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awogfli

Awogfli - Bookcroc

Ich bin Buchgourmet und Buchgourmand quer durch viele Genres

Ich lese gerade

BETA…civilisations volume 1
Jens Harder
Gletschergrab: Island Thriller
Arnaldur Indriðason
Spoileralarm

Großartige Geschichte der gescheiterten Selbstbestimmung einer Frau

Die Vegetarierin: Roman - Han Kang, Dr. Ki-Hyang Lee

Dieses Buch hat mich überhaupt nicht verstört, sondern restlos begeistert. Auch finde ich gar nicht, dass der Roman Veganismus thematisert und wohin ein solches Verhalten führen kann. Für mich ist es die Geschichte einer Frau, die verzweifelt um ein kleines bisschen persönliche Autonomie in einer komplett übergriffigen Umgebung kämpft und permanent von der gesamten Familie mit Gewalt und mit Hilfe des Systems wieder auf "Linie" gebracht wird.

Der erste Versuch eines Befreiungsschlages passiert tatsächlich über die Ernährung und den Veganismus, ein kleiner, sehr eng gezogener Teilbereich in dem die Protagonistin bis zum Start der Geschichte zumindest ein Fünkchen selbstbestimmt leben konnte.
Ich setze auch in dieser Rezension eine Spoilerwarnung, denn ich möchte die Aussage und meine Interpretation des Buches genauer analysieren, weil es mir so gut gefallen hat.

Yeong-hye führt ein völlig fremdbestimmtes furchtbares Leben. Ihr Vater hat sie sich in ihrer Kindheit im Gegensatz zu ihren Geschwistern als fast ausschließliches Opfer seiner Gewaltorgien ausgesucht, weil sie erstens so duldsam war und weniger aufmuckte und als jüngeres Kind zu wenig Nutzen in die Famile einbrachte. Der Bruder war ja scho seit Geburt per se als zukünftiges Familienoberhaupt unentbehrlich und die ältere Schwester war auch nützlich, da sie den besoffenen Vater bedienen konnte. Auch ihre Ehe ist furchtbar sie hat sich am Rollenbild des Vaters orientiert und einen gefühlskalten Mann gefunden, der sie nicht liebt, sie als Dienstbotin und Fickfetzn missbraucht. Er sagt selbst, dass er sich eine unscheinbare duldende graue Maus zur Ehefrau genommen hat, weil er meint, sich deshalb in der Beziehung nicht anstrengen zu müssen und glaubt, sich komplett gehenlassen zu dürfen.

Nun nimmt sie sich auf Grund eines Traumes ein kleines Fünkchen Automomie entgegen der üblichen gesellschaftlichen Konventionen heraus, obwohl im Roman auch mehrmals betont wird, dass es bereits einige Vegetarier in Korea gibt. Und wie reagiert ihre Umgebung darauf, dass sie ein bisschen anders isst? Ich war sehr fassungslos, wieviel menschenverachtende übergriffige Gewaltakte hier von den Männern ihrer Familie stattfanden: Der Ehemann ist zuerst konsterniert, da sie es wagt, ihm zum Frühstück kein Fleisch zuzubereiten, stachelt dann ihre ganze Familie auf, die sie zwingen soll, so zu essen wie er will und vergewaltigt sie auch noch weil sie sich ihm im Bett verweigert, da er nach Fleisch riechen soll. Der Vater prügelt sie und versucht, ihr mit Gewalt, Fleisch in den Mund zu schieben, die restliche Familie schaut zu, alle finden nichts dabei und keiner schreitet bei diesen Übergriffen ein. Im Gegenteil unter dem Deckmantel der "Sorge"  in unbedingter Anpassung an die Norm der Familie und das patriachalische System werden diese Schandtaten sogar noch als Akte der Liebe schöngeredet. Im Prinzip geht es hier nicht um Veganismus, sondern um die Abwehr von permanenter Vergewaltigung von Frauen, sexuell, geistig, und emotional. Eine Art von Emanzipation in einem partiachalischen System, das auf dem Brechen von weiblichen Seelen beruht. Der erste eigentlich sehr harmlose Ausbruch der Emanzipation scheitert an der gesamten Umgebung und ihrer Gewalttätigkeit und endet mit einem Selbstmordversuch und einem kurzen Aufenthalt in der Psychiatrie.

In Teil zwei versucht Yeong-hye wieder in einem ganz beschränkten Autonomiebereich auszubrechen, nämlich ihre sexuelle Selbstbestimmung auszuleben. Ihr Mann hat sie verlassen und sie schläft - selbstverständlich wieder mal gegen alle gesellschaftlichen Konventionen, die so in Korea herrschen - mit ihrem Schwager, was zwar nicht nett aber sicher nicht kriminell und verrückt ist, so wie es die Familie darstellt. Die geschilderten Szenen im Roman waren wundervoll und sehr erotisch wie die beiden als bodygepaintede Pflanzen sowohl ein Kunstwerk kreieren als auch den Akt vollziehen. Leider werden sie wieder erwischt und die Familie versucht erneut mit staatlicher Gewalt, Verhalten etwas abseits der strengen Normen völlig unverhältnismäßig zu bestrafen. Der Schwager wird angezeigt und muss vor der Polizei flüchten Yeong-hye wird wieder in die Psychiatrie gesteckt.

Im letzten Teil bleibt Yeong-hye permanent eingesperrt und von der Familie und Schwester abgeschoben kein Fünkchen Selbstbestimmung mehr. Als sie aus der Anstalt rauswill, wird ihr das verweigert, also hört sie konsequenterweise irgendwann ganz mit dem Essen auf und wird zwangsernährt. Das gruseligste ist, dass sogar ihre Schwester, die ihr natürlich auch grollt, weil sie mit ihrem Mann geschlafen hat, aber dennoch ein Mensch mit ein bisschen Gefühlen ist, nicht nachvollziehen kann und will, dass nicht die Familie auf Yeong-hye mit mehreren moralisch nicht ganz so korrekten Aktionen reagiert hat, sondern ihr Verhalten immer eine Folge der vorausgehenden Gewaltakte der Familie war. Hier wird permanent die Täter-Opfer-Umkehr betrieben.

Lediglich das Ende gefällt mir nicht so gut, ich hätte mir gerne einen Abschluss gewünscht. Entweder die letzte Konsequenz den Tod von Yeong-hye oder dass wenigstens ihre Schwester irgendeine Entwicklung durchmacht. Aber dass ist eine Petitesse, die die 5 Sterne-Bewertung des Werkes absolut nicht trüben kann.

(show spoiler)



Fazit: Großartig! Für mich eines der drei besten Bücher, die ich heuer bisher gelesen habe zusammen mit  Report der Magd von Margaret Atwood und Eine allgemeine Theorie des Vergessens von Jose Eduardo Agualusa. Jetzt muss ich grad schmunzeln, denn alle drei haben irgendwann mal den  Man Booker Prize oder den Man Booker Interntational Prize gewonnen.

Bittersweet

Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry - Rachel Joyce

Die Pilgerreise des Harold Fry ist eine berührende bittersüße aber auch traurige Geschichte über ein fast vergeudetes Leben und Szenen einer sprachlosen Ehe, die durch ein Unglück und das darausfolgende Trauma quasi eingefroren ist.

Harold hat Pensionsschock - während er zu Fuß quer durch England von Süden nach Norden zu seiner krebskranken Freundin Queenie wandert und pilgert, die mit dem Sterben auf ihn warten soll, reflektiert er sein Leben: sein Versagen als Vater - er war zu zurückhaltend, hat sich nie eingebracht, weder in die Beziehung zu seinem Sohn als auch zu seiner Frau Maureen - die Kommunikationsverweigerung des Paares, die aus der Ohnmacht und der Trauer resultiert und sich derart manifestiert hat, dass die Erstarrung nahezu eingemeisselt ist. Das ist recht traurig!

Im ganzen Buch ist der Weg das Ziel, Harold wandert, denkt nach, reflektiert und wird irgendwann sogar eine kleine Berühmtheit. In diesem Abschnitt droht der Roman tatsächlich kurz ins Kitschige abzudriften, aber die Autorin kriegt sehr schnell wieder die Kurve. Denn nun transformiert sich der introvertierte Harold zum Propheten, zum Guru wider Willen, der von seinen Jüngern total missverstanden wird und diese mühsamen Menschen an der Backe hat. Sie stören ihn in seiner eigentlichen Mission, aber er kann sie natürlich nicht verraten auch wenn sie seine ureigensten Ziele uminterpretieren und ins Gegenteil verzerren. Das erinnert mich ein bisschen auch an Jesus - der, wäre er heute hier und könnte uns konfrontieren, entsetzt wäre, wie sehr seine Adepten seine Lehre und seine Ziele ins Gegenteil verzerrt haben.

Diese leise nachdenkliche Geschichte schrammt immer kurz an der Grenze zum Kitsch vorbei, schießt aber meiner Meinung nach ganz selten darüber hinaus. Am Ende zeigen sich andeutungsweise bereits erste Symptome einer Demenz und Alzheimererkrankung, die erstens einiges an Harolds Verhalten ab der Mitte der Pilgerreise erklären und dem vorläufigen Happy End zwischen Harold und Maureen einen sehr traurigen Touch verpassen, denn es wird nicht von Dauer sein.   

Einige Rezensionen, die ich vorher über dieses Buch gelesen habe, waren wenig schmeichelhaft, ich möchte hier mal eine Lanze für Harold brechen und ausnahmsweise diesen entgegentreten. Also ich finde den Vergleich des Buchs von Rachel Joyce mit Paolo Coelho (den ich bereits sehr oft niveaumäßig auf Fußknöchelhöhe bezeichnet habe) sehr gemein, denn hier gibt es nicht irgendwelche abgehobene esoterische Gleichnisse von total unrealistischen Figuren, sondern Harold, der Pensionist wie Du und ich, rollt ganz authentisch in sich zentriert sein trauriges, vergeudetes Leben auf. Natürlich ist die Geschichte etwas emotionaler als viele andere, aber das heißt ja nicht, dass Emotionen immer schmalzig sein müssen.

Auch die Forrest Gump-Analogie ist nich ganz gerecht, denn Harold ist nicht der tumbe Tor, der durch die Geschichte stolpert sondern ein extrem aktiver Verdänger, wie viele von uns. Auch dieses Treiben durch die Weltgeschichte in Form einer Pilgerreise mit einer besonderen Naivität ist meiner Meinung nach mehr den typischen britischen Gesellschaftskonventionen, immer höflich zu sein und nie anecken zu wollen und auch noch den ersten Symptomen der Demenz geschuldet, als tatsächlich der schlichten blauäugigen Einfältigkeit.  

Fazit: Also wer nichts gegen a bissi Emotionen hat, ist hier mit diesem Buch gut aufgehoben. Eines möchte ich nochmals klarstellen, die Geschichte ist meiner Meinung nach gar nicht schmalzig, und das hört Ihr von mir, bei der sich in jedem Frauenroman - wenn der Kitsch und das Schmalz oder irgendwas Romantisches kommt - normalerweise die Zehennägel schmerzhaft aufdrehen.

Spoileralarm

Murakamimäßig mysteriöse Geschichte

Damals In Nagasaki - Kazuo Ishiguro

Dieser Roman von Ishiguro erinnert mich sehr an Murakami, es ist alles  etwas mysteriös mit vielen wagen Andeutungen und auch sehr japanisch von der Prägung der Figuren her. Frauen müssen sich sehr unterwürfig darstellen, tun sie es nicht, stoßen sie auf komplettes Unverständnis und auch Männer können das selbstgewählte Korsett der gesellschaftlichen Konventionen nicht ablegen, selbst im Streit und in der Konfrontation werden noch höfliche Floskeln ausgetauscht und gleich einem Eiertanz wird um das eigentliche Konfrontationsthema herumgelabert.  

Im Prinzip geht es um ein Frauenschicksal - und hier möchte ich diesmal gleich die Spolierwarnung setzen, denn ohne Diskussion des etwas mysteriösen Endes kann ich der Beurteilung des Buches diesmal nicht gerecht werden. Denn das Ende ist die Krux.......

Im Handlungsstrang der Gegenwart erinnert sich Etsuko, deren ältere Tochter sich soeben in London umgebracht hat, an lange verdrängte und zurückliegende Ereignisse, die damals in Nagasaki stattgefunden haben.

Zu Beginn scheint es so, als handle die Geschichte in Nagasaki von zwei Frauen, die eine genannt Sachiko ist alleinstehend, hat eine Tochter und ist als Mutter eine selbstsüchtige Versagerin, die sich mit dem ausländischen Soldaten Frank herumtreibt und auf die Bedürfnisse ihres ca. 10-jährigen Kindes Mariko keine Rücksicht nimmt. Im Gegenteil, sie lässt das Kind immer alleine, sorgt sich nicht mal um sie und will mit Frank aus Japan nach Amerika verschwinden. Leider ist Frank nicht der zuverlässigste und schiebt das Vorhaben immer wieder auf. Sachiko ist ihm komplett hörig und vergisst sogar darüber ihre Tochter.  

Etsuko, ihre damalige Freundin ist verheiratet, schwanger, recht liebevoll und sorgt sich gelegentlich um die Tochter der Freundin. So nach und nach bekommt der Leser ganz unterschwellig mit, dass in Etsukos Ehe nicht alles zum besten steht. Die beiden Frauen verbringen einige Zeit miteinander und freunden sich trotz ihrer Unterschiedlichkeit an.

Am Ende gibt es eine mysteriöse offene Brückenszene, mit einem Twist, in der quasi Sachiko und Etsuko die Rollen tauschen, denn Etsuko verspricht Mariko, der Tochter der Freundin, dass sie sie aus der Situation herausholt, wenn das Experiment mit Frank nicht funktionieren sollte.

Diese Szene und die Verzahnung der Lebensbiografien der beiden Frauen lässt mich vermuten und spekulieren, dass Etsuko und Sachiko eine Person sind, die eine ist das böse Selbst auf das alles projiziert wird und dessen Handungen auch gleich in einer anderen Person entsorgt werden.  Diese Interpretation bedeutet aber, dass Etsuko ihren Ehemann mit einem Soldaten betrügt, von diesem schwanger ist, ihre ältere eheliche Tochter völlig ignoriert und diese Handlung aber auf ihr böses Alter-Ego Sachiko überträgt. Der andere Aspekt ihrer Persönlichkeit ist die treusorgende unterwürfige, schwangere Ehefrau Etsuko diese würde nie betrügen, ist einigermaßen loyal zum Ehemann kann am Ende aber die Ehe auch nicht durchhalten.

Kein Wunder, dass sich Etsukos ältere Tochter im englischen Exil dann irgendwann umbringt, denn sie wurde ja schon damals in Nagasaki quasi entsorgt und wurde auch in England immer von ihrem Stiefvater von der Mutter und von der jüngeren Schwester zurückgesetzt.

(show spoiler)


Fazit: Ein gutes Buch, das theoretisch durch die vagen Andeutungen und komplexen Verflechtungen viel Interpretationsspielraum bezüglich des Endes zulässt. Auch eine andere Auslegungsvariante der Geschichte wäre logisch möglich aber nicht so wahrscheinlich. Auf jeden Fall ist es ein Werk mit Diksussionsbedarf, das sehr gut in der Gruppe gelesen werden kann.  Die Art des Romans mit den vielen mysteriösen Andeutungen und dem Twist, ist sehr murakami-mäßig. Weil Meister Murakami himself das aber noch um eine Nuance besser kann, gebe ich zwar nur 4,5 Sterne, die ich aber gerne auf 5 aufrunde.

Rosemarys Baby - Guter Suspense-Thriller mit einem unfreiwillig komischen Ende

Rosemarys Baby - Ira Levin, Herta Balling

Die Sprache ist zwar etwas simpel, aber die Geschichte hat mich sehr gepackt. Ira Levin arbeitet über weite Strecken des Romans ganz großartig mit Suspense. Der Leser weiß (so er den Film nicht gesehen hat und noch nie was über das Buch gehört hat) bis zum letzten Kapitel nicht, ob all dieser Horror nicht der überbordenden Fantasie einer von Alpträumen geplagten Schwangeren entsprungen ist. Der Umstand, dass manche Frauen mit gesundheitlich problematischem Verlauf ihrer Schwangerschaft oft zu teilweise wahnhaften Hysterien neigen, ist ja auch psychologisch ganz gut erforscht, theoretisch hätte das Buch auch diametral entgegengesetzt ausgehen können und alles wäre nur ein böser Traum gewesen. Solch ein Ende hätte mir weit besser gefallen, vielleicht noch mit einem offenen Cliffhanger für den zweiten Teil - ein böser Blick, ein teuflisches Lachen.... irgendeines der Protagonisten - dass sich vielleicht alle trotzdem getäuscht haben.

Stattdessen wird dem Leser ein total peinliches teuflisch-esoterisches Ende serviert, in dem das Baby Hörner, Klauen und Schwänzchen hat. Mir ist schon klar, dass diese Entwicklung des Romans dem Zeitgeist geschuldet war, denn in den späten 60er und 70er Jahre waren alle Romane und Drehbücher nicht nur von Suspense sondern im Finale auch immer von kitschigen Horrorelementen geprägt - wie auch der Exorzist, Das Omen, Carrie, Shining und wie sie alle hießen und den Leuten standen während Diskussionen um Hexenzirkel, Teufelsanbetung und Alistair Crowley die Haare zu Berge. Solange dieser Horror nur subtil angedeutet wird und sich als Wahn im Kopf der Protagonisten abspielt, finde ich es gruselig-großartig, wenn aber dann wirklich Schwänze, Klauen und Hörner wachsen, muss ich immer lachen, da das ganze so grotesk ist. Und Lachen ist nicht gerade ein gutes Zeichen für einen Horrorplot.

Fazit: Ein spannender guter Suspense-Roman, der mich bis zum vorletzten Kapitel gepackt hat. Literarisch ist er kein großer Wurf, aber ein Pageturner. Er hat mich bis auf das Ende gut unterhalten und war im Finale leider unfreiwillig komisch.

BOBO-Bashing

Boboville - Andrea Maria Dusl

Dieses Buch wollte ich schon immer lesen, da ich die Figur des BOBOS  schon ein paar Mal zum Beispiel bei T.C Boyle thematisiert habe, der die amerikanische Ausprägung dieses Gesellschaftstypen nicht gerade charmant charakterisiert. Auch ich habe und hatte immer Probleme mit diesen ambivalenten, überkandidelten, völlig abgehobenen Städtern, die sich in ihrer eigenen Welt einigeln und ständig ihren perfekten moralischen Lebensstil in andere Lebensrealitäten zwanghaft exportieren müssen. Dusls Roman steht sogar bei Wikipedia als Beschreibung des BOBO-Charakters und als prägendes Werk, das die Bezeichnung vorangetrieben hat.

Leider war ich nicht so glücklich mit dem Buch. Es erschließt zwar das Wesen des Bobos ganz gut, hat aber inhaltlich außer Bobobashing und wirres Stolpern der Protagonistin mit skurillen Figuren und mit bekannten Möchtegerns durch ein auf Bobobezirke beschränktes Wiener Microversum, das die Autorin teilweise komplett präpotent-größenwahnsinnig mit New York City gleichsetzt, nicht viel zu bieten. Fast schein es so, als beschriebe der ganze Roman einen völlig wirren Trip von dem sie jahrelang nicht runterkommt und der für den Leser ohne intime Wienkenntnis und Kenntnis der österreichischen BOBO-Schickaria überhaupt nicht zu rezipieren ist. Ich habe es zwar schon verstanden, aber das Tempo des Romans und die Aufzählung von diesen bekannten und unbekannten kuriosen Typen ist fast so monkhaft zwangsgestört wie die Aufzählung von Marken in American Psycho. Diesen Mikrokosmos zu verarschen ist zwar am Anfang ganz lustig, gibt aber, wenn die Geschichte keine Schicksale erzählt, sondern nur abgedrehte Actions von coolen Leuten aneinanderreiht, einfach zu wenig her, um mich hinter dem Ofenrohr meiner ländlichen Existenz in  meinem Poughkeepsie (verächtlich für das Land natürlich wieder mit amerikanischen Größenwahnsvergleichen -  in meinem Fall Krems 80 km von Wien entfernt) hervorzulocken.

Ein Umstand hat den Roman dann doch ob der Innovation locker auf 2,5 aufgerundete Sterne geschraubt: Wahnsinn die Autorin kann wirklich im Stakkato Wörter kreieren, das ist zwar anstrengend aber witzig
"die Musik war auf Nachbartötungslautstärke eingestellt"
"Bonbonville  ... und dann kam sie und knirschknalldrückte mir die Türe zum Süßigkeitenjerusalem auf"
"Zum Schreiben hat er [Glavinic] sich ein Gerät angeschafft, das die Welt außerhalb Bobovilles als Blackberry kennt, der Fehltritt einer Schreibmaschine mit einer Hotelseife."
"Im Angesicht des abendlichen Fortgangs schüttet mein Körper Hypnotoxine aus. Während die Körper anderer Fortgehender Adrenalin ausschütten, Pheromone synthetisieren und andere selbstaufmunternde Substanzen, schüttet mein Körper Schläfrigkeit aus. Ich ermüde beim Gedanken an öffentliches Wosein."

Auch einige innovative Ideen werden entwickelt z. B. die Cedeh (CD) oder Das @ Zeichen wird nicht mit [Ätt] bezeichnet sondern als Marsupilamischwanz: Mariapunkt Dusl Marsupilamischwanz Tschimehlpunkt Komm.

Also Fazit : Inhaltlich passiert so gut wie nix substanzielles und das nervt - wortkreationsmäßig ist der Roman sehr anstrengend, aber auch witzig und innovativ.

Im freien Fall

Man down - André Pilz

Ich mag dieses Milieu und die Sprache des Romans zwar überhaupt nicht. Die Protagonisten sind ordinär, primitiv, gewalttätig, hasserfüllt und gleichzeitig auch lamentierend weinerlich, die Stimmung ist siffig, alkohol- und drogengeschwängert, sexuell anrüchig - also extrem tief.
…..und dennoch ist es ein gutes Buch, sehr kraftvoll wird dem Leser eine authentische unangenehme Welt mit Macho-Verliererattitüde geschildert, bei der ich als Leserin in jeder Zeile unbedingt wissen wollte, wie es weitergeht. So funktioniert gute Literatur, die primäre Todsünde ist Langeweile, alles andere ist bei mir zumindest sekundär.

Kai ist 25 und am Ende: Bei seiner Arbeit als Dachdecker ist er heruntergefallen, hat sich schwer verletzt und ist nun arbeitslos, pleite und perspektivlos. Eine Weile kämpft er noch gegen den freien Fall, wehrt sich gegen die Abzocke seines Ex-Chefs, ihn um seine geleisteten Überstunden zu betrügen, borgt sich von den falschen Leuten Geld, um die Zeit, in der er sein Recht erkämpfen möchte, zu überbrücken. Als er glaubt, völlig am Boden zu liegen öffnet sich eine weitere Falltür (welch eine herrliche Analogie!), die ihn in ungeahnte Tiefen katapultiert. Der weitere Abstieg ist vorprogrammiert: Arbeit als Drogenschmuggler, um das geliehene Geld zurückzuzahlen, eine extrem problembehaftete Liebe und Beziehung zu einer Frau mit ähnlicher Biografie, ein krimineller- eigentlich komplett verschlagener falscher Freund und zu guter Letzt der Showdown mit dem Rücken zur Wand am Abgrund, der dennoch eine Art Befreiungsschlag darstellt. Eine großartige Geschichte!

Sprachlich hat das Werk sicher Anleihen beim Altmeister des tiefen Macho-Romans Charles Bukowski genommen, wobei der verbale Stil perfekt auf die abgewrackten deutschen Vorstädte und Glasscherbenviertel der heutigen Zeit transferiert wurde, in der Leute mit Migrationshintergrund Tür an Tür mit Nazischlägerversagern wohnen. Aber die harten knackigen Macho-Figuren von Kai und Shane sind nicht ganz so überzeichnet wie bei Bukowski, sondern es schleicht sich eine weinerliche Selbsterkenntnis, eine Auseinandersetzung mit dem und suhlen im Versagen ein. Das gefällt mir fast besser, da es von der Figurenentwicklung weitaus realistischer gezeichnet ist.

Auch die Liebesgeschichte ist harter Tobak. Sie ist ein bisschen vergleichbar mit der Stimmung von Wir Kinder vom Bahnhof Zoo der 80er Jahre, erzählt aus der Sicht eines „alternden“ nunmehr erwachsenen Detlef, Freund von Christiane F. Statt Heroin werden nun modernerweise wahlweise rezeptpflichtige Schmerzmittel kombiniert mit Alkohol, Extasy oder Pilze eingeworfen und anschließend noch kiloweise Gras geraucht, um wieder runterzukommen. Marion, die große Liebe von Kai hat ihre eigene furchtbare geheimnisvolle Geschichte und diese öffnet letztendlich auch die letzte Falltür für unseren Helden bzw. Anti-Helden Kai.

Ich kann die Begeisterung von vielen für diesen Roman sehr gut verstehen. Ein großartiger Plot, wundervolle Figurenentwicklung, aber eine Welt und eine Sprache, die gar nicht angenehm sind. Da ist nichts ein bisschen subtil oder umschrieben, alles wird dem Leser quasi gewalttätig mit einem primitiven Holzhammer eingebläut. Auch dass jemand mit diesen typischen Versagerfiguren, der Welt, dem Hass und der Sprache so gar nix anfangen kann, ist völlig verständlich. Ich bin ein ganz kleines bisschen ambivalent, liebe die Stärke der Geschichte, die Spannung, mag die Welt nicht, gebe aber trotzdem oder vielleicht sogar deshalb eine klare Leseempfehlung aus.

Fazit: Harter Tobak! Nicht für jedermann! Ein weiterer, weniger bekannter österreichischer Autor, den man beachten sollte.

Update Autorinnen Challenge A-Z Buchstabe Q, X, Y - Literatur ist auch WEIBLICH

— feeling big smile

Neuestes Update!

Ich freue mich sehr, dass  schon 15 Leute an der Autorinnenchallenge teilnehmen. Diese haben sich zwar mehrheitlich auf Goodreads gemeldet, als hier in Booklikes, aber das macht nichts - egal wo und wer liest und auch welche Autorinnen gewählt werden, je mehr Vielfalt desto besser.

 

Es haben sich auch spannende Diskussionen über die relativ exotischen Buchstaben X Q  und Y ergeben. Ich habe hier ein paar Tipps zusammengefasst, denn es gibt tatsächlich auch mit diesen Anfangsbuchstaben ein kleines Angebot :-)

 

Tipps:

Q: Anna Quindlen, Dai Qing, Rachel de Queiroz, Kate Quinn
Susan Kaye Quinn

X: Xinran Xue,

Y: Yourcenar Marguerite, Yoshimoto Banana, Yousafzai Malala, Young Samantha, Yanagihara Hanya, Yolen Jane

 

Falls Ihr noch zu anderen Buchstaben Hilfe braucht, meldet Euch bei mir

 
 

 

 

Für all jene, die Listen nicht so mögen und ihren Spieltrieb mit einer Bingokarte ausleben möchten...
Themis Athena hat uns eine großartige Bingokarte gebastelt - Bravo

Card Reveal: Women Writers Bingo

Reblogged from Themis-Athena's Garden of Books:

 

Awogfli announced in this post, a few days ago, a "female authors challenge", i.e., the intention to include more female writers in her literary intake as from 2018 on.  Others spontaneously signed on, and I promised to create a bingo card for those who want to track their reading progress that way.  So (drumroll) ... here it is!

 

The authors featured in the card, from top left to bottom right:

 

W   Mary Wollstonecraft
K    Margery Kempe
R    J.K. Rowling
N    Anaïs Nin
Q    Anna Quindlen
G    Ursula Le Guin
O    Edna O'Brien
E    George Eliot
B    The Brontë Sisters
V    Barbara Vine / Ruth Rendell
H    Hildegard of Bingen
P    Christine de Pizan
XY  Banana Yoshimoto
M   Toni Morrison
Z    Julie Zeh
IJ   Sor Juana Inez de la Cruz
D   Emily Dickinson
L   Jhumpa Lahiri
T    Amy Tan
U   Sigrid Undset
C   Agatha Christie
A   Jane Austen
S   Sappho

 

I've tried to mix early women author pioneers with contemporary authors, Western / white authors with authors of other ethnicities, and authors of literary fiction with authors of other genres (mysteries, fantasy, romance), nonfiction and poetry.  The result is still a bit more Western-centric than I'd have liked, but it's the best compromise I've been able to come up with.

 

The idea, in any event, is not merely to read the writers whose images I've used to create the card -- it's to read more women writers, period.  Whomever you want; regardless of time period, genre, nationality, ethnicity ... just -- women writers, of all origins, genres, and styles.

 

Now I'll follow Awogfli's example and put together my tentative reading list ...

 

If anybody else is interested in joining, please do!  The more, the merrier.

 

Update Autorinnen Challenge A-Z - Literatur ist auch WEIBLICH

 

 

Habe heute ein bisschen SUB (Stapel ungelesener Bücher) - Forensik betrieben und um 6 Uhr früh alle Bücher von Autorinnen, die zu Hause bei mir noch ungelesen herumkugeln, aus den Regalen und einigen Stapeln in meiner Wohnung gezogen. Bin draufgekommen, dass diese bereits 15 Buchstaben des Alphabets abdecken -was sage ich - so gut abdecken, dass ich einen Roman aus den vielen Möglichkeiten im Alphabet auswählen und aus dem Stapel ziehen muss.

 

Zudem stehen einige Autorinnen wie das neue Buch von Margaret Atwood, Mord im Orient Express von Agatha Christie als Book2movie Rezension oder Macht von Karen Duve ohnehin auf meiner Wunschliste für 2018. Heute nachmittag bin ich in einem offenen Bücherregal noch über ein Buch einer meiner österreichischen Lieblingsautorinnen Lilian Faschinger gestolpert und so ergibt sich bereits eine breite Auswahl mit Möglichkeiten, wie ich einen Teil der Challenge gleich ganz einfach erfüllen kann. Ich mache nun eine Liste, die sich sicher noch ändert, und aus der ich auswählen kann

 

A Atwood Margaret: Alias Grace oder Das Herz kommt zuletzt (Wunschliste); Allende Isabell: Der unendliche Plan
B Bronte Emily, Sturmhöhe: Bachmann Ingeborg: Das dreißigste Jahr; de Beauvoir Simone: Der Lauf der Dinge; Beck Zoe: Der frühe Tod
C Christie Agatha: Mord im Orient Express (book2movie-Rezension); Chambers Becky: Der lange Weg zu einem zornigen kleinen Planeten (Wunschliste)
D Dusl Anna Maria: Boboville; Duve Karen: Macht (Wunschliste)
E Erpenbeck Jenny: Gehen ging gegangen (Wunschliste); Enders Giulia, von Ebner Eschbach Marie gegoogelt Eriksson Caroline, Edvardson Cordelia
F Fröhlich Susanne: Runzel-Ich; Faschinger Lilian: Frau mit drei Flugzeugen
G Gerritsen Tess, Schwester Mord; Gavalda Anna, Zusammen ist man weniger allein
H Haushofer Marlene: Die Mansarde oder Eine Handvoll Leben; Huvsted Siri: Was ich liebte
I (alle gegoogelt) Ivy Alexandra, Idstöm Annika, Ingalls Wilder Laura, Ivanauskaite Jurga (relevant)

J Jelinek Elfriede: Wir sind alle Lockvögel Baby; Juhumpa Lahiri: Der Namensvetter; Joyce Rachel: Die Unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry

K Kang Han: Die Vegetarierin; Klüger Ruth: weiter Leben; Kruse Tatjana, Kneifl Edith

L Leon Donna: Sanft einschlafen; Lessing Doris: Die gute Terroristin; Läckberg Camilla: Engel aus Eis; Lehner Marie Luise,

M du Maurier Daphne: Die Parasiten oder Die Vögel (Wunschliste); Mitchell Margarete: Vom Winde verweht;  Menasse Eva,

N Neuhaus Nele: Böser Wolf oder Wer Wind sät; Niffenegger Audrey: Die Zwillinge von Highgate; Nothomb Amelie: Der Professor
O gegoogelt O'Brian Kate O'Connor Flannery, Petra Oelker (relevant) Sofi Oksanen (relevant) leonie Ossowski (relevant, Angelika Overrath (relevant)
P Picolt Jodie: Beim Leben meiner Schwester oder Die Wahrheit meines VatersPiuk Petra: Lucy fliegt (als Rezensionsexemplar geplant); Poznanski Ursula: Erebos oder Stimmen
Q Quindlen Anna: Familiensache
R Ravic-Strubel Antje: Fremd gehen; Rowling J.K: A Casual Vacancy
S Shelly Mary: Frankenstein (Wunschliste); Slaughter Karin: Pretty Girls; Sigurdardottir Yrsa: Geisterfjord oder Das glühende Grab oder Feuernacht; Schiller B. C,
T Teege Jennifer: Amon, Mein Großvater hätte mich erschossen; Tamaro Susanna (nicht relevant Kitsch), Townsend Sue, gegoogelt Tracy P.J (relevant) Truong Monique
U gegoogelt Udizkaja Ludmilla (relevant), Uri Else
V Vospernig Cornelia, gegoogelt Veteranyi Aglaia, Viragh Christina
W Wolf Christa: Kindheitsmuster (Wunschliste); gegoogelt Walker Alice , Walters Minette (relevant)
X - XInran Xue: Buch ist noch zu definieren wahrscheinlich Wolkentöchter
Y Yanagihara Hanya: Ein wenig Leben (Wunschliste) gegoogelt Yang GuiYa, Yoshimoto Banana (relevant) Yourcenar Margeruitte
Z Zeh Julie: Schilf

 

 

So nun nimmt mein Projekt doch tatsächlich Gestalt an. Ich halte Euch auf dem Laufenden.

Autorinnen Challenge A - Z Literatur ist auch WEIBLICH

Inspiriert von einer Autorenliste eines Goodreads Freundes werde ich, um mal die Frauen im Literaturbetrieb sichtbar zu machen, eine A-Z Autorinnenliste abarbeiten:

Das Vorhaben, Schriftstellerinnen zu fördern, schwelt schon lange in mir. Ich ärgere mich immer wieder über diese Listen von 10-1000 Büchern, die man gelesen haben muss. Darauf sind so gut wie nie Autorinnen. Auch objektiv stimmt meine Meinung. Eine Journalistin hat mal genau gezählt und die Diskriminierung von Frauen im Literaturbetrieb deutlich sichtbar gemacht. Es wäre genial, wenn auch einige von Euch hier mitmachen und gute weibliche Literatur für jederMann und -Frau aufzeigen. Es wäre auch schön, wenn Ihr meine Challenge hier in Booklikes durch reblogging promotet oder diese Challenge in anderen Kanälen unter Euren Buchfreunden verteilt. Je mehr mitmachen, desto besser. :-)

Wie bin ich bei der Liste vorgegangen? Zuerst ging ich meinen SUB durch, da fand sich einiges - was sage ich, fast alles außer die exotischen Buchstaben - und den Rest recherchierte ich via Google. In einer Stunde hatte ich die fertige Liste.

Das ist nun mein vorläufiger Leseplan, der sich heuer und 2018 nach und nach mit guter Literatur von Autorinnen füllen wird:


A Atwood Margaret
B Bronte Emily, Bachmann Ingeborg, de Beauvoir Simone, Beck Zoe
C Christie Agatha
D Dusl Anna Maria, Duve Karen
E Enders Giulia, von Ebner Eschbach Marie gegoogelt Eriksson Caroline, Edvardson Cordelia
F Fröhlich Susanne, Faschinger Lilian
G Gerritsen Tess, Gavalda Anna
H Haushofer Marlene, Huvsted Siri
I (alle gegoogelt) Ivy Alexandra, Idstöm Annika, Ingalls Wilder Laura, Ivanauskaite Jurga (relevant)
J Jelinek Elfriede, Juhumpa Lahiri
K Kang Han, Klüger Ruth, Kruse Tatjana, Kneifl Edith
L Leon Donna, Lehner Marie Luise, Lessing Doris, Läckberg Camilla
M du Maurier Daphne, Menasse Eva, Mitchell Margarete
N Neuhaus Nele, Niffenegger Audreey
O gegoogelt O'Brian Kate O'Connor Flannery, Petra Oelker (relevant) Sofi Oksanen (relevant) leonie Ossowski (relevant, Angelika Overrath (relevant)
P Picolt Jodie, Piuk Petra, Poznanski Ursula
Q gegoogelt Qunaj Sabrina (nicht relevant Elfenfantasy)
R Ravic-Strubel Antje, Rowling J.K
S Shelly Mary, Schiller B. C, Slaughter Karin, Sigurdardottir Yrsa
T Tamaro Susanna (nicht relevant Kitsch), Townsend Sue, gegoogelt Tracy P.J (relevant) Truong Monique
U gegoogelt Udizkaja Ludmilla (relevant), Uri Else
V Vospernig Cornelia, gegoogelt Veteranyi Aglaia, Viragh Christina
W WolfChrista gegoogelt Walker Alice , Walters Minette (relevant)
X -
Y Yanagihara Hanya gegoogelt Yang GuiYa, Yoshimoto Banana (relevant) Yourcenar Margeruitte
Z Zeh Julie

Kaleidoskopblick auf ein weites Land

Mein Russland: Begegnungen in einem widersprüchlichen Land - Carola Schneider

Die Autorin macht gleich im Vorwort klar, welches Sachbuch sich der Leser nicht erwarten soll. Es beinhaltet keine allgemeine politische Analyse Russlands, sondern stellt einen sehr persönlichen Blick auf dieses widersprüchliche Land dar, der durch die Brille von Carola Schneider und der breiten Auswahl an interviewten Bekannten geworfen wird. Ich mag solche klaren Ansagen, wenn Schriftsteller*Innen gleich zu Beginn die Grenzen abstecken und dem Leser nicht zu viel versprechen.

…. und dann wird tatsächlich genau das Zugesagte geliefert: Ein buntes Kaleidoskop an persönlichen Geschichten, Lebenssituationen, Meinungen und Problemen, die jedoch in Summe dennoch einen wirklich guten realistischen nachhaltigen Eindruck von diesem weiten, sehr heterogenen Land vermitteln. Die Wahl der Interviewpartner wurde klug vorgenommen. Da gibt es eine Menschenrechtsaktivistin, zwei Künstler, Jungunternehmer in Moskau, zwei Bauern in Sibirien, zwei Journalisten, einen Putin Propagandisten, einen prorussischen Fußballmanager von der Krim, einen Moskauer Pensionisten … So wie die Auswahl der Beispiele nicht tendenziös vorgenommen wurde, denn es werden die Geschichten und Meinungen von Putin-Fans über Putin-Indifferente bis ausgewiesene Putin-Gegner dargelegt, ist auch die Verortung der Beiträge sehr ausgewogen: es gibt sowohl einen Blick auf Sibirien, Moskau aber auch auf die Krim. Diese Struktur des Sachbuchs hat mir wirklich ausnehmend gut gefallen. Dazu zählt auch die Vorgehensweise, einige Gesprächspartner in einem Abstand von zwei Jahren erneut zu interviewen, um die Entwicklung im Land abzubilden.

Einen der dargestellten Künstler kenne und schätze ich übrigens seit längerem. Die Autorin hat doch tatsächlich den russischen Künstler Wassilij Slonow interviewt, den ich bei der Viennafair 2013 (größte Kunstmesse in Wien) so mutig gefunden habe, da er Sotschi ironisch kritisierte und dessen Namen ich vergessen hatte, mir zu notieren.

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Leider endet das Buch völlig abrupt mit dem letzten Satz des letzten Interviews, und dies ist auch mein einziger Kritikpunkt an diesem ansonsten so hervorragenden Werk. Am Ende hätte ich mir eine inhaltliche oder strukturelle Klammer von Carola Schneider gewünscht. Ein Resümee, ein Fazit, eine persönliche Meinung, einen Ausblick, eine Begründung, warum die Autorin die Interviewpartner genauso ausgewählt hat – einfach irgendwas, das einer persönlichen Stellungnahme gleichkommt, auch wenn sie möglichst neutral formuliert sein mag, aber nicht sein muss. Hier tritt mir die Autorin einfach viel zu sehr anonym in den Hintergrund des Gesagten und fungiert quasi nur als Herausgeberin eines Straußes an Meinungen und Geschichten. Es ist mir einfach zu wenig, wenn ihr Name draufsteht, sie sollte sich einfach nicht vor einer kurzen persönlichen Stellungnahme drücken. Wahrscheinlich hätte mir sogar schon eine Danksagung an die Interviewten als strukturelle Klammer gereicht, um das Werk abzurunden.

Fazit: Ein sehr gutes Sachbuch über Russland, das gerade weil es persönliche Geschichten und Meinungen darlegt und keine politische Analyse liefert, so einzigartig und erhellend dieses Land beschreibt.

Die traurige, melancholische Geschichte eines vergeudeten Lebens

Dem Nobelpreisträger Ishiguro ist mit diesem Roman eine ganz leise, subtile, hintergründige, melancholische Geschichte über ein völlig vergeudetes Leben gelungen. Der devote Butler Stevens kämpft verzweifelt mit bzw. gegen den Humor seines neuen amerikanischen Dienstherren, der ihm erstmals in seinem Leben ein paar Tage freigibt. Diese will das Haus-Faktotum nutzen, um eine sehr geschätzte ehemalige Mitarbeiterin, Miss Kenton, die möglicherweise in einem Brief angedeutet hat, dass es um ihre Ehe nicht zum Besten steht, zu überreden, wieder im Haushalt des Landsitzes Darlington Hall anzuwerben.

Mit dem Auto fährt Stevens durch eine vom Autor grandios beschriebene englische Landschaft zu Miss Kenton und rollt in einem inneren Monolog sein bisheriges Leben auf.

Stevens hatte unter seinem bisherigen Dienstherren Lord Darlington keine eigenen Ambitionen, und ist auch noch stolz auf diese Qualitätskriterien eines Butlers, die er internalisiert hat - quasi das Kamasutra des devoten selbstverleugnenden Dienens, ohne die Contenance zu verlieren und dabei auch noch würdevolles Theater zu spielen. Laut Butler Stevens haben dies die Engländer als eine ausschließlich britische Charaktereigenschaft kultiviert. Gleich einem Derwisch managt Stevens für Lord Darlington drei Handlungsstränge in diesem Roman gleichzeitig obwohl es nur einer ist, das nenn ich Multitasking. Erstens die Friedenskonferenz, die Versailles aufheben will, zweitens das Sex-Aufklärungsgespräch mit einem jungen Mann, das mehrmals scheitert und gleichzeitig drittens den Tod des Vaters. Hier kann er sich nicht mehr ausreichend kümmern, ganz der pflichtbeflissene Diener stellt Stevens seine eigene Familie zurück, und Papi verreckt derweil allein in der Dachkammer. Das war eine der traurigsten Szenen in diesem Buch, obwohl es derlei einige gab.

Es ist unglaublich, was diese degenerierte, aristokratische, britische Upperclass ihren Domestiken (und ein Butler ist ja nix anderes) damals einzureden vermochte – das ist wirklich die Paradeausprägung des Stockholm-Syndroms. Da wird es auch vom Betroffenen in der nachträglichen Bewertung des Ereignisses nicht als eine vertane Gelegenheit, sondern als eine Butler-Tugend angesehen, wenn man den eigenen Vater zwei Stockwerke höher einsam sterben lässt, sich nicht mal verabschiedet, um die Herrschaft perfekt zu bedienen. Auch darauf, dass man während dieses sklavischen Aktes dann auch nicht mal ein Tränchen zerdrückt, ist man zu allem Überfluss auch noch stolz. Welch eine unnötige Selbstaufgabe, welch ein vergeudetes Leben! Und das nannten die Briten dann typisch englische Eigenschaften.

Nach und nach während der Reise durch das Land und im Treffen mit Miss Kenton wird dem Leser auch klar, dass Stevens nicht nur diese Gelegenheit vergeudet hat, sondern sich auch seine große Liebe aus Pflichterfüllung nicht eingestehen konnte. Dadurch hat er Miss Kenton aus dem Haus getrieben. Schrittweise fallen auf dieser Reise und der Beschäftigung mit seinem eigenen Leben einige Verdrängungsmechanismen von Stevens ab. Auch dieser vielgeschätzte Hausherr Lord Darlington, den man als ordentlicher Butler auf keinen Fall beurteilen oder kritisieren durfte, war nicht die verehrte Lichtgestalt an britischer vornehmer Aristokratie und Gentlemantum, die es wert war, dafür sein Leben aufzugeben. Im Gegenteil, dem Leser wird allmählich klar, dass Lord Darlington ein Nazisymphatisant oder sogar ein richtiger Nazi war. Lordschafts Friedenskonferenz, die helfen sollte, Gerechtigkeit für Deutschland nach Versailles wiederherzustellen (was historisch sogar relativ klug und noch kein Verbrechen war), war in Wirklichkeit nur ein Kniefall vor Nazi-Außenminister Ribbentrop, die Einladung der Schwarzhemden auf Darlington Hall rechtfertigt Stevens als Versehen und Anbiederung an eine Dame, die Lordschaft verehrte, und der offene Antisemitismus, die Entlassung von jüdischem Dienstpersonal, war natürlich auch ein Versehen. Auch wenn Stevens diese unvermutet auftauchenden Erkenntnisse doch noch ein bisschen rechtfertigt und verdrängt, dem Leser - insbesondere dem britischen Leser - wird schnell klar, dass der Diener sein Leben an einen schändlichen Nazikollaborateur verschwendet hat.

Am Ende ist Stevens frei: frei von seiner großen Liebe, frei von Lord Darlington. Und was macht er mit seiner plötzlichen Souveränität und seinem neugewonnenen Leben? Er widmet sie seinem neuen amerikanischen Dienstherren und will ihm gefallen, indem er versucht, seinen Humor zu lernen.  Wie grotesk! STOCKHOLM-SYNDROM!

Warum gebe ich diesem Roman eigentlich nur vier Sterne? Ehrlich gesagt ich weiß es nicht. Vielleicht war mir die Geschichte gar zu melancholisch, zu hintergründig, zu subtil. Es kann aber auch sein, dass ich ob meines heurigen Lesejahres (und dieses war wirklich unerreicht grandios mit so vielen großartigen Büchern), einfach ein bisschen zu unverschämt in meinen Anforderungen geworden bin. Ein Buch muss mich heuer schon komplett vom Hocker reißen, um neben den 10 anderen Werken in der 5-Stern-Kategorie bestehen zu können. Dafür eignet sich einfach dieses leise Werk nicht ganz so, es ist keine Rampensau, obwohl es wundervoll ist. Ach ja den subtilen grotesken Humor, der immer wieder durch die Zeilen blitzt, habe ich auch sehr genossen.

Fazit: Absolut Lesenswert!

PS: Ich kann mir den Film mit Anthony Hopkins und Emma Thompson in der Hauptrolle geradezu bildlich vorstellen. Wenn er irgendwann nicht zur nachtschlafenen Zeit im Fernsehen gezeigt wird, gibt es hier sicher noch eine Book2movie-Rezension.

Ein großartiger Zamonienroman über Bücher - mit ein paar Längen

Die Stadt der Träumenden Bücher  - Walter Moers, Dirk Bach

So nun habe ich zweieinhalb Jahre lang dieses Hörbuch ausschließlich auf längeren Autofahrten genossen und muss sagen, es war teilweise genial, zwar annähernd aber doch nicht ganz von der Qualität eines Käpt'n Blaubär. Warum ich die Art der Rezeption hier in die Rezension hineinnehme, ist leicht erklärt: Ich stelle die These auf, dass erstens beim Hörbuch Szenen, die nicht ganz so spannend sind, weit mehr negativ ins Gewicht einer Beurteilung fallen und weiters mein Vortasten Stück für Stück und nicht in einem Rutsch sich sicher auch eher kritischer auf meine Meinung zu diesem Werk ausgewirkt haben.

Grundsätzlich erschafft Walter Moers ein wundervolles zamonisches Universum in Buchhain, in dem sich alles um Bücher dreht. Dabei nimmt er sowohl bestimmte reale Autoren, als auch den Buchbetrieb - vor allem in Frankfurt - sehr gekonnt und witzig auf die Schippe, um gleichzeitig aber auch eine einzigartige Fantasywelt zu erschaffen, in der sich Haifischmaden, Buchlinge, Buchjäger, Buchparfümeure, Drachen, ein Homuculus geschaffen aus Büchern und Papier und viele andere herumtreiben. Etwa in der giftigen Gasse gibt es  gedungene Literaturkritiker, die aus Ecken hervorhüpfen und TotalVerrissssse anbieten (da hat man gleich den Reich-Ranicki im Kopf :D), aus dem Viertel der Lektoren dringen Flüche und Verzweiflungsschreie. Hier muss ich gleich anmerken, dass dieses Hörbuch noch vom verstorbenen Dirk Bach wundervoll interpretiert und vorgelesen wird.  

In der Story macht sich der Drache Hildegunst von Mythenmetz von der Lindwurmfeste auf den Weg nach Buchhain, um einen unbekannten Autor zu finden, der ein geniales Manuskript verfasst hat. Dort trifft er auf den Antagonisten, die Haifischmade Themistopheles Smike, dessen verdorbenen Verwandten man ja schon vom Käptain Blaubär kennt. Dieser will die hohe Kunst der Literatur zu Gunsten von mittelmäßigem Kommerz abschaffen und Künstler vernichten - Allmachtsfantasien & Größenwahn par excellence -erinnert sehr frappant an geldgeile Verlagsdirektoren.

Neben Längen in mehreren Kapiteln bei einem Konzert und vor allem als Hildegunst durch die Katakomben von Buchhain irrt, gibt es andererseits unerreicht einzigartige innovative wundervolle Ideen und geniale Konversationen:  

Buchlinge ernähren sich vom Lesen. Trivialliteratur macht nicht satt wie Fast Food - Romane machen fett - mit Lyrik kann man eine Diät starten und Totalverrisse hinterlassen einen schalen Nachgeschmack :D

"Bücher erschaffen kannst Du noch nicht, aber umbringen kannst Du sie schon, bist Du sicher, dass Du nicht lieber Kritiker werden möchtest?

oder die Anspielung auf Zettel's Traum von Arno Schmidt:
"Das Buch ist so schwer, alleine vom Umblättern kannst Du einen Muskelkater kriegen. Niemals ist ein Buch hergestellt worden, das sich sehr gegen jeden Gebrauch sträubt, es nicht nur schwer zu tragen sondern auch extrem schwer zu lesen […]. Niemand versteht das - zu diesem Zweck ist es geschrieben worden. Das finde ich arrogant man sollte schreiben, um gelesen zu werden."

Alles endet in einem grandiosen Finale - einem Happy End - in dem die Haifischmade vernichtet wird und das ORM (Literarische Kreativität und Genialität) den Sieg über den Kommerz und das Mittelmaß davonträgt.

Fazit: Absolute Empfehlung von mir für Kinder genauso wie für Erwachsene.

Mein Russland: Begegnungen in einem widersprüchlichen Land - Carola Schneider

Ha! die Autorin hat doch tatsächlich den russischen Künstler interviewt, den ich 2013 bei der Viennafair so mutig gefunden habe, da er Sotschi sehr ironisch kritisiert. Jetzt weiß ich endlich wie er heißt: Wassili Slonow.

 

Weinviertler Küchentratsch

Mahlzeit!: Geschichten aus der Küche - Eva Rossmann

Eva Rossmann, Krimiautorin und Teilzeitköchin im Gasthaus Manfred Buchingers zur alten Schule im Weinviertel http://www.buchingers.at/ hat sich Anthony Bourdain zum Vorbild genommen und ist angetreten, Hintergrundgschichtln „aus der Küche“ zu erzählen.

Dieses sehr ambitionierte Vorhaben hat mehrere kapitale Denkfehler. Erstens war Frau Rossmann so gut wie nie in einer anderen Küche angestellt und das merkt man. Zweitens wird sie als gute Freundin des Chefs mit Glacéhandschuhen angefasst und kann gar nichts über den Stress bzw. den üblichen Umgang miteinander in der Küche sagen. Drittens ist natürlich das kleine familiäre Gasthaus im Weinviertel per se schon ein Musterbetrieb, wie man wertschätzend mit dem Gastgewerbepersonal umgeht, quasi einer der wenigen funkelnden Diamanten in einem Meer an schlechten Beispielen. Das wäre nun gar kein Beinbruch, wenn sie zu Beginn des Buches nicht so atemberaubend verallgemeinern würde, tatsächlich zu wissen, wie es in „der Küche“ zugeht.

    "Aber man muss dafür [die Küche] wohl wirklich etwas verrückt sein, ein Freak, andere machen Bungee-Jumping. Ich krieg die Höhen und Tiefen, den Speed und den Kick ganz ohne Gummiseil."

Ein Mensch, der nie in mehreren Küchen den Stress auf Saison, die schlechte Behandlung von jugendlichen Lehrlingen, den Sexismus gegen Frauen und die teilweise extrem schlechte Behandlung von Ausländern (wenn man selbst im Ausland arbeitet ist man ja auch Ausländer) und im Gegenzug natürlich auch die daraus resultierenden todesverachtenden Galgenhumor-Gegenreaktionen der Mitarbeiter erlebt hat, kann einfach nicht sagen, wie es in der Küche üblicherweise zugeht, sondern nur wie es sich im geschützten Biotop des Weinviertels verhält.

Nach einem Drittel des Buches relativiert Frau Rossmann zwar ihre Aussagen, gibt zu, dass sie als gute Freundin des Chefs doch tatsächlich anders behandelt wird, sie versteigt sich aber sofort wieder in Verallgemeinerungen bei der Typisierung des Servierpersonals. Als Hotelfachschulabsolventin, die viele Küchen- und Servicejobs sowohl in Österreich als auch in der Schweiz als junge Frau absolviert hat, die sich auch noch vier Saisonen ihr Geld für das Studium im Ausland verdiente, kann ich durch meine Erfahrung hier wirklich einiges dazu beitragen. Solche grundlegenden Prototypen einer Servierkraft habe ich eigentlich noch nie getroffen und ich kann auch kaum einen meiner über die Jahre angesammelten mehr als 50 Kollegen, mit denen ich intensiv zusammenarbeitete, hier eindeutig zuordnen. So spiegelt Rossmanns Typisierung eben wieder nur das Buchinger‘sche Miniversum und nicht „das Servierpersonal“, das sie pauschalisierend so gern beurteilt.

Gelegentlich gibt es durchaus realistische Geschichten und funkelnde Highlights, wenn die Autorin nämlich konkret über Manfred Buchingers Kampf mit der österreichischen Bürokratie der Tourismusverbände, die Verwaltungsarbeit als Koch & Restaurantinhaber, um in irgendwelchen Restaurantguides gelistet zu werden, oder auch das wirklich gute wertschätzendes Kapitel über den syrischen Flüchtling mit Sprachproblemen schreibt. Das hat mir ausnehmend gut gefallen.

Und plötzlich verursacht Rossmann schon wieder einen derart kapitalen ignoranten Schnitzer, dass mir sprichwörtlich die Spucke wegblieb. Galloway wird nach ihrer Diktion von manchen Gästen italienisch wie [tschallo = gelb] ausgesprochen. Ich weiß ja nicht, welche Sprache sie da meint, aber italienisch ist diese Aussprache auf keinen Fall, denn Gallo spricht man in Italienisch auch genauso aus wie bei uns [gallo = Hahn]. Was sie meint, würde man Gialloway schreiben – ein völlig anderes Wort. Da reiht sie sich bedauerlicherweise in die Riege der unzähligen ignoranten Dummköpfe ein, die keinen Respekt vor der italienischen Sprache zeigen und alles verballhornen. Jene, die nach [Tschaorle] zum Baden fahren und [Raditschio und Gnotschi] servieren. Der österreichische Spitzenkoch Johann Lafer ist leider auch so ein Exemplar, das mich regelmäßig zur Weißglut treibt. Korrekter wertschätzender Umgang mit der italienischen Sprache ist nämlich wirklich kinderleicht: So simpel ist die Regel: „[tsch] nur wenn i und e danach, es sei denn, es ist ein h dazwischen".

Rossmanns leidenschaftliches Plädoyer im Kapitel Fad-Food - die Autorin meint quasi das immer gleiche fade Essen der Luxuskategorie wie Trüffeln, Gänsestopfleber … - und alle sinnlosen Modeerscheinungen dieser Kategorie liebe ich hingegen wieder sehr. Die Autorin fordert mehr Innovation, Regionalität, purer Geschmack, Abwechslung und Mut zu ungewöhnlichen Kombinationen. Da bin ich ganz ihrer Meinung. Gottseidank ist dieser Trend jetzt endlich auch bei uns im Vormarsch. Ich hab persönlich erst vor zwei Wochen in Wien eine asiatische Muschelnudelsuppe mit Schweinebauch & Grammeln gegessen - es war herrlich!

Auch die anschließenden konkreten Geschichten über Gäste im Weinviertel und der typische Arbeitsalltag von Manfred Buchinger sind ganz gut aus dem Leben des Restaurants gegriffen.

Fazit: Ein mehr schlechtes als rechtes Werk mit ein paar Highlights. Wenn Rossmann in diesem Buch nicht derart klotzen, und ihre doch sehr beschränkten Weisheiten nicht als allgemeingültiges Dogma verkaufen, sondern sich einfach eingestehen würde, dass sie ein Buch über den Mikrokosmos Buchinger schreibt, hätte ich mich weit weniger geärgert und die Geschichten wesentlich besser beurteilt. An ihr angestrebtes Buch-Vorbild von Anthony Bourdain – Geständnisse eines Küchenchefs -  kommt sie nicht mal annähernd heran. „Also, Frau Köchin:- Bleiben Sie bei Ihren Leisten und schreiben ehrlich über das Restaurant im Weinviertel, denn das können Sie, aber definitiv nicht über die Küche im Allgemeinen.“

Zäh wie Kelloggs Maisbrei

Willkommen in Wellville - T.C. Boyle

Das ist definitiv der schlechteste oder zweitschlechteste Boyle, den ich jemals gelesen habe. Von den 620 Seiten kann man mindestens 300 ungeschaut in den Mistkübel werfen, vielleicht wäre es sowieso besser gewesen, T.C. hätte gleich auf Seite 280 aufgehört, diesen Roman zu schreiben. Seit dem Moralkapitel und dem ersten Live-Toten im Strombad mit seinen Konzequenzen war die Story so zäh, als wäre ich mit klatschnassen schweren medizinischen Fußwickeln durch Maissirup gewatet.

Die beiden Erzählstränge laufen dem Schriftsteller mit dem normalerweise unvergleichlichen erzählerischen Talent, für den ich Boyle immer schon gehalten habe, völlig aus dem Ruder. Sie verhalten sich wie ein Hochgeschwindigkeits-Intercity-Zug zu einem Regional-Bummerlzug, der an jedem Misthaufen anhält. Sie halten einfach beide nur gelegentlich in ein paar Stationen gemeinsam und dann auch noch zu völlig unterschiedlichen Zeiten. So verpasst der Leser einfach immer den Anschluss und friert frustriert in den zugigen Wartehallen des Plots. Dieser Umstand nervte mich derart, dass ich völlig das Interesse am Handlungsstrang Per-Fo mit Charly Ossinig und Bender verlor, oft wollte ich schon widerwillig diese Kapitel überblättern, hab mich aber dann doch mühevoll durchgebissen. Zugegeben nach mehr als 600 Seiten an der Endhaltestelle wird alles konsitent zusammengefügt, aber das ist viel zu spät und hat außerdem einiges von meiner wertvollen Leseaufmerksamkeit sinnloserweise und schändlich vergeudet.

Ansonsten gibt es natürlich nicht nur Schlechtes von Willkommen in Wellville zu berichten. Die moralinsauren Gesundheitskapitel sind wundervoll und hacken in gewohnter TC-Manier bösartig satirisch und enlarvend auf die bessere Gesellschaft ein. Alle Figuren insbesondere Dr. Kellogg und die Lighthouses sind wundervoll gezeichnet. Die Szenen der Lighthouse-Ehe muss man sich überhaupt mal auf der Zunge zergehen lassen, die strotzen nur so von Einfallsreichtum und tiefenpsychologischen Einsichten, was man sich durch kleine impertinente Nadelstiche gegenseitig antun und wie man sich das Leben schwermachen kann.

Witzig grotesk wütet Dr. Kellogg gleich einem Ritter in Rüstung gewappnet mit moralischer und medizinischer Empörung mit unverrückbarer Meinung gegen jegliche Bedürfnisbefriedigung. Das fängt beim lustfeindlichen Essen an, verteufelt Alkohol und Tabak, entzieht allen Menschen in seiner Umgebung auch seinen Kindern irgendwelche Gefühle der Zuwendung und hört beim Schlafen und bei Sex auf.  

Alles ist nicht nur moralisch verwerflich und unnötige Zeitverschwendung, Kellogg legt für sich und seine Patienten auch medizinische Gründe zurecht, fälscht Fakten und Daten wie unter dem Mikroskop, das alles ungesund sei, obwohl er genau weiß, dass er alle für dumm verkauft.  Die berechtigte Frage nach dem Aussterben der gesamten Menschheit beim gänzlichen Verzicht auch auf ehelichen Sex wiegelt er ab. Sie sollte offensichtlich aussterben. Kellogg adoptiert, anstatt diesen grauslichen Sex zu praktizieren, wie ein Wilder irgendwelche Kinder und fühlt sich dadurch auch noch zum Empfänger von unendlicher Dankbarkeit berechtigt.

Alles dient seiner Mission, die tierquälerische Erziehung eines Wolfes zum Vegetarier (der ihm letztendlich auch undankbar ins Bein beißt), die Manipulation des Publikums, Bakterien und Würmer im Fleisch unter dem Mikroskop zu entdecken, dieser unvergleichliche Sauberkeitswahn mit mehr als 5 Darmspülungen am Tag und das operative Herumgestochere in den Därmen der Patienten. Wenn man die Figur Kellogg entwicklungspsychologisch analysiert, muss man sagen, dass bei diesem Herrn in der annalen Phase nicht nur ein bisschen was schiefgegangen, sondern der Schaden quasi derart gravierend irreparabel und nur durch eine Lobotomie behebbar wäre. Diese Zwangsstörung lebt er aus und transferiert sie auch gleich mit medizinischen Theorien garniert auf die Umwelt - sowas nennt man in der Psychologie Übertragung. Dabei werden seine verrückten unverrückbaren Theorien auch nach einigen Toten im Sanatorium (sowohl auf menschlicher als auch auf tierischer Seite) nie auf Fehler untersucht, ein bisschen Fehleranalyse und Skrupel leistet sich der große Zampano nie. Da wird ordentlich die Realität verdrängt, Fakten mit der Mission geglättet, uminterpretiert und wieder in Einklang gebracht. Ein großartiger Ungustl - wirklich gut beschrieben.

Auch der Boylsche Humor blitzt natürlich in diesem ewig langen Roman in gewohnter Manier durch:
"Will klammerte sich an die Speisekarte, als wäre sie ein Seil, das über eine Grube mit Krokodilen gespannt war. Seine Tischnachbarn waren verstummt, konzentrierten sich auf seine gedankenreichen Erwägungen. Hier ging es nicht einfach ums Essen, das war Wissenschaft."

Letztendlich bleiben bei diesem Werk nur 2,5 Sterne auf der Guthabenseite, weil es einerseits eben gar so lang war. Andererseits hat es mich nicht ganz so schlimm wie die Korrekturen von Franzen  genervt, da zwar der Plot grottenschlecht, aber die Figuren in gewohnter Qualität konzipiert sind.  Aus diesem Grund bzw. weil ich auch ein Fan vom T.C. bin, runde ich wohlwollend auf 3 Sterne auf.

Fazit: Wie ich schon bei meiner Asterix-Besprechung diese Woche ausgeführt habe: Lest einen Boyle, aber bitte einen anderen.