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Awogfli - Bookcroc

Ich bin Buchgourmet und Buchgourmand quer durch viele Genres

Ich lese gerade

Die Stadt der Träumenden Bücher
Walter Moers, Dirk Bach
BETA…civilisations volume 1
Jens Harder
Gletschergrab: Island Thriller
Arnaldur Indriðason

Geschwätziges, viel zu langes Elaborat, das sich auf Petitessen konzentriert

Die Korrekturen - Jonathan Franzen, Bettina Abarbanell

Ich war schon ewig lange nicht mehr soweit, ein Buch fast abzubrechen wie dieses, weil es mich gar so geärgert hat. Ein Werk mit derart viel Potenzial verkommt ab der Hälfte nur noch zu einem geschwätzigen Stückerl Papier ohne Substanz, Entwicklung und Aussage.

Ja Franzen kann tatsächlich ein bisschen gut formulieren, aber das ist meiner Meinung nach schon alles, was er mit diesem Roman positiv - letztendlich wenn man es gesamt betrachtet - in die Waagschale werfen kann. Dabei beginnt die Geschichte sogar extrem ambitioniert: Eine Familie, mehrere vordergründige Dramen ein paar ernsthafte Probleme, wie die Demenz des Familienoberhauptes, unter der Oberfläche brodelnde Beziehungs-Konflikte und Personen mit sehr fiesen Tendenzen, lassen die Story bis ca. Seite 400 sehr vielversprechend wirken. Das wäre nun kein Drama, wenn sich das Finale in den letzen 100-200 Seiten auflösen würde, aber bei Seite 400 sind wir leider erst in der Mitte dieser Lesefolter angelangt.

Also Franzen hat uns die Familie Lambert aufgestellt und die fiesen Winkel der Persönlichkeiten vor uns ausgebreitet.... und dann passiert zumindest mit den Figuren und dem Plot fast gar nichts mehr. Der Autor drückt sich davor, dem Leser zu erklären, warum er die Beziehungsgeflechte so konzipiert hat. Die Figuren werden auf 400 Seiten fast gar nicht mehr entwickelt, bis auf das letzte Kapitel, aber da hatte ich als Leserin die Schnauze schon so voll von dieser Papierverschwendung und Leserverarsche, dass es nicht mehr ins Gewicht fiel.

Der Antrieb der fiesesten Haupt-Figuren der Famile wie beispielsweise jener von Caroline oder auch die Gründe für Denises Verhalten bleiben für immer im Dunkeln, auf die wartet der Leser vergeblich. Stattdessen werden mit erzähltechnischen Schnörkeln und Verzettelungen, Motive und Lebensgeschichten von für die Geschichte völlig irrelevanten Personen wie zum Beispiel die Zufallsbekanntschaft am Kreuzfahrts- Restauranttisch, oder die gesamte Abteilung von Denises erstem Ferialpraktikum ausgebreitet.
Wenn mir jetzt jemand mit den Worten Karaseks kommt "Aber der Subplot ist grandios", dann muss ich leider darauf verweisen, dass ein grottenschlechter Plot nicht mit einem Subplot kompensiert werden kann. Mammamia es ist der eigentliche Job des Autors, eine konsistente spannende Geschichte zu erzählen und die Hintergründe und Motivationen der "Handelnden Figuren" zu erleuchten und nicht jene von Humsti und Bumsti, die uns zufällig über den Weg rennen. Manchmal kann man wirklich meinen, der Autor hätte ab der Mitte, die Lust an den eigentlichen Figuren verloren.  

Was ist eigentlich mit den Kritikern los, die diesen Roman als grandios bezeichnet haben. Manchmal kommt mir vor, die lesen so viel und sind so konzentriert auf Kritik, dass sie sich nur noch für die Schnörkel am Rande interessieren und dabei die zentrale Geschichte komplett aus den Augen und aus ihrem Fokus verlieren. Um es mit den Essensmethaphern aus dem Denise Kapitel zu untermauern, das war so wie in den Zeiten von Boccuse oder heute bei Adrian Ferreira in der Küche, in der das Essen und der Geschmack die Bedeutung verlieren, weil man sich nur auf Chichi-Mini Anrichtung (Boccuse) oder unerwartete Textur mittels Chemie (Ferreira) konzentriert. Die eigentliche Dienstleistung wird so auf Randaspekte reduziert und dekonstruiert, dass sie keine ursprüngliche Dienstleistung mehr ist. Der Roman ist kein Roman, keine Geschichte mehr und das Essen kein Essen, sondern nur mehr Chemie.

Und dieser Plot ab der Kreuzfahrt ist zäh wie Sirup und zieht sich wie amerikanischer Kaugummi. Muss man über Denise wirklich seitengreifend und raumfüllend ihre ganzen Sexualerfahrungen der Jugend ausbreiten, ohne irgendeinen eigentlichen Konflikt in Beziehungen z.B. mit den Eltern oder den Brüdern zu beleuchten? Und was soll dieses komplett unnötige laange Kapitel in Litauen? Wir lernen einen relativ unwichtigen Arbeitgeber von Chip genauer kennen als Chip himself.

Ja so ist dieser Roman von Franzen, der Autor hat sich wirklich erfolgreich davor gedrückt, seine eigentliche Geschichte seinen Roman zu Ende zu erzählen, indem er den Leser mit unwichtigen Details vollstopft. Ab der Szene mit dem Scheißhaufen (ja Ihr hört richtig - es gibt tatsächlich eine Unterhaltung mit einem Scheißhaufen in einer Demenzphase des Familienoberhauptes Alfred), war das Papier auf dem die Geschichte geschrieben steht, meiner Meinung nach nur mehr zum Wegwischen desselben zu gebrauchen.

Ich habe ja in letzter Zeit mehrere Romane gelesen, die auch nicht gerade gradios waren und sie dennoch wohlwollend von 2,5 auf 3 Sterne aufgerundet. Warum ich das hier ums Verrecken nicht tue, ist einfach erklärt: Diese unglaubliche Frechheit, mich mit 800 Seiten Schwachsinn bis ans Ende meiner Duldungsfähigkeit zu quälen, gehört abgestraft. Mich - mit wirklich großer Lese-Leidensfähigkeit gesegnet, die in ihrem Leben bisher weniger als 10 Bücher abgebrochen hat.

Book2movie - Der Film war besser als das Buch

Angeregt durch eine spannende Diskussion bei lovelybooks, dass sowas eher selten vorkommt, wollte ich mal meine eigene ganz persönliche Liste machen und bin draufgekommen, dass bei mir dieser Umstand doch recht häufig auftritt. Obwohl ich ja in diesem Fall kein Gradmesser bin, da ich als komplette Nicht-Cineastin sehr selten Filme anschaue und dann auch nur, wenn ich gehört habe, sie sind gut.  Daher ist meine Stichprobe tendenziös einfach zugunsten der Film.

 

Wie steht es denn bei Euch?

 

Hier nun meine unvollständige Liste "Der Film war definitv besser als das Buch".

 

Shutter Island - Dennis Lehane / Shutter Island - Martin Scorsese

Rebecca - Daphne du Maurier / Rebecca - Alfred Hitchcock

Dracula - Bram Stoker / Dracula 1992 - Francis Ford Coppola

The Heart of Darkness - Joseph Conrad / Apocalypse Now Francis Ford Coppola

Shining - Stephen King / Shining- Stanley Kubric

Das Schweigen der Lämmer - Richard Harris / Das Schweigen der Lämmer - Jonathan Demme

Die Welle - Morton Rhue / Die Welle 1981 - Alex Grasshoff

Paycheck - Kurzgeschichte Philip K. Dick / Paycheck - John Woo

Total Recall Kurzgeschichte Philip K. Dick / Total Recall 1981 - Paul Verhoefen

Sex and the City - Candance Bushnell / Sex and the City - die Serie von HBO

Der Herr der Ringe - J.R.R. Tolkien / Der Herr der Ringe - Peter Jackson (in diesem Fall nur in Teil 1)

 

Na wenn ich mir da die Regie-Kapazunder anschaue, die auf der Liste stehen, wundert mich gar nix mehr

Versuchskaninchen Mensch

Das merkwürdige Verhalten von Schimpansen in Kinderkleidung: und andere sozialpsychologische Experimente - Felicitas Auersperg

Felicitas Auerspergs populärwissenschaftliches Sachbuch beschreibt die wichtigsten sozialpsychologischen Experimente, ihre Entstehung, den wissenschaftlichen Background, die genaue Versuchsanordnung und den Alltagsnutzen, den die Ergebnisse der Forschung implizieren.

Na? Bei meiner Inhaltsbeschreibung bereits ins Koma gefallen, weil das Buch so langweilig ist? Oh wie irrt Ihr Euch und seid gewaltig auf dem Holzweg! :-)
Selten hat Psychologie derart viel Spaß gemacht, und ich habe gleichzeitig so nebenbei noch ein paar Sachen gelernt (dass es nicht ganz so viel war, liegt daran, dass ich in meinem Studium als Wahlfach Organisationspsychologie belegt habe).

Die beschriebenen Experimente sind unter anderem das weithin bekannten Milgram- und das Stanford Experiment, aber auch mir relativ unbekannte Versuchsanordnungen wie die titelgebende „Das merkwürdige Verhalten von Schimpansen in Kinderkleidung“, in der ein Wissenschaftler-Ehepaar beschloss, sein eigenes Kind zusammen mit einem Affen wie Geschwister aufwachsen zu lassen. Zuerst ging alles gut, solange die Entwicklung von Affe und Baby parallel verlief. Erst als der Affe in seinem Lernfortschritt auf Grund der Genetik hinter dem Sohn stark zurückfiel und dieser, anstatt die gelernte Sprache zu vertiefen, aus Altruismus nur noch genauso gut klettern lernen wollte wie sein Affenbruder, musste das Experiment erfolglos abgebrochen werden.

Auch die genaue Untersuchung menschlicher Phänomene wie kognitive Dissonanz, oder der Umstand, dass Menschen Personengruppen, mit denen sie noch nie in Interaktionen traten, mit einer signifikanten Tendenz negativ bewerten, sind aktueller denn je, wenn man die heutige Flüchtlingssituation und die daraus resultierenden Intoleranz-Probleme der ansässigen Bevölkerung bewertet. Die Leute müssten sich einfach nur persönlich kennenlernen. Das Harlowe-Experiment hat beispielsweise den früheren Behaviorismus in der Kindererziehung widerlegt, heute würde kaum noch ein vernünftiger Mensch ein Baby unentwegt schreien lassen, in der Generation unserer Eltern war diese Methode jedoch anerkannt – fast schon verpflichtend, um aus seinen Kindern keine Weicheier zu machen. Am spannendsten fand ich das Loftus-Experiment, das die Glaubwürdigkeit von Zeugenaussagen und unser Gedächtnis unter die Lupe nimmt und den Bystander-Effekt, warum und unter welchen Umständen genau viele Menschen in der Stadt wegschauen, wenn ein Verbrechen geschieht. So wird Psychologie zum reinen Vergnügen – mit extrem viel Praxisrelevanz.

    "In allen vier Experimenten zeigte sich, dass Menschen eher dazu geneigt sind zu helfen, wenn sie allein einen Notfall beobachten. Sobald sie sich in Gesellschaft befinden, teilen sie die Verantwortung und reagieren, insbesondere, wenn die anderen Augenzeugen unbekannt sind, langsamer oder gar nicht. Paradoxerweise bedeutet das, dass einem in Gefahr eher geholfen wird, wenn es nur wenige Beobachter gibt.“[…] Eine einfache, aber wirkungsvolle Strategie, um den Bystander-Effekt zu unterbrechen, ist, abwartende Zuschauer direkt anzusprechen und um Hilfe zu bitten. Damit erleichtern sie ihnen den kognitiven Prozess, in dem sie sich gerade verheddern, und kürzen die Entscheidungsfindung für Bystander erheblich ab.

Fazit: So sollte Wissenschaft immer vermittelt werden! Liest sich wie ein spannender Roman. Großartig!

Book2movie-Rezension eines guten Suspense-Thrillers

Shutter Island - Dennis Lehane

Da ich den Film schon vorher gesehen habe, und die Meinung bzw. das Vorwissen sich durchaus auf meine Bewertung des Romans auswirkte, ist eine Book2movie-Rezension in diesem speziellen Fall unerlässlich.

 

Buch: 3,5 Sterne

Sehr wohlwollend aufgerundet auf 4 Sterne

 

Dieser Roman hat von der Atmosphäre und der Sprache enorme Schwächen. Die Insel, die Anstalt und die Szenen werden mit einer relativ großen Spracharmut und in sehr klinisch-sterilem Stil beschrieben. Solche Umgebungen passen zwar durchaus zum Ambiente einer sehr gut geführten Irrenanstalt, aber einfach nicht zum mysteriösen Verwirrspiel des Plots, in dem viele Geheimnisse und Hintergründe sich dem Leser in diesem Krankenhaus, in dem irgendetwas nicht stimmen kann, einfach nicht offenbaren. Hier bin ich schon bei der eigentlichen Stärke des Romans: Der Plot und die Auflösung des Rätsels sind grandios und suchen ihresgelichen in der Literatur, konnten von mir aber nicht mehr so ausführlich genossen werden, da ich die Handlung durch den Film schon kannte.

 

Film: 4,5-5 Sterne

Martin Scorsese märzt die atmosphärischen Schwächen des Romans komplett aus und lässt den Cineasten in einem optisch opulenten Meisterwerk des Suspense im Kreis stolpern. Kameraeinstellungen, Effekte und Symbolik geben immer wieder Hinweise auf den Plot und das überraschende Ende, werden aber vom Zuschauer genauso wie von der Hauptfigur ignoriert, da Sie mit der vorgefassten Meinung nicht übereinstimmen. Erst nach der Auflösung schlägt man sich auf den Kopf, dass man so blind hatte sein können - ein wundervoller psychologischer Trick. Die Hauptdarsteller, allen voran Leo di Caprio, spielen grossartig. Der einzige Kritikpunkt den ich gelten lasse ist, dass Scorsese manchmal mit den Effekten und Symbolen ein bisschen zu sehr übertrieben hat, aber das ist Jammern auf höchstem Niveau, was zwar einem Kino-Profi den Verdienst einer Oscarnominierung kosten möge, aber mich persönlich noch immer sehr erfreut hat.

 

Fazit: Der Film ist wesentlich besser als das Buch.

Ein leider überperfektionierter Hörgenuss

Die letzten Tage der Nacht - STIL GbR Simon Bertling, Graham Moore, David Nathan

Inhaltlich habe ich das Buch bereits begeistert besprochen zu meiner Rezension geht es hier.

 

Das Hörbuch ist sehr detailgetreu umgesetzt und mit wundervoll sonorer Stimme des Synchronsprechers David Nathan vorgetragen. Er leiht seine Stimme unter anderem Johnny Depp. Leider hat mich das etwas affektierte Theaterdeutsch des Sprechers dann doch ein bisschen genervt, aber das kann daran liegen, dass mein Idiom aus Österreich kommt, und ich mit eispickelhart ausgesprochenen Konsonanten, rrrollendem Theater-RRRRR und pathetischem Redestil so prinzipiell meine kleinen Problemchen habe.

 

Kennt Ihr das, wenn bei einem Rockkonzert die Töne gar zu perfekt sitzen? Dann wirkt es irgendwie unecht und synthetisch. Eben weil es so perfektionistisch ist, ist es eben nicht ganz so gut. Genauso ging es mir ein bisschen mit dem Hörbuch.

Der Stromkrieg: Edison - Westinghouse - Tesla

Die letzten Tage der Nacht - Graham Moore, Kirsten Riesselmann

So liebe ich das Genre des historischen Romans: Eine im Kern wahre Geschichte, die fast an einen Thriller herankommt, eine Prise Fiktion, ein bisschen Wissenschaft, wundervoll entwickelte Figuren, ein spannender Plot, angenehme Sprache und einen Krieg der Theorien eigentlich der Erfinderpersönlichkeiten Edison – Westinghouse – Tesla – der Stromkrieg, der Ende des 19. Jahrhunderts ganz Amerika in Atem hielt.

Der Autor Graham Moore berichtet die Story aus der Sicht des jungen Anwalts Paul Cravath, der in seiner Funktion des Rechtsvertreters von George Westinghouse genauestens seinen Auftraggeber, alle potenziellen strategischen Partner, alle Hinderungsfaktoren, die Finanziers im Hintergrund wie z.B. J.P. Morgan und selbstverständlich den Hauptgegner Edison, den es zu bekämpfen gilt, tiefgehend mit all seinen Stärken und Schwächen strategisch klug und relativ objektiv analysiert. Dabei bleibt die Hauptfigur Paul als treffender Beobachter am Rande über weite Strecken des Buches zwar ein wesendtlicher Akteur des Geschehens, tritt aber als fühlende tiefgründige Persönlichkeit im Roman etwas in den Hintergrund, was mich gar nicht gestört hat, da es ihn als leidlich objektiven Beobachter aus dem sehr emotionalen Ränkespiel der Erfinderpersönlichkeiten herausnimmt. Erst als Cravath als Kollateralschaden einer Brandstiftung fast getötet wird, ändert sich seine analytisch-neutrale Position dramatisch, und er wirft sich voller Emotionen mit eigenen Interessen ins Gefecht der Erfinder.

Wundervoll werden zuerst alle zentralen Figuren des Stromkrieges installiert. Die für den Anwalt relevante Ersatzvaterfigur George Westinghouse, der Paul als sein erster Mandant die Chance gibt, sich auf dem Parkett der Juristerei einen Namen zu machen, der das Konzept des Wechselstroms vertritt und visionäre Ideen auf den Boden der Tatsachen bringt, indem er sehr gerne reale Produkte baut. Nikola Tesla, ein genialer Visionär mit monkhaften Zwangsstörungen und teilweise wahnhaften Schüben, in denen er am laufenden Band Ideen entwickelt, die seiner Zeit meilenweit voraus sind. Und zuletzt Thomas Alva Edison, ein weiterer diametral entgegengesetzter Erfindertyp, der mit einem großen Ingenieursteam im Sinne der kontinuierlichen Verbesserung so lange probiert, bis sich ein Erfindungsproblem auf irgendeine Weise technisch und wirtschaftlich vertretbar relativ gut lösen lässt. Der also im Prinzip das moderne Innovationsmanagement erfunden hat. Flankiert noch von den Persönlichkeiten des J.P Morgan, als Banker ein beinharter Rechner und Strippenzieher im Hintergrund, Mr. Brown, ein Fanatiker, der unbedingt den elektrischen Stuhl einführen will und Agnes, die große Liebe von Paul.

   "Offenkundig beherrschte Tesla das Rohmaterial der Sprache durchaus – Wörter und kurze Sätze -, agierte beim Anwenden komplexer Sprachbestandteile – Grammatik und Satzbau- allerdings vollkommen beliebig. Es war als werfe Tesla sämtliche Wörter, die er zu einem bestimmten Thema kannte, hoch in die Luft und ginge dann weg, ohne abzuwarten, wo sie landeten“

Als der Stromkrieg voll ausbricht, werden von fast allen beteiligten Hauptprotagonisten Hemmungen und Skrupel komplett über Bord geworfen, da werden Hunde und Pferde mit dem Stromsystem von Westinghouse coram publicum gegrillt und gemeuchelt, nur um ihn zu diskreditieren, da bricht auch der brave Rechtsverdreher Paul in Büros ein, um Industriespionage zu begehen, da werden von irgendwem Mordanschläge verübt, und alle belügen und betrügen sich gegenseitig mehrmals massiv um Geschäftsanteile und brechen viele schriftlichen Verträge. Lediglich Nikola Tesla bekommt in seiner Naivität nichts mit und ist letztendlich das eigentliche Opfer der verwickelten Ränkespiele.

Am Ende der Geschichte gibt es sowohl für jene, die den historischen Ablauf nicht genau kennen, als auch für alle anderen eine überraschende fiktionale Wendung. Aber mehr möchte ich nun nicht mehr spoilern. :-)

Normalerweise fragt sich jeder historisch interessierte Leser am Ende eines Romans, wie viel und was genau bei so einer Story auf Fakten basiert und welche Teile halb oder völlig fiktional sind. Auch hier hat der Autor im Nachwort wundervoll Abhilfe geschaffen. Er erklärt genau seine Quellen, welche Teile auf Fakten beruhen, wo ziemlich gesicherte Vermutungen in den Plot einflossen und was genau komplett erfunden ist. Weiters beschreibt er detailliert, an welchen Stellen er im Roman Veränderungen im Zeitablauf – im Vergleich zu den historischen Daten – vorgenommen hat. Bravo!! Sehr witzig und außerordentlich überraschend fand ich den Umstand, dass auch die Hauptfigur Paul Cravath und seine Angebetete Adele als historische Persönlichkeiten tatsächlich in dieser Story mitspielten. Ich dachte eigentlich, dass sie frei erfunden sind. Als offensichtlich wichtige Akteure des New Yorker Society-Lebens hätte ich gerne auch mal einen Roman oder eine Biografie über diese beiden gelesen.

Fazit: Eine absolute Leseempfehlung von mir für diesen grandiosen Pageturner – ich finde ausnahmsweise gar nichts zu kritisieren. In Anbetracht der Tatsache, dass der Autor normalerweise Drehbücher schreibt, freue ich mich auch schon sehr auf den Film.

Weniger Krimi, aber viel Witz und Biss

Volksfest - Rainer Nikowitz

Hab ich mal gesagt, dass ich mit Dennis Scheck übereinstimme, der das Genre des Regionalkrimis als Bassena der Belletristik bezeichnet hat? Ok ich muss meinem früheren Selbst widerspechen, denn dieses Buch hat mich ganz vom Gegenteil überzeugt....

Das Werk von Rainer Nikowitz glänzt mit Sprachwitz, grandios gnadenlose Wuchteln* prasseln gleich einem Maschingengewehrfeuer auf den Leser ein, auf den ersten zwei Seiten kleben bereits 10!! Post-iTs, nur um meine Highlights zu markieren - Wahnsinn! Mein Mann hielt mich fast schon für verrückt, weil ich im Bett lag und Tränen lachte. Wenn einige Rezensenten die Schachtelsätze und die gewöhnungsbedürftige Sprache bemängeln, dann bin ich entzückt und total hingerissen. Knackige Anekdoten, wundervolle Methaphern, Allegorien und Seitenhiebe auf wichtige vergangene Ereignisse aus Politik, Kultur und Kriminalfällen und sensationelle Wortkreationen zeichnen den Stil des Autors aus. Hier einige Beispiele:

"30 hochmotivierte Niederwildniedermetzler"=  Jäger in Niederösterreichs Flachland (dort gibt es kein Hochwild)

"In Suchaneks Augen leuchtete ein beeindruckendes Morgenrot. In denen seiner Mutter kondensierte langsam der Zorn."

"Keine Geschwindigkeitsbegrenzung, keine Ortstafel, kein Zebrastreifen, gar nichts vermochte Suchanek zu bremsen. Auch nicht das weiße Kreuz, das knapp vor Wulzendorf an jenem Kirschbaum angebracht war, an dem der Lengauer Edwin und sein GTI, unzertrennlich wie immer, ihre Leben ausgehaucht hatten."

"Andererseits ist es ja Allgemeingut, dass es der Einbrecher als solcher gemeinhin eher weniger schätzt, wenn sich im Zielobjekt noch ein Subjekt befindet."

"Bisher war Suchanek eigentlich immer davon ausgegangen, es könne keinen schlimmeren Job geben, als Gesangslehrer vom Hansi Hinterseer zu sein. Jetzt musste er allerdings einräumen, dass die Vorstellung, in einer trüben Algenbrühe, in der man wahrscheinlich keinen Meter weit sah, nach einem halbverfaulten Kopf zu tasten, dem hohen C vom Hansi zumindest nicht viel nachstand."


Ich weiß schon, der Humor ist etwas ganz Spezielles, aber für mich war er maßgeschneidert, vor allem weil ich ja genau in diesem Bundesland lebe.

Der Krimiplot ist zwar nicht durchsichtig aber auch nicht wirklich richtig spannungsgeladen.  Da jeder im Buch, so wie es in Niederösterreich am tiefen Land üblich ist, zwei Namen hat - nämlich den Hausnamen und den richtigen Familiennamen - und diese abwechselnd eingesetzt werden, entsteht beim lustigen Mörderraten eher unnötige heillose Verwirrung als dass Freude aufkommt. Fakt ist aber, dass dies exakt der Realtität entspricht. Jedes Mal, wenn ich am Land umgezogen bin, musste ich auch die Hausnamen mühsam zu den eh schon fremden Personen und Namen dazulernen. Für den etwas zu gemächlichen Krimiplot muss ich mit Bedauern einen Stern abziehen, da bin ich immer sehr puristisch und streng, als Heimatkomödie mit mehreren zufällig auftauchenden Leichen hat sich dieser Roman jedoch allemal fünf Sterne plus verdient.

Fazit:: Wundervoll - Schmähätzungssäuregrad des Textes gefährlich mit Verdacht auf Lach-Bauchmuskelkater


*Eine Wuchtel ist ein Scherz der so heftig so witzig, tief und manchmal auch dreckig ist, dass er wie ein Fussball mitten in Dein Gesicht klatscht - die Bezeichnung Wuchtel kommt sogar aus dem Fussball, wurde aber in Österreich bald auf jedweden wirkungsvollen Scherz im Bereich der Ironie aber auch in tieferen Gefilden angewendet. Auf jeden Fall fällt Dich die Wuchtel schmähmäßig wie einen Baum und lässt Dich lachend und hilflos am Boden liegen.

Hosentaschenratgeber für nachhhaltiges Essen

Ich koche, also bin ich - Rudi Obauer, Klaus Kamolz

Der kleine Band, der fast in jede Hosentasche passt, ist definitiv kein Kochbuch, sondern ein interessanter Ratgeber, wie man nachhaltig essen, einkaufen, leben und kochen kann aus der Sicht von Starkoch Rudi Obauer.

Dabei propagiert der Autor ohne Moralinsäure einen umweltbewussten, nachhaltigen, selbstbestimmten und dennoch genussorientierten Umgang mit dem Thema Essen und alles was damit zusammenhängt: Wie wird der Konsument von der Nahrungsmittelindustrie beim Einkauf manipuliert und wie kann man sich selbst vor den Psychotricks der Unternehmen schützen, wie sollte eine Küche eingerichtet sein, welche Geräte sind unnütz, wie koche ich saisonal und umweltverträglich, wie lerne ich den für mich richtigen Genuss zu finden, wie bewirte ich Gäste, wie wirkt sich Stress auf das Geschmacksempfinden aus etc. Gewürzt ist dieser Lebensratgeber nicht nur mit guten Tipps sondern auch mit einer gehörigen Portion Ironie.

„Du stehst vor zwei verschiedenen Marken Mineralwasser, auf einer davon prangt deutlich sichtbar die Kennzeichnung „gluten- und lactosefrei“. In diesem Fall halte kurz inne. Und frage Dich, bevor Du das vermeintlich verträglichere nimmst, wie viel Getreidekleber und Milchzucker Wasser enthält.“

Auch dem von vielen Haubenköchen geächteten Jamie Oliver zollt er durchaus Respekt in der Rolle, die dieser fürs Kochen in den letzten zehn Jahren gespielt hat, wodurch Obauer für mich sofort sehr an Glaubwürdigkeit gewinnt, und überhaupt nicht abgehoben rüberkommt.

„Und ich rede nicht von einem Kochen, bei dem wieder nur Leistungsdruck und Wettbewerb im Vordergrund steht, bei dem in Milligramm und Zehntelgrad gerechnet wird. In diesem Sinne bin ich sogar ein Fan des Briten Jamie Oliver, der viel dazu beigetragen hat, das Kochen zu befreien und Lust darauf zu machen. 170 oder 175 Grad im Backrohr? Ein Schuss Öl oder zwei? Ein anderes Kräutlein als im Rezept vorgesehen? So wichtig ist das gar nicht. Jamie Oliver regt die Menschen zum Kochen an, das ist sein Verdienst.“

Rudi Obauer hat sich offensichtlich nach einem Herzinfarkt hingesetzt und für sich und andere Menschen diesen Ratgeber erstellt. Neben sehr gelungenen Checklisten, die die einzelnen Kapitel dann noch in Form von Fragen an sich selbst zu einem Leitfaden zusammenfassen, gibt es ab und an vereinzelt doch noch ein paar Rezepte, die aber sehr gut in den restlichen Inhalt integriert sind.

Leider kommt nun von mir jedoch die gravierende Kritikkeule. So wundervoll großartig wie sich dieses Buch liest, schmerzt und ärgert es mich doppelt so stark, dass es gar so kurz ist: Nur 115 Seiten nicht mal in A5 und zudem sehr groß geschrieben – da ist man als Leser in 30 Minuten durch. Lieber Herr Obauer ich möchte vier Mal so viele Tipps von Ihnen, also wenn Sie schon ein Buch schreiben, das auch noch so grandios ist, sollten Sie sich einfach länger hinsetzen und nachdenken, welche Weisheiten Sie mir sonst noch verklickern könnten. Potenzial für weiteres Material gäbe es rund um das Thema Kochen und Essen zur Genüge. Das ist mir einfach zu wenig!

Fazit: zu kurz, zu kurz, zu kurz, aber sehr gut

Endstation süchtig

Süchtig: Von Alkohol bis Glückspiel: Abhängige erzählen - Lorenz Gallmetzer

Und? Wie steht es mit Deinem Alkoholkonsum? Diese Frage stellte sich mir unweigerlich bei der Lektüre dieses sehr interessanten Sachbuches, das ich terminlich sehr treffend gewählt am Aschermittwoch begonnen habe. Da ich mitten in Österreichs berühmtestem Weißweinanbaugebiet lebe, sind mir Alkoholmissbrauch getarnt als „Weinkultur“ sowohl bei mir selbst als auch in meinem Freundeskreis und eigentlich überall, wo ich mich umblicke, nicht fremd.

 

„Gegenüber keinem anderen Suchtmittel verhält sich unsere Gesellschaft so zwiespältig, selbstbelügend und heuchlerisch wie gegenüber dem Alkohol. […] Solange jemand mitmacht, solange er mit dabei ist, solange er lustig ist, solange er eben nicht krank ist, ist alles in Ordnung. Sobald jemand aber öffentlich eingesteht, ein Problem zu haben, will man nichts mehr mit ihm zu tun haben. Ab dem Zeitpunkt, ab dem er nicht mehr die gewohnte Leistung erbringt – wenn man ehrlich ist, eigentlich ab dem Zeitpunkt, ab dem er nicht mehr erfolgreich ist, wendet man sich ab.“

 

Lorenz Gallmetzer beleuchtet in seinem Sachbuch die Sucht umfassender und nicht nur auf den Alkohol fokussiert in unterschiedlichen Ausprägungen.

 

Der erste Teil ist grandios und schildert sehr ehrlich und selbstkritisch im Detail wie der Autor selbst nach jahrelangem exzessivem Problemtrinken quasi in Zeitlupe in die körperliche Alkoholsucht schlittert.

 

In Teil zwei befindet sich Gallmetzer in Therapie im Suchtzentrum Kalksburg und legt durch Interviews gewonnene Lebensbiografien einiger seiner Mitpatienten dar. In sich gesehen sind diese unterschiedlichen Suchtkarrieren bezüglich Alkohol, anderen weichen und harten Drogen, Medikamenten, Spielsucht, etc. und logischerweise auch kombinierten Substanzen sehr zahlreich, viel weniger ehrlich und detailliert analysiert, was einfach dem Umstand geschuldet ist, dass man einem Fremden eben nicht immer alles ganz so reflektiert und tiefgründig erzählt. Klar wird durch die Anzahl der qualitativen Daten aber auf jeden Fall, dass der Ursprung des Alkoholproblems in der Jugend begründet ist, und bei Männern durch das übliche Trinkverhalten beim Bundesheer und in der Lehre bzw. im Job manifestiert wird. Ein hoher Prozentsatz von Süchtigen hat eigentlich auch ganz andere Probleme, meist Depressionen, die rechtzeitig psychotherapeutisch behandelt gar nicht zur Sucht hätten führen müssen. Weiters wurde in früheren Jahren ein Alkoholkranker durch den medizinisch angeordneten und durchgeführten Entzug erst oft zum Psychopharmaka-Süchtigen gemacht, da Ärzte in der Vergangenheit die in der Therapie angewandten sehr gefährlichen Antidepressiva, Neuroleptika etc. wie die Zuckerln austeilten. Erst in den letzten Jahren fand, mit den weitaus dramatischeren Folgen der Tablettensucht konfrontiert, ein Umdenken in der Therapie statt.

 

Im dritten Teil reflektiert der Autor die medizinische Sicht der Sucht und Therapie durch ein Interview mit dem anerkannten Experten Dr. Michael Musalek. Hier wird es nun richtig spannend, denn Musalek gibt dem Leser nicht nur einen Alkoholiker-Selbsttest zur Einschätzung des Trinkverhaltens und der Sucht an die Hand, sondern zeigt auch neue Wege in der Therapie auf. Vom historischen Odysseus Prinzip analog - wie mit den Sirenen verfahren wurde (der Patient wird mit allen Mitteln daran gehindert, Alkohol zu trinken – Odysseus band sich und seine Kumpels an den Schiffsmast) zum Orpheus Prinzip (der Patient sucht sich eine lohnendere Alternative zum Suchtmittel, etwas das mehr Spaß macht – Orpheus passierte die Sirenen unbeschadet, indem er schönere Musik als die verführerischen Damen machte).

 

Fazit: Schlussendlich habe ich zu diesem Thema schon viel gewusst, aber der Themenkomplex Sucht wurde mir in diesem Werk sehr anschaulich und strukturiert vor Augen geführt. Zudem habe ich einige spannende und neue Aspekte gelernt. Die Interviews in Teil zwei hätte ich mir oft reflektierter und detaillierter gewünscht, auch wenn dann eben weniger zu Stande gekommen wären. Der dritte Teil mit dem Herrn Professor war grandios, aber für mich viel zu kurz, hier hätte ich mir vor allem in der Tiefe noch einiges mehr an Fachexpertise bezüglich Therapie erwartet. Für alle, die sich mit diesem Thema beschäftigen, eine Leseempfehlung von mir. Ein Anfang für Betroffene und Problemtrinker, für Süchtige in Therapie zu wenig detailliert.

Gedankensplitter von Papas Prinzessin

Fliegenpilze aus Kork - Marie Luise Lehner

Zu Beginn des Buches fand ich alles wundervoll, lyrisch und herzerwärmend und vor allem stilistisch sehr spannend konzipiert. Der Roman über die Erlebnisse einer Tochter mit ihrem Vater ist so geschrieben, als ob ein kleines Mädchen mit der Aufmerksamkeitsspanne einer Fruchtfliege nach Hause kommt und kindlich schwer atmend alles erzählt, was es heute erlebt hat: tausend Geschichtln verwoben zu einer, sehr sprunghaft plaudert die kleine Prinzessin über die Erlebnisse mit ihrem Vater.

Irgendwann bekommt man als Leser bei aller begeisterten Schilderung mit, dass dieses Prinzessinnenabenteuer mit Papi aber nicht nur deshalb außergewöhnlich ist, weil es das fröhliche Überleben in der sozialen Unterschicht thematisiert und der Vater durch sehr innovative Ideen auch mal einen Kronenkorken zum Spielzeug substituiert, sondern dass mit dem Mann zudem psychisch einiges im Argen liegt. Das war für mich als Leserin inhaltlich die grandioseste Wendung in diesem Roman. Ohne Vorwurf aber eben mit den verklärten Augen der Tochter werden hier ganz unglaubliche Probleme und Verfehlungen erörtert, die ich eigentlich, wenn ich sie als Erwachsene irgendwo mitkriegen würde, sofort dem Jugendamt melden müsste. Papa laviert oftmals zwischen Genie und Wahnsinnn, Arbeitslosigkeit, Gelegenheitsjobs, Kleinkriminalität, Depression, Agression und anderen massiven psychischen Problemen herum, zieht seine Tochter mit in diesen verwirrenden Strudel und setzt damit das Vertrauen des Kindes langfristig aufs Spiel.

    "Weil wir nie Fahrscheine haben, erklärt er mir, woran man Kontrolleure erkennen kann. Manchmal träume ich von ihnen. Plötzlich stehen sie hinter mir. Ich wache auf, wenn sie „Fahrkarten, bitte“, sagen."

Nach und nach wird das Mädchen erwachsen und auch der Blick auf den Vater abgeklärter. Leider passt sich hier der Roman zwar inhaltlich und meinungsmäßig komplett an das Alter der Protagoinistin an aber bedauerlicherweise nicht immer stilistisch. War die authentisch kindliche dekonstruierte Erzählform bis zum - sagen wir 12. Lebensjahr - noch einigermaßen konsistent, habe ich Probleme damit, die Worte einer Zwanzigjährigen im Stil einer Siebenjährigen glaubhaft zu rezipieren. Das ist aber Jammern auf hohem Niveau, denn nun muss ich auch gleich meine eigene Kritik kritisieren: In Anbetracht der Tatsache, dass der Vater als Sudetendeutscher noch immer seine Muttersprache nicht korrekt beherrscht, ist es schon ein Wunder, dass die Tochter überhaupt einen geraden Satz, geschweige denn eine zusammenhängende komplexe Geschichte herausbringt, wenn man davon ausgeht, dass in Österreich Spracherwerb durch das elitäre Schulsystem nahezu immer sozial und ethisch vererbt wird.

    "Manchmal denke ich, mein Vater sieht ständig zu, was alle anderen machen, um dann ganz anders zu sein als sie.“

Am Ende meiner Rezension kommt aber dann dennoch ein gewichtigerer Kritikpunkt am Roman, der sich doch auf eine umfassend begeisterte Beurteilung von mir etwas negativ ausgewirkt hat. Ich hasse es, wenn eine Geschichte derart abrupt aufhört, als hätte die Autorin den Bleistift fallen lassen oder mitten in der Formulierung des Endes einen Schlaganfall erlitten. Was ist das für eine Stilform, einfach so aufzuhören? Als Leser habe ich es mir verdient, mich nicht mit Cliffhängern (da denke ich zwangsläufig immer an Sly Stallone der mit schmerzverzerrter Miene in einer Wand hängt) abgespeist zu werden, sondern durch das Lesen des Romans steht mir durch die aufgebaute Beziehung ein ordnungsgemäßes Schlussmachen durch die Autorin einfach zu. Soviel Zeit und Mühe muss einfach sein.

Fazit: Auf jeden Fall eine Leseempfehlung von mir. Konzeptionell und dramaturgisch sehr ungewöhnlich dieser Roman, aber auch über weite Strecken richtig grandios.

P.S.: Gratulation an den Verlag, der Klappentext hält diesmal punktgenau und kurz & knackig formuliert, was er verspricht.

Uralt und derzeit topaktuell - die rassistische Fratze Amerikas

America - T.C. Boyle

Was ist das eigentlich mit mir und T.C. Boyle, dass es nahezu keinen Roman gibt, der mich gänzlich von den Socken reisst und mich restlos begeistert? Gut dieses Buch ist gut - ok was sage ich - es ist sogar sehr gut, aber irgendwas ist immer, sodass ich erst einmal wirklich vollen Herzens 5 Punkte vergeben konnte. 

 

Es fing ganz wunderbar an: Ganz Boyle untypisch sparte sich der Autor das ewige Herumgelabere warf den Leser mitten in die Geschichte - in zwei Welten oben und unten, arm und reich, Amerikaner und Mexikaner abwechselnd beschrieben. America, auch the Tortilla Curtain, habe ich ganz bewußt heuer aus meinem SUB gezogen, denn in Anbetracht der Tatsache, was sich gerade mit Donald Trump in Amerika an Rassismus gegen die Mexikaner abspielt, ist dieses Werk sicher grade topaktuell. Dabei fiel mir auf, dass der Roman eigentlich vor 22 Jahren als überspannte Satire mit auf die Spitze getriebenen klischeehaften Archetypen geplant war. Leider hat die Realität die Satire schon längst überholt. Die ehemals bürgerliche grüne Linke ist in die Jahre gekommen und hat sich schleichend von grün zu braun (und das meine ich wie es hier steht) entwickelt - ist somit faulig geworden. Mit den Tieren hat man noch immer vollstes Mitleid und Verständnis, und lebt unter ihnen ohne Furcht auch wenn die wilden Coyoten einem zwei Hunde töten, der Fremde an der Ecke ist aber gefährlich gehört ausgesperrt, vernichtet und nötigenfalls nihiliert. Ein Menschenleben zählt nix ein Tierleben umso mehr, deshalb fordert man auch, völlig alle Relationen verlierend, vehement die Todesstrafe für Carnivoren und andere, die Tiere aus welchen Gründen auch immer töten.

 

Diese BOBOS - ja es gibt diesen Typus bereits zu Hauf auch bei uns und eine Bezeichnung wurde auch gleich kreiert - bevölkern in Wien bereits mehrere Bezirke - wollen in schöne Ecken ziehen auch aufs Land und sobald sie dort sind, agitieren sie gegen alle anderen und sperren sie aus. Dies ist auch die perfekte Analogie zum Roman. Man hat viel Geld, lebt nachhaltig und zeigt überheblich mit seinem Lebensstil und dem moralischen Zeigefinger auf die Armen, die man erstens unbedingt aus seinem eigenen Leben hinausschmeissen muss, und die einfach gezwungen werden sollten, sich anders zu verhalten. Natürlich ist man für Ausländer so ganz prinzipiell, aber sicher nicht in der eigenen privaten Waldorfschule - wo kämen wir denn da hin! Selbstverständlich nutzt man den eigenen SUV aber nur gaanz selten, um ins Wochenendhaus in der Natur zu fahren, aber wehe ein armer Tropf von Pendler vom Land, der nur in die Arbeit fahren muss, braucht einen Parkplatz im eigenen Stadtwohnbezirk, der soll ruhig öffentlich fahren der Umwelt zuliebe 2 Stunden mehr pro Tag verplempern, denn die Parkplätze sind nur für die eigne Community reserviert.

 

Ich kann ja über die derzeitigen Leute in Amerika nicht reden, weil ich nicht dort wohne, aber da dieser Achetyp auch bei uns schon komplett durchgeschlagen hat, kann man diesen Roman von Boyle als regelrecht prophetisch bezeichnen, dass die 22 jahre alte "Dystopie" der Gesellschaft exakt Realität wurde. Delany ist Umweltschützer und Demokrat hat sich mitten in die Natur gebaut, die er respektiert, aber wehe er sieht ein mexikanisches Gesicht der Armut, dann kennt er keine Gnade mehr. Da wird zwar schon zu Beginn noch mit ein paar prinzipiellen ethischen Skrupeln gekämpft, aber durch die perfekte Täter-Opfer Umkehr wird das mexikanische Opfer eines Autounfalls, bei dem man erstens medizinische Hilfeleistung unterlassen und die illegale Notlage ausnutzend einen Schwerverletzten mit 20 Dollar abgespeist hat, zu einem mexikanischen Betrüger, der einem absichtlich ins Auto gelaufen ist und somit um 20 Dollar Betrug begangen hat. So geht es in der abgeschotteten gutbürgerlich reichen Siedlung weiter: Erst kommt ein Tor, um die braven anständigen Leute vor dem bösen armen Gesocks zu schützen und dann eine Mauer und dann bewaffnet man sich bis auf die Zähne.

 

Auch die mexikanische Sicht - die Gesellschaft unten wird sehr gut beschrieben, mit wenig Sozialromantik behaftet, sondern genauso brutal und schäbig wie sie eben ist: Der tägliche Kampf ums Überleben von Candido dem Familienvater in spe auf der Suche nach einem Job und den anderen Armen im Canyon. Natürlich muss man als Mann auch weiter nach unten auf die Schwächeren treten, darf seine Frau verprügeln, wenn man nicht gut drauf ist, junge Männer vergewaltigen andere Frauen ohne jede Skrupel und rauben sich einfach gegenseitig permanent aus. So schlecht kann es einem gar nicht gehen, dass man nicht ohne Not noch jemandem, der schutzlos ist, etwas ganz Furchtbares antun kann.

 

Irgendwann kurz vor Ende fand ich die Geschichte dann etwas langweilig und vorhersehbar. Ist man normalerweise bei Boyle ganz überfordert von dem Gewusel an Aktivitäten, Beschreibungen, Figuren und Handlung, ist diesmal irgendwie alles zu normal und dramaturgisch wenig überraschend. Das ist auch der kleine Kritikpunkt am Roman. Diesmal werden die typischen Schwächen des Autors in Bezug auf Übertreibung so unterrated, dass sie nicht zu Stärken, sondern zu erneuten aber nur ganz leichten Schwächen mutieren. Das Ende ist dann wieder grossartig, einerseits sozial-romantisch klischeehaft, aber im Sinne des brutalen Credos des Romans dennoch überraschend.

Der Wissenschaftler und die Liebe

Das Rosie-Projekt - Graeme Simsion

Der Erfolg dieses Buches ist völlig nachvollziehbar auch ich konnte es nicht mehr weglegen und las es in einem Rutsch durch. Als leichte romantische Komödie konzipiert, die tatsächlich ganz ohne Schmalz und Schmachten auskommt, trifft sie voll ins Schwarze und hat auch mein romantikresistentes Herz im Sturm erobert. Vor allem auch deshalb, weil sich der Roman dem Thema Liebe recht innovativ auf wissenschaftlicher, genetischer Basis nähert, was zu teilweise wundervollen köstlichen Verwicklungen führt.

 

Professor Don Tillmann, ein Genetiker mit leichtem Aspergersyndrom (was ihm bis zum Ende der Geschichte nicht wirklich bewusst ist - bei Eigendiagnosen versagt das Wissenschaftlerhirn mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit - da gibt es im Buch noch viele andere Beispiele) hat eine ganz spezifische methodische Vorgehensweise entwickelt, sein bisheriges Leben ohne Partnerin zu beenden und die zu ihm passende perfekte Ehefrau durch einen gefinkelten Fragebogen zu finden. Alleine der Fragebogenpretest des Nerds mit seinen Freunden ist derartig witzig und läßt mein empirisches Herz ob der wissenschaftlichen Korrektheit höher schlagen. Um die Komik der Geschichte zu verstärken, kommt ihm Rosie zwischen seine strukturierten Pläne, die diametral entgegengesetzt zu seiner Definition der perfekten Frau ist und die völliges Chaos in seinem Leben anrichtet. Für Rosie und ihr Anliegen, ihren biologischen Vater zu finden, wirft er auch seine ethischen Grundsätze, sich immer an alle Regeln zu halten, komplett über Bord, hackt sich in Computersysteme, beschafft Genproben ohne Einwilligung des Probanden, stiehlt Toilettartikel etc. Letztendlich will er für sie sogar komplett sein Verhalten ändern. Am Ende der Geschichte könnte man zwar sagen, dass die Liebe alles überwindet - eine Zweittheorie, mit der das Buch durchaus liebäugelt, könnte aber auch die biologisch-genetisch determinierte Anziehung von Gegensätzen sein: "Wer braucht schon einen Papagei als Partner".

 

Die Figuren sind wundervoll entwickelt und jeder Prototyp läuft massenhaft auf den Gängen der Universitätsinstitute herum, wer hier platte Klischees vermutet, der sollte sich mal auf den unzähligen TNF's (Technisch-Naturwissenschaftlichen Fakultäten) der Unis herumtreiben. Der meist nicht sehr gepflegte Nerd mit Kontrollzwang entweder anerzogen oder eben durch eine Krankheit determiniert und scheußlicher Kleidungswahl. Ich sagte mal zu einem Studenten mit dottergelber Strickjacke, Pepitahose und oranger Satinkrawatte (bitte das war nicht in den 80ern sondern in den 90ern) "Gell Du studierst technische Mathematik". Er schaute mich fragend an und antwortete dass ich fast richtig läge. Er studierte technische Physik. Als Grenzgängerin zwischen den Fakultäten ich studierte BWL und Informatik habe ich oft ganz bewusst diese Verhaltenscodes missachtet und ging in Birkenstockschlapfen und Strickpullover in Marketingvorlesungen und mit maßgeschneidertem orangen Mini-Kostüm in die Informatikveranstaltungen. Das hat damals schon massive Irritationen verursacht und tut es noch heute, wenn ich auf einer TU gut angezogen unterrichte. Auch der promiskuitive Professor, der am liebsten Kolleginnen und Studentinnen an die Wäsche geht, kommt natürlich vor. Dieser Typus ist auch nicht gerade selten, aber darüber schweige ich nun sehr dezent :D.

 

Die Sprache ist einfach, sollte aber ohnehin für so ein leichtes Buch nicht zu komplex ausfallen.

 

Fazit: Wundervolle leichte aber nicht seichte Unterhaltung, die hält, was der Klappentext verspricht: viel Humor, ein bisschen Romantik ohne schmalztriefende und lüsterne Gefühlsduseleien, wissenschaftliche Korrektheit und sogar eine Botschaft.

Hello Vienna Calling

Falco: Die Legende lebt. Die Graphic Novel - Reinhard Trinkler

Heute wäre Hansi Hölzl aka FALCO 60 Jahre alt geworden. Weiters jährte sich sein Todestag am 6. Februar zum neunzehnten Mal. Bei uns in Österreich wurde aus diesem Grund gleich der ganze Monat zum Gedenken an den Popstar ausgerufen – Vernissagen in Wien, Gedenkfeiern, Dokumentationen, Filmportraits etc… feiern derzeit fröhliche Urständ. Der Autor Reinhard Trinkler hat sich zu diesem Anlass etwas ganz besonderes dazu einfallen lassen: die Falco Biografie als Graphic Novel. Nun stellt sich die Frage: War das eine gute oder eine schlechte Idee?

Eines muss ich bei dieser Rezension gleich vorwegschicken, damit Ihr meine Beurteilungen auch gleich im richtigen Licht interpretieren könnt: Erstens kenne ich mich im Genre Graphic Novel nicht so gut aus, ich kann also die Zeichnungen nicht ganz so gut beurteilen, wie es für Profis nötig wäre, sondern nur feststellen, ob sie mir gefallen oder nicht. Zweitens ICH BIN EIN FAN – und nicht so ein lascher „Falco war schon sehr gut – Fan“ der den Künstler erst nach den Hitparadenerfolgen vom Kommissar oder Rock me Amadeus entdeckte, sondern ein richtig leidenschaftlicher seit den 80er Jahren. Seitdem der Falke bei einem Drahdiwaberl-Konzert für den Stefan Weber, der sich in jedem Song in ein neues Outfit warf und dafür einen Pausenfüller brauchte, „Ganz Wien“ sang, war es um mich geschehen. Insofern könnte es natürlich sein, dass die schwarze Ray-Ban Brille, die ich mir immer aufsetze, wenn es um Falco geht, mich etwas meiner ansonsten gut ausgeprägten Kritikfähigkeit beraubt.

Aber wie gefällt mir nun die Biografie im Comic Style? Ich liebe sie!!! Die wichtigsten Stationen Falcos, sowohl beruflich als auch privat, sind erstens vollständig vorhanden und zudem wundervoll beschrieben bzw. gezeichnet. Wer glaubt, die gefühlsduseligen Szenen mit seiner Mutter, seiner Lebensgefährtin und seiner Tochter wären zur rührselig übertrieben, dem sei gesagt, das arrogante Arschloch existierte vor allem als Rolle, um der feinen koksenden Wiener Gesellschaft und der Musikindustrie der 80er Jahre einen grauslichen Zerrspiegel vorzuhalten. Wenn ich mir denke, wie viele „Falco-Typen“ damals im Wiener Bermudadreieck durch die Lokale gezogen sind, so war es absolut notwendig, dass endlich einer kam, um diese Szene durch Überspitzung einer unsympathischen Prototypfigur – auch Wiener Schnösel genannt – mal ordentlich zu verarschen. Privat war Falco meist ganz anders und wohnte ja auch lange nicht in Wien sondern mit seiner Familie bei mir in der Nähe auf dem Land in Gars am Kamp.

Zeichnerisch und inhaltlich sehr innovativ gefällt mir am Comic von Reinhard Trinkler am besten, dass einige der wichtigsten Lieder als Zeichnungen verewigt sind, und teilweise mehrere Strophen der Songs als Text in die Grafik einfließen. Der Zeichenstil ist wie bei vielen modernen Grafischen Novellen ein bisschen wie ein Wimmelbild angelegt, sodass der Leser auch beim erneuten Lesen noch etwas Neues entdecken kann. Für eine komplette Biografie fehlen natürlich einige Hintergrundinformationen, aber das kann ja auch gar nicht der Anspruch dieser grafischen Ausdrucksform sein. Auf jeden Fall wurden die wichtigsten und wesentlichsten Meilensteine grandios dargestellt. Wer nun interessiert ist, und Falco auch abseits seines Images näher kennenlernen will, dem empfehle ich die sehr gute und relativ aktuelle Filmdokumentation von  bei Dolezal&Rossacher   über das Wesen von Falco. Seit dieser Woche gibt es eine grandiose brandneue Doku von Rudi Dolezal – Die ulitmative Doku zum 60. Geburtstag, die tatsächlich neue Fakten zu den letzten Jahren und zum Tod des Musikers ausgegraben hat (Ausstrahlung Deutschland: 19.2. Kabel 1 20:15).

Fazit: Für einen Falco-Fan das absolute Must-Have zum Jubiläum, für Liebhaber des Genres Graphic Novel aber auch nicht schlecht.

Book2movie-Rezension des alten Schinkens

Rebecca - Daphne du Maurier, Karin von Schab

Schon zu Beginn baute sich eine schwierige Hürde für dieses Buch auf: Da ich den Film schon als Kind gesehen habe, konnte mich daher der Plot bedauerlicherweise nicht mehr überraschen. Aus diesem Grunde drängt sich eine Book2movie-Rezension nahezu auf und ist unvermeidbar.

 

Buch 3,5 Sterne wohlwollend aufgerundet auf 4

Die Hauptprotagonistin nervt ganz schön mit ihren ermüdenden Selbstzweifeln, der anstrengenden Unsicherheit und ihrer naiv romantischen Attitüde, aber sie ist derart authentisch und konsistent gezeichnet, dass es eine Freude ist. Leider sind die Zweifel des Charakters dieser dummen Gans und ihre schmalztriefenden romantischen Anwandlungen viel zu ausufernd beschrieben. Gottseidank steht ihr als Antagonistin gegenüber die verschlagene Haushälterin Mrs. Danvers, die grandios beschrieben ihre fiesen Spielchen inszeniert, man sieht sie förmlich hinter den Türen lauern. Die böse alte Vettel mit dem Totenkopfgesicht lässt Mrs. De Winter Numero 2 anlässlich des Balls so richtig grandios auflaufen - das ist herrlich. Max, der Mann dazwischen ist eher ein ambivalenter Charakter, der irgendwie gar nix checkt und hin und wieder brummig dahinspinnt.

 

Daphne Du Maurier hat die Hauptcharaktäre und auch alle Nebenrollen sehr liebevoll entwickelt und tief gezeichnet, leider hat sie bei der Handlung nicht so ein gutes Händchen bewiesen. Immer wenn etwas spannendes passiert, wird sehr schnell über das Ereignis hinweggegangen, und eher die entbehrlichen Gedanken und Kommentare der Mrs. de Winter fokussiert, die eh keiner mehr hören kann. Dieser Stilgriff nimmt dem gesamten Plot, der übrigens ausgezeichnet innovativ und grandios konzipiert ist, die Spannung, wenn alles aus der Sicht der naiven Gans beleuchtet wird, die ewig in ihren Zweifelen egozentrisch um sich und ihren Angebeteten kreist. Leider konnte ich natürlich die Überraschungen in der Handlung nicht mehr genießen, denn ich kannte ja die Geschichte schon durch den Film.

 

Die Sprache kann sich aber sehen lassen: Sehr stimmungsvolle Beschreibungen schon der erste Satz (sowohl im Buch als auch im Film) reißt einem vom Hocker.

"Gestern nacht träumte mir, ich sei wieder in Manderley....."

 

Der Schluss ist übrigens das größte Übel an diesem Roman. Da fackelt die fiese Haushälterin diesen alten Kasten Manderley aus Bosheit ab, und wenn nicht das vorletzte Wort des gesamten Romans Asche gewesen wäre, hätte ich gar nicht gecheckt, dass die Bude brennt. Wie kann man sich als Autorin nur ein derartiges, durch den Spannungsbogen selbst konzipiertes Ereignis, das man perfekt beschreiben und inszenieren könnte, entgehen lassen. Das ist handwerklich, schriftstellerisch, sprachlich und dramaturgisch einfach komplett idiotisch!

 

Film 4 Sterne wohlverdient

Grandios vom good old Meister Alfred Hitchcock umgesetzt. Schwarzweiss, wundervoll gemacht, a bissi Grusel, die Musik punktgenau inszeniert, Nebel, Dunkelheit etc. schaffen die perfekte Atmosphäre.

 

Durch das Genre Film wird der Cineast zudem von den entbehrlichen Gedanken der Mrs. de Winter 2 verschont. Klar sieht man durch die gute schauspielerische Leistung der Darstellerin, dass sie unsicher, naiv verliebt und von Selbstzweifeln geplagt ist, aber man muss gottseidank nicht das Innere in ihrem Hirn über sich ergehen lassen.. Mrs. Danvers der alte Drache klatscht übrigens den gesamten restlichen Cast an die Wand: so gut gespielt, das versteinerte Gesicht ohne irgendeine Muskelregung, die sanfte Stimme, herrlich. Die beiden Frauen bleiben im Gedächtnis haften, alle männlichen Rollen überhaupt nicht.

 

Und dann wurde auch noch die Handlung - im Drehbuch genau dort umgeschrieben, wo der Roman gravierende Schwächen aufwies. Der Mord war ein Unfall und das Ende wird wirklich auszelebriert inklusive lebendiger Abfackelung der Haushälterin im Zimmer von Rebecca. So geht ein Finale mit Paukenschlag! Das einzige, das ich mich die ganze Zeit frage: Als Kind hatte ich den Film wesentlich gruseliger in Erinnerung. Warum wohl?

 

Fazit: Wieder mal einer jener Fälle, die Buchliebhaber gerne verdrängen möchten, aber der Film ist einfach besser.

Ein gutes Buch über eine langweilige Hauptprotagonistin ist dennoch langweilig

Die Tapetentür - Marlen Haushofer

Eigentlich sind die 3 Sterne, die ich für dieses Buch vergebe, ungerecht und ich müsste von 3,5 auf 4 aufrunden, aber was solls, dies sind meine Beurteilungen und da darf ich auch mal ungerecht sein.

Marlen Haushofer ist ein ausgezeichnetes pointiertes Psychogramm einer unsicheren depressiven Frau gelungen, ich habe selten eine so unsymphatische weibliche Hauptfigur skiziert bekommen, was meine Beurteilung prinzipiell noch nicht beeinträchtigt hätte, aber sie ist ja nicht nur keine angenehme Person, sondern sie langweilt mich extrem durch ihren faden Charakter. Hab letzte Woche von den Finnen gehört, dass diese ihre Winterdepression stolz zelebrieren, sie öffentlich vor sich hertragen und hegen & pflegen - diese Tusse, genannt Anette, macht das ganzjährig, nahezu lebenslänglich, so wie viele Wiener im allgemeinen auch. Die Leute tun mir zwar leid, tatsächlich nerven und langweilen sie aber mit ihrem permanenten Gesudere im Buch genauso wie real. Da bin ich streng, denn das erste GEBOT, das ich einem Autor vorschreibe, ist gleich einem Glaubensbekenntnis: DU SOLLST NICHT LANGWEILEN. Das gilt nicht nur für die Erzählweise, sondern auch für die Figuren.

Klar kommen dann noch die sehr gut beschriebenen durch die Depression verursachten Eigenschaften des Phlegmas, Misanthropie und ein bisschen von latent bis offen auftretender Männerhass dazu, da sich die Dame permanent als inaktives der Umwelt ausgeliefertes OPFA sieht, was mich manchmal durch die guten Formulierungen schon ein bisschen amüsiert hat.  

"Die Vorstellung, dass all diese ernsthaften, dezent gekleideten Männer manchmal ihre Kleider ablegen und, bleich wie Kartoffeltriebe, darangehen, sich eine Stunde mit Liebe zu beschäftigen, hat etwas Obszönes und Lächerlichers an sich. Man kann eben nicht ungestraft durch Generationen das Fleisch verachten und mit dem Hirn allein leben. Eines Tages rächt sich das Fleisch.

Persönliche Grausamkeit und Bosheit, wie man sie bei Frauen findet, kann ich zur Not verstehen, aber die männliche Grausamkeit aus Gedankenlosigkeit und Kontaktunfähigkeit macht mir Angst."


Als dann der Märchenprinz am Horizont auftaucht, ist die Depression schwupdiwupp verpufft - um dann kurze Zeit später mit Beziehungszweifeln erneut gnadenlos zurückzuschlagen. Man wünscht sich das ganze Buch über, dass Anette endlich wirklich etwas furchtbares passieren möge, damit sie schließlich einen Grund für ihr Jammern hat, aber als dies endlich auf den letzten Seiten passiert und sie durch das echte Leid tatsächlich eine Katharsis und Metamorphose durchlebt, wurde einfach viel zu viel meiner Lesezeit unnötig mit Langeweile vergeudet.

Versteht mich nicht falsch, eine Depression ist eine ernstzunehmende Krankheit, über die ich mich nicht lustig machen möchte, aber manche Leute in der Realität wie auch die Hauptfigur und auch das Buch zelebrieren diese und gehen mit dem Gejeiere ganz bewußt ihrer Umgebung und den Mitmenschen auf die Nerven, anstatt professionelle Hilfe zu bezahlen. Dann möchte ich in der Realität immer pro 50 Minuten, in denen ich dieses Gesudere gratis durchstehen mußte und als Therapeut missbraucht wurde, die Hand ausstrecken und eine Rechnung über 75,-- Euro ausstellen.

So geht es mir bei diesem Buch auch. Ich möchte entweder meine Lesezeit zurück oder Therapeutenhonorar!

Fazit: Kein Buch für mich - eine gute Charakterstudie, aber kein Charakter, über den ich wirklich was lesen möchte.

Passion habe ich nicht empfunden

Wiener Passion: Roman - Lilian Faschinger

Der Roman ist eine viel zu gemächliche Story, deren Rasanz zwar zum morbiden weinerlichen Schneckentempo des Wasserkopfs Wien passt, mich aber nur mittelmäßig begeistert hat.

Die junge Sängerin Magnolia Brown besucht die Stadt ihrer Vorfahren, um sich bei  Gesangsunterricht auf ihre Rolle der Anna Freud vorzubereiten bzw. ihre Lebensumstände kennenzulernen. Durch ein hundert Jahre altes in einer alten Truhe gefundenes Schriftstück, die Lebensbeichte der Rosa Hawelka, wird ihr und dem Leser das triste Schicksal der Dienstboten in der Kaiserzeit und die Lebensgeschichte ihrer eigenen Großmutter nähergebracht.

Lilian Faschinger kann und will sich einfach nicht entscheiden, welche Story sie wirklich erzählen will und das ist der Qualität des Romans meiner Meinung nach sehr abträglich, da sich der Inhalt des Romans in seinem Ziel und Zweck komplett in den beiden gleichberechtigen Erzählsträngen verliert - regelrecht verzettelt. Welches Wien soll denn nun gezeigt näher thematisiert und analysiert werden? Jenes der Jahrundertwende, das die grauenhafte von Armut geprägte Lebensrealität der Dienstboten schildert oder jenes der xenophoben und misanthropen pseudofeinen eingesessenen Wiener Gesellschaft der Innenstadtbezirksbewohner (Nummern 01-09), die angesichts ihrer  diversen ausländischen Wurzeln aus der KUK-Zeit ganz dezent ihre Papalatur halten sollten?

Es ist unbenommen, dass Faschinger beide Gesellschaften sehr genau und pointiert beschreibt, wer glaubt, die Autorin entwirft klischeehaft irgendwelche Achetypen, dem sei gesagt, die sind wirklich so, sowohl um die Jahrhundertwende als auch jene in der Jetztzeit skizzierten Figuren. Wenn der Roman nach 2010 geschrieben worden wäre, käme auch noch die neuerdings grassierende BOBO-Attitüde der Innenstadtbezirke dazu. Diese Gesellschaftsbeschreibungen sind auch die eigentliche Stärke des Romans, aber die beiden Erzählstränge nehmen wahnsinnig viel Tempo aus der gesamten Geschichte und schaffen eine Distanz des Lesers zu den Figuren, die die Empathie und das Involvement mitunter komplett eindösen lässt.

Die Lebensbeichte der Rosa Haweka aus der Jahrhundertwende ist insofern informativ, da in der KuK Zeit unter den Dienstboten gar nix Heppi Beppi war, so wie man es in den Sissi-und anderen Filmen immer darstellte. Das wusste man zwar ohnehin,  aber dass die Dienstboten derart rechtelos waren, war mir bisher unbekannt. Ich dachte immer, die Bettgeher- Obdachlosen- und anderen Probleme trafen nur die ungelernten Arbeiter aber nicht das Dienstpersonal. Es existierte ein Dienstbotenkodex der jeglichem Missbrauch der "feinen" Herrschaft Tür und Tor öffnete: Hungern lassen, Gewalt, sexueller Mißbrauch, Ausgangsverbot bzw. eigentlich Freiheitsentzug, 20 stündige Arbeitszeiten, ... im Prizip war alles erlaubt. Die Einbindung von historischen Ereignissen in die Geschichte der Rosa Hawelka ist zwar ob der Zufälle etwas an den Haaren herbeigezogen, aber durchaus nicht ungelungen.

Auch in der Gegenwart wird ein gutes Psychogramm der Innen-Stadt und ihrer pseudofeinen Bewohner, die sich oft sogar aus den ehemaligen Dienstboten lukrieren, gezeichnet. Wien ist ..... wo sogar die Ausländer xenophob sind (Martin Mucha, Papierkrieg). Die bösartigen "anständigen" alten "Österreicher", von der arbeitenden Bevölkerung mittlerweile mit Höchstpensionen gesponsort, in den mietpreisgebundenen Kaiserzeitwohnungen in den Innenbezirken hausend und Nachmietern mit ihren knochigen Fingern horrende jurisitisch ungerechtfertigte Ablösen von zigtausenden Euro fordernd und selbstverständlich rechtspopulistisch wählend, weil ihnen die pösen Ausländer gar sooo viel angetan haben, sind meinen besten Freunden, die nach dem Studium in Wien geblieben sind, so oft untergekommen, dass man das nicht als Klischee sondern als Epidemie werten muss. Auch der im Roman beschriebene hypochondrische feine Mammasohn mit Hang zur Homöopathie hat mich derart oft in meinem Leben erfolglos angebraten, dass er nicht als Einzelfall gewertet werden kann.  Weiters gefällt mir auch die Tristesse mit der Wien und die Innenstatdtbezirke beschrieben werden, habe erst gestern wieder in einer Musikdokumentation gehört, dass Wien Anfang der 80er Jahre eine der rückständigsten grausten Städte Europas war, im Gegensatz dazu war Moskau hinter dem Eisernen Vorhang eine pulsierende Metropole. Auch das setzte sich so ca. bis Ende der 90er Jahre  in den Innenstadtbezirken außer dem 2. und dem 6. Bezirk fort, die feine WienStadt war ein greises Museum, das eigentliche Leben fand außerhalb des Gürtels und in Transdanubien statt.   

Fazit: Für mich wäre es am besten gewesen, die Autorin hätte sich auf eine Geschichte konzentriert und die andere nur nebenbei behandelt, so konnte sie beiden nicht ganz gerecht werden. Wenn Ihr einen Faschinger Roman lesen wollt, dann nehmt Magdalena Sünderin der ist um Weltklassen besser!