wundervoll die Dorfgemeinschaft, die angehende Kommissarin Frida und ihre Probleme, die Kinderfreundschaften aus der Vergangenheit und die Erwachsenen der Gegenwart, die Landschaft und die Apfelhöfe, deren Duft man förmlich riechen kann, Kommissar Haverkorn mit all seinen gesundheitlichen und privaten Problemen, der kurz vor seiner Pensionierung noch Lunte gerochen hat und endlich diesen alten Fall, seinen ersten Fall und gleichzeitig Misserfolg als Leiter der Mordkommission aufklären will. Auch das ambivalente Verhältnis von Haverkorn und Frida wird ziemlich ausführlich und psychologisch sehr aufschlussreich thematisiert und analysiert, das ist wirklich große Klasse.

Der wahre Mörder kristallisierte sich für mich zwar relativ früh vor dem Ende heraus, was mir aufgrund der nicht ganz so zahlreichen Verdächtigen ein bisschen die Lust am Mörderraten nahm, aber nicht alle Taten aus Vergangenheit und Gegenwart hätte ich so eingeschätzt und die Motive werden auch sehr konsistent und realistisch dargelegt. So geht ordentliche Krimiunterhaltung.

Fazit: Ein spannender Pageturner, der Krimi erfüllt alle relevanten Anforderungen an eine schlaflose Nacht, in der man dieses Buch dann nicht mehr weglegen möchte.

Die Masken fallen

Rozznjogd (Rattenjagd) gezeichnet von Gerhard Haderer: Dialektstück mit hochdeutscher Übersetzung - Gerhard Haderer, Peter Turrini

Das klassische Skandal-Theaterstück von Peter Turrini aus dem Jahr 1971 wird in dieser Graphic Novel vom bekannten Karikaturisten Gerhard Haderer zeichnerisch sehr entlarvend und grandios verstörend umgesetzt. Die Handlung fand ich genauso grausam wie bei meinem ersten Lesen des Stücks in den 80er-Jahren – wenn nicht noch furchtbarer – durch die Bilder.

 

Ein Pärchen hat sein erstes Rendezvous im Auto auf einer Mülldeponie. Warum der Mann diese kuriose und doch sehr unangenehme Location für den Beginn des Kennenlernens gewählt hat, wird dem Leser am Beginn der Geschichte noch nicht offenbart. Zuerst erschießen die beiden mit einem Gewehr die Ratten auf der Müllhalde und dann wollen sie sich WIRKLICH kennenlernen. Aber was bedeutet das?

 

Alle menschlichen Masken fallen nach und nach, die beiden wollen sich in der Essenz und der Nacktheit des Charakters kennenlernen, das Paar räumt sich wie bei einem Christbaum gegenseitig den „Schmuck“ ab. Da werden Toupets, Haarteile und falsche Wimpern abgerissen, die Zähne herausgenommen und auf den Müll geschleudert, da werden Sakkotaschen und Handtaschen analysiert und ausgeräumt, Schmuck und Geld weggeschmissen, alle Kleider abgelegt und Schaumstoff-BH-Einlagen auf die Kippe geworfen. Schicht um Schicht wird alles abgetragen, schlicht und ergreifend wird neben dem spannenden Seelenstriptease auch ein körperlicher Striptease vollführt und alle Errungenschaften des Konsums und der Beziehungen zu anderen auch gleich mitentsorgt.

 

Das ist sowohl spannend, entlarvend als auch brutal grausam, teilweise auch sehr ekelig, da es dem Leser vorführt, unter wie vielen Schichten von Tand und Optimierungen wir uns selbst begraben, um nicht nackt in unserem eigenen Charakter bar von Masken vor unseren Mitmenschen zu stehen. Auch das Ende der Geschichte, das ja durchaus eine positive Sicht auf den Nukleus des Menschen geben könnte, ist absolut gnadenlos und entbehrt jeder Hoffnung.

 

Gerhard Haderer hat das bekannte Volksstück großsartig ganz in Graustufen umgesetzt, dadurch wird auch die hoffnungslose triste Stimmung klar transportiert. Die Figuren sind extrem gut gezeichnet, vor allem die für die Geschichte wesentlichen körperlichen Unzulänglichkeiten und die schlechten Charaktereigenschaften, die sich in der Physiognomie manifestieren, kann ein Karikaturist natürlich noch viel besser mit spitzer Feder umsetzen, als ein traditioneller Grafiker.

 

Dramaturgisch und sprachlich ist die Geschichte auch für den deutschen Markt sehr gut auf das Zielpublikum ausgerichtet. Denn obwohl das Theaterstück ursprünglich in starkem Dialekt konzipiert war, kann man auf den linken Seiten auch die hochdeutschen Dialoge lesen – rechts spielt das Stück im Dialekt, das ist eine sehr gute Idee. Der Dialekt (wo ist der überhaupt her?) war teilweise so ausgeprägt, dass sogar ich hin und wieder links die hochdeutsche Übersetzung nutzte.

 

Das Einzige, was Haderer manchmal übertreibt, ist die Tristesse der Geschichte durch möglichst dunkle Graustufen herauszuarbeiten. Dadurch, dass manche Bilder fast zu dunkel sind, konnte ich oft die Details in den Zeichnungen nicht gut genug erkennen. Vor allem wenn man abends beim künstlichen Licht der Energiesparglühbirne und nicht im kalten Focus der Hallogenlampe liest, ist das ein Hindernis, wirklich jedes Detail zu erkennen und zu rezipieren.

 

Fazit: Grandios, verstörend und starker Tobak – ein tiefgründiges, bösartiges, demaskierendes Stück ohne Gnade und Hoffnung – also nicht für jedermann geeignet.

Update Autorinnen Challenge A-Z - Der Monat Februar

Blasmusikpop: oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam - Vea Kaiser, Susanne Rossouw, Roman Danksagmüller Schilf - Juli Zeh Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten - Becky Chambers, Karin Will Das dreißigste Jahr - Ingeborg Bachmann Bananama - Simone Hirth

Auch der Monat Februar war ein sehr erfolgreicher bezüglich meiner Autorinnenchallenge, denn ich habe wieder ein paar neue Schriftstellerinnen entdeckt und ein paar sehr gute aber auch weniger gute Bücher gelesen. Auch habe ich im Februar wieder mehr Bücher von Frauen als von Männern gelesen.

 

Ein weiteres kleines "Problem" :D hat sich nun auch ziemlich überraschend sehr schnell offenbart. Da nun schön langsam die Frühjahrsrezensionsexemplare teilweise unbestellt eintrudeln, passiert es schön öfter, dass der Buchstabe bereits von mir vorher "abgearbeitet" wurde. Somit ist es nun bereits im dritten Monat passiert, dass ich einen Buchstaben doppelt belege. Aber ich habe mir vorgenommen, nicht nur alle Buchstaben durchzulesen, sondern alle Bücher von Frauen in der Liste zu dokumentieren, wenn mehrere Buchstaben doppelt gelesen werden, ist es umso besser.

 

Die Bingo-Karte von Themis Athena habe ich nun auch erstmals ausgefüllt, und sie schaut sehr gut aus.

 

 

A:
B: Bachmann, Ingeborg: Das dreißigste Jahr **
C: Chambers, Becky: Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten 2,5 *** aufgerundet auf 3
D: Dusl Anna Maria: Boboville - 2,5 *** aufgerundet auf 3
E:
F: Fölck, Romy: Totenweg (currently reading) (Rezensionsexemplar)
G:
H: Han, Kang: Die Vegetarierin *****

     Hirth, Simone: Bananama **** (Rezensionsexemplar)
I:
J: Joyce Rachel: Die unwahscheinliche Pilgerreise des Harold Fry ****
K: Kaiser, Vea: Blasmusikpop ****
L: Lessing, Doris: Die gute Terroristin **
M:
N: Nothomb Amelie: Der Professor ****
O:
P: Piuk Petra: Lucy fliegt *** (Rezensionsexemplar)
Q:

R:
S:
T:
U:
V:
W:
X:
Y: Yoshimoto Banana: Eidechse *** nur wegen der Stilform Kurzgeschichte
Z: Zeh Julie: Schilf ****

 

In den Startlöchern stehen schon zwei Rezensionsexemplare mit E und R zwei Regionalkrimis von Claudia Rossbacher und Heidi Emfried und das Q, auf das ich mich schon sehr freue: Rachel de Queiroz: Die drei Marias

Sprachakrobatik und Beziehungen

Verteidigung der Missionarsstellung - Wolf Haas

Nein, in diesem Roman geht es nicht um Sex, sondern um eine kurzweilige Geschichte über Beziehungen und die Liebe aber vor allem um ein grandioses exzessives Spiel mit der Sprache.

 

Einigen von Euch wird Wolf Haas mit seinen Brenner-Kriminalromanen, die auch verfilmt wurden, im Gedächtnis sein. Auch ich habe bereits auf diesem Blog vor Jahren eine Book2movierezension über den Autor veröffentlicht. Aber Wolf Haas kann nicht nur einen minimalistischen Schreibstil wie in den sehr berühmten Krimis perfekt konzipieren, als studierter Linguist treibt er in diesem untypischen Roman mit der Sprache seine Späße, und das auf derart hohem Niveau, dass sich eine kindliche literarische Freude und das reine Lesevergnügen einstellen. Das beginnt mit ausländischen Angebeteten, die deutsche Sprache zwar sehr gut aber nicht perfekt beherrschen, was zu den köstlichsten Dialogen führt. Da werden Umlaute wie Ü komplett an der falschen Stelle gesetzt, dann wird sinniert, welche Wörter es im Englischen im Vergleich zum Deutschen nicht gibt. Weiters wird thematisiert, dass sprachlich immer die Ausnahmen von der Regel mit eigenen Wörtern bezeichnet werden, mit Ausnahme des Geschlechtsverkehrs, denn da hat auch die gewöhnliche Stellung einen Namen: Womit wir beim titelgebenden Wort – Missionarsstellung – wären, das eben tatsächlich nichts mit Sex in der Handlung zu tun hat. Haas spielt auch massiv grafisch und mit Typografie, um mit der Sprache seinen Schabernack zu treiben, da gibt es Texte in Kringeln, versetzt auf mehreren Seiten, Noten, Chinesische Schriftzeichen etc.. Ich als Leserin kam mir vor wie ein staunendes Kind, das lustvoll seinen Geist in ein Meer aus Sprachspielen und Rätseln taucht – wie Charly in der Schokoladenfabrik seine Finger in die Bottiche.

„Bist Du Vechetarier?“
„Nein“, sagte Benjamin Lee Baumgartner, obwohl er Vegetarier war.
„Und stört es Dich, wenn ich Gevögel bestelle.“
„Gevögel?“
„Vögelfleisch.“
„Geflüüügel!“
„Geflüüügel.“

„Hör auf mit diesem Unfug. Ich mache meinen Augen zu, und Du darfst mich nicht wieder kussen wie vorhin auf der Brucke. Ich habe Dir schon gesagt, warum nicht.“
„Ich will Dich nicht küssen. Ich will Dich schon küssen, ich schätze die Wahrscheinlichkeit, dass Du mich innerhalb der nächsten fünf Stunden küssen wirst, mit einer achzig- bis neunzigprozentigen Kusswahrscheinlichkeit sogar sehr optimistisch ein, jetzt aber will ich Dir nur eine Rätselfrage stellen, die ganz harmlos ist.“

Ein bisschen erinnert mich das ganze an James Joyces Ulysses – was sicher ein wenig als Vorbild diente – mit dem Unterschied, dass ich hier an einem Sprachspiel teilnehmen kann, das ich weit besser bis in die kleinsten Feinheiten in Originalsprache verstehe und nicht auf irgendeine Übersetzung angewiesen bin. Zwei weitere Vorteile hat das Haas’sche Werk auch noch: Erstens ist es kürzer und zweitens ist der Plot inhaltlich wesentlich (und jetzt ducke ich mich gleich weg, weil sprichwörtlich auf gut österreichisch die Hackln fliegen könnten) besser. Joyce hat mich immer mit seiner Imballance zwischen belanglosem Inhalt – dieser Gossip (wer mit wem) in Dublin, durch die Straßen wandern, Essen und Ausscheidungen, das war ja fürchterlich – und den überkandidelten sprachlichen Manierismen sehr genervt.

 

Bei Haas finde ich es ausgeglichen, denn er schreibt auch inhaltlich eloquent und kurzweilg über das banalste und gleichzeitig wahrscheinlich wichtigste Dauerthema der Literatur: über das Verlieben, die Liebe und Beziehungen.

 

Es geht um Wolf Haas und seinen Freund, Benjamin Lee Baumgartner, der immer, wenn er sich verliebt, in eine gefährliche Pandemie gerät. Auch hier wird wundervoll thematisiert, dass ein zeitlicher Zusammenhang im Deutschen nicht unbedingt eine kausale Korrelation nach sich zieht, obwohl man beides gleich ausdrückt. Allmählich wird in der liebenswürdigen Geschichte aber klar, nach der BSE-Krise in London 1988, Vogelgrippe 2006 in Peking und Schweinegrippe 2009 in Santa Fe könnte auch der hartnäckigste Verschwörungstheorieverweigerer draufkommen, dass es einen kausalen Zusammenhang geben könnte.  In Liebesdingen gibt es selbstverständlich auch einige ernsthafte amouröse Verwicklungen, denn Benjamin Lee Baumgartner ist nicht der ehrlichste, zuverlässigste Typ und auch selten Single, wenn er sich neu verliebt.

 

Zwei Kleinigkeiten haben mich ein ganz kleines bisschen gestört. Wolf Haas, der ja als Figur und Autor mitspielt, lässt manche Passagen des Romans unfertig und präsentiert dem Leser eigene Verbesserungsvorschläge und Anmerkungen zur Überarbeitung. Das war am Anfang noch lustig, nervte mich aber letztendlilch schon etwas. Außerdem gibt es einen logischen Fehler inklusive einer wesentlichen Auslassung im Plot. Die dritte Liebesbeziehung war gar keine, denn Benjamin Lee trifft völlig unvermutet seine eigene Tochter, fällt auf Grund der Schweinegrippe in Ohnmacht und trifft sie nicht mehr an, als er aus dem Krankenhaus entlassen wird. Dann wird dieser Erzählstrang aber völlig ignoriert. Nie wird thematisiert, ob sich Benjamin überhaupt auf die Suche gemacht hat. So etwas mag ein Mann verstehen, ich kann das einfach nicht, denn so etwas auf sich beruhen zu lassen, ist für mich sehr unlogisch.

 

Das Ende des Romans ist wieder von einer Genialität konzipiert, die atemberaubend ist. Benjamin verliebt sich in Deutschland und ich musste mir auf den Kopf schlagen, denn diese Seuche habe ich schon längst verdrängt. Ratet mal! 

 

Fazit: Wer sich gerne auf Sprachspielereien einlässt, wird restlos begeistert sein, aber der Roman ist zudem auch noch eine gute Geschichte über die Liebe und Beziehungen.