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Awogfli - Bookcroc

Ich bin Buchgourmet und Buchgourmand quer durch viele Genres

I will survive

Sal - Mick Kitson

Dieses Drama, das vom Autor in einem sehr außergewöhnlichen Setting platziert wurde, hat mich sehr positiv überrascht und ungemein berührt.

 

Die dreizehnjährige Sal hat eine furchtbare Kindheit hinter sich und versucht, durch unterschiedliche psychologische Überlebensstrategien nicht komplett unterzugehen. Dabei hat sie konsequenterweise tatsächlich den Ausweg Survival-Training gewählt, ist mit ihrer Schwester Peppa von zu Hause geflüchtet und lebt nun alleine mit ihr im Wald, fernab jeglicher Zivilisation. Sie hat ihre Flucht generalstabsmäßig geplant und sich alle Überlebenstricks und Aufgaben in der Wildnis durch das Internet beigebracht. Es zerreißt einem das Herz, wie dieses kleine noch nicht mal in der Pubertät befindliche Mädchen jeden Tag zwanghaft plant, wie Essen zu beschaffen, wie ein Unterstand zu bauen ist und wie die beiden Schwestern verhindern, von den Behörden gefunden zu werden.

 

Nach und nach wird dem Leser scheibchenweise konsistent enthüllt, warum diese einschneidende Maßnahme notwendig war: Der Mutter ist als Alkoholikerin alles total egal, ihr Lebensgefährte hat sich schon jahrelang an Sal vergangen und nun auch gedroht, Peppa zu vergewaltigen. Aus Liebe zu ihrer Schwester, um ihr das eigene Schicksal zu ersparen, sah Sal sich genötigt, den Stiefvater – quasi als proaktive Nothilfemaßnahme – zu ermorden. Komplett abgeklärt – fast als wäre Sal nicht betroffen, sondern nur teilnehmende Beobachterin – schildert das kleine traumatisierte Mädchen ganz sachlich ihre Beweggründe und Taten. Wer sich mit solchen Biografien auskennt, weiß genau, diese Distanz ist auch nur eine der Überlebensstrategien, anders – wie zum Beispiel mit Selbstmitleid – wäre dieses Leben gar nicht zu ertragen. Weil Sal ja auch schon mit ungefähr vier Jahren ihre Schwester auf Grund der Alkoholsucht ihrer Mutter versorgen und sich immer zusammenreißen musste, wird dem Leser eine uralte, abgeklärte, nur noch sachlich agierende, verletzte Seele im Körper eines Kindes präsentiert, das sich ständig sorgt und Probleme lösen will, bevor sie entstehen. Das hat mich tief getroffen, dass dieses Kind nie eine Kindheit hatte. Einzig in der Liebe zu Peppa taut Sal ein bisschen auf.

 

Als Peppa eine von Sal nicht proaktiv abgecheckte und eingeplante Verletzung erleidet, die sich in der Wildnis schnell zum lebensbedrohlichen Ereignis entwickelt, treffen die beiden Mädchen auf Ingrid, eine ebenso im Wald lebende ehemalige Ärztin und Aussteigerin, die durch ihre Vergangenheit in der DDR auch ein bisschen traumatisiert ist. Sie hilft den beiden Mädchen und gibt insbesondere Sal das erste Mal in ihrem Leben Halt und Liebe. Zeile um Zeile kann die LeserIn beobachten, wie Sal durch diese erste liebevolle Bezugsperson immer mehr Sicherheit bekommt, sich schrittweise öffnet und Vertrauen fasst. Auch Ingrid überwindet durch diese Beziehung ihre Depression und erzählt von ihrer Vergangenheit. Irgendwie ist diese ganze Geschichte angewandte Gesprächstherapie und Familienaufstellung, zu der letztendlich auch die Mutter und ein guter Freund der Familie noch irgendwie als reale Figuren und aufzuarbeitende Beziehungen dazukommen müssen.

 

Das Ende ist zwar offen, was mich aber ausnahmsweise gar nicht gestört hat, da es einen teilweise sehr schönen und nicht abrupten Abschluss hat: Die Erwachsenen entlassen Sal aus der Verantwortung für ihre Schwester und für ihr eigenes Leben, sie darf endlich Kind sein. Somit kann, muss und soll sich Sal nun auch ihren eigenen Taten stellen. Wie es weitergeht, steht zwar in den Sternen, aber ein wichtiger Anfang ist gemacht, damit alles gut werden kann.

 

Das Tempo der Handlung ist gemächlich, was aber absolut angebracht ist, um stehenzubleiben, innezuhalten und dieser Entwicklung auch den nötigen Raum geben zu können. Mick Kitson gelingt es meisterhaft, durch die kindliche Ich-Erzählweise, authentisch alle Gefühle zu transportieren. Mich hat zudem gerade dieser distanzierte, oftmals sachliche Erzählstil des Mädchens häufig zu Tränen gerührt.

 

Fazit: Ich habe mitgefühlt, gefroren, gehungert, gebangt, geweint, gehasst, geliebt und geschmunzelt. Eine großartige, konsistente Geschichte und psychologische Analyse, wundervoll dargestellte Beziehungen, eine grandiose Entwicklung der Protagonisten mit einem sich vielleicht in Zukunft andeutenden Happy End in einem innovativen Setting sehr menschlich präsentiert. Absolute Leseempfehlung von mir.

Quer durchs historische Wien mit kleinen Kriminalfällen und gutem Essen

Morphium, Mokka, Mördergeschichten - Gerhard Loibelsberger

Immer, wenn ein neuer Krimi mit Kult-Ermittler und Inspector Joseph Maria Nechyba erscheint, jubilieren sowohl mein Herz ob der liebevoll gezeichneten Figuren, mein Magen ob der kulinarischen Köstlichkeiten als auch mein Hirn, weil es gar so gern durch das historische Wien um die Jahrhundertwende flaniert.

 

Dieses Potpourri an Kurzgeschichten startet im Jahr 1873, als der kleine Peppi (Josef) Maria im Alter von 13 Jahren seinen ersten Kriminalfall außerhalb von Wien in der Gemeinde Mauer löst und seit diesem Zeitpunkt in Bezug auf den Job des Ermittlers Blut geleckt hat. Zudem geht es bunt gemischt mit fiktiven und echten Kriminalfällen des alten Wiens in Form von kurzen Geschichten weiter. Fast bis ins Jahr 1918, als Nechyba als Oberinspector kurz vor seiner Pensionierung und das alte K&K-Reich Österreich-Ungarn kurz vor dem Zusammenbruch steht.

 

Wer die Reihe überhaupt nicht kennt, wird eine lineare und tiefe Figurenentwicklung in diesem Band bedauerlicherweise vermissen und muss darüber hinwegkommen, Fans der Serie werden aber überglücklich sein, spielen doch sehr viele Protagonisten aus den vorangegangenen Romanen in den unterschiedlichen Geschichten wieder eine wesentliche Rolle.

 

Zudem bewegt sich Nechyba diesmal wirklich quer durch fast alle Bezirke Wiens, die sehr anschaulich beschrieben werden, und den LeserInnen eine derart wundervolle und ausführliche Beschreibung liefern, sodass leicht ein Vergleich der Vergangenheit zum modernen Wien gezogen werden kann, vor allem weil sich in der Kernstadt an der Donau speziell in den Innen- und Mittleren Bezirken (1-19) bis zum Gürtel* wirklich alles sehr, sehr langsam, quasi majestätisch, im Schneckentempo ändert.

Die kulinarischen Gelüste der Leserschaft, deren Befriedigung eine große Stärke der gesamten Reihe darstellt, werden wieder sehr umfassend bedient. Der Inspector schlemmt sich als Gourmet und Gourmand quer durch die Stadt, und weil Nechyba ja auch allem auf den Grund geht, ermittelt er selbstredend die Zubereitungsarten der nicht überall bekannten historischen Gerichte. So habe ich nun beispielsweise tatsächlich die wichtigsten Informationen, um einen faschierten Karpfen und ein Wiener Backfleisch zuzubereiten.

 

Gewürzt wird die liebevolle Beschreibung des Ambientes der historischen Stadt und der kulinarischen Köstlichkeiten mit sehr kleinen Kriminalfällen, die oft durch Inspektor Zufall oder durch die reine Intuition Nechybas in Windeseile gelöst werden. Und hier sind wir schon bei einer Schwäche dieses Bandes, kriminaltechnisch kommt einfach zu wenig Spannung auf.

 

Als weitere gewohnt häufig verwendete Beilage serviert der Autor natürlich auch noch unzählige gewichtige historische Persönlichkeiten, die in einer kleinen Nebenrolle konsistent in die Handlung eingewoben werden. Diesmal möchte ich den jungen Doktor Sigmund Freud hervorheben, der irgendwann in der Pathologie Wien gearbeitet hat oder Gottfried Semper, der das Wiener Burgtheater entworfen hat und dann sehr intrigant aus der Stadt geekelt wurde.

 

Stilistisch sollte ich auch noch erwähnen, dass sehr viele Wiener Dialektausdrücke verwendet werden, die aber alle hinreichend in Fußnoten erklärt werden. Zudem zeichnen sich die Dialoge durch teilweise witzigen, teilweise ein bisschen brachialen Wiener Schmäh (Humor) aus, was ebenfalls eine Einzigartigkeit der Reihe darstellt.

„Antschi Tant‘, ich hol einen Schluck Wein zum Fisch dazu.“
„Aber heut ist doch Freitag, Da sollt ma fasten.“
„Es is‘ eh ein Messwein.“
„Na in Gottes Namen …“

Fazit: Neueinsteigern würde ich nicht unbedingt empfehlen, mit diesem Band zu beginnen, da davon ausgegangen wird, dass die Figuren bekannt sind. Fans der Reihe, so wie ich, werden aber durchaus ihre Freude an der Kurzgeschichtensammlung finden, vor allem deshalb, weil die Serie doch letztes Jahr mit dem ultimativen Band zum Zusammenbruch der Österreichisch-Ungarischen-Monarchie bereits zu Ende zu sein schien. Ergo: Dieser Relaunch als Potpourri von Geschichten kommt zwar qualitativ und kriminaltechnisch nicht an die Kernbände heran, ist aber gut genug, um Lesevergnügen zu bereiten, da er die gewohnten Stärken gekonnt ausspielt.

 

*Der Gürtel ist eine Straße, die in einem Halbring durch die gesamte Stadt verläuft und mit dem tatsächlich sogenannten Inneren Ring die Begrenzung der Kernstadt Wien bildet. Die restlichen Außenbezirke südlich der Stadt und nördlich der Donau haben sich in den letzten Jahrzehnten massiv verändert.

Mafia-Mörder-Räuberpistolen-Wirrwarr im Schneckentempo-Plot

Die dunkle Seite der Bucht - Silvija Hinzmann

Dieser Krimi, den ich unbestellt und überraschend zugesendet bekommen habe, ist schon von der Anlage her überhaupt nichts für mich, denn so ein Schuss Romantik punktgnau für das weibliche Krimipublikum gesetzt, inklusive der Figur des Joe Prohaska, frühpensionierter Expolizist aus Stuttgart und Mann, dem alle Frauen vertrauen - Kroatische genauso wie Wienerinnen oder Triestinerinnen - rollt mir persönlich meistens die Zehennägel auf. Dabei liegen diesmal wenige romantische Anwandlungen in der Luft, das Knistern und Prickeln wird zwar mit mehreren Ladies thematisiert, aber es bleibt entweder bei Freundschaft oder der gute Joe wird ausgenutzt.

Die Stärke des letzten Bandes, in dem ein kleines kroatisches Dorf abseits der Touristenpfade, sehr treffend und detailliert inklusive Personal beschrieben wurde, konnte diesmal auch nicht ausgespielt werden, findet doch die Handlung im schon allseits bekannten Rovinj und Umgebung statt, die zudem diesmal auch nicht wirklich liebevoll beschrieben wurde.

Außerdem packt die Autorin bedauerlicherweise sehr viele Klischees aus ihrer diesmal überhaupt nicht gut gefüllten Ideenkiste, wie die zur Korruption neigenden Kroaten und die mafiösen Italiener aus Triest.  Der Kriminalfall ist ein italienisch-bosnisch-kroatischer Mafia-Mörder-Wirrwarr mit ziemlich an den Haaren herbeigezogenen sehr ungeschickt konstruierten verwandschaftlichen Verhältnisse inklusive, die die Taten irgendwie schlüssig erklären sollen. Dabei stellt die Krux der Aufklärung des Kriminalfalls das Untertauchen und Umbenennen von einigen Personen dar, die letztendlich alle unter falschen Identitäten und Vertuschung ihrer Absichten und Herkunft ausgerechnet in der Weltgegend Rovinj und Umgebung zufällig aufeinandertreffen, während sie früher kurioserweise in Stuttgart auch schon miteinander zu tun hatten. Wer schon mal die "Metropolen" Rovinj und Stuttgart genießen durfte, weiß genau, wie wenig wahrscheinlich eine solche Häufung von Zufällen und famliären Beziehungen ausgerechnet und exklusiv an diesen zwei Orten ist. Das ist so was von konstruiert. So hat mich dann diese Mafia-Räuberpistole und Verwandtschaftsentwirrung letztendlich nicht wirklich interessiert, diesen Kriminalfall mäßig spannend zu nennen, wäre schon fast übertrieben.

Fazit: Definitiv kein Krimi für mich, aber ein leicht zu absolvierender Beitrag zum Land Kroatien im Rahmen meiner Autorinnenchallenge. Den zweiten Stern gibt es, weil der Roman leicht zu lesen war und mich wenigstens nicht genervt hat.

Toxische Mutter-Tochter-Beziehungen und ihre Auswirkungen

Klopf an dein Herz - Amélie Nothomb

Ich bin mittlerweile zu einem richtigen Fan von Amelie Nothomb mutiert, seitdem ich sie ungefähr vor zwei Jahren im Rahmen meiner Autorinnenchallenge entdeckt habe und schätze vor allem ihre relativ kurzen, knackigen und spannenden Psychogramme, die meist sehr treffend und punktgenau menschliches Wesen verschiedenster Art sezieren.

Auch in ihrem aktuellen Roman spielt Nothomb erneut ihre Stärken aus. Diesmal liegen toxische Mutter-Tochter-Beziehungen auf dem Tisch ihrer literarischen Pathologie und sie legt – obwohl der Roman wieder recht kurz und dünn geraten ist – wahrhaft komplex und pointiert sehr umfassend die wesentlichen Eckpunkte zu diesem Thema dar.

 

Die Geschichte beginnt mit der narzisstischen Marie, die sich bereits in der Schule den Mädchenschwarm und reichen Apothekerssohn Olivier schnappt und sehr früh ihr erstes Kind bekommt. Ihre erste Tochter Diane wird von Marie Zeit ihres Lebens völlig ignoriert und vernachlässigt. Als junge Mutter ist sie zuerst auf die Aufmerksamkeit eifersüchtig, die das Kind von ihr abzieht. Nach der Geburt von Dianes Bruder kann sie ihr zweites Kind annehmen, ihre darauf folgende Tochter Célia liebt sie innig und verzärtelt sie total, was auch wieder pathologische Züge annimmt. Was Nothomb hier meisterlich konstruiert, ist ein Leben voller Abwertung, Ablehnung, Demütigung und Gleichgültigkeit von Marie in Bezug auf Diane und eine komplett ungesunde Vereinnahmung ihrer zweiten Tochter Célia. Dabei ist Marie nicht wirklich bösartig, sondern nur narzisstisch gedankenlos und unreflektiert, sie ist sogar derart in ihren Rechtfertigungskonstrukten gefangen, dass sie Täter-Opfer-Umkehr betreibt und die Ablehnung seitens ihrer Tochter Diane verortet, die diese angeblich schon als Baby an den Tag gelegt hatte.

 

Der Vater Olivier hat seine Frau auf ein Podest gehoben und stellt deren Erziehungsmethoden nie in Frage, im Gegenteil, er ist in jedem völlig gerechtfertigten Konflikt auf der Seite seiner Ehefrau und somit gegen die Tochter. Nur die Großeltern haben die Situation gecheckt und kümmern sich als Bezugspersonen um Diane, was zur Folge hat, dass das Mädchen bereits in ganz jungen Jahren komplett mit ihrer Familie bricht und nur noch bei den Großeltern lebt. Da diese als Bezugspersonen ihre Arbeit sehr gut machen und ihr endlich die Liebe und Anerkennung zollen, die ein Kind benötigt, wird aus Diane trotz ihrer Traumata eine sehr erfolgreiche Erwachsene. Durch die Verletzungen der Kindheit und die anschließende Heilung kann Diane über sich selbst hinauswachsen, und als Ärztin hilft und heilt sie auch andere.

 

Leider sucht sie als Erwachsene die Freundschaft der Wissenschaftlerin Olivia, die ihrer Mutter bedauerlicherweise sehr ähnelt, ihre Tochter vernachlässigt, herabsetzt und ablehnt und andere Leute manipuliert und ausnutzt. Diane versucht für das arme Mädchen Mariel genauso eine starke Bezugsperson zu sein, wie es ihre Großeltern für sie waren. Doch Olivia ist weitaus bösartiger zu ihrer Tochter, als Dianes eigene Mutter es jemals war. Nach einem mittleren Konflikt, der sich eigentlich unter guten Freunden hätte ausräumen lassen können, weil Diane sich nicht mehr ausnutzen lässt und ihre eigene berufliche Laufbahn verfolgt, benutzt Olivia die Beziehung zwischen Diane und ihrer Tochter Mariel als Druckmittel und kappt diese aus Bosheit komplett. Das arme Mädchen hat schlussendlich überhaupt keine Bezugsperson mehr, weder Großeltern noch den Vater, der wahrscheinlich am Asperger-Syndrom leidet, um etwas menschliche Wärme zu bekommen. Dass diese Biografie im Endeffekt völlig schief geht und das Mädchen emotional total zerstört ist, versteht sich von selbst.

 

Was mir am meisten gefallen hat, sind die pädagogischen und psychologischen Grundaussagen, auf denen dieser Roman basiert. Wenn in einer toxischen Mutter-Tochter-Beziehung irgendeine – auch eine völlig fremde Bezugsperson – einspringt, kann sich das Kind dennoch zu einem psychisch gesunden Menschen entwickeln – wenn auch mit ein paar Verletzungen und Traumata, die sogar als Katalysator für eine außergewöhnliche Persönlichkeit dienen können.

 

Was mich ein bisschen irritiert hat, ist der Umstand, dass Diane als Kleinkind schon in frühen Jahren quasi fast ab zwei Jahren so viel Erkenntnis und Bewusstsein hat, dass sie fast wie eine erwachsene Therapeutin über ihre Beziehung zur Mutter philosophiert und die Situation analysiert. Ihr werden Gefühle zugeschrieben, die sie in dem Alter einfach auf Grund der Entwicklung noch nicht haben kann. Das ist einerseits sehr gruselig, aber andererseits sogar total grotesk, weil es eben so wenig authentisch ist.

 

Fazit: Ein als Lebensgeschichte verpacktes, ausgezeichnetes Psychogramm, das ich auf jeden Fall wärmstens empfehlen kann. Liest sich auch als Pageturner quasi in einem Rutsch durch.

Buch schlägt Film klar

Ich bin dann mal weg - Hape Kerkeling

Book2moviechallenge 2 Kategorien: Komödie bzw. Verfilmung eines Sachbuchs
Ist schon sehr kurios, was alles passiert, wenn der Fokus der eigenen Wahrnehmung auf die Absolvierung meiner Book2moviechallenge liegt, ich seit 2 Monaten verzweifelt in den Bücherstapeln in meiner Wohnung herumwühle, um endlich mein Exemplar von Persepolis zu finden, und dann völlig unvermutet und plötzlich des Nächtens beim Zappen durch die Programme, letzten Samstag, als ich nicht schlafen konnte, mir die Verfilmung eines Sachbuchs - so eine Kategorie hätte ich nie konzipiert - per Zufall ins Auge springt.

Ich war natürlich sofort angefixt und hab mir den Film reingezogen. Und auch überlegt, die Kategorie der Verfilmung von Persepolis - graphic novel - mit dieser Rezension zu tauschen. Dies ist aber nicht mehr notwendig, denn ich habe 5 Minuten vor Verfassung dieser Rezension endlich Persepolis gefunden. Hinter 2 Reihen von meinen Business Büchern versteckte sich im Büroschrank noch eine Reihe von Büchern, die ich zur reinen Freude lese, ich hatte total vergessen, dass ich sie aus Platzmangel mal dort "sorgfältig" deponiert hatte. Passiert Euch das auch öfter? Etwas extra irgendwo gaaanz sicher abzulegen und dann den Ort total zu verdrängen. Ich glaube, das ist mein Talent und mein primärer Charakterzug zur Unordnung, den ich beruflich immer konsequent und total brutal unterdrücke (ich prokastiniere nie länger als einen Tag, schreibe täglich Listen und arbeite sonst auch völlig überstrukturiert). Dieser prinzipielle Wesenszug muss aber offensichtlich ab und an hervorbrechen und spielt mir dann solche gemeinen Schnippchen. Aber genug des privaten Geplauders, kommen wir zu meinem Book2movievergleich.

Buch: ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ Sterne:
ich lasse meine ursprüngliche Rezension von 2010 auf jeden Fall in den Grundfesten genauso stehen, wie sie erstellt wurde, werde sie aber um filmvergleichsrelevante Szenen, die ich selbstverständlich nachgelesen habe, ergänzen.

Meine Begeisterung ist sehr gross, denn nicht der lustige, berühmte Komiker HAPE ist hier auf dem Weg zur Selbsterkenntnis, sondern der einfache Deutsche Hans-Peter, der auf dem Camino genauso schwitzt, leidet, stinkt, nörgelt, hungert, dürstet .. wie alle anderen Pilger auch und dies in seinem Tagebuch sehr detailliert und selbstkritisch aufgezeichnet hat. Sicherlich kommt ihm gelegentlich seine Berühmtheit und sein Werdegang in die Quere, aber dies sind nur ganz kurze Episoden, die sehr wenig mit der Grundaussage des Buches, wie man ernsthaft in solch einer Qual zu sich selbst finden kann, zu tun haben. Die Erlebnisse sind sehr berührend und reichen von netten, kuriosen bis unangenehmen Wandergesellen über wunderschöne Landschafts- und Innenlebenbeschreibungen bis hin zum Finden von wahren Freunden.

Für mich war das Buch auch eine Reise in meine Kindheit, denn plötzlich wurden Bilder und Erinnerungen von Orten, Stimmungen und Landschaften in mir wieder wach, die ich erlebt habe als ich mit (11 1/2 once e media) mit meinem angeheirateten galizischen Onkel just diesen Weg entlanggefahren bin (gottseidank mit dem Auto :D).

Fazit: Lesenswert auch sprachlich sehr ansprechend.

Film: ⭐️⭐️⭐️,5 Sterne

Schon in der ersten Szene war ich schlichtweg konsterniert. Wie kann in einem Film, in dem es ausschließlich um den prominenten Hans-Peter Kerkeling geht, Hape Kerkeling nicht mitspielen, wenn er schon in einigen anderen Filmen sein Talent als Schauspieler hinlänglich bewiesen hat. Klar, vielleicht wollte er auch Jahre nach seiner Buchveröffentlichung zum Zeitpunkt der Verfilmung nicht mehr so ins Rampenlicht, aus dem er sich nach seiner Zweitkarriere als Schriftsteller doch recht konsequent zurückgezogen hat. Vielleicht will er überhaupt nicht mehr vor den Vorhang im stressigen Unterhaltungsfach, weil er kürzer treten musste und nur noch im Hintergrund agierend die Geschichten schreiben. Oder möglicherweise wollte er sich seine persönlichen Erfahrungen auf dem Camino nicht durch die erneute Frequentierung der Locations bei den Filmaufnahmen zerstören.... meine Spekulaitonen sind sehr vielfältig, aber irrelevant.

ABER: Wenn das Casting Team schon ein Rollenmodell finden muss, WIESO dann einen Schauspieler, der so gut wie gar nix mit Herrn Kerkeling gemein hat (bis auf die blonden Haare) und sich nicht mal die Mühe gemacht hat, die Mimik und Gestik des Originals zu studieren. Das kann nicht sein, dass es europaweit keinen Schauspieler gegeben hat, der das besser und ordentlicher hätte hinbringen können. Dieser Cast ist eine Katastrophe, denn der Schauspieler Devid Striesow spielt irgendwen, aber sicher nicht Hans-Peter Kerkeling. Mir fällt da immer ein, wie gut bei der Verfilmung von Young Sheldon - Big Bang Theory Star Sheldon Cooper und seine Mutter als jüngere Ausgaben gespielt wurden. Von der Mimik wie Sheldons Mutter immer den Mund verzieht bis zur Gestik von Sheldon wurde alles punktgenau einstudiert und transformiert. Sogar Sehldons älterer Brunder Goegie wurde authentisch abgeleitet. Auch wenn sich die Personen nicht punktgenau ähnlich sehen, sind sie es dennoch, weil man die Mimik kennt und sie authentisch rüberkommen. Das war bei Devid Striesow, der Hans Peter Kerkeling darstellte, überhaupt nicht so - es schüttelte mich förmlich jedes Mal im Film, wenn irgendjemand in einer Szene (was ja auch im Buch stand) in ihm HAPE Kerkeling erkannte. Insofern erlebte für mich irgendein anderer schwuler Künstler den Camino, aber sicher nicht Hans Peter Kerkeling, was mich extrem störte.

Auch inhaltlich wurde der Fokus völlig neu ausgerichtet. Dier Beinahe-Herzanfall und die Reha wurden extrem breit ausgewalzt, im Buch wird das Ereignis nur in einem kleinen Absatz, als Nebenschauplatz und fast schon stenografische Randnotiz, die den Grund und die Intention zur  Reise kurz erkäutert, erwähnt. Hans Peters im Buch sehr witzige deutsche Eigenschaft, sich an seinem Reisführer festzukrallen, was er auch sehr selbstironisch und urkomisch immer wieder dokumentiert, wird im Film nicht thematisiert. Seine im Buch ausführlich beschriebenen  Interaktionen am Weg mit der einheimischen Bevölkerung die keine Pilger sind, sowohl in Frankreich und in Spanien werden bis auf das eine Mal, als er sich quasi sehr unpilgerisch in das kleine Gefährt mit den Schafen setzt, auch nicht mal erwähnt, dabei sind sie im Buch ein wesentlicher Bestandteil, denn das Sachbuch lebt vor allem auch von den vielen Aktionen drumherum, die sich nicht primär auf das Pilgern fokussieren.  Auch die gravierenden sexuellen Beläsitgungen der Pilgerinnen, die ich im Buch ganz furchtbar erschütternd und sehr erkenntnisreich fand, werden im Film fast gänzlich auf eine kleine Anbraterei auf der Straße verharmlost. Das finde ich gar nicht gut.

Und dann sind alle sympathischen Frauen bis auf dieses ungustiöse Ehepaar auf dem Pilgerweg im Film viel zu hübsch und einige auch viel zu jung. Wieder dieser total grauenhafte Cast, ich hatte das Gefühl, dass zum Beispiel Martina Gedek stundenlang vor dem Dreh wie für den Laufsteg aufgewuschelt wurde, damit die Locken auch perfekt fallen. So sieht vielleicht eine als Edel-Hippie verkleidete Millionärsfrau in der Finca in Ibiza aus (nicht mal die echten Hippies waren so gepflegt und fesch), aber nicht wenn  jeden Tag 30 Kilometer zu Fuß absolviert werden müssen. Das ist auch wieder total unrealistisch. Und ja, ich habe in diesem Fall total Recht, denn ich bin ein Mensch, der sich auch die Fotos im Sachbuch anschaut. Die echte Pilgerin Anne, die Weggefährtin und beste Freundin von Hans Peter im Buch, schaut eben viel älter und abgezehrter aus und wurde nicht auf perfekte Frisur getrimmt. Naturschönheiten bei Ironwoman Aktivitäten gibt es nicht - das sei Euch Filmleuten ins Tagebuch geschrieben. Da hilft es auch nix, wenn man die weiblichen Hauptprotagonisten des Sachbuchs umbenennt wie zum Beispiel Sheelagh und einen Teil ihrer Biografien zu tränendrüsendrückenden Damen hochstilisiert wie bei der bodentändigen Anne, die durch die hübsche Stella (was für ein gefälliger Name) ersetzt wurde. By the way Martina Gedek ist gar nicht so eitel und kann auch unhübsche Rollen sehr gut spielen, wie die Wand von Marlene Haushofer eindrucksvoll beweist.

Und außerdem... warum zum Teufel pflegt im Film die Figur Kerkeling nur tiefe freundschaftliche Beziehungen zu deutschen Frauen. Im Sachbuch ist das Personal wesentlich internationaler, was natürlich auch viel mehr Offenheit und eine gehörige Portion mehr Realismus symbolisert. Denn der Camino ist tatsächlich nicht die Schinkenstraße in El Arenal auf Mallorca.

Also der Film hat tatsächlich von einer großartigen Vorlage im Cast und im Schauspiel ziemlich viel vergeigt und zerstört. Dass er überhaupt anzuschauen ist, liegt an der großartigen Vorlage, die man nicht komplett vernichten konnte, die Genialität blitzt einfach durch. Warum habe ich dennoch 3,5 Punkte vergeben?. Das ist leicht erklärt, und nun komme ich zum einzigen, aber gewaltigen Potenzial, dass der Film wirklich restlos auszuschöpfen vermochte. Die Bilder und Stimmungen der Locations vom Camino sind richtig atemberaubend, die Kameraführung und das Einfangen des Ambientes ist genial. So ein Filmmaterial hätte ich mir aber in einer sehr guten Doku ohne Figuren sicher auch anschauen können

Fazit: Schauspiel, Cast grauenhaft, Plot auch auf weite Strecken im Vergleich zur Vorlage verhunzt, Natur Landschaft und Orte wundervoll.

Buch gegen Film: Eindeutig das Buch, da gibt es gar nix zu rütteln.

Erzähltechnisch mühsames und krampfhaftes Wimmelbild einer Insel

Die Frauen von Andros : Roman - Ioanna Karystiani, Norbert Hauser

Meinen Beitrag zur EU-Autorinnenchallenge für Griechenland fand ich ordentlich durchwachsen und eigentlich unterdurchschnittlich. Dies liegt auf jeden Fall hauptsächlich an der mühsamen Erzählweise der Autorin, die sich auch im Laufe des gesamten Romans nicht verbessert hat, aber auch an anderen Faktoren.

 

Gleich einem Wimmelbild wird durch vorhandene Namensgleichheiten in den Familien, episch breitem Auswalzen von allen Figurenbeziehungen auf dieser kleinen Insel und am Festland und absichtlicher Stiftung von Verwirrrung durch die unterschiedliche und nicht eindeutige einheitliche Benennung von denselben Protagonisten mit mehreren Namen, der Plot absichtlich total konfus gestaltet. Das gibt es ja nun auch bei anderen "anspruchsvollen" Romanen wie Hundert Jahre Einasmkeit von Gabriel Garcia Marques oder bei David Gutersons Schnee der auf Zedern fällt, aber in diesen sehr guten Werken hat man zwischen Seite 100- 150 dann alle Figuren identifiziert und kann sich auf die Handlung konzentrieren. Nicht so bei dieser Geschichte, bei der man meinen könnte, auf dieser kleinen griechischen Insel hat man bald alle kennengelernt. Nichts da, bis zum Schluss der Geschichte werden die wenigen Männer und Freundinnen abwechslend mit Ihren Vornamen und Famliiennamen bezeichnet und da es in den Familien immer Dupletten (sowohl beim Familiennamen als auch beim Vornamen) gibt, die auch zusammen in Szenen spielen, weiß man wirklich oft nicht, wer gemeint ist. Zudem wird permanent in den Zeiten vor und zurückgesprungen, und unzählige für die Geschichte nicht relevante Figuren unterm Teppich hervorgeholt. Was soll der Blödsinn - Lerserquälung?

 

Dann stotzt der Roman auch noch vor dummen, eigentlich fremdenfeindlichen rassistischen Klischees. Der Haushaltsvorstand Mina ist der Achetyp einer Ponti (pontischen Griechin): geschäftstüchtig, geldgierig, eiskalt, berechnend, ohne Gefühl für ihre Kinder. Diese negativen Eigenschaften werden der pontischen Bevölkerung, die um 1917 aus der Türkei nach Griechenland flüchten musste, um dem Genozid an Nicht-Muslimen zu entgehen, angedichtet, da sie wie die meisten Flüchtlinge nicht willkommen waren.

 

Naa... gecheckt in welche Richtung das mit den volkstypischen Eigenschaften läuft? Da kann ich mir ja gleich einen Roman reinziehen, in dem allen Juden (insbesondere die geflüchteten Ostjuden, die ja den Antisemitismus vor allem in Österreich ausgelöst haben) genau dieselben Eigenschaften zugeschrieben werden, oder einen anderen, in dem die heutigen Syrer alle als Vergewatiger diffamiert werden.

 

Inhaltlich tut sich zwar ein singulärer dramatischer Konfikt auf, die böse pontische Mutter hat die jüngere Schwester mit dem Schwarm der Älteren verheiratet, und die Ältere an einen finanziell potenteren Gatten verschachert. Ansonsten passiert aber nicht viel, und die Handlung zieht sich wie ein blinder Regenwurm. Die Frauen warten auf ihre Seefahrer-Männer, die nur alle zwei Jahre aus der großen weiten Welt für drei Monate auftauchen und sie offensichtlich immer erfolgreich befruchten. Die Ehefrauen machen ihr Ding, was auf einer kleinen Insel nicht sehr viel ist: wie Musikabende geben, Freundschaften pflegen, rauchen und die Kinder relativ friktionsfrei erziehen. Erst als alle Männer infolge der Vorbereitung zum zweiten Weltkrieg mal gleichzeitig zu Hause sind, kommt es nach Jahren - die Schwestern sind nun fast vierzig Jahre alt - zum großen Drama um den einen Mann, in den beide Schwestern verliebt sind. Das war mir einfach zu wenig Geschichte, denn auch im gravierenden Konflikt agieren die Schwestern langweilig. Eine redet nicht mit der anderen und die andere versucht sich zu Tode zu hungern, was ihr auch nur gähnend langsam gelingt. Was für dramatische Versager, nicht mal Streit und Suizid funktionieren spektakulär.

 

Was mir schon ein bisschen gefallen hat, war die Zeichnung der Inselgesellschaft und des Ambientes durch die Autorin. Man lernt alle Mitglieder der Gemeinsschaft kennen mit ihren leider sehr langweiligen Macken und bedauerlicherweise unspektakulär kleinen Problemchen. Spannend war auch die Rolle, die die Syphilis in den Seefahrerfamilien spielte, und die als klassisches Schicksal sowohl der Frauen als auch der Kinder dargestellt wurde, da die Herrn Kapitäne und Matrosen ja immer in den Häfen die Nutten frequentierten und wenige eine normale Frau anrührten.

 

Fazit: Wenn der Roman erzähltechnisch nicht so mühsam gewesen wäre, hätte ich sicher auf 3 Sterne aufgerundet, aber beim Zusammenzählen aller Plus- und Minuspunkte ergibt sich für mich bedauerlicherweise nur eine gute Zwei.

Die Wuchtl* in der Abseitsfalle

Nicht wie Ihr - Tonio Schachinger

Dieses für die Longlist des deutschen Buchpreises nominierte Werk mag vieles sein, aber „ein Roman für Fußballfans und Fußballverweigerer gleichermaßen“ – so wie er im Werbetext auf dem Buchrücken beworben wird – ist er definitiv nicht. Das kann ich als Fußballverweigerin, die aber dennoch eine gemeine Abseitsfalle zu erkennen vermag, hier definitiv unterschreiben.

 

Das ist insofern sehr schade, denn ich hätte den Roman gar nicht bestellt, wenn er sich in seinen Werbebotschaften nicht so explizit an Nicht-Fußballfans als Zielgruppe gewandt hätte. Alles andere wäre ja unfair, ein Werk zu bewerten, das mich schon im Vorfeld vom Thema her so gut wie gar nicht interessiert. Diese Kombi hat mich aber dann doch neugierig gemacht, und ich wollte unbedingt wissen, wie der Autor diesen Zielkonflikt, beide Gruppen gleichermaßen zufrieden zu stellen, löst. Naja, das ist auf jeden Fall gehörig in die Hose gegangen.

 

Der Protagonist Ivo Trifunović, mit bosnischen Wurzeln aus der Wiener Vorstadt in den Weltfußball aufgestiegen, ist ein Narziss, aber keiner von der abgrundtief bösen, spannenden Art, sondern auf eine BOBO-Spießerart: meine Häuser, meine Autos, mein Pool, meine Ehefrau, meine Kids, meine Geliebte, mein Boot, mein Job. Zudem eiert er ganz schön unentschlossen herum, ob er seine Alte (Wiener Ausdruck für Ehefrau) tatsächlich mit seiner Jugendliebe betrügen soll oder nicht. Zwar gilt für Ivo nicht das alte Simmeringer Sprichwort: Ich bin ein Fußballer, tu mir beim Denken schwer, aber wie man so einen faden, ordinären, eitlen Zauderer zum Protagonisten eines Romans machen kann, ist mir auch rätselhaft, das lockte mich jetzt auch nicht hinter dem Ofen hervor. Zudem ist der möglicherweise in Deutschland sehr goutierte, anzügliche österreichische Unterschichts-Slang, den manche, die ihn nicht kennen, als rotzfrech bezeichnen möchten, auch nicht grad das Gelbe vom Ei für mich, hatten wir doch alle mindestens ein bis zwei Mitschüler in der Klasse, die sich so machismo-sexistisch und primitiv aufführten.

 

Was mich aber am meisten gestört hat, sind diese inflationär verwendeten Kicker-Analogien. Der Roman kann keine Situationen oder Gefühlsregungen, also fast nichts beschreiben, ohne einen abstrusen Vergleich an den Haaren herbeizuziehen. Das ist dann genau so, als wäre man in einer Subkultur, in der es essentiell ist, wenn man den Film gesehen hat oder das Buch gelesen, ansonsten versteht man einfach nur Bahnhof. Wie soll ein Nicht-Fußballfan diese Analogien verstehen? Ronaldo ist anscheinend nicht so übel wie Messi (warum auch immer), was ist einen Panenka machen (Ja, Panenka war ein österreichischer Fußballer, aber was war typisches Verhalten für ihn?) und wer zum Teufel ist Peter Hackmair? So geht das zumindest für eine breitere Zielgruppe sicher nicht, ich kann ja nicht die ganzen Lebensgschichtln von diesen A-Z-Kicker-Promis von den 70er-Jahren bis zum heutigen Tag in den einschlägigen Zeitungen nachrecherchieren.

 

Und selbst wenn der Autor mal nicht nur den Fußball bemüht, kommt er ohne Analogien und Zitierungen nicht aus. Da er offensichtlich viel jünger ist als ich, die mit dem Betthupferl, Dschungelbuch, Kasperl und Petzi aufgewachsen ist, kann ich seine Filme und Fernsehserien und die darin vorkommenden Figuren überhaupt nicht interpretieren und dadurch ergibt sich für mich bei der Übersetzung der Vergleiche in Normalsprech nur ein wildes Kauderwelsch.

Ivo hatte immer schon Mitleid mit den Bösen. Mit dem Kojoten, der in einer Scheißwüste lebt, wo es sonst nichts gibt und der jedes Mal dafür bestraft wird, wenn er seiner Natur folgt und versucht, diesen arroganten Vogel zu erwischen. […]
Die Guten sind meistens langweilige Scheißkinder, und trotzdem kriegt am Ende Calimero die Bitches und Toni, die coole Ente geht leer aus. […]
Irgendwas wird auch Simbas Vater falsch gemacht haben, damit ihn sein eigener Bruder so hasst. Klar, Scar will König sein, und König wird immer der Sohn vom König und nicht sein Bruder, aber ist es so falsch, gegen diese Ordnung anzukämpfen. Ist es falsch, wenn ein Löwe König sein will. Wenn er es nicht wollen würde, wäre es ja noch schlimmer, dann würde man ihn in die Kategorie von Bernhard Tomic und Nick Kyrgios stecken, in die Kategorie der Ausländer, die nicht genug aus ihrem Talent machen, denen es nichts mehr gibt, zu gewinnen, und die deshalb für immer Ausländer bleiben.

Hä????? Rembrandt??? WTF?? Ich kapiere wirklich nur Bahnhof. Versteht mich nicht falsch, für eine interessierte Mini-Subkultur, die mit diesen Codes aufgewachsen ist und auch noch die beiden genannten Fußballer kennt, mag das grandios sein, aber wenn ein Roman den Anspruch erhebt, für ein breites Publikum geeignet zu sein, dann ist diese Ambition aber so etwas von gehörig in die Binsen gegangen.

 

Jetzt sollte ich ja nicht spekulieren, warum ausgerechnet dieser Nischenroman für den deutschen Buchpreis nominiert ist, ich ärgere mich aber schon, warum von Kremayr & Scheriau nicht dieser hinreißende feministische Roman Hippocampus, den ich vor Kurzem hier besprochen habe, nominiert wurde. Wahrscheinlich sind aber 51% Frauen in der Bevölkerung eine zu kleine Zielgruppe, als dass sie für den Buchpreis relevant wären, da wird lieber ein Buch für die totalen Fußballfreaks mit den Codes der 90er- und 00er-Jahre nominiert. Dieses Minderheitenprogramm ist sicher relevanter für den auszeichnungswerten Literaturkanon. (Ironie off)

 

Gegen Ende der Geschichte, also auf den letzten Seiten, macht Ivo übrigens noch eine gute Entwicklung durch, die nicht ganz so irrelevant für Jedermanns und Jederfraus Leben ist, insofern waren die letzten Seiten dann nicht so furchtbar wie die mühsamen restlichen neunzig Prozent der Story.

 

Fazit: Für Fußballfans kann ich den Roman nicht beurteilen, für -verweigerer ist er aber definitiv komplett ungeeignet. Außerdem strotzt er nur so von vulgären sexistischen österreichischen Dialektausdrücken, die dem Leser als „erfrischend“ und rotzfrech verkauft werden.

 

*Wuchtl = 1. Fußball 2. Tiefer Pass im Fußball 3. tiefer (primitiver) Scherz in der Sprache

Eiseskälte und verätzte Speiseröhren

Blutmond - Katrine Engberg

Diesen dänischen Krimi von Katrine Engberg im Hochsommer bei dreißig Grad Hitze zu lesen, kann ich wärmstens – ähm kältestens – empfehlen, denn schon auf Seite eins begann ich bei den grandiosen Beschreibungen des klirrend kalten Kopenhagens zu frösteln und auf Seite fünf fror ich bereits ordentlich, ob der treffenden, genauen und plastischen Schilderung des Wetters, des Ambientes, der Stadt und der Straßenbedingungen. Wenn Ihr das Buch im Winter lesen wollt, legt Euch bitte mindestens das Strickjackerl und die warmen Socken parat – besser wären noch Daunenjacke und Moon-Boots – Ihr werdet sie brauchen.

 

Eigentlich ist es sehr ungerecht, in einer Krimiserie bei Band zwei einzusteigen und sich dann eventuell über die mangelnde Figurenentwicklung beklagen zu müssen, aber ich kann erfreulicherweise berichten, dass mir keine Information abgegangen ist und die Tiefe der Figuren nicht nur ausreichend, sondern grandios konzipiert ist. Klar kommen auch Protagonisten aus dem ersten Band vor, aber ihre Vorgeschichte ist entweder nicht so relevant für diesen Plot oder sie wird eben hinreichend thematisiert.

Im Setting der skandinavischen Düsternis ist die Kriminalpolizei Kopenhagen mit Morden durch Abflussreiniger in der SchickiMicki-Gesellschaft konfrontiert. Diese Taten werden schon sehr grausam geschildert, aber nicht ganz so detailliert brutal wie bei Jo Nesbø, bei dem mich regelmäßig das Würgen beim Lesen heimsucht.

 

Den Modezar Alpha Bartholdy hat es also erwischt, die Mordwaffe ist ein Cocktail gemischt mit Abflussreiniger und am nächsten Tag stirbt auch noch eine weitere Promi-Dame während einer anderen Party auf dieselbe Weise.

 

Das Kripo Team rund um Jeppe Kørner und Anette Werner führt die Ermittlungen, wobei der Protagonist Jeppe sich bald in den Hintergrund zurückziehen muss, ist doch sein bester Freund und Schauspieler Johannes Hauptverdächtiger und Gegenstand der Ermittlungen. Doch Jeppe kann das einfach nicht akzeptieren und versucht, eigenen Spuren nachzugehen.

 

Die Figuren sind sehr liebevoll gezeichnet mit all ihren Traumata, Beziehungsproblemen, Ressentiments, schlechter Kondition und pathologischen Blutfett- und Insulinwerten. Die tiefe Figurenentwicklung ist ja meiner Meinung nach eine der typischen Stärken von weiblichen Kriminalautorinnen, die Schwächen sind – auch meiner Meinung nach – immer diese romantischen Szenen der Protagonisten und deren schwülstige Begierden. Bis Seite 215 kam erfreulicherweise für mich nichts davon vor, aber dann – die typische weibliche Krimileserin wird es freuen – gab es schlussendlich doch die so unvermeidliche romantische Verwicklung. Sie war aber nicht so breit ausgewalzt, dass sie mich sehr störte, sondern dezent in den Plot eingewoben.

 

Sprachlich war das Ambiente und die Szenerie für mich sehr bildhaft, klug und großartig konzipiert, des Öfteren blitzte sogar einiges an Witz zwischen den Zeilen und den tragischen Ereignissen hervor.

Manchmal war ein Gespräch mit Anette Werner wie ein Furz im Käseladen, die Worte verhallten unbemerkt.

 

Neben ihr posierten zwei junge Mädchen trotz der Eiseskälte in kurzen Röcken vor ihren iPhones, überprüften das Resultat und begannen noch einmal von vorn, mit Kussmund und in die Seiten gestemmten Händen. Vermutlich hatten sie einen Filter, mit dem sie ihre blaugefrorenen Knie kaschierten, bevor die Fotos auf ihrem Blog landeten.

 

An manchen Tagen war die Menschheit ein Verein, in dem man nur ungern Mitglied war.

Abgesehen von Polizeiassistent Jeppes Freund Johannes legt die Autorin im rasanten Plot auch eine Menge an Fährten und Spuren aus, die der Leser*in ein lustiges Mörderraten gewährleisten. Diesmal lag ich sogar fast richtig und nur knapp – ein ganz kleines bisschen – daneben, was mich auch auf mein investigatives Talent stolz sein ließ, aber die Handlung trotzdem nicht so durchschaubar machte, weil eben am Ende doch noch ein kleiner Twist als Überraschung dargeboten wird. Die Motivlage ist übrigens plausibel und nicht an den Haaren herbeigezogen, also alles paletti.

 

Fazit: Ein guter, solider skandinavischer Krimi in gewohnter Qualität mit Gruselfaktor, aber nicht nur vordergründig ob der grausamen Morde, sondern vor allem wegen des gut beschriebenen Settings des vereisten Kopenhagens. Ich kann ihn empfehlen.

Inhaltlich nicht viel Neues strukturell äußerst schwach präsentiert

Kurz & Kickl - Helmut Brandstätter

Was mich immer wieder erschüttert, ist der Umstand, dass viele gestandene und sehr gute Journalisten ihre ungefähr zweihundert Seiten dicken Bücher so schreiben, als würden sie nur einen mehrseitigen Leitartikel vor sich haben. Dabei kommt dann ein sprunghaftes nicht professionelles Werkstück heraus, das in seiner Struktur total schwächelt, jeglichen Roten Faden vermissen lässt und im Plauderton wirrrr von einem Argrument zum anderen und zudem zwischen den Zeiten hin und her springt und zwischen den Personen herummäändert. So eine Leserverwirrung mag bei einem fiktionalen Werk eine grandiose Wirkung haben, in einem politischen Sachbuch, das Hintergründe und Netzwerke aufdecken sollte, ist das aber ein absolutes No-Go. Aus diesem Grund kann ich nur den Kopf schütteln, dass hier nicht ein ordentlicher Editor oder ein mutiger Lektor mit Durchgriffsrecht ein Machtwort gesprochen hat. Legts einfach Eure Eitelkeit ab, sehr viele von Euch KÖNNEN keine Sachbücher schreiben und lasst Euch endlich mal helfen. Der Herr Mitterlehner hat das mit seinem ersten Buch wesentlich besser gemacht!

Auch in diesem Werk ist es genau so, wobei ich Herrn Brandstätter nicht als einzigen Journalisten verorte, der keine Ahnung von Strukturierung hat, da befindet er sich in hervorragender Gesellschaft mit z.B. Scharsach. Zu Beginn wird wirr zwischen Kurz und Kickl zwischen 2017 und 2019 herumgesprungen. Irgendwann zeichnet sich dann eine lasche thematische Ausrichtung, vom politischen Programm, über die Burschenschafter der FPÖ, flankiert vom Wahlkampf und die Sicht der Parteien auf die Medien, zu den Nazi Rülpsern... (Reihenfolge ist im Buch so) ab. Aber wie ihr seht, sind auch die Kapitelabfolgen nicht in einer logischen Struktur, wodurch bei den Burschenschaftern schon wieder einiges vom Nazirülpser Kapitel vorweggenommen wird.  Und so geht es munter weiter. Und nein, liebe Journalisten, wenn Ihr nur im Erzählton herumplaudert und vom Hundersten ins Tausendste springt, wird ein Buch nicht spannender und populärer, sondern nur wirr und unübersichtlich.

Um so ein Fehlen des Roten Fadens eindrucksvoll zu demonstrieren, werde ich diesmal ausnahmsweise auch in meiner Rezi denselben Fehler begehen und auf den Beginn des Buches, auf die Einleitung zurückschwenken. Ich schätze zwar Erhard Busek in vielen Bereichen, aber das Predigen hätte er sein lassen sollen. Schon im Vorwort kommt er nicht zum Thema und zum Punkt der Politik sondern schwadroniert so allgemein über christliche Religiosität - schon mal was von Laizismus gehört? In einer anständigen Politik sollte z.B. der Kircheneintritt von Van der Bellen nicht mal im Ansatz erwähnt werden, denn RELIGION IST PRIVATSACHE, wir leben eben nicht in einem Gottestaat, auch nicht in einem christlichen. Insofern war schon das Vorwort zu diesem Buch sehr ärgerlich, da es so gut wie nichts mit dem Thema zu tun hatte.

Auch sonst ist halt inhaltlich für den gemeinen politikinteressierten Leser nicht viel Neues drinnen. Die Mitterlehner Geschichte wird von Mitterlehner weit besser erzählt, alles andere ist ohnehin hinlänglich bekannt und wurde eben zudem schlecht und unstrukturiert zusammengefasst. Lediglich im Rahmen der Thematisierung  der Parteien im Umgang mit den Medien gibt es ein paar neue Erkenntnisse bei der Einflussnahme, der strukturierten Pressesprecher-Netzwerke und wie die Message-Control im Detail auch hierarchisch in der österreichischen Medienlandschaft funktioniert und durchgesetzt wird.

In diesen spärlichen Kapiteln ist Brandstätter endlich der Profi, dessen Expertise, Neuigkeiten und Zusammenhänge ich mir erwartet habe. Leider gehen diese Themen im recht mittelmäßig aufgemachten allgemein bekannten Bla-Bla unter. Hier wäre zum Beispiel auch angesagt gewesen, mal eine Politikwissenschaftlerin wie Natascha Strobl zu zitieren, die jede Rede von Kurz bis ins letzte Detail analysiert hat. Diese kompetente Frau ist normal politikinteressierten Menschen, zumindest den Nicht-Twitterern eher weniger bekannt, sie zerlegt aber punktgenau, wie die Message kontrolliert an das Wahlpublikum gelangt. Da Brandstätter keine Scheu hatte, Mitterlehner und andere zu zitieren, frage ich mich, warum er genau bei diesem Thema, das sich nahezu als Nukleus aufdrängte, verabsäumte, Strobl zu zitieren.

Inhaltlich bin ich auch mit ein paar Sachen nicht einverstanden, zum Beispiel hat der Herr Forstklo (Waldhäusl) in Niederösterreich weit schlimmere Verfehlungen angerichtet, als die Leute beim Kauf von geschächtetem Fleisch registrieren zu wollen, wie Herr Brandstätter moniert. Er verstieß kriminell und massiv gegen Kinder und Jugendrechte, als er in einem Heim für minderjährige Flüchtlinge in Drasenhofen Stacheldraht anbringen ließ und quasi eine Ausgangssperre verhängte. https://www.derstandard.at/story/2000092783407/waldhaeusl-jeder-kann-sich-zwei-drei-fluechtlinge-mit-nach-hause . So ein Verbrechen nicht dementsprechend anzuprangern, ist zwar tragisch, aber entweder eine andere Wertung als ich sie vornehme, oder eben Unwissenheit, was sich in Niederösterreich tatsächlich Gravierendes abspielt.

Fazit: Für mich ein schnell und unfundiert hingeschlenztes sehr unterdurchschnittliches politisches Buch, das maximal auf 2,5 Sterne kommt. Die Zielgruppe, die dieses Buch lesen kann und will, weiß ohnehin fast alles, was drinnensteht, wird sich wahrscheinlich langweilen und hat kaum einen strukturierten Erkenntnisgewinn, die anderen sind ohnehin verblendet.

Seepferdchenfeminismus: spiegelverkehrt, bitterböse und urkomisch

Hippocampus - Gertraud Klemm

Wenn eine Autorin einen feministischen Roman schreiben will, kann sie anklagend oder einfühlsam eine furchtbare Geschichte über Leid und Unterdrückung durch das Patriachat schreiben, oder sie kann einfach auf extrem witzige Weise den Spieß umdrehen und die Groteske der schon komplett von der Gesellschaft verinnerlichten männlichen Privilegien abmontieren, so dass sie erstmals humorvoll entlarvt und in Frage gestellt, aber auch der Wahnwitz ihres Bestehens lächerlich gemacht wird. Es ist Gertraud Klemm ausnehmend gut gelungen, einen total witzigen, wahnwitzigen, subversiven, anarchischen, feministischen Roman zu schreiben.

 

Dies schlägt auch exakt in die für mich doch sehr neue Strömung des Feminismus, mit Humor den Spieß umzudrehen und mit der alternativen Realität und der Brille einer feministischen Welt zu kokettieren, quasi das Universum des männlichen Seepferdchens zu errichten, das die Babies austragen muss. In den letzten Wochen wurde auf Twitter unter dem Hashtag #dichterdran genau in diese Kerbe geschlagen und männliche Autoren wurden so respektlos auf Äußerlichkeiten reduziert, kritisiert und rezensiert, wie sich das bisher nur Autorinnen gefallen lassen mussten. Die meisten Schriftsteller machten gute Miene zu diesem etwas fiesen Spiel und einige wie Saša Stanišić beteiligten sich sogar humorvoll daran.

 

Wenn man kritisiert, dass es so wenige männliche Autoren in den Weltliteratur-Kanon geschafft haben, muss man auch bedenken, dass sich diese Literatur oft auf Männerthemen konzentriert und ihr der universelle Anspruch fehlt, der wahrhaft großartige Werke ausmacht..“  (Elisabeth Klar @Sam_O_Dor auf Twitter #dichterdran)

 

Erst wenn man alles, was in der Literatur über Autorinnen, gesagt wurde, mal umdreht, wird erstmals die Idiotie der Machtsicht und die immanente Marginalisierung des anderen Geschlechts offenbar.

 

Auch dieser Roman beschäftigt sich intensiv genau mit dieser Art von Unsichtbarmachung weiblicher Leistungen im Literatur- und Kunstbetrieb, in dem sich die narzisstischen männlichen Günstlinge nur so tummeln, die doch tatsächlich glauben, sie wären schon qua Geburt besser als ihre weiblichen Kolleginnen und hätten nicht aus dem Grund mehr Anerkennung durch Ehrungen und monetären Erfolg, weil die Machtpositionen der Geldvergabe und der Rezensionen im Feuilleton von ihren Geschlechtsgenossen besetzt sind. Die Autorin beschreibt mit spitzer Feder sehr böse den österreichischen Betrieb in Kunst und Literatur.

"Denen, die es ernst meinen, wird die Haut dieser Heimat bald zu klein. Die, die bleiben, hungert der Betrieb bald aus. Nur die Kammergünstlinge, Kirchenlemminge, die politisch aktiven Nachwüchsler, die Markthuren, die die eigennützige Systemtreue in den Genen haben, die bleiben und lassen sich mästen."

Die alte feministische Schriftstellerin Helene Schulze ist also gestorben. Sie hat sich zu Tode gesoffen. Einerseits weil sie den Ausstieg aus ihrem systemunkonformen Leben im frühen Erwachsenenalter in das typisch patriarchale Muster von bravem Ehefrauchen, Weibchen und Mütterchen in einer spießigen Kleinstadt nicht verkraftet hat und weil ihr zweitens niemals – auch nicht beim Abstreifen ihrer gesellschaftlich angepassten Rolle und Rückkehr in den Literaturbetrieb – jene Ehre zuteil wurde, die ihr eigentlich gebührt hätte. Nun ist sie unter einem männlichen Pseudonym zum siebten Mal für einen wichtigen Literaturpreis – diesmal für den deutschen Buchpreis – nominiert, den sie nie gewonnen hat, weil ihr immer wieder ein Mann vorgezogen wurde. Da sie nun tot ist und das erwiesenermaßen ordentlich Kasse macht, wird ihre eigentliche Identität vom Verlag gelüftet. Was für eine Sensation, eine posthume Vergabe eines Literaturpreises.

 

Ihre Freundin Elvira, Aktionskünstlerin aus alten WG-Zeiten, ist stinksauer über diese anbiedernde speichelleckende Heuchelei bei Helenes Beerdigung. Sogar der fette Literaturkritiker, der dafür gesorgt hat, dass Helene der schon verliehene Bachmann-Preis wieder aberkannt wurde, weil ein Satz ihres eingereichten Beitrags – man staune, es handelte sich tatsächlich nur um einen Satz – bereits vorab veröffentlicht wurde, entblödet sich nicht, zu diesem Ereignis aufzutauchen und sich in devotem Gebuckel zu ergehen.

 

An diesem Punkt läuft das Fass der Künstlerin Elvira über, die Hutschnur geht ihr hoch und sie beschließt, im Namen der toten Schriftstellerein Helene alle Frauen durch Kunstaktionen endlich vor den Vorhang zu heben. Unter dem Streetart-Tag des Seepferdchens werden zwölf krawallfeministische Aktionen in einem Roadtrip quer durch Österreich subversiv inszeniert und dokumentiert. Die Kulturschickariabashing-Oma Elvira engagiert den jungen, hübschen Assistenten Adrian, und gemeinsam machen sie sich mit Helenes altem Campingbus auf den Weg, dem patriarchalen Establishment, der bigotten Kirche und dem Staat das Fürchten zu lehren. Die Leserin (Männer selbstverständlich mitgemeint ;-) ) freut es außerordentlich, denn die Autorin punktet in einem wilden Ritt mit wundervoller anarchischer, witziger, pöhser Vorstellungskraft. Drei von den zwölf Aktionen, die mir besonders gefallen haben, möchte ich kurz skizzieren, damit Ihr Euch vorstellen könnt, welcher Spaß das ist, die Planung der Aktionen zu begleiten und auch die Reaktionen der Betroffenen. Da kriegt Jesus am Kreuz a rotes Strickjackerl, eine Reiterstatue schnackselt plötzlich eine riesige Vulva und die winzige, fast nicht sichtbare Ingeborg-Bachmann-Statue in Klagenfurt in irgendeinem Park wird als Salat drapiert, denn der Bachmann-Salat im Café gegenüber ist einfach in der Stadt gegenwärtiger als die berühmte Autorin, wobei man im Gegenzug natürlich Lindwürmern und Nazis riesengroße Denkmäler gesetzt hat.

 

So fahren Elvira und Adrian als todesverachtendes Duo im Auftrag des Feminismus durchs Land und nähern sich einander an. Auch menschlich passiert viel, denn Elvira erläutert dem relativ unbedarften jungen Mann ihre und Helenes Wut über die patriarchalischen Verhältnisse durch die Erklärung der sehr witzigen Kunstwerke. Das Ende hat mich sehr überrascht, ist aber erstens gar nicht so abwegig, zweitens sehr konsequent und drittens auch noch sehr positiv gestaltet.

 

Die Sprache des Romans ist wundervoll, und die Figuren sind sowohl einfühlsam wo es angebracht, aber auch mit sehr spitzer Feder gezeichnet, wenn es notwendig ist.

 

Fazit: Ein wilder, augenzwinkernder, feministischer Roadtrip. Eine absolute Leseempfehlung von mir vor allem auch für Männer, denn das Buch ist so bitterböse witzig – zwar auf eine sehr brutale unkonventionelle Art, aber sehr witzig.

 

So bleibt mir nun nur noch zu fragen, warum gibt es solche von der Autorin beschriebene Aktionen von feministischen Künstlerinnen eigentlich nicht in der Realität? Jene österreichischen Aktionistinnen, die ich kenne, befassen sich nur narzisstisch mit ihrem eigenen Körper (z.B. Elke Krystufek und Jakob Lena Knebel), aber tun wenig für andere Frauen und feministische Anliegen. Warum muss eine Schriftstellerin so etwas fiktiv konzipieren. Oder anders gefragt. Liebe Gertraud Klemm: Könnten sie nicht Mal kurzfristig ihre Profession wechseln und die Inhalte des Buchs in die Realität der Kunst umsetzen? Danke! Das hätten wir nämlich alle gebraucht! Ich mache Ihnen auch den Adrian ;-) und dokumentiere alles.

Noch drei Mal Essen bis zur Anarchie

Der Wal und das Ende der Welt - John Ironmonger

In einem sehr impulsiven Spontankauf – wahrscheinlich weil mir das Cover gefiel – habe ich mir für meinen Urlaub das Hörbuch: Der Wal und das Ende der Welt besorgt und bin nur ein wenig enttäuscht worden. Der Roman ist zu siebzig Prozent eine ausgezeichnete optimistische Wohlfühl-Dystopie, die zeigt, wie ein Teil der Menschheit in der modernen vernetzten Welt in Folge eines totalen Zusammenbruchs von Wirtschaft, Recht und Ordnung durch Kooperation doch noch überleben könnte. Zu den restlichen dreißig Prozent kommen wir noch im Laufe meiner Rezension und breiten zu Beginn meiner Ausführungen noch den Mantel des Schweigens über diese missliche Lücke.

 

Im kleinen, von seiner Umwelt relativ abgeschieden liegenden Fischerdorf St. Piran in Cornwall wird ein nackter bewusstloser Mann an den Strand gespült. In Folge der Sensation und der notwendigen Rettungsaktion ist natürlich fast das ganze Dorf auf den Beinen, was dem Autor die Gelegenheit gibt, dem Leser die gesamte etwas mehr als 300 Seelen starke Gemeinschaft, inklusive deren Verflechtungen und jede einzelne Figur vorzustellen: Doktor Books, der Pastor, seine hübsche Frau Polly, die Lehrerin, die Krankenschwester, der Strandgutsammler, der Wirt, die Romanautorin …, alle sind sehr detailliert gezeichnet und liebevoll entwickelt.

 

In Rückblenden wird enthüllt, dass der junge gestrandete Mann mit dem Namen Joe Haak, bisher als Analyst in London gearbeitet und eine selbstlernende Software namens Cassie entwickelt hat, die ursprünglich eigentlich nur den Aktienmarkt vorausberechnen sollte. Da sich in einer vernetzten Welt aber auch Rohstoffe und Ressourcenverknappung, geo- und lokalpolitische Situationen, Erwartungen an den Handel, Lieferketten, Krankheiten, Geldverkehr und viele andere Faktoren auf die Aktien auswirken, müssen in ein funktionierendes komplexes System einer genauen Vorhersage eigentlich alle globalen Faktoren einberechnet werden, was zu einer Zukunftsvoraussagesoftware führt, die weit über den Aktienmarkt hinausgeht und zu einer Art unviersellen Kassandra (wie jene von Troja – welch eine schöne Analogie) mutiert.

 

Auf den Wunsch seines Chefs Lou Kaufmann bezog Joe Haak auch diverse menschliche Faktoren in die Berechnungen seines Wirtschaftsalgorithmus Cassie mit ein. Die Figur von Kaufmann ist grandios gezeichnet, sie symbolisiert die Fratze von Gier und Macht. Kaufmann legt beispielsweise die Theorien der Komplexitätsforscher Jared Diamond und Yaneer Bar-Yam dar und philosophiert über den Kollaps von Gesellschaften durch die hochgradige Anfälligkeit von modernen Lieferketten. Vor allem Großstädte seien immer nur drei Mahlzeiten von der Anarchie entfernt. Die historische Geschichte der Rapa Nui, ihre Gesellschaft auf einer endlichen Ressource aufzubauen und damit unterzugehen, mit unserem Umgang mit dem Erdöl zu verknüpfen, fand ich besonders erhellend. Viele dieser Theorien, über die der alte Banker Kaufmann so nonchalant plaudert, werden übrigens auch in Marc-Uwe-Klings Dystopie Qualityland angesprochen. Solche komplexen wirtschaftstheoretischen Auseinandersetzungen, eingewoben in eine spannende Geschichte gefallen mir persönlich – sofern sie gut gemacht sind – besonders, weil sie auch dem Laien die trockene Materie der Wissenschaft recht plastisch, interessant aufbereitet und auch einfach verständlich anhand eines Beispiels darlegen.

 

Die künstliche Intelligenz Cassie sagt also einen globalen Kollaps voraus, der in Folge des Zusammenspiels zweier Faktoren – Ressourcenknappheit und Pandemie – entstehen soll. Deshalb bereitet Joe Haak seine Lebensretter und neuen Freunde im kleinen Dorf – genauso wie die Seherin Cassandra – auf die sich abzeichnende Katastrophe vor. Gemäß dem historischen Vorbild glaubt ihm zwar keiner, aber die Gemeinschaft unterstützt ihn dennoch in seinen Vorbereitungsmaßnahmen.

Als der Supergau tatsächlich eintritt, beschreibt Ironmonger sehr gut und detailliert die Strategien der Dorfbewohner. Die Beziehungen der Bewohner untereinander und die Krisenbewältigungsmaßnahmen sind ausnehmend gut dargestellt. Es menschelt sehr in St. Piran. Ach ja, und dann ist da auch noch der Wal, der eine alttestamentarische, ein bisschen religiöse Komponente in die Story einbringt und sich zudem auch noch als Instrument und Katalysator zur Krisenlösung entpuppt.

 

Nun muss ich zu den angekündigten restlichen dreißig Prozent kommen. Ab der Rettung – als zumindest ein Teil der Menschheit über den Berg und die Krise am abebben ist – verkommt die Geschichte leider zur schmalzig kitschigen Liebeschmonzette. Wäh, da drehen sich mir persönlich einfach die Zehennägel auf. *würg*. So oft habe ich schon in Rezensionen die abrupten Enden der diversen Romane kritisiert, diesmal hätte ich mir sehnlichst gewünscht, wenn der Autor bei zwei Dritteln diesmal einfach hätte symbolisch den Bleistift fallen lassen.

 

Bezüglich Audioversion möchte ich auf jeden Fall noch meine Begeisterung für den Sprecher Johann von Bülow ausdrücken. Seit Harry Rowohlt hat mich keine Sprecherstimme und Interpretation im Rahmen eines Hörbuchs mehr so vom Hocker gerissen. Ich war total entzückt von der sonoren und auch in den Höhen sehr variantenreichen Stimmfarbe des Schauspielers.

 

Fazit: Gute Wohlfühldystopie mit spannenden Prämissen und Hintergründen, wundervoll vorgetragen, die aber zumindest auf dieses Ende hätte verzichten sollen. Ich gebe eine bedingte Hörempfehlung ab, rate aber, im letzten Drittel einfach abzubrechen, es lohnt sich nicht.

Androiden-Ich trifft auf menschliche Schwächen

Maschinen wie ich - Ian Mc Ewan

Eines gleich vorweg. Die Geschichte ist für mich kein „typischer“ McEwan Roman wie zum Beispiel Abbitte, Honig oder der Zementgarten, sie ist recht kopflastig mit sehr vielen ethischen und moralischen (ich verwende diese beiden Begriffe in diesem Fall tatsächlich nicht als Synonyme) Implikationen, die den Plot über weite Strecken in den Hintergrund drängen. Gerade deshalb und weil ich mich in meinem Fachgebiet gerade mit digitaler Ethik und Ethik von künstlicher Intelligenz beschäftige, war ich sehr gespannt auf das Buch. Ich muss sagen, ich finde es sehr gut, kann aber auch verstehen, warum einige mit der Story einfach nicht warm werden können.

 

Was hier wahrscheinlich manche stört, ist der Umstand, dass der Plot den ethischen und wissenschaftlichen Hypothesen folgt und nicht umgekehrt ein bisschen moralischer Hintergrund in eine präsente Geschichte eingewoben ist. Es ist, als hätte McEwan zuerst wie bei einer wissenschaftlichen Arbeit Forschungsfragen formuliert und sich dann drum herum eine Geschichte dazu ausgedacht: zum Beistpiel: Wie funktioniert maschinelles Lernen im Vergleich zu menschlichem mit der Einführung der Figur eines Kindes. Ich finde, das ist ein sehr gewagtes und grandioses Konzept. Aber zuerst noch ein bisschen etwas zum Inhalt damit ich diese Strategie auch gleich ein bisschen konsistent anhand von Beispielen erklären kann.

 

McEwan platziert seine Figuren in einer alternativen Welt von 1982, in der sich der Logiker Alan Turing nicht mit dem Schneewittchen-Apferl (so wie in der Realität) selbst gemeuchelt hat. Ergo schlug er – quasi in der realen if-then-else Verzweigung im Jahr 1952 die Möglichkeit der Wahl einer chemischen Kastration in Folge seiner Verurteilung wegen Homosexualität aus und hat stattdessen den Weg der gesellschaftlichen Ächtung, Schande und des Gefängnisses gewählt. Daraus folgten anstatt seines frühen Todes einige der produktivsten wissenschaftlichen Arbeitsjahre, inklusive Inspiration von anderen Wissenschaftlern und universitäre Open-Source-Zusammenarbeit weltweit. Daher gibt es in dieser Welt auch alles, was seit 2004 bei uns erst jetzt Realität ist, durch Turings Erfindergeist schon im Jahr 1982: Internet, KI (Künstliche Intelligenzsysteme), Androiden, selbstlernende Algorithmen, selbstfahrende Autos… . Das ganze Alternativuniversum ist technologisch-wissenschaftlich grandios konsistent aufgebaut. Besser kann man nicht erfinden, wie ein einzelnes, winziges Ereignis, eine kleine Gabelung in der Realität sich tatsächlich weltweit so massiv auswirken kann.

Eines muss ich hier noch loswerden. Der Diogenes Verlag spoilert bedauerlicherweise massiv in seinem eigenen Klappentext. Da ich diesen nie lese, konnte ich gottseidank in den Genuss kommen, erst nach und nach zu realisieren, was mit der vom Autor beschriebenen Welt irgendwie irritierend und mit meinem Bild vom Lauf der Welt nicht vereinbar ist. Also ich wäre enttäuscht gewesen, wenn mir diese Erfahrung genommen worden wäre.

 

Im alternativen Großbritannien von 1982 ist ansonsten zum Beispiel politisch, gesellschaftlich und kulturell vieles ähnlich wie im tatsächlichen Jahr 1982. Maggie Thatcher mischt mit, der Falklandkrieg bricht aus, aber trotzdem funktioniert die Welt in allen Belangen um eine Nuance anders, da die technologischen Möglichkeiten und die Auswirkungen der Digitalisierung auf den Faktor Arbeit und die Politik einfach völlig neue Rahmenbedingungen schaffen.

 

In dieses Umfeldkonstrukt, das ich deshalb in der Rezension so detailliert thematisiert habe, weil auch McEwan den Schwerpunkt darauf gelegt hat, bettet der Autor nun eine Geschichte ein.

 

In der ersten Szene hat Charlie den Androiden Adam, einen sehr teuren Prototypen einer Miniserie, mit seiner letzten Barschaft aus einer Erbschaft erworben. Er ist in seine Nachbarin Miranda verliebt und bittet sie, mit ihm gemeinsam die künstliche Intelligenz von Adam gleich nach seiner Lieferung zu parametrisieren. Die Idee, die einstellbaren Eigenschaften von Adam gleichmäßig und zufallsverteilt zwischen Miranda und Charlie aufzuteilen ist genial, das hat etwas zwingend Logisches und die Anmutung von geschlechtlicher Zeugung. Adam ist also frei parametrisierbar. Is this a Bug or a feature? Für Charlie eher ersteres, aber dann stellt sich heraus, die Einstellungsmöglichkeiten sind ohnehin hauptsächlich dazu da, dem Nutzer eine Anmutung von Kontrolle zu geben, um ihn an das Konsumprodukt, an den Androiden zu binden, denn das Ding konfiguriert sich ohnehin selbst durch maschinelles Lernen. Ist wie bei echten Kids dort heißt das Modelllernen. – Das ist ein ganz köstlicher und sensationeller Einstieg in die Geschichte.

 

Dann werden, je mehr Adam lernt und sich als Android dem menschlichen Wesen annähert, tatsächlich fast alle Forschungsfragen, die ich zu dem Thema habe, anhand der Geschichte abgearbeitet: Da geht es um topaktuelle Gedanken zur Roboterethik, Eifersucht, Liebe und Rivalität zwischen Charlie und dem Androiden, denn Miranda schnackselt tatsächlich mit Adam. Großartig, der daraus sich entspinnende Dialog über Betrug, Eifersucht und den Turing Test.

„Ich will Dich nur daran erinnern, dass er eine Maschine ist, eine verfickte Maschine.“
„Eine fickende Maschine.“ […].
„Wenn er aussieht, sich anhört und benimmt wie ein Mensch, ist er für mich auch einer.“

Da wird man stark an Philip K. Dick‘s Träumen Androiden von elektrischen Schafen (Blade Runner) erinnert, aber McEwan geht noch ein paar Schritte weiter, um das Verhalten, das Lernen und Bewusstsein von künstlicher Intelligenz genau zu erforschen und den Unterschied und die Interaktion mit realen Menschen herauszuarbeiten. So führt er auch den Unterschichtsjungen Mark in das Setting ein, der mit seinem kindlichen Lernen durch Spielen und durch sein impulsives Verhalten das Thema sehr genau aufgreift. Mark entpuppt sich quasi als das zweite zur Adoption stehende Wesen, das diametral entgegengesetzt zu Adam agierend in den kleinen Familienverband von Charlie und Miranda eingeflochten wird.

 

Durch die Aufarbeitung von Mirandas Vergangenheit spricht McEwan auch viele moralische Dilemmata an, die von Androiden mit Bewusstsein und Menschen komplett unterschiedlich interpretiert und abgewickelt werden. Hier gibt es immer den Gegensatz zwischen Adam, der einerseits auf Grund des tatsächlichen menschlichen Verhaltens und seiner Ambivalenz maschinell lernt, aber auch andererseits in seiner logischen Grundprogrammierung sich (meist) an die Asimovschen Gesetze halten muss, im Zusammenspiel und Interaktion, in der Diskussion und im Konflikt mit seinen Menschen, die er mittlerweile innig liebt. Die wichtigste Frage dieser Fiktion ist aber: Wenn Androiden ein Bewusstsein haben – was der Leser in dieser Geschichte eindeutig mit Ja beantworten muss – welche Rechte entstehen ihm dadurch gegenüber dem Menschen?

 

Irgendwann ab der Mitte wird dann auch noch Alan Turing in Persona und als Fürsprecher und moralische Instanz für die Androiden in den Roman eingeführt, das hat mir ausnehmend gut gefallen. Gegen Ende der Geschichte überschlagen sich dann die Ereignisse – das ist übrigens typisch für eine McEwan Geschichte – und gipfeln in einem für mich sehr traurigen Ende für die vierköpfige Familie. Ich war als Leserin immer wieder hin und her gerissen, für die einzelnen wundervoll gezeichneten sehr sympathischen Figuren Partei zu ergreifen und litt mit allen extrem mit, obwohl sie sich in einem unüberbrückbaren Konflikt gegenseitig aufreiben und fertig machen. Jedes Motiv konnte ich sehr gut nachvollziehen.

 

Fazit: Ich fand den Roman außergewöhnlich, sehr innovativ und großartig, aber ich glaube, man muss schon ein bisschen Interesse für Digitalisierung, Ethik und Technikgeschichte mitbringen, um ihn wirklich genießen zu können. Einen typischen rasanten McEvan Plot gibt es zwar schon, aber er steht für mich nicht im Vordergrund der Aussage des Buchs.

 

P.S.: Ein ausführliches Interview mit dem Autor, und was er sich bei der Gestaltung dieser Fiktion gedacht hat, im Gegensatz zu dem, was ich hineininterpretiere, findet Ihr hier. Ich habe es mir vor dem Schreiben der Rezension nicht angeschaut, denn ich wollte mir meine alternative Auslegung nicht von der Realität beeinflussen lassen ;-).

Film schlägt Buch klar

Alles, was wir geben mussten - Kazuo Ishiguro

Book2movierezension
2. die Verfilmung eines Literaturklassikers oder eines Literaturpreisträgers:


Im Fall dieser Book2movierezension habe ich ausnahmsweise einmal den Film zuerst gesehen, was eigentlich ein Glückfall war. Als der Film im Juli im Fernsehen nochmals gezeigt wurde, habe ich ihn nochmals angeschaut und parallel dazu das Buch ein paar Tage vorher begonnen.

Buch: ⭐️⭐️⭐️,5 Sterne aufgerundet auf ⭐️⭐️⭐️⭐️
Eines gleich vorweg, wenn man aufmerksam liest, spoilert der Roman bereits auf der ersten Seite ordentlich, denn schon da geht es ganz klar um das Thema Organspende - nicht verklausuliert sondern das Wort Spende wird sogar definitiv erwähnt. Als Rückblende rollt Ishiguru das Leben von Kath auf, eine ganz dumme Idee. Somit wird der gesamten Geschichte der Überraschungseffekt und der sich allmählich entwickelnde Plot genommen, der den Leser erst nach und nach in die beschriebene dystopische Welt einführt. Dass ich so was für ziemlich strunzdeppat halte, brauche ich Euch wahrscheinlich nicht erklären.

Weiters verliert sich Ishiguru in der episch breiten Auswalzung von Banalitäten wie z.B. dem ausufernd beschriebenen Tamtam um das Federmäppchen oder die Geheimwache. Als kurzes Schlaglicht für die Stimmung im Internat hätte es mich nicht so gestört, im Gegenteil ich hätte es sogar goutiert, aber eine so lange Perlenkette an für den Plot so nutzlosen Petitessen aufzufädeln, macht die Geschichte zäh und langweilig, wobei selbstverständlich alles atmosphärisch dicht und gut beschrieben arrangiert ist.

Kommen wir auch noch zu dieser unsäglichen ausufernden Beschreibungswut, die den sehr guten Plot selten unterstützt, teilweise total lähmt und alles bis zum Erbrechen zu Tode schildert. Ein Beispiel soll hier symptomatisch für extrem viele aufgezeigt werden:
Ruth und Kath führen ein wichtiges Gespräch über Tommy im Bushäuschen.
1. Zuerst ausladende Beschreibung der Haltestelle: aufgelassen, heruntergekommen, Fahrplan zerrissen und vergilbt etc.
2. Dann Schilderung des soeben stattfindenden Sonnenuntergangs, die Farben, der Wind, alles rundherum
3. Danach wird die Spinne im Häuschen thematisiert und ich frage mich die ganze Zeit, wo zum Teufel bleibt das Gespräch, das dann zudem sehr indirekt, kurz, verklausuliert und nicht ergiebig ist.
Ein bisserl mehr Tempo in der Handlung und weniger detektivisch genau ausgeführte Umfeldanalyse hätten dem Roman und der Spannung sehr gut getan. Normalerweise erledigt so etwas ein sehr gutes Lektorat.

Vom grundsätzlichen Plot her ist die Geschichte natürlich unheimlich innovativ und großartig konstruiert: das Internat, die wundervoll tief gezeichneten Protagonisten, die beschriebene Gesellschaft, die grandiosen ethischen Implikationen, da gibt es nix zu kritisieren.
Auch das Ende ist sehr traurig und lässt mich als Leserin sehr aufgewühlt zurück, was für die Erzählkunst des Autors spricht.

Fazit: Mit lektorischer Straffung, Einmischung und etwas mehr Mut, hätte sich der Roman durchaus 5 Sterne verdient, so hat er einfach zwischendurch enorme Längen und spoilert von Anfang an zu viel, was ich gar nicht goutiere und deshalb mit 3,5 Sternen abstrafe.

Film: ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ Sterne
Zuerst räumt der Film gleich mal mit dem größten Fehlern des Romans auf. Er spoilert nicht in der ersten Szene. Dem Cineasten erschließt sich erst nach und nach, was in diesem idyllischen Internat mit Enid Blyton Charme der 70er Jahre nicht stimmt.

Das beginnt mit einer leichten Irritation, weil die Waisenkinder durch elektronische Armbänder gescannt werden, sie dürfen das Gebäude nicht verlassen und bezeichnen die Erzieherinnen als Wärter. Da ich den Film erstmals zufällig im Fernsehen geschaut habe, konnte ich den Überraschungseffekt total auskosten, wähnte ich mich doch fälschlicherweise in einer Art Kinderknast und war sehr perplex, wozu sich diese Dystopie entpuppte, als eine der Aufseherinnen, Miss Lucy, die Kinder und somit auch mich nach und nach auf das Schicksal als Organspender vorbereitete. So geht das Herr Ishiguru, da hat das Drehbuch Ihren ersten Kardinalfehler schnell und simpel ausgemerzt.

Zudem wurde auch der Plot gestrafft, ein paar der unnötigen kindlichen Banalitäten beseitigt, aber nicht so viele, dass die Geschichte zu abgeklärt und antiseptisch wird.

Die Kameraführung und der Set sind wundervoll: der Nebel, die Englische Landschaft das alte Herrenhaus und Internat Hailsham, die grauen Kostüme der Wärterinnen, die Wolken all das unterstützt leise die Traurigkeit des Themas punktgenau. Hier werden die manieristisch ausufernden extrem langen Beschreibungen des Autors perfekt in kurze knackige Bilder übersetzt.

Was dann noch folgt, sind die schauspielerischen Leistungen. Ich kannte eigentlich nur Kira Knightley als Ruth und diese auch nicht gerade im Kontext von glänzender Performance. Die hat mich auf jeden Fall positiv überrascht, wahrscheinlich weil ihr kuhäugiges Minenspiel auch punktgenau zu Ruths Charakter als Erwachsene passt. Die anderen - weil mir unbekannt - konnten mich nicht enttäuschen, im Gegenteil sie waren sehr gut. Ein insgesamt durch und durch gelungener Cast sowohl bei den Kinderdarstellern als auch bei den erwachsenen Mimen.
Fazit Film: Ich war beim ersten Mal begeistert und beim 2. Mal Ansehen noch immer.

Buch gegen Film: Diesmal bin ich eindeutig für den Film der mit den Schwächen von Ishigurus Roman sowas von radikal aufgeräumt hat.

Aktuelle tschechische Minidramen

Noch so einer - Iva Pekárková

Dieses Werk der Autorin im Rahmen der Verlagsreihe tschechische Auslese teilt sich in drei Kurzgeschichten, von denen alle so höchst unterschiedlich sind, dass ich sie unbedingt einzeln betrachten und bewerten muss.

 

Eines gleich vorweg, Iva Pekárková kann richtig gut schreiben, sprachlich wundervoll fabulieren, einen spannenden Plot konstruieren, auch in der Kürze der Geschichten trotzdem einen Spannungsbogen aufbauen und eine komplette Story mit Startsetting, ausreichender Figurenentwicklung und furiosem Finale konzipieren.

 

Die erste Geschichte mit dem Namen Beton ist grandios, da finde ich überhaupt keinen Ansatz für die leiseste Kritik. Sie handelt vom verpatzten Leben des Jaroslaw, der sich selbst für ein tapierähnliches Wesen hält und in Marenka bereits in der Schulzeit seine Seelenverwandte gefunden hat. Leider versaut er die Beziehung, weil er betrunken eine Dummheit begeht, die sie ihm nicht verzeihen kann. Bald tröstet er sich mit einer anderen, was in einer lieblosen Beziehung endet, aus der er wegen der Verantwortung für die Kinder nicht mehr flüchten kann. Schritt für Schritt ohne große Katastrophen, sondern mit ganz kleinen Bausteinen, manövriert er sich in eine Situation, in der er letztendlich todunglücklich mit dem Rücken an der Wand steht. Stilistisch hat sich die Autorin auch etwas ganz Innovatives einfallen lassen, was den Leser in den ersten Kapiteln der Geschichte zwar ein bisschen aus dem Konzept bringt, aber punktgenau den Plot unterstützt. Mehr möchte ich nicht verraten, sonst würde ich zu viel spoilern, aber es ist großartig.

 

Die zweite Geschichte Noch so einer, die titelgebend für diesen Band war, ist bedauerlicherweise fragmentarisch und total unfertig. Kein Plot, kaum Figurenentwicklung, total nichtssagend und das Ende völlig unverständlich. Mir kommt vor, dass sie als kürzeste in diesem Band als Lückenbüßer und unvollendete Skizze mit ihren knapp fünfzehn A5-Seiten nur dazu dient, die Seitenanzahl für die Reihe zu füllen, die für alle Autoren von vornherein fix vorgegeben war. Diese Geschichte war für mich komplett entbehrlich.

 

Die dritte Geschichte Für immer ein kleiner Junge ist gut, weist als grausame, aber einschneidende Episode im Leben eines Schülers mit Migrationshintergrund einen ausgezeichneten Spannungsbogen auf, hätte aber durchaus in der Tiefe der Figurenpräsentation und der Motivation aller Protagonisten um eine Nuance ausführlicher sein können. Platz wäre genug gewesen, wenn man die zweite Geschichte weggelassen hätte.

 

Fazit: Für mich war dieses Buch eine qualitativ sehr heterogene Arbeit und eine emotionale Achterbahnfahrt, von totaler Begeisterung über völlige Enttäuschung bis zu wohlwollender Anerkennung. Da die Autorin aber wirklich gut zu schreiben vermag, werde ich auf jeden Fall in Zukunft eines ihrer anderen Werke, z.B. Taxi Blues, das bereits verfilmt wurde oder Truck Stop Rainbows in Angriff nehmen. Auf jeden Fall bin ich froh, dass ich Iva Pekarovas Buch kennenlernen durfte, alleine schon wegen der ersten Kurzgeschichte habe ich es nicht bereut. Es war eine ausgezeichnete Idee der Leipziger Buchmesse, den Fokus der Leser durch die Wahl des Gastlandes 2019 mal auf Tschechien zu legen.

Handlungsarmes Netzwerkgeplänkel mit privaten Petitessen

Der einzige Mann auf dem Kontinent - Terézia Mora

Da ich sehr handlungsarme Romane wie jene von Arno Geiger, die dem Leser nicht einmal eine substanzielle Aussage vermitteln, die aber sprachlich ziemlich großartig konzipiert sind, regelmäßig abstrafe, muss ich auch hier fair sein und sagen, die Geschichte ist n-e-t-t-t-t mit vier T ausgesprochen. Und das ist eine äußerst schlechte Beurteilung. Immer wenn ein Autor eine Autorin sein/ihr handwerklich hervorragendes Schreibtalent vor meinen Augen spazierenführt, mir aber keine Geschichte erzählen will und mir auch sonst nix zu sagen hat, fühle ich mich verarscht und werde ärgerlich.

 

Auch hier ist es so, die aufgeblähten großartigen großspurigen Beschreibungen können leicht auf einen 5-zeiligen Nukleus komprimiert werden. Netzwerktechnik-Verkäufer Darius, frisst, säuft, hat Sex und kommuniziert mit Arbeitskollegen und Kunden. Er verliert aus Unsensibilität und Rücksichtslosigkeit seine Frau und teilweise selbstverschuldet und durch äußere Umstände seinen Job. Er hat a bissi Troubles mit seiner Schwester und Mutter und dann ist da noch ein Karton voller Bargeld, der Kalamitäten verursacht. Welch eine Sensation (Ironie off).

 

Was mich zudem sehr genervt hat, ist der Umstand, dass ich die Netzwerktechnik-Branche von der Kundenseite her kenne, saß ich doch selbst einige Jahre im Einkauf von zwei Universitäten, die die Netzwerk-Komponenten von so Typen wie Darius mittels Ausschreibungen gekauft haben. Nicht mal der zugegebenermaßen gut beschriebene Job lockt mich lesetechnisch hinterm Ofen hervor.

 

Und dann muss ich mich als Leserin auch noch von der Autorin indirekt durch die Figur vorführen lassen.

" An dieser Stelle wünschte man sich, die Geschichte würde einen Sprung nach vorne machen und der Held sich unverzüglich daran, etwas zu tun. So auch Darius Kopp. In Wahrheit hat man dann noch den ganzen Sonntag vor sich. Es wird lang werden - genauso lang, nicht wahr - wie jeder Tag und wir werden dabei sein müssen."

 

Definitiv nicht witzig. Als Autorin hat man auch die Wahl, den Leser nicht mit jedem kleinen Furz des Tages zu konfrontieren und zu quälen.

 

Fazit: Ganz gut geschrieben aber sterbenslangweilig, für mich total verlorene Lesezeit.

Grandiose Manipulationen in einer toxischen Beziehung inklusive Umfeldbeteiligung

Gone Girl: Das perfekte Opfer - Gillian Flynn, Christine Strüh

Eines ist völlig klar, diese Rezension ohne Spoiler zu schreiben, funktioniert nicht, denn alles was mir so gefallen hat, ist plottechnisch eine Überraschung und muss thematisiert werden, damit man die Güte auch erkennen kann.

Aber zuerst noch zu Allgemeinerem, das jeder mitlesen kann. Plottechnisch und sprachlich ist der Krimi ein Pageturner, einer der Klasse, die man ein ganzes Wochenende lang nicht mehr weglegen kann, und durch dessen Schuld man am Montag mit einem gehörigen Schlafdefizit in die Arbeit geht.

Vom Psychologischen und von der Figurenentwicklung her, ist der Roman ganz große Extraklasse, die Autorin zeichnet uns die Protagonisten sogar mehrmals in aller Tiefe: nämlich so wie sie scheinen wollen, also punktgenau als Maske vor der Gesellschaft, vor den Freunden und Bekannten, vor der Presse, vor der Polizei und so wie sie tatsächlich sind. Weil jeder mehrere Rolle spielt, alle vertuschen und lügen, dass sich die Balken biegen, ergibt sich ein sehr spannendes Setting, das alles offen lässt, die Realität nur scheibchenweise offenbart und viel Raum für Spekulationen bietet. Als Leserin kam ich erst nach und nach auf den Trichter, was mir die Figuren vorgaukeln und was real ist. Auf jeden Fall mag ich es sehr, wenn mich die Autorin am Nasenring durch ihren Roman zieht, ich lass mich gerne täuschen. Dabei geht sie aber nicht hektisch vor und legt gleichzeitig tausende falsche Spuren in alle Richtungen, sondern sie plant es generalstabsmäßig, den Leser zuerst in die eine Richtung - mit leichtem Verdacht und Irritationen in die andere Richtung - dann konket in die andere Richtung - mit leichtem Verdacht in eine dritte Richtung... zu führen. Das bedeutet das pure Vergnügen im lustigen Täterraten.
Zudem bindet sie ziemlich wundervoll auch das Spiel mit der Polizei und den Medien ein, die sich fast wie auf Knopfdruck von den Protagonisten manipulieren lassen.

Aber was ist plottechnisch passiert?

[...

Die wunderschöne Amy ist verschwunden, etwas deutet zuerst auf Nick, ihren Ehemann hin, der sich aber als der nette Kerl, ein bisschen weinerlich zwar, aber sonst ganz brav inszeniert, obwohl einem als Leser sofort klar wird, dass er etwas auf dem Kerbholz hat. Nach einer Weile wird klar, Nick ist ein Arschloch, er hat eine Geliebte und aus dem von der Polizei gefundenen Tagebuch von Amy geht hervor, dass er auch zu Gewalt neigt. Bereits zu diesem Punkt fällt dem/der aufmerksamen Leser*in aber auf, dass irgendwas mit dem Tagebuch nicht stimmt, möglicherweise hat Amy ihre mutmaßliche Ermordung nur gefaked. Kurzzeitig hatte ich sogar ihren Jugendfreund beziehungsweise ihren Vater im Verdacht.

In der Mitte der Geschichte wird klar, Amy ist tatsächlich eine Psychopathin, die sich ja vom Soziopath dadurch unterscheidet, dass sie in der Gesellschaft nicht erkannt werden, weil sie sich charmant und liebenswürdig geben und alle manipulieren. Amy ist wirklich eine Meisterin der Manipulation. Ein Jahr hat sie ihren Tod und die Beschuldigung des Ehemanns generalstabsmäßig geplant, sogar das gefundene Tagebuch war komplett gefaked, die Spuren für die Polizei zur Belastung des Mannes werden in einer tatsächlichen Schnitzeljagd ausgelegt, Nick tappt anfänglich wie ein tumber Tor aus schlechtem Gewissen nachträglich in die belastenden Beweise und versieht sie sogar noch mit seiner DNA. Später will er nur wissen, was sich seine Frau noch ausgedacht hat und was ihn erwartet.

All diese neuen Umstände ändern aber nichts an der Tatsache, dass Ehemann Nick trotzdem ein Arschloch ist und Amy ziemlich übel betrogen hat, was offensichtlich zu ihrem Racheplan geführt hat. Diese komlett durchgeknallte Frau hat das Sprichwort, "Rache muss man kalt servieren" total in ihr Dasein integriert. Aber auch Nick beginnt nach und nach bei dem Manipulationsspiel mitzumachen und kann sogar ein paar Treffer landen, weil er Amy so gut kennt. Das ist Psychologie vom Feinsten.

Dabei spielt die Autorin auch gezielt mit den Sympathien der Leserschaft. Einmal ist man/frau der Meinung die liebe Gillian Flinn soll Nick leiden lassen, diesen Betrüger von Ehemann diesen nutzlosen Mehlwurm der immer den Weg des geringsten Widerstands geht und alle anderen wie ein Vampir aussaugt und ausnutzt, solange er davon profiert und sie dann wegwirft. Der selbst nie bereit ist nur irgendetwas zu geben. Dann wieder ist man/frau fassungslos, was für ein Biest diese Amy ist. Am Ende kommt die Erkenntnis - die beiden haben sich wirlich redlich verdient.

Als dieses Setting klar wird, ist der Roman aber beileibe noch nicht zu Ende. Die Autorin schafft es ein weiteres Mal, den Plot zu drehen und erneut ein spannendes Element einzuführen, indem sie Amy durch einen Mord und der Installtation eines zusätzlichen Sündenbocks, dem sie alle vorhergegangenen Spuren zumindest vor der Öffentlichkeit und der Polzei in die Schuhe schieben und ergo zurückkommen kann, auf der Bühne des Geschehens wieder auftreten und mitmischen lässt. Natürlich weiß es Nick besser, und beide belauern sich nun und bleiben in Teil 3 des Romans auf ewig zusammen. Ganz großes Kino mit einem sehr überraschenden Ende.

Zwei Fragen stellen sich vom psychologischen Standpunkt aus, die ich mit mehreren Personenen auch mit meiner Therapeutenfreundin erörtert habe (ihr seht, das Buch regt auch zu Diskussionen an).

1. Warum ist Amy so verrückt geworden, obwohl sie in ein recht stabiles liebevolles Elternhaus hineingeboren wurde?
Ist es realistisch, wenn man davon ausgeht, dass die Eltern gerade durch diese AMAZING AMY-Erziehung eine total narzistische Persönlichkeit kreiert haben? Ja das ist es. Einem Kind überhaupt nie Grenzen zu setzen und irgendwann mal NEIN zu sagen, ist auch eine Form der Vernachlässigung und des Missbrauchs. Denn antiautoritäre Erziehung wurde in meiner Generation - ich meine als wir Eltern wurden - oft als NICHT-Erziehung missverstanden. Dabei braucht ein Kind auch hin und wieder ein NEIN, Regeln und Grenzen. Wenn Kinder schon mit 3 Jahren entscheiden dürfen, ob sie bei Schnee die Schuhe anziehen wollen oder nicht, dann sind sie immer überfordert. Wenn es gar keine Regeln gibt, entsteht auch so eine Persönlichkeit mit definitiven Störungen. Das ist eigentlich auch das Gegenteil von liebevoller Erziehung. Weiters sind die Eltern so aufeinander in Liebe und Abhängigkeit fixiert, dass für das Kind fast kein realer Raum bleibt.

2. Warum bleibt Nick bei Amy, obwohl die Erpressung nicht mehr funktioniert?
Als die Kotze vom Tisch ist, wird Amy schwanger, sie hat sich mit den Eizellen befruchtet, die beide vor einem Jahr einfrieren lassen haben. Hier opfert sich Nick (einerseits vielleicht zu kurzsichtig andererseits aber sehr altruistisch) zum Wohle des Kindes. er möchte keinen Sorgerechtskrieg, den er mit Amys Manipulaitonstalent auch ganz leicht verlieren kann, sondern er will auf das Kind aufpassen. Bevor er das Kind ganz verliert, fügt er sich in eine unbefriedigende Situation und versucht, das Schlimmste zu verhindern, damit der Psychopath (in dem Fall Amy) nicht maximalen Schaden beim Fortpflanz (Kind) anrichtet. Dass sie ohne Rücksicht auf Verluste dazu fähig ist, hat sie sehr oft bewiesen.

Das ist wie die Story von Salomon der das Kind zwischen 2 Müttern auseinanderschneiden wollte. Aber Salomon war weise, das Jugendamt ist das in 90% der Fälle überhaupt nicht. Vor allem nicht bei intelligenten Psychos, denen gehen sie regelmäßig auf den Leim. weiß ich aus eigener Erfahrung. Amtsarzt, Polizei, Jugendamt Psychologen, Gutachter ... der intelligente Psychopath mit Manipulationstalent verwendet sie alle gegen den Partner gleich einem Schachspiel mit 2 Zügen vorausdenkend. Selbst erlebt.

Weiters ist Nick ein bisschen Stockholm-Syndrom geschädigt, denn er kann sich nach und nach eine langweilige Beziehung zu einer normalen Frau gar nicht mehr vorstellen. Dies nennt man eigentlich psychologisch korrekt kognitive Dissonanz, indem man sich schlechte nachhaltige bis unwiederrufliche Entscheidungen, die man spontan oder in in einem Dilemma getroffen hat und für die man verantwortlich ist, nachträglich schönredet, um mit ihnen leben zu können. Gibts sogar sehr häufig und auch sehr banal im Marketing bei schlechten und teuren Kaufentscheidungen wie Auto oder Urlaub.

(show spoiler)



Fazit: Großartig! Mord, Medien, Macht, Manipulation und noch vieles mehr, eine furiose, moderne Geschichte, bei der man kaum zum Luft Schnappen kommt.