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awogfli

Awogfli - Bookcroc

Ich bin Buchgourmet und Buchgourmand quer durch viele Genres

Handlungsstränge völlig losgelöst und in Quarantäne

Was wir voneinander wissen - Jessie Greengrass

So überhaupt nicht erfreut war ich von diesem durch renommierte britische Literaturpreise ausgezeichneten Werk. In all den Szenen, Geschichten, Zeilen und Seiten verspürte ich nicht mal irgendwie und zu irgendeinem Zeitpunkt annähernd einen Funken von lauwarm. Für mich fehlten der Flow, der Zusammenhang der stilistischen Mittel und die Konsistenz des Romans.

Dabei sind das Hauptthema und der Haupterzählungsstrang der Geschichte doch ganz mein Metier. Eine verkopfte, überanalytische und -ängstliche Protagonistin erzählt ziemlich detailliert von ihren Sorgen, Phobien und auch in Rückblenden von ihrem Leben. Das sind normalerweise Geschichten, die ich sehr mag, aber diese war in der Umsetzung einfach für mich überhaupt nicht adäquat.

 

 

Das beginnt damit, dass die zu Beginn von der Autorin präsentierte Sprachfabulierkunst und einfühlsame Beschreibung von Ereignissen mit jeder weiteren Seite so exzessiv und inflationär zelebriert werden, dass sie für mich in eine richtiggehende Überperformance im Methaphernschwängern der Szenen ausartet. Zuviel Blumiges und mit unzähligen Adjektiven Beschreibendes ist eine stilistische Überdosis, die ein gut gewürztes Werk ins Giftige abgleiten lässt. (Huch jetzt habe ichs auch gerade getan )

 

Zurück zur Handlung: Die Hauptdarstellerin hat Angst, ihren Kinderwunsch zu verwirklichen und erinnert sich an den tragischen Tod ihrer Mutter, der in einer gut geschilderten Sterbeszene beschrieben wird. Zudem existiert – völlig von der Handlung losgekoppelt – der Biografie-Erzählstrang des Wissenschaftlers Röntgen, der überhaupt keinen Bezug zur eigentlichen Story aufweist, er wirkt wie ein unangenehmer Fremdkörper im Buch. Bevor die Leserschaft schon fast das ganze Leben von Röntgen erfahren hat, kommt kein irgendwie gearteter Konnex zwischen der Protagonistin und der Biografie des Wissenschaftlers auf. Erst auf Seite 61 wird erstmals erwähnt, was die Autorin uns offenbar mit diesem extrem schwachen Bezug sagen will. Die Ich-Erzählerin hat vor einem MRT Panik und lenkt sich mit dem Lesen der Geschichte von Röntgen vor dieser Angst ab. Das war es aber schon mit den Wissenschaftsbezügen zur Protagonistin, der erste eingestreute Handlungsstrang ist so steif wie die geröntgten Knochen. (uups I did it again)

 

Im zweiten Teil der Rückblenden mit einer weiteren drübergestreuselten Lebensgeschichte von Sigmund Freud bleibt diese wieder ein Fremdkörper im Roman. Zugegeben, die Beziehung von Freud zu seiner Tochter Anna könnte marginal etwas mit der Familiengeschichte der Hauptfigur zu tun haben, aber die Gemeinsamkeiten werden nur nebeneinandergestellt, weder verzahnt noch in Bezug zueinander gesetzt. Nie reflektiert die Autorin, was ihre eingefügten Biografien denn so mit den geschilderten Figuren zu tun haben könnten. Den Kontext muss sich der Leser selbst aus den Fingern saugen. Das irritierte mich zunehmend, denn ich habe Probleme damit, wenn ich mir aus unzusammenhängenden Versatzstücken selbst eine Geschichte zusammenbasteln muss. Das ist für mich Aufgabe des Autors und Erzählers und kann zumindest für mich, als literarische Realistin, nicht komplett an die Leserschaft outgesourct werden. Mitdenken ja, aber nicht ohne jeden Hinweis. Denn dann bleiben die servierten Häppchen total unverbunden.

 

Was ich mir letztendlich zusammengereimt habe, ist folgendes: Die selbstbestimmte autonome Mutter-Kind-Beziehung seitens des Kindes, wie sie in der Familie der Ich-Erzählerin gelebt und in Rückblenden geschildert wird, steht im Gegensatz zur symbiotischen Eltern-Kind-Beziehung, die Freud zu seiner Tochter Anna pflegte und die die Entwicklung von Anna Freud zu einer selbständigen Persönlichkeit verhinderte. Die Protagonistin sorgt sich neben all ihren anderen Ängsten um die Erziehung ihrer Tochter und schildert ihre Probleme mit dem Loslassen des Kleinkindes, um ihm die in der Familie übliche Autonomie einzuräumen. Dieses Thema wird auch in der Psychologie und in der Pädagogik kontrovers diskutiert, vor allem heutzutage in der Ausprägung Helikoptereltern. Doch ich habe nicht mal den Hauch eines Fingerzeigs, ob ich richtig liege, denn die Autorin versagt mir ja sogar den Hinweis, ob die Großmutter der Protagonistin als Psychotherapeutin den Theorien Freuds, Jungs oder einer anderen Schule folgte. Aber wie gesagt, ich habe keine Ahnung, ob ich auf der richtigen Spur bin.

 

Im dritten Abschnitt ist die Hauptfigur erneut schwanger und leidet sehr unter den körperlichen Einschränkungen. Die analoge Wissenschaftsbiografie dazu ist jene der Anatomen und Gebrüder Hunter. Es tut mir leid, aber in diesem Teil des Romans hatte ich dann schon die Lust verloren, mir irgendeinen Bezug zum Leben der Protagonistin an den Haaren herbeizuziehen, aus den Fingern zu saugen und zusammenzufantasieren.

 

Versteht mich nicht falsch, das Leben einer Familie zu zeigen und dann in Einschüben von Wissenschaftlerbiografien darzulegen, was die Protagonisten von den berühmten Intellektuellen, ihren Thesen und ihrem Leben lernen können, fände ich ein äußerst charmantes Konzept, inhaltlich wie stilistisch. Eigentlich war das auch exakt jener Roman, den ich beim Lesen des Klappentextes erwartet hätte. Wenn in der Geschichte aber keine Brücke und keine Verbindung zwischen den Handlungssträngen, zwischen Wissenschaft und Fiktion geschlagen werden, bleibt das Ganze sinn- und leblos – nebeneinander gereihte, sich nicht tangierende Fremdkörper oder eben auch zwei getrennt voneinander erzählte Geschichten, die in einem Buch einfach nicht zusammenpassen. Und das war dann lesetechnisch und auch intellektuell extrem unbefriedigend für mich.

 

Fazit: Überhaupt nicht mein Roman!