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Awogfli - Bookcroc

Ich bin Buchgourmet und Buchgourmand quer durch viele Genres

Rolltreppe abwärts von der Park Avenue in die Bronx

Fegefeuer Der Eitelkeiten. Roman (Taschenbuch) - Tom Wolfe

Dieser Tom Wolfe kann wirklich gut erzählen und ich bin froh, dass ich mit einem Goodreads Lesefreund dieses Buchprojekt letztendlich in Angriff genommen habe. Das ist der dritte Roman des Schriftstellers und so begeistert war ich noch nie.

 

Im Prinzip ist dem Autor ein grandioses Sittenbild des New York der späten 80er Jahre gelungen - was er auch genau so geplant hat. Dieses umfasst die ganze Stadt, die Menschen, die darin wohnen, arbeiten und vegetieren von der Upperclass bis zum Lurch der tiefsten Gesellschaftschichten der Bronx und das erweiterte Verwaltungspersonal der checks and balances am Rande wie Legislative, Exekutive, Presse und Politik inklusive natürlich der Geschichten, die in diesem realen New York passieren.

 

Von der Konstruktion des Plots hat sich Wolfe aber eine innovative großartige aber ungewöhnliche Entwicklung einfallen lassen. So wie viele Schwarze auf Grund der Umstände, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, zwangsläufig in vielen Vierteln quasi ohne ihr zutun in die Bredoullie kommen und vom System zermalmt werden, erwischt es diesmal einen weißen WASP Wall-Street-Heini, der komplett unschuldig zum Handkuss kommt.

 

Sherman McCoy, erfolgreicher Wertpapierhänder, Sproß einer angesehenen Familie, mutiert in Wolfes Setting zu einem Hiob der Wallstreet, dessen einziger Fehler es ist, als WASP seine Frau mit der falschen Geliebten zu bescheißen und zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Na so alles, was viele US-Schwarze eigentlich täglich erleben. Bei einem erfolglosen Raubüberfallsversuch überfährt die Geliebte McCoys in Panik auf der Flucht einen der beiden Täter (wahrscheinlich auch einen eher unschuldigen Mitläufer, der zufällig in der Gegend herumstand).

 

Was dann folgt ist ein atemberaubendes Spiel, in dem jeder lügt und betrügt, dass sich die Balken biegen und jeder sein Süppchen aus politischem Kleingeld, Karriere- bzw. Geldgeilheit und Vertuschung kocht: Staatsanwalt, Presse, Polizei, der schwarze Reverend, die eigentliche Täterin, das überlebende vermeintliche Opfer (eigentlich der Räuber), neu eingesetzte Richter, die Grand Jury, sein Arbeitgeber, Immobilienmakler... . Sogar sein eigener recht bemühte Anwalt und seine Familie tricksen ihn auf gewisse Weise letztendlich aus als das Geld nicht mehr fließt. Auf der Strecke bleibt unser "Underdog", Sherman von seiner Ausgangsposition her privilegiert, der als Sündenbock für alle herhalten muss und wie mit einer Rolltreppe abwärts immer tiefer in den Sumpf unverschuldeter Kalamitäten fährt.

 

Sherman kann einem richtig leid tun und ehrlich gesagt tut er mir das als Person auch, als politisches Statement ist er aber grandios plaziert, denn endlich dreht mal ein Autor fiktional den Spieß um und denkt die Diskriminierung in einem grandiosen "Was wäre Wenn Spiel" mal spiegelverkehrt von der anderen Seite.

 

Was noch zu erwähnen ist sind die derart pointierten bis zur Bösartigkeit getriebenen Skizzierungen der zahlreichen handelnden Personen, die in Summe sowohl ein Sittenbild der Upperclass, der Wall Street und Finanzwirtschaft, des Gerichtssystems, der Politik, und der Bronx, der Religion, des Wohlfahrtssystems und natürlich der Presse ergeben. Also den Makrokosmos New York City als Moloch fand ich äußerst gut getroffen.

 

Natürlich schreibt Wolfe episch breit, wie viele Amerikaner, aber durch die treffenden Figuren und Milieubeschreibungen habe ich mich keine Sekunde gelangweilt. Gewürzt wird das ganze dann noch mit tiefschwarzem grotesken Humor, der sich in völlig absurden Szenen entlädt.

Da ist zum Beispiel der Auftakt mit dem Dackel, der als Gassi-Geh-Alibi zum Anruf bei der Gliebten herhalten muss und ums verrecken bei dem Regen nicht hinausgehen will. Also wird der Hund dramatisch über die Fliesen durch die Lobby gezerrt (Die Filmszene mit Tom Hanks ist köstlich).

Oder die groteske Schuhputz-Szene als Göttin Karma plötzlich zurückschlägt:
"Sherman genoss es wie der Lappen gegen seine Mittelfußknochen drückte [...] dieser große, stämmige braune Mann zu seinen Füßen der ihm die Schuhe polierte, blind für die Hebel, mit denen Sherman eine andere Nation, einen anderen Erdteil bewegen konnte, alleine indem er ein paar Worte via Satellit in die Gegend schleuderte."
Im Anschluss an diesen Gedanken als Sherman sich wie Gott fühlt, blickt er zu Boden und findet sein Konterfei als Beschuldigter in der täglichen Lokalzeitung, die dieser in Shermans Augen unbedeutende Schuhputzer neben seiner Arbeit liest.

Die Sterbeszene im Restaurant schlägt sowieso alles - aber jetzt bin ich still, die müsst Ihr selber lesen, denn ich will nicht zu viel spoilern.

 

Fazit: Das pure Lese-Vergnügen. Diese Mischung aus Gier, Macht, Politik, Vertuschung, Lüge, Geldgeilheit, Puritantertum, Snobismus, Geilheit und Testosteron gepaart mit Humor.

 

P.S.: Tja eigentlich eignet sich das Buch auch für meine Book2moviechallenge 2019 in der Kategorie Hollywood Blockbuster. Mal schaun, ob ich den Film auswähle

Neue EU-Autorinnenchallenge

Hallo meine Lieben!

 

Die A-Z Autorinnenchallenge hat mir derart Spass gemacht, dass ich für 2019 wieder eine Challenge gestartet habe. Damit ich aber nicht immer das gleiche mache, habe ich die Challenge nun neu definiert, quasi einen Relaunch gemacht.

 

Die EU-Autorinnen-Challenge hat das Ziel, Bücher von Autorinnen aus allen EU-Staaten zu lesen. Wir fördern also explizit Europäerinnen, und wir machen eine Reise durch die EU. In der Liste habe ich nach einer Rechcherche die Zwergstaaten (z.B. Luxemburg, Malta, Zypern) weggelassen und das Baltikum (Estland, Lettland, Litauen) zusammengefasst. Großbritannien kann ab 29. März ausgemustert werden, dann hätten wir 23 oder 22 Bücher für 2019: Macht Euch um Osteuropa keine Sorgen, ich habe schon seitenlange Listen aus diesen Staaten gesammelt

1. Belgien
2. Bulgarien
3. Dänemark
4. Deutschland
5. Baltikum
6. Finnland
7. Frankreich
8. Griechenland
9. Grossbritannien
10. Irland
11. Italien
12. Niederlande
13. Kroatien
14. Österreich
15. Polen
16. Portugal
17. Rumänien
18. Schweden
19. Slowakei
20. Slowenien
21. Spanien
22. Tschechien
23. Ungarn

 

Zeitraum: ab sofort eigentlich ab 1.12.2018 - 31.12.2019

 

Regel: Die Autorin muss in dem Land geboren sein und/oder dort wohnhaft sein. Herta Müller kann so z.B. für Rumänien oder für Deutschland zählen. Wo der Roman spielt, ist komplett egal, denn wir wollen ja die Genres nicht begrenzen, sondern explizit Autorinnen fördern und über sie diskutieren. Sachbücher zählen auch wieder zur Challenge.


Im letzten Jahr hat sich zum Führen der tatsächlichen Leseliste folgende Darstellungsform als sehr zielführend herausgestellt:

1. Land fett ausgezeichnet 2. Name der Autorin 3. Titel des Buchs inklusive Link auf die Rezension falls eine geschrieben wurde oder auf das Buch 4. Bewertung in Sternen 5. Datum des Lesens

Österreich: Bachmann, Ingeborg: Malina ⭐️⭐️ (14.02.18)

Ach ja, noch eine kleine Regel: Wenn Ihr von einem Land zwei oder mehr Autorinnen im Challengezeitraum lest, sollen selbstverständlich alle mit auf die Liste, denn wir wollen ja primär Autorinnen förden und nicht sklavisch die Regeln dieses Spiels befolgen.

 

Wenn wer mitmachen möchte, oder Fragen hat, meldet Euch bei mir. Auf Goodreads gibt es schon eine kleinere Gruppe.

 

Würde mich sehr freuen, wenn auch nächstes Jahr hier auf Booklikes wieder jemand mitmacht.

Grill den Dostojewski

Manaraga.Tagebuch eines Meisterkochs: Roman - Vladimir Sorokin, Andreas Tretner

Diese Dystopie ist derartig innovativ, wahnwitzig und abgedreht, dass sie meiner Meinung nach elf von zehn Zwangsjacken verdient und ungefähr drei Mal über das Kuckucksnest geflogen ist.

 

Im Jahr 2037, in einem postislamistischen Europa, das durch einen blutigen Krieg befreit wurde, delektieren sich die reichen Eliten an der Verbrennung von Büchern, respektive an geklauten Erstausgaben, auf denen am Rost einfache Gerichte gegrillt werden. Lesen als Kulturkompetenz hat ohnehin ausgedient, denn sogenannte im Körper implantierte Flöhe – Nanorobots – in grün, rot und blau regeln sowohl Kommunikation, die medizinische Herstellung eines Wohlfühlstatus durch „Medikation“ und die Wissensleistung wie Denken, Lesen, Rechnen und anderes. Bücher als Massenmedium gibt es schon lange nicht mehr, denn alles ist digitalisiert.

 

In den von den Mudschaheddin befreiten Staaten haben sich quasi als Gegenentwurf zu unserer derzeitigen Wissensgesellschaft, mittelalterliche Lebensstile erneut etabliert, manche Staaten haben Aristokratien herausgebildet, manche werden feudalistisch von kriminellen Clans und Warlords regiert, die gebildeten Schichten sind infolge der technologischen Helferleins zumindest sekundäre Analphabeten, wenn nicht primäre, auf jeden Fall sehr denkfaule Ablehner von Wissen. Auch die Sitten des Essens manifestieren diese einfachen, primitiven gewalttätigen mittelalterlichen Strukturen, denn die Erstausgaben, auf denen einfache Gerichte gegrillt werden, müssen noch gewalttätig aus Museen unter Verlusten von Museumswärtern und anderen Bewachern geraubt werden.

 

Chefkoch Geza, Spezialist für russische Literatur, ist einer dieser Starköche der Untergrundbewegung der Book’n’Griller, den die Eliten für teures Geld engagieren, um den Thrill brennender Erstausgaben zu erleben. Was die normale Bevölkerung in dieser dystopischen Zukunft macht, wird zwar nicht beschrieben, bei den Reichen bekommen aber alle in einem Rundumschlag ihr Fett ab. Norweger, Juden, Rumänen, Schweizer …

 

Das ganze Werk weist eine so hohe aber in sich konsistente Absurdität auf, dass es eine Freude ist und spart natürlich nicht an beißender Gesellschaftskritik. Diese ist aber in derart vielen Ebenen – quasi META – eingeflochten, dass sie mich, obwohl sehr innovativ, doch frappant an einen großen Autor der klassischen osteuropäischen Science Fiction, Stanislaw Lem, erinnert. Lem hat immer auf derart vielen Ebenen indirekt das gegenwärtige System kritisiert, dass seine Werke relativ locker an der Zensur vorbeikamen, denn sie konnten ja auch durchaus anders interpretiert werden. Vor allem jene Geschichte Lems, in der ein Institut eine Wissenschaftsdisziplin erfindet, um Fördergelder abzugreifen und auf einer Insel landet, die so korrupt ist, dass die Korruption nicht mehr funktioniert, erinnert mich in seinem Wahnwitz sehr an diesen Plot. Auch Sorokin musste (wollte) sich offensichtlich in der Anlehnung an die Vergangenheit dieser literarischen Technik bedienen.

 

Die irrsinnigen innovativen Ideen von Sorokin gehen im Roman natürlich weiter, wie Schaschlik gegrillt über Dostojewskis Idiot oder Schnitzel über Schnitzler, aber mehr als ein paar Highlights aus den ersten Kapiteln möchte ich Euch nicht verraten, um Euch den Appetit auf das Buch nicht zu nehmen. Eine weitere Meta-Ebene in diesem Roman sind die vom blauen Nanoroboter vorgelesenen Originalwerke, oft lassen sich einige zeitgenössische Autoren sogar ihr eigenes Geschreibsel grillen. Wahrscheinlich ein Ausdruck von Eitelkeit.

 

Auch der Plot bewegt sich konsistent auf eine Krise zu. Die Grillmeister haben eine neue Technologie identifiziert, die exakte Kopien von Erstausgaben auf Molekularebene in Zehntausenderauflagen produzieren kann, was natürlich den gesamten illegalen exklusiven Markt der Erstausgabenverbrennung zusammenbrechen lassen könnte. Geza wird von der Gilde der Köche damit beauftragt, zu verhindern, dass das Buch wieder zum Massenmedium werden könnte. Wohin sich die Zukunft der dystopischen Welt dann entwickelt, werde ich jetzt verschweigen, es ist so genial, aber Ihr müsst es selbst lesen.

 

Fazit: Dieser Roman ist nur etwas für jemanden, der abgedrehte Geschichten liebt. Ich bin jedenfalls restlos begeistert. Eines meiner Highlights im Jahr 2018.

Ein kräftezehrender Abstieg in die Tiefen der deutsche Seele

Kindheitsmuster (Broschiert) - Christa Wolf

Dieses Werk von Chista Wolf polarisiert offensichtlich sehr stark zwischen völliger Begeisterung und totaler Ernüchterung und ehrlich gesagt konnte ich persönlich beide Positionen gleichermaßen nachvollziehen, wodurch sich meine Beurteilung konkret in der Mitte manifestiert.

Stilistisch und erzähltechnisch war es extrem mühsam, so indirekt, so verkopft, so verklausuliert durch die vielen fiktiven Figuren, Rückblenden und auch durch die massiven Gedankensprünge. Am schlimmsten habe ich die Plotkonstruktion empfunden, diese fiktive Biografie dieser Abstand zu den Figuren diese Selbstanalyse (sowas kann ich gar nicht ausstehen) und diese 3-5 Zeitebenen in fast jedem Absatz (Krieg, 74 und dazwischen).

Aber so mühsam ich mich durchquälte, muss ich der Autorin schon den Verdienst lassen, dass dieser unsägliche Stil nicht (ausschließlich) dazu da wäre, den Leser böse zu quälen, sondern auch eindeutig eine Botschaft vermittelt: die Zerrissenheit, die Verdrängung und die Schizophrenie dieser Generation. Dadurch zieht sie auch einen Bogen von der Kriegsgeneration bis in die Jahre von 1975.

Wenn das ganze Werk jetzt auch noch intellektuell eitel wäre, indem es diesen Stil vermittelt, hätte ich die Autorin eh schon böse abgestraft, aber ich nehme Christa Wolf zudem ab, dass sie eben als Kind dieser Zeit so kompliziert ist und mir das authentisch präsentiert.

Ja so schätze ich ihren Roman ein: intellektuell spröde, verschachtelt, ein Werk, in dem man das Gefühl hat, im Hirn bzw der Imagination der Frau Wolf zuerst Tonnen von Masken, Schichten und Spinnweben wegzuräumen, bis man zu Pudels Kern kommt. Und das ist auch das, was sie mir von dieser Generation mitgegeben hat. Einen Ausbund an Verdrängungmechanismen, die erst durch einen Schlagbohrer entfernt werden mussten, um die Essenz der Protagonistin - beziehungsweise, da sie ja so umfassend Personal einführte -  die Essenz des des gesamten Deutschen Volkes freizuschrammen. Und das macht sie schmerzhaft mit jeder einzelnen verdammten Stimmung: Begeisterung, Sportsgeist, Heldenverehrung, Lehrerverehrung, Hitlerverehrung, Corpsgeist, Abwertung von anderen, Umwandlung von Angst in Hass, Verrohung und Herabsetzung von Ausländern, Armen und kranken Menschen, Flüchtlingen ... . Im Prinzip wird in einem Rundumschlag eine jede Gefühlsregung des Deutschtums seziert, auseinandergenommen und auf die Familie der Protagonistin übertragen. Dies gibt mir als Leserin auf sehr beschwerliche Weise ein tiefes Verständnis des Deutschtums und wie so etwas passieren konnte.

Ob sich die Mühe gelohnt hat, ist nun der Knackpunkt, und da bleibe ich bei fivty-fivty. Ein bisschen zu lang hat mir die Anstrengung schon gedauert, wenn ich einen Monat für ein Buch brauche und dann auch noch eine kleine Pause dazwischen, weil ich es nicht mehr aushalte. Lesen sollte zwar nicht nur Vergnügen bereiten, aber nur Qual ist auch ein bisschen zu viel. Ich gehöre nicht zu den Literaturflagellanten.

Fazit: Die Botschaft des Romans ist gut und bei mir angekommen. Der Weg über den Dachboden des Geistes und der Imagination der Protagonistin und der Autorin war mir aber ein bisschen zu staubig.

P.S.: Ach ja  dann habe ich auch noch einen kapitalen intellektuellen Schnitzer in dem so auf intellektuell getrimmten Werk gefunden. "Im Jahr der Olympiade", ein Oxymoron, wo es doch 4 Jahre sind. Erwischt Frau Wolf, erwischt Surkamp Lektorat!

Zeichnungen mit rasender Obsoleszenz

Pammesberger 2018: Entpört Euch! - Michael Pammesberger

Ich bin ja ein Fan von Karikaturen, hätte aber bei der Bestellung von Pammesbergers Buch berücksichtigen sollen, dass er sich vorwiegend mit innenpolitischen Karikaturen beschäftigt. Anders wie bei haupsächlich gesellschaftspolitischen Zeichnungen wie zum Beispiel von Haderer und Deix, deren Bücher ich mir auch noch nach 10 Jahren immer wieder gerne anschaue, sind die politischen Themen, die Pammesberger größtenteils anschneidet, derart kurzlebig, dass sie sehr schnell inaktuell werden. Das Buch hat in mir quasi das Gefühl vermittelt wie "der Wetterbericht von vorgestern, der übermorgen schon wieder gänzlich uninteresssant geworden ist.". So ging es mir übrigens auch schon mal im Karikaturmuseum Krems, als ich vor Jahren eine Ausstellung zu historischen politischen Karikaturen besuchte.

Eine solch kurzfristige Relevanz und Lebenszeit des Inhaltes ist dann eben in einem Periodikum wie einer Zeitung oder Zeitschrift besser aufgehoben, als in einem Buch nachträglich gelesen. Ich muss noch dazusagen, dass mich die Zeichnungen Pammesbergers, die ich gelegentlich in der Woche des Geschehens in der Zeitung gesehen habe, sehr amüsiert haben, in der Nachlese haben sie aber nicht einmal mehr ein Zehntel dieser witzigen Wirkung.

Zudem finde ich Pammesbergers Beitrag zu einem der wenigen langlebigen gesellschaftspolitischen Kapitel #METOO in meiner Rolle als Frau wirklich ziemlich daneben, möchte mich aber gar nicht aufregen dazu, sondern bin eigentlich nur frustriert, desillusioniert und traurig, dass alten Männern einfach nichts anderes humoristisch dazu einfällt als die Opfer auch noch armselig zu veralbern, und das ganze zu verharmlosen. Einmal möchte ich von einem Mann mal einen Cartoon sehen, der sich mal ausnahmsweise über die Täter lustig macht, ohne sie augenzwinkernd in Schutz zu nehmen.

Erst von Seite 112-123 unter der Rubrik Vermischtes kommen dann tatsächlich ein paar richtig witzige gesellschaftspolitische Cartoons. Das ist aber ein bisschen wenig, was nachhaltig von diesem Buch hängenbleiben kann.

Fazit: Ein sehr persönlicher Tip von mir: lest die Cartoons besser in der Zeitung am Tag nach ihrem Entstehen, dann sind sie um ein Vielfaches witziger als hier in der Nachlese. Ansonsten kann Pammesberger natürlich großartig und pointiert Personen des öffentlichen Lebens in seinem eigenen unverkennbaren persönlichen Stil karikieren, das können nur wenige der großen Zeichner Österreichs genauso gut und nur eine Handvoll besser. Für Liebhaber der politischen Karikatur, die auch noch einen Faible für historische Archivierung der Ereignisse und Nachschau haben, ist dieses Buch aber ein absolutes Muss.

Neuanfang in Buenos Aires

Als das Leben unsere Träume fand: Roman - Luca Di Fulvio, Barbara Neeb, Katharina Schmidt

Der Autor hat ein umfassendes Auswanderer-Epos kreiert, das die drei Schicksale seiner Protagonisten miteinander verwebt. Rocco flüchtet vor der Mafia, weil er als Sohn eines Killers nicht den für ihn zwangsläufig vorzeichneten Weg in der Cosa Nostra gehen will, die Sizilianerin Rosetta vor einem Baron, der ihr Land geraubt und sie vergewaltigt hat und die polnische Jüdin Rachel möchte als einzige Überlebende eines Progroms als Frau einen Job als Buchhändlerin antreten. Alle drei zieht es aus ihrer Heimat in abenteuerlichen Wirren quer über den Atlantik nach Buenos Aires, wo sie einander begegnen, sich verlieren, wiederfinden, sich und andere gegenseitig positiv beeinflussen.

 

Sehr viele Aspekte dieses Romans haben mir wirklich gut gefallen, da ist als erstes der Umstand, dass dieser spannende Pageturner ein derartiges Tempo, beziehungsweise keine Längen hat und somit kaum wegzulegen ist.

 

Zweitens hat der Autor den Roman unter einem einheitlichen Motto konzipiert, das sich wie ein roter Faden durch die Geschichte zieht: Emanzipation. Aber nicht nur Emanzipation der Frauen, wie Rachel, die aus dem Bordell flüchtet und anschließend Yentl-mäßig als Junge verkleidet ihren Traum als Buchhändler(in) lebt und zudem Rosetta, die auch nicht als Prostituierte arbeiten will, für Frauen andere Jobs findet und diese dann gemäß einer kleinen Job-Börse sogar weitergibt. Sondern auch Rocco, der sich selbst und die Hafenarbeiter von der Mafia emanzipieren will, eine Verlademaschine konstruiert und letztendlich eine Gewerkschaft gründet.

 

Selbstverständlich gibt es auch einige Bösewichte, die die Geschichte sehr rasant machen. Da ist einmal der durchgeknallte Baron, der aus Sizilien Rosetta nachstöbert und sie finden will, um sie zu töten. Der Zuhälter Amos, der Rachel finden und umbringen muss, denn sie war Zeugin eines seiner Morde und könnte ihm Schwierigkeiten bereiten, der Mafioso Tony, der zwar als abgebrühter Mörder doch auch einige sehr positive Eigenschaften und intensive persönliche Beziehungen zu seiner Tochter und Rocco pflegt. Das war fast der positivste Aspekt des Romans. Keine Figur ist stereotyp eindimensional gezeichnet, sogar die schlimmsten Bösewichte haben irgendwo ihre Schwachstellen, sei es der diabolische Amos, der seinen Vater liebt oder der perfid bösartige aber sehr geniale Baron, der auf Grund seiner Schwäche für Kokain letztendlich auch nicht immer kluge Entscheidungen trifft.

 

Natürlich darf auch ein Schuss Romantik und Schmonzette nicht fehlen, denn Rocco und Rosetta haben sich auf dem Schiff auf den ersten Blick ineinander verliebt, verlieren einander und finden letztendlich ein einem Taschentuch erfordernden Happy-End zueinander. Das wäre dann auch der einzige Punkt, der mir persönlich weniger gefallen hat, den aber viele andere Leser*Innen zu schätzen wissen werden. Aber auch das brutale Leben in den Hurenhäusern und auf der Straße wird sehr anschaulich geschildert. Insgesamt also eine interessante Mischung.

 

Sprachlich ist die Lektüre eher einfach gestrickt, schnell und entspannt zu lesen, was aber durch den Plot und die restlichen Komponenten gar nicht störend, sondern sogar unterstützend auf das rasante Tempo der Geschichte wirkt.

 

Fazit: Spannender episch breiter Auswanderer-Roman mit Botschaft, der das Emanzipationsthema wundervoll einbindet und auch noch einen Schuss Romantik bietet.

Bausatz und Anleitung für die Liebe – ohne Schrauben, auf Schwedisch*

Lieben!: Über das schönste Gefühl der Welt – für Anfänger, Fortgeschrittene und Meister - Rotraut A. Perner

Eine psychotherapeutische Abhandlung und Betrachtung über die Liebe, Liebesfähigkeit und Liebesbeziehungen fand ich schon immer sehr spannend, viel interessanter als den philosophischen Blickwinkel. Insofern war ich schon sehr neugierig auf das Buch meiner Lieblingstherapeutin, die sich auch noch ab und an sehr erfolgreich als Journalistin in meiner vielgeliebten Straßenzeitung Augustin betätigt, denn auf Grund der Qualität ihrer Reportagen wusste ich zudem, dass sie gut und pointiert zu formulieren vermag.

 

Im ersten Kapitel Lieben für Anfänger startet sie auch schon sehr ambitioniert und analysiert die kindliche Prägung von Liebe. Gut erklärt, recht strukturiert aufgebaut und spannend aufbereitet thematisiert sie, wie die Erziehung der Eltern bereits vom Mutterleib über die frühkindliche Prägung bis zur Pubertät die Liebesfähigkeit im Erwachsenenalter beeinflusst und warum, beziehungsweise inwiefern, schon in dieser Phase bei vielen Menschen bezüglich der Defizite beim Thema Liebesfähigkeit im Erwachsenenalter der Hund begraben liegt, der nur mit einer ausreichenden Auseinandersetzung und Therapie wieder repariert werden kann.

Bereits in dieser Phase bemerkte ich jedoch etwas konsterniert, dass Begriffe nicht im Text, sondern in Endnoten – also am Ende des Buches – erläutert wurden, und der Leser somit für eine ausreichende, eigentlich gar nicht so in die Tiefe gehende Auseinandersetzung mit dem Thema vor und zurückblättern musste. Versteht mich nicht falsch, wir reden hier nicht von Fuß- / Endnoteninformationen wie Quellen oder fade wissenschaftliche Definitionen, sondern tatsächlich von essentiellen therapeutischen Erklärungen, die eigentlich der Fließtext unbedingt liefern sollte.

 

Hält sich diese konzeptionelle Unsitte und rezensionsmäßige Katastrophe im Kapitel Lieben für Anfänger in homöopathischen Dosen noch in einem gewissen Rahmen, so entgleitet und eskaliert dieser Irrsinn (sorry für diese nicht therapeutische falsche Metapher sie fungiert hier vielmehr als literarische Übertreibung) in den folgenden Kapiteln total. Wenn ich auf einer kleinen Seite bis zu fünf Mal hin und her blättern muss, hört sich der Spaß und somit auch der Lesegenuss auf, so eine Struktur hat im sequentiellen Medium Buch einfach nix verloren. Vor allem weil ich im Jahr ca. zehn Fachtexte und wissenschaftliche Abschlussarbeiten betreue, lese und bewerte, kann ich so etwas wirklich sehr gut beurteilen.

 

So habe ich im Kapitel Lieben für Fortgeschrittene, in dem es um Paarbeziehungen ging, irgendwann einmal aufgegeben zu blättern, weil es mir einfach zu mühsam war und ich mich von einer schlechten Struktur nicht verarschen lasse – und – welche Überraschung – mir fehlten wirklich wesentliche Inhalte, die mir die Konzepte und Gedanken der Autorin erläuterten. Die herangezogenen Analogien, die zu weit hergeholt waren, die nicht erklärten Konzepte und die an den Haaren herbeigezogenen bzw. aus der Mottenkiste hervorgekramten Zitate aus Musik, Literatur, Philosophie etc. prasselten blitzlichtartig im Telegrammstil auf mich ein.

Je weiter man von der Lichtquelle über uns entfernt ist, desto größer ist der Schatten, erst wenn man direkt unter ihr steht, wirft man keinen mehr weil man ihn integriert.

Heute kommen zu diesen üblichen mahnenden Besserwissern die schnell „laufenden Bilder“ (movies) aus Film und Fernsehen dazu (damit dem Publikum nicht langweilig wird und es einen anderen „Sender“ – im Doppelsinn des Wortes – sucht. Sie sind beteiligt an dem Phänomen der „ruhelosen“ (Buchtitel von Vance Packard), „beschleunigten“ (Buchtitel von Peter Glotz) oder „flüchtigen“ Gesellschaft (Buchtitel „Flüchtige Moderne“ von Zygmunt Baumann), in der viele Gefühle „auf der Strecke bleiben“ – denn Fühlen braucht Zeit.

Man beachte, dass weder die Autorin noch das Lektorat bei diesem Einschubwahnsinn den Überblick über die aufgerissenen Klammern behalten konnte, denn die Klammer vor dem Wort damit in der zweiten Zeile wird niemals geschlossen.

Wenn man dann aus diesem abgebrannten Feuerwerk an nebensächlichen, aber intellektuell eitlen Belanglosigkeiten aus anderen Genres und schlechten Strukturmerkmalen einmal den psychotherapeutischen Nukleus extrahiert, kommen schon spannende Erkenntnisse aus den unterschiedlichst kranken und gesunden Paarbeziehungen heraus, aber dieser ist derart völlig verschüttet, dass er erst mühsam aufgestöbert und vom ganzen Tand befreit, beziehungsweise fast schon mit dem Hochdruckreiniger gesäubert werden muss.

 

Ehrlich gesagt habe ich im dritten Kapitel – Lieben für Meister*innen dann ob der oben genannten Mühsehligkeiten geistig ein bisschen abgeschaltet und kann nur mehr sagen, dass hierzu dann viel Osho (Bhagwan)- und Tantrageplänkel bei mir eben genau nicht hängengeblieben ist, denn bei diesem Thema schalte ich sowieso auf Durchzug. Den Rest des meisterlichen Liebens habe ich leider vergessen. So werde es auch im Alter bedauerlicherweise nie zur Meisterschaft in dieser Disziplin bringen ;-)

 

Fazit: Eigentlich recht gute Inhalte, die durch eine total verhunzte Struktur und durch einen unsäglichen Stil total schlecht präsentiert werden.

 

*das ist ironisch gemeint – nichts gegen die schwedischen Bedienungsanleitungen

Ich will eine zusammenhängende Story hinter den Witzen! Ansonsten sehr gut

Die Känguru-Apokryphen: Live und ungekürzt - HörbucHHamburg HHV GmbH, Marc-Uwe Kling, Marc-Uwe Kling

Als eingefleischte Känguru-Jüngerin - ach was sage ich - als Marc-Uwe Kling Fan, denn Qualtityland war so unerwartet genial - warte ich selbstverständlich jedes Mal sehnsüchtig auf jedes neue Lebenszeichen des Autors, um ihm mein Geld in seinen kommunistischen Rachen werfen zu dürfen. Sei es, weil ich selbstverständlich diese bekloppten Spiele unbedingt haben, oder wie dieses Mal sogar Hörbuch UND Buch kaufen muss. Noch nie hat Kapitalismuskritik bei mir so kapitalisierend gewirkt, vor dieser Leistung muss ich tatsächlich den Hut ziehen.

Ein bisschen enttäuscht war ich aber dann schon, denn Teil 4 der Bibel von meinem Guru-Ken ist bedauerlicherweise nicht so storylastig als Teil 2 und 3. Das ist zwar Jammern auf hohem Niveau, denn die Witze sind sauböse und richtig gut, aber sie lassen sich eben in beliebiger Reihenfolge ohne inhaltliche Struktur abspielen und haben für mich dadurch eben eher die Anmutung von sehr guten Einzel-Kalauern. Wer mich und mein Leseverhalten gut kennt, weiß um meine Plotmanie Bescheid und kann punktgenau prophezeien, dass ich die zusammenhängende Geschichte in diesem Teil schmerzlich vermisse.

Ansonsten ist alles wie gehabt. Das Personal (Hertha, Krapottke und all die anderen treten auch wieder auf). Das Hörbuch ist wundervoll gesprochen und drei Einzelszenen sind mir sehr ans Herz gewachsen. Der Drogendeal im Big Lebowsky Style, die Bekehrung von Gassennazis, die intellektuell gar nicht so blöd sind, wie sie sich immer geben und die Strategie, wie man Fake-News untermauert. Auch Open-Schnick (Schnack-Schnuck) spielen wir bereits und gestern habe ich das ultimative Symbol erfunden und damit gewonnen (Das Schwarze Loch - frisst alles, sogar Meteoriten)

Ansonsten warte ich auf der Buch und Hörbuchfront sehnsüchtig auf die hoffentlich noch folgende zusammenhängende Story über die Pubertät vom Schredder und die Erziehungsprobleme der "Eltern" Marc-Uwe und Känguru. Und freue mich, sofern der Känguru-Film 2019 herauskommt, dass ich diesen zusammen mit dem Buch in meiner Book2movie-Challenge besprechen darf.

Fazit: Gewohnte Känguru Qualität, aber die Geschichte hinter den Witzen fehlt mir bedauerlicherweise sehr

Royale Dachschäden von Klein bis Groß

Habsburgs schräge Vögel - Gabriele Hasmann

Eines gleich vorweg über dieses Habsburger-Sachbuch: Es hat keine historische Struktur, und trotzdem hat es mich hier gar nicht gestört. Die Autorin Gabriele Hasmann präsentiert im Plauderton eine wundervolle Sammlung von teilweise mir bekannten aber auch vielen unbekannten Anekdoten über die Habsburger. Da sie nach der Art des „Dachschadens“ von der kleinen Marotte bis zur ernsthaften pathologischen Störung strukturiert und damit quer durch Jahrhunderte und Verwandtschaftslinien springt, ist somit ein chronologischer Aufbau überhaupt nicht gewährleistet. Für mich war diese etwas schräge Struktur kein Störfaktor bei der Rezeption, denn ich wusste meist ganz genau, wer wann wie mit welcher Verwandtschaft gemeint ist, da ich im österreichischen Geschichtsunterricht ohnehin sehr viele Haupt- aber auch Nebenlinien der kaiserlichen Familie lernen musste.

 

Hasmann präsentiert in einzelnen Kapiteln: Aberglauben, Magie und Hellsicht, Sado-Maso-Persönlichkeiten, echten Wahn und Wahnsinn, Ticks und Zwangsneurosen, Phobien und Süchte, Narzissmus, Dominanz und Fanatismus versus Laissez-faire, Lug, Betrug und Schurkenstücke und schlussendlich auch noch die sexuellen Eskapaden bzw. amourösen Auffälligkeiten.

 

Irgendwie ist das fast so, als könnte der Leser unter dem intellektuellen Deckmantel der historischen Forschung wie ein lüsterner Paparazzo und Boulevardmedienschreiber in die Stuben und Schlafzimmer der gekrönten Häupter schauen und einfach schamlos auch noch darüber tratschen und Witze reißen. Ich gestehe, da ja alle schon tot sind und es keinem mehr schadet, genieße ich mitunter so eine voyeuristische Nabelschau auf ganz tiefem Niveau sehr. Schließlich muss man sich ja auch mit den Schattenseiten der österreichischen Geschichte befassen ;-)

 

Die Anekdoten waren wie gesagt teilweise ganz neu: Zum Beispiel wurde das Geheimnis von 007 gelüftet, der wahre Van Helsing identifiziert (das wusste ich schon) und die amourösen Abenteuer des Mannes von Maria Theresia mit seinem besten Buddy, Giacomo Casanova, durch das Hurenviertel am Spittelberg und durch die Bums-Droschken geschildert, inklusive wütender Gegenmaßnahmen der Ehefrau.

Es gab auch eine derart abgefahrene Story über mehrere afrikanische Menschen (Mohren), die dem Kaiser geschenkt wurden und die infolge der ungewohnten Kost und des Klimas nicht lange überlebten. Der Kaiser ließ ihnen die schwarze Haut abziehen und stellte sie als Figuren gekleidet und geschmückt aus. Da viele starben, hatte er bald eine ganze Rotte von Schwarzen beisammen.

 

Auch die – wie soll ich es höflich formulieren – extrem hässlichen Habsburgermerkmale, die sich durch die andauernde Inzucht gleichsam wie der Wahnsinn in manchen Linien vervielfachten, wurden von der Autorin mit spitzer Zunge erläutert. Im Rahmen des pathologischen Irrsinns war der Wurm schon seit dem 16. Jahrhundert in der Genetik der Familie durch die spanische Linie, respektive durch „Juana la Loca“, verankert.

 

Eine Geschichte hat mich am meisten verblüfft: Maximilian, der Kaiser von Mexiko, wurde offensichtlich nur zum Schein exekutiert, zumindest ist bewiesen, dass die neue Republik nicht seine Leiche überführt hat und ein Bürgerlicher in Salvador namens Justo Armas dieselbe Handschrift hatte.

 

Ach ja, im Kapitel Völlerei gibt es ein Rezept für Krebsgermnudeln, die Leibspeise von Maria Theresia. Das möchte ich unbedingt mal kochen.

 

Fazit: Für Anfänger im Hause Habsburg leider etwas verwirrend, wenn man auf historische Chronologie Wert legt. Für Profis in diesem Bereich und für Royal Watchers, die auf sensationelle Geschichten abzielen, aber doch sehr vergnüglich.

 

P.S.: Eine Kleinigkeit ist mir noch aufgefallen. Der Verlag hat sich beim Coverbild von Leopold I. noch eine kleine Impertinenz einfallen lassen. Die hässlichen, wulstigen Habsburgerlippen wurden mit Folie oder Lack überzogen und springen dadurch dem Leser förmlich ins Auge. Das ist sooo böse und köstlich! :D

A-Z Autorinnenchallenge noch 2 Monate

Danke, ich brauche keinen Sitzplatz!: Das neue Tagebuch der Marie Sharp (Das Tagebuch der Marie Sharp, Band 3) - Virginia Ironside, Sibylle Schmidt Im Blick - Marie Luise Lehner Fegefeuer - Sofi Oksanen, Angela Plöger Bis ans Ende, Marie - Barbara Rieger Regen in Moskau - Zsuzsa Selyem Es scheint die Sonne noch so schön - Barbara Vine Wolkentöchter - Xinran

Der Endspurt für die A-Z Autorinnenchallenge steht bevor. Noch sind 2 Monate zu absolvieren.

 

Was hat sich also in letzer Zeit getan. Ich habe sehr viele Buchstaben übererfüllt, auch diese kommen selbstverständlich auf meine Liste. Außerdem fehlen mir nur noch 2 Buchstaben das W und das U, wobei ich den Buchstaben W gerade angefangen habe.

 

Meine Statistik sagt mit Stand 1. November dabei sind noch Bücher, die ich schon gelesen habe, aber noch keine Rezension geschrieben wurde.

 

Autorinnen 31/62

Gemischt Autorin/Autor 2/62

Autoren 29/62

 

Meine Autorinnenquote ist also noch immer bei 50%

 

Weil mir die Challenge so gut gefällt und ich eigentlich gar nicht mehr ohne diese Ziele lesen will und mich unbedingt weiter mit LeseFreunden über Autorinnen austauschen möchte, plane ich eine Neue Challenge Autorinnen aus allen EU-Staaten bis auf die Zwergstaaten - wieder von 1. Dezember 2018 bis  31.12.2019  zu lesen. Ist wer interessiert?  Auf goodreads gibt es schon eine Gruppe wir haben auch schon rechechiert und die Regeln formuliert bzw. die unmöglichen Länder gestrichen.

 

Nun natürlich auch noch meine Liste zum Nachschauen mit heutigem Stand der Dinge:

 

A: Austen, Jane: Emma **
B: Bachmann, Ingeborg: Das dreißigste Jahr **
C: Chambers, Becky: Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten 2,5 *** aufgerundet auf 3
D: Dusl Anna Maria: Boboville - 2,5 *** aufgerundet auf 3
E: Emfried Heidi: Die Akte Kalkutta **** Rezensionsexemplar
F: Fölck, Romy: Totenweg 3,5*** aufgerundet auf 4 Rezensionsexemplar
G: Gavalda, Anna: Zusammen ist man weniger allein 2,5 ** abgerundet
H: Han, Kang: Die Vegetarierin *****

     Hirth, Simone: Bananama **** Rezensionsexemplar

     Hasmann Gabriele: Die schrägen Vögel der Habsburger (currently reading) Rezensionsexemplar
I: Ironside, Virginia: Danke ich brauche keinen Sitzplatz 1,5 aufgerundet auf **(12.08.18) 
J: Joyce Rachel: Die unwahscheinliche Pilgerreise des Harold Fry ****
K: Kaiser, Vea: Blasmusikpop ****

     Klingl, Livia: Der Lügenpresser 3,5*** aufgerundet auf 4 Rezensionsexemplar
L: Lessing, Doris: Die gute Terroristin **

    Lehner, Marie Luise: Im Blick ** Rezensionsexemplar (06.10.18)
M: Du Maurier, Daphne: Die Parasiten 4,5 *****
N: Nothomb Amelie: Der Professor ****
O:  Oksanen Sofi: Fegefeuer **** (30.07.18)
P: Piuk Petra: Lucy fliegt *** Rezensionsexemplar

    Perner, Rotraud: Lieben Rezensionsexemplar (currently reading)
Q: De Queiroz, Rachel: Die drei Marias ***

R: Rossbacher, Claudia: Steirerquell *** Rezensionsexpemplar

    Rieger, Barbara: Bis ans Ende, Marie ** Rezensionsexemplar (15.08.2018)
S: Stauffer, Verena: Orchis **** Rezensionsexemplar

    Selyem, Zsuzsa: Regen in Moskau   *** Rezensionsexemplar (12.10.18)
T: Tyler Anne: Die Reisen des Mr. Leary ****
U:
V: Vine, Barbara: Es scheint die Sonne noch so schön 4,5 Sterne abgerundet auf **** (28.09.18)
W: Wolf Christa: Kindheitsmuster (currently reading)
X: Xue Xinran: Wolkentöchter ****  (07.08.18)  
Y: Yoshimoto Banana: Eidechse *** nur wegen der Stilform Kurzgeschichte
Z: Zeh Julie: Schilf ****

Theresienstadt - Auschwitz - Gleiwitz - Stationen im Holocaust

Überleben: Der Gürtel des Walter Fantl - Gerhard Zeillinger

ücher über die Nazizeit finde ich extrem wichtig, und wenn sie dann auch noch gut sind, wie diese Biografie, dann halte ich sie für unverzichtbar. Ein Zitat aus Carlos Ruiz Zafóns Roman Der Schatten des Windes zeigt genau, warum der Mensch immer und immer wieder das Grauen und die Fehler unserer Vergangenheit reflektieren sollte.

 

„Es ist wie die Gezeiten, wissen Sie“, sagte er.
„Die Barbarei,“ meine ich.
„Sie zieht ab, und man hält sich für gerettet, aber sie kommt immer wieder zurück.“

 

Heuer habe ich zudem auch noch gehört, dass solche unfassbaren Barbareien erst wieder möglich sind, wenn die letzten Zeitzeugen gestorben sind, keiner mehr davon erzählt und/oder die Verbrechen gleich verdrängt wurden. Deshalb ist es auch so essentiell, sich die Geschichte eines der letzten österreichischen Zeitzeugen der Vernichtungslager, Walter Fantl, genau anzusehen und sie zu lesen.

 

Innovativ an dieser Biografie ist zudem, dass sie nicht ein Schriftsteller oder der Biografierte selber niedergeschrieben hat, sondern ein anerkannter Historiker, Gerhard Zeillinger, auf Basis von Interviews und Tonbandaufzeichnungen. Dieser abgeklärte Historikerstil in Darstellung und Sprache gibt dem Werk einen neutralen, umfassenden, ausgezeichneten Einblick in die historischen Ereignisse des Lebens von Walter Fantl und schafft Distanz zum Biografierten. Am Anfang habe ich diese Distanz noch als unnötig und störend erachtet, denn ich war die emotionale Achterbahnfahrt von anderen Werken gewohnt. Nach und nach aber, als die Stationen von Theresienstadt über Auschwitz folgten, konnte ich erstens diesen Abstand genießen und zweitens neue Aspekte entdecken, die ich schon mehrmals zum Beispiel bei David Saffier als Andeutung in seinem Roman 24 Tage lang gefunden habe: Vor allem sehr junge Leute mit noch ausreichenden Perspektiven haben durchaus nicht nur gelitten in den Lagern, sie haben sich, sofern es in der Situation nicht nur ums nackte Überleben ging, auch mal verliebt und sich wohlgefühlt, gestritten, genossen und andere Sachen gemacht, die ein Mensch auch in ganz normalen Lebenssituationen erlebt.

 

Die Biografie beginnt in Niederösterreich mit dem Umschwung der Stimmung auf dem Land. Der ganz normale schleichende Wahnsinn in Nazibösterreich: Die bisherigen besten Freunde und Nachbarn entpuppen sich nach dem Anschluss als lang gediente Mitglieder der NSDAP. Sie wollen der Familie Fantl als einzige Juden im Dorf zwar nicht persönlich total schaden (man ist ja seit Jahrzehnten befreundet), aber da Juden prinzipiell Ratten sind, entspricht man natürlich der politischen Linie. Tagsüber mobbt man den Freund und Nachbarn und macht ihn gemäß dem System ein bisschen fertig, nachts wirft man ihm als Gegenleistung heimlich Lebensmittel über den Zaun. Weiter geht es mit dem Arisierungsverfahren von Vater Fantls Geschäft und mit dem anschließenden Leben in der Wiener jüdischen Community. Kaum jemand kann sich in diesen Jahren vorstellen, dass die Lage so ernst werden würde. Zudem wurden die Geschäftsinhaber so gering entschädigt, dass sie sich eine Auswanderung nicht unbedingt leisten konnten. Als dann die Situation eskalierte, waren die Quoten der Zielländer ausgeschöpft und die bürokratischen Hürden für die Diaspora schon so hoch, dass nur mehr wirklich reiche Familien dem Holocaust entrinnen konnten.

 

Nach der Deportation nach Theresienstadt (Tschechien) lebt und liebt Walter Fantl sogar recht glücklich im jüdischen Ghetto. Dort wird sogar etwas ähnliches wie normales Leben geschildert mit Kunstveranstaltungen, Kaffeehaus und Geschäften. Zeillinger definiert aber ganz klar, sachlich und deutlich, wie sich die kasernierten Juden diesen Selbstbetrug und diese Groteske konzipieren, während bei den älteren Personen im Ghetto – respektive auch bei Verwandten – gestorben wird wie die Fliegen.

 

Nach der erneuten Deportation in den Osten nach Auschwitz und Gleiwitz war ich dann unendlich dankbar für diese historische Distanz, die mir Gerhard Zeillinger offeriert hat, denn so konnte ich dennoch das unglaubliche Leid rezipieren, aber auch die Systematik der Vernichtung besser überdenken und zudem war auch noch thematisch Raum für Arbeiter im Lager Gleiwitz, die sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten anständig gegenüber den Juden verhalten haben und sogar verbotenerweise ihre Rationen mit ihnen teilten.

 

Die Biografie endet übrigens nicht mit der Befreiung von Auschwitz und Gleiwitz, sondern thematisiert in einem sehr spannenden Kapitel auch noch die Monate und Jahre nach der Befreiung, als Walter Fantl mit seinen Freunden zuerst befreit in Polen zwischen den Kriegszonen herummarodierte, teilweise auch an der Bevölkerung Vergeltung übte, in Wien ankam und sich total verloren fühlte, freiwillig ins Ghetto Theresienstadt zurückkehrte und einfach nicht mehr wusste, wo er ankern sollte. Zudem waren die befreiten Juden eigentlich nirgends willkommen, seine Freunde wanderten nach Palästina und Amerika aus. Die Geschichte schließt, als Walter endgültig nach Wien aufbricht und beschreibt in einem Nachwort noch das Schicksal der Gruppe der überlebenden Freunde bis zum heutigen Tag.

 

Was mir zudem noch sehr positiv an diesem Werk aufgefallen ist: Viele Biografien haben immer in der Mitte so einen unnötigen Bilderbuchteil in dem alle Bilder auf mehreren Seiten zusammengefasst und -gepfercht sind. Mich stört das immer extrem, denn eigentlich würde ich das Bild gleich während der Erwähnung im Text brauchen, die Bilderflut in der Mitte anzuschauen, ist dann auch irgendwie mühsam. Diese Biografie setzt ihre Bilder punktgenau im Text, wenn das Ereignis erwähnt wird. Auch wenn das vom Druckverfahren her möglicherweise aufwändiger und teurer ist, ist das ein großartiges Service am Leser.

 

Fazit: Unbedingt lesen! Mehr kann ich dazu nicht sagen.

 

P.S.:  Ach ja! Warum heißt der Untertitel Der Gürtel des Walter Fantl? Weil Walter alles abgenommen wurde: Wertsachen, Schuhe, Kleidung … – bis auf diesen Gürtel – der war ein unbedingtes Überlebenssymbol und wurde nicht mal für Nahrung eingetauscht.

Die Biografie von Kara Ben Münchhausen ...

Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste: Ein Karl-May-Roman - Philipp Schwenke

… fast spannender als jeder seiner Romane.

 

So meine lieben abenteuerliebenden Burschen und Mädels jetzt müsst Ihr gaaanz tapfer sein, wie beim Tod Winnetous die Zähne zusammenbeißen und dürft kein Tränchen verdrücken, denn ein Idol Eurer Kindheit und Jugend, der vielgerühmte und meistübersetzte deutsche Autor Karl May wird als historische Person in diesem Roman richtig grauslich demontiert und vom Sockel gestoßen.

 

Dabei ist fast das Grausamste an diesem „fiktionalen“ historischen Roman, dass er extrem gut recherchiert ist. Wenn ich mal schätzen darf, sind mehr als 85% der geschilderten Begebenheiten historisch belegt und haben sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit genauso oder ganz ähnlich abgespielt.

 

Philipp Schwenke verknüpft Fakten und Fiktion sehr geschickt und präsentiert dem Leser ausladend und episch breit, gleichsam im Schreibstil seines Protagonisten, einen äußerst ambivalenten nicht wirklich sympathischen Helden Karl May, der als Verbrecher und genialer Schwindler in sein Leben gestartet, nach und nach an seine eigenen Gschichtln glaubt und zu guter Letzt Wahrheit von Fiktion nicht mehr zu unterscheiden vermag. Dabei werden auch punktgenau Originalzitate von Karl May bzw. Kara ben Nemsi – wenn Karl glaubt er sei seine fiktive Figur – eingestreut.

 

Viele von Euch werden ja die historischen Fakten kennen, dass May die Länder, über die er schrieb, bis zu seinem 57. Lebensjahr gar nicht bereist hatte. Im Gegenteil: er war bis zu diesem Zeitpunkt gar nicht aus seiner Heimat herausgekommen. Wenige wissen aber, dass er jahrzehntelang steif und fest behauptete, keine fiktionalen Romane zu schreiben, sondern Tatsachenreiseberichte abzugeben und wirklich alle Geschichten unter dem Pseudonym Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi erlebt zu haben.

 

Der Roman beginnt 1899 als er seine erste Reise in den Orient unternimmt und sich bereits in den Zeitungen Deutschlands die ersten Gerüchte über den mangelnden Wahrheitsgehalt seiner Aussagen verdichten. Auf der Reise nach Kairo, Jerusalem und Ceylon schwindelt sich Karl mit Aggression, Dreistigkeit und Chuzpe aus Lagen, in denen er sein Sprachtalent oder seine Kampfkünste oder andere Fähigkeiten, die er sich selbst in seinen Romanen zugeschrieben hat, beweisen soll. Diese Situationen sind total spannend, amüsant und zum fremdschämen, wie er sich windet, sein selbst erstelltes Lügengebäude aufrecht zu erhalten. Der Protagonist ist leider kein fiktionaler Autor mit wundervoller Fantasie, sondern ein ziemlich fieser Aufschneider, der vertuscht, lügt, betrügt und die Leute anpöbelt, die es wagen, seine Ausführungen der Fiktion zu bezichtigen. In Ägypten läuft Karl zudem wie der typische deutsche Tourist mit dem Reiseführer Baedeker durch die Gegend, bar jeder Sprachkenntnis, holt sich Durchfall und wird im Bazar abgezockt. Auch das ist sehr witzig.

 

So en passant werden dem Leser in Rückblenden auch noch die sehr schwere, historisch verbriefte Jugend von Karl May und die Traumata der Vergangenheit präsentiert, die ihn zu einem Verbrecher und Schwindler haben werden lassen. Nach der Verurteilung zum Knast wegen einer Bagatelle, waren seine Laufbahn als Betrüger und weitere schwere Straftaten somit einzementiert. Durch mangelnde Resozialisierungsmöglichkeiten zur damaligen Zeit hatten Straftäter nie wieder die Gelegenheit, einer ehrlichen Arbeit nachzugehen. Insofern hat Karl May mit seiner Fantasie als Autor sein Potenzial, mit ehrlicher Arbeit Geld zu verdienen, maximal ausgeschöpft.

 

Im Roman wird die Figur Karls sehr liebevoll, tief und detailgenau entwickelt, aber nicht nur unsympathisch sondern auch mit ihren positiven Eigenschaften. Zum Beispiel ist es erstaunlich, was May, der ohne mit der Wimper zu zucken andere belügt, bestiehlt und betrügt für einen unverrückbaren moralischen Kompass bezüglich Sklaverei, allgemeinen Menschenrechten und Frieden hat, den die Reichen gesetzestreuen Bürger nicht aufweisen, denn sie unterscheiden zwischen wertem und unwertem Leben. Zwar ist das Menschenbild schon seiner Zeit geschuldet, aber May schwamm immer gegen den Strom und versuchte, fremde Völker nicht zu diskriminieren. Manchmal wirkt der Protagonist fast als tragischer Held in einem für sich selbst inszenierten Drama, in seinem hehren Anspruch an sein ideales Selbstbildnis, in seinem Dozieren, in seiner kindlich naiven Friedensliebe, mit all seinen Fehlern und psychischen Störungen, wie er sich selbst im Weg steht, und sich von den falschen Leuten instrumentalisieren lässt.

 

Ein weiterer spannender Aspekt des Romans ist das sehr gut geschilderte Beziehungsdreieck zwischen Karl und seiner ersten beziehungsweise zweiten Ehefrau. Karl und Emma May, die erste Frau, passten charakterlich überhaupt nicht zusammen, weil sie so unterschiedlich waren. Bei einem wertschätzenden Umgang in so einer Ehekonstellation ist dies aber durchaus meist die beste Voraussetzung für ein glückliches Zusammenleben. Nicht jedoch, wenn die beste Freundin der Frau und Witwe seines ehemalig besten Freundes, Klara Plöhn, sich bei den entfremdeten Eheleuten Süßholz raspelnd, verständnisvoll, hinterfotzig, ständig einwanzt, die beiden in ihren Ressentiments gegeneinander bestärkt und den schwelenden Konflikt richtiggehend durch Lug und Trug befeuert. Es kommt wie es kommen muss. Der so eingesponnene Karl May glaubt seiner „guten“ Freundin Klara und entsorgt die erste Ehefrau sehr unschön und ohne Absicherung. Emma sah ich als eigentliche tragische Heldin dieses Romans, auch wenn sie als sehr dumme egomanische Hedonistin auch nicht wirklich sympathisch geschildert wurde. Am intrigantesten ist aber die Figur der Klara Plöhn gezeichnet, die den Sieg als Klara May in diesem spannenden Ehedrama davonträgt. Die bösartigen Eigenschaften von Klara sind insofern auch historisch verbrieft, weil sie in jahrelangen gerichtsanhängigen Verfahren in der Causa May ja auch an die Öffentlichkeit gelangten. Zudem basiert der Roman auch noch auf den Tagebuchaufzeichnungen von Klara May.

 

Fazit: Ein episch breiter, sehr spannender historischer Roman mit viel Faktengehalt der mich zum Recherchieren angeregt und keine Sekunde gelangweilt hat. Aber eines solltet Ihr als Fans auf jeden Fall beherzigen. Lest ihn mit der Maxime: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“.

Tierische Zaungäste bei Vertreibung und Folter

Regen in Moskau - Zsuzsa Selyem

Dieser außergewöhnliche, recht gute und sehr kurze Roman von Zsuzsa Selyem handelt von der Vertreibung und Folter der ungarisch-stämmigen, ehemals wohlhabenden rumänischen Familie Beczásy vom zweiten Weltkrieg bis zum Jahr 1989. Leider hat die Geschichte für mich persönlich nicht ganz so gut funktioniert, da ich aus mangelnden historischen Kenntnissen des Landes und der Lage die vielen indirekten und vagen Andeutungen nicht alle verstehen konnte. Ein Kenner dieser geschichtlichen Hintergründe würde aber sicher begeistert sein. Fast könnte man meinen, die Zensur säße der Autorin noch immer im Nacken, so verklausuliert werden die historischen Ereignisse kommentiert und im Roman angesprochen.

 

Selbstverständlich habe ich mich redlich bemüht, meine Wissenslücken über Google und Wikipedia aufzufüllen, dennoch wurde ich bei vielen dieser indirekten Verweise und Allegorien einfach nicht fündig. So wird beispielsweise auch die Geschichte und die Gerüchte über Ana Pauker, die angeblich ihren Ehemann auf dem Gewissen hat, im Web auch nicht näher erläutert, obwohl natürlich Hinweise existieren. Wie literarisch verklausuliert die historischen Ereignisse im Roman beschrieben werden, zeigt folgendes Beispiel von Tschernobyl, das zumindest jeder in meiner Generation im deutschsprachigen Kulturkreis aus dem Gedächtnis ohne zu Hilfenahme von Lexika identifizieren kann.

Noch ein bisschen Knattern, Melodie, satter Sprecher, dass sowjetisches Atomkraftwerk fertig ist, soi-disant eine Errungenschaft, das sagt der sozialistische Sprecher. Erbärmlich jeden Errungenschaft, für ein paar Jahre Natur besiegt, dann hat sie alles zurückgenommen, dabei sterben Kinder von Strahlung, schicken sie heldenhafte Liquidatoren hin, auch sie sterben von Strahlung …
(Die Orthografiefehler sind der Rolle der Figur geschuldet und passen in diesem Fall punktgenau.)

 

Jetzt stellt Euch mal die Situation vor, die historischen Ereignisse und deren Ablauf überhaupt nicht genau zu kennen, und keine Erläuterungen oder klare Anhaltspunkte zu bekommen, welches Ereignis denn gemeint ist, dann wisst Ihr, wie ich mich oft gefühlt habe. Als wäre ich in einer Community, in der alle dieselben Bücher gelesen haben, von denen ich keinen blassen Schimmer habe. Alle reden in Andeutungen und ich verstehe meist nur Bahnhof. Fast ist es, wie einen Nostradamus-Text zu interpretieren, man könnte auch etwas ganz anderes herauslesen. Im Klappentext – und nur dort – werden die politischen Fakten aber so glasklar angesprochen, dass man auch als deutschsprachiger Leser zumindest weiß, was gemeint ist. Ihr könnt Euch meine Überforderung mit diesem Werk nun ungefähr ein bisschen vorstellen, die aber nichts über die Güte des Textes aussagt.

 

Im Gegenteil, manchmal konnte ich diesen außergewöhnlichen Stil richtig genießen. Ein weiterer innovativer interessanter Ansatz der Autorin ist der Umstand, dass die Geschichte der Familie Beczásy von Schleiereulen, Amseln, Bäumen, Hunden, Katzen, Schmeißfliegen, Eichhörnchen … erzählt wird. In jedem Kapitel erzählt ein anderes anwesendes Tier bzw. Lebewesen die Geschichte der Familie, bringt somit die Familienchronik voran und analysiert so en passant auch die anwesenden Menschen ethnologisch inklusive der politischen Situation. Am ärgsten war die Szene mit den Bettwanzen, die die Folter von Beczásy durch die Securitate kommentieren, das ist nicht nur innovativ, sondern schafft auch zudem noch einen notwendigen Abstand zum Protagonisten, um das Grausame besser ertragen zu können. Die letzte Szene mit dem Eichhörnchenzirkus ist eine der abgedrehtesten Allegorien, die ich jemals gelesen habe und soll möglicherweise – aber vielleicht missinterpretiere ich ja auch – den Tod des Diktators Nicolae Ceaușescu darstellen.

 

Fazit: Ein guter innovativer Roman, der für mich auf Grund meiner dürftigen Kenntnisse der historisch-politischen Fakten einfach ein bisschen zu wenig funktioniert hat. Ich bin mir sicher, Kenner des Landes und der Geschichte werden restlos begeistert sein. z.B. Peter Nádas, der den Roman sehr lobt und die persönlichen Visionen der Autorin als „unsere fürchterliche gemeinsame Geschichte“ bezeichnet. Trotzdem war der Roman auch für mich nicht unspannend und herausfordernd. Ich bin froh, dass ich auch manchmal ein Werk aus einem kleinen Verlag rezipieren darf, das völlig abseits des literarischen Mainstream agiert.

#metoo Roman

Im Blick - Marie Luise Lehner

Marie Luise Lehner greift mit ihrem feministischen Frauenroman viele heiße Eisen und heftig diskutierte Themen der letzten paar Jahre an: Geschlechteridentität, Homosexualität in der Jugend, sexuelle Übergriffe auf Frauen und Alltagssexismus, die im Rahmen der viel diskutierten #metoo Debatte endlich mal aufs gesellschaftliche Tapet kamen.

 

Ihre Romanfiguren, die anonyme Protagonistin, ihre wunderschöne angebetete Geliebte, die nur mit Du angesprochen wird, Anja die beste heterosexuelle Freundin aus der Schulzeit, mehrere gute Freundinnen und die Exfreundin der Geliebten, die Wölfin, leben im Universum des Heranwachsens und der frühen Adoleszenz und setzen sich eher weniger als mehr mit der im ersten Absatz genannten brisanten Thematik auseinander. Sie sind eigentlich nur betroffen und leben so vor sich hin mit ihren Problemen, ohne jemals irgendwas zu reflektieren, zu thematisieren oder zu hinterfragen, geschweige denn, sich mal richtig wütend über etwas aufzuregen.

 

Die Gedanken, die die Autorin auf den Tisch des gesellschaftlichen Diskurses legt, sind extrem wichtig, dennoch bleiben sie bedauerlicherweise nur kurze Ideen und Schlaglichter gleich einem Stroboskop. Dieser Eindruck entsteht auch zusätzlich durch den Stil, denn die Geschichte springt ziemlich unvermittelt, sehr dekonstruiert und fragmentiert zwischen den Figuren, den Handlungssträngen, den Themen und sehr dissoziativ zwischen der Vergangenheit und Jugend mit Anja und der Gegenwart mit der Geliebten und den Freundinnen. Das ganze Konvolut wirkt weniger wie ein Roman, eine Geschichte aus einem Guss, als vielmehr wie ein Rohkonzept dazu – es scheint unfertig und liest sich sehr holprig.

 

Irgendwie verweigern sich sowohl die Autorin als auch die von ihr konzipierten Romanfiguren komplett einer intensiven Auseinandersetzung mit den Themen und einer gesellschaftlichen Diskussion. Gegenargumente werden nie ausgeräumt, weder breit theoretisch erörtert, noch gibt es eine Figur in der Geschichte, die diese Rolle und die Position argumentativ übernimmt. Damit erweist sie der feministischen Literatur und dem sehr wichtigen Anliegen einen Bärendienst, weil die Figuren nur egozentrisch um sich selbst kreisen und die angesprochenen Probleme einfach zwar unreflektiert und unangenehm berührt hinnehmen, aber auch ihre feministische Position zu der gegenwärtigen Situation, nie ausführlich begründen.

 

Am besten demonstriert dies jenes Beispiel, dass sich die Figuren Anja und die Protagonistin in ihrer Jugend oftmals durch Drogenkonsum oder Autostoppaktionen in der Pampa nicht nur in Österreich sondern auch im Ausland in gefährliche Situationen begeben haben und dann eben postwendend sexueller Belästigung ausgesetzt waren. In einem Nebensatz wird irgendwie vermittelt, dass dies keine Rolle spielen sollte. Punktum! Na Bumm!

 

Abgesehen davon, dass ich total derselben Meinung bin, sollte man hier schon mal breiter diskutieren, warum diese Aussage so im Sinne der Gleichberechtigung und der Ablehnung von Täter-Opfer-Umkehr wirklich ihren Sinn hat. Dazu fallen mir persönlich mehrere Punkte ein.

 

Eine Frau darf nie schwach und muss immer auf der Hut und gerüstet sein, einen Übergriff auf ihre körperliche Unversehrtheit abzuwehren – sie muss quasi jederzeit damit rechnen, dass ihr etwas angetan wird. Da würden nun viele Leute in der im Roman thematisierten Situation sagen, dass die Mädchen selbst schuld seien, da sie aus jugendlichem Leichtsinn diese gefährlichen Situationen herbeigeführt haben. Abgesehen davon, dass so etwas betrunkenen oder von Drogen benebelten Männern von Frauen so gut wie nie angetan wird und wenn es so wäre, würde der gesellschaftliche Konsens die Täterin nie in Schutz nehmen. Aber was wäre, wenn die Frau durch Krankheit, Autounfall, Ohnmacht … außer Gefecht gesetzt ist – ist sie dann auch noch immer selbst schuld, da sie sich nicht mehr wehren kann? Und glaubt mir, nicht immer ist ein Rausch ersichtlich, es könnte auch ein Insulinschock oder etwas anderes sein. Hier würde nämlich dann die Grenze für viele Übergriffige anfangen, die sie aber nicht mal erkennen könnten, denn sie sind keine Ärzte.

 

Zweitens was wäre tatsächlich eine Situation, sich in Gefahr zu begeben, bei der das Opfer seine körperliche Souveränität verliert und selbst schuld ist? Sich mal außerhalb des Elternhauses aufzuhalten? Irgendwo fern der Heimat in die Schule zu gehen oder zu arbeiten? In eine Disko zu gehen? In die Ferne zu reisen? Wo beginnt die Gefährdungslage von Frauen, die dann automatisch Freiwild werden? Die Gefährdungslage beginnt aus meiner Erfahrung und auch aus vielen dokumentierten Missbrauchsfällen schon in der Teenagerzeit bei einer Schule oder einem Internat fern der Heimat, in der Täter nicht mehr die Eltern fürchten müssen. Von Übergriffen und Missbrauch im häuslichen Umfeld möchte ich in diesem Kontext noch gar nicht sprechen.

 

Drittens warum können junge Frauen überhaupt nicht auch mal leichtsinnig ihre Grenzen austesten, ohne gleich bedroht zu werden, einem Verbrechen zum Opfer zu fallen. Junge Männer tun dies in den diversen Fortgeh- und Trinkritualen fast ihre ganze Jugend lang. Warum müssen Frauen immer in Angst leben? …

 

Dies sind nur ein paar Argumente, zu nur einer im Roman beschriebenen Situation, die ich persönlich in die Diskussion werfen möchte und von der ich mir erwartet habe, dass diese Auseinandersetzung die Aufgabe der Autorin wäre. Leider tut sie hierzu und auch zu allen anderen Themen nichts. Man muss nicht nur Männer sondern auch Frauen argumentativ ein bisschen bei diesen Themen abholen oder ihnen zumindest in der Diskussion auf halber Strecke entgegenkommen, um wirklich etwas in den Köpfen zu ändern. Wenn man sich aber der Kommunikation verweigert, und wie in diesem Roman nur egozentrisch um sich selbst kreist, bringt das gar nichts im offenen Diskurs, im Gegenteil, der vor allem heutzutage durch den gesellschaftlichen Backslash so dringend notwendige Feminismus wird ein weiteres Mal als total abgehoben diffamiert.

 

Fazit: Ein feministischer Roman mit sehr wichtigen Themen, aber leider kein guter. Mein Urteil bezieht sich sowohl auf Inhalt, stilistische Form aber bedauerlicherweise zudem auch noch auf die Auseinandersetzung und den Diskurs zu diesen brennenden Fragen.

Die Vergangenheit holt uns alle ein

Es scheint die Sonne noch so schön - Barbara Vine

Oh wie liebe ich diese A-Z Autorinnenchallenge. Beim Buchstaben V habe ich erneut eine für mich komplett neue Schriftstellerin entdeckt, die mir sehr gut gefallen hat. Barbara Vine kann wahnsinnig gut fabulieren, die akuraten Landschaftsbeschreibungen, die atmosphärische Dichte des Plots und die intensiven Figurenentwicklungen fallen zuerst ins Auge. Sehr schnell war ich als Leserin gemeinsam mit dieser Kommune auf diesem geerbten Landsitz in der Nähe von London.

 

Die Story weist eine sehr spannende Konstellation auf. In einem Haus werden zufällig die Knochen einer Frauenleiche und anschließend auch noch eines Babies entdeckt. Dieser Roman ist nun vordergründig die Geschichte jener fünf Personen, die mehr oder weniger gut mit dem Trauma der Vergangenheit, das dem Leser erst nach und nach enthüllt wird (Mord Totschlag Unfall), zurechtkommen.

 

Die Handlung springt sehr schnell und unvermittelt permanent zwischen Gegenwart und Vergangenheit, was ein bisschen herausfordernd zu lesen aber punktgenau konzipiert ist, denn die drei männlichen Protagonisten haben dieses mehr als zehn Jahre alte Trauma noch nicht wirklich verarbeitet, das schlechte Gewissen und die Selbstvorwürfe holen sie immer wieder ein, trotz aller Vertuschugnen gelangen die Wahrheit und alle verdrängten Fakten allmählich an die Oberfläche des Bewusstseins. Das ist auch psychologisch sehr gut konzipiert, durch den Fortschritt der polizeilichen Ermittlungen werden die Herren der damaligen Kommune allmählich nach und nach nervös, weichgeklopft und offenbaren sich selbst und dem Leser das Geständnis, die Beichte, was wirklich passiert ist.

 

Auch beim Kriminalplot wurde ich am Ende des Romans noch einmal gehörig überrascht, was mir sehr viel Vergnügen bereitet hat, denn ich werde sehr gerne ein bisschen and der Nase herumgeführt.

 

Fazit: Ein psychologisch klug konziperter, sprachlich und inhaltlich anspruchsvoller Roman mit einem spannenden Krimiplot. Warum ich nun speziell bei diesem Buch nur 4,5 Sterne vergebe, weiß ich auch nicht so genau, aber es könnte daran liegen dass sich die Geschichte zu Beginn ein bisschen zu gemächlich entwickelt. Vielleicht liegt es aber auch wahrscheinlich daran, dass ich zusätzlich 2 Bücher von der Autorin gekauft habe, die möglicherweise auch noch viel besser sind.

Versteckenspielen mit Leiche

Walter muss weg: Frau Huber ermittelt. Der erste Fall - Thomas Raab

Wenn ein Schriftsteller eine neue Reihe mit einem ganz neuen Setting und taufrischen Figuren startet, bin ich immer sehr erfreut, denn ich bin der Meinung, dass sich die Protagonisten und die Story irgendwann zwischen Band 4-8 stark abnutzen und der Schwung, die Innovation in dem geschaffenen Universum fast immer verlorengehen. Ich war ja Fan der ersten Stunde von der Metzger Reihe, bei der es mir ab Band vier genauso ging.

 

Thomas Raab hat nun einen neuen ländlichen Mikrokosmos namens Glaubenthahl mit einer etwas grantelnden Seniorenermittlerin namens Hannelore Huber geschaffen, der mir sehr gut gefällt. Besonders hat mich vor allem der bösartige, richtig fiese Humor des Autors erfreut, aber auch dieses ländliche Amigogehabe und die Ämterkummulation in den know-how-mäßig und personell ausgedünnten Dorflandschaften, die ja förmlich nach Korruption, Vertuschung und größeren Verbrechen schreien, haben mich sehr amüsiert. Die Renitenz, die Bauerschläue und die Altersboshaftigkeit triefen fast aus jedem Buchstaben dieses Romans.

 

Der Mann von Frau Huber, der titelgebende Walter, ist also gestorben, seine „trauernde Witwe“ ist erstens irgendwie ein bisschen erleichtert und freut sich zweitens ob ihres neu beginnenden selbstbestimmten Lebens.

Beschwingt dabei ihr Schritt, der Gehstock nur Atrappe, Placebo, Werkzeug, und ja, kurz kam der alten Huber unterwegs sogar ein Lächeln aus. Und das will was heißen bei Mundwinkeln, die sonst kaum über die Waagrechte hinausragen. War ja auch kein lustiges Leben bisher. Genau dieser betrübliche Zustand sollte sich nun grundlegend ändern.

An diesem Punkt setzt der Autor mit dem Text eines Liedes, das der Protagonistin in den Sinn kommt, auch noch einen von ein paar grauslichen, sehr witzigen Ohrwürmern, vor dem ich alle prophylaktisch warne. Also klickt auf eigene Gefahr hier.

Ein ziemlich kleiner magerer Mann war ihr Walter, stets darauf bedacht, sein Gegenüber auf Augenhöhe herunterzubekommen, sprich ein paar Köpfe einzukürzen. Selbsterhöhung durch Fremderniedrigung. Ganze Familien, Länder oder gleich der komplette Globus mussten da schon ihren Schädel hinhalten, nur weil sich so ein einzelner Giftzwerg nicht richtig auswachsen durfte.

Doch irgendwie will dieser blöde Gatte nicht in die Grube, denn im Sarg liegt ein anderer, was durch einen Unfall bei der Beerdigung zufällig zu Tage tritt. Walters Leiche ist verschollen, selbst im Tode schlägt er der Witwe noch ein Schnippchen, spielt sich in den Vordergrund, indem er quasi davonläuft. Das und der Mangel an kompetentem Personal in der ländlichen Idylle, das das Verbrechen aufklären könnte, inspiriert die alte Huber, sich selbst auf die Suche nach Walter zu begeben und den Grund für die weitere Leiche(n) bzw. die Vertauschung aufzuklären.

 

Was dann folgt, ist ein recht vergnüglicher typischer Landkrimi mit Korruption, Vertuschung, Amigos, Liebe, und Toten, der vom Krimiplot her aber wenig sensationell und effektheischend ist. Im Gegenteil, am Ende bleibt recht wenig Kriminalhandlung übrig. Die Figuren sind liebevoll entwickelt und die Sprache ist Raab-typisch ganz meine, trotz gewollt simpler Konstruktion voll Wortwitz und Fabulierkunst.

 

Dennoch hat mich stilistisch in diesem Werk etwas so massiv gestört, dass es mir nach und nach die Leselust vergällt hat. Raab arbeitet mit folgendem Konzept: Die Gedankensprünge werden im Stakkato eingesetzt. Er stiftet absolute Verwirrung, klärt auf den nächsten Seiten alles wieder auf und setzt zum erneuten Gedankensprung an. Das ist fast so wie beim Angeln: ausholen … reinziehen … ausholen … reinziehen. Am Anfang war es nur ein bisschen anstrengend, herausfordernd und erforderte Konzentration, aber da sich dieses Stilmittel durch den ganzen Roman zog, war es letztendlich nur noch nervig, da es den Lesefluss und die Rezeption der Handlung enorm störte.

 

Fazit: Eine gute neue Reihe mit einem für mich ansprechenden Setting. Der Roman hat aber ob des mageren Krimiplots und der stilistischen Mühsamkeit noch einiges an Luft nach oben.