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Awogfli - Bookcroc

Ich bin Buchgourmet und Buchgourmand quer durch viele Genres

Tierische Zaungäste bei Vertreibung und Folter

Regen in Moskau - Zsuzsa Selyem

Dieser außergewöhnliche, recht gute und sehr kurze Roman von Zsuzsa Selyem handelt von der Vertreibung und Folter der ungarisch-stämmigen, ehemals wohlhabenden rumänischen Familie Beczásy vom zweiten Weltkrieg bis zum Jahr 1989. Leider hat die Geschichte für mich persönlich nicht ganz so gut funktioniert, da ich aus mangelnden historischen Kenntnissen des Landes und der Lage die vielen indirekten und vagen Andeutungen nicht alle verstehen konnte. Ein Kenner dieser geschichtlichen Hintergründe würde aber sicher begeistert sein. Fast könnte man meinen, die Zensur säße der Autorin noch immer im Nacken, so verklausuliert werden die historischen Ereignisse kommentiert und im Roman angesprochen.

 

Selbstverständlich habe ich mich redlich bemüht, meine Wissenslücken über Google und Wikipedia aufzufüllen, dennoch wurde ich bei vielen dieser indirekten Verweise und Allegorien einfach nicht fündig. So wird beispielsweise auch die Geschichte und die Gerüchte über Ana Pauker, die angeblich ihren Ehemann auf dem Gewissen hat, im Web auch nicht näher erläutert, obwohl natürlich Hinweise existieren. Wie literarisch verklausuliert die historischen Ereignisse im Roman beschrieben werden, zeigt folgendes Beispiel von Tschernobyl, das zumindest jeder in meiner Generation im deutschsprachigen Kulturkreis aus dem Gedächtnis ohne zu Hilfenahme von Lexika identifizieren kann.

Noch ein bisschen Knattern, Melodie, satter Sprecher, dass sowjetisches Atomkraftwerk fertig ist, soi-disant eine Errungenschaft, das sagt der sozialistische Sprecher. Erbärmlich jeden Errungenschaft, für ein paar Jahre Natur besiegt, dann hat sie alles zurückgenommen, dabei sterben Kinder von Strahlung, schicken sie heldenhafte Liquidatoren hin, auch sie sterben von Strahlung …
(Die Orthografiefehler sind der Rolle der Figur geschuldet und passen in diesem Fall punktgenau.)

 

Jetzt stellt Euch mal die Situation vor, die historischen Ereignisse und deren Ablauf überhaupt nicht genau zu kennen, und keine Erläuterungen oder klare Anhaltspunkte zu bekommen, welches Ereignis denn gemeint ist, dann wisst Ihr, wie ich mich oft gefühlt habe. Als wäre ich in einer Community, in der alle dieselben Bücher gelesen haben, von denen ich keinen blassen Schimmer habe. Alle reden in Andeutungen und ich verstehe meist nur Bahnhof. Fast ist es, wie einen Nostradamus-Text zu interpretieren, man könnte auch etwas ganz anderes herauslesen. Im Klappentext – und nur dort – werden die politischen Fakten aber so glasklar angesprochen, dass man auch als deutschsprachiger Leser zumindest weiß, was gemeint ist. Ihr könnt Euch meine Überforderung mit diesem Werk nun ungefähr ein bisschen vorstellen, die aber nichts über die Güte des Textes aussagt.

 

Im Gegenteil, manchmal konnte ich diesen außergewöhnlichen Stil richtig genießen. Ein weiterer innovativer interessanter Ansatz der Autorin ist der Umstand, dass die Geschichte der Familie Beczásy von Schleiereulen, Amseln, Bäumen, Hunden, Katzen, Schmeißfliegen, Eichhörnchen … erzählt wird. In jedem Kapitel erzählt ein anderes anwesendes Tier bzw. Lebewesen die Geschichte der Familie, bringt somit die Familienchronik voran und analysiert so en passant auch die anwesenden Menschen ethnologisch inklusive der politischen Situation. Am ärgsten war die Szene mit den Bettwanzen, die die Folter von Beczásy durch die Securitate kommentieren, das ist nicht nur innovativ, sondern schafft auch zudem noch einen notwendigen Abstand zum Protagonisten, um das Grausame besser ertragen zu können. Die letzte Szene mit dem Eichhörnchenzirkus ist eine der abgedrehtesten Allegorien, die ich jemals gelesen habe und soll möglicherweise – aber vielleicht missinterpretiere ich ja auch – den Tod des Diktators Nicolae Ceaușescu darstellen.

 

Fazit: Ein guter innovativer Roman, der für mich auf Grund meiner dürftigen Kenntnisse der historisch-politischen Fakten einfach ein bisschen zu wenig funktioniert hat. Ich bin mir sicher, Kenner des Landes und der Geschichte werden restlos begeistert sein. z.B. Peter Nádas, der den Roman sehr lobt und die persönlichen Visionen der Autorin als „unsere fürchterliche gemeinsame Geschichte“ bezeichnet. Trotzdem war der Roman auch für mich nicht unspannend und herausfordernd. Ich bin froh, dass ich auch manchmal ein Werk aus einem kleinen Verlag rezipieren darf, das völlig abseits des literarischen Mainstream agiert.

#metoo Roman

Im Blick - Marie Luise Lehner

Marie Luise Lehner greift mit ihrem feministischen Frauenroman viele heiße Eisen und heftig diskutierte Themen der letzten paar Jahre an: Geschlechteridentität, Homosexualität in der Jugend, sexuelle Übergriffe auf Frauen und Alltagssexismus, die im Rahmen der viel diskutierten #metoo Debatte endlich mal aufs gesellschaftliche Tapet kamen.

 

Ihre Romanfiguren, die anonyme Protagonistin, ihre wunderschöne angebetete Geliebte, die nur mit Du angesprochen wird, Anja die beste heterosexuelle Freundin aus der Schulzeit, mehrere gute Freundinnen und die Exfreundin der Geliebten, die Wölfin, leben im Universum des Heranwachsens und der frühen Adoleszenz und setzen sich eher weniger als mehr mit der im ersten Absatz genannten brisanten Thematik auseinander. Sie sind eigentlich nur betroffen und leben so vor sich hin mit ihren Problemen, ohne jemals irgendwas zu reflektieren, zu thematisieren oder zu hinterfragen, geschweige denn, sich mal richtig wütend über etwas aufzuregen.

 

Die Gedanken, die die Autorin auf den Tisch des gesellschaftlichen Diskurses legt, sind extrem wichtig, dennoch bleiben sie bedauerlicherweise nur kurze Ideen und Schlaglichter gleich einem Stroboskop. Dieser Eindruck entsteht auch zusätzlich durch den Stil, denn die Geschichte springt ziemlich unvermittelt, sehr dekonstruiert und fragmentiert zwischen den Figuren, den Handlungssträngen, den Themen und sehr dissoziativ zwischen der Vergangenheit und Jugend mit Anja und der Gegenwart mit der Geliebten und den Freundinnen. Das ganze Konvolut wirkt weniger wie ein Roman, eine Geschichte aus einem Guss, als vielmehr wie ein Rohkonzept dazu – es scheint unfertig und liest sich sehr holprig.

 

Irgendwie verweigern sich sowohl die Autorin als auch die von ihr konzipierten Romanfiguren komplett einer intensiven Auseinandersetzung mit den Themen und einer gesellschaftlichen Diskussion. Gegenargumente werden nie ausgeräumt, weder breit theoretisch erörtert, noch gibt es eine Figur in der Geschichte, die diese Rolle und die Position argumentativ übernimmt. Damit erweist sie der feministischen Literatur und dem sehr wichtigen Anliegen einen Bärendienst, weil die Figuren nur egozentrisch um sich selbst kreisen und die angesprochenen Probleme einfach zwar unreflektiert und unangenehm berührt hinnehmen, aber auch ihre feministische Position zu der gegenwärtigen Situation, nie ausführlich begründen.

 

Am besten demonstriert dies jenes Beispiel, dass sich die Figuren Anja und die Protagonistin in ihrer Jugend oftmals durch Drogenkonsum oder Autostoppaktionen in der Pampa nicht nur in Österreich sondern auch im Ausland in gefährliche Situationen begeben haben und dann eben postwendend sexueller Belästigung ausgesetzt waren. In einem Nebensatz wird irgendwie vermittelt, dass dies keine Rolle spielen sollte. Punktum! Na Bumm!

 

Abgesehen davon, dass ich total derselben Meinung bin, sollte man hier schon mal breiter diskutieren, warum diese Aussage so im Sinne der Gleichberechtigung und der Ablehnung von Täter-Opfer-Umkehr wirklich ihren Sinn hat. Dazu fallen mir persönlich mehrere Punkte ein.

 

Eine Frau darf nie schwach und muss immer auf der Hut und gerüstet sein, einen Übergriff auf ihre körperliche Unversehrtheit abzuwehren – sie muss quasi jederzeit damit rechnen, dass ihr etwas angetan wird. Da würden nun viele Leute in der im Roman thematisierten Situation sagen, dass die Mädchen selbst schuld seien, da sie aus jugendlichem Leichtsinn diese gefährlichen Situationen herbeigeführt haben. Abgesehen davon, dass so etwas betrunkenen oder von Drogen benebelten Männern von Frauen so gut wie nie angetan wird und wenn es so wäre, würde der gesellschaftliche Konsens die Täterin nie in Schutz nehmen. Aber was wäre, wenn die Frau durch Krankheit, Autounfall, Ohnmacht … außer Gefecht gesetzt ist – ist sie dann auch noch immer selbst schuld, da sie sich nicht mehr wehren kann? Und glaubt mir, nicht immer ist ein Rausch ersichtlich, es könnte auch ein Insulinschock oder etwas anderes sein. Hier würde nämlich dann die Grenze für viele Übergriffige anfangen, die sie aber nicht mal erkennen könnten, denn sie sind keine Ärzte.

 

Zweitens was wäre tatsächlich eine Situation, sich in Gefahr zu begeben, bei der das Opfer seine körperliche Souveränität verliert und selbst schuld ist? Sich mal außerhalb des Elternhauses aufzuhalten? Irgendwo fern der Heimat in die Schule zu gehen oder zu arbeiten? In eine Disko zu gehen? In die Ferne zu reisen? Wo beginnt die Gefährdungslage von Frauen, die dann automatisch Freiwild werden? Die Gefährdungslage beginnt aus meiner Erfahrung und auch aus vielen dokumentierten Missbrauchsfällen schon in der Teenagerzeit bei einer Schule oder einem Internat fern der Heimat, in der Täter nicht mehr die Eltern fürchten müssen. Von Übergriffen und Missbrauch im häuslichen Umfeld möchte ich in diesem Kontext noch gar nicht sprechen.

 

Drittens warum können junge Frauen überhaupt nicht auch mal leichtsinnig ihre Grenzen austesten, ohne gleich bedroht zu werden, einem Verbrechen zum Opfer zu fallen. Junge Männer tun dies in den diversen Fortgeh- und Trinkritualen fast ihre ganze Jugend lang. Warum müssen Frauen immer in Angst leben? …

 

Dies sind nur ein paar Argumente, zu nur einer im Roman beschriebenen Situation, die ich persönlich in die Diskussion werfen möchte und von der ich mir erwartet habe, dass diese Auseinandersetzung die Aufgabe der Autorin wäre. Leider tut sie hierzu und auch zu allen anderen Themen nichts. Man muss nicht nur Männer sondern auch Frauen argumentativ ein bisschen bei diesen Themen abholen oder ihnen zumindest in der Diskussion auf halber Strecke entgegenkommen, um wirklich etwas in den Köpfen zu ändern. Wenn man sich aber der Kommunikation verweigert, und wie in diesem Roman nur egozentrisch um sich selbst kreist, bringt das gar nichts im offenen Diskurs, im Gegenteil, der vor allem heutzutage durch den gesellschaftlichen Backslash so dringend notwendige Feminismus wird ein weiteres Mal als total abgehoben diffamiert.

 

Fazit: Ein feministischer Roman mit sehr wichtigen Themen, aber leider kein guter. Mein Urteil bezieht sich sowohl auf Inhalt, stilistische Form aber bedauerlicherweise zudem auch noch auf die Auseinandersetzung und den Diskurs zu diesen brennenden Fragen.

Die Vergangenheit holt uns alle ein

Es scheint die Sonne noch so schön - Barbara Vine

Oh wie liebe ich diese A-Z Autorinnenchallenge. Beim Buchstaben V habe ich erneut eine für mich komplett neue Schriftstellerin entdeckt, die mir sehr gut gefallen hat. Barbara Vine kann wahnsinnig gut fabulieren, die akuraten Landschaftsbeschreibungen, die atmosphärische Dichte des Plots und die intensiven Figurenentwicklungen fallen zuerst ins Auge. Sehr schnell war ich als Leserin gemeinsam mit dieser Kommune auf diesem geerbten Landsitz in der Nähe von London.

 

Die Story weist eine sehr spannende Konstellation auf. In einem Haus werden zufällig die Knochen einer Frauenleiche und anschließend auch noch eines Babies entdeckt. Dieser Roman ist nun vordergründig die Geschichte jener fünf Personen, die mehr oder weniger gut mit dem Trauma der Vergangenheit, das dem Leser erst nach und nach enthüllt wird (Mord Totschlag Unfall), zurechtkommen.

 

Die Handlung springt sehr schnell und unvermittelt permanent zwischen Gegenwart und Vergangenheit, was ein bisschen herausfordernd zu lesen aber punktgenau konzipiert ist, denn die drei männlichen Protagonisten haben dieses mehr als zehn Jahre alte Trauma noch nicht wirklich verarbeitet, das schlechte Gewissen und die Selbstvorwürfe holen sie immer wieder ein, trotz aller Vertuschugnen gelangen die Wahrheit und alle verdrängten Fakten allmählich an die Oberfläche des Bewusstseins. Das ist auch psychologisch sehr gut konzipiert, durch den Fortschritt der polizeilichen Ermittlungen werden die Herren der damaligen Kommune allmählich nach und nach nervös, weichgeklopft und offenbaren sich selbst und dem Leser das Geständnis, die Beichte, was wirklich passiert ist.

 

Auch beim Kriminalplot wurde ich am Ende des Romans noch einmal gehörig überrascht, was mir sehr viel Vergnügen bereitet hat, denn ich werde sehr gerne ein bisschen and der Nase herumgeführt.

 

Fazit: Ein psychologisch klug konziperter, sprachlich und inhaltlich anspruchsvoller Roman mit einem spannenden Krimiplot. Warum ich nun speziell bei diesem Buch nur 4,5 Sterne vergebe, weiß ich auch nicht so genau, aber es könnte daran liegen dass sich die Geschichte zu Beginn ein bisschen zu gemächlich entwickelt. Vielleicht liegt es aber auch wahrscheinlich daran, dass ich zusätzlich 2 Bücher von der Autorin gekauft habe, die möglicherweise auch noch viel besser sind.

Versteckenspielen mit Leiche

Walter muss weg: Frau Huber ermittelt. Der erste Fall - Thomas Raab

Wenn ein Schriftsteller eine neue Reihe mit einem ganz neuen Setting und taufrischen Figuren startet, bin ich immer sehr erfreut, denn ich bin der Meinung, dass sich die Protagonisten und die Story irgendwann zwischen Band 4-8 stark abnutzen und der Schwung, die Innovation in dem geschaffenen Universum fast immer verlorengehen. Ich war ja Fan der ersten Stunde von der Metzger Reihe, bei der es mir ab Band vier genauso ging.

 

Thomas Raab hat nun einen neuen ländlichen Mikrokosmos namens Glaubenthahl mit einer etwas grantelnden Seniorenermittlerin namens Hannelore Huber geschaffen, der mir sehr gut gefällt. Besonders hat mich vor allem der bösartige, richtig fiese Humor des Autors erfreut, aber auch dieses ländliche Amigogehabe und die Ämterkummulation in den know-how-mäßig und personell ausgedünnten Dorflandschaften, die ja förmlich nach Korruption, Vertuschung und größeren Verbrechen schreien, haben mich sehr amüsiert. Die Renitenz, die Bauerschläue und die Altersboshaftigkeit triefen fast aus jedem Buchstaben dieses Romans.

 

Der Mann von Frau Huber, der titelgebende Walter, ist also gestorben, seine „trauernde Witwe“ ist erstens irgendwie ein bisschen erleichtert und freut sich zweitens ob ihres neu beginnenden selbstbestimmten Lebens.

Beschwingt dabei ihr Schritt, der Gehstock nur Atrappe, Placebo, Werkzeug, und ja, kurz kam der alten Huber unterwegs sogar ein Lächeln aus. Und das will was heißen bei Mundwinkeln, die sonst kaum über die Waagrechte hinausragen. War ja auch kein lustiges Leben bisher. Genau dieser betrübliche Zustand sollte sich nun grundlegend ändern.

An diesem Punkt setzt der Autor mit dem Text eines Liedes, das der Protagonistin in den Sinn kommt, auch noch einen von ein paar grauslichen, sehr witzigen Ohrwürmern, vor dem ich alle prophylaktisch warne. Also klickt auf eigene Gefahr hier.

Ein ziemlich kleiner magerer Mann war ihr Walter, stets darauf bedacht, sein Gegenüber auf Augenhöhe herunterzubekommen, sprich ein paar Köpfe einzukürzen. Selbsterhöhung durch Fremderniedrigung. Ganze Familien, Länder oder gleich der komplette Globus mussten da schon ihren Schädel hinhalten, nur weil sich so ein einzelner Giftzwerg nicht richtig auswachsen durfte.

Doch irgendwie will dieser blöde Gatte nicht in die Grube, denn im Sarg liegt ein anderer, was durch einen Unfall bei der Beerdigung zufällig zu Tage tritt. Walters Leiche ist verschollen, selbst im Tode schlägt er der Witwe noch ein Schnippchen, spielt sich in den Vordergrund, indem er quasi davonläuft. Das und der Mangel an kompetentem Personal in der ländlichen Idylle, das das Verbrechen aufklären könnte, inspiriert die alte Huber, sich selbst auf die Suche nach Walter zu begeben und den Grund für die weitere Leiche(n) bzw. die Vertauschung aufzuklären.

 

Was dann folgt, ist ein recht vergnüglicher typischer Landkrimi mit Korruption, Vertuschung, Amigos, Liebe, und Toten, der vom Krimiplot her aber wenig sensationell und effektheischend ist. Im Gegenteil, am Ende bleibt recht wenig Kriminalhandlung übrig. Die Figuren sind liebevoll entwickelt und die Sprache ist Raab-typisch ganz meine, trotz gewollt simpler Konstruktion voll Wortwitz und Fabulierkunst.

 

Dennoch hat mich stilistisch in diesem Werk etwas so massiv gestört, dass es mir nach und nach die Leselust vergällt hat. Raab arbeitet mit folgendem Konzept: Die Gedankensprünge werden im Stakkato eingesetzt. Er stiftet absolute Verwirrung, klärt auf den nächsten Seiten alles wieder auf und setzt zum erneuten Gedankensprung an. Das ist fast so wie beim Angeln: ausholen … reinziehen … ausholen … reinziehen. Am Anfang war es nur ein bisschen anstrengend, herausfordernd und erforderte Konzentration, aber da sich dieses Stilmittel durch den ganzen Roman zog, war es letztendlich nur noch nervig, da es den Lesefluss und die Rezeption der Handlung enorm störte.

 

Fazit: Eine gute neue Reihe mit einem für mich ansprechenden Setting. Der Roman hat aber ob des mageren Krimiplots und der stilistischen Mühsamkeit noch einiges an Luft nach oben.

Und nu? Wer hat Opa wirklich verraten?

Sechs Koffer: Roman - Maxim Biller

Maxim Billers jüdischer Generationenroman steht auf der Longlist für den deutschen Buchpreis. Zentrales Thema der beschriebenen Mischpoche ist, wer aus der Familie den Großvater – also den Taten* Schmiel Grigoriewitsch – beim KGB denunziert hat, was zu dessen Hinrichtung führte. Quasi als Beiwerk zu dieser Kernfrage werden sehr viel Historisches, die Verlorenheit der Diaspora, jüdische Identität, Familiengeheimnisse, Zank, Neid, Beschuldigungen und Liebesgeschichten vermittelt und das auch noch aus vielen Perspektiven – nämlich aus der Sicht der unterschiedlichen Familienmitglieder beleuchtet.

 

Jetzt stellt sich natürlich die Einserfrage, ob ich finde, dass die Nominierung gerechtfertigt ist. Zuerst möchte ich aber ausholen, warum ich glaube, das Buch neutraler bewerten zu können als viele andere. Mir ist als Österreicherin ehrlich gesagt der deutsche Literaturbetrieb nicht ganz so geläufig. Ich kenne weder die Verleger noch die intellektuellen Kritiker in den deutschen Zeitungen und im Fernsehen (bis auf Dennis Scheck), insofern habe ich Maxim Biller bisher weder gesehen noch gehört noch gelesen. Ich kann also den Roman abseits der Person Biller bewerten, ohne dass die Persönlichkeit des Autors in meine Beurteilung einfließt. Weiters liebe ich jüdische Familiengeschichten, habe vor allem ein Faible für Amoz Oz, Edgar Hilsenrath und André Kaminski, als 10-jährige habe ich schon alle Satiren von Ephraim Kishon verschlungen.

 

Tja, und nun kommt die Antwort auf die zuvor formulierte Einserfrage, und die lautet: Ich bin am Ende – nämlich auf der letzten Seite der Geschichte – einfach nicht so begeistert, wie ich es ursprünglich gedacht und eigentlich gehofft habe. Aber beginnen wir mit den Pluspunkten des Romans.

 

Er ist nicht so episch breit und ausladend, wie viele andere jüdische Romane. Maxim Biller beweist, dass auch auf knapp 200 Seiten sehr viel und auch ausreichend tief eine komplexe Familienstory und jüdische Identität transportiert werden kann. Insofern ist dieser kurze Roman recht innovativ. Auch die unterschiedlichen Sichtweisen der Familienmitglieder, von denen jeder Einzelne einen Ausschnitt der Ereignisse vermittelt, haben mir ausnehmend gut gefallen.

 

Sprachlich und philosophisch ist die Geschichte sowieso großartig. So rüttelt einer der jugendlichen Protagonisten sehr ungestüm am Säulenheiligen der deutschen Literatur, Bert Brecht, das ist mutig und sehr witzig.

Ich las zum vierten, fünften Mal denselben Satz – „In großen Zeiten stören Leute wie ich das harmonische Bild“ – ich dachte was für eine kokette Scheiße und dann machte ich Etties kleine rote Nachttischlampe aus … .

… und macht sich als 15-jähriger zwischendurch auch mal sehr kluge Gedanken, wie er in der Situation der Generation seiner Eltern bei einem Verhör durch den aufgebauten Druck der kommunistischen Organe wirklich reagiert hätte.

Onkel Dima hatte Recht. Ich war ein kleiner gemeiner Berija, ein Besserwisser, ein eingebildeter, ahnungsloser Teenager, dessen größte Sorge es war, dass er von seinem Vater nicht beim Rauchen erwischt wurde und dass seine Mutter nicht die Taschentücher unter seinem Bett fand, mit denen er sich nach dem Onanieren abwischte […]. Was hätte ich, dachte ich, damals eigentlich an Dimas Stelle oder an der Stelle meiner Eltern getan? Wäre ich geblieben, wäre ich geflohen, hätte ich selbst meine engsten Freunde und Verwandte verraten, wenn die Kommunisten mich erwischt hätten?

Bedauerlicherweise verweigert Maxim Biller mir als Leserin die zentrale Kernfrage der Familie, den Ausgangspunkt des Romans und im Prinzip das aufgelöste Rätsel am Ende der Geschichte. Immer wenn es brenzlig wird, blendet er weg. Die Stasiakte von Onkel Dima wird nicht fertiggelesen und – was noch viel schlimmer ist – der Brief von Natalia, der alles klären soll, wird weder fertiggelesen, noch in dem Interview besprochen. Und das Gemeinste ist der letzte Satz des Romans, denn alle, wirklich alle Figuren im Buch wissen letztendlich wer den Taten* verraten hat, nur der Leser tappt düpiert im Dunkeln und kann sich sein Ende selbst konzipieren.

„Nein, das verstehe ich eigentlich nicht“, sagte die Moderatorin höflich und plötzlich sehr streng, und dann erzählte ihr Jelena, wie es wirklich gewesen war.

Ich finde so ein Stilmittel als Abschluss weder innovativ noch philosophisch, sondern nur schlechte Arbeit. Das ist so hundsgemein, das habe ich mir als Leserin einfach nicht verdient, dass mir, nachdem ich mich mit den Figuren angefreundet und mit ihnen gelitten habe, die Auflösung des Falls – das Geheimnis der Familie – so schändlich vorenthalten wird. Da fühle ich mich wirklich verarscht, vor allem, weil ich persönlich manisch Plot orientiert bin.

 

Fazit: Gute Geschichte mit einem wirklich scheußlich konstruierten Ende.

 

*Tate = Vater jiddisch

 

Wenn Odysseus die Öffis genommen hätte ...

Neues vom Onkel Franz: oder die Odyssee eines Innviertlers - Klaus Ranzenberger

Der Onkel Franz, pensionierter 70-plus-Innviertler vom Land muss auf Grund einer Erbschaft mit dem Zug zu einem Rechtsanwalt nach Wien fahren. Diese eigentlich kurze Reise mit zwei Mal Umsteigen gerät in Folge von mehreren vergnüglichen Kalamitäten zu einer wahren Odyssee, die den guten Onkel vom Land sogar abseits der Bahnstrecke verschlagen und ihn immer wieder neue interessante Leute kennenlernen lassen. Da Onkel Franz zwar sehr open-minded und interessiert an der modernen Welt ist, selbst aber infolge seines Lebensstils eher das Leben von vor 50 Jahren lebt, entspinnen sich sehr kuriose und spannende Dialoge über unseren modernen way of life.

 

Onkel Franz analysiert und reflektiert quasi wie ein recht neutraler Forscher, der ethnologische Studien betreibt, basierend auf seinen alten Werten und seinem ländlichen Lebensstil unsere Welt, verteufelt diese aber nicht grundsätzlich wie viele Menschen der Generation meiner Eltern sondern stellt fest und versucht vieles in Einklang mit seinen Werten zu bringen, vieles aber auch nicht, weil es eben nicht funktioniert. Daraus entsteht eine wundervolle Satire, die unsere Art zu leben teilweise augenzwinkernd aber bei den wichtigen Themen (Ernährung, Müll, Globalisierung …) recht ernst auf die Schippe nimmt. Onkel Franz ist meiner Meinung nach sehr glaubwürdig, denn er ist kein prinzipieller Nörgler, kein Kulturpessimist, der findet, dass früher alles besser war und dass die Stadt des Teufels ist (solche Leute gibt es tatsächlich in meiner Umgebung zuhauf). Er legt mit einfachem Hinterfragen die Finger in die Wunden unserer modernen urbanen globalisierten Industriegesellschaft.

Einer seiner Großneffen der Rachbauer Kevin, war ebenso kaum von seinem Handy wegzukriegen und versuchte, bei jeder sich ihm bietenden Gelegenheit den Onkel zu überzeugen, sich ebenfalls eines dieser Wunderdinge anzuschaffen. Auf Facebook wollte er sich dann mit ihm „befreunden“ und „seine Inhalte teilen“. Der Onkel Franz hatte ihm – nachdem er sich alles genau hatte erklären lassen – zu verstehen gegeben, dass er keinen Sinn darin erkennen könne. Dass er es ablehne, im Wirtshaus seine Essigwurst zu fotografieren, um seinen fünfhundert Freunden zur Kenntnis zu bringen, was er gerade esse. Erstens teile er seine Essigwurst mit niemandem, so weit käme es noch, und zweitens habe man im Leben mit sehr viel Glück allerhöchstens zwei wirkliche Freunde. Und wenn der Bub etwas von ihm wolle, solle er gefälligst vorbeikommen, da er ohnehin nur zwei Straßen weiter wohne. Vielleicht würd die Tante einen echten Gugelhupf backen, den könne man dann teilen.

In Wels läuft er einem jungen Mann nach, der seine Kopfhörer bei ihm im Abteil vergessen hat und verpasst den Zug, in St. Pölten muss er auf die Bahnhofs-Toilette und da er das WC im Zug während des Bahnhofsaufenthalts ja nicht benutzen darf (bzw. früher nicht durfte – damals gab es ja keine chemischen Toiletten, sondern alles wurde auf die Gleise gekippt), fährt ihm der Zug wieder vor der Nase davon. Sehr vergnüglich wird das alles immer von unserer österreichischen Parademoderatorin der 70er- und 80er-Jahre Chris Lohner mit ihrer sexy Stimme kommentiert, die seit Jahrzehnten auch alle Bahnhofsdurchsagen in Österreich spricht.

Regionalexpress 1693 nach Linz fährt soeben von Gleis eins ab. […] Chris Lohner kleidete das Geschehen in Worte.

In St. Pölten trifft er dann einen sympathischen syrischen Flüchtling mit Asylstatus, der ihn mit dem Paketdienstauto nach Wien mitnehmen will. Leider entpuppt sich der Arbeitsplatz des Syrers als videoüberwacht und der Onkel Franz muss sofort irgendwo in der Pampa aussteigen. Dort trifft er dann einen Politiker mit Chauffeur, die ihn zum Kernkraftwerk Zwentendorf mitnehmen. Bei einer Jause macht er später die Bekanntschaft eines Immobilienhais (eigentlich eines Multifunktionärs, like Gordon Gecko, dessen Firma in Österreich alle anderen Firmen aufkauft) anschließend eines IT-Spezialisten im Bus, schließt Freundschaft mit einem Biobauern, der früher Finanzmakler war und ausgestiegen ist, hat eine unangenehme Befragung mit einem studentischen Marktforscher und trifft endlich – so schließt sich der Kreis – in Wien am Naschmarkt seinen syrischen Bekannten wieder.

 

Das Ende ist zwar sehr unwahrscheinlich, aber wundervoll konstruiert. In Wien wickelt er seine Erbschaftsangelegenheit ab, die ihm überraschenderweise 2% dieses Riesen-Firmenkonglomerats beschert, dessen CEO er ja kennengelernt hat und bei dem dieser Politiker auch seine Finger drinnen hat. Auf Grund der Informationen, die er auf der Reise gesammelt und durch die Nutzung der Freundschaften, die er geschlossen hat, schlägt er mit seinen 2%, als Zünglein an der Waage, diesem Riesenkonzern mit globalen Ambitionen ein grandioses Schnippchen.

 

Ich fand das Buch sowohl sprachlich als auch inhaltlich sehr gut, aber zwei Kleinigkeiten muss ich dennoch kritisieren. Im Prolog bezeichnet der Autor den Onkel Franz als moderne Tante Jolesch. Dieser Vergleich ist gar nicht so abwegig, aber ich finde vermessen, nahezu schon präpotent, dass sich der Autor diese berühmten Schuhe von Friedrich Torberg, die ihm schätzungsweise mindestens eineinhalb Nummern zu groß sind, selbst anzieht. Wenn dies der Verlag aus Werbezwecken tut, ok, wenn der Autor die Tante Jolesch als Vorbild bezeichnet, auch total in Ordnung – aber so … das ist mir schon ein bisschen zu viel Überheblichkeit.

 

Beim zweiten Punkt geht es um das österreichische Kernkraftwerk Zwentendorf, das vom österreichischen Volk durch eine Volksabstimmung verhindert wurde und nie ans Netz gegangen ist. Im Roman wird es quasi als Bauruine bezeichnet, die man nun vielleicht als Eventlocation verwenden könnte, was dieser Immobilentycoon auch plant. Diese Einschätzung stimmt einfach nicht, da hätte sich der Autor wirklich einmal genauer informieren, das Innviertel verlassen und sich das in der Realität ansehen müssen.

 

Zwentendorf produziert schon seit Jahren als Musterkraftwerk für nachhaltige Energie 100% Strom aus Solarenergie http://www.zwentendorf.com/, es fungiert weltweit sehr erfolgreich als einziges Trainingszentrum für die Reaktoren gleicher Bauart (fast alle westeuropäischen Werke sind derart gebaut, und nur dort kann man den Katastrophenfall gefahrlos simulieren) und es ist der einzige Atomreaktor, den sich Schulen in der Realität anschauen können. Ich stand schon ca. 10 Mal auf der Warteliste für eine Führung und habe es noch nie in den Reaktor geschafft, weil der Andrang so groß ist. Die Führungen sind oft innerhalb einer Stunde für das ganze Halbjahr ausgebucht. Zu guter Letzt war Zwentendorf schon vor Jahren lange Zeit auch eine sehr erfolgreiche Konzert- und Veranstaltungslocation denn bis 2013 wurde dort mehrmals das Tomorrow-Festival von Global 2000 abgehalten, das leider eingestellt wurde, da es am Gelände durch den Klimawandel immer wieder Überschwemmungen vor allem im Sommer gab. Ich war selbst zweimal am Festival, es war grandios, die Solarpanels richteten sich immer nach der Sonne aus, die Bands waren großartig und sogar die Dancefloors von 2 Uhr bis 6 Uhr in der Früh produzierten durch eine neue Technologie Strom durch die Bewegungen der Tanzwilligen, ständig wurde angezeigt, wieviel Strom grade produziert wurde. Somit entspricht nichts, was über Zwentendorf im Roman angedeutet wurde, der Realität und ich finde extrem bedauerlich, dass ein solches Erfolgsprojekt (in der Nach-Atomkraftwerk-Ära) derart verleumdet wird (auch wenn es nur fiktiv ist).

 

Fazit: Ein ausgezeichnetes Buch für das ich eine klare Leseempfehlung abgeben kann. Ein paar Kritikpunkte gab es aber anzumerken.

Kulinarische Herbstsinfonie

Herbst - Die Jahreszeiten-Kochschule - Richard Rauch, Katharina Seiser, Joerg Lehmann

Der Herbst naht mit Riesenschritten und aus diesem Grund möchte ich Euch termingerecht ein wundervolles grandioses Kochbuch zu diesem Thema empfehlen.

Die in Österreich sehr bekannte Kochbuchautorin und Foodjournalistin Katharina Seiser (www.esskultur.at), die aus meiner Heimatstadt stammt, hat sich mit dem Sternekoch Richard Rauch zusammengetan, den ich übrigens anlässlich seines ersten Kochbuchs vor einigen Jahren ganz schön arg verrissen habe, und gemeinsam haben sie 2017 diese wundervolle Reihe der Jahreszeiten-Kochschule herausgebracht. Diese Kombi ist wirklich genial und funktioniert großartig. Für jede Jahreszeit: Frühling, Sommer, Herbst und Winter gibt es punktgenau die richtigen saisonalen Rezepte, die nicht nur unsere Ressourcen schonen, sondern die Zutaten schmecken ja auch am besten, wenn die Zeit dafür reif ist.

 

Seiser, die anerkannte Verfechterin einer regionalen, saisonalen, biologischen Küche ist meiner Meinung nach sowieso die Queen der Kochbuchschreiberinnen, denn sie geht an die Aufgabe derart strukturiert und immer mit Fokus auf die Zielgruppe der Hobbyköch*innen heran, dass der kochaffine Mensch sich sofort die Küchenschürze umbinden möchte. Richard Rauch hat die Rezepte dazu geliefert, und sie sind manchmal so reduziert, einfach innovativ und genial, dass einem das Wasser im Mund zusammenläuft.

 

Puh! werdet Ihr sagen: „Was soll diese Lobeshymne auf das zweihundertfünfzigtausendste Kochbuch, in dem wieder nur dieselben Variationen von Rezepten etwas verändert lauwarm präsentiert werden!“.
Weit gefehlt! Auch ich habe ca. 150 Kochbücher und bin ob dieser Reihe völlig von den Socken. Dazu muss ich nun aber genauer ausholen, um Euch das nahezubringen.

 

Zuerst ist hier mal der regionale, saisonale, biologische ressourcenschonende Gedanke, der auch die Resteverwertung anspricht. Und dann diese Klassifizierungen. In welchem Kochbuch gibt es schon eine Taxonomie der Kartoffel-(Erdäpfel)- und Kürbissorten. Und ich spreche hier nicht nur über diese unsägliche Einteilung festkochende, mehlige und vorwiegend festkochende Kartoffeln, sondern über die Verwendung von echten alten Kartoffelsorten, die es übrigens auf den Märkten und durch die regionale Nachfrage bei uns in Österreich in den Supermärkten als Bioware auf einmal wieder gibt. Auch wenn die Verkäufer*innen nie das Produktwissen haben, was man mit den einzelnen Sorten anfangen kann. Hier findet man nicht nur die Klassifizierung und den Verwendungszweck sondern auch die richtige Lagerung.

Illustration: Katharina Ralser/Brandstätter Verlag

 

Dann sind auch die Rezepte nicht mit high-sophisticated Kochmethoden aus der Sterneküche sondern genau für den Hobbykoch angelegt und nicht basierend auf unsäglichen Zutaten, die man sowieso nur in Großstädten wie in Wien und Berlin bekommt. Das höchste der Gefühle bezüglich Gerätschaften ist hier ein gutes Messer, ein Stabmixer, sowie eine Küchenmaschine und eine Nudelmaschine, damit man sich leichter tut und ein Fleischthermometer, um den Garpunkt nicht raten zu müssen.

Richard hat für die Rezeptfotos so angerichtet, wie er es zu Hause – nicht im Restaurant – macht, das war Katharinas Wunsch. […] Die Rezepte in diesem Buch sind für die Haushaltsküche abgestimmt. Uns beiden war wichtig, dass die Rezepte nicht nur nachkochbar sind, sondern auch dazu einladen, sie wirklich auszuprobieren.

Die Rezepte von Richard Rauch sind von sehr traditionell einfach – aber innovativ – bis zu größeren und aufwändigeren Speisen gestaltet, die sich auch eignen, vor den eingeladenen Gästen mit sehr großer Kochkompetenz zu glänzen. Die Themenbereiche bzw. ausführlichen Kapitel reichen von Kartoffel- (Erdäpfel)-, Kürbis-, Trüffelgerichten über Geflügelspeisen wie Gans, Ente, Wachtel und Wildgerichte wie Hirsch, Reh, Wildschwein und Hase bis zu Kochen mit Wein, Trauben, Äpfeln, Birnen und Wildfrüchten. In den einzelnen Rubriken gibt es nicht nur ein Rezept sondern ganze Kapitel lang eine ausführliche Beschäftigung mit der einzelnen Zutat.

 

Ihr könnt Euch schon vorstellen, in welche Rezepte ich mich verliebt habe – nämlich in die ganz einfachen innovativen und regionalen. Da ist zuerst mal der Kartoffel-Sauerkrautpuffer (in Bayern auch Reiberdatschi) und das Kürbis Cordon Bleu, der Kartoffel-Kastanienstrudel, die Kürbistorte, die Trüffel Kasnocken, der Wildschweinburger mit Kürbischutney, die Ganslfrühlingsrollen mit Erdnusssauce, die Wildschweinbolognese mit Rote-Rüben Pasta und die Krautfleckerl mit Trauben. Naa, wie geht es der Pfütze auf Eurer Zunge? 

 

Die Rezeptbeschreibungen sind ganz klar und einfach gehalten, alles ist gut erklärt, inkl. Tipps und Begleitgetränksempfehlung. Katharina Seiser ist sowieso die Königin der Sachregister, sie strukturiert alles perfekt für die Zielgruppe Hobbykoch. Das ist auch der Grund, warum ich sie eigentlich schon länger als Kochbuchkönigin bezeichne. Alles ist immer und überall schnell auffindbar, man muss nicht das gesamte Buch durchblättern, sondern hat auf wenigen Seiten alles parat. Neben einem Rezeptregister, gibt es auch ein Zutatenregister, ein Register nach Speisenart und ein Glossar Österreichisches Küchendeutsch, denn die Ausdrücke weichen vor allem in der Küche sehr stark von den deutschen Bezeichnungen ab.

 

Und nun kommt auch noch der allerletzte Faktor, der mich begeistert hat, nämlich das, was ich in diesem Kochbuch NICHT gefunden habe. Kein einziges eitles riesiges Porträtfoto der beiden Autoren, sondern auf der letzten Seite, die kleinen Bilder des gesamten Teams gleichberechtigt nebeneinander inkl. Lektorat, Grafik, Illustrationen und Fotografie. Bravo, das ist perfektes Understatement.

 

Fazit: Wer Kochbücher mag oder eines verschenken will und auf regionale, saisonale, nachhaltige Bioküche Wert legt, sollte unbedingt noch einen Regalplatz freiräumen und sich genau diese Reihe besorgen. Ich werde auf jeden Fall ab Anfang September, wenn es nicht mehr so heiß ist, mir zuerst einen Kürbis und mehlige Kartoffeln schnappen, den Löffel schwingen und loslegen.

Magischer Realismus aus Barcelona

Der Schatten des Windes  - Carlos Ruiz Zafón

Ich liebe dieses Juwel, die Geschichte ist wundervoll, sprachlich sehr ansprechend, der Plot ausladend, episch breit aber nicht zu breit, mit vielen unerwarteten Wendungen, ein Meisterwerk der Erzählkunst. Eine nicht unbedeutende Nebenrolle spielt die Stadt Barcelona. Wenn man schon einmal dort war, hilft es sehr, diesen Roman von Anfang an zu lieben, denn man findet sich sofort an den Orten wieder, die auch ein Tourist öfter besucht, nur in einer anderen Zeit.

Ein Umstand lässt mich im Zusammenhang mit diesem Roman von Zafon aber über mich selbst wundern. Es ist schon komisch, wenn ich einen amerikanischen Roman lese, der episch breit, weitschweifend und mit Myriaden von Personal bevökert ist, nervt mich das meist tierisch, denn ich finde es geschwätzig. Bei einem Spanier, Portugiesen oder Lateinamerikaner find ich das hingegen fast immer wundervoll und märchenhaft, eben eine Form von magischem Realismus. Habe ich Vorurteile oder sind die Amis wirklich so viel schlechter im episch breiten Erzählen?

Der Plot gleicht einem Griechischen Drama aus Freundschaft, Familie, Rache, Bosheit, großer Liebe, Schicksal, Mord und Totschlag vor dem historischen Hintergrund als sich Spanien nach und nach zu einem völlig abgehalfterten faschistischen Staat entwickelt.  Hierzu gibt es auch ein paar politische Weisheiten én passent, die uns Zafon vermittelt.
"Dieses Land ist in die Binsen gegangen." [...] "Es ist wie die Gezeiten, wissen Sie", sagte er. "Die Barberei, meine ich. Sie zieht ab, und man hält sich für gerettet, aber sie kommt immer wieder zurück."

Da gruselt es mich gerade angesichts der politischen Situation in Österreich und dieser prophetischen Aussage. Irgenwo habe ich vor Wochen gehört: Wenn jene Generation, die Krieg und Faschismus selbst erlebt hat, ausgestorben ist, kommen sie wieder, weil sich keiner mehr erinnert, wie furchtbar das wirklich war. Gleich dieser Welle der Barberei, die Zafon hier anschaulichst beschrieben hat.

Fazit: Eine grandiose Geschichte voller Spannung, ich bin gespannt wie es mit Band 2 weitergeht.

Don't bogart that Kugelfisch my friend

Die lustige Tierwelt und ihre ernste Erforschung - Helmut Höge

Das ganze Jahr 2018 warte ich nun schon auf ein Sachbuch, das mich so richtig zu begeistern vermag, et voilá – hier ist es.

 

Der Autor Helmut Höge erzählt Geschichtln und kuriose biologische Fakten rund um die Tierwelt von A wie Ameisen bis zu Z wie Zitteraale. Dabei holt er auch durchaus recht weit aus, über den Tellerrand des biologischen Fachgebiets übermäßig hinausgehend, gleich einem grandiosen Reihumschlag in Politik, Soziologie, Psychologie, Technik, Feminismus, Film, Fernsehen … . Dieser sehr breite Zugang zur Biologie ist kurios, kurzweilig und total wundervoll! So geht Bio! Meine Güte, hätte ich jemals einen Biologielehrer von der Qualität und dem Witz des Autors gehabt und nicht so langweilige Schnarchnasen, dann wäre das wahrscheinlich mein Lieblingsfach geworden.

 

Er schildert zum Beispiel, dass die Ameisen- und Termitenforschung seit jeher Gegenstand politischer Vereinnahmung war, sowohl in der nationalsozialistischen, kommunistischen als auch kapitalistischen Welt. Je nachdem welches System gerade herrschte, wurde das Sozialverhalten der Insekten mit dem politischen System verglichen.

Die Mathematiker entwickelten inzwischen ANT-Algorithmen, die in der Logistik, der Kriegsführung und so weiter zum Einsatz kommen. Wenn Amazon Bücher mit der Bemerkung empfiehlt, „Kunden, die diesen Artikel gekauft haben … kauften auch …“, dann war da so ein Ameisen-Algorithmus am Werk, den der Konzern so weiterentwickeln will, dass er Waren auswählt, die einem derart gut gefallen könnten, dass Amazon sie sogleich zustellt – ohne dass man sie bestellt hat.

Kommt Euch das nicht von irgendwoher bekannt vor? Aus Marc-Uwe Klings dystopischem Roman Qualityland, den ich heuer hier auf dem Blog schon besprochen habe.

 

Aber nicht nur die Viecherl werden alphabetisch abgearbeitet, sondern auch ein paar Verhaltensweisen quer durch alle Tiergattungen. Im Kapitel Berauschen wird man sehr vergnüglich mit den Drogenproblemen von ganzen Arten konfrontiert. So brechen Kängurus, Wallabys und Schafherden in Australien in Mohnplantagen ein, in Indien fallen die opiumsüchtigen Papageien und Antilopen über die Schlafmohnfelder her, schwedische Elche haben schwere Alkoholprobleme, Rentiere lieben psychedelische Pilze und die Igel sind nach mit Bier getränkten Nacktschnecken süchtig, da Hobbygärtner mit Bierfallen ihr Gemüse biologisch gegen die Schnecken schützen. Den Vogel schießen aber sowieso die Delfine ab. Diese nehmen, um sich zu berauschen, einen Kugelfisch, den sie so lange quälen, bis er sein Gift – Tetrodotoxin – absondert. In einer Fernsehsendung in Österreich Was gibt es Neues (so ähnlich wie Genial daneben) habe ich sogar gehört, dass sie diesen Kugelfisch reihum gehen lassen. Da bekommt das Lied „Don‘t bogart that joint (Kugelfisch), my friend“ eine ganz neue tierische Bedeutung.

 

Die vom Autor beschriebenen Kuriositäten reißen einfach nicht ab. In Ägypten gibt es tatsächlich schon länger die Sitte, einen lebenden Skarabäus, der mit Edelsteinen verschönert ist, an einer Kette als Schmuck zu tragen. Das Tier wird vom Besitzer gehegt und gefüttert. Ich habe sowas bisher nur einmal in einem Castle-Krimi mit Kakerlaken gesehen und dachte, das sei so eine degenerierte New Yorker Idee und Mode. So, jetzt höre ich aber auf zu schwärmen und zu spoilern, es gibt noch genug zu entdecken in diesem Buch.

 

Letztendlich kommen wir aber zum einzigen Wermutstropfen dieses Sachbuchs: Es hat nur knapp 160 Seiten und ist vom Format her total winzig, ergo ist man bedauerlicherweise in einem Nachmittag locker durch.

 

Fazit: Wundervoll, geistreich, humorvoll, großartig, bewusstseinserweiternd … aber zu kurz, zu kurz, zu kurz. Lieber Helmut Höge! Bitte setzen Sie sich hin und schreiben noch viel mehr dazu. Ich will mehr!!! Am besten gleich im Umfang, Gewicht und Format von Brehms Tierleben.

 

Abstieg in den Keller eines verwirrten Geistes

Bis ans Ende, Marie - Barbara Rieger

Puh, der Plot dieses Romans hat was von einem Roofies-Trip: wirr, nur Fetzen von Erinnerungen und Eindrücken, die sich allmählich sehr mühsam zu einem Ablauf des Geschehens zusammensetzen. Das ist auch durchaus beabsichtigt und soll den völligen Kontrollverlust der Protagonistin dokumentieren. Dieser Trip ist dramaturgisch etwas à la Hangover gestaltet, aber nicht lustig augenzwinkernd wie der Hollywoodfilm, sondern live von einer total widerlichen abgeranzten Psychopathenfront.

 

Die Protagonistin ohne Namen, eine Psychologiestudentin, ist völlig auf die lebenslustige Marie und ihren unerreichbaren Schwarm, den Studienkollegen Dominik fixiert und irrt orientierungslos mit ihren Freunden meist besoffen durch Wien, inklusive zweier Kurztrips – einer Landpartie ins Salzkammergut und zu einem Festival nach Venedig. Der Gegenstand der Obsession der Studentin, die Freundin und Kellnerin Marie, ist eigentlich gar kein Katalysator der Handlungen, sie bewirkt so gut wie gar nichts, sondern lebt nur ihr Leben und versucht, der Hauptfigur vor allem eine gute Freundin zu sein und ihr ein bisschen Lebenslust beizubringen. Das ist aber sehr schwer, denn die Protagonistin hat von Anfang an einen extrem tiefen Sprung in der Schüssel, der sehr weit von einer jugendlichen Verwirrtheit entfernt ist. Ganz subtil wird auch auf den sehr lockeren Umgang des Vaters mit rezeptpflichtigen Psychopharmaka hingewiesen, ob sich dieser aber irgendwann als Langzeitschaden in der Jugend oder in der gegenwärtigen Geschichte auf die Psychologiestudentin ausgewirkt hat, bleibt auch ungelöst, würde aber vieles erklären.

ALS ICH WIEDER zu Bewusstsein komme, steckt etwas in meiner Vagina. Ich ziehe es aus mir heraus, beginne die Fäden der Erinnerung zu entwirren, ich suche die Spinne in meinem Netz (1. Satz und Einstieg in diesen Roman)

Eines muss ich der Autorin ja lassen: Chapeau! Sie hat diesen wirren Stil sehr konsequent und konsistent durchgezogen. Leider ist die Protagonistin derart kaputt im Oberstübchen, dass das für einen normalen Menschen (Ok, das ist jetzt sehr überheblich, denn was ist schon normal) extrem verwirrend und undurchschaubar ist. Somit war – zumindest für mich als Leserin – die Rezeption der Handlung, des genauen Ablaufs der Ereignisse und die Motivationslage der Psychologiestudentin kaum verständlich, zumal sich der dekonstruierte, wirre Stil vom Beginn bedauerlicherweise zum Ende des Romans auch nicht zu entflechten und mäßigen vermochte. Bis zum Schluss war mir nicht klar, was wirklich passiert ist, und was mir die Autorin mit diesem Buch abgesehen von dieser Verwirrtheit sonst noch als Inhalt mitgeben wollte. So klappte ich letztendlich auf Seite 203 sehr fassungslos und mit einem fragenden Gesichtsausdruck die Buchdeckel zusammen und fragte mich, was zur Hölle ich da überhaupt gelesen habe. Und ehrlich gesagt, es war zwar wirklich, wie auf dem Buchrücken versprochen, eine emotionale Achterbahnfahrt (insofern ist der Verlag Kremayr & Scheriau immer punktgenau ehrlich bei der Bewerbung und Beschreibung seiner herausgegebenen Werke), aber ich wusste weder wohin ich gefahren bin mit dieser Achterbahn, wer mit mir im Wagen saß, noch was wirklich während der Fahrt passiert ist.

 

Fazit: Die komplette Dekonstruktion von Hirn, Wahrnehmung und Geist. Kann man mögen, war aber für mich doch nicht nur um eine Nuance, sondern viel zu abgedreht. Schräg, innovativ und unorthodox ist er auf jeden Fall, dieser Erstlingsroman der Autorin.

Langweiliges Blabla von "rüstigen" Senioren

Danke, ich brauche keinen Sitzplatz!: Das neue Tagebuch der Marie Sharp (Das Tagebuch der Marie Sharp, Band 3) - Virginia Ironside, Sibylle Schmidt

Was habe ich mir nur dabei gedacht! Ich wollte ein leichtes, witziges Buch von einer Autorin als Strandlektüre, und jetzt rege ich mich auf, dass dieses Tagebuch derart seicht und banal ist. Selbst schuld!

 

Dabei musste ich in mich gehen, was mich gar so gestört hat, denn normalerweise kann ich mit ganz banalen Alltagsgeschichten sehr viel anfangen. Bei mir muss es nicht immer Drama und Katastrophe sein.

 

Nach einiger Zeit kam ich dahinter: Erstens bedient die Autorin fast alle Klischees des aufgehübschten rüstigen Alterns. Die Figuren sind wie die Prototypen aus der Seniorenwerbung total heppy beppi eindimensional.

 

Zweitens gibt es im Plot eine doppelte überraschende Wendung mit einem zerstrittenen Ehepaar und dem darunter leidenden Sohn, die extrem unwahrscheinlich ist. Es hätte gereicht, wenn die Autorin Kommissar Zufall nur beim Zusammenbringen der Protagonistin Marie mit dem Ehemann Graham und dem Sohn Zac bemüht hätte. Das zufällige Treffen im Cafe mit der Mutter Julie war viel zu dick aufgetragen, bei so einer Entwickung geht die Wahrscheinlichkeit gegen Null.

 

Drittens: Meine Güte verplempert die Protagonistin Marie ihr Leben. Eine Geschwulst, die in Form eines Vielleicht-Tumors daherkommt, ist von Jänner bis Juli nicht mal im Versuch diagnostziert, weil Marie keinen Druck bei den Arztterminen macht, sondern lieber darauf wartend und ängstlich bangend den Kopf in den Sand steckt und sich in ihr Schicksal ergebend die Augen verschließend mit Warten auf die Arzt-Termine das Leben an sich vorbeiziehen lässt. Ein anderer hätte halt mal was in Gang gebracht, jemanden angerufen, angebrüllt oder einen Privatarzt bemüht- wir reden hier von 6 Monaten in denen nicht mal ein MR passiert. Diese Geschwulst geht mir überhaupt total auf die Nerven, denn wie eine eigene Figur taucht sie auf, bestimmt dann dreiviertel des Romans und verschwindet dann schwuppdiwupp plötzlich wieder, genauso wie sie gekommen ist. Das ist auch so eine total unwahrscheinliche Wendung, die mir gar nicht gefallen hat.

 

Fazit: Total laangweilig und entbehrlich dieser Roman in Form eines Tagebuchs. Ich empfehle ihn erst ab 80+ zu lesen, um sich dann zu freuen, dass man das Leben im Vergleich zur 66-jährigen Marie viel besser und mit mehr Tatendrang im Griff hat.

 

Rambazamba in Stuttgart21

Wo die Löwen weinen: Kriminalroman (German Edition) - Heinrich Steinfest

Heinrich Steinfest sagt selbst: "Dies ist ein Roman über das Vorhaben, eine Stadt zu ermorden. Nie erschien mir die Form eines Kriminalromans passender, zwingender, befreiender."

 

Wie es Euch vom Buchcover und dem Klappentext gleichsam quasi mitten ins Gesicht springt, geht es um Stuttgart21. Der Krimi ist wundervoll eingebettet in Politik, Korruption, Vetternwirtschaft, Bürgerprotest, Aktivismus, Demos und organisierten Widerstand. Auf welcher Seite Steinfest steht, ist auch sonnenklar, denn keine Figur der herrschenden Kaste ist wohlwollend gezeichnet nur die Polizisten, die aber eigentlich gerade in diesem Fall zwischen den Fronten stehen, haben durchwegs sympathische menschliche Züge.

 

In der Gestaltung der Story hat sich Steinfest dramaturgisch etwas neues einfallen lassen der idealtypische Krimiplot ist diesmal umgedreht: Das Verbrechen wird aufgeklärt, bevor der Mord passiert. Wie immer strotzt die Geschichte nur so vor grandiosen Ideen: zum Beispiel ein politisch motivierter Attentäter als Heckenschütze, der keinen umbringt, aber dennoch seine Botschaft klar und unmissverständlich deponiert und ein sehr subversiver Aktivist einst auf der Seite der Mächtigen, der überraschend durch eine künstlerische Aktion, Politik und Polizei total ohnmächtig und blöd dastehen lässt. Das ist himmlisch!

 

Die Figuren sind wieder Mal bis zum Hund in einer Nebenrolle, der sehr philosophische Züge aufweist, total liebevoll entwickelt. Bis eben auf die Politiker, die Mächtigen und ihre Erfüllungsgehilfen, die ja eigentlich gar keine Menschen sind, sondern nur korrupte Hüllen und Karrikaturen von humanen Wesen, was sehrwohl beabsichtigt ist und durch den krassen Gegensatz zum übrigen Personal wahnsinnig gut ins Konzept passt.

Sprachlich ist Steinfest sowieso einer meiner Lieblingsautoren, er konstruiert wortgewaltig und sehr intelligent Wuchtln, Bonmots und Analogien, die man sich allesamt einrahmen und an die Wand hängen möchte.

 

"....aber die Würde ihrer Erscheinung, die Eleganz, mit der sie ihr Alter und die Wunden ihres Lebens trug, vor allem das Raumgreifende ihrer Bewegungen war unübersehbar. Wobei dieser Griff nach dem Raum eben nicht brutal war wie bei vielen machtvollen Männern, die dem Raum gern ein Leid antun, sondern sie gab dem Raum eine kunstvolle Stütze und verzierte ihn gleichzeitig."

"Lych redete beinahe völlig akzentfrei, da war nichts Bayrisches, keine Kanak Sprak, keine Mischsprache. Da war nur ein kleiner exotischer Klang, der jedem seiner Wörter einen kurzen Stoß verlieh. Wie beim Brustschwimmen, wenn die Beine nach hinten schnellen."

 

Fazit: Unbedingt lesen, auch wenn man sich mit Stuttgart21 nicht auskennt. Ein absoluter Pageturner spannend, klug, witzig, teilweise extrem realistisch dann wieder total abgedreht, sprachlich wundervoll. Ein echter typischer Steinfest eben in Höchstform.

Chinas verlorene Töchter

Wolkentöchter - Xinran

Es ist fürchterlich! Was da in China aufgrund der unsäglichen Verknüpfung von alten patriarchalischen Strukturen und der 1-Kind-Politik in den letzten Jahrzehnten im Detail gegen weibliche Babys abgegangen ist, haben wir hier in Europa möglicherweise geahnt, wir haben uns selten genauer damit beschäftigt und es sicher nicht im Detail gewusst. Diese Reportage ist derart ungeheuerlich und brutal, dass einem die Spucke wegbleibt und sich das Würgen einstellt.

 

Ein sehr wichtiges Werk, das ich überhaupt nicht bereue, gelesen zu haben und das mir die Augen geöffnet hat. Ich möchte es Euch wirklich dringend ans Herz legen, denn diese Fakten zu wissen, ist einfach sehr wichtig, da ein Genozid an weiblichen Babys erst vor Kurzem strukturell geplant in großem Stil passiert ist und in den ländlichen Gebieten Chinas noch immer tagtäglich stattfindet.

 

Im Rahmen meiner A-Z Autorinnenchallenge (Details dazu hier), bin ich beim Buchstaben X im Nachnamen zwangsläufig über die chinesische Radiomoderatorin und Journalistin Xinran Xue gestolpert und ich freue mich sehr, dass ich sie entdeckt habe.

 

Das Buch ist in Form einer Reportage über die Zustände in China angelegt, die sehr persönlich gehalten wird, da Xinran von Schicksalen der Mütter und aus ihrer eigener Sicht ihres Involvements die Lebensgeschichten der Frauen und die der Babys schildert. Schon die erste Szene beschreibt, was hier abgeht. Xinran ist im Rahmen der Recherche in ländlichen Gebieten Chinas eingeladen, und eine Frau liegt bei ihren Gastgebern in den Wehen. Plötzlich wird es ganz still, die Stimmung kippt, alle tun so, als ob kein Kind geboren wurde und gar nichts passiert sei. In einem Kübel im Geburtszimmer sieht sie das noch zuckende Bein eines Babys, weggeworfen wie Müll. Sie versucht, das Mädchen zu retten, wird aber von ihren Gastgebern daran gehindert. Nach dieser Erfahrung recherchiert sie weiter und deckt Fürchterliches auf. Auf dem Land werden weibliche Babys sofort bei der Geburt umgebracht, denn in den alteingeführten patriarchalischen Gesellschaftsstrukturen Chinas zählt sowieso nur der Sohn und durch die verordnete 1-Kind-Politik werden die Mädchen von Hebammen und ihren eigenen Verwandten – Müttern, Vätern, bzw. Schwiegereltern – so lange getötet, respektive sofort nach der Geburt erstickt, bis sich dieser gewünschte männliche Erbe auch einstellt.

 

Aber auch andere Strategien von Eltern werden recherchiert und in einzelnen Schicksalen dargestellt. Manche Mütter behalten ihre Töchter so lange, bis sie wieder schwanger werden und setzen sie dann aus. Das natürlich so lange und auch so oft, bis der ersehnte Sohn produziert wird. In weiteren Stories wird dann die systematische Adoption eigentlich ja der Verkauf von chinesischen Mädchen an Adoptiveltern im Ausland geschildert und wie sich dieser Usus quasi staatlich unterstützt zuerst im städtischen und dann im ländlichen Raum durchgesetzt hat. Dabei werden fast alle Regeln des Haager Übereinkommens zum Schutz von Kindern verletzt, vor allem gibt es nicht mal Aufzeichnungen, wer die Kinder überhaupt sind (alles wird weggeworfen). Die Zustände in den Waisenhäusern sind derart unmenschlich, kriminell, eigentlich nur um eine Nuance besser als die Tötung der Mädchen. So wird Schicksal für Schicksal aufgerollt und zu einer Gesamtreportage, einem Bild zusammengestellt.

 

Wie gesagt dies alles ist im Stil der persönlichen Lebensgeschichten und herzzerreißenden Schicksale von Müttern und nicht sachlich dargelegt. Dieser Stil gibt zwar inhaltlich durch die Wahl der Beispiele auch ein ausreichend breites Bild der Zustände in China, ist aber von der Tonalität natürlich sehr persönlich und emotional angelegt. Manchmal hat mir für die Rezeption der Stories dann ein bisschen die neutrale sachliche journalistische Klammer und die Hintergrundinfo bezüglich der rechtlichen, ökonomischen, demografischen, gesellschaftlichen Fakten gefehlt, die leider erst auf Seite 259 eingeführt werden, obwohl sie eigentlich schon zu Beginn auf der ersten Seite von mir benötigt worden wären. Hier sollte die die Struktur des Werkes umgedreht und die Hintergrundinfos am Ende des Buches als journalistische sachliche Einführung in das Thema von der Autorin zu Beginn installiert werden. Dann kann man auch die Geschichten nicht nur fühlen, sondern von Anfang an besser verstehen.

 

Bei der Übersetzung gibt es einige strukturelle Fehler, einmal wurden Monate mit Jahren verwechselt und öfter wurde immer dieselbe Formulierung verwendet, anstatt Synonyme einzuführen. Diese Redundanzen nerven und stören natürlich, wenn man das Buch auf Deutsch oder Englisch liest. Gut fand ich jedoch, dass der Übersetzer auf diese Schwächen in den Anmerkungen einging, dass das im Chinesischen offensichtlich etwas schwierig umzusetzen ist, und sich prophylaktisch dafür entschuldigt. Auch glaube ich, dass sich das im Laufe der Zeit etwas verändern wird, wenn mehr Bücher aus dem Chinesischen übersetzt werden und die Verlage damit mehr Erfahrungen bekommen.

 

Fazit: Eine extrem wichtige, erschütternde, packende Reportage, die ich allen sehr ans Herz lege. Wir alle sollten wissen, mit welchen Mitteln die wirtschaftliche Turboentwicklung Chinas auf dem Rücken von Mädchen erkauft worden ist. Auch gibt das Buch einen guten Blick darauf, mit welchen Strategien Entwicklung und Überbevölkerung NICHT in den Griff zu bekommen sein sollte. Eine derartige Denkweise ist nicht nur unmenschlich grausam, sondern auch langfristig für die demografische Entwicklung eines Landes totaler MUMPITZ! Auf jeden Fall macht dieses Werk wütend und traurig, aber mündige Menschen mit Herz, Sinn und Verstand müssen da durch und genau hinsehen, auch wenn es bis in die Knochen wehtut und sich dieser Genozid sehr weit weg im Osten ereignet hat bzw. noch immer ereignet.

 

 

Estnisch-Russisch-Deutsche Spirale der Gewalt

Fegefeuer - Sofi Oksanen, Angela Plöger

Durch meine diesjährige Autorinnenchallenge, in der ich in 13 Monaten 26 Bücher von Autorinnen mit dem Familiennamen A-Z lese (Details dazu hier), habe ich mich aus meiner bisherigen Komfortzone herausbegeben und möchte Euch nun zum relativ exotischen Buchstaben O die finnische Autorin Sofi Oksanen mit diesem Roman wärmstens ans Herz legen.

Im Jahr 1992 findet die Protagonistin Aliide auf ihrem estnischen Bauernhof ein junges geflüchtetes verletztes Mädchen namens Zara, das sich allmählich als Enkelin ihrer Schwester entpuppt. Nach und nach erhält der/die Leser*in Einblick in das Familiendrama, das dafür verantwortlich ist, dass die Verwandten auseinandergerissen wurden und sich gar nicht kennen. Daraus webt die Autorin ein beispielloses Drama aus Terror, Angst, Schuld, Opfer -Täterumkehr und Sühne, in dem die Figuren derart vielschichtig denken handeln und fühlen, dass es eine Freude ist.

Die Geschichte kommt zwar durch die zahlreichen sprunghaften Rückblenden in unterschiedliche Jahre etwas gemächlich in Schwung, aber spätestens bei der Hälfte der Strecke hatte sie mich so gepackt, dass sie mich überhaupt nicht mehr losließ.

Zu Beginn war es für mich gruselig, dass die Zivilbevölkerung 1992 während des russischen Umbruchs in den baltischen Staaten auch extrem von Angst, Mangelwirtschaft, Terror und Vergeltungsmaßnahmen geplagt war. Fast schien es so, als würde sich die sehr bewegte Geschichte Estlands während des 2. Weltkrieges wiederholen, in der die zuvor autonome estnische Bevölkerung permanent abwechselnd von deutschen und russischen Soldaten okkupiert und drangsaliert wurde.

Nach den Rückblenden in die Jahre 1936-1952 kommt das ganze Ausmaß der Schuld der Protagonistin Aliide ans Tageslicht. Selbst als junges Mädchen ein Opfer von Vergeltungsmaßnahmen und Vergewaltigung richtet sie aus Scham, Trotz, Eifersucht, Angst und über Leichen gehenden Überlebenswillen ihre ganze Familie zu Grunde. Unglaublich was geschundene Menschen in Ausnahmesituationen ihren eigenen geliebten Verwandten antun können, dies auch noch rechtfertigen, sich als Opfer mit den Tätern verbünden und damit selbst zu einer der widerlichsten und gleichzeitig armseligsten, erbarmungswürdigsten Form von Tätern werden. Wenn im Krieg der Firnis der Zivilisation abbröckelt, ist vieles, das vorher unvorstellbar war, plötzlich möglich.

Auch die Geschichte des Jahres 1991 mit der Großnichte Zara ist ganz schön starker Tobak. Von Mädchenhändlern in Wladiwostok akquiriert und mit angeblich ehrlicher Arbeit im Westen in die Zwangsprostitution gelockt, erlebt auch dieses Familienmitglied den absoluten Horror in der Spirale der Gewalt und Unterwerfung.

Beide Frauen misstrauen, belauern und unterstützen sich gleichzeitig gegenseitig, die Stimmung des Romans ist sehr von Angst, Misstrauen, Geheimnissen, lapidarer und massiver Gewalt geprägt. Letztendlich tilgt jedoch Aliide ihre Schuld der Vergangenheit und es kommt fast so etwas wie ein furioses trauriges Ende mit vielen Leichen zustande, das aber dennoch irgendwie als positiv bezeichnet werden kann, da sowohl die letzten übriggebliebenen „Bösen“ als auch jene sterben, für die sowieso jegliche Rettung nicht mehr möglich und vergeudet ist.

Die Figuren sind alle sehr komplex und vielschichtig gezeichnet. Kaum einer ist nur gut oder böse, Opfer oder Täter, sondern es werden menschliche Abgründe in Extremsituationen dargestellt. Gleichzeitig wird sehr viel Geschichte aus diesem kleinen baltischen Staat namens Estland vermittelt, von dem ich bisher auf jeden Fall viel zu wenig wusste. So, nun beiße ich mir aber auf die Zunge und höre auf zu schwärmen und zu spoilern, damit Ihr Euch von der Geschichte überraschen lassen könnt, und glaubt mir, da gibt es noch so einige unerwartete Wendungen und Überraschungen.

Fazit: Eine absolute Leseempfehlung von mir für diesen packenden, brutal realistischen, preisgekrönten Frauen-Roman. Er erfordert aber zu Beginn ein bisschen Durchhaltevermögen, also bitte nicht zu schnell aufgeben.

Toxischer Japanroman

Heimkehr nach Fukushima: Roman - Adolf Muschg

Ohje, dieser Roman des Schweizer Schriftstellers Adolf Muschg war für mich bedauerlicherweise ein sehr sprödes auf Gewalt getrimmtes intellektualisiertes mühsames Werk, in dem seichte Querverweise und Zitierungen quasi mit der Mistgabel hineingeschaufelt wurden. Selbstverständlich habe ich als Leserin die Reminiszenzen an Adalbert Stifters Œuvre auf Grund des Klappentexthinweises erwartet, da ja beide Protagonisten den Linzer Autor, die Pflichtschullektüre-Nemesis meiner Kindheit, verehren. Auch habe ich mir erhofft, endlich einen moderneren erwachseneren Zugang zu Stifter zu erhalten, gleichwohl blieb mir das verwehrt, denn die sehr inflationär in vielen Szenen zitierten Stifter-Passagen passen leider nur marginal zum Geschehen des Romans und dekonstruieren die ohnehin schon sehr zerfledderte Handlung noch zusätzlich.

 

Aber nicht nur bei Stifter wird sich voller intellektueller Eitelkeit bedient, um sich als braver Bildungsbürger darzustellen. Gleich einem Rundumschlag werden in einem recht präpotenten Zitate-Ratespiel sehr viele vage Anspielungen auf andere Werke bemüht, ohne in die Tiefe zu gehen: z.B. Tezukas Graphic Novel Adolf, sehr viele unterschiedliche Werke von Adalbert Stifter, Hiroshima Mon Amour, Hieronymus Bosch, einige wichtige Architekten … . Hätten solche Anspielungen wirklich punktgenau in die Handlung gepasst und wären sie inhaltlich etwas intensiver und tiefer in den Plot eingewoben worden, hätte es mir sogar sehr gut gefallen, aber fast immer war ich ob der Seichtheit der angewendeten Querverweise nur verführt auszurufen: „Jaja wir wissen es schon! Diesen Film hast Du auch gesehen, diesen Roman hast Du auch gelesen, diese Graphic Novel steht auch in Deinem Bücherregal herum und dieses Gebäude und Bild kennst Du.“ Selbst die Sexszenen waren keine uniquen Ideen, sondern eine Reminiszenz an Murakami. Da ich mich ja selbst in so einer Community bewege und um solche Auswüchse in Privatunterhaltungen zu verhindern, wurde bei mir zu Hause ein Phrasenschwein aufgestellt, in das jeder einzahlen muss, der solche unsäglichen Charaktereigenschaften außerhalb des beruflichen Unigeländes an den Tag legt (Zitate in toten Sprachen wie Latein und Altgriechisch zählen übrigens doppelt). Der Autor hat, wenn ich alle Strafbeträge zusammenzählen würde, ungefähr für 1000 Franken Phrasen für mein hungriges Schweinderl gedroschen.

 

Dass ich erst im dritten Absatz zur Kritik an der Handlung des Romans komme, sagt eigentlich schon sehr viel aus. Der Plot ist nach Weglassung des intellektuellen Füllmaterials eigentlich gar nicht schlecht, wenn auch sehr dürftig. Im Prinzip war es diese Geschichte, die mich dazu veranlasste, das Buch als Rezensionsexemplar zu wählen. Der Architekt Paul Neuhaus wird nach Japan eingeladen, um als Gallionsfigur einer Künstlerkolonie nach dem Vorbild Worpswedes die verseuchte Landschaft Fukushimas wiederzubesiedeln. Mit der verheirateten Mitsuko und einem Geigerzähler reist er in einer Fact Finding Mission durch das von den Menschen teilweise aufgegebene und jetzt allmählich wieder kultivierte Land, in dem man die Strahlenbedrohung nicht sehen und auch nicht riechen kann, nur der Geigerzähler manifestiert durch sein Piepen diese unsichtbare, vage Gefahr.

 

Diesen Aspekt des Romans möchte ich auch sehr loben, er ist innovativ, spannend, einerseits mysteriös und andererseits auch für manche in unseren Breiten sehr realistisch. Nämlich die Ambivalenz der Japaner zur Strahlenbelastung durch die Atombomben, die permanente sehr intensive Nutzung der Kernkraft zur Stromerzeugung und durch den Reaktorunfall in Fukushima. Hier wird alles verdrängt, was es zu verdrängen gibt, beschönigt und unter den Teppich gekehrt. Zuerst wundert man sich noch über dieses Verhalten und dann wird man plötzlich an der eigenen Nase gepackt, speziell jene Personen, die im deutschen Schwarzwald, in Bayern und im Salzkammergut in Österreich wohnen.

Da sieht man sich selbst plötzlich vom Autor in die Rolle der Japaner versetzt, weil speziell diese Gegenden durch den Regen 1987 stark von Tschernobyl betroffen waren, was der Situation in Fukushima gleichkommt und merkt, dass wir genauso den Kopf in den Sand stecken, weil wir die Bedrohung nicht sehen und riechen können. Ab wann haben wir vergessen, darauf zu achten, keine Pilze aus diesen Regionen zu essen, kein Wildschwein von dort zu konsumieren? Ja, das macht nachdenklich!

 

Wie schon erwähnt, zerfällt ansonsten der Plot gegen Ende des Werkes bedauerlicherweise ein bisschen, er wirkt degeneriert und dekonstruiert, die unmögliche Liebesgeschichte bzw. Liason ist tragisch, hat aber dennoch irgendwie ein Happy End. Aber wie bereits gesagt, die Geschichte ist das beste an diesem Roman.

 

Einen weiteren massiven Ärgerfaktor muss ich leider auch noch erwähnen und meinen Unmut darüber kundtun. Der Roman strotzt nur so von systematischen orthografischen Fehlern, die ich überhaupt nicht tolerieren kann. Es wurde die alte ß-ss-Schreibung verwendet. Zuerst habe ich selbstverständlich gegoogelt, ob die neue Rechtschreibung in der Schweiz nicht angekommen ist, und erfahren, dass es dort überhaupt kein scharfes ß gibt. Also wieso verwendet ein schweizer Autor in einem deutschen Verlag 2018 publizierten Werk die alte Rechtschreibung, die nicht mal die heute gültigen Schweizer Orthofgrafieregeln implementiert? Das muss mir mal jemand erklären! Wie sollen junge lesende Leute richtig schreiben lernen, wenn nicht mal Autoren und Verlage inklusive Lektorat die neuen Regeln anwenden? Ist das altersstarrsinnige Eitelkeit? Oder was! Leute so geht das nicht! Und übrigens – ich will ja nicht klugscheissern, aber Olympiade ist der Zeitraum zwischen zwei Olympischen Spielen! Was soll das für ein Lektorat sein, das so etwas verwechselt und nicht weiß. Vor allem doppelt peinlich, wenn so etwas in einem derart intellektuell aufgemascherlten Roman passiert.

 

Fazit: Lediglich die Handlung und die Figuren des Romans haben einen gewissen Charme. Die Ausführung derselben ist bedauerlicherweise grottenschlecht und aus diesem Grund gibts aus meiner Sicht auf keinen Fall eine Leseempfehlung.

Mexikanisches Familienpuzzle

Denn sie sterben jung: Stories - Antonio Ruiz-Camacho, Johann Christoph Maass

Dieser Roman von Antonio Ruiz-Camacho besteht aus einer Reihe von Kurzgeschichten einer Familie, die am Ende zu einer großen Einheit und einem Gesamtbild – quasi einer Familienchronik – zusammengesetzt werden sollten. Normalerweise bin ich ja eine denkbar schlechte Rezensentin für Short-Stories, da ich viel zu sehr auf Figurenentwicklung und Plotgestaltung achte und für mich deshalb auf so wenigen Seiten meist einfach zu wenig Raum bleibt, um meine Anforderungen an eine gute Geschichte zu erfüllen. Dieses eher ungewöhnliche Stilmittel hat mich dann aber dennoch sehr interessiert und herausgefordert, zumal mir der ähnlich gestrickte Roman Ruhm von Daniel Kehlmann bereits vor Jahren sehr gut gefallen hat.

 

In wirklich sehr kurzen Geschichten wird ein Abriss von Figuren der Familie Artega sehr grob skizziert, die in der gesamten Welt verstreut leben. Wie bei den meisten lateinamerikanischen Familien üblich, führen Kinderreichtum, Namensgleichheiten von Vater und Sohn, uneheliche Kinder und viele Domestiken in den einzelnen Haushalten zu extrem viel Personal im Roman und ordentlicher Verwirrung. Dem sind der Autor oder der Verlag oder beide gemeinsam sehr genial mit einem übersichtlich strukturierten Familienstammbaum zu Beginn des Buches entgegengetreten, in dem nicht nur alle Verwandtschaftsverhältnisse, sondern auch das Hauspersonal namentlich angeführt sind und zudem auch die Nummer der Kurzgeschichte, in der alle Figuren auftreten.

 

Nach und nach erfährt die Leser*in, indem er/sie immer wieder das Organigramm studiert, was wirklich passiert ist: das Familienoberhaupt José Victoriano Artega wurde entführt und in kleinen Paketen in Einzelteilen der Familie per Boten zugestellt. Ob dieser Bedrohung verlassen alle Verwandten das Land und stieben gleich einem Stern von Mexiko aus in viele Richtungen und Kontinente. Die Kurzgeschichten geben Auskunft, wie die einzelnen Familienmitglieder mit der Tragödie umgehen. Dabei entstehen durchaus auch spannende kuriose Einzelschicksale und Geschichten wie die Story von einem Bären, der sich beim von der Polizei abgesperrten McDonalds an den Muffins gütlich tut, während sich die ehemaligen Hausangestellten, die nun illegal im Lande sind, vor Angst wegen der amtshandelnden Behörden fast in die Hose machen. Oder die Ehefrau Laura, die sich in der Diaspora aus Langeweile in einem Waschsalon einen jungen Mann aufreißt, mit dem sie den ultimativen sexuellen Kick durch eine Fahrt im Wäschetrockner erlebt.

 

Abseits der etwas kuriosen Einzelgeschichten erinnert die Rezeption des gesamten Plots – also die Chronik der gesamten Familie Artega seit der Entführung des Familienoberhauptes Don Victoriano – an ein kniffliges Puzzle, das auf Grund des eingangs erwähnten Organigramms doch recht leicht zusammenzusetzen ist. Mir hat es wirklich viel Spaß bereitet, dieses Bild Stück für Stück zu montieren. Aber ergibt das Puzzle ein schönes detailreiches Gesamtbild? Oder hat es zu viel unstrukturierten flachen blauen Himmel? Das ist hier die Frage, die sich jeder selbst für die eigene Rezeption des Romans beantworten muss.

 

Für mich waren die Einzelfiguren um eine Nuance zu farb- und substanzlos, vor allem auch, weil ich eigentlich viel zu wenige Geschichten über die Familienmitglieder gelesen habe, sehr viele Figuren fehlten völlig. Vielleicht hätten mehr beschriebene Protagonisten in einem längeren und dickeren Buch dieses Familiengeflecht für mich viel dichter, greifbarer und substantieller erscheinen lassen. Da war mir der Autor bei der Konzeption des großen Ganzen einfach ein bisschen zu minimalistisch beim Erzählen, zumal die Gschichtln ja auch sprachlich gut fabuliert sind, vor innovativen Ideen strotzen und wirklich viel Freude machen. In diesem Fall hätte ich einfach gerne noch mehr erfahren.

 

Fazit: Wer das Stilmittel zusammengesetzter Kurzgeschichten zu einem Roman und die Erfahrung des Navigierens durch den Familienstammbaum gleich einem Spiel schätzt, wird seine helle Freude an dem Werk haben. Wer auf tiefe Figurenentwicklung Wert legt und nicht vor dem Autor den Hut ziehen kann, dass er mit einer derart minimalistischen Konstruktion die Familie, das Geschehen und die Verlorenheit der Diaspora nach der Katastrophe ausreichend gut beschreiben konnte, wird ein Haar in der Suppe finden. Mir ging es in beiden Rezeptionsmodellen gleichermaßen so wie beschrieben. Einerseits habe ich diesen minimalistischen Aufbau und den Stilgriff des Romans sehr bewundert, andererseits bin ich traurig, da ich einfach auf sorgfältige Figurenentwicklung Wert lege. Insgesamt auf jeden Fall ein sehr gut konzipiertes, lesenswertes Buch!