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awogfli

Awogfli - Bookcroc

Ich bin Buchgourmet und Buchgourmand quer durch viele Genres

Durch die Gästebetten von Paris - mit Einblick über den soziokulturellen Nukleus der Grande Nation

Das Leben des Vernon Subutex 1: Roman - Virginie Despentes, Claudia Steinitz

Im Zentrum dieses sehr zynischen Einblicks in die französische Gesellschaft steht Vernon Subutex, ehemals Inhaber eines Plattenlandens, den als Technologieverlierer der Internet-Onlinehandel aus seinem Job und seiner Kernkompetenz gefegt hat. Nun ist seine Expertise nicht mehr nützlich, er wird durch die Umstände zu wenig brauchbarem Menschenschrott, eine Weile hält er sich noch durch die Sozialhilfe über Wasser, aber irgendwann ist auch damit Schluss, er verliert diese und damit auch postwendend seine Wohnung.

Durch diese Plotwendung erzeugt die Autorin Virginie Despentes einen guten, gleichsam zwangsläufigen Überblick über unterschiedliche Prototypen der französischen Gesellschaft mit ihren Lebenskonzepten und Schicksalen, denn aus der Not heraus mit einer hanebüchenen Ausrede auf den Lippen quartiert sich Vernon kurzfristig bei sehr vielen seiner Kumpels aus seinem ehemaligen riesigen Freundeskreis ein. Um niemanden zu sehr zu strapazieren und auch durch sehr dumme Aktionen von Vernon, sind diese „Notschlafstellen" nur Intermezzi beziehungsweise Übergangslösungen und machen den Roman dadurch zwar nicht zum Road-trip, denn Vernon besitzt kein Auto, sondern zum innerstädtischen Pflasterspektakel.

Sehr viele von Vernons Freunden haben sich seit den alten unbeschwerten Zeiten von Sex, Drugs and Rockn‘ Roll in Vernons Plattenladen enorm verändert. Viele laufen entweder ihrer verlorenen Jugend nach, haben sich selbst verraten, oder sind gestorben wie die Fliegen, einige haben ihren sich in der Teenagerzeit abzeichnenden Arschlochcharakter einfach noch um ein Vielfaches vertieft, manche sind in ihrer jugendlichen Unruhe und Suche nach sich selbst noch immer steckengeblieben und haben sich verloren. Wie bei einem Kaleidoskop zeichnet Despentes die unterschiedlichen Archetypen des intellektuellen Mittelstands: Der erfolgreiche Sänger Alex, der an seinem Ruhm zerbrach und gestorben ist, der rechte nationalistische wenig erfolgreiche Drehbuchautor Xavier, der eine reiche Frau geheiratet hat, die ihn verachtet, eine Online Reputationsmanagerin, genannt die Hyäne, die in Wahrheit ja nur die geschönte Bezeichnung einer Schmutzkübelcampagnisiererin verkörpert, zwei ehemalige Pornodarstellerinnen, wobei eine es geschafft hat und die andere auch schon gestorben ist, Sylvie eine Frau die Vernon im Gegenzug für ein warmes Bett gebumst hat, und die nach Vernons Laufpass zu einem Facebook Racheengel mutiert, ein sehr erfolgreicher Filmproduzent, Gaelle, die sich noch immer bei wohlhabenden Irren durchschnorrt und Vernon mitzieht und so weiter und so fort.

Die Autorin fährt ein Potpourri des Zynismus auf, in dem wie beiläufig viele moderne Themen gestreift und durchphilosophiert werden, Sex, Porno, Drogen, Ehe, Familie, Politik, Links und Rechts, der Sozialstaat, neue Technologien, Wohlstandsverlierer, Kapitalismus, Reichtum, Hedonismus, Egoismus, Tierliebe, Eifersucht, Wahnsinn, ... Alle diese einerseits zeitlosen als auch in der Sicht der modernen Welt neuartigen Ausprägungen des Menschlichen werden aufgefahren. Keine Figur – nicht mal Vernon - ist wirklich sympathisch alle tragen eine gehörige Arschlochkomponente zur Schau.

In ihrem Zynismus der Misanthropie erinnert mich die Autorin frappant an …. na an wen? -  an einen handwerklich besseren und moderneren Houellebecq, der nicht vor 20 Jahren in seiner schriftstellerischen Entwicklung steckengeblieben ist, einfach sorgfältiger recherchiert, sich keine so sagenhaften technologischen und logischen Schnitzer leistet und der nicht ausschließlich seinem Sexismus und dem Faible für Skandale frönt. Das ist insofern sehr witzig kurios, da man meinen könnte, Houelle wäre in diesem Fall in den Geist und den Körper einer Frau geschlüpft. Stellt Euch das mal praktisch vor, das wäre wirklich die Hölle für ihn!

„Sie hat nie verstanden, was junge Mädchen daran finden, mit älteren Männern zu schlafen. […]„Männer ihres Alters stoßen sie ab, ihre Eier hängen herab wie sklerotische Schildkrötenköpfe. Sie könnte kotzen, wenn sie sie anfassen muss."

„Internet ist für Eltern so, als würde man dir dein Kind rauben, noch bevor es lesen kann.“

„Er steht hier und kauft ein, anstatt zu arbeiten, weil Madame nicht will, dass man sie für ein Dienstmädchen hält, aber die dreckigen Faulenzer von Kanaken hängen draußen rum, ohne einen Finger krumm zu machen. […] Zusammen mit den Arbeitslosen, denen die Stütze in den Arsch geschoben wird, sitzen sie den ganzen Tag im Cafe, während ihre Weiber schuften. Die machen nicht nur alles im Haus, ohne zu jammern, und gehen arbeiten, um ihre Kerle durchzufüttern, sie müssen sich auch noch einen Schleier umhängen, um ihre Unterwerfung zu demonstrieren. Das ist doch Psychoterror! Alles nur, damit der französische Mann merkt, dass er nichts mehr wert ist.“


Alle Figuren sind detailgetreu tiefgründig mitsamt ihrer Geschichte und den Einstellungen zum Leben entwickelt und irgendwie miteinander verwoben. Man hat das Gefühl, Paris ist nicht viel mehr als ein kleines Dorf, vor allem was Vernons Kohorte betrifft. Das letzte Interview des berühmten Sängers Alex, das in Vernons Besitz sein soll, spielt auch eine Rolle, warum sich so viele Menschen mit diesem Verlierer überhaupt abgeben wollen. Am Ende des ersten Teils ist Vernon ganz unten, nämlich nicht nur ohne Wohnung sondern richtig obdachlos draußen auf der Straße angekommen und kann auch von dort einen Bericht über den Zustand dieser französischen Subkultur abgeben.

Fazit: Ich persönlich bin sehr begeistert, muss aber anmerken, dass dies nicht unbedingt ein Werk für alle ist, denn es ist beinharter Tobak. Wer Zynismus, Bösartigkeit, Menschenfeindlichkeit und grenzenlosen Pessimismus bezüglich der Gesellschaft schwer erträgt, sollte die Finger davon lassen. Denn zumindest im ersten Teil hat die Autorin jeden Funken der Hoffnung mit der Perfidie einer Göttin in ihrem fiktiven bitterbösen selbstkonzipierten Mirkoversum namens Paris ausgeblasen. Wundervoll, genial, großartig und absolut lesenswert. Für mich schon im Jänner ein erstes Highlight des Buchjahres.

Ich will auf jeden Fall unbedingt wissen, wie es weitergeht!!!!

Das Leben als Domestikensudoku

Ich war Diener im Hause Hobbs: Roman - Verena Roßbacher

Ja dieser Roman war tatsächlich ein ganz kleines bisschen mühsam, aber kennt Ihr den Unterschied zwischen einem Buch, das ausschließlich anstrengend ist und einem, bei dem sich am Ende alle Mühe gelohnt hat? In die Kategorie fällt nämlich punktgenau diese Geschichte. Alle Rätsel lösen sich am Ende auf, die Handlungsstränge werden entwirrt, aufgeklärt und genau zusammengeführt. Wie bei einem gut gelösten Kreuzworträtsel fallen die Buchstaben in die richtige Reihe, das Losungswort poppt auf und das Gesamtbild wird sichtbar.

 

Die Beschwerlichkeit des Romans ist übrigens von der authentischen Sorte und liegt am Protagonisten, dem Butler Christian Kaufmann genannt Krischi. Krischi ist nicht wirklich sympathisch, er ist nebulös und nichtssagend, denn er hat kaum Persönlichkeit, er ist ein exzellenter aktiver Verdränger, der sogar aus der Vergangenheit nur Fakten mitnimmt, die sein Weltbild nicht allzu sehr erschüttern, er checkt mitten im Auge eines Hurrikans und des Geschehens so gut wie gar nichts, obwohl sogar unbeteiligte Dritte alles mitbekommen und schon mit dem Zaunpfahl winken. Krischi bleibt stoisch, uninvolviert, neutral, respektive feige – ein richtiger Mehlwurm. Da der Leser ausschließlich aus der Sicht von Krischi ins Geschehen der Geschichte eintaucht, ist durch diesen Charakter der Plot oft verwirrend und lückenhaft, aber eben auch authentisch.

 

Als der im österreichischen Kleinstadtmilieu Feldkirch geborene junge Mann nach der Butlerschule bei der reichen Züricher Familie Hobbs zu arbeiten beginnt, ist er sogar bereit, wegen einer marginalen Namensgleichheit in der entfernten Verwandtschaft seinen Namen abzulegen und sich fortan Robert zu nennen, um Verwechslungen vorzubeugen. Die Familie Hobbs ist ein recht guter Arbeitgeber: reich, großzügig, freundlich, sehr hedonistisch, aber auch etwas verkorkst. Der erfolgreiche Businessmann Hobbs hat einen Zwillingsbruder, der auch im gemeinsamen Haushalt mit den Kindern lebt und möglicherweise eine Affäre mit seiner Schwägerin hat. Aber Krischi denkt nicht einmal eine Sekunde darüber nach, er hält sich wie immer aus allem raus. Frau Hobbs ist überhaupt so ein Typ Marke verwöhntes, wunderschönes, gepflegtes und sehr unkompliziertes Weibchen, das sich jeden Mann nimmt und einverleibt, der nicht bei drei auf den Bäumen ist. Eine Frau, die die Männer reihenweise ins Verderben stürzt, weil sie sich in sie verlieben, während sie schon wieder wie ein Schmetterling von Blüte zu Blüte flattert. Was sie wirklich bei ihrem Mann hält, findet der Leser nie heraus, denn Robert/Krischi hat sich nie Gedanken darüber gemacht, wahrscheinlich ist es der angenehme reiche und opulente Lebensstil, den der Ehemann gewährleisten kann.

Irgendwann kollidieren die berufliche und die private Welt von Krischi genannt Robert.

 

Als Frau Hobbs mit ihm in seine Heimatstadt Feldkirch fährt, seine besten Freunde Olli, Isi und Gösch kennenlernt und mit einem von ihnen eine Affäre beginnt, entwickelt sich ein unabsehbares episches Drama, das aus der Vergangenheit und dieser unangenehmen Situation resultiert und in einem tödlichen Finale gipfelt. Dabei wollte Krischi immer sein Privatleben von seinem Butlerjob trennen. Auch in dieser Situation versucht er, sich anfänglich rauszuhalten, bis diese „Kopf in den Sand“-Strategie nicht mehr funktionieren kann, da er persönlich und auch seine Freunde viel zu sehr involviert sind. Als er endlich aktiv wird, setzt er gemäß seiner Rolle als Dilettant in Beziehungsangelegenheiten genau die falsche Aktion und macht sich auch noch mitschuldig an dieser Tragödie, die er weder verursacht hat, noch kontrollieren kann.

 

Wie schon gesagt zwischendurch war ich schon sehr irritiert über das verworrene Beziehungsgeflecht, das die Autorin zwischen der Familie Hobbs und den Freunden von Krischi inklusive Anspielungen auf die Vergangenheit spinnt. Aber im Endeffekt entpuppt sich die Geschichte gleichsam als griechische Tragödie, die einfach nicht aufzuhalten ist.

 

Stilistisch haben mir sowohl die Sprache als auch der ab und an aufblitzende Humor in der Story sehr gut gefallen. Die Autorin macht zum Beispiel ziemlich respektlos und genial ihre humoristischen Anmerkungen zu den typischen literarischen Werken, die man so in der beginnenden Adoleszenzphase liest und probiert. Da werden Hesse, Max Frisch, Marlen Haushofer, Franz Kafka, Albert Camus und Thomas Bernhard beziehungsweise die typische jugendliche Beschäftigung mit diesen Werken ganz köstlich durch den Kakao gezogen.

 

So liefert Krischis Freund Gösch zum Thema James Joyces Ulysses folgende Aussage im Rahmen eines Referats ab:

Man vermutete in ihm einen ausgebufften feindlichen Ausländer und in seinen Schriften wichtige Marschanweisungen fürs feindliche Ausland, die aber offensichtlich so unentschlüsselbar waren, dass auch das feindliche Ausland fassungslos davorsitzen würde. […] Tatsächlich aber blättert man ja bis heute ratlos im Ulysses und rätselt, was er da eigentlich ausspioniert hat. Er war gar nicht so avantgardistisch, wie alle immer denken, Ulysses war einfach der missglückte Versuch, militärische Strategien zu verschlüsseln.

 

Peter Handke wurde einmal gefragt, ob er nicht eine Lesung machen wolle in Feldkirch, er sagte, „Ach wissen Sie, ich habs schon schwer genug in meinem Leben.“

Alle Figuren sind sehr detailgetreu, tief und liebevoll entwickelt. Oft fragt man sich als Leser, was die von der Autorin ausschweifenden Einzelheiten zu den Personen überhaupt mit der Geschichte zu tun haben, aber im Finale des Romans sind sie tatsächlich wesentlich, das erschließt sich erst ex post. Auch die extrem genau skizzierten und breit angelegten Nebenfiguren ergeben schlussendlich einen Sinn, denn sie sind die einzigen, die als Außenstehende die reale Situation überblicken und liefern letztendlich die letzten Anstöße zur Auflösung der offenen Fragen.

 

Ein kleiner Umstand hat mich dennoch in der Endabrechnung des Romans gestört. Die Autorin kündigt quasi von der ersten Seite der Geschichte beginnend die große Tragödie unentwegt inflationär immer wieder an. So etwas nervt mich enorm. Ich lasse mich gerne überraschen, und diese effektheischende Einpeitschung durch Spoilern kann ich gar nicht leiden. Wahrscheinlich ist dieser für mich unangenehme Stilgriff jedoch dem Umstand geschuldet, dass die Geschichte schon über weite Strecken ein bisschen verwirrend ist, und andere Leser bei der Stange halten soll, den Roman nicht vorzeitig abzubrechen.

 

Fazit: Ein verworrenes sehr vielschichtiges Beziehungsdrama, das ein bisschen Durchhaltevermögen erfordert, das aber wie bei einem guten Krimi oder einem guten Rätsel durch die Aufklärung aller Hintergründe dann ziemlich genial finalisiert.

Ich war Diener im Hause Hobbs von Verena Rossbacher ist 2018 im Verlag  Kiepenheuer & Witsch in Hardcover-Ausgabe erschienen. Nähere Infos zum Buch über einen Klick auf das Cover im Beitrag oder auf der Verlagsseite.

Sa-Tierische Schreibversuche

Menschen, Tiere und andere Dramen: Warum wir Lämmer lieben und Asseln hassen - Peter Iwaniewicz

Der Autor Peter Iwaniewicz hat es schon schwer mit mir, denn ich habe im August hier im Blog bereits Helmut Höges Werk Die lustige Tierwelt und ihre ernste Erforschung sehr begeistert rezensiert und der Stil wie auch die Intention beider Sachbücher ist sehr ähnlich: nämlich dem Leser populärwissenschaftlich, humorvoll und über den Tellerrand der Biologie hinausgehend, die Welt der Tiere nahezubringen. Ein Leser auf lovelybooks nannte dieses Konzept Sa-Tiere, was eigentlich kurz, knackig und in einem Wort punktgenau beschreibt, worum es sich handelt.

 

Nun ist bei einer ähnlichen Idee der erste Vertreter und Vorreiter nicht immer der bessere, aber in diesem Fall gilt bedauerlicherweise diese Regel, wobei ich mich tatsächlich sehr bemüht habe, die beiden Werke sehr fair und objektiv miteinander zu vergleichen und den Neuigkeitsbonus von Höge nicht in die Beurteilung einfließen ließ.

 

Menschen, Tiere und andere Dramen beginnt schon mal sehr vielversprechend. Der Einstieg von Iwaniewicz bezüglich seines Werdegangs als Biologe war sehr gut, aber ab dem Zeitpunkt, als er zu den eigentlichen Tieren kommt, flacht das Geschriebene ganz schön ab. Auch wenn es vom Stil her sehr ähnlich wie Helmut Höges Tierwelt daherkommt, ist dieses Sachbuch aber bei weitem nicht so brillant und witzig geschrieben.

 

Der Autor verliert bei seinem humoristischen fächerübergreifenden Rundumschlag, den ich als populärwissenschaftlichen Stil im Prinzip immer sehr schätze, da er die Kernmaterie aufpeppt, bedauerlicherweise total den Fokus auf sein eigentliches Thema Tier. Da geht es zwei Seiten lang um die weibliche menschliche Brust, dann auch noch um die humanoiden männlichen Penisvarianten und anschließend kapitelweise um Kunst, in der das Tier nur die Rolle des dargestellten Opfers einnimmt – das ist nur mäßig spannend aus der Sicht der tierischen Biologie. In der Intention witzig zu sein und sukzessive fächerübergreifend von Kalauer zu Kalauer zu galoppieren, hat der Autor sich verirrt und seinen eigentlichen Weg, seine Kernkompetenz und seinen Bezug zum Thema Tier ganz schön verloren.

 

Zudem leidet natürlich auch noch die konsistente Struktur durch die Sprünge in Siebenmeilenstiefeln von Witz zu Witz und durch die Fächer . Er hat sich zu Beginn kein Gerüst gebaut, wie er methodisch vorgehen will, sondern plaudert nur ganz unstrukturiert dahin. Somit bleibt erstens beim Leser sehr wenig hängen, bis auf die störenden Ärgerfaktoren, und wenn man nochmals etwas nachschlagen will, findet man es einfach nicht mehr in dieser sequentiellen Wurst von witzigen Fakten. Auch da hat sich Höge mehr überlegt, denn zusätzlich zum Umstand, dass er immer wieder zum Fokus Tier zurückkehrt, hat er sein Sachbuch thematisch auch noch in Form eines alphabetischen Registers strukturiert, was vor allem dem Leser sehr viele Ankerpunkte bietet.

 

Fazit: So bleibt noch zu sagen, dass dieses Werk über die Oberflächlichkeit, Unstrukturiertheit und Zerrissenheit wahllos aneinandergereihter Zeitungskolumnen (die der Autor ja tatsächlich schreibt) nicht hinauszugehen vermag und das ist mir für ein Sachbuch, das mich begeistern soll, einfach zu wenig.

Book2movierezension - Das finstere Tal

Das finstere Tal - Thomas Willmann

Book2moviechallenge 2019
Kategorie 3: ein Film/Buch aus dem Genre Krimi/Thriller:

Das Buch habe ich erstmals 2011 auf der Frankfurter Buchmesse gelesen, ich glaube sogar, das war mein erstes Rezensionsexemplar überhaupt. Es hat mich auf jeden Fall restlos begeistert. Als der Film in die Kinos kam, wollte ich ihn unbedingt als Open Air Veranstaltung im Juni sehen. Leider war es aber damals so saukalt, dass ich mich nicht überwinden konnte, draußen vor der Filmbar der der Donau-Uni mehr als eine Stunde mit einer Decke auszuharren, das war mir dann zu blöd. Als die DVD-rauskam, habe ich sie mir sofort gekauft, sie dann in ein Regal gestellt und bis zum Start der Book2moviechallenge 2019 total vergessen. Ich bin froh, dass ich all das nun nachgeholt habe und das Buch im Schnelldurchlauf nochmals überflogen bin.  

Zum Buch: ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ Sterne
An meiner ursprünglichen Bewertung hat sich nichts geändert, also lassen wir die Originalrezi von 2011 wirken und so stehen beziehungsweise fügen nur ein bisschen Inhalt hinzu, um Buch und Film perfekt vergleichen zu können.

Wow! Der letzte Satz des Nachwortes ist wirklich bezeichnend und charakterisiert treffend den grenzgenialen Genre-Mix: Ludwig Ganghofer trifft Sergio Leone.

Verpackt in die Enge und Bedrohlichkeit eines anspruchsvollen Heimatromans mitten in den Bergen wird dieses Buch perfekt nach und nach mit den Handlungssträngen eines guten Italo-Westerns vermischt. Die Motive des dem Showdown vorausgehenden Dramas sind nicht durch das Western-Genre, sondern durch die Gesetzmässigkeiten und Grausamkeiten des Lebens in abgeschiedenen Bergtälern geprägt. Die finale Abrechnung findet jedoch im Stile des Westens "Auge um Auge - Zahn um Zahn" statt.

Die Sprache dieses Werkes ist wunderbar und fabuliert episch breit die dumpfe Gefahr und die sich zum Leser neigenden drohenden Berggipfel mit ihrer Enge und Unausweichlichkeit nahezu herbei. Man sitzt in diesem Dorf, der -gemeinschaft in den Regeln und der Engstirnigkeit gleichermaßen in der Falle und fiebert dem unabwendbaren Ende entgegen.

Der Amerikaner Greider kommt Ende des 19. Jahrhunderts als Gast und Maler in ein abgeschiedenes Bergdorf in den Alpen. Nach und nach entpuppt er sich als Rächer, der mit der Dorfgemeinschaft abrechnet, um das Verbrechen an seinen Eltern zu tilgen. Im Dorf ist vieles seit Jahrzehnten im Argen: Machtmissbrauch, Gewalt, Ius primae noctis, Vertuschung, Mord, Folter und Totschlag unter  Billigung der Dorfelite gehören zur Lebensrealität, mit der Greider nach und nach aufräumt.

So jetzt hoffe ich, dass ich nicht zuviel verraten habe.

Fazit: Unbedingt lesen! Sowohl für Fans von dunklen Geschichten als auch für Literaturfreunde.

Der Film: 4,5 Sterne aufgerundet auf ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️
Der Film steigt nicht so wie das Buch allmählich, sondern von Anfang an ganz punktgenau in die Bildsprache des Westerns ein. Obwohl die Handlung in den Südtiroler Bergen spielt, wurde das Western-Genre sofort in einer konsistenten Mischung aus Western und Heimatfilm umgesetzt: Die Pferde, die Gewehre, die Attitüde der Schauspieler, die Hüte (es gibt keinen einzigen Almseppelhut) und auch die sehr international anmutende Musik verorten den Film in diesem kongenialen Genremix, der keine Sekunde irgendwie unhistorisch oder unecht wirkt. Irgendwie hat man das Gefühl, dass die Alpen schon immer ein bisschen was von Western hatten. Zum Genremix des Buches zwischen Ludwig Ganghofer und Sergio Leone möchte ich bezüglich des Films auch noch einen gehörigen Schuss Quentin Tarrantino hinzufügen, um den modernen visuellen Stil vor allem bei den Gewaltszenen und dem Einsatz von Sound komplett abzudecken.

Die Filmusik und der Sound sind übrigens eine eigene Kategorie für sich. Die Soundtrack Songs klingen sehr amerikanisch, sind aber allesamt aus Österreich. Sehr gefallen hat mir der Titelsong von Clara Luzia Sinnerman und How dare you von den Steaming Satellites, sie könnten genausogut auch Quentin Tarantinos Opus Kill Bill oder Django Unchained begleiten. Aber auch die Soundeffekte, das Orchester aus Mostar, die dumpfen Hörner und die bedrohlichen Trommeln sind punktgenau eingesetzt und determinieren das Grauen und die Enge der Berge.

Eine kleine Änderung im Film-Drehbuch gegenüber der literarischen Vorlage hat mir besonders gut gefallen. Greider ist nicht mehr Maler, das lässt sich im Medium Film nicht so gut umsetzen, sondern eine Technologiestufe weiter. Er ist Daguerrotypist, einer der ersten Fotografen, der mit der neuen Technologie in die Berge kommt. Das Metronom wurde auch optisch kongenial in Szene gesetzt, indem es die Belichtungszeit misst zudem wird die Daguerrotypie von den Dorfbewohnern als Spiegel mit Gedächtnis bezeichnet.

Ansonsten ist optisch alles grandios umgesetzt. Die Berge, die Enge, der Regen, der Dreck, der Schnee, die Düsternis, die Armut, die harte Arbeit, die sich auf den verbrauchten Gesichtern der Dorfbevölkerung spiegelt, die Ausweglosigkeit, die Gewalt der Herrschenden, die bigotte Unterstützung der Verbrechen und der feudalen fundamentalistischen Machtstrukturen durch die katholische Kirche.

Die Schauspieler sind allesamt großartig, Tobias Moretti spielt sich zwar wieder mal selbst, aber da seine Figur ein Arschloch darstellt, kann er das brilliant, aus Erwin Steinhauer in der Rolle des bigotten Pfarrers haben sie fast einen Helmut Qualtinger gemacht, das ist grandios, die Luzi ist wundervoll und zuallerletzt auch noch die authentisch besetzte Rolle des Greiders durch den großartigen englischen Schauspieler Sam Reiley, der den Rächer so genial spielt und mit seiner knappen mit englischem Akzent gefärbten Sprache auch noch punktgenau verkörpert.

Bei der Sprache muss ich auch noch ein bisschen genauer ansetzen. Fast alle Schauspieler haben sich bemüht, das Tirolerische zumindest in Ansätzen rüberzubringen, in diesem Film gibt es keinen Mischmasch aus Wiener, Steirer, Niederösterreicher und Bayerndialekt - Hauptsache irgendwie Süddeutsch oder Österreichisch, bei dem es mich immer irritiert reißt, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass die Leute den Unterschied nicht hören können. Hier möchte ich auch mal der deutschen Schauspielerin Paula Beer in der Rolle der Luzi meine Hochachtung zollen. Die hat sich so perfekt ins Tirolerische hineingetigert, dass nur einheimische Ohren einen Unterschied werden feststellen können.

So aber nun muss ich noch den halben Punkt erklären, den ich bei aller Lobhudelei ausgerechnet in den letzten 10 Minuten des Filmes noch abziehen musste. Der Showdown von Greider und Brenner an dessen Krankenlager ist so ein typischer Hollywood Scheißdreck. Kennt Ihr das? Da ist die Rache schon eiskalt angerichtet, die Situation für das zukünftige Opfer ausweglos, die Puffe geladen, schussbereit der Finger am Abzug und dann labern Täter und potentzielles Opfer ewig lang rührselig herum wechseln auch noch bedeutungsschwangere Blicke und man denkt sich augenrollend: "Du Trottel drück doch ab, bevor noch was dazwischenkommt." James Bond laviert sich auch oft noch aus ausweglosen Situationen heraus, weil die Bösewichte ewig lang labern, sich rechtfertigen und nie zu einem Ende kommen. Das war eben im Film um einen Tick zu hollywoodesk, bedeutungsschwanger und langatmig.

Hab dann auch noch im Buch nachgelesen. Da wurde das Finale trotz des letzten Täter-Opfer Gesprächs und der Rechtfertigung auf vier Buchseiten kurz und knackig abgehandelt. Zumal im Buch auch noch die Motive von Brenner für die Verbrechen der Vergangenheit aufgedeckt werden, was im Film bedauerlicherweise total unter den Teppich gekehrt wurde.
"Weil ich bleiben wollt'! Weil ich alles sein sollt', ich!"
Dieser sehr philosophische Ansatz des Buches über den aussichtslosen männlichen Kampf gegen die Vergänglichkeit des Lebens bleibt dem Cineasten leider komplett verwehrt.

Fazit Film: Ein absoluter Blockbuster, und zudem von extrem hoher Qualität.

Fazit Buch gegen Film.
Im Fotofinish geht das Buch mit einem hauchdünnen Vorsprung eines Wimpernschlages über die Zielgerade. Wäre das etwas verpatzte Finale nicht gewesen, hätte ich sogar dem Film den Vorzug gegeben.

Book2movierezension - Die Vögel

Die Vögel (Verfilmt von Alfred Hitchcock 11) - Daphne du Maurier, Jens Wawrczeck, vitaphon

Book2moviechallenge 2019
Kategorie 12: Der Film ist berühmter und/oder besser als das Buch (in diesem Fall berühmter)

Das Werk von Daphne Du Maurier war mir und einigen anderen hier in goodreads gar nicht so geläufig. Erst als ich in einer Lese-Gruppe vor zwei Jahren Rebecca gelesen habe, fiel mir auf, dass sie noch einige weitere sehr berühmte Filmvorlagen geliefert hat: Wenn die Gondeln Trauer tragen und eben Die Vögel. Insofern hat mich die literarische Vorlage seit diesem Ereignis brennend interessiert und ich habe mir fest vorgenommen, sie ziemlich zeitnahe zu lesen. Es versteht sich von selbst, dass ich mir für die Book2moviechallenge auch den Film in den Weihnachtsferien angeschaut habe, den ich das letzte Mal in meiner Jugend sehen durfte.

Zum Buch: ⭐️⭐️⭐️⭐️
Eine sehr gute Kurzgeschichte, die aber mir persönlich wie viele Erzählungen dieses Typs einfach zu kurz ist. Das abrupte, offene Ende hat mich nicht ganz so begeistert.

Ansonsten war ich sehr angetan: die Grundidee ist schon mal grandios (á la die Natur schlägt zurück), die großartigen plastischen, gruseligen Beschreibungen des Gehackes und des Geflatters, dieser subtile Horror und das unterschwellige Grauen, das Du Maurier fast in jedem Satz verbreitet, die unterschiedlichen Vogelarten und die Strategie ihrer Angriffe, die in der Kürze sehr gut gezeichneten menschlichen Figuren, die gut geschilderten logisch konsistenten Überlebensstrategien der Familie, die politischen Anspielungen auf den Krieg und die Regierungskritik.

Ein wundervolles Potpourri, das eine sehr gute Geschichte ergibt, die leider wie eingangs erwähnt dem Leser ein definitives Ende vorenthält. Wobei die Tendenz und die Grundstimmung des Finales den Leser nicht gerade optimistisch zurücklässt, denn Nat raucht sich in totalem Fatalismus seine letzte Zigarette an.

Fazit: Absolut lesenswert!

Film 1,5 Sterne aufgerundet auf ⭐️⭐️
Die erneute Rezeption des Klassikers von Alfred Hitchcock als Erwachsener wirft meinerseits eine legitime Frage und drei sehr ernüchterte Feststellungen auf.
1. Warum zum Teufel habe ich mich als Jugendliche bei diesem Film überhaupt gefürchtet?
2. Es gibt Filme, bei deren Umsetzung man unbedingt warten sollte, bis die Technik so weit ist, dass die Geschichte glaubwürdig und nicht lächerlich umgesetzt werden kann.
3. Bei diesem Film hat Altmeister Hitch, dessen Werk ich prinzipiell sehr schätze, ordentlich ins Klo gegriffen.
4. Tippi Herdren ist wirklich eine grottenschlechte Schauspielerin - hab im Anschluss auch noch kurz bei Marnie vorbeigeschaut. Sie kann nur kuhäugig oder mit weit aufgerissenen Augen performen. In diesem Gesicht gibt es so gut wie keine feine Mimik.

Aber beginnen wir am Anfang: Ehrlich gesagt habe ich die ganze Zeit schallend gelacht. Die Tricktechnik aus den 60er-Jahren mit den Protagonisten im Auto im Vordergrund und der schlechten Filmmontage der Vögel hinten, nimmt dem ganzen Plot jedwede Gruseligkeit. Dabei ist Hitch ja ein Meister des Suspense (andere Filme wie Psycho oder Rebecca konnte man auch mit der damaligen Technik excellent inszeniseren), aber eine solch peinlich schlecht montierte Materialschlacht wie bei Die Vögel hätte er sich zumindest zu diesen Zeiten schenken sollen.

Auch die Schauspieler agieren urschlecht, was hat den Hitch denn da gebissen. Alle Figuren überperformen derartig künstlich und peinlich, als wäre der Cineast zu Gast bei einem Theaterstück bei dem man im Steinbruch 20 Meter weit weg sitzt und ganz schlecht sieht. Das gilt nicht nur für Tipi Hedren sondern für alle Figuren im Dorf, die entweder den Mund gaaanz weit aufreißen oder bedeutungsschwanger gaaanz pöhse dreinschauen.

Zuletzt der Sound: Ist er bei fast allen Hitchcock-Filmen integraler Bestandteil und Trägermedium für den gruseligen Horror, so ist bei die Vögel kein bisschen Hintergrundmusik, alles still. Aber auch das Gekrächze und Geflatter wird durch Übersteuerung so künstlich übertrieben, dass es nur noch lächerlich wirkt.

Typische Regie Anfängerschnitzer - also echte Regie-Anschlussfehler mit logischen Löchern wie Scheunentore habe ich dann auch noch gefunden. Wie peinsam. Auf der Gartenparty zum Geburtstag wird die Kindergruppe angegriffen alle Kinder Eltern etc. flüchten vor den Vögeln ins Haus. Schnitt. Nur mehr die erweiterte Kern-Familie befindet sich plötzlich im Haus. Wie konnten die anderen entkommen wenn die Vögel angreifen?

Auch die im Buch plausibel hergeleitete Strategie der Biester, nur bei Flut anzugreifen, wird im Film nicht thematisiert. Man weiß also nie, warum die Tiere manchmal angreifen und manchmal die Leute in Ruhe lassen. Oft zerhacken die Vögel mit Holz verbarrikadierte Eingänge und Fenster, wenn Tippi Hedren aber im ungeschützten Auto oder in einer Telefonzelle mit Glasfenstern sitzt, sind sie nicht fähig, die Scheibe zu zerbrechen?? Das ist im Film alles so unlogisch, dass es einem wirklich graust. Oder man kann es eben so wie ich irgendwann nur mehr witzig finden.

Das fatalistische Ende des Buchs wurde typisch ala Hollywood Blockbuster in ein Happy End umgeschrieben. Die Gruppe fährt verletzt davon. Wohin? Gibt es dort nicht auch diese Vögel, ist das Phänomen begrenzt? Auch hier existieren im Gegensatz zum Buch viele ungelöste Fragen, die einfach nicht logisch sind. Die politische Komponente der Kurzgeschichte wurde im Film auch komplett ausgespart, was mir gar nicht gefallen hat.

Fazit: Dieser Film schreit schon so dringend nach einem modernen Remake bzw. einer kompletten Neubearbeitung des Drehbuchs im Sinne der Autorin. Da kann man fast nix versauen sondern nur mehr besser machen.

Beurteilung Film gegen Buch:
Keine Ahnung, warum der Film so berühmt ist. Die Kurzgeschichte ist um Welten besser als der Film.

Book2moviechallenge - eine weitere Challenge, die ich 2019 absolvieren möchte

Hallo meine Lieben!
Heuer möchte ich zusätzlich zur EU-Challenge noch eine weitere Challenge reaktivieren, die mir bereits 2012 sehr viel Spass gemacht hat - nämlich die Book2moviechallenge. Diese habe ich bereits auf Goodreads mit einer kleinen Gruppe gestartet

Start 1.1.2019 Ende 31.12.2019

Derzeit kommen ja so viele neue Buchverfilmungen raus, da könnte man auch etwas basteln. Ich plane mir 13 Book2movierezensionen vor, bei denen Buch und Film gelesen und gesehen und gleichzeitig verglichen und rezensiert werden - auch die Sterne werden unterschiedlich vergeben. Dabei ist es nicht erforderlich, dass beides neu erlebt wird - man kann nachträglich selbstverständlich das Buch zum Film lesen oder den Film zu einem bereits gelesenen Buch anschauen, nur in der Rezension muss natürlich dann verglichen werden. Wenn die Buchfans von Euch aufschreien und sagen, der Film ist immer schlechter als das Buch, dann wird Euch diese Challenge eines besseren belehren. Mich hat sie auch völlig umgedreht, denn ich war bis zu dieser Challenge gar keine Cineastin.
Folgende Kategorien sind geplant:

1. ein Film der 2019 in die Kinos oder ins Fernsehen kommt:
2. die Verfilmung eines Literaturklassikers oder eines Literaturpreisträgers:
3. ein Film/Buch aus dem Genre Krimi oder Thriller:
4. ein Film/Buch aus dem Genre Science Fiction:
5. ein Film/Buch aus dem Genre Romantik:
6. ein Film/Buch aus dem Genre Komödie, Satire:
7. ein Film/Buch von einem deutschen Autor:
8. ein Film/Buch von einem österreichischen Autor:
9. ein Film/Buch von einem schweizer Autor:
10. ein Hollywood Blockbuster:
11. ein Zeichentrickfilm oder eine Märchenverfilmung darf auch Graphic Novel sein:
12. Ein Film der besser und/oder berühmter ist, als das Buch:
13. Ein Buch zu einer TV-Serie:

Ach ja eine Kategorie ist Streichresultat, wenn jemand ein Genre gar nicht mag.

 

Das Format ist folgendes:
3. ein Film/Buch aus dem Genre Krimi Thriller:
Stephen King: ES (mit Link zur Rezi) Buch: ⭐️⭐️⭐️⭐️ Film (2018) (Titel wenn unterschiedlich evtl. Regisseur): 3,5 aufgerundet ⭐️⭐️⭐️⭐️ (evtl. Rezidatum)

Die längere Dauer von 1.1.2019 bis bis 31.12.2019 ist deshalb gedacht, da ich nicht gern Stress verursache, könnten wir uns das ganze Jahr über Zeit nehmen, dann gibt es für uns im Durchschnitt 1/book2movie Rezi/Monat da kann man auch noch eine oder zwei andere Challenges absolvieren.


So aber nun mal zu meiner vorläufigen Auswahlliste:

hier ...
1. ein Film der 2019 in die Kinos oder ins Fernsehen kommt: da muss ich erst schauen habe bisher nur ein paar rudimentäre Zeitungsmeldungen gefunden. Wer eine größere Liste im Internet findet, bitte hier posten.
z.B. King Stephen: Friedhof der Kuscheltiere oder Marc Uwe Kling: Die Känguru Chroniken
2. die Verfilmung eines Literaturklassikers oder eines Literaturpreisträgers:
Ishiguro, Kazuo: Alles was wir geben mussten oder Jose Saramago: die Stadt der Blinden oder J.M. Coetzee: Schande oder Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Grey 2008
3. ein Film/Buch aus dem Genre Krimi Thriller: Willmann, Thomas: Das finstere Tal oder Jose Saramago: Die Stadt der Blinden
4. ein Film/Buch aus dem Genre Science Fiction:
Harry Harrison: New York 1999/ Film 2022 die überleben wollen oder Stephen King: Der dunkle Turm oder Robert A. Heinlein Starship Troopers
5. ein Film/Buch aus dem Genre Romantik Streichresultat
6. ein Film/Buch aus dem Genre Komödie oder Satire Timur Vermes: Er ist wieder da oder Yasmine Reza: Der Gott des Gemetzels
7. ein Film/Buch von einem deutschen Autor:
Julie Zeh: Unterleuthen oder Hans Fallada: Ein jeder stirbt für sich allein
8. ein Film/Buch von einem österreichischen Autor Erfriede Jelinek: Die Klavierspielerin
9. ein Film/Buch von einem schweizer Autor: Friedrich Dürrenmatt: Der Besuch der alten Dame Film mit Christiane Hörbiger oder Nachtzug nach Lissabon Paul Mercier
10. ein Hollywood Blockbuster David Mitchell: Cloud Atlas oder f. Scott Fitzgerald der große Gatsby
11. ein Zeichentrickfilm oder eine Märchenverfilmung darf auch Graphic Novel sein: Marianne Sartrapi: Persepolis
12. Ein Film der besser und/oder berühmter ist, als das Buch Die Vögel von Daphne du Maurier
13. Ein Buch zu einer TV-Serie: Margaret Atwood: Der Report der Magd


Falls jemand mitmachen möchte, meldet Euch! Die Kategorien können auch gerne noch umdefiniert werden. Mich würden Eure Book2movievergleiche brenndend interesseren.

 

Liebe Grüße Alexandra

 

Die Highfives von 2018

Manaraga.Tagebuch eines Meisterkochs: Roman - Vladimir Sorokin, Andreas Tretner Das geraubte Leben des Waisen Jun Do - Adam Johnson, Anke Caroline Burger QualityLand (Dunkle Edition) - HörbucHHamburg HHV GmbH, Marc-Uwe Kling, Marc-Uwe Kling Überleben: Der Gürtel des Walter Fantl - Gerhard Zeillinger Fremdenzimmer: Ein Volksstück (HAYMON TASCHENBUCH) - Peter Turrini

Auch wenn ich im Rahmen meiner A-Z Autorinnenchallenge 2018 sehr viele Bücher von Frauen gelesen habe, und viele sehr gut waren, hat es bedauerlicherweise keines auf meine Highfives-Liste für 2018 geschafft. Zumindest war Han Kang mit Margaret Atwood auf meiner Liste für 2017.

 

Nun präsentiere ich Euch meine Highlights des Jahres 2018 kurz und knackig:

 

 

Manaraga - Tagebuch eines Meisterkochs – Vladimir Sorokin
Eine meiner Lieblingsneuerscheinungen im Jahr 2018. Sorokins abgedrehte Dystopie über ein postislamistisches Europa im Jahr 2037, das auf Grund eines Krieges in mittelalterliche feudale Riten zurückgefallen ist und  in dem Erstausgaben von Büchern zum Anzünden von Grillgerichten benutzt werden, zeigt sowohl atemberaubende Fantasie als auch eine gehörige Portion Gesellschaftskritik am Verfall unserer Wissens- und Wertegesellschaft.

 

Das geraubte Leben des Jun Do – Adam Johnson
Meine positive Buchüberraschung in diesem Jahr. Über dieses Kleinod bin ich tatsächlich an einem sehr ungewöhnlichen Ort zufällig gestolpert, habe es mitgenommen und anlässlich der minimalen Öffnung Nordkoreas gegenüber der restlichen Welt sofort gelesen. Eine sehr surreale, entlarvende fiktive Geschichte über dieses für uns so fremde Land, die mehr reale Komponenten aufweist, als man den ersten Blick vermuten könnte. Sie hat meiner Meinung nach den Pulitzer-Preis redlich verdient. Einfach Großartig!

 

Qualityland – Marc-Uwe Kling
Für mich einer der besten technologie- gesellschafts- und politikkritischen Romane der letzten fünf bis sieben Jahre. Eine absolute Ausnahmeleistung bezüglich Plot, Satire, philosophischem und technischem Hintergrund. Von einer Dystopie kann man ja gar nicht mehr reden, denn ca. 90% ist irgendwo schon Realität in unserer automatisierten digitalisierten Lebensrealität. Vorreiter China hat eben ein in Qualityland ähnlich beschriebenes Social-Credit-System ausgerollt, das die gesellschaftlichen und ökonomischen Möglichkeiten einer Person anhand eines Bewertungssystems begrenzt, das sich an politischem und gesellschaftlichem Wohlverhalten orientiert. (von thursdaynext hier im Blog auch besprochen

 

Überleben - Der Gürtel des Walter Fantl- Gerhard Zeillinger
Diese Biografie schildert detailliert das Leben eines der letzten österreichischen Zeitzeugen des Holocaust, Water Fantl. Mit dem sehr neutralen Blick des Historikers werden die Stationen des Überlebenden geschildert: Die Idylle in Niederösterreich in der Kindheit, das Umkippen der Stimmung auf dem Land, die Übersiedlung nach Wien und der verzweifelte Versuch der Auswanderung, die Deportation nach Theresienstadt, der Abtransport nach Auschwitz und Gleiwitz, die Befreiung und letztendlich auch die Verlorenheit nach dem Überstehen des Horrors. Ein absolut lesenswertes Zeitdokument.

 

Fremdenzimmer – Peter Turrini
Der österreichische Altmeister der Literatur hat ein berührendes kritisches Theaterstück über ein typisches misanthropes Pensionistenpaar geschrieben, das durch die Umstände plötzlich damit konfrontiert ist, einen syrischen Flüchtling bei sich aufzunehmen. Beim näheren Kennenlernen des jungen fremden Mannes werden Zug um Zug Vorurteile abgebaut und die in Sprachlosigkeit erstarrte Beziehung des Paares zudem auch noch repariert. Dieses Werk gibt Hoffnung und zeigt den richtigen Weg, dass die Angst von Otto Normalbürger vor den Fremden durch Kennenlernen und Kommunikation sehr leicht zu vertreiben wäre.

Einzeltätertherorie? - Mord an Kaiserin Sisi

Sisis letzte Reise: Historischer Kriminalroman (Historische Romane im GMEINER-Verlag) - Uwe Klausner

Dieser historische Roman von Uwe Klausner ist diametral entgegengesetzt zu vielen Krimis, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Der Krimiplot wurde vom Autor sensationell spannend konzipiert, indem Fakten und Fiktion außergewöhnlich gekonnt miteinander verwoben werden.

 

Kaiserin Elisabeth wurde also am Genfersee von einem wirren Einzeltäter, Luigi Lucheni, einem Anarchisten durch einen Feilenstich ins Herz ermordet, als sie den Raddampfer nach Caux betreten wollte.

 

Der fiktive Protagonist Cesare Monteverdi, Redakteur der Tribune de Genève, ist vor Ort, um die Kaiserin zu fotografieren und lichtet per Zufall ein kurzes Gespräch des Chefs der Kriminalpolizei mit dem Attentäter ab. Fortan sind die Polizei und viele andere hinter ihm her, um ihm das Foto abzuluchsen. Nun stellt der Autor zwei gegensätzliche Theorien in den Raum, die natürlich beide sehr plausibel sind. Will die Polizei ihren atemberaubenden Dilettantismus vertuschen, da sie ja für die Sicherheit der Kaiserin verantwortlich war und den Attentäter nicht als Gefahr erkannt hat oder hält, indem die Polizei sogar ins Verbrechen involviert war, die Einzeltätertheorie nicht mehr? In einem sehr spannenden Finale inklusive Showdown wird diese Frage sehr geschickt von Cesare Monteverdi und seinem Freund, dem Privatdetektiv Auguste Beaulieu, aufgeklärt.

 

Leider ist die Figurenentwicklung auch entgegengesetzt zu anderen typischen Krimis außergewöhnlich schwach ausgeprägt. Durch die wirklich extrem rasanten Perspektivenwechsel, der vielzähligen unterschiedlichen Figuren, die wahrscheinlich den Stil des Krimis – ein Mittelding aus historischer Reportage und Roman – unterstützen sollen, ist die Story erstens sehr zerrissen, und die handelnden Personen bleiben mangels intensiverer nachhaltigerer Fokussierung farb- und substanzlos. So ergeben sich erstens ein sehr sprunghafter „unflüssiger“ Erzählstil, der den Rezipienten durch die Sichtweisen von zahllosen Personen permanent aus der Kern-Geschichte wirft und eine recht laue Identifikation mit den eigentlichen Protagonisten, die man einfach zu wenig kennenlernt. Schade, denn hätte der Autor zumindest in der Figurenentwicklung von Auguste bzw. Cesare und deren Gegenspielern etwas mehr Zeit und Mühe in der Konzeption verwendet, wäre ein grandioses Werk herausgekommen. Historische Reportage und Korrektheit hin oder her Mitfiebern und identifizieren muss sich der Leser in einem historischen Krimi schon. So ein neutraler Abstand passt allenfalls gut zu einem Sachbuch.

 

Fazit: Trotz der stilistischen Mühsamkein und mangelnder Figurenentwicklung gebe ich tendenziell schon eine kleine Leseempfehlung vor allem für Leute, die sich für Geschichte interessieren, denn der Plot ist wie gesagt grandios. Wie sagt schon das im Roman zitierte alte österreichische K&K Sprichwort, das auch 1:1 auf diesen Roman anzuwenden ist:

Se non e vero – e ben trovato. (Wenn es nicht wahr ist, ist es gut erfunden“)

 

Die Gefährlichkeit von Männersticken

Stick oder stirb! Kommissar Seifferheld ermittelt (HAYMON TASCHENBUCH) - Tatjana Kruse

Ja, Ihr habt richtig gelesen, Ex-Kommissar Siggi Seifferheld leitet eine Männerstickgruppe im Knast und kommt dadurch in ärgste Kalamitäten, als er und sein Hund von einem russischen Mafiaboss entführt werden.

 

Die Autorin hat ein Faible, kuriose Figuren zu zeichnen, ungewöhnliche Hobbies zu kreieren, die alten Männern in der Pension gegen die Langeweile einfallen und ihre Protagonisten in total groteske Situationen zu bringen, um sich dann gemeinsam mit dem Leser auch noch an der aufkommenden Verzweiflung köstlichst zu laben. Das hat mir an diesem Regionalkrimi richtig gut gefallen, wie auch die von anderen gesammelten und zusätzlich selbst erfundenen Zitate. Also sprachlich wie humoristisch war der Roman sehr ansprechend.

 

Zum Beispiel wird der Hund zwecks Tarnung von den relativ netten Entführern, weil er ja Gassi gehen muss und in dem kleinen Ort nicht erkannt werden soll, statt erschossen komplett kahlgeschoren.

Oder auch die Szenen der Seifferheldschen Ehe sind höchst vergnüglich:

So war die Ehe: Eben noch romantisches Kuscheln auf Augenhöhe, gleich darauf die hierarchische Kampf-Ansage von Amazonenkönigin an Toyboy, wer hier die Hosen anhatte. […] Siggi seufzte und sah an sich hinunter. Der Revoluzzer in ihm fiel in sich zusammen. Er musste sich endlich angewöhnen, unter seinem Morgenmantel lange Hosen zu tragen. Feinrippträger waren bei Verbalattacken klar im Nachteil.

Auch die brutale Wahrheit wird sehr humoristisch in knackige Zitate verpackt:

Man sieht sich immer zweimal im Leben. Außer Menschen, denen man Bücher geliehen hat, die lösen sich einfach in Luft auf.

Wie Ihr seht, fliegen die Wuchteln sehr tief* in diesem Roman. Wenn ich es persönlich vergleichen möchte, würde ich sagen, dass Kruses Roman um Klassen witziger ist als Rita Falks Eberhofer-Reihe (ich glaub jetzt muss ich mich virtuell vor einigen in Sicherheit bringen ;-) und um eine Nuance schlechter als Jörg Maurers frühe Werke. Die späteren muss ich erst lesen, aber sie liegen schon bei mir zu Hause.

 

Der Krimiplot ist wie bei vielen dieser Regionalkrimis leider nicht sehr spannend, recht absehbar und durchsichtig. Aber wer eine vergnügliche leichte Lektüre sucht, wird wahrscheinlich begeistert sein.

 

Fazit: Witzig.

 

* Wuchtl kommt im Österreichischen aus dem Fußballerischen und ist ein gekonnt platzierter Schuss. Im Humoristischen sitzt der Gag bzw. das witzige Wortspiel punktgenau.

Autorin weitestgehend, aber nicht verdientermaßen unbekannt, Film weltberühmter Blockbuster

Die Vögel - Daphne Du Maurier, Daphne du Maurier

Eine sehr gute Kurzgeschichte, die aber mir persönlich wie viele Erzählungen dieses Typs einfach zu kurz ist. Das abrupte, offene Ende hat mich nicht begeistert.

Ansonsten war ich sehr angetan: die Grundidee ist schon mal grandios (á la die Natur schlägt zurück), die großartigen plastischen, gruseligen Beschreibungen des Gehackes und des Geflatters, dieser subtile Horror und das unterschwellige Grauen, das Du Maurier fast in jedem Satz verbreitet, die unterschiedlichen Vogelarten und die Strategie ihrer Angriffe, die in der Kürze sehr gut gezeichneten menschlichen Figuren, die Überlebensstrategien der Familie, die politischen Anspielungen auf den Krieg und die Regierungskritik.

Ein wundervolles Potpourri, das eine sehr gute Geschichte ergibt, die leider wie eingangs erwähnt dem Leser ein definitives Ende vorenthält. Wobei die Tendenz und die Grundstimmung des Finales den Leser nicht gerade optimistisch zurücklässt, denn Nat raucht sich seine letzte Zigarette an.

Fazit: Absolut lesenswert!

P.S.: In den Weihnachtsferien werde ich mir den Film nochmals anschauen und dann im Rahmen einer Book2movierezension einen detaillierten Vergleich ziehen.

Bingo!!! A-Z Autorinnenchallenge geschafft

Kindheitsmuster (Broschiert) - Christa Wolf Der weite Weg der Hoffnung - Loung Ung Lieben!: Über das schönste Gefühl der Welt – für Anfänger, Fortgeschrittene und Meister - Rotraut A. Perner Habsburgs schräge Vögel - Gabriele Hasmann

Hurra und Bingo!!!

Ich habe tatsächlich einmal eine Challenge ganz geschafft und auch noch soo viel Spass dabei gehabt. Ich habe es sehr mit Euch genossen, viele Anregungen zu Autorinnen bekommen und spannende Diskussionen geführt und hoffe, Ihr schaut auch mal bei der EU-Autorinnenchallenge 2018/2019 vorbei, auch wenn Ihr nicht mitmacht. Anbei mal meine gesamte Liste

 

A: Austen, Jane: Emma ⭐️⭐️ (05.06.18) 
B: Bachmann, Ingeborg: Das dreißigste Jahr ⭐️⭐️(14.02.18)
C: Chambers, Becky: Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten 2,5 aufgerundet auf 3 ⭐️⭐️⭐️(25.02.18)
D: Dusl Anna Maria: Boboville - 2,5 aufgerundet auf 3 ⭐️⭐️⭐️ (05.12.17)
E: Emfried Heidi: Die Akte Kalkutta ⭐️⭐️⭐️⭐️ Rezensionsexemplar (21.04.18) 
F: Fölck, Romy: Totenweg 3,5 aufgerundet auf 4 ⭐️⭐️⭐️⭐️ Rezensionsexemplar (13.03.18)
G: Gavalda, Anna: Zusammen ist man weniger allein 2,5  abgerundet ⭐️⭐️(12.05.18)
H: Han, Kang: Die Vegetarierin ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ (15.12.17)

     Hirth, Simone: Bananama ⭐️⭐️⭐️⭐️ Rezensionsexemplar (27.02.18)

     Hasmann Gabriele: Habsburgs schräge Vögel ⭐️⭐️⭐️⭐️
     Rezensionsexemplar (11.11.18)
I: Ironside, Virginia: Danke ich brauche keinen Sitzplatz 1,5 aufgerundet auf ⭐️⭐️ (12.08.18) 
J: Joyce Rachel: Die unwahscheinliche Pilgerreise des Harold Fry ⭐️⭐️⭐️⭐️ (14.12.17)
K: Kaiser, Vea: Blasmusikpop ⭐️⭐️⭐️⭐️ (17.01.18)

     Klingl, Livia: Der Lügenpresser 3,5*** aufgerundet auf 4 ⭐️⭐️⭐️⭐️

     Rezensionsexemplar (04.04.18)
L: Lessing, Doris: Die gute Terroristin ⭐️⭐️ (24.12.17)

    Lehner, Marie Luise: Im Blick ⭐️⭐️ Rezensionsexemplar (06.10.18)
M: Du Maurier, Daphne: Die Parasiten 4,5 abgerundet ⭐️⭐️⭐️⭐️ (08.05.18)
N: Nothomb Amelie: Der Professor ⭐️⭐️⭐️⭐️ (18.12.17)
O:  Oksanen Sofi: Fegefeuer ⭐️⭐️⭐️⭐️(30.07.18)
P: Piuk Petra: Lucy fliegt ⭐️⭐️⭐️ Rezensionsexemplar (07.01.18)

    Perner, Rotraud: Lieben Rezensionsexemplar ⭐️⭐️ (03.11.18)
Q: De Queiroz, Rachel: Die drei Marias ⭐️⭐️⭐️⭐️ (08.04.18)

R: Rossbacher, Claudia: Steirerquell ⭐️⭐️⭐️ Rezensionsexpemplar

    Rieger, Barbara: Bis ans Ende, Marie ⭐️⭐️ Rezensionsexemplar (15.08.2018)
S: Stauffer, Verena: Orchis ⭐️⭐️⭐️⭐️Rezensionsexemplar (25.03.18)

    Selyem, Zsuzsa: Regen in Moskau   ⭐️⭐️⭐️ Rezensionsexemplar (12.10.18)
T: Tyler Anne: Die Reisen des Mr. Leary ⭐️⭐️⭐️⭐️ (19.06.18)
U: Loung Ung: Der weite Weg der Hoffnung ⭐️⭐️⭐️⭐️ (13.12.18) 
V: Vine, Barbara: Es scheint die Sonne noch so schön 4,5 Sterne abgerundet auf ⭐️⭐️⭐️⭐️ (28.09.18)
W: Wolf Christa: Kindheitsmuster ⭐️⭐️⭐️ (30.11.18) 
X: Xue Xinran: Wolkentöchter ⭐️⭐️⭐️⭐️ (07.08.18)  
Y: Yoshimoto Banana: Eidechse ⭐️⭐️⭐️ nur wegen der Stilform Kurzgeschichte (06.01.18)
Z: Zeh Julie: Schilf ⭐️⭐️⭐️⭐️ (14.01.18)

 

Mein eigentliches Ziel in der Statistik, zumindest einigermaßen fivty-fivty Bücher von Frauen und Männern zu lesen, habe ich eigentlich bis zum heutigen Tag punktgenau erreicht, wobei das Jahr ja noch nicht vorbei ist und ich auf Grund Eurer Empfehlungen und der neuen Challenge noch mehrere Autorinnen bestellt habe. Mal schauen, was sich heuer sonst so noch ausgeht. Ab heute konzentriere ich mich ja auf die EU-Autorinnen-Challenge. Anbei die tagesaktuellen Daten der A-Z Challenge.

Autorinnen 34/70
Gemischt Autorin/Autor 2/70
Autoren 34/70


Dem Blutrausch der Roten Khmer ausgeliefert

Der weite Weg der Hoffnung - Loung Ung

Mit diesem Buch habe ich meine A-Z Autorinnenchallenge abgeschlossen und ich habe es nicht bereut. Ursprünglich wollte ich ja ein anders lesen, aber das andere lässt sich auch hervorragend in die 2019er Eu-Autorinnenchallenge einbauen.

Dieses Werk habe ich gewählt, weil ein Lesefreund mich darauf aufmerksam gemacht hat und weil ich am Schauplatz der autobiografischen Geschichte überall im Jahr 2015 war: Killing Fields, Pnom Penh, Die Gefängnisse, Tonle Sap der Norden Kambodschas... Auch durfte ich einem anderen, sehr alten Überlebenden des Foltergefängnisses in Pnom Penh die Hand schütteln und ihm seine Biografie abkaufen.

Doch nun von der Motivation zum Werk selbst. Stilistisch ist es doch etwas verwirrend gestrickt, weil die Autorin Präsens und Ich-Form eines kleinen Mädchens, der Protagonistin, gewählt hat, die dann aber nicht immer authentisch kindgerecht sondern oft wie eine erwachsene Schriftstellerin formuliert. Bei jedem komplexen Wort - teilweise präsentiert die Autorin einen ausnehmend komplexen Sprachschatz - und bei den öfter eingestreuten Konjunktivsatzkonstruktionen hat es mich als Leserin geschüttelt, weil dieser Stil so ambivalent und definitiv verwirrend ist wenn so etws ein 5-9 jähriges Mädchen formuliert.

Trotz dieser zugegebenermaßen ernsteren stilistischen Mängel hat Luong Ung aber etwas Wichtiges zu erzählen. Die Geschichte der Familie ist herzzerreißend, im Wohlstand beginnend und anschließend geprägt von permanenter Flucht, Hunger, Krankheit und Tod, erst stirbt die die Schwester, dann werden Vater und Mutter von den Soldaten abgeholt und erschossen. Anschießend irren drei voneinander getrennte minderjährige Kinder durch die Lager, finden sich zufällig wieder und machen sich auf, ihre restlichen erwachsenen Geschwister zu suchen.

Auch die Beschreibungen der Landschaft, der Leute und der Situationen sind plastisch realistisch und eindrücklich, das kann die Luong Ung sehr gut. Pnom Penh war 2015 genauso, wie die Autorin die Stadt 1975 so anschaulich geschildert hat. Hat sich fast gar nix geändert, bis auf ein paar Hochhäuser als Hotels. Auch ein paar Gedenkstätten als Lager habe ich gesehen und darin natürlich auch die Zeitdokumente der Insassen. Diese stimmen mit meinen Eindrücken deckungsgleich überein.

Sas Thema der Kindersoldaten ist zudem ein spannender Aspekt in der Geschichte dieses Krieges der Roten Khmer gegen ihre eigene Bevölkerung. Auch wenn die Protagonistin als junges Mädchen zwar nicht authentisch formuliert, da sie in der Ich-Form von einem kleinen Mädchen gesprochen werden, findet das erwachsene Ich der Autorin aber dennoch sehr weise Worte, die sie kurz und knackig auf den Punkt bringt:
"Seine Regierung hat ein rachgieriges, blutdürstiges Volk geschaffen. Pol Pot hat aus mir ein kleines Mädchen gemacht, das töten will."

Eines sollte noch gesagt werden. Diese Familiengeschichte ist harter Tobak und nichts für zarte Gemüter, dennoch sollten wir auch auf einen solchen grausamen "Krieg" (eigentlich ja nur Konflikt in einem Land) hinschauen.

Fazit: Weil mir persönlich die Geschichte, die erzählt wird, immer wichtiger ist als die formale Struktur, bin ich über die Erzählkonstruktion sehr schnell hinweggekommen, und weil es  zudem an sprachlich ausgereiften Sätzen überhaupt nicht gemangelt hat. Deshalb vergebe ich 3,5+ Sterne, die ich leichten Herzens gerne auf 4 Sterne aufrunden möchte.

P.S.: Die Biografie ist 2017 von Angelina Jolie als Regisseurin verfilmt worden und war 2018 für den Auslandsoscar nomiert. Läuft bei uns in Österreich in den Programmkinos

Rolltreppe abwärts von der Park Avenue in die Bronx

Fegefeuer Der Eitelkeiten. Roman (Taschenbuch) - Tom Wolfe

Dieser Tom Wolfe kann wirklich gut erzählen und ich bin froh, dass ich mit einem Goodreads Lesefreund dieses Buchprojekt letztendlich in Angriff genommen habe. Das ist der dritte Roman des Schriftstellers und so begeistert war ich noch nie.

 

Im Prinzip ist dem Autor ein grandioses Sittenbild des New York der späten 80er Jahre gelungen - was er auch genau so geplant hat. Dieses umfasst die ganze Stadt, die Menschen, die darin wohnen, arbeiten und vegetieren von der Upperclass bis zum Lurch der tiefsten Gesellschaftschichten der Bronx und das erweiterte Verwaltungspersonal der checks and balances am Rande wie Legislative, Exekutive, Presse und Politik inklusive natürlich der Geschichten, die in diesem realen New York passieren.

 

Von der Konstruktion des Plots hat sich Wolfe aber eine innovative großartige aber ungewöhnliche Entwicklung einfallen lassen. So wie viele Schwarze auf Grund der Umstände, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, zwangsläufig in vielen Vierteln quasi ohne ihr zutun in die Bredoullie kommen und vom System zermalmt werden, erwischt es diesmal einen weißen WASP Wall-Street-Heini, der komplett unschuldig zum Handkuss kommt.

 

Sherman McCoy, erfolgreicher Wertpapierhänder, Sproß einer angesehenen Familie, mutiert in Wolfes Setting zu einem Hiob der Wallstreet, dessen einziger Fehler es ist, als WASP seine Frau mit der falschen Geliebten zu bescheißen und zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Na so alles, was viele US-Schwarze eigentlich täglich erleben. Bei einem erfolglosen Raubüberfallsversuch überfährt die Geliebte McCoys in Panik auf der Flucht einen der beiden Täter (wahrscheinlich auch einen eher unschuldigen Mitläufer, der zufällig in der Gegend herumstand).

 

Was dann folgt ist ein atemberaubendes Spiel, in dem jeder lügt und betrügt, dass sich die Balken biegen und jeder sein Süppchen aus politischem Kleingeld, Karriere- bzw. Geldgeilheit und Vertuschung kocht: Staatsanwalt, Presse, Polizei, der schwarze Reverend, die eigentliche Täterin, das überlebende vermeintliche Opfer (eigentlich der Räuber), neu eingesetzte Richter, die Grand Jury, sein Arbeitgeber, Immobilienmakler... . Sogar sein eigener recht bemühte Anwalt und seine Familie tricksen ihn auf gewisse Weise letztendlich aus als das Geld nicht mehr fließt. Auf der Strecke bleibt unser "Underdog", Sherman von seiner Ausgangsposition her privilegiert, der als Sündenbock für alle herhalten muss und wie mit einer Rolltreppe abwärts immer tiefer in den Sumpf unverschuldeter Kalamitäten fährt.

 

Sherman kann einem richtig leid tun und ehrlich gesagt tut er mir das als Person auch, als politisches Statement ist er aber grandios plaziert, denn endlich dreht mal ein Autor fiktional den Spieß um und denkt die Diskriminierung in einem grandiosen "Was wäre Wenn Spiel" mal spiegelverkehrt von der anderen Seite.

 

Was noch zu erwähnen ist sind die derart pointierten bis zur Bösartigkeit getriebenen Skizzierungen der zahlreichen handelnden Personen, die in Summe sowohl ein Sittenbild der Upperclass, der Wall Street und Finanzwirtschaft, des Gerichtssystems, der Politik, und der Bronx, der Religion, des Wohlfahrtssystems und natürlich der Presse ergeben. Also den Makrokosmos New York City als Moloch fand ich äußerst gut getroffen.

 

Natürlich schreibt Wolfe episch breit, wie viele Amerikaner, aber durch die treffenden Figuren und Milieubeschreibungen habe ich mich keine Sekunde gelangweilt. Gewürzt wird das ganze dann noch mit tiefschwarzem grotesken Humor, der sich in völlig absurden Szenen entlädt.

Da ist zum Beispiel der Auftakt mit dem Dackel, der als Gassi-Geh-Alibi zum Anruf bei der Gliebten herhalten muss und ums verrecken bei dem Regen nicht hinausgehen will. Also wird der Hund dramatisch über die Fliesen durch die Lobby gezerrt (Die Filmszene mit Tom Hanks ist köstlich).

Oder die groteske Schuhputz-Szene als Göttin Karma plötzlich zurückschlägt:
"Sherman genoss es wie der Lappen gegen seine Mittelfußknochen drückte [...] dieser große, stämmige braune Mann zu seinen Füßen der ihm die Schuhe polierte, blind für die Hebel, mit denen Sherman eine andere Nation, einen anderen Erdteil bewegen konnte, alleine indem er ein paar Worte via Satellit in die Gegend schleuderte."
Im Anschluss an diesen Gedanken als Sherman sich wie Gott fühlt, blickt er zu Boden und findet sein Konterfei als Beschuldigter in der täglichen Lokalzeitung, die dieser in Shermans Augen unbedeutende Schuhputzer neben seiner Arbeit liest.

Die Sterbeszene im Restaurant schlägt sowieso alles - aber jetzt bin ich still, die müsst Ihr selber lesen, denn ich will nicht zu viel spoilern.

 

Fazit: Das pure Lese-Vergnügen. Diese Mischung aus Gier, Macht, Politik, Vertuschung, Lüge, Geldgeilheit, Puritantertum, Snobismus, Geilheit und Testosteron gepaart mit Humor.

 

P.S.: Tja eigentlich eignet sich das Buch auch für meine Book2moviechallenge 2019 in der Kategorie Hollywood Blockbuster. Mal schaun, ob ich den Film auswähle

Neue EU-Autorinnenchallenge 2018-2019

Hallo meine Lieben!

 

Die A-Z Autorinnenchallenge hat mir derart Spass gemacht, dass ich für 2019 wieder eine Challenge gestartet habe. Damit ich aber nicht immer das gleiche mache, habe ich die Challenge nun neu definiert, quasi einen Relaunch gemacht.

 

Die EU-Autorinnen-Challenge hat das Ziel, Bücher von Autorinnen aus allen EU-Staaten zu lesen. Wir fördern also explizit Europäerinnen, und wir machen eine Reise durch die EU. In der Liste habe ich nach einer Rechcherche die Zwergstaaten (z.B. Luxemburg, Malta, Zypern) weggelassen und das Baltikum (Estland, Lettland, Litauen) zusammengefasst. Großbritannien kann ab 29. März ausgemustert werden, dann hätten wir 23 oder 22 Bücher für 2019: Macht Euch um Osteuropa keine Sorgen, ich habe schon seitenlange Listen aus diesen Staaten gesammelt

1. Belgien
2. Bulgarien
3. Dänemark
4. Deutschland
5. Baltikum
6. Finnland
7. Frankreich
8. Griechenland
9. Grossbritannien
10. Irland
11. Italien
12. Niederlande
13. Kroatien
14. Österreich
15. Polen
16. Portugal
17. Rumänien
18. Schweden
19. Slowakei
20. Slowenien
21. Spanien
22. Tschechien
23. Ungarn

 

Zeitraum: ab sofort eigentlich ab 1.12.2018 - 31.12.2019

 

Regel: Die Autorin muss in dem Land geboren sein und/oder dort wohnhaft sein. Herta Müller kann so z.B. für Rumänien oder für Deutschland zählen. Wo der Roman spielt, ist komplett egal, denn wir wollen ja die Genres nicht begrenzen, sondern explizit Autorinnen fördern und über sie diskutieren. Sachbücher zählen auch wieder zur Challenge.


Im letzten Jahr hat sich zum Führen der tatsächlichen Leseliste folgende Darstellungsform als sehr zielführend herausgestellt:

1. Land fett ausgezeichnet 2. Name der Autorin 3. Titel des Buchs inklusive Link auf die Rezension falls eine geschrieben wurde oder auf das Buch 4. Bewertung in Sternen 5. Datum des Lesens

Österreich: Bachmann, Ingeborg: Malina ⭐️⭐️ (14.02.18)

Ach ja, noch eine kleine Regel: Wenn Ihr von einem Land zwei oder mehr Autorinnen im Challengezeitraum lest, sollen selbstverständlich alle mit auf die Liste, denn wir wollen ja primär Autorinnen förden und nicht sklavisch die Regeln dieses Spiels befolgen.

 

Wenn wer mitmachen möchte, oder Fragen hat, meldet Euch bei mir. Auf Goodreads gibt es schon eine kleinere Gruppe.

 

Würde mich sehr freuen, wenn auch nächstes Jahr hier auf Booklikes wieder jemand mitmacht.

Grill den Dostojewski

Manaraga.Tagebuch eines Meisterkochs: Roman - Vladimir Sorokin, Andreas Tretner

Diese Dystopie ist derartig innovativ, wahnwitzig und abgedreht, dass sie meiner Meinung nach elf von zehn Zwangsjacken verdient und ungefähr drei Mal über das Kuckucksnest geflogen ist.

 

Im Jahr 2037, in einem postislamistischen Europa, das durch einen blutigen Krieg befreit wurde, delektieren sich die reichen Eliten an der Verbrennung von Büchern, respektive an geklauten Erstausgaben, auf denen am Rost einfache Gerichte gegrillt werden. Lesen als Kulturkompetenz hat ohnehin ausgedient, denn sogenannte im Körper implantierte Flöhe – Nanorobots – in grün, rot und blau regeln sowohl Kommunikation, die medizinische Herstellung eines Wohlfühlstatus durch „Medikation“ und die Wissensleistung wie Denken, Lesen, Rechnen und anderes. Bücher als Massenmedium gibt es schon lange nicht mehr, denn alles ist digitalisiert.

 

In den von den Mudschaheddin befreiten Staaten haben sich quasi als Gegenentwurf zu unserer derzeitigen Wissensgesellschaft, mittelalterliche Lebensstile erneut etabliert, manche Staaten haben Aristokratien herausgebildet, manche werden feudalistisch von kriminellen Clans und Warlords regiert, die gebildeten Schichten sind infolge der technologischen Helferleins zumindest sekundäre Analphabeten, wenn nicht primäre, auf jeden Fall sehr denkfaule Ablehner von Wissen. Auch die Sitten des Essens manifestieren diese einfachen, primitiven gewalttätigen mittelalterlichen Strukturen, denn die Erstausgaben, auf denen einfache Gerichte gegrillt werden, müssen noch gewalttätig aus Museen unter Verlusten von Museumswärtern und anderen Bewachern geraubt werden.

 

Chefkoch Geza, Spezialist für russische Literatur, ist einer dieser Starköche der Untergrundbewegung der Book’n’Griller, den die Eliten für teures Geld engagieren, um den Thrill brennender Erstausgaben zu erleben. Was die normale Bevölkerung in dieser dystopischen Zukunft macht, wird zwar nicht beschrieben, bei den Reichen bekommen aber alle in einem Rundumschlag ihr Fett ab. Norweger, Juden, Rumänen, Schweizer …

 

Das ganze Werk weist eine so hohe aber in sich konsistente Absurdität auf, dass es eine Freude ist und spart natürlich nicht an beißender Gesellschaftskritik. Diese ist aber in derart vielen Ebenen – quasi META – eingeflochten, dass sie mich, obwohl sehr innovativ, doch frappant an einen großen Autor der klassischen osteuropäischen Science Fiction, Stanislaw Lem, erinnert. Lem hat immer auf derart vielen Ebenen indirekt das gegenwärtige System kritisiert, dass seine Werke relativ locker an der Zensur vorbeikamen, denn sie konnten ja auch durchaus anders interpretiert werden. Vor allem jene Geschichte Lems, in der ein Institut eine Wissenschaftsdisziplin erfindet, um Fördergelder abzugreifen und auf einer Insel landet, die so korrupt ist, dass die Korruption nicht mehr funktioniert, erinnert mich in seinem Wahnwitz sehr an diesen Plot. Auch Sorokin musste (wollte) sich offensichtlich in der Anlehnung an die Vergangenheit dieser literarischen Technik bedienen.

 

Die irrsinnigen innovativen Ideen von Sorokin gehen im Roman natürlich weiter, wie Schaschlik gegrillt über Dostojewskis Idiot oder Schnitzel über Schnitzler, aber mehr als ein paar Highlights aus den ersten Kapiteln möchte ich Euch nicht verraten, um Euch den Appetit auf das Buch nicht zu nehmen. Eine weitere Meta-Ebene in diesem Roman sind die vom blauen Nanoroboter vorgelesenen Originalwerke, oft lassen sich einige zeitgenössische Autoren sogar ihr eigenes Geschreibsel grillen. Wahrscheinlich ein Ausdruck von Eitelkeit.

 

Auch der Plot bewegt sich konsistent auf eine Krise zu. Die Grillmeister haben eine neue Technologie identifiziert, die exakte Kopien von Erstausgaben auf Molekularebene in Zehntausenderauflagen produzieren kann, was natürlich den gesamten illegalen exklusiven Markt der Erstausgabenverbrennung zusammenbrechen lassen könnte. Geza wird von der Gilde der Köche damit beauftragt, zu verhindern, dass das Buch wieder zum Massenmedium werden könnte. Wohin sich die Zukunft der dystopischen Welt dann entwickelt, werde ich jetzt verschweigen, es ist so genial, aber Ihr müsst es selbst lesen.

 

Fazit: Dieser Roman ist nur etwas für jemanden, der abgedrehte Geschichten liebt. Ich bin jedenfalls restlos begeistert. Eines meiner Highlights im Jahr 2018.

Ein kräftezehrender Abstieg in die Tiefen der deutsche Seele

Kindheitsmuster (Broschiert) - Christa Wolf

Dieses Werk von Chista Wolf polarisiert offensichtlich sehr stark zwischen völliger Begeisterung und totaler Ernüchterung und ehrlich gesagt konnte ich persönlich beide Positionen gleichermaßen nachvollziehen, wodurch sich meine Beurteilung konkret in der Mitte manifestiert.

Stilistisch und erzähltechnisch war es extrem mühsam, so indirekt, so verkopft, so verklausuliert durch die vielen fiktiven Figuren, Rückblenden und auch durch die massiven Gedankensprünge. Am schlimmsten habe ich die Plotkonstruktion empfunden, diese fiktive Biografie dieser Abstand zu den Figuren diese Selbstanalyse (sowas kann ich gar nicht ausstehen) und diese 3-5 Zeitebenen in fast jedem Absatz (Krieg, 74 und dazwischen).

Aber so mühsam ich mich durchquälte, muss ich der Autorin schon den Verdienst lassen, dass dieser unsägliche Stil nicht (ausschließlich) dazu da wäre, den Leser böse zu quälen, sondern auch eindeutig eine Botschaft vermittelt: die Zerrissenheit, die Verdrängung und die Schizophrenie dieser Generation. Dadurch zieht sie auch einen Bogen von der Kriegsgeneration bis in die Jahre von 1975.

Wenn das ganze Werk jetzt auch noch intellektuell eitel wäre, indem es diesen Stil vermittelt, hätte ich die Autorin eh schon böse abgestraft, aber ich nehme Christa Wolf zudem ab, dass sie eben als Kind dieser Zeit so kompliziert ist und mir das authentisch präsentiert.

Ja so schätze ich ihren Roman ein: intellektuell spröde, verschachtelt, ein Werk, in dem man das Gefühl hat, im Hirn bzw der Imagination der Frau Wolf zuerst Tonnen von Masken, Schichten und Spinnweben wegzuräumen, bis man zu Pudels Kern kommt. Und das ist auch das, was sie mir von dieser Generation mitgegeben hat. Einen Ausbund an Verdrängungmechanismen, die erst durch einen Schlagbohrer entfernt werden mussten, um die Essenz der Protagonistin - beziehungsweise, da sie ja so umfassend Personal einführte -  die Essenz des des gesamten Deutschen Volkes freizuschrammen. Und das macht sie schmerzhaft mit jeder einzelnen verdammten Stimmung: Begeisterung, Sportsgeist, Heldenverehrung, Lehrerverehrung, Hitlerverehrung, Corpsgeist, Abwertung von anderen, Umwandlung von Angst in Hass, Verrohung und Herabsetzung von Ausländern, Armen und kranken Menschen, Flüchtlingen ... . Im Prinzip wird in einem Rundumschlag eine jede Gefühlsregung des Deutschtums seziert, auseinandergenommen und auf die Familie der Protagonistin übertragen. Dies gibt mir als Leserin auf sehr beschwerliche Weise ein tiefes Verständnis des Deutschtums und wie so etwas passieren konnte.

Ob sich die Mühe gelohnt hat, ist nun der Knackpunkt, und da bleibe ich bei fivty-fivty. Ein bisschen zu lang hat mir die Anstrengung schon gedauert, wenn ich einen Monat für ein Buch brauche und dann auch noch eine kleine Pause dazwischen, weil ich es nicht mehr aushalte. Lesen sollte zwar nicht nur Vergnügen bereiten, aber nur Qual ist auch ein bisschen zu viel. Ich gehöre nicht zu den Literaturflagellanten.

Fazit: Die Botschaft des Romans ist gut und bei mir angekommen. Der Weg über den Dachboden des Geistes und der Imagination der Protagonistin und der Autorin war mir aber ein bisschen zu staubig.

P.S.: Ach ja  dann habe ich auch noch einen kapitalen intellektuellen Schnitzer in dem so auf intellektuell getrimmten Werk gefunden. "Im Jahr der Olympiade", ein Oxymoron, wo es doch 4 Jahre sind. Erwischt Frau Wolf, erwischt Surkamp Lektorat!