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Awogfli - Bookcroc

Ich bin Buchgourmet und Buchgourmand quer durch viele Genres

Vernon Pennerguru

Das Leben des Vernon Subutex 2: Roman - Virginie Despentes, Claudia Steinitz

Die Geschichte, die durch Vernons Couchsurfing in Teil 1 eine sehr rasante Achterbahnfahrt bis zum Totalabsturz mit Obdachlosigkeit auf der Straße vollführte, macht zu Beginn in Band 2 eine nerfenzerfetzend kreischende Vollbremsung und kommt auch irgendwie fast 120 Seiten nicht mehr in die Puschen.

 

Die bereits eingeführten Protagonisten suchen Vernon, aber sonst passiert nichts, sie entwickeln sich nicht weiter und man erfährt auch lange Zeit keine neuen Facetten von ihnen. Bis auf eine Figur, die Hyäne, dümpelt der von der Autorin so perfekt aufgestellte Freundeskreis Vernons ganz schön lust- und ambitionslos dahin. Auch Vernon lernt auf seinem Weg auf der Straße infolge seiner Krankheit so gut wie keine neuen Leute kennen, die ihm Impulse geben könnten.

 

Schon wollte ich ein bisschen am sanft aufkeimenden Frust verzweifeln, da bringt die schon erwähnte Hyäne Schwung in die Kiste, indem sie zuerst Alex Bleachs Bänder stiehlt und diese anschließend dem Grüppchen rund um Vernon vorspielt.
Was hier dem Leser angedeutet wird, ist atemberaubend. Möglicherweise gab es einen vom Ungustl Dopalet inszenierten Doppelmord. Chapeau, Frau Despentes, so eine Wendung im Plot hätte ich nicht erwartet. Sehr Cool!

 

Nach diesem Wendepunkt nimmt die Story unentwegt an Fahrt auf. Die Freunde organisieren sich, helfen Vernon und seinen obdachlosen Freunden und ein paar versuchen sich sogar mit total wahnwitzigen Aktionen an Dopalet zu rächen. Die Clique, die in Teil 1 Vernon nicht länger in ihren Wohnungen dulden wollte, wächst sehr stark zusammen Freundschaften werden erneuert und vertieft. Vernon wird zuerst der Sandlerkönig beziehungsweise Sandlerguru des Pariser Sommers und feiert weiter einen unentwegten Aufstieg.

 

So liebe ich Geschichten. War der erste Band der Reihe noch von grenzenlosem Zynismus geprägt, so blitzt nun so etwas wie ein bisschen Hoffnung und Menschlichkeit in dem von Despentes konzipierten Universum auf. Die Leutchen sind zwar noch immer zynisch und böse, aber sie entwickeln sich zum Besseren- Herrlich!

 

Fazit: Eine großartige Reihe, ich bin schon so gespannt auf Teil 3. Strengerweise muss ich aber mit Bedauern ein Sternchen abziehen, da es mehr als 120 Seiten Beschleunigung brauchte bis sich der Roman wieder in gewohnter Despentes Rasanz und Qualität bewegt. Das war mir um eine Nuance zu schaumgebremst.

 

Krieg und Frieden beim russischen Landadel

Es ist uns alles nur geliehen - Ursula Cerha

Die Chronik der Familie Kign aus Weißrussland ist zwar vom Plot her nicht besonders außergewöhlich innovativ konzipiert, sondern eine ganz normale Familienbiografie, und auch die Sprachfabulierkunst hat mich nicht unbedingt vom Hocker gerissen, dennoch ist sie einzigartig und empfehlenswert, da sie ziemlich genial in historische Ereignisse vor allem zur Zeit der russischen Revolution eingebettet ist und so en passant ein paar historische Details enthüllt, die wir in der Schule mehr oder weniger schon gelernt, aber nie so betrachtet haben.

 

Die Story aus Weißrussland beginnt in Österreich und rollt die Familienchronik über mehrere Generationen in Rückblenden auf. Die Kigns, väterlicherseits ein bisschen deutschstämmig, zählen zum russischen Landadel, sind aber wesentlich bodenständiger als Dostojewskis nutzlos philosophierende, hedonistische, ohne Geld kaum lebensfähige und mit dem Schicksal hadernde todunglückliche Figuren. Sie arbeiten und organisieren die Landgüter, kümmern sich recht fair um die freien Bauern und Angestellten, leben, lieben und leiden wie andere auch, aber nicht so dramatisch und mäandernde Sprache absondernd wie beim Altmeister der russischen Dichtung. Die Kigns sind fleißig, arbeiten selbst, machen sich die Hände schmutzig, haben unternehmerisches und politisches Talent und sind geerdet. Sie sind gegen den Autokratismus des neuen Zaren Nikolaus eingestellt, für die parlamentarische Monarchie und treiben die lokale Selbstverwaltung der Bauern im Rahmen von Semstwos voran. Der jüngere Sohn Alexej mit dem unternehmerischen Händchen und dem Talent für Lokalpolitik übernimmt den Bauernhof, Vladimir sein älterer Bruder ist als Journalist, Dichter, Richter und Revisor tätig. Mit 19 Jahren muss Alexejs Sohn Dimitri das Gut und die Unternehmen übernehmen, da sein Vater bei einem Unfall stirbt.

 

Dann kommen dem gemächlichen Fluss der Familiengeschichte zuerst der erste Weltkrieg und anschließend die Russische Revolution in die Quere. Sehr klar werden die wirklichen Motive Lenins und der gewaltbereiten Kader der Bolschewiken dargelegt, die nur auf Zerstörung aus waren. Selbst der ursprüngliche Sympathisant Gorki musste letztendlich erkennen:

Russland bedeutete dem „Weltverbesserer“ Lenin nichts, es war bloß ein Experimentierfeld für seine geplante Weltrevolution. Und: Für diese Utopie opfern die Bolschewiki das ganze Land. Mit tausenden von Leben und Strömen von Blut muss das Volk für deren Verbrechen bezahlen.

Dies ging sogar so weit, dass die Bolschewiki unbedingt eine Situation von Armut, Hunger und Verwirrung stiften mussten. Sie nahmen den Bauern nicht nur alle Lebensmittel ab, sondern auch das Saatgut, brannten die Häuser nieder, plünderten und verwüsteten die Felder, um eine Hungerkatastrophe zu provozieren.

Da verwundert es nicht, dass die Feinde, Österreicher und Deutsche, die auch zwischenzeitlich in Weißrussland einmarschierten, aber an der Effizienz der Landwirtschaft als Kornlieferant interessiert waren, wie Freunde empfangen wurden, da sie die ansässige Bevölkerung von Gräueltaten verschonten.

Es ist schrecklich und eine Schande, dass wir unsere Feinde wie Befreier erwarten.

So schlägt sich die Familie durch die Wirren der Revolution, wird von Schicksalschlägen heimgesucht, versucht mit Mut, Verhandlungsgeschick, Klugheit, Sturheit zu überleben und irgendwie zusammenzubleiben (oft auch vergeblich) und die Überlebenskünstler unter ihnen wandern von 1924 – 1926 allmählich nach Österreich aus.

 

Ursula Cerha hat für dieses Buch genaue Recherchen in den Archiven von St. Petersburg und Minsk unternommen, die historischen Ereignisse, sowohl die großen politischen Umbrüche, als auch die kleinen lokalpolitischen Fakten sind also in keinster Weise fiktiv. Schade ist eigentlich, dass die Familienchronik mit den ausgewanderten Schwestern endet und keinen Bezug bis in die Gegenwart zur Autorin und ihrer Familie mütterlicherseits herstellt (dies erfährt der Leser nur aus dem Klappentext). Da bleibt dann eine Lücke, quasi ein schwarzes Loch im Familienstammbaum. Es ist, als würde sich die Autorin als Erzählerin von ihrer eigenen Vergangenheit distanzieren, sie versucht sich fälschlich, als anonyme unbeteiligte Beobachterin zu installieren, indem sie alle Verbindungen kappt. Hier fehlt mir persönlich einfach der wesentliche Bezug.

 

Leider muss ich auch das Lektorat des Verlages kritisieren. Ich suche nicht wirklich nach Fehlern, und Ihr mögt mich vielleicht für einen orthografiezwangsgestörten Monk halten, aber mehr als zwei Fehler, die mir ins Auge springen, sind einfach zu viel. Umbruchfehler die am Satzanfang ein Wort stehenlassen, Wörter mit fehlenden Buchstaben am Satzanfang … da verlange ich in einer popeligen Masterthese mit der Auflage von 5 Stück mehr Genauigkeit, als der Verlag an den Tag legt.

 

Fazit: Lesenswert! Eine gute solide Familiengeschichte mit großartigen historischen Bezügen zu einem Land und einer Revolution, von der zumindest ich noch nicht so viele Details gehört habe.

Book2moviechallenge

Nachtzug nach Lissabon - Pascal Mercier


 9. ein Film/Buch von einem schweizer Autor:

Im Rahmen der Book2moviechallenge mussten mich ein paar Teilnehmer erst darauf aufmerksam machen, dass jener Band von Pascal Mercier, den ich zu Hause liegen habe – eigentlich von Peter Bieri unter einem Pseudonym geschrieben wurde und somit perfekt in meine Kategorie Verfilmung eines Schweizer Romans passt. Das Buch hat mir nicht gefallen, und so habe ich mich nun 2 Monate davor gedrückt, mir auch noch den Film anzutun. Da mich die Eigenschaft Beharrlichkeit auszeichnet, wenn nicht zu sagen ich mit Verbissenheit geschlagen bin, habe ich mir jetzt dennoch den Film auch noch angetan, und ich war ein kleines bisschen positiv überrascht, wie sehr man einen schlechten Plot durch Umgestaltung der Handlungen in einem Drehbuch noch zum Besseren wenden kann.

Buch: 2,5 Sterne ⭐️⭐️
Das Buch startet so ambitioniert, verspricht so viel, enttäuscht mit zunehmender Seitenzahl immer intensiver und zerschellt richtiggehend an seinen zu groß gewählten Vorbildern. Es ist eine richtige Tragödie.

Ein großartiger Start! Der 57-jährige Gymnasiallehrer Mundus Gregorius, Spezialist für tote Sprachen und auch sonst der langweiligste Mensch der Welt, hat plötzlich eine Epiphanie, als er eine fremde Portugiesin auf dem Weg zur Schule trifft, die von einer Brücke springen will. In einer Buchhandung findet er am selben Tag zufällig das Buch des portugiesischen Autors Adameu Inacio de Almeida Prado. Mundus hält dies für ein Zeichen und stellt sein monotones Leben in Frage, lässt alles liegen und macht sich mit Zug auf nach Lissabon, um den Spuren von Adameu Prado zu folgen und eine lebendige Sprache zu erfahren - was für eine Analogie.

Der Roman erinnert mich frappant im Stil und im Plot an Zafons Schatten des Windes, der wahrscheinlich auch Vorbild gewesen ist. Eine Schnitzeljagd, ein Entdecken einer südeuropäischen Stadt mit einem Buch in der Hand auf der Suche nach dem Wesen eines Autors. Diesmal Lissabon statt Barcelona und der Protagonist trägt als typischer spießiger Schweizer noch seine eigenen Probleme in die Story. Leider sind die Schuhe, die sich Pascal Mercier in seinem Roman angezogen hat, bei weitem zu groß, mit jeder Szene wird dem Leser bitter bewusst, dass er von der Plot Qualität nicht an sein Ziel und an sein Vorbild heranreichen kann.  

Ab der Hälfte des doch sehr langen Romans (500 Seiten) kommt massive Langeweile auf und endet auch nicht mehr, nämlich durch die sehr inflationäre Integration von Amadeu Prados Schriften in den Plot. Ca. 40% davon bringen die Handlung direkt voran ca. 20% geben Einsichten in den Charakter des Protagonisten und 40% sind larmoyantes nutzloses Geschwafel, das sich Mercier hätte sparen sollen. Es nervt vor allem in seinem Gegensatz zu Zafons Fabulierkunst und genial punktuellen Einsatz der historischen Schriften in die Handlung so derart, dass es wehtut.

Das einzige, das mich doch am Rande sehr interessiert hat, waren die historischen Bezüge des Romans und der handelnden Personen zum portugiesischen faschistischen Regime von Salazar, das Konzentrationslager Campo do Tarrafal auf der Insel Santiago auf den Kapverden, der Schlächter von Lissabon Mendes und der Widerstand, dem einige der Protagonisten wie Amadeu angehörten, der schließlich zur Nelkenrevolution führte.

Das Ende der Geschichte und die finale Handlung sind wie das gesamte Buch. Sie versprechen so viel, sind aber im Endeffekt total unbefriedigend und verpuffen erneut. Einen guten Plot und gute Wendungen in eine Story zu schreiben, wie sein Vorbild Zafon ist dem Autor offensichtlich nicht gegeben, dabei würden sich so viele spannende Konstellationen bieten, auch mir wären auf den letzten Seiten einige spannendere Alternativen eingefallen.

Fazit: Guter Beginn und grausam starkes Nachlassen in der Qualität. Das Potenzial der Geschichte wurde nie ausgeschöpft. Als Gesamtroman ist dieses Werk total entbehrlich, weist enorme Schwächen im Plot und in den Figuren auf, flankiert von nutzlosem pseudointellektuellem Geschwafel, das nicht wirklich zur Geschichte passt. Ich frage mich tatsächlich, wieso so ein schlechter Zafon-Verschnitt einen derartigen literarischen Erfolg feiern konnte.

Film 3,5 Sterne aufgerundet auf 4 ⭐️⭐️⭐️⭐️

Der Film räumt bereits im Drehbuch massiv in der Handlung um, und versucht dadurch, die Schwächen des Autors auszumerzen, was eigentlich recht gut gelingt. Die Portugiesin auf der Brücke, die den Anstoß zur Reise gab, wird am Ende gleich einem Bogen wieder überraschend und konsistent in die Handlung zurückgeholt, mit der Augenärztin wird eine zarte Liebesgeschichte angedeutet.

Andere Figuren, die wenig zur Handlung beitragen, diese lähmen und den Leser langweilen, wie die jüngste Schwester von Amadeu, die Berner Studentin von Mundus und seine mühsame Ex-Ehefrau werden gleich ganz weggestrichen und fehlen nicht einmal. Das sagt auch viel über die Wichtigkeit dieser Personen für den Roman aus. Auch das Ende wird umgeschrieben, die angedeutete Analogie zwischen Amadeus Aneurysma und Mundus gesundheitlichen Problemen, die Pascal Mercier ohnehin auch nicht weiter verwendet, obwohl sich diese Wendung sogar anbietet, bzw. sie der Autor sogar vorbereitet hat, wird gar nicht erwähnt, stattdessen wird ganz zart ein Happy End in Portugal signalisiert.

Der Focus des Handlungsstrangs der Vergangenheit wird im Film auf die politischen Aktivitäten der Widerstandskämpfer gelegt – das war auch das einzige, das mich ab der Mitte des Buches interessiert hat - und nicht auf das philosophische Gesabble von Amadeu wie im Roman. Versteht mich nicht falsch, bei Zafon war das punktgenau gesetzt und hat mir gefallen, aber in Merciers Roman diente es nur als Selbstzweck, und das ärgert mich immer. Das hat mir im Film also wesentlich besser gefallen.

Die wohlbekannten Schauspieler, teilweise richtige Superstars, spielen sehr gut, Jeremy Irons ist mir zwar ein bisschen zu wenig pingelig Deutsch-Schweizerisch, sondern packt die melancholische Seite seiner fiktiven Figur aus, was sich in meiner Erfahrung von 4 Jahren Arbeit in der Schweiz kein einziger meiner Kollegen und Chefs zugestanden hat, und Bruno Ganz überperformt ein bisschen als Apotheker und Freund von Amadeu, aber das sind Petitessen der Authentizität, die bei den sehr guten Umschreibaktionen des Drehbuchs nicht ins Gewicht fallen. Mundus könnte im Film auch Brite oder Franzose sein, wichtiger ist, dass im Film im Gegensatz zum Buch die Story FUNKTIONIERT!

Fazit: Buch gegen Film – Eindeutig für den Film. Ein Wunder, was ein guter Drehbuchschreiber noch aus einer so schlechten Story machen kann. Bravo!

Soldat, warum ziehst Du in den Krieg?

Der Held von Madrid - Markéta Pilátová

Eine grandiose Kurzgeschichte zu schreiben, beziehungsweise einen Kurzroman, wie er hier von der Autorin und dem Verlag genannt wird, halte ich persönlich für eine weitaus größere Herausforderung, als einen normalen Roman zu verfassen. Eine ausreichende Figurenentwicklung auf wenigen Seiten zu betreiben und den fokussierten Plot spannend und überraschend zu gestalten, ist meiner Meinung nach extrem schwierig. Markéta Pilátová ist dies aber so hinreißend gelungen, dass ich Euch „bedauerlicherweise“ schon wieder mit einem meiner Buchstoffhöhepunkte 2019 „belästigen“ muss. 

 

Da Tschechien ja gerade Gastland der Leipziger Buchmesse war, wurde es ohnehin Zeit, mich mal mit moderner zeitgenössischer tschechischer Literatur abseits der üblichen Verdächtigen zwei Ks – Kafka und Kundera – zu beschäftigen, zumal die Grenze zum literarisch mir relativ unbekannten Nachbarland ja nur exakt 76,8 km von meiner Haustüre entfernt liegt (meine restliche Familie wohnt teilweise weniger als 1km von der Grenze entfernt im nördlichsten Waldviertel). Ich glaube, es geht vielen von uns so, dass wir Tschechien heutzutage literarisch bisher fast nicht wahrgenommen haben, das haben Leipzig und zumindest bei mir auch meine EU-Autorinnenchallenge heuer maßgeblich geändert, und das hat sich so was von gelohnt, dass es eine Freude ist.

 

Aber worum geht es eigentlich in diesem von mir so euphorisch gelobten Kurzroman?

 

In zwei Erzählsträngen – der Vergangenheit und Gegenwart – wird die Geschichte von Frantisek Rek aufgerollt, der von Hitler die Nase voll hat und etwas gegen die Nazis unternehmen will. Da er zu Hause in Tschechien bei den Duckmäusern nix ausrichten kann, geht er nach Spanien in den Bürgerkrieg, um es den Faschisten zu zeigen. In der Gegenwart wird der alte abgewrackte Veteran von der spanischen Studentin Carmen interviewt, die ihm für ihre wissenschaftliche Arbeit im Fach Geschichte in ihrer unbekümmerten Art die wichtigsten essentiellsten Fragen über das Leben im (Bürger-)Krieg stellt, die sehr persönlich sind und weit über das empirisch historische Interesse hinausgehen. Sie stellt sehr fundamentale Fragen über das Warum, das Leben, das Sterben, die Angst und den Krieg, die eigentlich sehr selten von Veteranen überhaupt und wenn doch nicht ehrlich beantwortet werden. Frantisek gibt Carmen und dem Leser hier jedoch einen tiefen Einblick, irgendwie schimmern sogar ein bisschen wahrhaftige Erkenntnisse vom prinzipiellen Wesen des Krieges in diesem Interview hervor. Dabei spielt es in diesen Grundsätzlichkeiten des Tötens und der Angst keine Rolle, ob es ein „gerechter Krieg“ ist oder nicht.

 

Die Autorin formuliert diese elementaren Weisheiten so wundervoll und knackig, dass fast mein ganzes Buch mit Post-it-Zetteln übersät ist. Zum Beispiel die Beantwortung der Frage, warum der junge Frantisek überhaupt begeistert in einen weit von seiner Heimat entfent stattfindenden Krieg gezogen ist und was er überhaupt in Spanien verloren hatte, gipfelt in einer Kritik am Verhalten der tschechischen Bevölkerung während der Nazizeit:

Warum ich mich stattdessen heimlich nach Hause schlich, voller Abscheu vor all dem Verbotenen dort. Vor dem Kopf-in-den-Sand-Stecken. Der angeblichen Ohnmacht, mit der man hier dem Lauf der Geschichte zusah, der großen Geschichte, die uns als Schauer über den Rücken lief, vor der wir kuschten und krochen, weil wir ach so klein und schwach waren, und all dieses Hosenscheißergewäsch, das ich nicht ausstehen konnte und bis heute nicht leiden kann. Mit zwanzig wollte ich nicht klein und schwach sein. Ich wollte nicht zu diesem mickrigen Völkchen inmitten Europas gehören, das vor jedem in Schockstarre verharrt, der auf es drauftappt. Ich wollte Teil von etwas Großem und Erhabenen sein.

Mitten im Bürgerkrieg trifft er auch Hemingway, der für seinen Roman Wem die Stunde schlägt in seiner Einheit Interviews führt. Diese Konstruktion im Plot finde ich richtig grandios. Leider kann Frantisek dem weltberühmten Autor damals nicht genau sagen, warum er hier ist, und das nagt ordentlich an ihm.

Immerhin habe ich nach der Begegnung mit ihm angefangen, mich für Bücher zu interessieren. Ich hab sie gelesen, bis sie angefangen haben, mich aufzuregen. Bis mir klar geworden ist, dass er darin nur Gedöns macht und alles zu einem großartigen Abenteuer aufplustert. […] Und du, alter Wichtigtuer, der du so gerne Papier bekritzelt hast, statt wie die anderen ein Gewehr in die Hand zu nehmen und den Faschisten eine ordentliche Ladung zu verpassen, du schimmelst jetzt in der Grube.

So lässt Pilátová ihren Helden von Madrid über das Wesen des Tötens sagen:

Es ist als würde ein schwarzer Vogel dir seine Krallen ins Gesicht hauen, da die ganze Zeit sitzen bleiben und sich nicht rühren mit geschlossenen schwarzen Flügeln, […]
Und es ist als würde der Tote dir große Kraft geben. Eine große Ladung Kraft, Macht und Lust. […]
Und gegen diese Lust kämpft man dann an, und das ist die schwerste Schlacht überhaupt, das kannst du keinem erklären, höchstens den Mördern im Gefängnis, von denen ich mich vielleicht nie groß unterschieden habe.

Neben den grandiosen Einblicken und Weisheiten, der guten Figurenentwicklung und der großartigen Sprache ist der Autorin auch im Plot noch ein Bravourstück gelungen. Gerade mal auf 70 A5-Seiten vollführt die Geschichte durch die Recherche von Carmen angestoßen noch zwei sehr ungewöhnliche Schicksalswendungen im Leben von Frantisek, die mich richtig begeistert haben … und das Ende … na das dreht tatsächlich im allerletzten Satz noch einmal alles ganz lapidar auf Happy End.

 

Fazit: In der Kürze liegt die Würze. Ein wundervoller Kurzroman über den Krieg, das Leben und auch über die Liebe. Eines meiner Buchstoffhighlights 2019 und eine absolute Leseempfehlung für Euch. Der perfekte Einstieg, um tschechische Literatur kennenzulernen.

 

Ach ja, noch ein Nachtrag. Im Wieser Verlag ist dieses Buch im Rahmen einer Reihe erschienen, die uns tschechische Autor*innen näherbringen soll. Sie heißt Tschechische Auslese und umfasst 9 wundervoll gestaltete Kurzromane. Da ich alle bestellt habe, werdet Ihr wahrscheinlich im Laufe des Jahres noch mehr von mir über unterschiedliche Tschechische Schriftsteller*innen hören.

Willkommen in der Gesellschaftspolitischen Klapse

Die Rache des Mainstreams an sich selbst - Gabriele Krone-Schmalz, Max Uthoff, Claus von Wagner, Mely Kiyak, Norbert Blüm, HG Butzko, Dietrich Krauß

Eines muss ich gleich vorwegschicken, ich bin schon seit Jahren ein Fan der Sendung Die Anstalt und bereits bei der Bestellung des Sachbuchs anlässlich des 5-jährigen Jubiläums habe ich mir gedacht, das könnte ein voll langweiliger Rohrkrepierer oder auch richtig gut werden. Ich bin sehr froh, dass Zweiteres zutrifft.

 

Die Festschrift startet sehr interessant mit einem Interview des Verlages mit Uthoff und von Wagner, in dem der Produktionsvorgang der Sendung beleuchtet wird. Dabei und in den folgenden Kapiteln mit Beiträgen der Crew werden Fragen beantwortet, die ich mir tatsächlich schon mehrmals gestellt habe: Wie lange vorher wird ein Thema ausgewählt, wie werden die Inhalte erarbeitet, wie oft wird umgeschrieben, wie wird der Text von den zahlreichen in die Sendung integrierten Gästen, wie professionelle Comedians und den Laien gelernt und wie funktioniert der Hintergrund-Faktencheck, der dem Publikum im Anschluss an die Sendung im Internet zur Verfügung steht?

 

Dann kommt eine Positionsbestimmung der Anstalt, das Konzept wird dargelegt, wie Satire mit Journalismus verknüpft wird und in welche Lücke diese neue Art von Infotainment beim Publikum stößt. Das wird zuerst richtig gut als medientheoretische Aufarbeitung der Entwicklung der Medienlandschaft in den letzten 10 Jahren präsentiert und der neue Platz der Satire in diesem Kontext wissenschaftlich sehr grandios erklärt.
Leider wiederholt sich diese Kernaussage weit weniger kompetent vermittelt, bei fast jedem, der an dieser Festschrift teilnehmenden Beitragsschreiber als Einleitung auf eine persönliche Eloge immer und immer wieder. So etwas habe ich erwartet und befürchtet, hasse ich doch Lobhudelei, und Redundanzen bringen mich regelrecht auf die Palme. Hier hätte das Lektorat eisern durchgreifen, alle Eitelkeiten übergehen und die ewig selben wiedergekauten löblichen Statements beinhart streichen müssen.

 

Kaum hatte ich mich ein bisschen geärgert, änderte sich das Konzept des Sachbuchs und Gast-Protagonisten der einzelnen Sendungen, vor allem Fachleute in den einzelnen thematischen Gebieten der Sendung und Laiendarsteller erläuterten die Entstehung einzelner Sendungen. Da kam Norbert Blüm zur staatlichen Rente zu Wort, der Wissenschaftler Krüger, der eine Arbeit zur Unabhängigkeit deutscher Medien verfasst hat, Argyris Sfountouris, der Grieche, der das Massaker der Nazis in Distomo überlebte, vermittelte eine andere Sicht der Schulden der Griechen bei den Deutschen, die Chorleiterin eines Flüchtlingschors beschrieb ihren Beitrag zu Sendung, die Protagonisten des Care Slams, die auf die Missstände in der Pflege aufmerksam machten, der Volkswirtschaftler Walter Ötsch, der den Neoliberalismus erklärte … Das ist wirklich spannend und sehr gut gemacht.

 

Leider gab es zwischendurch wieder die redundante Lobhudelei, dass die Satire der Anstalt die Aufgabe des klassischen politischen Journalismus übernommen hat. Genervt wollte ich schon abbrechen, da kam doch glatt ein total kritischer Artikel, von Gabriele Krone-Schmalz zur Verantwortung der Anstalt, was mit ihren Aussagen gemacht werde. Durch die Pointierung und Verkürzung der Satire sei die Anstalt die Sendung mit der Maus für Erwachsene. Reichsbürger andere Schwurbler und viele Zuseher können nicht differenzieren, die Satire nicht erkennen und heften sich die Aussage der Anstalt, dass Medien insbesondere der „Mainstream“ Lügenpresse wäre, fälschlich auf die Fahnen. Dadurch wird einem dahergelaufenen YouTube-Trottel oder den rechtsfaschistischen Neo-Prawda-Propaganda-Schreibern von Russia Today ungeschaut, ohne Quellenangabe und unreflektiert alles geglaubt. Solche Leute suchen leider einfache Wahrheiten und fallen von einem Extrem ins andere. Nur nichts reflektieren, nur nichts selbst recherchieren, was das „INTERNET“ sagt, stimmt. Klassische Medien und der Journalismus werden nun als Systemmedien diffamiert, unter Generalverdacht gestellt und rechten Propagandisten alles geglaubt. Das ist insofern tragisch, da auch ehemals Linke Fakten von Fake nicht mehr unterscheiden können und wollen, weil es zu mühsam ist, zu recherchieren und sich aus der Eso-Ecke mit tatsächlich berechtigen Kritikpunkten allmählich und teilweise ungewollt in die braune Richtung bewegen. Schade, dass nur zwei kritische Beiträge vor allem mit Fokus auf die Rezeption der Anstaltssendungen in all dem wohlwollenden Konglomerat der Artikel existieren, dieses

Thema hätte ich gerne noch ein bisschen qualifizierter vertieft.

 

Ein weiterer Beitrag hat mich auch sehr begeistert, er berichtet, wie ein engagierter Lehrer die Anstaltsfolgen als Grundlage für politische Bildung zusammen mit den Schülern im Unterricht einsetzt, erarbeitet und wie diskutiert wird.

 

Fazit: Eine sehr spannende Mischung mit für mich etwas zu überschwänglicher positiver Tonalität und vielen Redundanzen, für eine Festschrift zum 5-jährigen Jubiläum aber außerordentlich gut gemacht. Eine klare Leseempfehlung von mir für Fans, aber auch für alle anderen Fernsehzuseher, unter der Bedingung, dass man zumindest ein paar Folgen der Anstalt gesehen haben sollte, um das Buch zu verstehen.

 

Tierliebe Nachhaltigkeit und Nutztierdachhasen*

Schiff oder Schornstein - Andrea Stift-Laube

Die Autorin hat ihren Roman in ein ethisch philosophisch sehr interessantes Setting eingebaut: Tierliebe und Tierschutz, Veganismus, nachhaltige und ressourcenschonende Lebensweise, Austeigerleben in der Kommune, ökologisches Engagement bei Greenpeace, ökologische Gesamtbetrachtung von allen Komponenten, Tierschutz im Konflikt mit Artenschutz … All diese Themen und Positionen, die vor allem von Menschen, denen der Planet nicht egal ist, durchaus sehr kontrovers diskutiert und verbissen gegeneinander verfochten werden, werden sehr konsistent und glaubwürdig in den Plot und in die sich nach und nach entwickelnden Meinungen der Protagonisten eingewoben.

 

Basierend auf der Geschichte zweier Schwestern, von denen eine plötzlich nach einem Greenpeace Einsatz spurlos verschwunden ist, wird die Vergangenheit in der Familie, die Kindheit der beiden Mädchen und die Entwicklung zum gegenwärtigen Weltbild und der nachhaltigen Lebensweise Schritt für Schritt verständlich aufgerollt. Das beginnt in der Kindheit bei der ersten Verweigerung von tierischen Lebensmitteln respektive Schnecken und endet bei dem derzeitig ökologisch geprägten Lebensstil. Dabei haben die Schwestern mit ähnlichen Prinzipien im Detail auf Grund ihres unterschiedlichen Charakters und ihrer differierenden Lebenssituationen – eine der beiden Schwestern ist nicht bei den Eltern sondern bei der Großmutter aufgewachsen – durchaus unterschiedliche Positionen zu dem Thema Nachhaltigkeit und Öko-Kampf. Ila, die von der Oma geprägt wurde, denkt sehr ganzheitlich und pragmatisch, grenzt sich aber auch persönlich vom missionarischen Eifertum ihrer Schwester ab und ist nicht so risikofreudig und geduldig mit Menschen wie Franziska, die ja nun spurlos verschwunden ist.

 

Mit ins Spiel kommt dann auch noch Konstantin, Kommunenpartner von Franziska und in diese hoffnungslos verliebt, der eigentlich mit seiner ökologischen Einstellung nur ein bisschen gegen den konventionellen Fleischerzeugungsbetrieb seiner Eltern oder vielleicht sogar nur gegen seine Eltern rebelliert.

 

Nach zwei Dritteln des Romans wird ein ganz heißes Eisen an der Ökofront aufgegriffen und in die Story eingewoben. Auf der Suche nach und in Erinnerung an die verschwundene Franziska nähern sich Konstantin und Ila an und beginnen gemeinsame Ideen umzusetzen. Die nachhaltigen Tierschützer und Öko-Faserschmeichler entwickeln sich zu beinharten Artenschützern und gründen den Katzenfleischversand Felifell. Was eigentlich als fiktives Kunstprojekt beginnt, um einen inszenierten Skandal zu verursachen, die Tierschützer zur Diskussion über Artenschutz anregen und allen anderen gedankenlosen Menschen ihre Scheinheiligkeit vor Augen führen soll, wird zumindest als Konstrukt, Marke und im Rahmen eines Webauftritts Realität. Da die Katzenpopulation im ganzen Land unbeherrschbar wächst und alle mittlerweile stark bedrohten Tierarten wie Singvögel, Maulwürfe und Insekten… meuchelt, sollen sie anstatt der Schweine als Nutztierfleisch herhalten. Diese Idee hat im Sinne von Artenschutz etwas zwingend Logisches und hält zudem den doch zu Haustieren sehr affinen Personen, die sich gar nicht für Ökologie interessieren, einen Spiegel vor, um sie zum Nachdenken zu bringen, wie sie mit Schweinen und Hühnern und anderen Nutztieren umgehen. Selbstverständlich sollen die hypothetischen Nutztierkatzen biologisch und artgerecht gehalten werden und mit 6 Monaten, bevor das Fleisch zäh wird und die Tiere ihren Jagdtrieb voll ausleben, geschlachtet werden.

… denn nur mit einem Angriff auf den liebsten Begleiter des Österreichers, Hund oder Katz, sei es möglich, einen Diskurs über ethische Bedenken bezüglich des Verzehrs von Nutztierfleisch loszutreten, ja über den Konsum tierischer Ressourcen überhaupt. Die anderen machten sich über Felifell lustig. Der Name sei eine Verhöhnung der haustierliebenden Bevölkerung. Und dann erst die von uns angebotenen Produkte. Felifell Falafel, gefrorene Fleischbällchen im Zehnerpack. Feligulasch im Recycling-Glas. Felifischerl im Stück.

Neben dem Skandal und den einhergehenden Morddrohungen wird die Story um das fiktive Kunstprojekt noch um einen Tick kurioser, denn unvermittelt tauchen die Chinesen auf, versuchen Ila und Konstantin zu korrumpieren und bieten den beiden für ihre Geschäftsidee, die Marke, den Namen und die Website einen Batzen Geld. Die nachhaltige öko-zertifizierte Katzenfleischzucht soll Realität werden. Auf diesem Weg lässt sich der Fleischerzeugersohn verführen, korrumpieren, er hintergeht Ila und verkauft das Konzept tatsächlich hinterrücks an die Chinesen. Die Katzenfleischfabrik Felifell wird grausame Wirklichkeit. Solche schrägen Geschichten und unerwartete Wendungen zum Nachdenken liebe ich übrigens sehr.

 

Leider ist das Ende wieder mal sehr unbefriedigend. In der Kernstory, also in der Angelegenheit der verschwundenen Franziska, tut sich gar nichts. Weder wird bis zur letzten Seite eine Leiche gefunden, noch taucht sie nach Jahren lebend wieder auf. So etwas ist für mich als Leserin genauso unbefriedigend wie für echte Betroffene, die auch wissen wollen, was nun wirklich passiert ist, um mit der Geschichte abschließen zu können. Angehörigen von Abgängigen ist es sogar lieber, wenn eine Leiche gefunden wird. Sie wollen so einen unendlichen Schwebezustand schon in der Realität nicht akzeptieren, geschweige denn in einer erfundenen Geschichte ist das ein adäquater Abschluss oder gutes Schreibhandwerk.

 

Manchmal frage ich mich ob des grassierenden inflationären Einsatzes des Stilmittels, in der Kernfrage einer Geschichte einfach auf der letzten Seite symbolisch den Bleistift fallen zu lassen, ob die angehenden Schriftsteller jetzt in den kreativen Schreibschulen lernen, dass ein offenes Ende so cool ist? Ist das so eine unnötige Mode wie damals die ach so pseudoinnovativen abgeschnittenen sinnlosen Porträtbilder, auf denen die dargestellte Person manchmal gar nicht mehr erkennbar war? Ein Finale mit drei möglichen Ausgängen wie bei Ishiguros „Damals in Nagasaki“ finde ich grandios, aber ein völlig offenes Ende finde ich total entbehrlich, schlampige Arbeit und einfach Leserverarsche.

 

Fazit: Bis auf den Schluss eine ausgezeichnete Geschichte, sehr gut konzipierte Figuren, das ethische Thema wird in vielen Facetten beleuchtet, regt zum Nachdenken an und ist zudem auch noch kurios und mit schwarzem Humor präsentiert. Lesenswert!

 

*Dachhase ist eine alte kulinarische Bezeichnung für ein Katzengericht. Zu Zeiten der 2. Türkenbelagerung Wiens 1683 sollen sich die ärmeren Bevölkerungsgruppen mangels anderer Nahrung unter anderem von Katzenfleisch ernährt haben.

Mittelmäßig genialer Roman kaum mit genialen Freundinnen sondern eher mit dummen Teenager-Gänsen

Meine geniale Freundin: Band 1 der Neapolitanischen Saga (Kindheit und Jugend) - Elena Ferrante, Karin Krieger

Tja ich muss Euch gestehen, dass ich von Band 1 dieser Neapolitanischen Saga nicht ganz so begeistert war wie die meisten von Euch.

 

Versteht mich nicht falsch, ich erkenne die positive Richtung und weiß (zumindest glaube ich zu wissen) wohin der Roman tendieren soll, aber ich finde eben der erste Teil dieser Lebensgeschichte weist erhebliche Schwächen auf. Ich frage mich gerade, ob er meiner Meinung nach überhaupt so viel hergibt, um als eigenständiger Band der Biografie eine Existenzberechtigung zu haben, oder einfach als Vorgeschichte in den anderen Teilen hätte aufgehen sollen.

 

Dabei geht es mir nicht um die vermeintliche Handlungsarmut des Plots prinzipiell. In einer Lebensbiografie darf meiner Meinung auch auch mal eine Weile nichts Außergewöhnliches passieren und ich mochte diese gemächliche Beschreibung der geistigen Entwicklung und der Konkurrenz unter den Mädchen sehr. Mir geht es aber um die Tiefe der angesprochenen Emotionen und Themen. Anstatt als übergeordnete Autoreninstanz auch mal über Familien, Gewalt und das Armenghetto in Neapel ein bisschen intensiver zu reflektieren, wenn auch aus kindlicher Sicht (indirekte Andeutungen gab es ja genug) drehen sich zwei Drittel der Gedanken der Mädchen um die Frage, wer in wen verliebt ist, wer manipuliert werden kann etc. Dieser Ringelpietz mit Anfassen aller weiblichen Figuren ist so oberflächlich und widerlich. Fast könnte man meinen, der Roman hieße die Bachelorettes, gleich einem Gäseblümchen werden die Blüten ausgerissen "X liebt Y, Z liebt Y nicht, oder doch? Mir ist schon klar, dass es auch solche amurösen Gedanken in der Jugend gibt, aber wenn man dem Ghetto entkommen möchte, und auch noch begabt bis hochbegabt sein soll, macht man sich auf jeden Fall in seinem Leben nicht hauptsächlich und vorwiegend Gedanken darüber, pubertierende testosteronabsondernde Burschen möglichst effizient zu manipulieren. Das wäre eine derartig unnütze Zeitverschwendung, deren ich intelligente Menschen, auch wenn sie sehr jung sind, für nicht würdig erachte.

 

Vor allem ist man zudem auch in ganz jungen Jahren schon durchaus im Stande, die vorherrschende Gewalt zu reflektieren und darunter zu leiden. Was sollen diese in Mikrodosen eingeworfenen lapidaren Anspielungen im Vergleicht zum raumgreifenden lebensgreifenden verliebten nutzlosen Geschwätz? Sehr unrealistisch! Ich weiß wirklich wovon ich spreche, bin ich doch in noch viel prekäreren familiären Verhältnissen aufgewachsen als die Protagonisten und habe es aus dem Glasscherbenviertel bis auf die Universität geschafft. Wobei möglicherweise hatte ich Glück und wurde auf Grund meiner Begabung, in eine streng katholische sehr leistungsorientierte Mädchenschule gesteckt. Für uns waren Gespäche über Burschen zwar auch wichtig, aber sie bestimmten nicht derart unser Leben, unser Denken und unsere Entwicklung.

 

 

Einzig und allein die so grausam und bösartig skizzierte schielende, hinkende, peinliche, dumme, böse Mutter von Linu (Elena Greco) hat einen Funken von Realismus und Verstand in ihrem Schädel und versucht die richtigen Dinge in für ihre Tochter in die Wege zu leiten. Auch wenn sie anfangs ob der Armut und weil sie nicht weiß, wie sie das Geld zusammenkratzen soll, gegen die weiterführende Schule ist, unterstützt sie ihre Tochter dann immer wieder sehr verbissen in ihrem Weg, oft gegen die Meinung ihres Mannes und auch oft selbst gegen die Unvernunft ihrer Tochter, ihr Leben einfach aus lauter Dummheit und Übermut gegen die Wand zu fahren. Denn Elena hat nicht 1000 Chancen wie viele andere reiche Kids sondern wahrscheinlich immer nur eine, um sich Schritt für Schritt weiterzuentwickeln.

 

Einen weiteren gravierenden Kritikpunkt muss ich auf der stilistischen Seite anbringen. Die Autorin schmeißt in dem ganzen Ringelspiel der Verliebtheit zusätzlich bei der Beschreibung des neapolitanischen Stadtteils Rione auch inflationär, verwirrend und sehr unstrukturiert für die Geschichte zum Erwähnungszeitpunkt unzählige unnötige Verwandte und noch irrelevante Kinder der Hauptfamilien in den Plot. Das ist wie bei einem Wimmelbild aus Rione oder wie bei Gabriel Garcias Amazonasgewimmel 100 Jahre Einsamkeit. Einige der Figuren haben auch noch Spitznamen, die dann auch noch abwechselnd eingestreut werden und zusätzlich für Chaos sorgen. Das muss nicht sein! Können die Figuren bitte eingeführt werden, wenn sie gebraucht werden - das geht handwerklich besser und viel übersichtlicher ohne ein Jota am Plot zu verändern.

 

Warum ich mir aber sicher bin, dass die Geschichte im zweiten und dritten Teil besser wird, dafür sorgt der geniale Einstieg in den Roman. Die 66-jährige Lila, die im Buchtitel angesprochene geniale Freundin, haut aus ihrem Leben ab, verschwindet und tilgt sich selbst zuvor und alle Erinnerungen an sich. Kein Schnipsel, kein Ding bleibt in ihrer Wohnung, aus den Fotos hat sie sich herausgeschnitten. Der längst erwachsene, mehr als 30jährige Versagerstubenhocker, genannt Sohn, ist fassungslos. Das ist eine Bombenidee seinen Roman so zu beginnen und macht dem Leser Lust auf das Ende der Geschichte in Band 3.

 

Weiters habe ich nun hoffentlich jede auch noch so irrelevante Person des Stadtteils kennengelernt, hab eine ungefähre Ahnung der verwandtschaftlichen, freundschaftlichen und feindschaftlichen Struktur des Viertels und es bleibt zu wünschen, dass ich in einem weiteren Entwicklungschritt im Gymnasium nicht nochmals 1000 neue, für die Geschichte total unwesentliche Leute kennenlernen muss.

 

Fazit: Ganz Ok, aber nicht sehr gut sondern mit einigen gravierenden Schwächen behaftet. Ich hoffe und erwarte, dass die Saga irgendwann einmal auch wirklich so gut wird, wie es von vielen begeistert angekündigt wurde. Da ist also noch VIIIEEEL Luft nach oben.

Fundament, Urmutter aller Kochbücher

Kochbuch ohne Rezepte - #1 Küchenpraxis - Ingrid Andreas

Habt Ihr Euch nicht auch schon oft beim Versuch, diese großartigen Gerichte von den diversen Küchenstars wie Jamie Oliver und Konsorten aus dem Kochbuch nachzukochen, verzweifelt gefragt, warum es bei Euch nicht so funktioniert, wie es beschrieben wurde? Habt Ihr das Gefühl, dass bei manchen Rezeptanleitungen einfach irgendetwas Wichtiges fehlt? Oder wollt Ihr die Grundlagen des Kochens und alle erdenklichen Techniken wirklich mal von der Pike auf, gut zusammengefasst, übersichtlich dargestellt haben, so wie man es als Profi lernt? Dann seid Ihr hier mit diesem 4-bändigen Kompendium, das die Grundlagen des Kochens in einer Reihe bündelt, absolut richtig. Diese Serie vermittelt die Geheimnisse des Kochens sowohl dem Hobbykoch als auch dem Anfänger ausgezeichnet, blickt hinter die Arbeitsvorgänge und klärt auf, was in den Rezepten so nicht drinnen steht.

 

Die Autorin Ingrid Andreas hat Profiköchen jahrzehntelang über die Schulter geschaut und beschreibt ganz simpel, auch für Nichtprofis nachvollziehbar die Grundlagen, die hinter den Rezepten stehen.
Band 1 dieses Werkes beleuchtet die grundlegenden Küchentechniken,
Band 2, der im April 2019 erscheinen wird, widmet sich dem Teig,
Band 3 mit Erscheinungstermin Juni beschäftigt sich mit Obst und Gemüse und
Band 4, der im August auf den Markt kommt, wird dann die Hintergrund-Geheimnisse von Fisch und Fleisch aufdecken.

 

Bei der gesamten Beurteilung dieses Sachbuchs musste ich mich immer am Riemen reißen und meinen inneren Kritiker ein bisschen auf leise schalten, um nicht ständig etwas anzumerken, das fehlt, denn ich bin eigentlich Profi in der Küche. Habe mir genau dieses Wissen im Rahmen meines ersten Berufs sowohl in der Hotelfachschule als auch in der Praxis angeeignet. Also wenn ich zu oft kritisiere, dass etwas fehlt, seid gnädig mit mir und beurteilt selbst, ob es wesentlich für Euch ist oder nicht. Bei all den Punkten, die ich anführen werde, ist zu sagen, dass diese aus der Sicht des Hobbykochs betrachtet wahrscheinlich fast ausschließlich wenig gravierende Punkte sind, die auch in meiner Wahrnehmung den sehr guten Gesamteindruck dieses Buchs nicht zu trüben vermögen.

 

So, was wird denn nun im Detail alles zum Thema allgemeine Küchenpraxis besprochen?

 

Die Bandbreite geht zu Beginn von Kräutern und Würzsaucen zum Selbermachen über Suppen und Fonds zu den Saucen. Wobei bei den Fonds Hühnerfond, Fischfond und Wildfond fehlen, und der Unterschied zwischen Jus und Fond nie beleuchtet wird.
Bei braunen und weißen Grundsaucen fehlen fast alle bis auf Bechamel- und Butter-basierte: Kalb-, Huhn-, Fisch- und Wildgrundsaucen werden nicht mal erwähnt, was kein Wunder ist, wenn sie auch im Fondkapitel schon fehlen. Leider gibt es auch zwei gravierende strukturelle Fehler, denn die süßen Saucen tummeln sich mitten zwischen den sauren, was wirklich irritierend ist. Außerdem befindet sich die Salsa Verde nicht bei ihrer Verwandten der deutschen Grüne Sauce, sondern sie steht solitär im Kapitel Bindung, wo sie meiner Meinung nach nur Verwirrung stiftet.

 

Nach einer umfassenden Betrachtung von Fetten und Ölen wird das Kochen mit Alkohol beleuchtet – wie wenig sich Alkohol bei hoher Temperatur rauskocht, habe ich immer gut verdrängt. Die Tipps zum Gelieren sind sehr gut, die Details zum Agar-Agar fehlen mir aber, denn in Zeiten von Veganismus sollte da noch mehr Augenmerk darauf gelegt werden, insbesondere, da Agar-Agar – zumindest bei mir – nie ganz so, wie Gelatine reagiert. Die Ratschläge zum Auslegen von Formen mit Klarsichtfolie, Gartechniken mit Backpapier etc. sind großartig. Beim Umgang mit der Alufolie fehlt mir wiederum der Warnhinweis bezüglich der Reaktion auf Säure in den Lebensmitteln, da heutzutage ja sehr viel Wert auf Gesundheit gelegt wird.

 

Das Garkapitel ist herausragend. Endlich wird die Niedrigtemperaturmethode für Anfänger Schritt für Schritt erklärt und so einfach, dass sich jeder traut, diese wirklich einfache Kochtechnik, bei der man fast nichts falsch machen kann, anzuwenden. Auch moderne Methoden, die ich in der Schule noch nicht gelernt habe, wie Dämpfen und Sous vide werden beleuchtet. Beim Dämpfen wusste ich gar nicht, dass ich ohnehin einen guten, sehr kostengünstigen Dämpfer zu Hause habe. Nämlich jenen, in dem ich die Kartoffeln dampfgare. Da brauche ich mir wirklich keinen teuren Dampfgarer oder ein Bambuskörberl für die Dim-Sums kaufen.

 

Das Konservierungskapitel ist genauso wie die Hintergründe zum Garen einfach nur grandios und sehr umfassend. Abgerundet wird der ganze Inhalt mit einem sehr genau beschriebenen Glossar zum Küchenlatein ergo Küchentechniken und einem detaillierten Abschnitt zu allen wichtigen Küchengeräten bzw. -utensilien. Am Ende gibt es auch noch Maßtabellen, Temperaturtabellen zum Backen und Garen, Umrechnungstabellen für amerikanische Rezepte und ein Österreichisch-Deutsch-Wörterbuch für Lebensmittel.

 

Fazit: Kochbuch ohne Rezepte ist ein perfektes Schmöker- und Nachschlagwerk für den Hobbykoch und für solche, die es noch werden wollen, auch wenn ich ein paar Sachen gefunden habe, die mir fehlten. Wenn ich alle vier Bände erhalten habe, überlege ich mir ernsthaft, mein viel geliebtes und –genutztes Schullehrbuch „Karl DUCH Handlexikon der Kochkunst“ mal im Regal nach hinten zu räumen, denn das gibt es seit den 80er-Jahren und es ist doch inhaltlich schon ein bisschen angestaubt und physisch zerlesen. Auf jeden Fall geht diese Reihe inhaltlich in die Richtung, die notwendigen Grundlagen der Küche für den Hobbykoch ganzheitlich abzudecken, und das ist wichtig, um andere Kochbücher erfolgreich nutzen zu können. Also echt mal eine mittlere Innovation im Kochbuchmarkt, sich ausschließlich mit den Grundlagen zu beschäftigen, die in normalen Kochbüchern mit Rezepten fast immer stiefmütterlich in einem Kapitel am Anfang oder am Ende des Kochbuchs abgespult werden. Auf jeden Fall erwarte ich mit Freude die restlichen Teile.

Triathlon, Lokalpatriotismus, unreife Figuren, Mord und Nazischatzsuche

Mörderische Idylle - Meta Osredkar

Also das war wirklich überhaupt kein Regionalkrimi nach meinem Geschmack.
Ausdauer-Extremsportler ala Ironman und Ironwoman, die permanent über ihr Hobby  schwadronieren, sind offensichtlich fiktional in Begleitung von Mord und Totschlag genauso gähnend langweilig wie im richtigen Leben. War die erste Szene noch witzig und kurios, als der ortsansässige Adler die Drohne killte, die den Triathlon im slowenischen Bergtal filmen sollte, so ging es dann für mich stetig bergab mit der Story.  

Zudem tummeln sich auch noch brünftige, lüsterne Frauen in der Geschichte, die beim Anblick der nackten Bauchmuskeln des Triathleten Benoit völlig den Verstand verlieren, indem sie zudem auch noch pseudo-lyrische sehr abwegige Gedanken äußern, die meine Freundinnen nicht mal im Traum denken würden und die mir tatsächlich die Zehennägel aufdrehen:  
"Hach er ist wirklich eine griechische Gottheit, wo sind Marmor und Meißel, wenn man sie mal braucht."
Solche "romantischen" Szenen und amourösen Verwicklungen sind speziell für mich sowieso immer sehr traumatisch.

Die Polizeitruppe, die als Amateursportler im Urlaub nebenbei ermitteln, fand ich jetzt auch überhaupt nicht prickelnd, eher peinlich, alle Männer und Frauen (nicht nur jene, die die Autorin explizit als unreif schildert) sind derart unreife Charaktäre, dass ich überhaupt keinen Zugang zu den Figuren bekommen habe. Meist kam ich mir vor wie in einem Kindergarten mit völlig nervigen Blagen, mit nervigen Emotionen, die auch noch stetig über ihre nervigen Hobbies und ihre seichten Liebesgefühle plaudern, oder wie Dr. Pfeiffer in der Feuerzangenbowle diese Pennäler erstmals erlebt haben muss. Ich weiß zwar, dass es solche Persönlichkeiten im richtigen Leben zu Hauf gibt, aber als Erwachsene, in solch einer konzentrierten Dichte, derart unreif, an einem Ort, ist das sehr unwahrscheinlich - wobei ich noch nie auf solchen Sportveranstaltungen war - könnte sein, dass sie sich dort vor mir verstecken. Sogar der Polizeipsychologe ist derart unreflektiert, dass ich mich fragen muss, wie der an seinen Job gekommen ist.

Gerwürzt ist der Plot, um die Regionalität des Krimis zu manifestieren, nicht mit atemberaubenden Landschaftsbeschreibungen, sondern auch noch mit ziemlich deplatziertem Lokalpatriotismus und "Mir san Mir"-Mentalität. Das geht sogar so weit, dass alle Slowenen, die nicht aus den angrenzenden Bergtälern stammen, pauschal als Laibacher diffamiert werden. Als ob es in Slowenien keine anderen großen Städte gäbe. *Kopfschüttel*

Im Rahmen des Krimiplots war mir das Motiv von Anfang an klar, wodurch für mich der Täterkreis sehr stark eingeschränkt war. Da half auch die zugegebenermaßen gut konstruierte Fährte mit dem Nazischatz, der im lokalen Bohinj-See versenkt sein soll, nicht viel weiter.

Fazit: Kein Krimi für mich: die Figuren überzeichnet und unrealistisch, die Sprache simpel, der Plot durchsichtig, der unnötige Schuss Schwülstigkeit und Romantik und der Lokalpatriotismus. Stern Nummer 2 gibt es übrigens für die köstliche erste Szene mit dem ersten Todesopfer - der Drohne und für die Idee mit dem versenkten Nazischatz als Ablenkungsmanöver.

Zigeunerklatschen

Samy - Zdenka Becker

Auf meiner diesjährigen Reise durch die europäischen Staaten im Rahmen meiner EU-Autorinnenchallenge bin ich in der Slowakei mit Zdenka Becker tatsächlich unerwartet auf Gold gestoßen. Dieser Roman, der sich mit Rassismus, Ausgrenzung und Demütigung von Roma – oder Personen, die für Sinti bzw. Roma gehalten werden – auseinandersetzt und sehr heftig die Folgen eines solchen Lebens am Rande der Gesellschaft thematisiert, war für mich ein richtig funkelndes Juwel in dieser Landschaft der unzähligen guten Neuerscheinungen, mit denen ich Woche für Woche erfreut werde.

 

Als unehelicher Sohn eines indisch-österreichischen Arztes hat es Samy in der kommunistischen Slowakei besonders schwer, weil er für einen Zigeuner gehalten wird. Was für eine furchtbare Biografie hat der Protagonist: ein Leben vom Kindergarten an voll von permanenten Demütigungen und rassistischen Übergriffen, die sehr detailliert geschildert werden. Besonders übel spielt Samy der Sohn von Mutters ehemals bester Freundin mit. Harry beginnt seine Mobber-Karriere im Kindergarten mit ersten Übungen am Paradeopfer Samy und endet in der heutigen Zeit als politischer Mastermind der rechtsextremen slowakischen Szene.

 

Die ach so intellektuelle Mutter, Karriere-Kommunistin, die als Sozialarbeiterin eigentlich schon ob ihres Jobs bezüglich Rassismus, Mobbing und Problemen von Jugendlichen sensibilisiert sein sollte, versteht es nicht, beziehungsweise will die Probleme ihres Sohnes nicht verstehen. Auch sie ist rassistisch gegen Zigeuner eingestellt, aber ihren Sohn sollte das ohnehin nicht betreffen, denn er ist ja kein solcher Abschaum, sondern ein guter, geborener Slowake und ein halber Österreicher mit Migrationshintergrund. Dass er wie ein Roma aussieht und keiner dieser Rassisten differenziert, ignoriert sie geflissentlich.

 

Was so ein Leben der permanenten Herabwürdigung von Kindheit an mit einem Menschen anrichtet, wird auch schnell klar. Samy leidet seit jungen Jahren an starken Depressionen. Als er von seiner Freundin Julia durch ihren Vater mit einer Intrige quasi chirurgisch getrennt wird, da er als Farbiger nicht standesgemäß ist, bricht die Verzweiflung wieder voll aus.

 

Das gruseligste an der Geschichte ist der Umstand, dass alle handelnden Personen, die etwas unternehmen könnten, zusehen, wie der junge Mann unverschuldet in Zeitlupe gegen die Wand fährt. Und es wäre genug Zeit, etwas für Samy zu tun, bevor er zu Grunde geht. Einzig der Vater aus Wien, der als Unbeteiligter von der Existenz seines Sohnes erst erfährt, als dieser 8 Jahre alt ist und Samy so gut wie nie gesehen hat, erkennt das Problem in seiner Funktion als Psychiater, spezialisiert auf Migranten, sofort. Er bietet seine Hilfe an, aber er hat eben im Leben seines Sohnes nichts zu melden. Als Samy auf der Suche nach seiner Identität und nach seinem Vater in Wien auf der Mariahilferstraße seinen adoptierten Cousin Ondraj trifft, der genetisch ein Roma ist, sein Leben in der Slowakei nicht mehr ausgehalten hat und nach Wien abgehauen ist, entspinnt sich folgender, sehr spannender Dialog:

„Jetzt aber wirklich. Warum bist Du damals weggegangen?“ Ondraj verdrehte die Augen, dann sah er Samy an.
„Warum? Warum? Als ob Du es selbst nicht wüsstet. Ganz einfach, ich wollte kein Zigeuner mehr sein.“
„Und hier bist Du kein Zigeuner?“
„Nein hier bin ich ein Ausländer, und das ist mir tausendmal lieber. Aber dort…“ Er deutete unbestimmt in die Ferne
„Zu Hause … dort haben mich die Nachbarn seit meiner Geburt als eine minderwertige Ratte angesehen, die ihren Eltern und der ganzen Umgebung nur Troubles bereiten wird. „

Der Roman startet in der heutigen Zeit im Krankenhaus. Der erwachsene Samy wird schwer verletzt eingeliefert, in Rückblenden werden sein Leben und seine Leidensgeschichte als verachteter Zigeunerjunge zuerst im Kommunismus und dann nach der Wende aufgerollt. Irgendwann wird nach und nach indirekt klar, dass Samy wahrscheinlich nicht nur Opfer einer Gewalttat geworden ist, sondern dass auch er irgendetwas angestellt haben könnte. Der Showdown, der zu dieser lebensgefährlichen Verletzung geführt hat, ist dann übrigens grandios konzipiert und zeigt, was permanentes Mobbing und rassistische Übergriffe bei den Betroffenen anrichten können, wenn sie keine Hilfe bekommen. Am Ende hätte ich zwar gerne noch ein kleines bisschen mehr über Samys Motive aus Innensicht gelesen – es ging mir im Finale ein bisschen zu schnell – aber das ist nicht mal mehr Jammern auf hohem Niveau, sondern fast nicht der Rede wert.

 

Fazit: Absolute Leseempfehlung! Ein spannender Roman, der enorm wütend und gleichzeitig auch sehr nachdenklich macht. Die Autorin nimmt kein Blatt vor den Mund und legt ziemlich brutal den Finger in die Wunden unserer Gesellschaft, die mittlerweile sehr am aufkeimenden Nationalismus und erneut an rassistischen Wahnvorstellungen krankt. In dieser Geschichte jedoch hat dieser Wahnsinn mit den Zigeunern seit der Nazizeit gar nicht aufgehört und sowohl den Kommunismus als auch die Wende konstant überdauert.

Rassismus ist scheiße!!!!!

Diese Aussage ist zwar klar wie Kloßbrühe, aber selten wird sie uns so plastisch vor Augen geführt wie in dieser Story. Denn der Rassismus existiert hier in seiner Reinkultur, nicht gepaart mit Xenophobie, Fremdenfeindlichkeit und Ausländerhass (die Ausreden von „besorgten Bürgern“), denn Sinti und Roma sind seit Jahrhunderten bestens integrierter Bestandteil und Minderheit der Bevölkerung vieler europäischer Staaten, wie Österreich, Ungarn, Slowakei, Rumänien … Diese Minderheit wird nicht wegen mangelnder Integration, Spracherwerb, Staatsbürgerschaft oder sonstiger Komponenten ausgegrenzt, sondern einzig und allein wegen der Farbe ihrer Haut.

Odysseus Heimkehr in die Securitate Hochburg

Begegnung - Gabriela Adameșteanu, Georg Aescht

Ich sitze schon zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit etwas fassungslos, ein bisschen überfordert und konsterniert vor einem rumänischen Roman, habe irgendwie das Gefühl, zwar etwas Gutes, sehr Lyrisches gelesen, aber nicht wirklich verstanden zu haben und frage mich, warum diese Art zu beschreiben und mir diese Welt so fremd erscheint, beziehungsweise warum sie so schwer für mich zu verstehen ist. Nachdem ich ein bisschen in den Pressestimmen der Leipziger Buchmesse, deren Gastland Rumänien ja 2018 war, recherchiert habe, fällt mir die Antwort wie Schuppen von den Augen. Diese rumänische Strömung nennt man literarischen Surrealismus und genauso surreal, unverständlich und verklausuliert stellen sich mir aus bisheriger Erfahrung rumänische Romane dar. Fast könnte man meinen, die Securitate wäre noch immer hinter allen Schriftstellern her und würde alle Romane zensieren, so indirekt und über tausend Ecken wird hier Gesellschaftskritik angebracht. Die Inhalte sind irgendwie spannend-kurios, die literarische Reise ist weit wie in die Walachei und bis ans Schwarze Meer, aber der Sinn bleibt mir doch ein böhmisches Dorf (beziehungsweise ein walachisches).

 

Manu Traian hat sein Heimatland bereits vor dem Krieg verlassen, ist nach Italien emigriert und lebt dort ein sehr erfolgreiches Leben als anerkannter Intellektueller. Obwohl er die Schrecken der Securitate gar nicht am eigenen Leib erlebt hat, dürfte sich dennoch im Exil ein Trauma in ihm festgesetzt haben. Die erste Szene der Geschichte ist schon sehr heftig. Manu verfolgt ein immer wiederkehrender Alptraum: Er ist in den Westen gegangen und dann hat er sich nach Jahrzehnten ohne Ticket mit dem Zug zu seiner Familie zurückgeschummelt. Alle sitzen an einem Tisch, aber erkennen ihn nicht und glauben, er ist von der Securitate geschickt worden, um alle auszuhorchen. Er soll verschwinden, keiner der Familie ist in den Westen gegangen, sagen sie.

 

Im Kernstrang der Erzählung kehrt Manu Traian als erfolgreicher Westler auf Einladung offizieller Stellen in seine Heimat Rumänien zurück, permanent verfolgt, bespitzelt und vernadert* von seinen eigenen Verwandten, der Familie seiner ehemaligen Geliebten und seinen beruflichen Bekanntschaften. Manu will nicht wahrhaben, dass die gesamte Reise unter der Regie des Geheimdienstes gleich einem Theaterstück aufgeführt wird und kann nicht zwischen Freund und Feind unterscheiden, im Gegenteil, in den schlimmsten Spitzeln glaubt er seine eigentlichen Freunde zu erkennen.

 

Alles, was in Rumänien spielt, hat was von Kafka in der Securitate-Hochburg: die exzessiv bürokratische Verwaltung und das hierarchische Human-Ressource-Management von Bespitzelung, Vernaderung*, Terror und Folter durch papiererne Aktenberge und beamtische Speichelleckerei. Wie sagt man bei uns in Österreich „Nach oben buckeln und nach unten treten“. Vor allem die ältere Generation der kommunistischen Geheimdienstschergen wird extrem primitiv und als grobschlächtige, dumme Säufer ohne Manieren dargestellt. Manus gesamte Rumänienreise ist gekennzeichnet von permanentem seichtem Geplapper seiner Verwandten, die alle etwas von ihm wollen, es aber nicht wirklich artikulieren, Aktennotizen, die an die Vorgesetzten der Securitate zwecks Bespitzelung von Taijan verfasst wurden und von Zitaten aus der Odyssee, die das Lieblingswerk von Manu darstellt und irgendwie auch das Heimkommen symbolisiert. In diesem Ballett aus nutzloser Geschwätzigkeit, Finten, Lug, Betrug, Spionage und Reminiszenzen an den Sagenstoff kann der Protagonist die einzige Person, die es gut mit ihm meint und die einfach keine Gelegenheit findet, mit Manu zu reden, einfach nicht identifizieren. Das Gespräch zwischen Daniel und Manu scheitert in vielen Anläufen an Sprachlosigkeit und Zurückhaltung des jungen Mannes und an der Fehleinschätzung von Manu.

 

Warum Adamesteanu mit der Figur der Christa, der deutschen Freundin des Protagonisten, auch noch eine Nazifamilienbiografie in die totalitäre Schlacht der Geschichte wirft, erschließt sich mir inhaltlich nicht so ganz, denn für eine intensive Aufarbeitung der beiden totalitären Systeme in Ost und West hat sie diesen Handlungsstrang für meine Begriffe nämlich viel zu wenig in den Fokus der Story gesetzt. So bleibt diese Verzweigung für mich nur ein kleines aufblitzendes Schlaglicht in der Gesamtkonstellation. Auf dem blauen Sofa der Leipziger Buchmesse hat die Autorin zugegeben, dass sie von Anfang an den Roman auch für den deutschen Markt schreiben wollte. Das erklärt natürlich vieles, hätte dann aber auch in der Gegenüberstellung für meine Begriffe weitaus intensiver und konfliktreicher mit dem Protagonisten betrieben werden sollen.

 

Fazit: Ich bin unschlüssig. Eine nicht unspannende Geschichte, die ich in ihrem Aufbau und in der Botschaft nicht ganz verstanden habe. Tonalität und Inhalt sind für mich ein bisschen ambivalent. Auf jeden Fall regte sie mich zur intensiven Recherche an. Vielleicht sollte ich noch mehr rumänische Schriftsteller lesen, um in diese literarische Kultur tiefer einzutauchen und sie in letzter Konsequenz auch wirklich zu verstehen.

 

*vernadern – denunzieren

Auf ins weite Europa – ohne Sinn und Verstand

Kartografie der Freiheit. Roman - Andrej Kurkow

Als ich nach Beendigung des Romans das Nachwort des Autors las und realisierte, wie er die Tonalität seiner Geschichte und deren Intention sah, war ich total überrascht und von der Rolle, denn ich hatte das Gefühl, ein komplett anderes Buch gelesen zu haben. Kurkov meint, er habe einen sehr europäischen Roman über junge Leute geschrieben, die „den Wegfall der Grenzen und die europäische Zusammengehörigkeit ernst nehmen.“ Das ist bei mir überhaupt nicht so angekommen.

 

Im Prinzip geht es um drei junge Paare aus Litauen (Barbora und Andrius, Ingrida und Klaudjus, Vitas und Renata), die am Tag des Wegfalls der Schengen-Grenzen während eines Festes miteinander vereinbaren, sich ihren Traum von Europa zu erfüllen, mit dem Ziel, in die Ferne, in ihre Traumstädte London, Paris und Rom aufzubrechen, um genau dort ihr Glück zu versuchen und sich niederzulassen.

 

Dabei gehen sie aber derart hirnlos vor, dass ich die ganze Zeit den Kopf schütteln musste. Keiner checkt vorab über das Internet die Lage, sucht sich in Jobportalen von Litauen aus schon eine qualifizierte Arbeit, sie lassen sich treiben, brauchen ihre Ersparnisse auf und taumeln von einem zufällig ergatterten Billiglohn-Gelegenheitsjob zum nächsten. Zwei Paare – und das muss man sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen – deren Traumdestinationen Paris und Rom sind, sprechen noch nicht mal ein Wort in der Sprache des Ziellandes, in dem sie sich dauerhaft niederlassen, leben und arbeiten wollen. Das ist irgendwie total verrückt und kann ja von vornherein nicht gut gehen. Irgendwie hatte ich als Leserin auch das Gefühl, der Autor vermittelt uns unterschwellig, dass Europa diesen Paaren, die sich derart respektlos ihren Zielländern gegenüber verhalten, etwas schuldig sein soll.

 

Zum Beispiel gerade in Paris angekommen, dem Bus entstiegen, entspinnt sich folgender Dialog:

Der Barkeeper antwortete in einem langen unverständlichen Satz. Andrius und Barbora tauschten Blicke.
„Was hat er gesagt, was glaubst Du?“ fragte die junge Frau.
„Dass ich eine wundervolle Begleiterin habe, nehme ich an“.
„Nein, er hat doch zu mir gesprochen“, widersprach Barbora. „Also, wir müssen Französisch lernen! Warum haben wir das eigentlich nicht gemacht?“
„Weil wir keine Zeit hatten.“ Andrius nahm einen Schluck Espresso.“Und wenn wir welche hatten, haben wir lieber geschmust, als Französisch gelernt …“
„Na, dann lernen wir jetzt Französisch. Das Schmusen kann warten …“
“ Wieso denn das?“ Andrius tat entrüstet.

 

Gerade meine Generation kann so eine Situation wie hier im Roman in Litauen beschrieben, sehr gut nachvollziehen, denn als wir ungefähr im Alter der Protagonisten waren, gingen auch für uns schon vor dem Beitritt Österreichs zur EU (durch Gegenseitigkeitsabkommen) in den 90er-Jahren unvermittelt die Grenzen auf – das war wie im Schlaraffenland. Was vorher extrem bürokratisch und schwierig – fast schon unrealistisch war, war plötzlich ganz einfach möglich, nämlich arbeiten in Deutschland, in Italien, am Meer, studieren durch Finanzierung mit Au-pair oder Jobben in allen großartigen Städten der EU. Einige wollten das Meer sehen, einige viel Geld verdienen, manche hatten als Zieldestination die Stadt der Liebe, Paris. Aber keiner war so unvorbereitet wie diese Protagonisten, jeder paukte wie verrückt Französisch, Italienisch, Spanisch oder Griechisch, Englisch war ja nicht notwendig, denn das konnten wir und durchsuchte die lokalen Zeitungen vorab schon nach Jobs und bewarb sich. Dabei hatten wir damals nicht so einfach Zugang zum Internet wie heute und waren trotzdem weitaus besser gerüstet für das Leben in fernen Ländern.

 

In keiner Situation des im ganzen mehr als 600 Seiten dauernden extrem langen Romans wird ob dieser Blauäugigkeit und des mangelnden Realitätssinns irgendwann mal ein Funken Selbstkritik der Figuren oder eine kritische Darstellung des Autors vermittelt, im Gegenteil, die im selbstgewählten Exil im Ausland „Gestrandeten“, hadern und lamentieren permanent herum. Schlimmer ist zudem noch, dass Renata und Vitas, jenes Paar mit Ziel Rom, das durch die notwendige Versorgung von Renatas Großvaters an der Auswanderung gehindert wurde, offensichtlich als Einzige mit Hirn und Verstand die Segnungen des Internets einzusetzen vermag, und damit in Litauen erfolgreich ist. Was soll das nun? Was ist die Moral von der Geschicht?: Renn mutig aber kopflos wie ein Hendl gegen Westen und werde unglücklich oder bleib zu Hause trau Dich nix, dann bist Du erfolgreich und froh?- Das ist so BÄÄÄHHH (sorry für das Wort, aber dieselben fehlen mir gerade).

 

Zudem begeht Kurkov mit seiner Geschichte – zumindest für meine Begriffe – eine unverzeihliche Todsünde, nämlich sie hat mich über weite Strecken extrem gelangweilt. Zwei Paare wandern also ziemlich friktionsfrei aus …. und dann passiert 200 Seiten gar nix: Ein paar Gelegenheitsjobs und ein alter Hund ist gestorben, ansonsten nichts als Banalitäten … und dann passiert bis Seite 500 wieder fast gar nichts. Der Roman hat das Tempo einer Schnecke, in super-super-slow-motion vegetiert der Plot dahin. Ich wünschte mir die ganze Zeit, dass einer der Figuren mal was richtig Furchtbares zustößt, damit endlich Schwung in die Story kommt. Ich brauche ja nicht immer Drama, aber das ist mir wirklich zu wenig Action. Wenn mein Leben in jungen Jahren so gewesen wäre, wäre ich wahrscheinlich vor Langeweile schon längst gestorben. Ab Seite 500 – das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen – kommt die Handlung dann endlich richtig in Schwung, aber da habe ich schon irgendwie die Lust an den Figuren und ihren Schicksalen verloren.

 

Fazit: Viel zu langer, gähnend langweiliger, inhaltsloser, larmoyanter Roman, in dem ich die Botschaft des Autors einfach nicht vernommen habe. Eines muss man Kurkov aber lassen, auch wenn er sich in Banalitäten ergeht, diese kann er sehr gut und mit ausgezeichneter Sprache transportieren.

Japanischer Stromberg packt Samuraischwert aus - oder How not to run human ressource management for Dummies

Mit Staunen und Zittern - Amélie Nothomb, Wolfgang Krege

Diese kleine Geschichte hinter den Kulissen des Büroalltags der japanischen Firma Yuminoto von Amélie Notohomb ist gar köstlich, wenn sie nicht so menschenverachtend grausam wäre. Also wie in der Einleitung knackig geschildert: Man nehme die Bürosatire Stromberg, verdopple, beziehungsweise verdreifache die Grausamkeiten und menschlichen Abgründe - respektive was man den lieben Kollegen, speziell hierarchisch Untergebenen antun kann - füge noch die japanische Demut von Mitarbeitern, die Angst vor dem Gesichtsverlust und patriachalische gesellschaftliche Verhaltenskodizies, speziell für Frauen hinzu und fertig ist diese Groteske, bei der mir oft das Lachen und Schmunzeln im Halse steckengeblieben ist.

 

Die Abläufe und Bestrafungssysteme für nicht konformes Verhalten und unerwünschte Mitarbeiter-Eigeninitiative sind sehr kafkaesk in diesem hierarchischen, bürokratischen Unternehmen mit menschenverachtenden, oft komplett sinnentleerten Managementmethoden. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist diese Unternehmenskultur sogar so unbetriebswirtschaftlich und leistungsfeindlich, dass man sich wundert, wie in so einem Umfeld irgendwann überhaupt Innovation (sei es auch nur eine Prozessinnovation oder Marketingidee) stattfinden kann.

 

Insofern witzig ist das ganze auch auf jeden Fall, da die belgische Protagonistin als ausländische Mitarbeiterin erstens diese Demütigungen nur ein Jahr bis zum Arbeitsvertragsablauf erdulden muss und sie zweitens die ganze Sache insofern sportlich und mit Humor nimmt, dass sie das ganze als Übung zur Assimilation in die japanische Kultur sieht. Man stelle sich vor, als japanische Frau aber auch als Mann kann man diesem System ein Leben lang nicht entkommen, da erklären sich die vielen Selbstmorde wie von selbst, was in dieser Geschichte auch thematisiert wird. So kommt zu dieser Story, die sehr starke autobiografische Züge trägt, eine gehörige Portion japanische Gesellschaftskritik hinzu.

 

Also, weil es die selbstverständlichste Sache von der Welt war, den Infinitiv eines Verbs als Vornamen zu wählen, hatte Herr Saito seinen Sohn Tsutomeru, "arbeiten" genannt. Den Gedanken, dass man die Identität des Knäbleins mit solch einem Programm ausstaffiert hatte, fand ich erheiternd. Ich stelle mir vor, wie die Mutter in wenigen Jahren den Jungen ermahnen würde, "Arbeiten, geh arbeiten!" Und wenn er nun arbeitslos werden würde?

Zögere daher nicht zwischen Selbsttötung und Schwitzen! Das eigene Blut zu vergießen, verdient Bewunderung, Schweiß zu vergießen Verachtung. Wenn Du Dir den Tod gibst, schwitzt Du nie wieder und deine Beklemmung hat für alle Ewigkeiten ein Ende.

 

Fazit: Sehr böse, insofern sehr witzig und sehr klug gemacht, wenn man ein bisschen die Unternehmenskultur in multinationalen japanischen Konzernen kennt oder kennenlernen will. Ach ja den Punkt Abzug gibt es eigentlich nur für die Kürze dieses Romans. Ich wollte auf jeden Fall mehr.

Abschied und Tod einmal anders

Bevor wir verschwinden. Roman - David Fuchs

Dieser Debutroman von David Fuchs hat mich vordergründig nicht großartig berührt, mich fast gar nicht zu Tränen gerührt und trotzdem bin ich gerade aus diesem Grund am Ende der Geschichte sehr bewegt. Warum?

 

Es geht ums Sterben, aber nicht um eine herzzerreißende Story, sondern um das alltägliche Sterben aus der Sicht eines Mediziners, recht sachlich, manchmal auch ekelhaft und grausam, aber nie respektlos den Sterbenden gegenüber, sondern immer sehr wertschätzend. Das ist nun eben auch eine Sicht, ein für mich recht innovativer Zugang, wie man mit dem Tod von Mitmenschen verantwortungsvoll umgehen, sich auf seine eigene Art abgrenzen, die Trauer und das Sterben so bewältigen kann. Kein Wunder, der Autor ist Arzt auf der Onkologie im Linzer Universitätskrankenhaus und kann wahrscheinlich, wie viele in seiner Branche nicht anders, sonst würde er verrückt werden in seinem Job.

 

In diesem Roman wird das Ganze aber nicht so wie in vielen Ärztestories von der Außensicht betrachtet, sondern der Leser bekommt aus Innensicht einen Einblick in die Abgrenzungsstrategien eines Mediziners.

 

Der Protagonist Benjamin absolviert sein Praktikum auf der Onkologie als angehender Arzt und trifft zufällig auf seine Jugendliebe Ambros, die er fünf Jahre nicht mehr gesehen hat. Dieser ist dem Tod geweiht und hat keine Chance mehr, sein Körper ist von Metastasen zerfressen. Nach und nach nähern sich die beiden wieder ein bisschen an, währenddessen wird in den Zimmern auf der Station bei den Mitpatienten gelitten und gestorben. Der Krankenhausalltag und die tägliche Routine rollen wie ein Uhrwerk ab, aber nicht Ermergencyroom- oder Greys Anatomy-mäßig sondern ganz realistisch und lapidar: Resolute Schwestern, der Kampf um das Delegieren von Aufgaben zwischen Pflege- und medizinischem Personal, röchelnde Zimmernachbarn, recht verantwortungsvolle Oberärzte, Eiter, Blut und Behandlungen, Routine und auch ein bisschen Mitgefühl … alles ganz normale Tätigkeiten auf der Onkologie.

Zwischendurch werden zwar ziemlich grausliche Tierversuche an Schweinen durchgeführt, die ein Tierschützer sicher respektlos finden wird, die aber wahrscheinlich auch oftmals den Alltag im Studium eines Humanmediziners darstellen, insbesondere in der Forschung.

 

In Rückblenden wird die homosexuelle Beziehung der beiden Freunde ein bisschen aufgerollt, aber gemäß dem Stil des Romans nicht paukenschlagend mit einem Outing, sondern einfach, ganz nebenbei, lapidar und selbstverständlich, genauso leise wie vieles in diesem Roman.

 

Ambros hat ein recht kurioses Hobby, beziehungsweise ein finales Projekt. Er fertigt Polaroids seiner Mitpatienten vor deren Tod an, damit sie ohne einen Nachweis ihrer Existenz nicht komplett verschwinden. Dieser Kunstgriff, der auch titelgebend für den Roman fungierte, wirft existenzielle Fragen auf: Was wird von uns bleiben? Wie wichtig ist es, dass sich jemand an uns erinnert, wenn wir nicht mehr existieren?

 

Das letzte Kapitel hat mir schlussendlich dann doch Tränen der Rührung in die Augen getrieben, weil es irgendwie so minimalistisch und wundervoll war. Nach dem Tod von Ambros geht Benjamin in die Pathologie und wäscht die Leiche seines Freundes ganz liebevoll – eine herzergreifende Szene und auch ganz symptomatisch für dieses leise, hintergründige Buch über das Sterben.

 

Fazit: Auf jeden Fall eine absolute Leseempfehlung von mir für diesen Debutroman. Mich wundert es nicht, dass er für den österreichischen Buchpreis 2018 nominiert war.

Spannendes brandaktuelles Justizdrama in mühsamer mittelalterlicher Sprache

Michael Kohlhaas - Heinrich von Kleist

Mein Anstoß, Kleists Drama als Erwachsene erstmals zu lesen, kam übrigens von Marc-Uwe Kling aus seinem Roman Qualityland, der seinen Protagonisten Peter Arbeitsloser mit Michael Kohlhaas verglich, und ich glaube, mein Lesefreund Manuel tat dies auch gleich zu Beginn meiner Statusmeldungen, obwohl er Qualityland noch nicht gelesen hatte. Hier musste ich erstmals feststellen, dass ich dringend und schleunigst eine echte Bildungslücke zu stopfen hatte. Als Österreicherin englische Literatur nicht zu lesen (nicht mal Shakespeare),  halte ich nicht für eine Bildungslücke, wenn mir aber im Deutschsprachigen etwas fehlt, das auch noch in der heutigen Zeit oftmals zitiert wird, muss ich so etwas sofort reparieren...

Puh die Sprache ist wirklich extrem mühsam: Eine Novelle geschrieben um 1800 mit der Sprache des 16. Jahrhunderts. Bei der wenig adäquaten Sprache rede ich übrigens nicht von den verschachtelten Bandwurmsätzen, die sich oft sogar über die ganze Seite des Reclamheftes ziehen - im Gegenteil, so etwas liebe ich sogar und nehme das ganze immer als sportliche Herausforderung an. Ich spreche von den unzähligen mittelalterlichen Vokabeln dieses Justizdramas, die einfach so fern von unserer heutigen Sprache sind, dass sie wie chinesisch anmuten. Auch aus dem Kontext heraus sind sie schwierig zu erraten, da sie des öfteren einen juristischen Hintergrund haben. Ehrlich gesagt, bei einem jiddischen Buch verstehe ich mehr als doppelt so viel. Wenn ich die Sprache nicht gut genug kann, ist mir immer der Lesefluss vergällt, weil ich dauernd soviel nachschlagen muss, das ist auch der Grund, warum ich nicht gerne fremdsprachige Literatur (auch keine englische lese). Wenn so etwas dann auch noch auf ein deutschsprachiges Werk zutrifft, ist es doppelt so unangenehm.

Kein Wunder, warum so viele Schüler es hassen, diese Pflichtlektüre zu absolvieren, denn kein Mensch kann heutzutage diese Sprache. Mir ist die Novelle ja als Liebling des Deutschlehrers ( :-) das war ich wirklich - habe ihn erst vor 2 Jahren anläßlich meines 30jährigen Maturajubiläums getroffen und er schwärmt immer noch von mir als Schülerin) erspart geblieben, denn mein Deutschlehrer war stets zufrieden mit der Auswahl meiner Wahl-Bücher zu den Buchbesprechungen und drückte mir somit nie eine Zwangslektüre aufs Auge, aber ich kann mich vage erinnern, irgendwen in der Klasse hat es mit dem Kleist erwischt.

Nun aber zum Inhalt des Werks, der im Gegensatz zur Spache wirklich außergewöhnlich großartig ist und auch in heutigen Zeiten Jahrhunderte später derart modern anmutet, dass es eine Freude ist. Gerade in der heutigen Zeit als in Österreich und in Ungarn der Rechtsstaat gegenwärtig abmontiert wird, ist das Thema aktueller denn je. (Siehe Staatsanwaltliche Untersuchungen gegen Innenminister Kickl FPÖ, die auf Weisung eingestellt werden, oder Politiker, die im Parlarment brüllen "Niemals haben wir uns damit abzufinden, dass Gesetze uns in unserem Handeln behindern" Dagmar Belakovitsch FPÖ)

Wenn durch Korruption, Unterschlagung von Dokumenten, Freunderlwirtschaft und Rechtsbrüche der Rechtsstaat ausgehobelt wird, darf man sich nicht wundern, dass irgendwann ein Untertan durchdreht, sich dies alles nicht mehr gefallen lässt und zur Selbstjustiz greift.  

So passiert es in einer mittelalterlichen Gesellschaft. Der Pferdehändler Michael Kohlhaas hat Recht in seiner relativ geringfügigen juristischen Angelegenheit gegen den Junker von Troncka, aber da die Verwandten dieses Nichtsnutzes überall an den Schalthebeln der Justiz und der Verwaltung sitzen und sich nicht genieren, diese Ämter auch zu Gunsten des entfernten Verwandten zu missbrauchen, hat Kohlhaas keine Chance. Dabei geht es ursprünglich nur um zwei Pferde, die sich der Junker unerlaubt einverleibt hat. Der Pferdehändler besteht auf seinem Recht, wird zwar irgendwie als starrsinnig und spießig dargestellt, aber wenn man sich die Zeit ansieht, dann waren damals zwei Pferde auch grad keine Petitesse im Vermögen eines Bürgers. Und wenn jemand Recht hat, darf er auch auf diesem Rechtsweg bestehen, die niedrigen Adeligen sind der Gerichtsbarkeit genauso unterworfen, wie alle anderen Bürger. Als die Frau von Kohlhaas so nebenbei lapidar bei der Einreichung eines Bittgesuchs getötet wird und sein Diener zusammengeschlagen, dreht Kohlhaas verständlicherweise durch und greift zur Selbstjustiz, die auch noch recht erfolgreich ein Heer von gewaltbereiten Anhängern findet, denn es ist ziemlich viel faul im Staate Sachsen, in dem die niederen Adeligen meinen, sie könnten sich über das Gesetz stellen und mit den Bürgern machen, was sie wollen.

Von Martin Luther persönlich überredet und durch eine Amnestie vom Kurfürsten pardonniert, legt er die Waffen nieder und bestreitet seinen Rechtsweg erneut. Durch Intrigen der Verwandten von Troncka werden aber alle Abmachungen seitens der Adeligen und der Gesetzgeber durch juristische Finten, Dokumentenunterschlagungen, Fristenverkürzungen, Korruption etc. gebrochen. Mittlerweile sind nicht nur die Tronckas involviert, das juristische Tohuwabohu wird auch noch durch unterschiedliche Zuständigkeiten der Kurfürstentümer Brandenburg  und Sachsen verschlimmert - bis zum Kaiser in Wien geht die Angelegenheit, die natürlich von den Adeligen falsch dargestellt wird und ein Todesurteil für Kohlhaas nach sich zieht.

Am Ende bekommt er groteskesterweise in der Ausgangs-Petitesse Recht - nämlich seine zwei Pferde werden ihm retourniert - er selbst wird jedoch wegen Selbstjustiz zum Tode verurteilt. Der Staatenbund übernimmt keine Verantwortung für die Korruption, die das Leben von Kohlhaas Frau gekostet hat. Ein großartiges, nicht gut endendes Justizdrama, das auch 2019 spielen könnte.

Fazit: Inhalt topmodern - Sprache einfach nicht mehr zeitgemäß und richtig mühsam deshalb 3,5 Sterne. Da ich persönlich immer Inhalt vor der Präsentation bewerte, selbstverständlich auf 4 Sterne aufgerundet.

Bosnische Dorfgemeinschaft vor, im und nach dem Krieg

Wie der Soldat das Grammofon repariert: Roman (Das Besondere Taschenbuch) - Sasa Stanisic

Wow dieser Sasa Stanisic kann wirklich erzählen! Liebevoll präsentiert er uns kuriose Geschichten aus einem kleinen bosnischen Dorf, durch die wir den Protagonisten Aleksander, einen Jungen irgendwo zwischen 10 und 15 Jahren, seine Familie und eigentlich die ganzen Bevölkerung dieses Mikrokosmos kennen und lieben lernen. Dabei geht es um ganz normale Erlebnisse, wie das Leben eben so spielt, es ereignen sich teilweise sehr lustige, entzückende und dann auch wieder unglaublich herzzerreißende Szenen. Ich liebe diese Art von Familiengeschichten. Als Aleksander von seinem Opa einen Zauberhut und einen Zauberstab geschenkt bekommt, wird diese Szene mit folgenden Erklärungen begleitet:

"Im Hut und im Stab steckt eine Zauberkraft, trägst Du den Hut und schwingst Du den Stab, wirst Du der mächtigste Fähigkeitenzauberer der Blockfreien Staaten sein. Vieles wirst Du revolutionieren können, solange es mit den Ideen von Tito konform geht und in Übereinstimmung mit den Statuten des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens steht"


Als Opa ein paar Tage später plötzlich an einem Herzinfarkt stirbt, will Aleksander den toten Opa lebendig machen und macht sich - als es nicht funktioniert - Vorwürfe, dass er die ganze Zauberkraft des Stabes für den Weltrekord von Carl Lewis am Tag vor Opas Tod aufgebraucht hat. - Das ist wirklich herzzerreißend!

Aber auch mit Humoristischem wird bei der Beschreibung des Dorfes nicht gespart. In diesem Roman habe ich eine der groteskesten, geilsten Ehebruchszenen ever gefunden. Der Vater von Aleksanders bestem Freund (Spitzname Walross) kommt zu früh mit seinem Sohn heim, Mutter bläst indes dem Trafikanten einen und wird prompt in flagranti erwischt, Vati ist nur wütend, und wirft dem Trafikanten vor, ihn, der ihm sogar einen Kredit für sein Geschäft gewährt hat, schändlich betrogen zu haben. Er dreht aber völlig durch und packt die Puffn aus, als er merkt, dass der Trafikant beim Tetris seinen Highscore in seinem eigenen Haus auf den ersten 3 Plätzen geknackt und das Kapital von Karl Marx auf den Boden geschmissen hat.  Vati schmeißt beide raus und spielt bis Mitternacht, um diese Schande zu tilgen. Als er damit fertig ist, stapft er mit dem Gewehr zur Wohnung des Trafikanten, zerschießt, als er niemanden mehr antrifft, alle Fenster, trägt sich auch dort im Tetris auf den ersten drei Plätzen ein, schmeißt alle Büche auf den Boden und kackt auf den Teppich. Das nenne ich mal eine gerechte Rache!

Als der Bosnienkrieg ausbricht, dreht sich die heiter-groteske Stimmung des Romans in eine bedrohlich-groteske. Alles wird aus der Sicht des vertäumten Protagonisten kommentiert: das Grauen, die marodierende Soldateska, Tod, Flucht nach Deutschland, Verlorenheit und Sehnsucht, Integration, Frieden und Weigerung zurückzukehren zu diesen Mördern.

Auf Seite 163 war ich dann erstmals nicht mehr richtig glücklich mit diesem Roman, denn ab diesem Punkt verlor er völlig seinen chronologischen Bezug und seine Verankerung - im Prinzip hat er sogar die Mitte verloren. Das begann, als der Autor ein Buch im Buch begann, also die Aufzeichnungen von Aleksander respektive seine Schreibversuche in die Geschichte  einbaute. Was an und für sich in dieser Konstellation schon totaler Mumpitz ist, denn auch alles davor war aus der Sicht und mit der lyrischen Sprache des kleinen Jungen erzählt, die dürftigen Inhalte hätte man leicht davor logisch und chronologisch in den Hauptstrang einbauen können. Also nachdem Aleksander seinen Status als erwachsener und bestens integrierter Deutscher erreicht, beginnt die Geschichte in Fragmenten wieder von vorne, das Dorf vor dem Krieg - der Krieg - nach dem Krieg - und so weiter. Aber damit nicht genug, es werden weitere Schleifen eingezogen. Als die Schreibversuche des Protagonisten zu Ende sind, fährt der erwachsene Aleksander zurück nach Bosnien, um ein Mädchen zu suchen, das er in der ersten Kriegsnacht kennengelernt hat. In Bosnien angekommen gibt es wieder chronologische Schleifen und Rückblenden in das Dorf vor dem Krieg, in die Schicksale der Dorfbewohner während des Krieges und danach. Hier hat sich der Autor nicht mal mehr die Mühe gemacht, zu erklären, wer aus dem Dorf sich denn da tatsächlich in Rückblenden erinnert, es wird einfach unerklärt immer ohne Sinn und Verstand in den Zeiten vor- und zurückgesprungen.

Versteht mich nicht falsch, was die stoboskopartigen Szenen der Vergangenheit und die weder chronologischen noch logisch konsistent eingebauten Fragmente zum Gesamtinhalt beitragen, kann nicht weggelassen werden, weil es so essentiell ist. Teilweise erschließt sich erst jetzt, wie in diesem bosnischen Dorf ehemalige Nachbarn sich plötzlich auf gegensätzlichen Seiten des Krieges befinden, wie sich dieser Hass und die lapidare Grausamkeit gegen die sehr guten Freunde einfach auf Grund von unterschiedlichen Ethnien aufbaut. Diese sehr wichtige Frage im Jugoslawienkrieg, wie man so plötzlich Ressentiments bis zum Hass auf Freunde entwickeln kann, beschreibt das Buch nämlich ziemlich genau zum Beispiel in einer sehr grotesken Szene, als sich zwei ehemalige Schulkollegen plötzlich auf unterschiedlichen Seiten des Schützengrabens befinden und sich im Rahmen eines Fußballspiels während des Waffenstillstandes begegnen. Diese unversöhnlichen Gräben, die nun genau beleuchtet werden, ziehen sich auch durch  Aleksanders Familie, dessen Vater eine Muslima geheiratet hat, und der alleine schon deshalb seine ganzen Verwandten und das Land schleunigst verlassen musste.

Trotz dieser Notwendigkeit der Rückblenden und näheren Erläuterungen hat der Aufbau der Geschichte einfach ziemlich plötzlich komplett den roten Faden verloren und ich als Leserin habe ausgerufen "Kann man das irgendwie ein bisschen ordnen bitte!"

Sogar der Autor wird sehr ambivalent, denn seine Figuren empfehlen genau jene Chronologie beim Geschichtenerzählen, an die sich Sasa Stanisic in seinem Aufbau bedauerlicherweise nicht gehalten hat.
Eine gute Geschichte ist wie unsere Drina: nie ein stilles Rinnsal, sie sickert nicht sie ist ungestüm und breit, Zuflüsse kommen hinzu [...].
Aber eines können weder die Drina noch die Geschichten: Für beide gibt es kein Zurück. Das Wasser kann nicht umkehren und ein anderes Bett wählen [...].


Fazit: Trotz des chrononlogischen Tohuwabhus, das  die gesamte Geschichte aus der logisch-zeitlichen Verankerung  gerissen hat, ziehe ich nur einen Stern ab, denn der Roman ist wirklich grandios erzählt und beleuchtet einen ganz wesentlichen Aspekt genauer, den ich schon immer wissen wollte, und der mir von anderen Autoren noch nie beleuchtet worden ist. Nämlich: Was zum Teufel mit den Menschen untereinander eigentlich im Bosnienkrieg und im Kossovo passiert ist, in dem eine fast 50 Jahre ineinander verwobene integrierte, friedlich zusammenlebende ethnische Gesellschaft einfach so derart implodieren konnte. Auf jeden Fall absolut lesenswert!