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Awogfli - Bookcroc

Ich bin Buchgourmet und Buchgourmand quer durch viele Genres

Autorenmüll-Resteverwertung

Montagmorgen - Petra Soukupová

Jetzt ist diese zweisprachige Reihe Tschechische Auslese  aus dem Wieser Verlag ohnehin nur auf ungefähr sechzig A5 Seiten ausgelegt, also irgendwo zwischen Kurzroman und Kurzgeschichte, und dann meint diese Autorin doch tatsächlich, dass sie den geringen Platz und damit Möglichkeit, irgendeinen Inhalt zu präsentieren, auch noch in mehr als eine zusammenhängende Geschichte aufteilen muss. Da haben sogar ein paar meiner mittelmäßigen Mitschüler in Deutsch in der Disziplin Aufsatz besseres zusammengebracht als diese Autorin. Fast scheint es so, als hätte sie quick and dirty aus der Schachtel für Autorenmüll, respektive unfertige Skizzen, verworfene Ideen und Arbeiten, Fingerübungen der Routine, um jeden Tag irgendetwas zu produzieren, der so beim Schreiben ja immer anfällt, weil man nicht täglich eine brilliante Idee gebären kann, irgendetwas zusammengestoppelt, um auf die Anzahl der Seiten zu kommen.

Dabei gibt es in dieser Reihe, so großartige Geschichten, wie jene von  Markéta Pilátová  die ihren grandiosen Kurzroman punktgenau auf dieses Format konzipiert hat und der auch noch im Juli auf meiner best of five-Liste steht.

Jetzt werde ich arbeitstechnisch mal auch ein bisschen persönlich und bösartig. Wenn ich als Autorin von einem Verlag schon die Gelegenheit bekomme, in zwei Ländern nämlich meinem Heimatland Tschechien und in Österreich gleichzeitig präsentiert zu werden und ich mache mir nicht einmal die Mühe, für ein zugegebener Maßen recht ungewöhnliches Format etwas extra und exklusiv zu schreiben, sondern kratze irgendeinen Schreibabfall zusammen, dann halte ich das für eine bodenlose Frechheit. Auch wenn sie in Tschechien eine preisgekrönte Autorin sein mag, in Österreich kräht kein Hahn nach ihr und es ist zudem eine riesige Dummheit, solch eine Chance, in einer anderen Sprache und auf einem völlig anderen Zielmarkt Fuß zu fassen, nicht zu nutzen.

Auch inhaltlich tut sich in den einzelnen Geschichten nicht viel und auch nicht viel gutes: z.B. ein Opa, der einen Enkel adoptieren will, der auf Straßenbahnen steht. Da werden Geschlechterklischees auf primitiv bedient. Zudem musste ich mich als Leserin durch unausgegorene, unfertige, teilweise laangweilige Geschichten quälen, in die man so viel hineininterpretieren müsste, damit sie rund werden, dass ich sie mir gleich hätte selbst schreiben und erzählen können.

Fazit: Kurz und knackig - das ist Mist, was hier präsentiert wird - hätte in der Rundablage (Papierkorb) bleiben sollen. Insofern ist es wieder gut, dass es nur sechzig A5 Seiten sind, damit die Pein beim Lesen nicht so lange dauert.

Gehirntsunami

Der Windreiter - Renata Šerelytė

Dieser Roman von Renata Serelyte, der zwar völlig anders als ihr vorhergehendes Werk  Blaubarts Kinder angelegt ist, war ebenso nicht wirklich mein Geschmack.

Sprachlich wird die Geschichte erneut sehr gut präsentiert, wieder in dem recht unverwechselbaren poetischen Stil der Autorin. Auch inhaltlich ist die Story nicht so schlimm und deprimierend wie  Blaubart, im Gegenteil, sie hat was von einem abgefahrenen Märchen oder einem kolletiven Drogen-Flashback á la Contact High.

Als ich die Buchdeckeln schloss, war ich verwirrt, denn ich bekam die fiktive Handlung nicht zusammen. Was ist wirklich passiert? Was war ein Traum? War alles ein Traum? Was haben die Szenenfetzen miteinander zu tun? Was wollte die Autorin ausdrücken?  Warum interagieren die Figuren so? Fragen über Fragen, die sich mir stellten und auf die ich einfach keine Antwort habe.

Die Szenen und Dialoge sind so verklausuliert und 10 hoch 3 Meta, dass ich das Meta vom Meta vom Meta einfach nicht checken konnte. Sehr poetisch, total abgehoben, bizarr, märchenhaft und konfus wie in einem Low-Budget-Ostblock-Film-Noir wird die Handlung präsentiert, wobei ich noch immer nicht sagen kann, was wirklich passiert ist, oder was das alles sein soll. Habt Ihr mein Gefühl verstanden? Wahrscheinlich nicht, denn selbst ich stehe kopfschüttelnd und konsterniert vor dieser Geschichte und blicke einfach nicht durch.

Ich werde mal eine Szene überspritzt formulieren, damit Ihr Euch eine Vorstellung machen könnt: Figur irrt durch total surreale Szene, mit voll abgedrehten wundervoll beschriebenen Figurensetting, hält inne, schreit auf, brabbelt was ganz lyrisches, was überhaupt nicht zur Situation passt und läuft irgendwie schräg von dannen. Hufgetrappel, ein Pferd läuft durch die Szene. Die anderen Protagonisten wundern sich nicht, sondern sagen auch etwas poetisches, was wiederum überhaupt nicht zu vorherigem Satz dazupasst. Schnitt. Das Pferd ist möglicherweise tot, wahrscheinlich wurde es auf den Griller geworfen. All das wird natürlich in einem für mich typisch osteuropäischen Autoren-Setting: Armut, Schmutz Dreck, Landleben, Aberglaube ... präsentiert.

Solch eine bizarre chaotische Situation ist natürlich die große Freude eines germanistischen Interpretationsprofis, weil sie unendlich viele Auslegungen der Szene zulässt, mir hingegen fehlt hier völlig das nötige Instrumentarium. Da bin ich mit meinem Realismus und meinen fest geerdeten beiden Beinen einfach überfordert, als müsste ich Gleichungen mit 3 Unbekannten lösen, ohne überhaupt die Grundrechenarten zu kennen.

Über die Handlung vermag ich wenig zu sagen, außer dass ein Fernseh-Team bestehend aus Kameramann, Journalistin und Maskenbildnerin aus der Hauptstadt aufs Land fährt, um dort in einer Reportage, quasi einer Doku-Soap die Eltern des Mädchens Sasa zu finden (der ursprüngliche Plan hat fast etwas von Julia Leischiks Sendung "Bitte melde Dich"). Sie treffen auf die Großeltern des Mädchens, die schon zu Beginn extrem abgedreht schrullig sind und anschließend tauchen unzählige Figuren inklusive das Pferd auf, die mich allesamt verwirrt haben. Irgendwie eskaliert der Abend enorm, aber was passiert ist, kann ich wirklich nicht sagen. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, alle haben irgendwelche psychogenen Substanzen wie zum Beispiel Pilze eingeworfen und sich dann im Drogenrausch treiben lassen. So ähnlich wie im Film Contact High, aber den habe ich wenigstens verstanden.

Ach ja auch der Klappentext lässt den Leser nicht im Dunkeln tappen.
"Grelle Phantastik wirft ein neues Licht auf die Realität!"
Wer den Satz schon cool findet, wird dieses Buch lieben

Fazit: Ich finde es sehr spannend, wenn ich mal etwas für mich total Neues probiere, aber in diesem Fall bin ich einfach ein bisschen zu weit aus meiner Comfortzone des Realismus hinausgeschwommen und geistig irgendwie abgesoffen. Einige Leute mit mehr Vorstellungsvermögen als ich und mit einem Hang zu Lyrik und Interpretationen werden diesen Roman aber großartig finden. 2,5 Sterne denn spannend war es schon, zu beobachten, wie sehr mich die Geschichte irritiert und überfordert hat. Zudem ist sie ja auch nicht lang, also auf keinen Fall eine Qual.

Waten durch ein Meer von Gewalt, Depression, Alkohol, Armut und Tod

Blaubarts Kinder - Renata Serelyte

Mit der Autorin habe ich mir wahnsinnig schwer getan. Obwohl ich eigentlich anspruchsvolle Stoffe schätze und furchtbaren Geschichten überhaupt nicht abgeneigt bin, hat Renata Serelyte meine Duldungs- und Leidensfähigkeit bis aufs Äußerste strapaziert.

Dabei sind die Sprache und die bildhaft beschriebenen Szenen sehr gut, aber es ist inhaltlich so lähmend, dass ich das Gefühl hatte, ich wate angezogen mit Bleistiefeln durch einen niemals enden wollenden Sumpf aus Gewalt und Depression.

Viel mehr hat diese Geschichte nicht zu bieten: Strukturelle und kulturelle Gewalt an Frauen und Kindern, Alkoholismus, Depression, Armut, Delirium und Tod - gegen Ende kommen dann auch noch sexuelle Erfahrungen hinzu, die so grausam wiederum von Gewalt und Unterdrückung geprägt sind, dass frau als Leserin einfach nur abblenden möchte. Ich hatte ja selbst eine furchtbare Kindheit, aber wenn ich so wenige normale Momente gehabt hätte, wäre es besser gewesen, ich hätte mich schon als Kind umgebracht.

Marcel Reich Ranicki hat im literarischen Quartett einmal die irische Literatur beschrieben:
"Ich habe einen Widerwillen gegen die irische Literatur, ich kann das nicht ertragen, immer die Slums und immer wird gesoffen und ein bisschen gekotzt zwischendurch, Elend und muffiger Katholizismus".
Setzt man statt Katholizismus Kommunismus in die Gleichung ein und geht davon aus, dass Osteuropäer nicht kotzen, weil sie durch den vielen Wodka einfach trinkfester als die Iren sind, dann hat man die perfekte Analogie zu diesem Werk.

 

Das ist einfach zuviel, in dieser Dichte und Länge sind solch deprimierende Szenen nur langweilig, wobei meiner Meinung nach der größte Faux-Pas darin liegt, dass sich keine einzige Figur irgendwie entwickelt oder zumindest das Potenzial ausschöpfen könnte, sich zu entwickeln. Der Weg der Eltern ist auch für die restliche Familie vorgezeichnet. Armut, Depression, Alkoholismus und Tod. Und wir reden hier nicht von der Zeit des Kommunismus, sondern von der Phase nach der Wende und Hinwendung zu Europa. Selbst mit Schuldbildung kann eine Frau diesem Sumpf aus Familie, gewalttätigem Ehemann, Kindern und Depression nicht entrinnen.

Ganz am Anfang hatte ich auch Probleme mit den Perspektivenwechseln zwischen toter begrabener Mutter und der Tochter, bis ich begriff, die Unterscheidung liegt in der Kapitelnumerierung. Insofern gab es zu Beginn auch ein paar strukturelle Herausforderungen an den Leser, die Leserin, um in die Geschichte hineinzukommen.

Fazit: Ich weiß, dass es für dieses deprimierende Werk in wundervoller poetischer Sprache, das nicht schlecht ist, durchaus eine größere Fan-Zielgruppe gibt, aber ich gehöre definitiv nicht dazu. Der Roman ist überhaupt nicht mein Ding. Also, wer Frank-Mc Courts Die Asche meiner Mutter wundervoll fand, wird auch dieses Buch mögen.

Der Swing gerät aus dem Takt

Swing Time - Zadie Smith

Ewig lange habe ich mich vor dieser Rezension gedrückt, sie vor mir hergeschoben und mir den Kopf über meine Beurteilung zerbrochen. Dies geschah aber nicht aus dem Grund, dass ich nicht gerne Verrisse schreiben würde, im Gegenteil, da laufe ich oft in punkto Bösartigkeit und Humor zu meiner Höchstform auf. Das Problem, dass ich hier mit dem Roman und der daraus resultierenden Bewertung habe, ist der Umstand, dass ich gar nicht benennen kann, was mich konkret so an dem Buch gestört hat. Ich kann normalerweise immer recht sachlich formulieren, was der Autor beziehungsweise die Autorin meiner Meinung nach hätte besser machen können, oder warum gerade mir der Roman aus bestimmten persönlichen Gründen bzw. Neigungen und in welchen Kapiteln konkret gar nicht gefallen hat. In diesem Fall bin ich ein bisschen ratlos, ich kann nur ein vages Gefühl benennen.

Dabei startete die Geschichte furios und sen-sa-tio-nell: Die Autorin präsentierte mir eine wundervoll beschriebene Mädchenfreundschaft mit Substanz und Hintergrund zwischen einer ungenannten Protagonistin und ihrer Freundin Tracey mit grandioser Verknüpfung von soziokulturellen Milieus, Werten und Gesellschaftskritik. Viele interessante Themen werden zu Beginn nahtlos und leichtfüßig quasi swinging in die Handlung eingeflochten wie Rasse, Identitätsfindung, soziale Schicht, Bildung, Leidenschaft für das Tanzen.... Zudem präsentiert uns die Story zwei großartig gezeichnete sehr vielschichtige junge weibliche Hauptfiguren ohne Zickenallüren mit substantiellen Problemen. Der Roman schien all das einzuhalten, was ich mir von Elena Ferantes Meine geniale Freundin erhofft hatte, aber nie gekriegt habe.

Ganz plötzlich und sehr früh begann ich dann die meisten Kritiker nur zu gut zu verstehen. Ab Seite 103 verliert man als Leser zunehmend den Kontakt zu den Figuren. Alles wirkt auf einmal so aufgesetzt, blutleer und gefühlslos, als Aimee auftaucht. Die Figur der Aimee soll ja die Königin der Selbstinszenierung, Madonna darstellen und ist wahrscheinlich auch recht gut getroffen, aber mich hat diese oberflächliche seichte Glamourwelt der Superstars nicht interessiert. Die ungenannte Protagonistin beginnt als persönliche Assistentin für den Star zu arbeiten, und gibt fortan ihr eigenes Leben zugunsten des Supports von Aimee komplett auf. Milieustudien sind im Plot noch immer zahlreich vorhanden, aber die beschriebenen Milieus sowohl aus der Welt der Musikindustrie als auch abseits davon, wie beispielsweise das afrikanische Dorf, in dem Madonna ja Adoptivkinder geholt hat, war für mich gähnend langweilig und platt. Dabei bin ich prinzipiell and der Geschichte von Madonna gar nicht uninteressiert, aber ich weiß nicht, warum und auch wie die Autorin in der Entwicklung des Plots und der Figuren so derart den Anfangsesprit verlieren konnte.

Ab der Hälfte war der Roman bedauerlicherweise für mich eine Qual. Irgendwie uninspiriert und langweilig, aber ich könnte nicht genau festmachen, warum und wo genau ich die Geschichte konkret so uninteressant fand.

Fazit: Eigentlich wollte ich den neuen Roman von Zadie Smith lesen, habe aber dann kurzfristig zu Swing Time umdisponiert. Das hätte ich lassen sollen, wäre besser gewesen. Auch von mir gibt es leider keine Lesempfehlung für dieses Buch, obwohl mir das Herz blutet, weil der erste Teil gar so grandios war. Ich kann mir auch nicht vorstellen, wie es passieren kann, dass ein Roman plötzlich so abstürzt.

Nicht regional, nicht saisonal, wichtige Techniken und Gerichte fehlen

Kochbuch ohne Rezepte - #3 Obst & Gemüse - Ingrid Andreas

Mit dem dritten Band der Reihe zum Thema Obst und Gemüse habe ich aus mehreren Gründen enorme Probleme. Das beginnt bei fehlender Regionalität, geht über das Ignorieren von nachhaltigem saisonalen Konsum und endet auch beim Fehlen von wesentlichen Haltbarmachungstechniken.

 

Zuerst werden zwar ein paar Apfelsorten – vor allem die nicht regionalen wie Golden Delicious – beschrieben, aber regionale Kartoffel- und Tomatensorten werden nicht einmal erwähnt. Es ist eine Schande, wenn in einem so dicken Buch Kartoffeln nur in fest kochend, vorwiegend fest kochend und mehlig unterteilt werden und der Autorin zu den Sorten überhaupt nichts eingefallen ist. Auch bei den Tomaten beschränkt sich die Darstellung auf Rispentomaten, Fleischtomaten, Cocktailtomaten und Dosentomaten, von unterschiedlichen Kürbissorten will ich gar nicht mehr sprechen.

 

Weiters gibt es überhaupt keine Tabelle, zu welcher Zeit welches Obst und Gemüse eigentlich Saison hat, ist ja ohnehin egal, die Lebensmittel kann man ja das ganze Jahr immer und von überall her mit höchstem CO2-Ausstoß zu uns nach Europa karren. Essen wir eben Erdbeeren aus Japan im Dezember, Spargel aus Peru im Februar, und so weiter, pfeifen auf unseren Planeten und auf eine saisonale und regionale Ernährung.

Also bitte, wenn in einem ganzen Buch über Obst und Gemüse kein Platz oder Wille zu einer regionalen Sortenaufzählung und einer Saisontabelle von jedem Obst und Gemüse ist, dann kann man diesen Band zu Zeiten des Klimawandels sofort metaphorisch in die Tonne treten (er müsste natürlich ordnungsgemäß entsorgt werden). Sogar Katharina Seiser hat in ihren Kochbüchern immer regionale Sorten beschrieben und Saisontabellen zusammengebracht, obwohl ihre Werke vor Rezepten strotzen und Grundlagen nur ein kleiner Teilbereich sind. Selbst auf wenigen Seiten geht sich das aus, also müsste eine ausführliche Behandlung dieser Themen in einem Grundlagenkochbuch selbstverständlich sein.

 

So geht es munter weiter. Dass man Artischocken auch selbst einkochen und einrexen (benannt nach dem gleichnamigen REX-Glas) kann, ist nicht mal eine Erwähnung wert. Die prinzipielle Technik des Einkochens und Einrexens von Gemüse und pikanten Obstchutneys ohne Zucker habe ich zudem nirgendwo gefunden.

Es fehlen auch kalte Suppen Gazpaccios aus Obst und Gemüse wie zum Beispiel Melonen, Tomaten, Gurken und Avocados… .

 

So, nun beende ich mein Lamento beziehungsweise die Aufzählung, was in diesem Buch alles falsch läuft und inhaltlich fehlt und komme gleich zu einer diesmal vernichtenden Beurteilung.

 

Fazit: Ich empfehle, diesen Teil nicht zu kaufen. Er ist total entbehrlich.

Alles rund um den Teig von süß bis sauer - auch für Backphobiker geeignet

Kochbuch ohne Rezepte - #2 Mehl Milch & Ei - Ingrid Andreas

Dieses Grundlagenkochbuch fast ohne Rezepte nimmt sich im zweiten Teil unter dem Titel: Mehl Milch & Ei alle Mehlspeisenteige, Nudelteige, Milchprodukte, Eier, Eiscremes, Glasuren und Schokoladeüberzüge vor – also alles rund um den Teig von süß bis sauer.

Dabei werden wieder mal wichtige Basics vermittelt, die wahrscheinlich nicht jedem bekannt sind. Zum Beispiel wird im Kapitel Mehl bezüglich Schädlinge thematisiert, warum die Lebensmittelmotten nur in gesunden Mehlsorten zu finden sind und auch noch welche Mottenart im Detail (mit Bild) sich in unseren Küchen tummelt. Sogar das heutzutage wenig bekannte Mutterkorn hat von der Autorin ein Kapitel bekommen.

Ausgehend von den Mehlsorten und Mahlgraden geht es nach der Lagerung von Mehl, zu den Backtriebmitteln, der Hefe und anschließend zu den Teigen. Bei der Präsentation der Teigarten war zwar manchmal die Strukturierung des Inhaltes nicht ganz logisch, aber inhaltlich ist fast alles da und die Grundlagen werden von Anfang an für den Laien sehr gut erklärt.

 

Beim Mürbteig fehlt bedauerlicherweise die Bezeichnung 1-2-3-Teig und die genaue Erklärung für den Namen. Das Wissen über diese Hintergründe würde das Backen ohne Rezept möglich machen und wäre auch genau im Stil des Buches. Bei anderen Teigen, wie zum Beispiel dem Gleichschwerteig wird diese Chance genützt und das Backen ohne Rezept genau so erläutert.

 

Wie schon im ersten Teil dieser Reihe bestehen auch in diesem Band wesentliche inhaltliche Schwachpunkte im Bereich moderner, veganer Küche. Die Autorin kümmert sich überhaupt nicht um dieses Thema, was ich bei einem Grundlagenkochbuch, das im Jahr 2019 verlegt wird, als fatalen Fehler empfinde. Zum Beispiel fehlen beim Schlagobers milchfreie Ersatzalternativen und wie man diese steif bekommt, denn das ist wirklich eine Wissenschaft, wie ich aus eigener schmerzlicher Erfahrung als Kuhmilchallergikerin weiß, die hin und wieder gute, aber auch schöne Torten, Rouladen und Cremes essen möchte.

 

Genauso fehlt auch bei pflanzlichen Michalternativen, die zwar so nebenbei erwähnt werden, die Beschreibung der Eigenherstellung von z.B. Mandelmilch. Wie man Joghurt selbst macht, wurde hingegen genauestens erklärt. Insofern ist dieses Kochbuch aus dem Jahr 2019 bedauerlicherweise im letzten Jahrhundert steckengeblieben. Auch wenn ich keine Veganerin bin, ist mir klar, dass solche Inhalte einfach in ein Grundlagenkochbuch heutzutage hineingehören.

Abgesehen von den kleinen strukturellen Schwächen und den paar fehlenden Inhalten finde ich diesen Band ganz hervorragend.

 

Fazit: Für Kochanfänger und vor allem auch für Backphobiker ein ausgezeichnetes Grundlagenbuch, das auf jeden Fall geeignet ist, Amateuren durch gute Beschreibung der Techniken und Basics, die Angst vor dem Ausprobieren zu nehmen.

Eskalierendes Beamtenmikado und zarte Jugendliebe

»Nichtalltägliches aus dem Leben eines Beamten« und »Einladung zum Klassentreffen«: Zwei Theaterstücke - Martin Schörle

Ausnahmsweise habe ich mich das erste Mal direkt von einem neuen Autor ansprechen lassen, um sein Werk zu rezensieren, und ich muss sagen, ich habe mich wider Erwarten richtig gut amüsiert.

 

Martin Schörle präsentiert dem Leser zwei Theaterstücke, von denen ersteres „Nichtalltägliches aus dem Leben eines Beamten“ in Hamburg den zweiten Platz bei einem Autorenwettbewerb erreichte. In diesem Stück konzipiert der Autor den Prototypen des eskalierenden deutschen Beamtentums namens Fredenbek, der ziemlich verbissen auf der Bühne über sein Leben monologisiert.

 

Dabei habe ich einiges gelernt, denn der typische deutsche Beamte unterscheidet sich doch sehr stark im Wesen vom österreichischen. Er ist analfixiert, zwänglerisch und hat das enge Regelwerk, das in seinem Job angewendet werden muss, quasi auch privat internalisiert, die fixen Normen reichen bis in den letzten Winkel seines Daseins. Der typische österreichische Beamte geht selten so in seinem Job auf, im Gegenteil, meistens hasst er ihn. Er wendet Regeln situationselastisch an, wenn es ihm passt, ist korrupt, obrigkeitshörig, buckelt nach oben und tritt nach unten – das ist sein zentrales Wesen.

 

Der Charakter Fedenbek ist richtig mühsam, extrem sprunghaft in seinen Ausführungen, und Bemühungen, Analogien heranzuziehen, und verheddert sich ganz in seinem persönlichen Gedankengewirr aus Aktenzeichen, Dienstverordnungen und statistischen Erhebungen. Das hat mich als unbeamtete „normale“ Leserin ab und an gestört, weil ich manchen Ausführungen einfach nicht mehr folgen konnte, aber die Figur ist sehr konsistent und authentisch konzipiert. Bei den völlig wahnwitzigen Theorien und geschilderten Aktionen blitzt auch ein bisschen irrsinniger Humor hervor, ungewollt natürlich aus Fredenbeks Sicht. So stellt unser Paradebeamter die Hypothese auf, dass der Radiergummi Angst vor Abrieb hat und sich deshalb auf dem Schreibtisch versteckt. Zu diesem Zeitpunkt kam mir sofort der Wunsch an den Autor in den Sinn, er möge mir auch gleich das Motiv von einzelnen Socken erklären, die ständig aus meiner Waschmaschine verschwinden.  Fredenbek stellt sogar den Paradezwängler Monk in den Schatten, denn er hat auf Grund seiner Beamtenmacht und der Ausnützung derselben, nicht nur eine wahnhafte sondern auch eine sehr boshafte Ader. Am fiesesten, köstlichsten und am groteskesten ist die Szene im Urlaub in Italien auf der Bahnhofstoilette, in der er eine Situation konstruiert, Urlaub vom Urlaub zu nehmen und amtliches Hoheitsrecht auf einem okkupierten Häusl auch noch zweisprachig zu übernehmen und auszuüben. Eine Szene muss ich mir auch noch merken, wie frau ungewollte Verehrer perfekt und fies abperlen lassen kann.

und sie: „Ich bin lesbisch“, und er: „Oh, das hab ich nicht gewusst“, und wieder sie: „Ist auch gerade erst passiert.“

Im zweiten Theaterstück „Einladung zum Klassentreffen“ ruft Carsten seine alte unvergessene Jugendliebe Marina zwecks bereits im Titel genannter Einladung an, und es entspinnt sich ein entzückender Dialog, der sowohl die Vergangenheit der beiden als auch ihre gescheiterten Beziehungen der Gegenwart in Kurzform aufrollt. Genauso wie es eben im echten Leben zwischen Menschen, die sich früher sehr nahe waren und fast unmittelbar an der Vergangenheit anknüpfen können, passieren kann. Dabei ist diese kleine Telefonromanze keine Sekunde peinlich, langweilig oder kitschig und zudem meiner Meinung nach weit besser, als dieser unsägliche e-Mail-Liebesroman von Daniel Glattauer. Selbstverständlich gibt es auch noch ein kleines aber doch banales vorläufiges Happy-End. Genauso wie in der Realität nicht mit Paukenschlag sondern recht vorsichtig.

 

Fazit: Ich habe die beiden Theaterstücke gern gelesen. Wenn Ihr einen neuen Autor fördern möchtet, diesen kann ich durchaus empfehlen.

Jugendliche Mörder - Biografien der Abgründe

Die Mütter - Theodora Dimova

Theodora Dimova hat basierend auf einem authentischen Kriminalfall aus dem Jahre 1990, in dem sieben Jugendliche ihre Lehrerin ermordeten, ein Sittenbild der nach der Wende in Bulgarien zerfallenden Familien gezeichnet. In Verhörprotokollen und Gesprächen mit Psychologen offenbaren diese Schulkinder die (fiktiven) Abgründe, die zu einer solch brutalen Wahnsinnstat geführt haben könnten: Sie erzählen von ihren dysfunktionalen Familien, den Grausamkeiten ihres Umfeldes, insbesondere ihrer Eltern und hier auch mit Fokus auf die Mütter, die titelgebend für diesen Roman sind.

In einem großartigen Psychogramm schildert die Autorin sieben unterschiedliche Einzelschicksale von Kindern, die genauso gut zur heutigen Zeit in unserer Gesellschaft hätten stattfinden können, und wie diese als Ursache zu unfassbar heftigen Aggressionen, mangelnder Frustrationstoleranz, Verlustängsten, gestörtem Verhältnis zur Umwelt über massive psychische Störungen bis zur Übertragung all dieser Gefühle von Verzweiflung, (unerwiderter) Liebe, Angst, Wut und Hass auf die Lehrerin als Projektionsfläche beitragen.

 

Während der psychologischen Untersuchung der Jugendlichen deckt die Autorin sehr einfühlsam unfassbare Abgründe von falscher Erziehung, Vernachlässigung und Missbrauch auf, die durch den jugendlichen lapidaren Erzählton fast noch grausamer wirken, als sie ohnehin schon sind: So kann sich die co-abhängige Dana nicht von ihrem alkoholkranken Vater lösen, als ihre Mutter nach Jahren der Arbeit im Ausland endlich heimkommt und sie aus ihrer Situation erretten möchte. Die Zwillinge Dejan und Bojana werden infolge eines Rosenkriegs der Eltern nachhaltig voneinander getrennt und gegeneinander aufgehetzt. Die leicht zuckerkranke Petja will sich nicht um ihre Tochter Kalina kümmern und überlässt die Obsorge der Großmutter. Als die Oma einen Schlaganfall erleidet, muss die jugendliche Kalina beide – Mutter und Großmutter – pflegen, den Haushalt wuppen und die Schule managen, was sie zutiefst überfordert. Andrejas Mutter ist schwerst psychotisch und depressiv, sie zieht ihre Tochter in den Strudel ihrer Krankheit.

Warum, warum, warum, Gott hast Du den anderen Kindern Mütter gegeben und mir nur dieses Wrack, diesen Abschaum, vernichtet durch die unauslöschliche Krankheit der Seele, warum ist es diesem Abschaum nicht gelungen, mit der Wunde der Seele fertig zu werden, während es anderen gelang, warum ließ sie sich so mit Alkohol vollaufen, was fehlte ihr, was wollte sie, sie hatte mich, Papa, ihre Arbeit, war das letztlich nicht genug, was mehr kann ein Mensch vom Leben verlangen, und woher kam ihre Krankheit, das ganze Unglück, das von ihr ausging, der Niedergang, der Verfall […]

[…] sag es mir, und Christina antwortete: Ich wache morgens auf, als würde ich aus einem Teerfass voller Trauer geholt, es fällt mir sogar schwer, zu atmen, ich spüre eine physische Erschöpfung, als hätte ich den ganzen Tag gearbeitet, und alles ist schwarz, schwarz, schwarz, und ich will nicht aufstehen, und ich will nicht mehr atmen, und nichts kann mich freuen, […].

Dies sind nur ein paar der traumatisierenden Biografien, die sich in mein Gedächtnis eingebrannt haben, auch kleinere Kalamitäten, Erziehungsfehler und unfassbarer Egoismus, insbesondere der Mütter, werden thematisiert.

Die Biografien sind zwar bei allen Kindern detailliert und in psychologischer Tiefe geschildert, die Beziehung eines jeden Einzelnen zur allseits geliebten Lehrerin Javora war mir aber ein bisschen zu ungenau ausgeführt. Trotz dieses Umstandes hat die Autorin am Ende aber dennoch sehr klar dargelegt, warum und durch welche Mechanismen die Lehrerin sterben musste.

 

Sprachlich war der Roman ein kleines bisschen mühsam und gewöhnungsbedürftig, wobei ich nicht weiß, ob dies am Stil der Autorin oder an der Übersetzung lag. Stilistisch werden Kommaexzesse, Hauptsatzperlenketten und Aufzählungsmanien angewandt, als dürfe man den Punkt als Satzzeichen nur in äußersten Notfällen verwenden.

 

Fazit: Ein sehr gutes Psychogramm von dysfunktionalen Familien und den Auswirkungen auf Kinder bzw. Jugendliche mit ein paar sprachlichen und satztechnischen Stolpersteinen im Stil, über die man/frau als Leser*in aber hinwegkommen kann. Ich freue mich sehr, dass ich durch meine EU-Autorinnenchallenge wieder mal ein neues Werk und eine mir unbekannte Autorin aus Bulgarien entdecken durfte. Es hat sich gelohnt, insofern gibt es von mir eine Leseempfehlung!

 

Im Rahmen des Korrekturlesens wurde ich noch auf ein weiteres Problem aufmerksam gemacht. Meine Lesefreundin und Mitstreiterin - auf unserem Gemeinschaftsbuchblog Feinerbuchstoff - Thursdaynext gab zu bedenken, „dass es immer und immer wieder die Mütter sind, die ihre Pflicht und Aufgaben verletzt haben, was sie sicher auch in diesen Fällen fürchterlich getan haben, aber mir fehlen da immer die verdammten Väter, von denen niemand diese Aufopferung verlangt.“ Da muss ich ihr leider zustimmen, die Autorin hat diese Stereotype nicht so sehr in den einzelnen Kapiteln des Romans angewandt, denn dort werden die Missetaten der Väter genauso angeprangert und halten sich auch in etwa die Waage, aber der Titel des Buchs fokussiert dann wieder punktgenau die Verfehlungen der Mütter. Insofern ist also der Buchtitel wirklich sehr schlecht gewählt, weil er vorab schon die verantwortlichen Mütter und typische patriachalische Rollen definiert.

Moderne jüdische Familienaufstellung im Katastrophenfall

Der Sohn: Roman - Jessica Durlacher

Im Rahmen meiner EU-Autorinnenchallenge habe ich mich erneut aus meiner Komfortzone herausbegeben und bin auf meiner Reise durch Europa in den Niederlanden bei der mir unbekannten Schriftstellerin Jessica Durlacher gelandet. Irgendwie habe ich ja mittlerweile schon Gefallen daran gefunden, Bücher zu erforschen, die mir noch nie jemand empfohlen hat und von denen kaum einer weiß. Manchmal ist dieses Abenteuer mühsam und oft lohnt es sich, wie in diesem Fall. Ohne Zweifel ist es aber immer spannend, ganz allein, auf sich gestellt, literarisch auf Entdeckungsreise zu gehen.

 

Diese sehr spannende Familientragödie beginnt relativ harmlos mit einem Unfall des Großvaters und Oberhauptes der Familie Silverstein und steigert sich nach und nach in Form einer Perlenkette an kleinen beziehungsweise mittleren Kalamitäten und riesigen Katastrophen zu einem beispiellosen Drama. Fast scheint es so, als hätte der übervorsichtige Shoa-Überlebende und pensionierte Historiker Silverstein nur durch seine vorausschauende Existenz und durch sein Leid der Vergangenheit alles Übel von seiner Familie ferngehalten. Als Herman Silverstein an einer Infektion mit multiresistenten Bakterien infolge eines Krankenhausaufenthaltes nach seinem Unfall stirbt, brechen die Dämme, und es kommt knüppeldick für die Familie. Saar, seine Tochter, wird beim Joggen angefahren und vergewaltigt, ihr Sohn Mitch bricht sein Studium in Amerika ab, wird US-Marine und will nach einer Bootcamp Ausbildung in den Krieg nach Afghanistan ziehen. Die Wohnung von Saars Familie wird von zwei maskierten Tätern überfallen und ausgeraubt, die Saars Mann niederschießen und ihrer Tochter Tess wer weiß was angetan haben. So setzt sich die Tragödie Schritt für Schritt fort und eskaliert sehr rasant.

 

Selbstverständlich käme man als Leser*in irgendwann mal auf die Idee, dass eine derartige Häufung von unglücklichen Zufällen nicht mehr zufällig sein und dahinter auch eine Methode oder ein Täter stecken könnte. Leider nimmt uns die Autorin diese spannende Erkenntnis beim Lesen des Buches, indem sie schon fast von der ersten Seite an erstens die zukünftige Tragödie und zweitens auch die systematische Vernichtung der Silversteins in vagen drohenden, wabernden Andeutungen spoilert. So etwas ist ärgerlich, denn ich lasse mich in einem Buch sehr gerne, wie auch jeder andere in der Realität in seinem eigenen Leben damit umgehen muss, von ebendiesem Leben überraschen. Da kommentiert auch nicht eine allwissende Erzählerin, was noch passieren wird. Dies nimmt dem grandios konstruierten Plot sehr viel von der Spannung und dem Überraschungseffekt. Zudem stellen diese permanenten Andeutungen punktgenau die häufigsten Redundanzen in der Erzählung dar, und gehörten eigentlich auch stilistisch unbedingt eliminiert. So, das war es aber schon mit meinen Kritikpunkten, die trotzdem sehr wenig an der Güte dieser Geschichte ändern können.

 

Saar erkennt nach und nach das System, das hinter dem vermeintlichen Unglück ihrer Familie steckt und identifiziert in detektivischer Kleinstarbeit als Einzige in der Familie den Täter, der als Mastermind hinter all diesen Katastrophen steckt. Dabei findet sie auch noch einiges über ihren toten Vater und ihren Sohn heraus. All diese anfänglichen Vertuschungen sind möglich, weil alle Familienmitglieder aus Scham, falscher Rücksichtnahme, mangelnder Kommunikationsfähigkeit und falscher Einschätzung der Situation ihre Geheimnisse bewahren und sich gegenseitig nicht alles beichten. Das System Familie Silverstein ist also auch kompliziert und spielt dem Täter vorerst in die Hände. Hier hat Jessica Durlacher großartige Charakter- und Beziehungsstudien vorgelegt, die sich in den sehr detaillierten und liebevoll konzipierten Figuren manifestieren.

 

Sprachlich hat mir das Werk auch ausnehmend gut gefallen und inhaltlich legt es dem Leser natürlich noch ein Paradebeispiel von jüdischer Identität in modernen Zeiten vor. Auch eine gehörige Portion der Thematik Antisemitismus und unterschiedliche Positionen einer Familie zum Umstand, dass ein Kind Soldat werden will und in den Krieg ziehen möchte, würzen dieses Familiedrama zusätzlich mit Spannung und moralischen Einblicken. Jetzt will ich aber gar nicht mehr zu viel von diesem grandiosen Plot spoilern, denn dann würde ich denselben Fehler machen, den ich an der Autorin kritisiere.

 

Fazit: Eine absolute Leseempfehlung, für dieses großartig konzipierte Familiendrama, das ohne die permanenten Vorankündigungen der Autorin sogar Züge eines spannenden Thrillers aufweisen würde.

Sachliche, informative Biografie über Wirtschaft, Politik und Medien

Haltung - Reinhold Mitterlehner

Ursprünglich dachte ich bei der Bestellung dieses Buches, dass ich die inhaltliche Brisanz, die politische Dimension und den Skandal in meiner Beurteilung von der sprachlichen und strukturellen Qualität dieser Biografie abtrennen müsste, aber dies ist erfreulicherweise gar nicht der Fall. Barbara Toth, die das Werk redaktionell betreut hat, hat diesbezüglich ganze Arbeit geleistet und auch die Skandalisierung, die einige politische Akteure schon vor Erscheinen der Biografie proaktiv und teilweise sehr hinterlistig hinausposaunt haben, ist ausgeblieben, denn Mitterlehner hat sich nicht mitreißen lassen, er spricht die Fakten sehr sachlich an, beschönigt zwar nichts, aber er wirft weder unnötig mit Dreck, noch stilisiert er sich weinerlich zum Opfer. Wer sich also eine Schlammschlacht erwartet, wird enttäuscht sein. Mir hat dieser sachliche, konstruktive Stil aber sehr gut gefallen. Insofern bin ich richtig froh, dass ich das Buch in seiner Gesamtheit durchaus loben kann, wenngleich es nicht für jedermann geeignet ist. Die größten Stärken spielt dieses Werk aus, wenn politische und wirtschaftliche Zusammenhänge recht einfach und plastisch erklärt werden, daran Freude haben wird man/frau aber nur wenn Interesse für diese Themen besteht.

Ich habe das Buch in der turbulenten Woche rund um das Ibiza Video begonnen und mir wurde beim Lesen wieder schmerzlich bewusst, wie sehr ich den alten sachlichen christlich geprägten Stil des politischen Ausgleichs zwischen den Interessensgrupppen in der ÖVP und in der Regierung vermisse. Damals wurde konstruktiv gearbeitet und nicht jeden Tag eine neue Neonazi-Bundesgrauslichkeit produziert bzw. toleriert. Auch dieses "Streiten" der Parteien im Parlament, das uns ja seit den letzten Wahlen von der neuen (schon wieder abgesetzten) Regierung als Stillstand vernadert wurde, ist eigentlich gelebter Parlamentarismus und demokratischer Interessensausgleich zwischen den Akteuren, das stellt Mitterlehner ganz grandios dar und deckt sich auch mit meiner Meinung. Keine Diskussion in einer Regierung führt automatisch in die Autokratie und letztendlich in die Diktatur. Insofern ist diese Biografie gerade seit einer Woche aktueller denn je.

Mitterlehner beginnt mit einem kurzen Schlaglicht auf den Endpunkt seiner Karriere, seinem Rücktritt und rollt dann sein Leben chronologisch von Beginn an auf. Zuerst werden seine Wurzeln im kleinen Dorf im Mühlviertel beleuchtet und dann die Universitätszeit in Linz aufgerollt. Dieses Kapitel hat mich besonders interessiert, denn ich habe auch dort studiert und kenne daher den Großteil der genannten Akteure sogar persönlich. Insofern musste ich nie im Glossar nachsehen, was aber für einen Nicht-Kepler (Name der Uni Johannes Kepler Uni) möglicherweise etwas schwierig ist.

Auch jene Kapitel, wie Mitterlehner für einen ÖVP-Politiker etwas quereinsteigermäßig vom Wirtschaftsbund in die Regierung kam, waren nicht unspannend. Am besten haben mir aber die Kapitel danach gefallen, zum Beispiel als es um die Bewältigung der Wirtschaftskrise ging, die in Österreich durch ausgezeichnete volkswirtshaftliche Aktionen der Regierung relativ schaumgebremst beim Staatsbürger angekommen ist. Vor allem jene Aussage und Klarstellung, dass uns die große Koalition über die Wirtschaftskrise geholfen hat, die Instrumente für den Ansprung der Konjunktur aber verzögert wirken, ist glatt aus dem VWL-Lehrbuch vom Prof. Schneider (Uni-Linz). Dass somit die Loorberen für diese guten Aktionen aber erst die nächste Regierung einfährt, ist dem Wähler auch so gut wie nie bewusst, so eine Situation haben wir in vielen Ländern wie z.B. auch in Amerika.

Was Mitterlehner in prinzipieller Einstellung zu den Flüchtlingen zu sagen hat, ist sehr pragmatisch, sehr christlich und außerordentlich wohltuend gut, wenngleich er auch die Versäumnisse und Untätigkeit seiner Parteikollegen wie Mikl Leitner in der Flüchtlingskrise massiv beschönigt. Man kann als Innenministerin eben nicht die Hände in den Schoß legen und die Schuld auf die Länder schieben, vor allem wenn jene Länder, die einer menschlichen Flüchtlingsunterbringung besonders unkooperativ gegenüberstehen, ausgerechnet zur eigenen Partei gehören.

Im Kapitel Machübernahme wird dann klar, dass und wie minutiös Sebastian Kurz die Sprengung der Regierung und die Ablösung des Parteivorsitzenden geplant hat und auch welche Protagonisten hier hinterrücks intrigiert haben. Das war ja der spannende Punkt in der Biografie, vor dem sich viele Politiker gefürchtet haben. Für dieses Kaptiel muss man Mitterlehner wirklich Hochachtung zollen, wie klar und sachlich er alles beschreibt, ich hätte das nicht gekonnt. Dennoch wird natürlich offenbar, wie die Strategie von den neuen Türkisen auch in den letzten Wochen wieder betrieben und wie versucht wird, dem Wähler ein völlig anderes Narrativ aufs Auge zu drücken. Wenn man aufmerksam liest, kommt natürlich klar heraus, dass hier nicht mehr Politik für ein Land gemacht, sondern nur noch macchiavellistisch auf Machterhalt gepocht wird.

Aber auch nach seinem Abschied und der sachlichen Mini-Abrechnung beziehungsweise Klarstellung seiner Absetzung hat Mitterlehner noch spannende Abhängigkeiten und Strukturen aufzudecken. Fast prophetisch kritisiert er die ungünstigen Verflechtungen von Medien und Politik in Österreich, die so in Deutschland gar nicht stattfinden könnten, ohne Rücktritte zur Folge zu haben. Das ist fast wortwörtlich dasselbe, das Florian Klenk am 22.5.2019 bei Markus Lanz dargelegt hat. (Die ganze Sendung findet Ihr hier, man beachte auch die Ausführung zu Gesetzen von Autorin und Verfassungsrechlerin Julie Zeh, die dieselbe Meinung wie Mitterlehner zum politischen legislativen Prozess vertritt) Es ist schon gruselig, was hier im letzten halben Jahr offenbar wurde, wie schnell sich einzelne bei Kronenzeitung und Kurier einkaufen können, teilweise Zeitungen und Meinungen auf dem freien Markt für den Bestzahlenden zur Disposition stehen und dementsprechende lohnschreibende, politikmachende Chefredakteure quasi als verlängerter Arm des Parteipressedienstes installiert werden. Zudem hat Mitterlehner auch den poliitichen Umbruch in der Medienlandschaft durch Social Media sehr gut verstanden.

"Momentan erleben wir eine totale Umwälzung in der politischen Kommunikation, die massive Folgen für die Demokratie haben wird. Parteien bauen sich ihre eigenen Medien auf mit eigenen Social Media Kanälen und eigenen Bewegtbild-Agenturen. Sie brauchen klassische Medien immer weniger und können unabhängig davon informieren und agieren. Sie sammeln Daten - da sind teilweise bis zu hundert Leute angestellt - das alles zu steuern.[...]
Das sind schlechte Aussichten für Bürger sich einzubringen. Was könnte eine vernünftige Gegenstrategie sein? Erstens selektives Umgehen mit Informationen und Nachrichten und andererseits das Agieren mit den gleichen Instrumenten. Zum Beispiel indem man sich vernetzt, austauscht und Plattformen bildet damit man rasch zum politischen Faktor wird."


Das Funktionieren dieser Strategie als politischen Aktivismus eines Bürgers hat uns gerade Rezo in Deutschland beispielhaft vor Augen geführt.

Fazit: Manchmal ein bisschen zu beschönigend, aber ein sehr gutes politisches Buch, das auch die Hintergründe von politischen Prozessen und Wirtschaft ausgezeichnet und relativ einfach für den Laien erklärt. Von der Sprache und vom Aufbau her ab und an zwar ein bisschen zu brav und sachlich vielleicht um eine Nuance zu wenig fetzig, aber Politik muss ja auch nicht immer so populisitisch geilomäßig daherkommen - davon hatten wir in letzter Zeit ohnehin zuviel. Insofern sehr wohltuend. Die Biografie werden aber wirklich nur Leute genießen können, die sich für Politik und Wirtschaft interessieren.

Moderner Feminismus für Jedermensch: intelligent, witzig und authentisch

Untenrum frei - Margarete Stokowski

Kann ich ein aktuelles Feminismusbuch Männern und Frauen gleichermaßen empfehlen? Ja, seit Kurzem kann ich das, nämlich dieses. Margarete Stokowski hat mit ihrem Werk in leichter Form – ich meine hier den sprachlichen Ton, der LeserInnen die Inhalte abseits von gelernten Feminismustheorien und Vorwissen leicht rezipieren lässt und beileibe nicht leichtgewichtige Inhalte – einen ausgezeichneten Beitrag zu diesem Thema abgeliefert.

 

Locker, flockig, persönlich, witzig und sehr intelligent bringt uns die Autorin episodenhaft die strukturellen und angelernten Probleme des Feminismus nahe, spickt diese aber mit belegten Hintergrundinformationen und Quellen und würzt sie zudem mit eigenen Erfahrungen. Großteils werden Sozialisationsmuster von der frühesten Kindheit an über die Pubertät bis ins Erwachsenenalter identifiziert – aber nicht anklagend, sondern wahrhaftig und manchmal sogar augenzwinkernd – sehr klug, aber nicht belehrend präsentiert. Dabei nimmt sie nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen in die Pflicht, an dieser Veränderung mitwirken zu müssen. So geht Feminismus at its best.

Dieser leichte witzige Umgangston mit dem Thema liegt vielleicht auch daran, dass Stokowski sich – so wie ich persönlich – erst sehr langsam, nach und nach zu einer Feministin entwickelt hat, wie sie im Vorwort ihre Position genau darlegt. Das macht sie herrlich unradikal, unkompliziert, aber doppelt so glaubwürdig, wenn sie trotzdem humorvoll, aber unbeirrbar die richtigen Themen anschneidet, mit einem Augenzwinkern die Finger in die Wunden legt und sich sogar selbst eingesteht, dass sie sich in der Vergangenheit oft hat unterbuttern lassen.

 

Im Kapitel Kindheit und Jugend geht es selbstverständlich um die Sozialisation, die die Muster von Benachteiligung bereits so früh zementiert, dass sie uns gar nicht auffallen. Die Fakten sind ohnehin bekannt, aber sie liegen nun alle gleichzeitig auf dem Tisch, werden wirklich gut präsentiert und die Zusammenhänge detailliert aufgezeigt.

Besonders herausheben möchte ich die tiefgründigen Analysen über das falsche Bild von Körper und Sexualität, das Jugendzeitschriften beiden Geschlechtern und später Frauenzeitschriften vollends ruinös vermittelten. In diesem Fall hätte die Generation Internet nun durchaus einen Startvorteil und Informationsvorsprung, den sie zu nutzen wissen könnte, würde sie die richtigen Kanäle frequentieren.

Vielleicht kommt die Wut, die ich heute auf Frauenzeitschriften und vermeintliche Sexratgeber habe, auch daher, dass ich für solches Zeug bis zu meinem achtzehnten Lebensjahr so viel Geld ausgegeben habe. Es wäre wahrscheinlich sogar besser und sogar gesünder gewesen, das komplette Geld für Drogen auszugeben.

Dieser knackige provokative Ausspruch der Autorin ist angesichts Bulimie, Magersucht und Ritzen, im Gegensatz zur relativen „Harmlosigkeit“ von Marihuana in der Pubertät durchaus mal eines kurzen Gedankens wert. Und Margarete Stokowski weiß, wovon sie spricht, hat sie doch selbst dies auch durchgemacht, erzählt authentisch und ungeschminkt von ihren Problemen.

Solange wir damit beschäftig sind – und wir wollen sagen nachhaltig damit beschäftigt sind -, panisch zu wenig zu essen […] solange wir uns Schminktipps im Internet ansehen und uns nach Cellulite abtasten, haben wir den Sieg nicht verdient in der Schlacht – um was eigentlich? Weltherrschaft, okay, dann halt, aber – Was ziehe ich da an? Ich kann da nicht hin. Ich kann diese Weltherrschaftssache nicht machen, wenn ich nicht mal weiß, wie man sich zu solchen Gelegenheiten korrekt und dennoch weiblich kleidet.

Keine Sorge, wenn ihr nun aufgrund meiner bisherigen Zitate glaubt, Stokowski nähme nur die Frauen in die Pflicht und hätte unter dem Deckmantel des Feminismus ein antifeministisches Buch geschrieben, seid Ihr auf dem Holzweg. Nein, sie greift ganz klar auch männliche Verhaltensweisen beziehungsweise starre, bestehende Hierarchien auf und montiert diese witzig ab.

Wenn ein System oder eine Hierarchie erst einmal etabliert ist, gibt es tausend Möglichkeiten, sie zu rechtfertigen. Da der Ist-Zustand irgendwie geworden ist, findet man für ihn auch immer Begründungen. Sich auf die Steinzeit zu stützen, oder das, was man von den Flintstones über sie weiß – ist praktisch, denn die Vergangenheit hat ja offensichtlich schon mal funktioniert. Als die Vergangenheit war, ist die Welt nicht untergegangen. Bei der Zukunft weiß man das nicht.

:D Ein gutes Verfahren, diesem Totschlagargument zu begegnen, ist es, in dem Zusammenhang mal diese Strategie bis zum Ende mit dem Gesprächspartner durchzuspielen, dann auch alle anderen Errungenschaften der modernen Welt zu negieren (z.B. konkret auf das Mobiltelefon in der Hand des Gegenübers zu verweisen, dies anzusprechen), den Bewahrungsgedanken laut und humorvoll fortzuspinnen, zu pervertieren und uns allesamt gleich geistig wieder zurück zu den Affen auf die Bäume zu schicken.

 

Dass Stokowski bei dieser populärwissenschaftlichen Präsentation durch die lockere Tonalität und den Blick über den Tellerrand der Disziplinen manchmal vom Hundertsten ins Tausendste kommt, ist natürlich auch vorprogrammiert. Einige Männer, die ich kenne, allesamt ohnehin Feministen, haben die mangelnde Struktur des Buchs kritisiert. Sie haben zwar Recht, aber ich glaube, sie sind auch nicht die Zielgruppe. Diese Spezies haben wir ohnehin schon an unserer Seite, in der Forderung um Teilhabe, Geschlechtergerechtigkeit und Minderheitenförderung. Für ein Sachbuch im Rahmen des Feminismus ist dies meiner Meinung nach aber die perfekte Strategie, nicht so sehr die Struktur, sondern Leichtigkeit, Humor und Spannung bei diesem Thema zu forcieren, damit der Inhalt möglichst breit rezipiert werden kann. Sind die Feministinnen ohnehin schon seit der zweiten Welle der Bewegung in den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts als humorlose Emanzen verschrien, kann mit so einer Präsentation vielleicht einmal für Otto oder Ottilie Normalverbraucher von der Ablenkung durch Kritik bezüglich Form und Humor abgesehen werden. Vielleicht dringen somit endlich mal die Inhalte und die Ideen durch diesen Schutzwall ins Hirn hinein. Insofern ist nämlich dieses Buch wirklich ein bisschen anders als die klassischen Werke zu dem Thema (wie Beauvoir, Schwarzer und Konsorten), die ich selbstverständlich jedem zu lesen empfehle, was auch Frau Stokowski in ihrem historischen Abriss den LeserInnen so ganz nebenbei vorschlägt. Bei strukturiertem, todernst präsentiertem Feminismus verdrehen sogar oft Frauen die Augen.

 

Bis kurz vor Ende des Buches hat mich also die nicht so präsente Struktur des Werks überhaupt nicht gestört, aber der Schluss verpufft total, es fehlt einfach die Klammer, der Abschluss, auch deshalb, weil die aufgestellte optimistische Prämisse zudem auch noch bewiesenermaßen empirisch falsch ist.

Die Idee, dass Frauen unveräußerliche Rechte haben, lässt sich nicht mehr so leicht aus den Köpfen vertreiben. Es sind die Ideen, die nicht mehr in den Krug zurückzubringen sind.

Ein kurzer Blick in das Geschichtsbuch belehrt uns bedauerlicherweise eines Besseren. Schon mal was von der Iranischen Revolution 1978/79 gehört? – Noch nicht lange her. Wir sollten uns also nicht nur für ein Vorantreiben des Feminismus einsetzen, sondern auch verhindern, dass die Uhr zurückgedreht wird und wir wieder aus dem öffentlichen Leben ins Haus entsorgt werden. Eine Art von Gilead (Margaret Atwood) ist gar nicht so weit weg von uns, im Iran schon seit fast vier Jahrzehnten und mehreren Generationen reinstalliert, bei den Taliban war das Intermezzo zwar vorübergehend, aber so etwas kann immer wieder passieren. Dieser Kritikpunkt ist aber aus meiner Sicht Jammern auf sehr hohem Niveau.

 

Fazit: Ein wirklich großartiges Buch zum Einstieg in die Ideen und Konzepte des Feminismus. Könnten sogar NichtfeministInnen lesen, ohne dass ihr Gehirn explodiert oder der Humor Harakiri begeht.

Anti-Feminismus-Gekuschel

Alte weiße Männer - Sophie Passmann

Sophie Passman ist mit ihrem Sachbuch angetreten, den Archetypus des „Alten weißen Mannes“ zu erforschen und hat hierzu alte oder mittelalte, weiße, gut situierte Männer über diesen Begriff, ihre Privilegien und zum Feminismus interviewt. Sehr bald schrieb ich im Geiste eine Notiz an mich: „Nimm bitte auch den Untertitel eines Buches todernst!“, denn der darin angedeutete Schlichtungsversuch, den ich ursprünglich dafür gehalten habe, dass er dazu da wäre, damit männliche potenzielle Leser nicht vorab schon vergrault werden und eine komplette Demontage erwarten, geht weit über eine simple Annäherung und Schlichtung hinaus.

 

Was hier im Rahmen des Journalismus veranstaltet wird, ist tatsächlich schockierend: absolut keine einzige kritische Frage, begeisterte devote Gefälligkeit, Faserschmeichlergelaber* während der Interviews, zudem aber sogar peinliche Elogen bei der Transkription der Befragungen im Nachgang und in der Analyse der Personen, die geneigte LeserIn muss sich tatsächlich vom Archetyp des privilegierten alten weißen Mannes den Feminismus und die Privilegien, die angeblich kaum vorhanden sind, mansplainen lassen. Boah ist das ärgerlich, das muss ich ohnehin täglich in meinem Leben ertragen, dass mir ein alter Mann, oft sogar jünger als ich, auf jeden Fall aber weniger erfahren oder total unerfahren in meinem Fachgebiet, meinen Hobbies, meinem Körper etc. die Welt erklärt.

 

Selbst ein typischer alter weißer Mann und Lesefreund in meinem Goodreads-Netzwerk, der als 50+ Finanzmanager genau zu dieser Zielgruppe gehört und dieses Buch auch gelesen hat, sagte: „Gerade in der ersten Hälfte des Buchs werden diese Kuscheltreffen dann irgendwann nervig.“

 

Beim ersten Interview habe ich die Begeisterung der Autorin ja noch verstehen können, denn Sascha Lobo, den ich auf der Frankfurter Buchmesse vor neun Jahren kennenlernen konnte, war tatsächlich auch in der Realität so offen und eigentlich „einer von den Guten.“ Dieser Begriff wird auch massiv von Sophie Passmann überstrapaziert. Spätestens ab Robert Habeck, Kai Dieckmann und Werner Patzelt ging mir dieses augenaufschlagende, gefällige, sich selbst erniedrigende Kleinmädchengehabe ordentlich auf den Geist. Ja, Ihr habt richtig gehört. Sophie Passmann stellt nicht nur keine einzige kritische Frage – keine einzige Konfrontation, nicht mal eine höfliche, findet statt, sondern sie kokettiert in der nachträglichen Analyse sogar mit Erniedrigung und Selbstabwertung, wenn sie ihre Beziehung zu den Interviewten beschreibt. Ich habe keine Ahnung, ob das Ironie sein soll, sie funktioniert auf jeden Fall nicht, und kontraproduktiv ist so ein Verhalten gerade bei diesem Thema auch. Beispiele gefällig? Gerne.

Aber selbst mir als Witzemädchen aus dem Internet fällt auf, dass Habecks Argumentation ziemlich gefällig ist.

Erst also trifft Poschardt die Spitzenpolitikerin einer der Regierungsparteien, dann mich. Es ist ein brachialer Abstieg für einen Vormittag.

Das ist unglaublich und unfassbar – da bleibt sogar mir die Spucke weg. Vielleicht sollte ich meine Position zum Feminismus auch noch verorten, damit Ihr meine Entrüstung verstehen könnt. Ich bin keine Pflasterstein-Feministin, befinde mich derzeit im Alter von 50+ und war in jungen Jahren in den 80ern nicht feministisch eingestellt. Selbstbewusst ja – aber ich hatte damals genug damit zu kämpfen, zu überleben, und aus einer sehr schlechten Ausgangsposition meine eigene Bildung und meinen Status ohne Unterstützung meiner Familie abzusichern beziehungsweise voranzutreiben. Was mir natürlich vor allem aufgrund unserer weiblichen Vorkämpferinnen auch gelungen ist. Ich hatte damals keine Zeit für politische oder gesellschaftliche Betätigung neben Vollzeitjob und Studium. Erst als ich meine Ziele erreicht hatte und Atem schöpfen konnte, fielen mir die ersten Diskrepanzen auf, dass sogar in einem universitären Umfeld mit Frauenquote nicht die Leistungen zählen. Je älter ich werde, desto mehr fällt mir diese Ungerechtigkeit tagtäglich auf und desto feministischer werde ich. Vor allem wenn Frau in einem technischen Beruf arbeitet und im Internet exponiert ist, muss sie täglich mit Mansplaining, Sexismus und teilweise auch Beschimpfungen rechnen, auch wenn sie sich nur zu Sachthemen äußert. So werde ich täglich mehr zu einer Feministin, als die ich früher gar nicht bezeichnet werden wollte.

 

Zwischendurch werden natürlich in diesem Sachbuch auch von den sich selbst beweihräuchernden, privilegierten Silberrücken von sich aus ohne Zutun der Autorin einige verwertbare kluge Statements abgelassen, die den Titel des Buches unterstützen, das Wesen des „Alten weißen Mannes“ ein bisschen erklären und die geänderte Situation klug analysieren, zum Beispiel dass sich durch Digitalisierung und Vernetzung in den neuen Medien, wie auf Twitter, die Ausgangsposition von jungen Frauen gegenüber dem angesprochenen Archetypus positiv verändert hat. Hier wird aber total verdrängt, dass dies ausschließlich ein Generationenproblem darstellt und die jungen Männer der Generation Digital-Natives die Frauen derselben Generation sogar bei Fachthemen bereits massiv online bedrängen, beschimpfen, sie in sachlichen Diskussionen mit Äußerlichkeiten beleidigen und teilweise sogar belästigen, nur um sie aus dem digitalen Diskurs und der Online-Sichtbarkeit hinauszudrängen. Die nächste Generation der alten weißen Männer hat sich also schon in Position gebracht.

 

Am Grotesksten wird die Situation dann dadurch, dass Sophie Passmann auch noch Schwurbel und Vollzeitpascha Rainer Langhans unwidersprochen ohne böse Gegenfrage von seiner krausen Theorie des Opferfeminismus daherschwadronieren lässt. Da geht mir dann sprichwörtlich die Hutschnur hoch, wenn man diesem Mann auch noch eine nette Bühne für seinen Sexismus bietet, auf der er ohne Unterbrechung und Reflexion seine grauslichen Thesen ausbreiten kann.

 

Fazit: Eines der antifeministischsten Bücher von einer Feministin, das ich jemals gelesen habe, in dem man zwar den richtigen Männern, aber auf einem Podium ohne Gegenfragen und Diskurs mit viel zu langer Redezeit unreflektiert ein Thema zum Mansplainen überlässt. So etwas Sinnloses kommt dann dabei raus. Das ist genau so, wie wenn man (frau – Ihr seht, ich hab nicht mal ordentlich zu gendern gelernt) Politiker ohne Gegenfragen ihr Selbstvermarktungskonzept abspulen lässt (der Vergleich ist aus aktuellem Anlass in Österreich nicht zufällig gewählt). Mensch (Ha! :-) ) fühlt sich sprachlos, ohnmächtig, ein bisschen beschmutzt, gelangweilt, bekommt keine einzige Frage beantwortet, bringt das Thema kein Jota voran und hat das Gefühl, seine Zeit vergeudet zu haben. Ach ja, noch ein Nachtrag: Was Anne Will im Rahmen dieses Buchs als lustigen Feminismus versteht, ist mir völlig schleierhaft. Dieses Originalzitat steht auf dem Einband, und darüber wundere ich mich auch kräftig.

 

* Faserschmeichlergelaber – Kennt Ihr noch die Werbung aus den 80er- und 90er-Jahren? „Wir sind die Faserschmeichler, die kleinen Faserschmeichler, wir schmeicheln und schmeicheln und schmiegen uns an und an der Wäsche spüren Sie’s dann.“  Für den vertonten Werbeclip – Achtung Ohrwurm – bitte hier clicken.

Vergnügliches Geriatriegemetzel

Altenteil - Rainer Nikowitz

„Wer bringt denn Leute um, die sowieso bald von selber sterben?“
Diese sehr berechtigte Frage stellt sich der Autor in seinem bitterbösen mit dunkelschwarzem Humor getränkten morbiden Kriminalroman, indem er das Setting seiner Mordhandlungen in ein Seniorenheim verlegt. Hier möchte ich vorab gleich eine Warnung herausgeben, denn wer bezüglich der Grauslichkeiten* des Alterns etwas zart besaitet ist, sollte diesen Roman meiden, Rainer Nikowitz spricht sie alle an … plastisch, gnadenlos und teilweise bis zur Schmerzgrenze widerlich. Ganz meine Abteilung, aber ich darf das ja auch lustig finden, bin ich doch seit 2018 in die Gruppe der UHU’s aufgenommen worden und sollte mich mit dem nötigen Galgenhumor schön langsam genau auf diese Situation vorbereiten.

 

Im dritten Band seiner Kriminalreihe rund um Suchanek, den Ermittler wider Willen, der permanent unschuldig in solche mörderischen Kalamitäten hineingezogen wird, hält dieser sich also längerfristig in einem Altenheim auf. Warum? Alleine schon wie der Autor diese Situation auflöst, beschreibt die Skurrilität des Plots. Den notorischen Kiffer hat es zwangsläufig einmal tatsächlich erwischt, er ist mit 100 g Marihuana aufgegriffen worden und wurde vom Richter postwendend zu einer gehörigen Portion Sozialstunden im Haus Sonne, der Aufbewahrungsstation für halbtote Senioren, vergattert.

 

Kaum trifft unser Antiheld an seinem neuen längerfristigen Arbeitsplatz ein, hat die Einführungen des Pflegepersonals über sich ergehen lassen, die Situation gecheckt und sich nächtens durch die Beschaffung von THC-freiem Urin für die nächste gerichtliche Überprüfung in abgesperrte Bereiche des Heims begeben, stolpert er prompt über die in einer Waschmaschine befindliche erste Leiche, die aber nicht die einzige in dieser Geschichte bleiben wird. Ist der Mörder jemand vom Pflegepersonal? Oder ein Angehöriger, der den Eintritt der Erbfolge nicht erwarten konnte? Der Verdächtigen sind viele, die dem Leser gemäß einer möglichst optimalen Krimikonstruktion ein lustiges Mörderraten bescheren. Zudem ist einer der potenziellen Seniorenmetzler, der Enkel einer Insassin, auch noch sein ehemaliger Nebenbuhler um die Gunst der schönen Susi, der großen Liebe Suchaneks aus seinem Heimatdorf, der das Rennen um die Frau auch noch gewonnen hat.

 

Auch die anderen Figuren sind sehr liebevoll bis ins letzte Detail entwickelt, Frau Zillinger, eine demente Patientin, die immer wegläuft und eingefangen werden muss, alle Figuren aus medizinischem und Pflegepersonal, von denen jeder so seine Geheimnisse hat, und die teilweise den Arbeitsplatz für die Abwicklung ihrer krummen Geschäfte nutzen, der hellwache, aber gelähmt ans Bett gefesselte ehemalige Universitätsprofessor Renner, der eine ganz fiese, bitterböse Ader hat und sich zumindest geistig als Hobbyermittler und kriminologischer Berater Suchaneks betätigt, die pensionistische Saunagruppe, die den Begriff Sex im Alter zumindest für mich neu definiert hat … .

 

Alle sind wundervoll, sehr genau, treffend und teilweise bis zum Anschlag boshaft und respektlos mit spitzer Feder gezeichnet. Die Sprachfabulierkunst von Nikowitz ist ohnehin legendär. Die Wuchteln* fliegen wie schon in seinen letzten Romanen aus der Suchanek-Krimireihe tief – respektive infolge des Themas noch tiefer. So nun meine Triggerwarnung für total unkorrekten bösartigen Geriatriehumor – weiterlesen auf eigene Gefahr – gesteigert von größtenteils harmlos bis urgrauslich*.

Aber das wusste man ja über das Geriatriegeschwader. Frühe Vögel allesamt, flügellahm zwar, aber früh. Beim Aufstehen, beim Essen, bei allem. Wenn du willst, dass ein Alter um drei irgendwo ist, sag ihm, er soll um vier kommen.

Wozu klopfen Sie? Um mir das Gefühl zu geben, hier drin gäbe es noch Spurenelemente von Privatsphäre? […]

 

Ich weiß nicht, warum diese Sozialwimmerln (Anm. Pflegepersonal) immer so randvoll mit pickigem Betulichkeitseiter sein müssen. Immer besorgt, immer sendungsbewusst, immer hilfsbereit. Wenn er mir wirklich helfen will, dann erschießt er mich endlich.

 

Und sie war überall blond. Nicht, dass sich das bei den vielleicht vier Schamhaaren, die sich noch tapfer auf ihrem eingestürzten Venushügel festkrallten, groß ausgezahlt hätte. Aber sie hatte diese sogar noch, wie moderne Frauen das nun einmal taten, akkurat gestuzt. Und Suchanek hatte das Privileg, diese Pracht aus nächster Nähe genießen zu dürfen […]
Wie er mit eindrucksvoll wogenden Hängetitten (ja der Gustl war ein Mann: warum die Frage?) und bis unter halbe Oberschenkelhöhe pendelndem Skrotum den schneidenden Alkoholdampf mit dem Handtuch auf einen herunterprügelte – das konnte nicht gesund sein.

Im Kriminalplot war zumindest für mich die Handlung bis zum Ende nicht durchsichtig. Der Täter und das Motiv waren zwar überraschend konzipiert, aber plausibel und plottechnisch nicht an den Haaren herbeigezogen. Für mich war also nicht nur die Geschichte, die Figuren, die Sprache und der böse Humor perfekt gestaltet, sondern auch mein Krimiherz wurde restlos befriedigt. In der letzten Szene war ich sogar richtig gerührt, denn der Autor schafft es auch noch, einen Schuss Traurigkeit in dieser bösen Story zu platzieren.

 

Fazit: Extrem genial und schon wieder ein absolutes Highlight in diesem Jahr. Ein witziger, grandios konzipierter Krimi, aber beileibe nicht für jedermann geeignet. Ich überlege mir gerade, das witzig unter Anführungszeichen zu setzen, lasse dies aber bleiben, denn ich fand ihn unglaublich lustig.

Altenteil von Rainer Nikowitz ist 2017 im Rowohlt Verlag in flexiblem Einband erschienen. Nähere Infos zum Buch über einen Klick auf das Cover im Beitrag oder auf der Verlagsseite.

 

*grauslich, Grauslichkeit – widerwärtig, ekelerregend.
*Wuchtl – ein Scherz der so heftig so witzig, tief und manchmal auch dreckig ist, dass er wie ein Fußball mitten in Dein Gesicht klatscht – die Bezeichnung Wuchtel kommt sogar aus dem Fußball, wurde aber in Österreich bald auf jedweden wirkungsvollen Scherz im Bereich der Ironie aber auch in tieferen Gefilden angewendet.

Integration light

Ein fesches Dirndl - Zdenka Becker

Dieses Werk ist ein Zeitgeistroman über Integration. Jetzt habe ich so überhaupt keine Probleme mit Zeitgeist, wenn sich dahinter viel Tiefe verbirgt, wenn aber nur ein bisschen auf modern und moderat an der Oberfläche gekratzt wird, langweile ich mich sehr schnell.

 

Wie die Autorin selbst in vielen Interviews anführt, hat die Geschichte autobiografische Züge.

 

Die Protagonistin Bea verliebt sich Hals über Kopf noch zu kommunistischen Zeiten in einen Österreicher, heiratet ziemlich schnell und zieht von Bratislava nach Wien. Die Anfangszeit ist hart, denn Zdenka Becker kommt schnell auf den Knackpunkt jeder Integrationsgeschichte: die Sprache. Bea hat einige Schwierigkeiten in der neuen Umgebung, aber sie will sich unbedingt integrieren. Wie eine Verrückte paukt sie manisch diese Sprache, die ihr anfangs so fremd ist. Gleichzeitig hat sie riesengroßes Heimweh, kein Heimweh nach Bratislava, sondern danach, ihre Muttersprache zu sprechen. Der böhmische Markt in Wien ist dabei eine kleine Hilfe, aber Tschechisch ist eben auch nicht ihre Muttersprache und Heimat, es wirkt nur wie ein Placebo.

 

Nach Hause kann Bea nicht so einfach. Erstens, weil der eiserne Vorhang diese sehr kurze, nicht mal einstündige Reise (80 Kilometer) von Bratislava nach Wien schwierig macht und weil sich ihre Familie zweitens extrem schäbig verhält. Alle fordern gierig Geschenke, die sich Bea einfach nicht leisten kann, da ihr Mann noch studiert und das Paar mittellos ist. Sogar ihre Eltern und die Schwester wollen nicht verstehen, dass Bea die Konsumgüter, die sie fordern, selbst nicht besitzt und sie ihnen nicht aus Geiz vorenthält. In dieser Situation verliert die Protagonistin ein zweites Mal ihre Heimat.

Witzig ist auch das Bonmot, dass bei der Einbürgerung in Österreich früher alle Tschechoslowaken zuallererst amtlich von allen Hatscheks im Namen befreit wurden. Wahrscheinlich deshalb, weil es diese einfach nicht auf der österreichischen Schreibmaschinentastatur gab.

 

Nach und nach überwindet Bea alle Probleme und lebt sich in Wien ein. Bis zu diesem Zeitpunkt hat mir die Story sehr gut gefallen, gibt aber vom fehlenden Dramafaktor durch die relativ friktionsfreie Eingliederung in die Gesellschaft, nur genug Stoff für eine Kurzgeschichte her.

 

Dann vollzieht die Handlung eine totale Vollbremsung und beginnt in einer Schleife von vorne, da Bea nach Niederösterreich aufs Land zieht und keinen Dialekt spricht. Hier wird erneut der Faktor Sprache bemüht und ich muss leider anmerken, dass hier etwas zu stark klischeehaft konstruiert wird, wie Leuten, die nur Hochdeutsch sprechen, in der Provinz begegnet wird. Abgesehen davon ist die redundante Handlung, auch wenn sie realiter genau so passiert ist, einfach nur langweilig.

 

Da das beschauliche Landleben und dessen Dramafaktor für eine weitere Romanhandlung nur bedingt tauglich ist, wird ein neues Element eingeführt. Durch Beas Unterrichtstätigkeit – sie lehrt Deutsch als Fremdsprache – werden der eigenen Integrationsbiografie nun weitere nicht so gelungene fremde Lebensläufe gegenübergestellt. An sich erachte ich das als eine gute Idee, wenn die Ausführung nicht so an der Oberfläche schwimmen würde. Bea konstatiert, beschreibt und beurteilt aus der Ferne die Symptome eines Flüchtlingstraumas, fragt aber auch nie genau nach, was tatsächlich passiert ist. Flucht ist eben nicht Auswanderung, dieser riesengroße Unterschied wird durch den Plot nie herausgearbeitet, sondern beide einfach nur nebeneinandergestellt. Diese mangelnde Tiefe in der Integrationssicht hat mich am meisten geärgert.

 

Symptomatisch dafür ist die Geschichte der Tschetschenin Maka, die in ihrer Heimat kein Kopftuch tragen musste, jetzt in Österreich aber schon. Man fragt sich als Leserin sofort: Warum? und natürlich wenn man sich mehr mit der Materie beschäftigt hat auch: Welches Kopftuch? Denn Kopftuch ist nicht Kopftuch. War es das politische, genannt Hijab oder nur eine Schaila? Oder sogar eine Al-Amira …? Tja, Bea fragt nie nach dem Warum, und deshalb bleibt uns auch der Roman all diese Antworten schuldig. Sehr undifferenziert, sehr oberflächlich, sehr ärgerlich.

 

Fazit: Schade! Das Setting hatte viel Potenzial zu einem grandiosen Roman, scheitert aber an flacher Mittelmäßigkeit, Undifferenziertheit und Stereotypen. Nicht schlecht, aber auch nicht gut, diese Geschichte. In Niederösterreich würde man sagen: „Ned Fisch, ned Fleisch.“

 

Immer Ärger mit Bernie auf austro-jugoslawisch

Rückwärtswalzer - Vea Kaiser

Als ich die Buchdeckel des Romans nach dem Lesen schloss, war ich erheitert, entzückt, verzaubert und auch traurig, weil die Geschichte schon zu Ende war.

Das liegt vor allem auch daran, dass die in der Überschrift angesprochene Hollywoodklamotte mit dem toten Bernie auf seiner Tour nur einen kleinen Teilaspekt dieser wundervollen tragikomischen Familiengeschichte der Prischingers darstellt, die auch noch einen realen problematischen wirtschaftlichen Hintergrund aufweist.

 

Im Gegenwartserzählstrang ist der Willi-Onkel, der ursprünglich aus Montenegro stammt, im Bett sanft entschlafen. Da er unbedingt in seiner Heimat begraben werden wollte und seine gesamte Familie auf Grund von finanziellen Problemen das Geld für die Überführung nicht aufbringen kann, wird er kurzerhand eingefroren und auf dem Beifahrersitz in einer 12-stündigen Autofahrt (berechnet ohne Pausen) an seinen Geburtsort verfrachtet. Mit von der Partie sind: Lorenz der Neffe seiner drei Tanten, als arbeitsloser Schauspieler auch ständig in finanziellen Kalamitäten, Tante Hedi, die Frau von Willi, die das Geld der Sterbeversicherung ihres Mannes vorab schon durch die Investition in den veganen Onlineshop der Tochter verbrannt hat, Mirl, die nach einer finanziell erfolgreichen Scheidung zwar ihrem Ex das letzte Hemd ausgezogen, dann aber alles Geld an einen Heiratsschwindler verloren hat und Wetti, die als alleinerziehende Mutter einer dunkelhäutigen Tochter ohnehin nie auf der Butterseite der Gesellschaft lebte.

 

In Rückblenden wird sowohl die Geschichte von Willis Familie im ehemaligen Jugoslawien als auch die der gesamten Prischinger-Mischpoche aufgerollt, und in diesem Fall dreht sich die heitere Tonalität der Gegenwart sehr schnell in eine sehr ernsthafte von bitterer Armut, Trauer, Leid und Katastrophen geprägte Geschichte. Sowohl die Prischingers, aus dem Waldviertel stammend, als auch Willi hatten es in ihrer Kindheit und Jugend nie leicht.

 

Als Fangirl der Autorin seit ihrem Erstlingswerk Blasmusikpop, das ich auch hier am Blog bereits besprochen habe, hat es mich auch noch besonders gefreut, dass ein Teil der Handlung sogar bei mir zu Hause im Bezirk Krems/Gföhl spielt, da Sepp, der Vater von Lorenz, als Magistratsdirektor der Stadt arbeitet. Da werden die sehr liebevoll beschriebenen Szenen und Lokalitäten, die sich natürlich durch den gesamten Roman ziehen, doppelt so wertvoll. Vea Kaiser hat sich aber auch im Ausland sehr viel Mühe gegeben. Nach ihren Ausführungen im Interview in der Sendung literaTOUR ist sie selbst mit dem Auto auf Onkel Willis Spuren in einer fact finding mission bis nach Montenegro gefahren. Ein Teil der Strecke ist auch nahezu jedem Ostösterreicher wohlbekannt, denn dies ist die Hauptroute für den Urlaub in den Süden, sei es nach Triest, Slowenien oder Kroatien, dort waren fast alle von uns irgendwann einmal schon seit den 80er-Jahren. Als man sich den ersten Urlaub leisten konnte, fuhren die Wiener und Niederösterreicher und Oststeirer nicht nach Italien, sondern nach Jugoslawien, weil das Meer viel schneller zu erreichen und der Urlaub nicht so teuer war.

 

An der Raststation Gralla, der letzten Labstation vor der slowenischen Grenze, an der man heutzutage immer eine Autobahnvignette kaufen sollte, treffen sie auf einen Bus bulgarischer Pflegerinnen, die natürlich auf Grund ihres Berufes sofort erkennen, dass Onkel Willi am Beifahrersitz nicht schläft, sondern tot ist. Sie finden aber nichts dabei, Verstorbene auf diese Weise auf ihrer letzten Reise nach Hause zu transportieren, haben sie dies aus Geldmangel auch schon mehrmals mit Ihrem Bus praktiziert. Als Profis wissen sie sich zudem zu helfen und verschaffen dem gefrorenen Onkel Willi ein besseres Make-up, das ihn gesünder und frischer erscheinen lässt.

 

Die Figuren sind genauso wie die beschriebenen Orte wundervoll und sehr tief entwickelt, jeder der Protagonisten hat so seine schrägen Marotten, Probleme und Traumata, die sich aus der Vergangenheit schlüssig nach und nach ergeben. Zudem werfen einige Familienmitglieder sehr entwaffnend mit hintergründigen Weisheiten um sich.

 

So demonstriert Tante Wetti am furiosesten, wie man eine Person of Color (POC) auch beschreiben kann, entwaffnet und entlarvt somit vorab schon jegliche rassistische Anwandlung. Tante Wetti rockt sowieso mit ihren pointierten Aussagen den gesamten Roman und ist meine absoulte Lieblingsfigur von allen Personen, von denen alle irgendwie – zumindest ein bisschen – symphatisch gezeichnet wurden.

Mein Kind ist ein Mensch mit etwas mehr Melanin in der Basalschicht ihrer Epidermis als der milchrahmstrudelfarbene Österreicher, wieso beschäftigt das die Leute so?

Die Handlung in der Gegenwart strotzt nur so von wundervoller absurder Situationskomik und gipfelt in einem ans Herz gehenden Happy End. Zudem hält auch die Familiengeschichte von Willi aus der Vergangenheit einige überraschende Wendungen parat. Der Roman ist also nicht nur lustig und traurig, sondern zudem auch hintergründig, nachdenklich machend und teilweise richtig spannend.

 

Fazit: Für mich ein genialer Buchstoffhöhepunkt 2019 und trotz der vielen guten Bücher, die ich heuer schon lesen durfte, bis jetzt Number One gemeinsam mit einem anderen Werk, das das genaue Gegenteil dieses optimistischen Romans darstellt. Ich habe lange nach einem Kritikpunkt gesucht, aber für mich einfach keinen gefunden.

Ach ja die Manen im Untertitel des Romans sind kein Orthografiefehler sondern die altrömischen Geister der toten Verwandten, die aus dem Jenseits auf ihre lebende Familie aufpassen und alles zum Guten wenden, wenn sie ordentlich begraben werden. Diese Aufgabe hat der verblichene Onkel Willi sowas von übererfüllt, dass es eine Freude ist.

Ein mühsamer Weg durch eine Essstörung, der nur bis zur Hälfte spannend ist

Stalins Kühe - Sofi Oksanen, Angela Plöger

Wenn ich so lange mit einem Buch brauche, obwohl ich sogar Urlaub habe, dann habe ich ordentliche Probleme damit. Wie auch hier bei Stalins Kühe.

Die Geschichte beginnt durchaus sehr spannend mit Anna, einer Aneorexie- und Bulimiekranken die sich und ihr Leben völlig ihrem sogenannten Herrn (respektive der Krankheit) unterordnet. Dabei scheut sich Sofi Oksanen auch nicht, sehr anschaulich und plastisch also auch richtig grauslich die detaillerte Beschreibung des Fress- und Kotzvorgangs einer Bulimiekranken zu schildern. Das ist harter Tobak und nichts für zarte Gemüter, gibt aber einen grandiosen Einblick in die Auswirkung der Krankheit und wie die Essensbeschaffung inklusive Vertuschung das gesamte tägliche Leben dominiert. Das ist sehr realistisch beschrieben und sehr gut.

Weiters wird durch den typischen Oksanen Schreibstil - dekonstruierte Handlung durch Szenen- & Zeitenwechsel im Stakkato - die Rezeptionsfähigkeit des Lesers arg strapaziert und der Plot kommt äußerst langsam in Schwung. Die Haupthandlung der kranken Anna plätschert so dahin und stroboskopartig poppen zirka alle 20 Seiten für 2-4 Seiten Flashlights aus der Vergangenheit insbesondere die Geschichte der Eltern und der Großeltern von Anna auf. Diese Art der Romankonzeption durfte ich schon in Fegefeuer über mich ergehen lassen.

Nach einer Weile hatte ich mich zumindest teilweise an die schnellen Szenenwechsel gewöhnt, konnte die Geschichte der Mutter und des Vaters mosaikartig zusammenstellen und die Handlung ging voran. Kein Wunder dass Anna an Anorexie bzw. Bulimie leidet. Schon seit frühester Kindheit muss sie die Traumata ihrer Mutter übernehmen, ständig vertuschen und verheimlichen: Jeder ist Feind, kommunistischer Spitzel, niemand darf erfahren, dass die typische finnische Anna eine estische Mutter hat, sie muss ihre Herkunft, ihre Muttersprache und ihre Identität verheimlichen, alle Frauen, die sich ein bisschen weiblich kleiden - also Röcke tragen  - sind Huren, in der Schule wird sie gemobbt, weil sie früh Busen hat.. . Sehr anschaulich wird dem Leser sehr genau und scheibchenweise der Grund für Annas Essstörung offenbart.

Von der Idee her war es ja gut gemeint, denn durch den Oksanen Stil sollten auch gleich die Ursachen der Traumata von Annas Mutter durch diese Flashbacks aus der Vergangenheit beleuchtet werden. Leider funktionierte dies aber bei mir überhaupt nicht. Erstens weil nur alle ca 50-70 Seiten ein 2 seitiger Schnipsel der Geschichte der Großeltern aufpoppt und zweitens weil diese verzwickte Verwandschaftsstory von Verrat und Kommunismus der großelterlichen Familie einfach für mich zu wirr und zu kopmplex war, um sie so homoöpathisch in ihrer Gesamtheit zu rezipieren. Wer ist mit wem wie verwandt? Wer hat wen verraten? Wer hat wessen Hab und Gut akquiriert? Sorry ich kriegte es einfach nicht zusammen. Wenn also ein mühsamer Stilgriff nicht funktioniert und letztendlich nicht zu einem AHA-Erlebnis führt, dann ist wird die gesamte Geschichte als mühsam empfunden.

Auch die Gegenwartsstory um die Bulimie kreist am Ende nur um sich selbst und entwickelt sich nicht weiter, wenn man vom Wechsel der Partner mal absieht, hat sich im Vergleich zum Beginn des Romans gar nichts geändert. Das ist auch langweilig. Außerdem ist der Roman viel zu lang  -echt jetzt 500 Seiten! - wobei ja die letzten 200 Seiten einfach gar nichts mehr passiert.

Fazit: Diesmal gibt es mit Bedauern nur 2,5 Sterne, weil mir Fegefeuer gut gefallen hat und ich an diesem Roman genau demonstriert bekam, wie das Oksanen Konzept auch aufgehen kann.