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Awogfli - Bookcroc

Ich bin Buchgourmet und Buchgourmand quer durch viele Genres

Ich lese gerade

Die Stadt der Träumenden Bücher
Walter Moers, Dirk Bach
BETA…civilisations volume 1
Jens Harder
Gletschergrab: Island Thriller
Arnaldur Indriðason

Werkschau mit zeitgeschichtlichem Antisemitismushintergrund

Arthur Schnitzler: Anatom des Fin de Siècle - Max Haberich

Wer mit diesem Sachbuch eine Biografie erwartet hat, die dem Leser den Menschen und Literaten Arthur Schnitzler näherbringt – so wie ich – der wird leider sehr enttäuscht sein.

Irgendwie schaut das Werk auf drei Viertel seines Umfangs so aus, als ob es ursprünglich als literaturwissenschaftliche Arbeit eines Doktoranden konzipiert worden wäre, der seinem Germanistikprofessor beweisen wollte, wie viel er von Schnitzler gelesen hat und wie gut er dessen Werke nacherzählen kann. Das sich wahrscheinlich daraus ergebende ohne wesentliche Änderungen publizierte Buch passt sich so gar nicht an die Bedürfnisse und Erwartungen des Lesers an. Als Werkschau werden im Stakkato die Stücke von Schnitzler im Telegrammstil sinnlos und lähmend zusammengefasst – teilweise drei bis vier Stücke auf einer Seite. Wenn ich als Leserin die Werke Schnitzlers kennenlernen will, geh ich zum Schmied und nicht zum Schmiedl, ergo lese ich entweder vorher oder parallel noch die wichtigsten Stücke des Autors, die mir fehlen, oder an die ich mich nicht mehr so gut erinnern kann.

Als Charakterstudie des Literaten, der im Untertitel auch noch als Anatom des Fin de Siècle bezeichnet wird, ist dieses Sachbuch recht ordentlich misslungen. Lediglich wenn Max Haberich Schnitzlers Identität als Deutsch/Österreicher und als Jude thematisiert und auch den in Europa grassierenden Antisemitismus zeitgeschichtlich aufrollt, wird der Inhalt endlich sehr spannend und leidlich biografisch. Ansonsten wird aber fast gar nichts zur Persönlichkeit Schnitzlers enthüllt: Nebensätze zu seiner Krankheit und Hypochondrie, kurze Anspielungen zu Frauen und Kindern. Das hätte Schnitzler so gar nicht gefallen. Nur auf seine jüdische Identität und auf den Antisemitismus reduziert und nicht als Mensch dargestellt zu werden – da wär dieser literarische Meister und Analyst der menschlichen Psyche total ausgeflippt.

"Ich betrachte mich keineswegs als einen jüdischen Dichter, sondern als einen deutschen Dichter, der, soweit sich so etwas überhaupt nachweisen läßt, der jüdischen Rasse angehört.[…]

Ich schreibe in deutscher Sprache, lebe innerhalb des deutschen Kulturkreises, verdanke gewiss von allen Kulturen der Deutschen am meisten […]

Daran, dass ich ein deutscher Dichter bin, wird mich weder jüdisch-zionistisches Ressentiment, noch die Albernheit und Unverschämtheit deutscher Nationalisten, im geringsten irre machen; nicht einmal der Verdacht, dass ich mich beim Deutschtum oder gerade bei seinen kläglichsten Vertretern anbiedern möchte, wird mich daran hindern, zu fühlen was ich fühle, zu wissen was ich weiß […]


Auch die Parallelen im literarischen Werk durch den ursprünglichen Beruf als Arzt, die Rolle als Militärarzt und einfließende, damals aktuelle Methodiken der Psychoanalyse, Traumdeutung und Hypnose – ergo der Einfluss von Freud und Konsorten auf Schnitzlers Werk – wurden so gut wie gar nicht breiter untersucht.

Erst am Ende des Buches, als seine Tochter Lili Selbstmord begeht, blitzt ein bisschen der Mensch Schnitzler aus dieser Wüste an Werksbeschreibungen und Zeitgeschichte hervor. Dabei bräuchte man hier gar nicht spekulieren, es gibt tonnenweise Material – wie dieses vor den Nazis gerettet und auf abenteuerliche Weise nach Cambridge gebracht wurde, verschweigt uns Haberich natürlich auch geflissentlich. Der Briefverkehr mit seiner Frau, der dem Leser klar die Eheprobleme im Hause Schnitzler darlegt, wird auch nicht analysiert sondern gleich in den Anhang verschoben, soll sich der Leser doch selbst bemühen, die Geschichte zu schreiben und sich eine Meinung bilden. Insofern waren das letzte Kapitel und der Anhang der spannendste Teil des Sachbuchs.

Fazit: Ich bin überhaupt nicht begeistert, da ich mir eine richtige Biografie erwartet habe, dennoch habe ich ein paar Informationen mitgenommen. Erstens habe ich zur Eskalation des Antisemitismus um die Jahrhundertwende in Österreich einige neue Fakten gelernt. Zweitens habe ich durch dieses Buch recherchiert und bin zufällig darüber gestolpert, dass das Theaterstück Prof. Bernardi im November 2017 Premiere in der Josefstadt hat. Da muss ich unbedingt hin. Drittens werde ich die Novellen Der Sohn und die Traumnovelle demnächst lesen. Und viertens und letztens weiß ich endlich, wo das Schnitzlerhaus steht, das in der Praterstraße weder ausgeflaggt, noch auf den offiziellen Tourismuskarten verzeichnet ist, was mich wieder mal in meiner Meinung bestätigt, dass Wien selten sehr nett zu seinen berühmten Söhnen und Töchtern ist, vor allem wenn sie renitent waren bzw. keine Volksmusiksänger oder Wintersportler sind.

Ungustls verletzte K&K Militärseele - eine herrliche Dramödie

Lieutnant Gustl - Arthur Schnitzler, Julian Greis, HörGut! Verlag

:D Normalerweise kann ich diese sabbernden sudernden labernden nutz- und geistlosen Leute - seien sie aus der russischen Oberschicht wie bei Dostojewski, dem gähhnend langweiligen amerikanischen Mittelstand, aus dem österreichischen Militär oder sonstwoher, die einen inneren Monolog bezüglich ihrer Luxusproblemchen führen, so gar nicht ausstehen, aber bei Schnitzler ist dies alles anders.

 

  1. Der Lieutnant Gustl bzw. Schnitzler hält sich sehr kurz, knapp und bündig und lamentiert sich nicht auf 200-800 Seiten in einem Crescendo einen Wolf und bringt damit mich als Leserin nicht nahezu in ein gehirndurchbrochenes katatonisches Lesekoma.
  2. Das Luxusproblemchen und die Sinnlosigkeit in vorliegender Novelle ist sogar bei Protagonisten dieser Schicht und dieses Lebensstils derart grotesk überspitzt vom Autor konzipiert, dass auch ich als normalerweise genervte Leserin ob so eines Irrsinns herzhaft lachen musste.

 

Dieser Lieutnant Gustl (eigentlich müsste er Ungustl heißen) ist ein typischer Vertreter des österreichischen Militärs, ein wohlhabender, unterbeschäftigter Lebemann, zudem offenbart sich tatsächlich ein relativ schlechter Charakter: Antisemitismus, Kriegstreiberei, gnadenlose Selbstüberschätzung-und dieses weinerliche Gesudere, als ob ihm die ganze Welt was schuldig wär. In vorliegender Novelle will sich der Herr Lieutnant doch tatsächlich umbringen, weil ihn ein bekannter Bäckermeister im Theater einen dummen Bub genannt hat, was er ja auch realiter ist. Durch die Aufbauschung dieser Petitesse zum lebensbedrohlichen Drama inklusive Pflicht zur Selbstentleibung zerlegt Schnitzler den traditionellen Ehrbegriff der K&K-Monarchie umso mehr, weil sie derart satirisch überhöht und somit alle daraus resultierenden Hirngespinste und geplanten Reaktionen völlig unrealistisch sind. Kein Wunder, dass Schnitzler bei einigen seiner Zeitgenossen alles andere als beliebt und als subversiver Brunnenvergifter und Zerstörer von Moral und Anstand berüchtigt war. Nichts ist schlimmer, als diesen unverrückbaren Begriff von männlicher Ehre derart der Lächerlichkeit preiszugeben.

 

Sprachlich ist das Werk relativ kurios aber auch sehr kurzweilig in seiner abgedrehten Verschrobenheit des Hauptprotagonisten, der in seinem Wahnwitz von Ehre sowohl sprachlich als auch als Figur sehr konsistent herüberkommt, solange man sich nur kurz mit so jemandem beschäftigen muss. Das Ende ist übrigens grandios und überraschend.

 

Fazit: Lesenswert.

 

Im ausführlichen Nachwort werden auch noch ein paar spannende Details offenbart. Da wäre beispielsweise die Form des inneren Monologs, die Schnitzler im Lieutnant Gustl schon Jahre vor Joyce anwandte, der eng gesteckte Zeitrahmen des Werkes und die Erkundung der Stadt Wien durch eindeutige Ortsangaben. Kommt Euch das nicht bekannt vor? Wurde Ulysses von Gustl inspiriert?

 

Weiters gibt es eine witzige biografisch-historische Konsequenz aus dieser Novelle: Schnitzler war definitiv infolge seines Medizinstudiums und des einjährigen freiwilligen Engagements als Sanitäter beim Militär im Offiziersrang. Er wusste also genau, was er kritisierte. Neben dem Umstand, dass die K&K Militärs über die Novelle not amused waren, was verständlich ist, wurde der Autor zudem von der bürgerlichen Zeitung „Die Reichswehr“ aufs heftigste persönlich attackiert, In Militärkreisen erwartete man nun offenbar mit unerschütterlicher Automatik, dass Schnitzler als Offizier den Chefredakteur zum Duell fordern würde. Als der Autor den Teufel tat und sich in seiner Meinung über die Absurdität des Duellzwangs nicht erschüttern ließ, erklärten man ihn des Offizierscharakters für verlustig, ergo man revidierte sein Offiziersdiplom und stufte ihn zum einfachen Soldaten hinab.

Erschreckende Fiktion, die in einigen Teilen der Welt fast Realität ist

Der Report der Magd - Helga Pfetsch, Margaret Atwood

Diese dystopische Welt der Margret Atwood ist teilweise sehr schwere Kost. Der im Roman dargestellte totalitäre theokratische Überwachungsstaat Gilead im Norden Amerikas hat alle Frauen komplett entrechtet und mit ihnen auch einige Männer.

Die gesamte Gruppe der Frauen ist in mehrere Schichten segregiert, die gemäß der gesellschaftlichen Regeln ordentlich gegeneinander ausgespielt werden: Eine doch relativ privilegierte Schicht der alternden Ehefrauen der wichtigen Kommandanten, die sich mit Luxusgütern vom Schwarzmarkt ablenken, die Jungen weiblichen Arbeitssklaven, die Hausarbeiten erledigen und die Dienerinnen, quasi die Fickfetzen, deren einziger Zweck es ist, den alternden wichtigen Kommandanten Kinder zu schenken. Weiters noch die Frauen der armen Bevölkerungsschicht, die entrechtet alle drei Aufgaben (Küche, Bett, eheliche Repräsentation) erledigen müssen und außerhalb der Gesellschaft gibt es noch sterilisierte Prostituierte im Untergrund und ältere Frauen werden als Zwangsarbeiterin zur Beiseitigung von radioaktivem Giftmüll beziehungsweise in der Landwirtschaft eingesetzt. Eingebettet ist dies alles in ein irres theologisches Konstrukt, einem Staat der zur Bespitzelung aufruft und somit die Bevölkerung zum Exzess treibt und ganz krude moralische Lebens- bzw. Bekleidungsvorschriften entwickelt hat. Zum Beispiel ist alles, das nicht direkt die Empfängnis fördert,  für die Sex-Dienerinnen verboten, das fängt sogar bei der Körperhygiene an. Die jungen empfängnisbereiten Frauen werden sommers wie winters in rote Kutten und weiße Flügelhüte gesteckt, damit sie immobil sind und auch von der Umgebung nichts sehen können. Auf der Straße dürfen sie sich nur kurz und nicht alleine bewegen, im Prinzip sind sie auf ihre biologische Funktion des Gebärens reduziert und völlig entmenschlicht. Dies wird auch noch durch Religion grausam unterstützt und institutionalisiert. Alleine die Szene im Schlafzimmer zu dritt im Bett mit der Ehefrau und dem Kommanden ist widerlich, gruselig und grausam mit dem theologischen Begleitbrimborium regelrecht grotesk.

Nach und nach enthüllt uns auch die Autorin glaubwürdig, wie es zu einer derartigen dystopischen Zukunft kommen konnte. Ein Putsch von Religionsfanatikern setzte zuerst alle Gesetze außer Kraft. Da alle Barvermögen nur noch virtuell vorhanden waren, konnten die Frauen sehr schnell ihrer ökonomischen Selbständigkeit beraubt werden. Ihre Vermögen wurden zuerst auf die Ehemänner übertragen, die sich vorerst gerne korrumpieren ließen und sich zunächst in der Rolle des allmächtigen Totalversorgers nur allzusehr gefielen. Nach und nach wurden dann die einzelnen weiblichen Bevölkerungsschichten Zug um Zug entrechtet. Zuerst nur die jungen ledigen Frauen dann jene, die bereits ihre zweite Ehe eingegangen waren und erst nach und nach die anderen Gruppen. Getreu dem Motto:

"Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte."

wurde die weibliche Bevölkerung ausgetrickst. Vereinzelt auftretende Demonstationen wurden mit einer Spezialpolizei beinhart niedergemetzelt, und so kristallisiert sich in Rückblenden der Weg zur dystopischen Welt heraus.    

Wer in diesem Roman die Parallelen zu George Orwell findet, mag bezüglich Überwachungsstaat Recht haben, ich kann aber dieses Werk als Hauptquelle der Inspiration so gar nicht ganz nachvollziehen, zu sehr unterscheidet sich die Fiktion von Orwell von Atwoods Gedankenwelt. Viel mehr glaube ich, hat sich die Autorin wahrscheinlich von realen Ereignissen und den radikalen Umbrüchen im theokratischen Staat Iran in der 70er Jahren inspirieren lassen. Wer diese Welt nämlich nur als Dystopie sieht, verschließt leider die Augen davor, dass 90% der geschilderten Welt 1979 im Iran und eigentlich schon immer schleichend in Saudi Arabien aber auch bei den Taliban passieren:
Zum Beispiel: Die weibliche saudische Oberschicht, völlig eingespert, als einzige Daseinsberechtigung zum Lebenszweck der Reproduktion geduldet, zwangsverheiratet, in Unbildung und Untätigkeit gehalten und ihre völlige emotionale Leere Luxusartikel shoppend und ihr filipinisches und anderes ausländisch-muslimisches komplett entrechtets Hauspersonal quälend, ertragend. Die Männer, die bei jeglicher Vergewaltigung das Opfer bestrafen dürfen und ohne irgendwelche Grenzen auch Gewalt über Leben und Tod in ihrer Familie und in ihrem Haushalt ausüben können.. Lediglich die Farbe des Ganzkörperkondoms variiert. In Saudi Arabien ist es schwarz, bei den Taliban blau und in der Dystopie der Margret Atwood rot.

Übrigens sehe nicht nur ich dies so, sondern auch die New York Times verglich grad letzte Woche ganz aktuell Saudi Arabien mit der Atwood Dystopie. Artikel hier

Da gruselt es mich ob der prophetischen Wirkung dieses Werkes und eigentlich der genauen Bechreibung der Realität, wenn man sich denn wirklich auf den Vergleich einlassen will und nicht immer verdrängt, dass diese Welt weit weit weg ist bzw. utopisch sein möge.

Fazit: Harte Kost, teilweise schwer zu ertragen, aber sehr lesenswert.

Habsburgischer Ehepoker

Maria Theresias Kinder - Hanne Egghardt

Maria Theresias Geburtstag jährt sich heuer zum dreihundersten Mal. Anlässlich dieses Jubiläums beschäftigen sich zahlreiche Dokumentationen z.B. auf 3Sat und Bücher wie dieses mit der interessanten Grande Dame der österreichischen bzw. europäischen Geschichte.

Als Österreicherin habe ich mich natürlich im Geschichtsunterricht sehr ausführlich mit der ganzen Familie beschäftigen müssen, ich bin mir aber nicht sicher, ob die Biografie und die geschichtliche Bedeutung der Dynastie der Habsburger auch in Deutschland so ausführlich thematisiert wurde, wie bei uns.

Dieses Buch analysiert detailliert treu des Mottos Maria Theresias „Tu felix Austria nube“ (Du glückliches Österreich heirate) das "Rohmaterial" der Regentin  - im wahrsten Sinne des Wortes - nämlich ihre Kinder, die anstatt Kriege zu führen, in ganz Europa zwecks politischer Bündnisse und Friedensstiftung - oftmals auch gegen den Willen des Heiratskandidaten - regelrecht verschachert wurden. Sechzehn Kinder hatte die Regentin, die ihren Mann zum Kaiser krönen ließ, obwohl sie ja die eigentliche Kaiserin war, als Unterpfand ihrer politischen Ränkespiele zur Verfügung, elf davon überlebten die Kindheit.

Sehr detailliert mit vielen kaum bekannten Quellen beschreibt die Autorin zuerst kurz die Biografie von Maria Theresia und anschließend den Lebenslauf eines jeden einzelnen Kindes. Obwohl ich schon sehr viel wusste, wurden mir dennoch sehr viele Neuigkeiten vermittelt, die mir in der Schulzeit nicht dargelegt wurden (wen wunderts ;-).

Da wäre beispielsweise die erste Gattin des späteren Kaisers Joseph II, Isabella von Parma, die Joseph innig liebte, die jedoch dem weiblichen Geschlecht und vor allem auch Josefs Schwester mehr als zugetan war. Ganz Wien zerriss sich über die Lesbe das Maul, nur der angetraute Gatte Josef bekam oder wollte anscheinend nix mitbekommen. Auch mit ein paar anderen Mythen über den angeblichen Reformkaiser der Aufklärung, räumt dieses Sachbuch auf. Josef war planlos und unausgegoren in seinen Konzepten und Reformvorhaben. Alle Visionen wurden erst von seinem Bruder und anschließendem Kaiser Leopold nach dem Tode Josefs innerhalb kürzester Zeit auf den Boden der Tatsachen gebracht und erfolgreich umgesetzt. Vor allem das positive Bild des in Österreich sehr verehrten Josefs hat mir die Autorin nachhaltig zertrümmert. Ich wusste zwar bereits, dass er sich Marie Antoinette gegenüber schäbig verhalten hatte, und es unterließ, sie zu retten, da er den revolutionären Ideen der Franzosen anhing, aber dass er sich gegenüber allen Geschwistern als Erstgeborener mit allen Privilegien aus Narzissmus und Eifersucht gleichermaßen schäbig verhalten hat, war mir völlig unbekannt. Wann immer eines seiner Geschwister im Rampenlicht stand, startete Josef eine Vernichtungsintrige. Seine Sünden reichten vom Klau von kleinen Erbschaften zur Existenzsicherung der Geschwister – er hatte ohnehin als Haupterbe fast alles vom Kuchen abbekommen – bis zur Verweigerung der Aufnahme seiner Geschwister, die als Flüchtlinge vor Napoleon in Österreich um Asyl ansuchten. Viele durften das Land nicht betreten, denn offensichtlich hatte er Angst, dass ihm die Show gestohlen wird.

"Der kleine Josef wurde von den Eltern und vom Kammerpersonal regelrecht hofiert und verwöhnt. Glücklich machte ihn das nicht. Sobald er sprechen konnte, wurde "I mog ned" zu seinem Lieblingssatz."

So geht es weiter in grandiosen Enthüllungen ausführlichst Kind für Kind, lediglich über die Enkelin von Maria Karolina, die Frau von Napoleon, hätte ich als wichtige historische Persönlichkeit noch gerne ein bisschen mehr gelesen.

So großartig der Inhalt dieses Sachbuchs zu verzeichnen ist, so katastrophal ist der strukturelle Aufbau des Werkes. Da jeder Lebenslauf von Maria Theresias Kindern solitär konzipiert wurde, strotzt das Sachbuch nur so von völlig entbehrlichen Redundanzen. Der Gemahl Maria Theresias ist gefühlte 17 Mal gestorben (obwohl die Anzahl natürlich Blödsinn ist, da ein paar Kinder nicht lange überlebt haben) und auch andere Ereignisse werden immer wiedergekäut. Aber nicht nur die Redundanzen stören sehr, sondern auch der korrekte historische zeitliche Ablauf bzw. die zeitliche Einordnung gehen dem Leser komplett verloren, da bei jedem Kind mit der Geburt die Geschichte von vorne begonnen wird. Ich habe zwar keine Ahnung, wie man dieses Problem hätte besser lösen können, denn das Buch lebt davon, die Kinder Maria Theresias einmal einzeln und intensiver zu betrachten und gerät damit natürlich in einen Zielkonflikt mit einem korrekten biografischen Ablauf, in dem alle Kinder auf einmal und ihre Lebensereignisse entlang einer korrekten Zeitschiene aufgebaut sind.

Fazit: Inhaltlich wundervoll, über die strukturellen Schwächen muss man hinwegkommen. Alle, denen die konkrete zeitliche Einordnung der Ereignisse nicht so wichtig erscheint, werden eine helle Freude an diesem Sachbuch haben. Die Geschichte, die Gschichtln und Anekdoten eignen sich sowohl für Neulinge, die die Habsburger näher kennenlernen möchten, als auch für Kenner der Materie.

meist sinnloses Geschwurbel

Der Tod in Venedig und andere Erzählungen - Thomas Mann

Jetzt gleich mal ein Fazit: Thomas Mann und seine Kurzgeschichten sind meiner Meinung nach total überbewertet. Die Germanisten unter Euch mögen mich hinrichten, aber dieses nutzlose verkrampfte geistige Gehirnwichsen ergibt einfach keinen Sinn. Eines muss man dem Autor lassen: Er kann Schachtelsätze, aber das ist auch schon alles. Ausführliche Details ob dieses Trauerspiels in den Einzelbeurteilungen.


1. Tod in Venedig 2,5 Sterne
Der Beginn ist ein unnötiges verkrampftes nichtssagendes Geschwurbel über Kunst (genaue Beschreibung der Schwurbelei bei Tristan). Als sich der Hauptprotagonist Aschenbach nach Venedig aufmacht, wird die Geschichte zwar mit pädophilen homosexuellen Zügen behaftet aber recht erträglich.

2. Tristan 2,5 Sterne
Auch hier läßt es sich der Autor nicht nehmen, über Musik zu schwurbeln. Der Mann'sche Stil um es Euch zu beschreiben, ist so wie bei den Leutchen, die zwar selber keine Künstler sind, sich aber bei den sehr progressiven Kulturfestivals in der Foldertextbeschreibung einen auf pseudo-intellektuell  abonanieren, indem sie versuchen, präpotent mit der Sprache die Kunst nachzustellen, ohne natürlich auch wirklich mit der Sprache umgehen zu können. Eine Aneinanderreihung von wertlosen Fremdwörtern, Wortschöpfungen und Metaphern, die einfach keinen Sinn ergeben, nicht wissend, dass man manche Kunst einfach erleben und nur die Rahmenbedingungen wie Stil Hintergrund etc. beschreiben sollte. Nachdem man die Beschreibung des Theaterstücks, Musikstücks... gelesen hat, hat man gar keine Ahnung was einen erwartet oder was die Scheisse soll.
Nachdem man sich als Leser durch dieses unsägliche nutzlose Elaborat durchgewühlt hat, kommt wieder etwas Plot und Figurenentwicklung und die Geschichte wird recht erträglich.

3. Die vertauschten Köpfe 0-1 Stern (0 kann man ja in Goodreads gar nicht geben weil dies nicht beurteilt bedeutet)
Das ist wirklich der Gipfel an schlechter Literatur. Auf 100 Seiten nur 1 Szene, die es wert ist, erzählt zu werden. Die vertauschten Köpfe sind wieder mal nutzloses Geschwafel in Form eines indischen Märchens über eine Dreicksgeschichte zwischen zwei Freunden und einer Frau, da tun sich literarische Abgründe auf, die man sich gar ned vorstellen möchte - dagegen ist Tod in Venedig ein mittelmäßiger Lercherlschas ;-).
Meine Empfehlung im Originalton an die Protagonisten, die es verdient haben, alle zu sterben, aber ihre Entleibung einfach zu langsam durchgezogen und mich dadurch leider mit ihrem nutzlosen Dasein viel zu lange gequält haben. "Ja bringts Euch alle um, denn Ihr seids sogar zum ordentlichen hinterlistigen Ehebruch zu deppat und brauchts a Kopftausch Ausrede und extrem viel hirnloses Gelaber als Rechtfertigung für Eurer dreieckiges Swingerabenteuer :D unpackbar."

4. Gladus Dei 3,5 Sterne
Ok diese Story ist durchaus gelungen, aber in Anbetracht der Tatsache, dass dies eine Kurz-Kurzgeschichte von 10 Seiten ist, wäre diese schwerlich auch noch so zu vergeigen, wie die anderen.

5. Schwere Stunde 3 Sterne
Der Hauptprotagonist quält sich bei der Erstellung von literarischer Kunst in einem Schreibprozess einen ab. Nicht schlecht aber eben auch nur 10 Seiten. Eine Geschichte dieses Umfanges können auch Deutschmaturanten in einer Schularbeit.

6. Das Gesetz 3,5 Sterne
Das war die erste Geschichte, die mir im Ansatz ganz gut gefallen hat. Das Gesetz ist die Story von Moses: eine Perlenkette atemberaubender Inkompetenzen - gut angelehnt an die alten Überlieferungen aber aus anderer Sicht erzählt.

Fazit: Wenn ich alles zusammenzähle, kommen 2,5 Sterne raus. Weil es aber der Thomas Mann ist, kriegt er ob seines Namens einen Promibonus, und ich runde sehr gnädig auf.

Ach ja so wie Thomas Mann ständig in seinen Geschichten herumlaviert, möchte ich meine Gefühle bezüglich dieser Lektüre mit dem Zitat von Christian Tramitz aus dem Schuh des Manitu ausdrücken: "Ich bin mit der Gesamtsituation unzufrieden. [...] ständiges sinnloses herumschleichen und dauernd am Marterpfahl."

Mord auf Steirisch

Steirerpakt: Sandra Mohrs siebter Fall (Kriminalromane im GMEINER-Verlag) - Claudia Rossbacher

In Anbetracht der Tatsache, dass die steirischen Krimis von Claudia Rossbacher mit der Ermittlerin Sandra Mohr unter dem Label Landkrimis (Trailer hier) nun alle nach und nach verfilmt werden sollen, habe ich mir ihren neuesten Roman wieder genauer angeschaut.

Der Beginn war schon mal ganz nach meinem Geschmack - sehr skurril: So ähnlich wie beim Wolf Haas sitzt auf dem alten Präbichl-Sessellift ein Toter, der zudem auch noch semifachmännisch seines Skrotums beraubt wurde.

Sowohl die steirische Region inklusive Wetterkapriolen und das soziale Gefüge der eingeborenen, etwas sonderbaren Bergbevölkerung als auch aktuelle Tourismusprobleme, wie die Einstellung des alten Sesselliftes inklusive Unterstützergruppe auf Facebook und teilweise an Korruption grenzende Verflechtung der Lift-Betreiber mit der Lokalpolitik, werden erstens gut dargestellt und zweitens von der Autorin perfekt in die Dramaturgie des Krimis eingewoben.

Die aus dem Landeskriminalamt der Hauptstadt Graz stammenden Ermittler Sandra Mohr und Sascha Bergmann haben alle Hände voll damit zu tun, überhaupt irgendwas Substantielles aus der Dorfgemeinschaft herauszubekommen, was zu Anfang des Romans ein wundervolles Spannungsfeld erzeugt. Nachdem der Tote endlich als ein vor Jahrzehnten nach Kanada ausgewanderter Sohn des Ortes identifiziert wird, passiert leider gar nix. Alle, inklusive der Gerichtsmediziner des LKA, der sich auch als ehemaliger Dorfbewohner entpuppt, mauern derart, dass über weite Strecken der Geschichte nicht das kleinste Fitzelchen eines Hinweises weder bei den Ermittlern noch beim Leser ankommt. So komplett ganz ohne Spuren mag der Plot einer realistischen Polizeiarbeit in einer derartigen Umgebung zwar sehr nahekommen, aber mein lustiges Mörderraten wurde mir somit völlig vergällt. Hey, das ist ein Roman, ich hätte gerne hier mehr Fiktion, mehr Spuren und mehr Tempo, denn Realität genossen. Am Ende, als endlich einer die Mauer des Schweigens durchbricht, ging es mir dann gar zu schnell mit der Auflösung des Falles.

Für die Damen in dieser Runde, die bei Krimis von weiblichen Autoren etwas Romantikfaktor erwarten, ist auch ein klitzekleines bisschen gesorgt. Sandra Mohr ist wieder Single, flirtet, macht sich beziehungstechnische Gedanken über ihren Chef und hängt auch noch ein bisschen im Tränenerstickungsmodus ihrem Ex-Freund nach. Bei mir rollen sich ob des Wortes romantisch und dieser Gefühlsduselei zwar gleich die Zehennägel auf, aber was soll's, das weibliche Zielpublikum erwartet anscheinend immer ein paar schmalztriefende Szenen und hat anscheinend nie ein Problem mit der Ambivalenz der Figuren:  beinharte(r) Politzist(in) – vs. romantisches Sensibelchen. Gar so schlimm wie in vielen anderen Romanen war dann diesmal die Diskrepanz auch nicht, insofern konnte ich es gerade noch ertragen. :-)

Fazit:Guter regionaler Krimi - aber kein sehr guter - mit Stärken in der Beschreibung von Land und Leuten. Eben nicht schlecht für die Landkrimi-Reihe, wenn man beim Plot und der Äktschn* noch a bissal auf das Gas drückt.

*frei nach der steirischen Eiche Arnold Schwarzenegger … Action auf Steirisch

Nebbich

Der gefrorene Rabbi - Steve Stern, Friedrich Mader

Dieser Roman hat eigentlich alle Ingredienzien, die mich zu Begeisterung hinreissen könnten.

Jiddische Geschichte einer Familie quer durch die Jahrhunderte ganz so wie ich es mag, in Rückblenden a bissal polnisches Ghetto, a bissal Shoa, a bissal Auswanderung nach USA, a bissal kabbalistische Mystik versus gottloses kapitalistisches amerikanisches Judentum, a bissal Israel, Terrorismus (sorry Freiheitskampf) bei Staatengründung und Kibbutz - über mehrere Generationen verteilt. Jiddische Witze meist sexuell anzüglich bis fast schon unverschämt dreckig, ausschweifend erzählt mit Anekdöteln gespickt,  jüdisches Leiden in jeder Situation und eingeflochtene jiddische Sprach. Dazu noch ein Familienfluch und das Versprechen einer skurrilen Familiengeschichte.

Leider waren diese wundervollen Komponenten für mich im völlig falschen Mischungsverhältnis vorhanden. Die Story zog sich permanent und zäh wie Strudelteig und ich habe lange gerätselt, was mich tatsächlich so derart gestört hat bei einer für mich so perfekten Ausgangessituation: Es war  der Skurillitätszwang, den sich der Autor bei der Erzählung der jiddischen Familiengeschichte selbst auferlegt hat, der mich derart nervte. Sobald irgendwas in der Familienchronik einen Hauch von (spiessiger) Normalität versprühte, wie beispielsweise eine klassische Liebesgeschichte mit Hochzeit, normalen Kindern mit normalen Problemen und relativ normaler glücklicher Ehe wurde vom Autor sofort weggeblendet, ein paar Jahre übersprungen und das nächste Kuriosum erzählt. Somit ergab sich keine normale Familiengeschichte, sondern lediglich eine Aneinanderreihung im Kuriositätenkabinett. Ich fand den Autor einfach zu bemüht und angestrengt, sich bei all den Generationen nur die Skurillitäten herauszupicken, die mehr oder weniger doch jede Familie hat. Kuriositäten sollten wie Gewaltsszenen in einem Roman wohldosiert, in den Plot eingewebt und teilweise überraschend eingesetzt werden, sonst stumpft der Leser einfach ab und langweilt sich nur.

In die andere Richtung bin ich natürlich auch geneigt, Romane mit totalem fiktionalen Wahnwitz, der sich bei schwarzhumorigen Irrsinnspunkten ganz vorne einreiht, sehr zu schätzen zu wissen. In dem Fall war aber dann die Story eigentlich wieder viel zu normal, um in diese Kategorie zu fallen. So pendelte für mich das Werk permanent auf der Kippe zwischen Fisch und Fleisch (im Jiddischen selbstverständlich zwischen Fleisch und Milchprodukten herum). Was ich durch diese Erkenntnis aber gewonnen habe ist, dass ich verstehe, das dieses Buch sehr polarisierend rezensiert wurde, und dass es die einen lieben und die anderen hassen. Für mich war es gleichzeitig zu wenig und zuviel Skurrilität und deshalb bleibt meine Bewertung genauso wie die Geschichte auf dem Grad auf der mediokren Mittellinie.

Fazit: Nebbich mit guten Ansätzen hätte 2 komplett unterschiedliche gute Romane ergeben können.

Fremdsein

Lauter Fremde!: Wie der gesellschaftliche Zusammenhalt zerbricht - Livia Klingl

Die ersten 30 Seiten, die der Feder der Autorin entstammen, sind wirklich schwer zu ertragen, denn Livia Klingl geriert sich mit der Lanze der moralischen Rechtschaffenheit bewaffnet, auf die strohdumme männliche unmenschliche Landbevölkerung herabzublicken, nein noch schlimmer sie zu verunglimpfen.

„Verkannt werden die tektonischen Linien entlang derer die Gesellschaft auseinanderbricht. Sie tut es nicht an der Linie Alteingesessene versus neu Hinzugekommene sondern eher entlang der städtischen und der ruralen Bevölkerung, zwischen jungen wenig gebildeten Männern und gebildeteren Frauen, zwischen weltoffenen Menschen und Abschottungswilligen, zwischen Humanisten und Egoisten, Menschenfreunden und Fremdenfeinden.“

Dieses eine Beispiel von mehreren muss man sich wirklich mal auf der Zunge zergehen lassen, da wird einerseits larmoyant in einem Satz der Zusammenbruch des gesellschaftlichen Zusammenhalts beklagt und gleichzeitig der alleinige Schuldige identifiziert und gebasht, der männliche rurale dumme Höhlenmensch.

Dass diese Sicht der Dinge, sofern man tatsächlich an der Lösung der Probleme interessiert ist, genauso wenig zielführend wie rechte Hetze ist, versteht sich für einen denkenden und ausgewogen formulierenden Journalisten, der ausnahmsweise gerade bei diesem Thema von billiger Polemik die Finger lassen sollte, von selbst, vorausgesetzt es ist nicht das einzige Ziel, sich selbst moralisch zu überhöhen und zu beweihräuchern. So eine tendenziöse, schlecht recherchierte Auslegung mag bei einem Kaffee in kleiner Runde mit Gleichgesinnten, durchaus noch diskutabel sein, denn weniger gebildete Menschen sind mitunter möglicherweise tatsächlich in jede Richtung leichter beeinflussbar, es ist aber einer Journalistin, die ein Buch mit Öffentlichkeitswirksamkeit schreibt, absolut nicht würdig.

Vor allem weil diese Aussage auch noch von ihren Kausalitäten total falsch ist. Frau Klingl hätte sich mal weniger bei irgendwelchen Moralphilosophen aufhalten, sondern gleich einen Ausflug in die psychologische Wissenschaft machen sollen. Im Eugene Hartley-Experiment wurde empirisch bewiesen, dass bei der Bewertung von Menschen die Informationslage eine wesentliche Rolle in der Entstehung von Vorurteilen spielt und dies quer durch alle Klassen, sozialen Schichten, Hautfarben, religiösen Ausrichtungen, ethischen Erziehungen etc. Fazit dieses Experiments war: Je weniger wir über einen Sachverhalt oder eine Person wissen, desto kritischer stehen wir den unbekannten Inhalten oder Personen gegenüber. Dies bedeutet, dass die urbanen gut gebildeten Städter lediglich aufgrund ihrer Infrastruktur und der Gelegenheit, reale Erfahrungen in ihrem sozialen Umfeld mit Flüchtlingen zu sammeln, eine bessere Meinung von ihnen haben. Dies erklärt auch, dass jene am meisten Angst und Vorurteile haben, die noch nie einen Flüchtling gesehen haben. Die moralische Überlegenheit der Menschenfreunde, ist also nur in der Gelegenheit begründet, Flüchtlinge kennenzulernen, etwas Fremdes vorerst abzulehnen, ist nur zutiefst menschlich, in allen sozialen Gruppen. Was bedeutet dies aber für die Landbevölkerung?

Ich möchte mal die aktuelle Situation mit einer Flüchtlingsintegrationswelle, die ich selbst erlebt habe und die sowohl zahlenmäßig ähnlich als auch weitaus erfolgreicher absolviert wurde, vergleichen. Ab 1991 haben wir in Österreich ohne viele Reibungsverluste sehr viele Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien aufgenommen. Was war damals anders?

    Die Flüchtlinge waren nicht gar so fremd, da schon viele Österreicher Erfahrungen mit Jugoslawen im Urlaub gemacht haben. Deshalb plädieren auch sehr viele anerkannte Migrationsexperten dafür, Flüchtlinge in Nachbarländern zu integrieren und dafür Gelder locker zu machen. Es ist schlicht und ergreifend einfacher.
    Die Kampagne damals lautete „Nachbar in Not“. Diese Formulierung nahm auch viel von der Fremdheit.
    Es gab tatsächlich damals auf dem Land eine bessere Flüchtlingsinfrastruktur, da die katholische Kirche sehr viele im Sinne der Nachbarschaft in die Klöster, Pfarrhäuser und Pfarrgemeinden geholt hat. Diesmal fühlt sich die Kirche durch die Muslime oft nicht zuständig und auch nicht mehr im Stande, da in den letzten Jahren viele Klöster zu Luxus-Management- oder Fastenunterkünften umgewandelt wurden.

Was kann man daraus lernen?  Man muss die Landbevölkerung schon dort abholen, wo sie sich befindet. Und ich meine nun nicht emotional in ihrer Xenophobie und ihren Ressentiments, sondern am Ort an dem sie sich befinden, um sie mit Flüchtlingen in ihrem vertrauten Umfeld bekannt zu machen. In den Landdörfern gibt es eben keine Caritas und kein Rotes-Kreuz oder sonstige zivilgesellschaftliche Initiativen, sondern nur die Kirche, die Feuerwehr und die Bürgermeister, die aktiv etwas dafür tun könnten. In Landgemeinden, in denen sich die Bürgermeister aktiv um Integration kümmern, funktioniert es ja sogar teilweise ausgezeichnet. Es funktioniert ja sogar in Traiskirchen besser als in einigen Gemeinden des Waldviertels. Sowas ähnliches hätte Frau Klingl schreiben sollen, anstatt die männliche Landbevölkerung zu verteufeln, aber da mache ich ja grad ihre Arbeit.

„Ähnlich unsachlich wie die Kopftuchdebatte verläuft jene, über die Gesichtsverschleierung der Frau beginnend mit dem Umstand, dass Burka genannt wird, was ein Niqab ist.“

Ui ist das putzig, wenn man anderen Unsachlichkeit vorwirft und selbst überhaupt nicht unterscheiden will, dass es früher mehrere Möglichkeiten gab, als Muslima ein Kopftuch zu tragen, und man heute fast nur noch die Art des politischen Kopftuchs sieht, das jener der Wahabiten (Saudis) entspricht, und das wirklich sehr stark zugenommen hat. Alle jene Arten, bei denen man ein Fitzelchen von den Haaren sah, wurden in den letzten 20 Jahren massiv in der muslimischen Welt zurückgedrängt. Auch hier wird von der Autorin nicht auf die prinzipielle faire Diskussionsmöglichkeit der Abschaffung von allen religiösen Symbolen in der österreichischen Öffentlichkeit und im öffentlichen Dienst verwiesen, sondern das „Kopftuch" ist laut Frau Klingl auf jeden Fall von den Frauen freiwillig getragen, und sakrosankt - wer hier wagt, etwas anders zu behaupten, steht eh schon wieder im Eckerl der so verachteten Rechten oder der ängstlichen Dummköpfe. Ach ja und das Kopftuch ist laut ihrer Meinung ein Ausdruck von Tradition und nicht von Religion. Ich weiss nicht, ob sie in den 70er Jahren mal nach Ägypten, in den Iran oder nach Afghanistan geschaut hat - da gab es teilweise gar keine Kopftücher. So weit zur Tradition früherer Zeiten.

Man kann dann richtig froh sein, dass ab Seite 50 nur mehr andere Personen durch Interviews zu Wort kommen, um sich als Österreicher mit Migrationshintergrund aber auch als Vorarlbergerin mit Oberösterreichhintergrund mit der eigenen Identität des Fremd-Seins auseinanderzusetzen. Hier wird das Buch richtig gut, sehr durchdacht meist sehr persönlich wertschätzend, um auf die Integrationsprobleme von vielen Menschen aufmerksam zu machen. Diese wohltuende Entwicklung ist aber den großartigen Interviewpartnern und nicht der Autorin zu verdanken.

Leider kommt selbstverständlich die im Vorwort so gebashte Bevölkerungsgruppe der ruralen schlechter gebildeten Männer in den Interviews wieder nicht zu Wort. Und ich rede da nicht von rechten Hetzern, denen man keine Plattform geben darf, aber von Männern, die durchaus selbstkritisch und reflektiert ihre Ängste artikulieren können, denn auch die gibt es genauso zuhauf, wie nicht alle muslimischen Männer potenzielle Vergewaltiger sind. Leider ist die Frau Klingl da mal wieder nicht von ihrem hohen Ross der moralischen Überlegenheit heruntergestiegen und hat, wie sie es der Landbevölkerung bezüglich der Flüchtlinge oktruiert, ihren Allerwertesten aus Wien herausbewegt um sich ins Fremde zu begeben und die Landbevölkerung mit Ihren Infrastrukturproblemen und Ängsten kennenzulernen. Tja ändern müssen sich dann immer die anderen - gell? Und das Hartley-Experiment hat auch ihr Verhalten bestätigt.

Fazit: Für wen soll das Buch überhaupt sein? Eine moralische Stütze für die moralisch überlegenen Menschenfreunde? Die sind eh schon überzeugt. Rechten Hetzern, die schon komplett in die Szene hineingekippt sind, ist nur mit breiter gesellschaftlicher Ächtung beizukommen, die sind für diese Informationen auch verloren. Also sollte sich das Sachbuch doch tatsächlich an die Ängstlichen wenden. Die hat Frau Klingl aber schon bereits ab Seite 20 das erste Mal zum dummen Sündenbock abgestempelt. Die werden hier sicher nicht mehr weiterlesen, denn so blöd, wie sie glaubt, sind sie dann auch nicht.
Das ist sehr kontraproduktiv und bedauerlich, denn die Interviewpartner mit Migrationshintergrund in diesem Buch kennenzulernen, würde möglicherweise wirklich einiges von der Angst nehmen.

Zu meiner Person, damit hier keine Missverständnisse auftreten, ich könnte mich irgendwie auf den Schlips getreten fühlen und deshalb so argumentieren:

     Ich habe großväterlicherseits keine Migrations- sondern sogar eine Flüchtlingsbiografie, aber das ist schon 102 Jahre her.
    Wenn Du mich in eine Gruppe Syrer stellst, kannst Du mich optisch nicht leicht rausfinden
    Ich bin sehr gut gebildet und weiblich, mein Mann ist auch Akademiker
    Ich wohne so richtig am tiefsten Land und weiß, wovon ich spreche, meine Freunde sind zwar nahezu alle gut ausgebildet, aber ich bin natürlich alltäglich, wenn ich nur 10 Meter rausgehe, mit dieser „pösen männlichen Landbevölkerung“ konfrontiert.
    Ich bin Österreicherin, Feministin, Links und selbstverständlich sehr gerne Teil der Zivilgesellschaft. Ich stehe dafür, dass wir die Pflicht haben, die Flüchtlinge zu versorgen. Ich stehe dafür, ängstlichen schlecht gebildeten Menschen auf dem Land, die nicht hetzen, ihre Angst zu nehmen und sie zu überzeugen, anstatt sie zu diffamieren und zu verspotten.

Geschwätziges, viel zu langes Elaborat, das sich auf Petitessen konzentriert

Die Korrekturen - Jonathan Franzen, Bettina Abarbanell

Ich war schon ewig lange nicht mehr soweit, ein Buch fast abzubrechen wie dieses, weil es mich gar so geärgert hat. Ein Werk mit derart viel Potenzial verkommt ab der Hälfte nur noch zu einem geschwätzigen Stückerl Papier ohne Substanz, Entwicklung und Aussage.

Ja Franzen kann tatsächlich ein bisschen gut formulieren, aber das ist meiner Meinung nach schon alles, was er mit diesem Roman positiv - letztendlich wenn man es gesamt betrachtet - in die Waagschale werfen kann. Dabei beginnt die Geschichte sogar extrem ambitioniert: Eine Familie, mehrere vordergründige Dramen ein paar ernsthafte Probleme, wie die Demenz des Familienoberhauptes, unter der Oberfläche brodelnde Beziehungs-Konflikte und Personen mit sehr fiesen Tendenzen, lassen die Story bis ca. Seite 400 sehr vielversprechend wirken. Das wäre nun kein Drama, wenn sich das Finale in den letzen 100-200 Seiten auflösen würde, aber bei Seite 400 sind wir leider erst in der Mitte dieser Lesefolter angelangt.

Also Franzen hat uns die Familie Lambert aufgestellt und die fiesen Winkel der Persönlichkeiten vor uns ausgebreitet.... und dann passiert zumindest mit den Figuren und dem Plot fast gar nichts mehr. Der Autor drückt sich davor, dem Leser zu erklären, warum er die Beziehungsgeflechte so konzipiert hat. Die Figuren werden auf 400 Seiten fast gar nicht mehr entwickelt, bis auf das letzte Kapitel, aber da hatte ich als Leserin die Schnauze schon so voll von dieser Papierverschwendung und Leserverarsche, dass es nicht mehr ins Gewicht fiel.

Der Antrieb der fiesesten Haupt-Figuren der Famile wie beispielsweise jener von Caroline oder auch die Gründe für Denises Verhalten bleiben für immer im Dunkeln, auf die wartet der Leser vergeblich. Stattdessen werden mit erzähltechnischen Schnörkeln und Verzettelungen, Motive und Lebensgeschichten von für die Geschichte völlig irrelevanten Personen wie zum Beispiel die Zufallsbekanntschaft am Kreuzfahrts- Restauranttisch, oder die gesamte Abteilung von Denises erstem Ferialpraktikum ausgebreitet.
Wenn mir jetzt jemand mit den Worten Karaseks kommt "Aber der Subplot ist grandios", dann muss ich leider darauf verweisen, dass ein grottenschlechter Plot nicht mit einem Subplot kompensiert werden kann. Mammamia es ist der eigentliche Job des Autors, eine konsistente spannende Geschichte zu erzählen und die Hintergründe und Motivationen der "Handelnden Figuren" zu erleuchten und nicht jene von Humsti und Bumsti, die uns zufällig über den Weg rennen. Manchmal kann man wirklich meinen, der Autor hätte ab der Mitte, die Lust an den eigentlichen Figuren verloren.  

Was ist eigentlich mit den Kritikern los, die diesen Roman als grandios bezeichnet haben. Manchmal kommt mir vor, die lesen so viel und sind so konzentriert auf Kritik, dass sie sich nur noch für die Schnörkel am Rande interessieren und dabei die zentrale Geschichte komplett aus den Augen und aus ihrem Fokus verlieren. Um es mit den Essensmethaphern aus dem Denise Kapitel zu untermauern, das war so wie in den Zeiten von Boccuse oder heute bei Adrian Ferreira in der Küche, in der das Essen und der Geschmack die Bedeutung verlieren, weil man sich nur auf Chichi-Mini Anrichtung (Boccuse) oder unerwartete Textur mittels Chemie (Ferreira) konzentriert. Die eigentliche Dienstleistung wird so auf Randaspekte reduziert und dekonstruiert, dass sie keine ursprüngliche Dienstleistung mehr ist. Der Roman ist kein Roman, keine Geschichte mehr und das Essen kein Essen, sondern nur mehr Chemie.

Und dieser Plot ab der Kreuzfahrt ist zäh wie Sirup und zieht sich wie amerikanischer Kaugummi. Muss man über Denise wirklich seitengreifend und raumfüllend ihre ganzen Sexualerfahrungen der Jugend ausbreiten, ohne irgendeinen eigentlichen Konflikt in Beziehungen z.B. mit den Eltern oder den Brüdern zu beleuchten? Und was soll dieses komplett unnötige laange Kapitel in Litauen? Wir lernen einen relativ unwichtigen Arbeitgeber von Chip genauer kennen als Chip himself.

Ja so ist dieser Roman von Franzen, der Autor hat sich wirklich erfolgreich davor gedrückt, seine eigentliche Geschichte seinen Roman zu Ende zu erzählen, indem er den Leser mit unwichtigen Details vollstopft. Ab der Szene mit dem Scheißhaufen (ja Ihr hört richtig - es gibt tatsächlich eine Unterhaltung mit einem Scheißhaufen in einer Demenzphase des Familienoberhauptes Alfred), war das Papier auf dem die Geschichte geschrieben steht, meiner Meinung nach nur mehr zum Wegwischen desselben zu gebrauchen.

Ich habe ja in letzter Zeit mehrere Romane gelesen, die auch nicht gerade gradios waren und sie dennoch wohlwollend von 2,5 auf 3 Sterne aufgerundet. Warum ich das hier ums Verrecken nicht tue, ist einfach erklärt: Diese unglaubliche Frechheit, mich mit 800 Seiten Schwachsinn bis ans Ende meiner Duldungsfähigkeit zu quälen, gehört abgestraft. Mich - mit wirklich großer Lese-Leidensfähigkeit gesegnet, die in ihrem Leben bisher weniger als 10 Bücher abgebrochen hat.

Book2movie - Der Film war besser als das Buch

Angeregt durch eine spannende Diskussion bei lovelybooks, dass sowas eher selten vorkommt, wollte ich mal meine eigene ganz persönliche Liste machen und bin draufgekommen, dass bei mir dieser Umstand doch recht häufig auftritt. Obwohl ich ja in diesem Fall kein Gradmesser bin, da ich als komplette Nicht-Cineastin sehr selten Filme anschaue und dann auch nur, wenn ich gehört habe, sie sind gut.  Daher ist meine Stichprobe tendenziös einfach zugunsten der Film.

 

Wie steht es denn bei Euch?

 

Hier nun meine unvollständige Liste "Der Film war definitv besser als das Buch".

 

Shutter Island - Dennis Lehane / Shutter Island - Martin Scorsese

Rebecca - Daphne du Maurier / Rebecca - Alfred Hitchcock

Dracula - Bram Stoker / Dracula 1992 - Francis Ford Coppola

The Heart of Darkness - Joseph Conrad / Apocalypse Now Francis Ford Coppola

Shining - Stephen King / Shining- Stanley Kubric

Das Schweigen der Lämmer - Richard Harris / Das Schweigen der Lämmer - Jonathan Demme

Die Welle - Morton Rhue / Die Welle 1981 - Alex Grasshoff

Paycheck - Kurzgeschichte Philip K. Dick / Paycheck - John Woo

Total Recall Kurzgeschichte Philip K. Dick / Total Recall 1981 - Paul Verhoefen

Sex and the City - Candance Bushnell / Sex and the City - die Serie von HBO

Der Herr der Ringe - J.R.R. Tolkien / Der Herr der Ringe - Peter Jackson (in diesem Fall nur in Teil 1)

 

Na wenn ich mir da die Regie-Kapazunder anschaue, die auf der Liste stehen, wundert mich gar nix mehr

Versuchskaninchen Mensch

Das merkwürdige Verhalten von Schimpansen in Kinderkleidung: und andere sozialpsychologische Experimente - Felicitas Auersperg

Felicitas Auerspergs populärwissenschaftliches Sachbuch beschreibt die wichtigsten sozialpsychologischen Experimente, ihre Entstehung, den wissenschaftlichen Background, die genaue Versuchsanordnung und den Alltagsnutzen, den die Ergebnisse der Forschung implizieren.

Na? Bei meiner Inhaltsbeschreibung bereits ins Koma gefallen, weil das Buch so langweilig ist? Oh wie irrt Ihr Euch und seid gewaltig auf dem Holzweg! :-)
Selten hat Psychologie derart viel Spaß gemacht, und ich habe gleichzeitig so nebenbei noch ein paar Sachen gelernt (dass es nicht ganz so viel war, liegt daran, dass ich in meinem Studium als Wahlfach Organisationspsychologie belegt habe).

Die beschriebenen Experimente sind unter anderem das weithin bekannten Milgram- und das Stanford Experiment, aber auch mir relativ unbekannte Versuchsanordnungen wie die titelgebende „Das merkwürdige Verhalten von Schimpansen in Kinderkleidung“, in der ein Wissenschaftler-Ehepaar beschloss, sein eigenes Kind zusammen mit einem Affen wie Geschwister aufwachsen zu lassen. Zuerst ging alles gut, solange die Entwicklung von Affe und Baby parallel verlief. Erst als der Affe in seinem Lernfortschritt auf Grund der Genetik hinter dem Sohn stark zurückfiel und dieser, anstatt die gelernte Sprache zu vertiefen, aus Altruismus nur noch genauso gut klettern lernen wollte wie sein Affenbruder, musste das Experiment erfolglos abgebrochen werden.

Auch die genaue Untersuchung menschlicher Phänomene wie kognitive Dissonanz, oder der Umstand, dass Menschen Personengruppen, mit denen sie noch nie in Interaktionen traten, mit einer signifikanten Tendenz negativ bewerten, sind aktueller denn je, wenn man die heutige Flüchtlingssituation und die daraus resultierenden Intoleranz-Probleme der ansässigen Bevölkerung bewertet. Die Leute müssten sich einfach nur persönlich kennenlernen. Das Harlowe-Experiment hat beispielsweise den früheren Behaviorismus in der Kindererziehung widerlegt, heute würde kaum noch ein vernünftiger Mensch ein Baby unentwegt schreien lassen, in der Generation unserer Eltern war diese Methode jedoch anerkannt – fast schon verpflichtend, um aus seinen Kindern keine Weicheier zu machen. Am spannendsten fand ich das Loftus-Experiment, das die Glaubwürdigkeit von Zeugenaussagen und unser Gedächtnis unter die Lupe nimmt und den Bystander-Effekt, warum und unter welchen Umständen genau viele Menschen in der Stadt wegschauen, wenn ein Verbrechen geschieht. So wird Psychologie zum reinen Vergnügen – mit extrem viel Praxisrelevanz.

    "In allen vier Experimenten zeigte sich, dass Menschen eher dazu geneigt sind zu helfen, wenn sie allein einen Notfall beobachten. Sobald sie sich in Gesellschaft befinden, teilen sie die Verantwortung und reagieren, insbesondere, wenn die anderen Augenzeugen unbekannt sind, langsamer oder gar nicht. Paradoxerweise bedeutet das, dass einem in Gefahr eher geholfen wird, wenn es nur wenige Beobachter gibt.“[…] Eine einfache, aber wirkungsvolle Strategie, um den Bystander-Effekt zu unterbrechen, ist, abwartende Zuschauer direkt anzusprechen und um Hilfe zu bitten. Damit erleichtern sie ihnen den kognitiven Prozess, in dem sie sich gerade verheddern, und kürzen die Entscheidungsfindung für Bystander erheblich ab.

Fazit: So sollte Wissenschaft immer vermittelt werden! Liest sich wie ein spannender Roman. Großartig!

Book2movie-Rezension eines guten Suspense-Thrillers

Shutter Island - Dennis Lehane

Da ich den Film schon vorher gesehen habe, und die Meinung bzw. das Vorwissen sich durchaus auf meine Bewertung des Romans auswirkte, ist eine Book2movie-Rezension in diesem speziellen Fall unerlässlich.

 

Buch: 3,5 Sterne

Sehr wohlwollend aufgerundet auf 4 Sterne

 

Dieser Roman hat von der Atmosphäre und der Sprache enorme Schwächen. Die Insel, die Anstalt und die Szenen werden mit einer relativ großen Spracharmut und in sehr klinisch-sterilem Stil beschrieben. Solche Umgebungen passen zwar durchaus zum Ambiente einer sehr gut geführten Irrenanstalt, aber einfach nicht zum mysteriösen Verwirrspiel des Plots, in dem viele Geheimnisse und Hintergründe sich dem Leser in diesem Krankenhaus, in dem irgendetwas nicht stimmen kann, einfach nicht offenbaren. Hier bin ich schon bei der eigentlichen Stärke des Romans: Der Plot und die Auflösung des Rätsels sind grandios und suchen ihresgelichen in der Literatur, konnten von mir aber nicht mehr so ausführlich genossen werden, da ich die Handlung durch den Film schon kannte.

 

Film: 4,5-5 Sterne

Martin Scorsese märzt die atmosphärischen Schwächen des Romans komplett aus und lässt den Cineasten in einem optisch opulenten Meisterwerk des Suspense im Kreis stolpern. Kameraeinstellungen, Effekte und Symbolik geben immer wieder Hinweise auf den Plot und das überraschende Ende, werden aber vom Zuschauer genauso wie von der Hauptfigur ignoriert, da Sie mit der vorgefassten Meinung nicht übereinstimmen. Erst nach der Auflösung schlägt man sich auf den Kopf, dass man so blind hatte sein können - ein wundervoller psychologischer Trick. Die Hauptdarsteller, allen voran Leo di Caprio, spielen grossartig. Der einzige Kritikpunkt den ich gelten lasse ist, dass Scorsese manchmal mit den Effekten und Symbolen ein bisschen zu sehr übertrieben hat, aber das ist Jammern auf höchstem Niveau, was zwar einem Kino-Profi den Verdienst einer Oscarnominierung kosten möge, aber mich persönlich noch immer sehr erfreut hat.

 

Fazit: Der Film ist wesentlich besser als das Buch.

Ein leider überperfektionierter Hörgenuss

Die letzten Tage der Nacht - STIL GbR Simon Bertling, Graham Moore, David Nathan

Inhaltlich habe ich das Buch bereits begeistert besprochen zu meiner Rezension geht es hier.

 

Das Hörbuch ist sehr detailgetreu umgesetzt und mit wundervoll sonorer Stimme des Synchronsprechers David Nathan vorgetragen. Er leiht seine Stimme unter anderem Johnny Depp. Leider hat mich das etwas affektierte Theaterdeutsch des Sprechers dann doch ein bisschen genervt, aber das kann daran liegen, dass mein Idiom aus Österreich kommt, und ich mit eispickelhart ausgesprochenen Konsonanten, rrrollendem Theater-RRRRR und pathetischem Redestil so prinzipiell meine kleinen Problemchen habe.

 

Kennt Ihr das, wenn bei einem Rockkonzert die Töne gar zu perfekt sitzen? Dann wirkt es irgendwie unecht und synthetisch. Eben weil es so perfektionistisch ist, ist es eben nicht ganz so gut. Genauso ging es mir ein bisschen mit dem Hörbuch.

Der Stromkrieg: Edison - Westinghouse - Tesla

Die letzten Tage der Nacht - Graham Moore, Kirsten Riesselmann

So liebe ich das Genre des historischen Romans: Eine im Kern wahre Geschichte, die fast an einen Thriller herankommt, eine Prise Fiktion, ein bisschen Wissenschaft, wundervoll entwickelte Figuren, ein spannender Plot, angenehme Sprache und einen Krieg der Theorien eigentlich der Erfinderpersönlichkeiten Edison – Westinghouse – Tesla – der Stromkrieg, der Ende des 19. Jahrhunderts ganz Amerika in Atem hielt.

Der Autor Graham Moore berichtet die Story aus der Sicht des jungen Anwalts Paul Cravath, der in seiner Funktion des Rechtsvertreters von George Westinghouse genauestens seinen Auftraggeber, alle potenziellen strategischen Partner, alle Hinderungsfaktoren, die Finanziers im Hintergrund wie z.B. J.P. Morgan und selbstverständlich den Hauptgegner Edison, den es zu bekämpfen gilt, tiefgehend mit all seinen Stärken und Schwächen strategisch klug und relativ objektiv analysiert. Dabei bleibt die Hauptfigur Paul als treffender Beobachter am Rande über weite Strecken des Buches zwar ein wesendtlicher Akteur des Geschehens, tritt aber als fühlende tiefgründige Persönlichkeit im Roman etwas in den Hintergrund, was mich gar nicht gestört hat, da es ihn als leidlich objektiven Beobachter aus dem sehr emotionalen Ränkespiel der Erfinderpersönlichkeiten herausnimmt. Erst als Cravath als Kollateralschaden einer Brandstiftung fast getötet wird, ändert sich seine analytisch-neutrale Position dramatisch, und er wirft sich voller Emotionen mit eigenen Interessen ins Gefecht der Erfinder.

Wundervoll werden zuerst alle zentralen Figuren des Stromkrieges installiert. Die für den Anwalt relevante Ersatzvaterfigur George Westinghouse, der Paul als sein erster Mandant die Chance gibt, sich auf dem Parkett der Juristerei einen Namen zu machen, der das Konzept des Wechselstroms vertritt und visionäre Ideen auf den Boden der Tatsachen bringt, indem er sehr gerne reale Produkte baut. Nikola Tesla, ein genialer Visionär mit monkhaften Zwangsstörungen und teilweise wahnhaften Schüben, in denen er am laufenden Band Ideen entwickelt, die seiner Zeit meilenweit voraus sind. Und zuletzt Thomas Alva Edison, ein weiterer diametral entgegengesetzter Erfindertyp, der mit einem großen Ingenieursteam im Sinne der kontinuierlichen Verbesserung so lange probiert, bis sich ein Erfindungsproblem auf irgendeine Weise technisch und wirtschaftlich vertretbar relativ gut lösen lässt. Der also im Prinzip das moderne Innovationsmanagement erfunden hat. Flankiert noch von den Persönlichkeiten des J.P Morgan, als Banker ein beinharter Rechner und Strippenzieher im Hintergrund, Mr. Brown, ein Fanatiker, der unbedingt den elektrischen Stuhl einführen will und Agnes, die große Liebe von Paul.

   "Offenkundig beherrschte Tesla das Rohmaterial der Sprache durchaus – Wörter und kurze Sätze -, agierte beim Anwenden komplexer Sprachbestandteile – Grammatik und Satzbau- allerdings vollkommen beliebig. Es war als werfe Tesla sämtliche Wörter, die er zu einem bestimmten Thema kannte, hoch in die Luft und ginge dann weg, ohne abzuwarten, wo sie landeten“

Als der Stromkrieg voll ausbricht, werden von fast allen beteiligten Hauptprotagonisten Hemmungen und Skrupel komplett über Bord geworfen, da werden Hunde und Pferde mit dem Stromsystem von Westinghouse coram publicum gegrillt und gemeuchelt, nur um ihn zu diskreditieren, da bricht auch der brave Rechtsverdreher Paul in Büros ein, um Industriespionage zu begehen, da werden von irgendwem Mordanschläge verübt, und alle belügen und betrügen sich gegenseitig mehrmals massiv um Geschäftsanteile und brechen viele schriftlichen Verträge. Lediglich Nikola Tesla bekommt in seiner Naivität nichts mit und ist letztendlich das eigentliche Opfer der verwickelten Ränkespiele.

Am Ende der Geschichte gibt es sowohl für jene, die den historischen Ablauf nicht genau kennen, als auch für alle anderen eine überraschende fiktionale Wendung. Aber mehr möchte ich nun nicht mehr spoilern. :-)

Normalerweise fragt sich jeder historisch interessierte Leser am Ende eines Romans, wie viel und was genau bei so einer Story auf Fakten basiert und welche Teile halb oder völlig fiktional sind. Auch hier hat der Autor im Nachwort wundervoll Abhilfe geschaffen. Er erklärt genau seine Quellen, welche Teile auf Fakten beruhen, wo ziemlich gesicherte Vermutungen in den Plot einflossen und was genau komplett erfunden ist. Weiters beschreibt er detailliert, an welchen Stellen er im Roman Veränderungen im Zeitablauf – im Vergleich zu den historischen Daten – vorgenommen hat. Bravo!! Sehr witzig und außerordentlich überraschend fand ich den Umstand, dass auch die Hauptfigur Paul Cravath und seine Angebetete Adele als historische Persönlichkeiten tatsächlich in dieser Story mitspielten. Ich dachte eigentlich, dass sie frei erfunden sind. Als offensichtlich wichtige Akteure des New Yorker Society-Lebens hätte ich gerne auch mal einen Roman oder eine Biografie über diese beiden gelesen.

Fazit: Eine absolute Leseempfehlung von mir für diesen grandiosen Pageturner – ich finde ausnahmsweise gar nichts zu kritisieren. In Anbetracht der Tatsache, dass der Autor normalerweise Drehbücher schreibt, freue ich mich auch schon sehr auf den Film.

Weniger Krimi, aber viel Witz und Biss

Volksfest - Rainer Nikowitz

Hab ich mal gesagt, dass ich mit Dennis Scheck übereinstimme, der das Genre des Regionalkrimis als Bassena der Belletristik bezeichnet hat? Ok ich muss meinem früheren Selbst widerspechen, denn dieses Buch hat mich ganz vom Gegenteil überzeugt....

Das Werk von Rainer Nikowitz glänzt mit Sprachwitz, grandios gnadenlose Wuchteln* prasseln gleich einem Maschingengewehrfeuer auf den Leser ein, auf den ersten zwei Seiten kleben bereits 10!! Post-iTs, nur um meine Highlights zu markieren - Wahnsinn! Mein Mann hielt mich fast schon für verrückt, weil ich im Bett lag und Tränen lachte. Wenn einige Rezensenten die Schachtelsätze und die gewöhnungsbedürftige Sprache bemängeln, dann bin ich entzückt und total hingerissen. Knackige Anekdoten, wundervolle Methaphern, Allegorien und Seitenhiebe auf wichtige vergangene Ereignisse aus Politik, Kultur und Kriminalfällen und sensationelle Wortkreationen zeichnen den Stil des Autors aus. Hier einige Beispiele:

"30 hochmotivierte Niederwildniedermetzler"=  Jäger in Niederösterreichs Flachland (dort gibt es kein Hochwild)

"In Suchaneks Augen leuchtete ein beeindruckendes Morgenrot. In denen seiner Mutter kondensierte langsam der Zorn."

"Keine Geschwindigkeitsbegrenzung, keine Ortstafel, kein Zebrastreifen, gar nichts vermochte Suchanek zu bremsen. Auch nicht das weiße Kreuz, das knapp vor Wulzendorf an jenem Kirschbaum angebracht war, an dem der Lengauer Edwin und sein GTI, unzertrennlich wie immer, ihre Leben ausgehaucht hatten."

"Andererseits ist es ja Allgemeingut, dass es der Einbrecher als solcher gemeinhin eher weniger schätzt, wenn sich im Zielobjekt noch ein Subjekt befindet."

"Bisher war Suchanek eigentlich immer davon ausgegangen, es könne keinen schlimmeren Job geben, als Gesangslehrer vom Hansi Hinterseer zu sein. Jetzt musste er allerdings einräumen, dass die Vorstellung, in einer trüben Algenbrühe, in der man wahrscheinlich keinen Meter weit sah, nach einem halbverfaulten Kopf zu tasten, dem hohen C vom Hansi zumindest nicht viel nachstand."


Ich weiß schon, der Humor ist etwas ganz Spezielles, aber für mich war er maßgeschneidert, vor allem weil ich ja genau in diesem Bundesland lebe.

Der Krimiplot ist zwar nicht durchsichtig aber auch nicht wirklich richtig spannungsgeladen.  Da jeder im Buch, so wie es in Niederösterreich am tiefen Land üblich ist, zwei Namen hat - nämlich den Hausnamen und den richtigen Familiennamen - und diese abwechselnd eingesetzt werden, entsteht beim lustigen Mörderraten eher unnötige heillose Verwirrung als dass Freude aufkommt. Fakt ist aber, dass dies exakt der Realtität entspricht. Jedes Mal, wenn ich am Land umgezogen bin, musste ich auch die Hausnamen mühsam zu den eh schon fremden Personen und Namen dazulernen. Für den etwas zu gemächlichen Krimiplot muss ich mit Bedauern einen Stern abziehen, da bin ich immer sehr puristisch und streng, als Heimatkomödie mit mehreren zufällig auftauchenden Leichen hat sich dieser Roman jedoch allemal fünf Sterne plus verdient.

Fazit:: Wundervoll - Schmähätzungssäuregrad des Textes gefährlich mit Verdacht auf Lach-Bauchmuskelkater


*Eine Wuchtel ist ein Scherz der so heftig so witzig, tief und manchmal auch dreckig ist, dass er wie ein Fussball mitten in Dein Gesicht klatscht - die Bezeichnung Wuchtel kommt sogar aus dem Fussball, wurde aber in Österreich bald auf jedweden wirkungsvollen Scherz im Bereich der Ironie aber auch in tieferen Gefilden angewendet. Auf jeden Fall fällt Dich die Wuchtel schmähmäßig wie einen Baum und lässt Dich lachend und hilflos am Boden liegen.

Hosentaschenratgeber für nachhhaltiges Essen

Ich koche, also bin ich - Rudi Obauer, Klaus Kamolz

Der kleine Band, der fast in jede Hosentasche passt, ist definitiv kein Kochbuch, sondern ein interessanter Ratgeber, wie man nachhaltig essen, einkaufen, leben und kochen kann aus der Sicht von Starkoch Rudi Obauer.

Dabei propagiert der Autor ohne Moralinsäure einen umweltbewussten, nachhaltigen, selbstbestimmten und dennoch genussorientierten Umgang mit dem Thema Essen und alles was damit zusammenhängt: Wie wird der Konsument von der Nahrungsmittelindustrie beim Einkauf manipuliert und wie kann man sich selbst vor den Psychotricks der Unternehmen schützen, wie sollte eine Küche eingerichtet sein, welche Geräte sind unnütz, wie koche ich saisonal und umweltverträglich, wie lerne ich den für mich richtigen Genuss zu finden, wie bewirte ich Gäste, wie wirkt sich Stress auf das Geschmacksempfinden aus etc. Gewürzt ist dieser Lebensratgeber nicht nur mit guten Tipps sondern auch mit einer gehörigen Portion Ironie.

„Du stehst vor zwei verschiedenen Marken Mineralwasser, auf einer davon prangt deutlich sichtbar die Kennzeichnung „gluten- und lactosefrei“. In diesem Fall halte kurz inne. Und frage Dich, bevor Du das vermeintlich verträglichere nimmst, wie viel Getreidekleber und Milchzucker Wasser enthält.“

Auch dem von vielen Haubenköchen geächteten Jamie Oliver zollt er durchaus Respekt in der Rolle, die dieser fürs Kochen in den letzten zehn Jahren gespielt hat, wodurch Obauer für mich sofort sehr an Glaubwürdigkeit gewinnt, und überhaupt nicht abgehoben rüberkommt.

„Und ich rede nicht von einem Kochen, bei dem wieder nur Leistungsdruck und Wettbewerb im Vordergrund steht, bei dem in Milligramm und Zehntelgrad gerechnet wird. In diesem Sinne bin ich sogar ein Fan des Briten Jamie Oliver, der viel dazu beigetragen hat, das Kochen zu befreien und Lust darauf zu machen. 170 oder 175 Grad im Backrohr? Ein Schuss Öl oder zwei? Ein anderes Kräutlein als im Rezept vorgesehen? So wichtig ist das gar nicht. Jamie Oliver regt die Menschen zum Kochen an, das ist sein Verdienst.“

Rudi Obauer hat sich offensichtlich nach einem Herzinfarkt hingesetzt und für sich und andere Menschen diesen Ratgeber erstellt. Neben sehr gelungenen Checklisten, die die einzelnen Kapitel dann noch in Form von Fragen an sich selbst zu einem Leitfaden zusammenfassen, gibt es ab und an vereinzelt doch noch ein paar Rezepte, die aber sehr gut in den restlichen Inhalt integriert sind.

Leider kommt nun von mir jedoch die gravierende Kritikkeule. So wundervoll großartig wie sich dieses Buch liest, schmerzt und ärgert es mich doppelt so stark, dass es gar so kurz ist: Nur 115 Seiten nicht mal in A5 und zudem sehr groß geschrieben – da ist man als Leser in 30 Minuten durch. Lieber Herr Obauer ich möchte vier Mal so viele Tipps von Ihnen, also wenn Sie schon ein Buch schreiben, das auch noch so grandios ist, sollten Sie sich einfach länger hinsetzen und nachdenken, welche Weisheiten Sie mir sonst noch verklickern könnten. Potenzial für weiteres Material gäbe es rund um das Thema Kochen und Essen zur Genüge. Das ist mir einfach zu wenig!

Fazit: zu kurz, zu kurz, zu kurz, aber sehr gut