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Awogfli - Bookcroc

Ich bin Buchgourmet und Buchgourmand quer durch viele Genres

Surreal und zu Meta

Die neue Scheherazade - Lilian Faschinger

Ohje dieser Roman von Lilian Faschinger befand sich so gar nicht in meiner Komfortzone. Die Protagonistin Scheherazade Hedwig Moser, halb Kärnterin halb eine andere Mischung aus Perserin und Kurdin sitzt auf ihrer Couch, spinitisert so in Gedanken dahin, erzählt ihre Familiengeschichte und kommt vom Hundertsten ins Tausendste. So weit, so gut, normalerweise ein Konzept mit dem ich sehr gut etwas anfangen kann. Hat mir Doch schon ein weiterer Roman von Faschinger Magdalena Sünderin, der ähnlich angelegt ist, ausnehmend gut gefallen.

Bedauerlicherweise sind die Parallelen aber für mich nicht deutlich, beziehungsweise könnte es sein, dass die Autorin in diesem Roman, ihrem Debüt, noch ein bisschen üben musste, beziehungsweise sich vergallopiert hat und sich nicht zentrieren konnte. Mir kam die ganze Geschichte so surreal vor wie ein schräger Film Noir mit derart vielen mystischen Elementen aus tausendundeiner Nacht, dass es für mich nur wirre Hirngespinste und Kopfgeburten eines sprunghaften Geistes ergab. Ich mag ja schräg und surreal sehr, aber schräg, surreal, mystisch und wirr ist mir dann viel zuviel. So etwas kannte ich bisher nur von Osteuropäischen Autorinnen: Renata Šerelytė,
Gabriela Adameșteanu und  Zsuzsa Selyem  pflegen auch so einen Erzählstil. Der ist eben wie gesagt, sehr viel weiter von meiner Komfortzone entfernt, als es mir lieb ist und ich habe dann immer keine Ahnung, welchen Sinn die Geschichte ergeben soll. Da stehe ich einfach zu sehr mit beiden Beinen auf dem Boden der Realität, dass mir so etwas gefallen könnte, da wird mir schwindelig.

Um den Stil zu untermauern, werde ich Euch wieder einmal eine der komischsten Szenen (nicht im Sinne von witzig sondern im Sinne von verwirrend und strange) schildern.

Eine Schauspielerin zerrt in einem Film von Polanski einen Embryo in einem Sack durch die Kärtnerstraße, der von Schritt zu schritt weiter wächst und immer größer wird.  Die Protagonistin trifft die Mimin in einem Wiener-Cafe mit dem Sack, der mittlerweile schon 20 Kilogramm wiegt und den sie zur Probe für den Film durch die Gegend zerrt, um ihre Fitness und Bereitschaft für die Rolle zu demonstrieren und zu üben. Die beiden Frauen unterhalten an der Bar ein bisschen miteinander. Dann trifft Polanski in Person im Cafe ein und es kommt raus, dass die Schauspielerin als 14-jähriges Mädchen Polanski bei einer Orgie kennengelernt und sich beim Sex in ihn verliebt hat. Seitdem ist sie ihm hörig und will alles für ihn tun, aber Polanski ist diese aufopfernde Ergebenheit etwas peinlich, zumindest vor der Protagonistin. Schnitt nächste surreale Szene, die irgendetwas mit der Tante der Hauptfigur zu tun hat. Irre!!!

Dann hat mich auch noch etwas sehr geärgert, aber vielleicht habe ich etwas missverstanden. Eigentlich schätze ich die Autorin als sehr feministisch ein, aber diese Vergewaltigungsfantasien mit Clint Eastwood kann ich überhaupt nicht verstehen. Soll das Ironie sein, oder was zum Teufel ist denn das? Zu so einer Aussage fehlt mir das Abstraktionsvermögen.



"Es war eine formvollendete, professionelle Vergewaltigung. [...]
Hätte ich gewußt, wie schön eine Vergewaltigung sein kann, Inquistor, dann hätte ich mich schon vorher in Situationen begeben, die eine solche ermöglicht hätten. Ich wäre spätabends durch Straßenunterführungen gegangen, wo meine Schritte gehallt hätten, wo die Wahrscheinlichkeit, dass ein Unhold auf mich gewartet hätte, sehr hoch gewesen wäre. Ich wäre per Anhalter durch die Mandschurei gefahren [...]
Lassen Sie mich fortfahren.: Clint und ich ritten also langsam weiter, in den Feldern Stellen mit niedergedrückten Maispflanzen hinterlassend. Er erzählte mir aus seinem abenteuerlichen Leben; er gestand, schon mit dreizehn Jahren zum ersten Mal eine Frau vergewaltigt zu haben und ermutigt durch deutliche Anzeichen von Entzücken seitens der Frau, bei diesem Steckenpferd geblieben zu sein.
[...]Daß jede Frau sich nach einer gekonnten Vergewaltigung sehnt, darf man als gegeben annehmen. Mich schmerzt nichts mehr als von ihren Freunden, ihren Ehemännern, ihren Liebhabern nicht mit der nötigen Aufmerksamkeit und Konzequenz behandelte, zimperliche Frauen sehen zu müssen."



Mir ist das einfach viel zu Meta und vielleicht brauche ich eine Enigma-Maschine, um das ganze zu entschlüsseln, vor allem, weil die vergewaltigte Protagonistin dann auch noch völlig fasziniert und verliebt mit Clint zusammenbleiben möchte, was nur bis zu diesem Zeitpunkt funktioniert, bis sich Clint in eine ganz biedere Frau aus ihrem Dorf verliebt und ein braver, treuer spießiger Ehemann wird.

Fazit: So surreal und Meta von Meta, dass ich es nicht verstanden habe. Vielleicht kann mir mal jemand mit Hang zu solcher Literatur verklickern, worum es geht, was das aussagen will und wohin das führen soll.