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awogfli

Awogfli - Bookcroc

Ich bin Buchgourmet und Buchgourmand quer durch viele Genres

Handlung zäh wie Strudelteig

Der Weg ins Freie - Arthur Schnitzler

Dieses Buch verstößt gegen mein erstes literarisches Gebot: "Du sollst nicht langweilen". Ich muss dazu sagen, es ist nicht schlecht geschrieben und hat mich ganz wenig genervt, aber das ist ja nun auch kein Qualitätskriterium für eine Geschichte. Jetzt kann man natürlich sagen, es bildet ziemlich treffsicher und jüdisches Leben in Wien um die Jahrhundertwende ab und hätte damit punktgenau Recht, aber wenn jüdisches Leben derart langweilig und ereignislos ist, dann will ich es nicht kennenlernen und es ist meiner Meinung nach nicht wert, erzählt zu werden.

Prinzipiell bin ich ja ein veritabler Schnitzler-Fan, seine kurzen und knackigen Novellen strotzen im Plot nur so vor rasanter Handlung und klugen Wendungen und Schnitzlers Theaterstücke sind auch meist gespickt mit interessanten Dialogen und überraschenden Ereignissen, aber bei seinem ersten Roman muss ich mit Bedauern feststellen, hat er sich eindeutig überhoben. Der Plot gibt fast nichts her, er ist zu platt, flach und kurz, als dass er einen ganzen Roman ergeben könnte. Die kaum vorhandene Handlung und die zähen Ereignisse ziehen sich sprichwörtlich wie ein selbstgemachter Wiener Strudelteig im rohen Zustand. Es fehlt der Kick und das Tempo. Zusammengefasst - und ich halte mich diesmal wirklich nicht kurz, sondern erzähle wirklich alles: Der arbeitscheue adelige Lebemann und Nichtsnutz Georg, der a bissi auf Künstler macht, schwängert eine anständige Frau namens Anna, vertuscht es, kümmert sich ein bisschen während der Schwangerschaft um sie, während er schon wieder nach dem nächsten Opfer Ausschau hält. Die feine adelige und jüdische Gesellschaft besucht sich gegenseitig und parliert. Am Ende stirbt das Kind bei der Geburt. Der Adelsspross zieht auf der Flucht nach seinen Gefühlen in die Deutsche Provinz ins Kaff Detmold und arbeitet erstmals in seinem Leben tatsächlich an einer Provinzoper als Kapellmeister. Anna, die anständige Frau, ist mit der Trennung einverstanden und akzeptiert die Erkaltung der Beziehung. Punkt.

Naja nun mag man ja einwenden, dass auch bei Dosojewski nicht viel passiert, aber diese Russen können einfach besser politisch philosophieren und an Weltschmerz leiden als diese satten und flachen Wiener der High Society. Vergleicht man Der Weg ins Freie mit Doderers Strudelhofstiege, dann ist Schnitzlers Werk bei weitem besser, weil die jFiguren besser entwickelt sind und wenigstens keine Redundanzen vorkommen. Jetzt ist der eine Stern Abstand zwischen Doderer und Schnitzler eigentlich ungerecht, und nur der Tatsache geschuldet, dass man keine 0 Sterne vergeben kann, weil dann das Buch als nicht bewertet gilt. Insofern hätte nämlich der Doderer von mir mindestens einen Negativstern ausgefasst, so unterirdisch schlecht fand ich ihn. Ich kann aber auch nicht alles aufwerten, denn das würde die Abstände zu einigen anderen Büchern wieder falsch darstellen.

Einen positven Aspekt des Romans möchte ich aber dennoch anführen. Es sind die gut analysierten, subtil angesprochenen und im ganzen Plot verteilten Anfälle von Antsemitismus und die unterschiedlichen Reaktionen der jüdischen Figuren darauf, die die adelige, nicht betroffene Gesellschaft sehrwohl bemerkt und aus seiner privilegierten Sicht heraus teilweise sehr falsch beurteilt. Da werden grob antisemitische Äußerungen als Witz verharmlost, oder daran erinnert, dass der Verfasser doch sonst so ein anständiger Mensch sei und der berechtigte Ärger über den Antisemitismus als Verfolgungswahn diskeditiert. Erinnert mich an moderne Bücher wie "Warum ich mit Weißen nicht über Rassismus spreche". Zudem gibt es am Ende des ersten Drittel des Buches eine erschreckend prophetische Zukunftsvision zum Schicksal der Juden.

 

"Was Sie Verfolgungswahnsinn zu nennen belieben, lieber Georg, das ist eben in Wahrheit nichts anderes als ein ununterbrochen waches, sehr intenisves Wissen von einem Zustand, in dem wir Juden uns befinden, und viel eher als Verfolgungswahnsinn, könnte man von einem Wahnsinn des Geborgenseins, des Inruhegelassenwerdens reden, von einem Sicherheitswahn, der vielleicht eine minder auffallende, aber für den Befallenen viel gefährlichere Krankheitsform vorstellt."

 


Das erklärt sehr viel, dass die Juden noch 1938 nicht kommen sahen, was sich zusammenbraute, sie wurden Jahrhunderte des Verfolgungswahns bezichtigt und in Sicherheit gewiegt, dass die gewalttätigen Reden eh nicht ernst gemeint seien. Deshalb konnten sie sich nicht vorstellen, dass Gewalt in der Sprache, der sie jahrhundertelang ausgesetzt waren, auch irgendwann in Gewalt in Taten münden kann. Bei den Deutschen und Östereichern war zudem die moralische Hemmschwelle gegenüber den Juden durch die antisemitischen Reden über die Jahrhunderte ohnehin schon herabgesetzt.

Fazit: Langweilige Handlung aufgeblasen auf Romanlänge und langweilige Figuren aber sehr tief beschrieben mit guter Einsicht in eine Gesellschaft, die für mich wahrlich in dem Fall total uninteressant ist. Ungefähr 2,4 Sterne, die ich abrunde, denn.... "Schnitzler, das könnens wirklich besser, nehmens Ihnen ein Beispiel an Ihren eigenen Novellen am Leutnant Gustl oder an der Traumnovelle. Für einen Roman braucht es auch einen Plot der was hergibt, ansonsten schreibt man eine Novelle."

Alt werden ist nichts für Feiglinge

Leichte Böden - David Fuchs

David Fuchs ist für mich ein Phänomen. War ich schon bei seinem Debütroman Bevor wir verschwinden schwer begeistert, so bin ich nun wieder total von den Socken, und erstaunt, wie einfach es scheint, gute Literatur zu erschaffen.

 

Der Autor erzählt ganz simpel eine hervorragende, aus dem Leben gegriffene Geschichte ohne sprachliches Schnick-Schnack, Bandwurmsätze, metaphernschwangere Beschreibungen oder sonstigen Firlefanz. Sehr viele Dialoge befinden sich in dieser Story, die er ausnehmend gut und spannend zu konzipieren weiß, die aber völlig unangestrengt wirken, als wären sie nur so von einem Anfänger daher erzählt. Entweder hat er ein geniales Talent, oder dieses Werk ist in seiner bewusst konstruierten Einfachheit ein gehöriges Stück Arbeit. Die Leser*in hat das Gefühl, nicht in fiktive Literatur, sondern schlicht ins Leben geworfen zu werden. Sofort ist man mittendrin in dieser verzwickten Situation in der Alters-WG.

 

 

Daniel, verhinderter Wissenschaftler, der bisher als Biologielehrer sein Dasein fristete, hat ein Sabbatical genommen und somit viel zu wenig zu tun. Mangels Problemen hat er auch keine Perspektiven oder eine Idee, was er mit der freien Zeit anstellen soll. Aus diesem Grunde möchte er seinen bei der Großtante in der Garage abgestellten Porsche Boxster wieder in Betrieb nehmen.

 

Bei seinem schon jahrelang her liegenden Besuch findet er Tante Klara in einer Art Geriatrie-WG, in der die schon sehr betagte Tante etwas mühsam ihren dementen Mann Alfred und den an Kehlkopfkrebs erkrankten Nachbarn Heinz pflegt und versorgt. Die drei alten Leute haben sich so recht und schlecht in ihrer Situation eingefunden und Tante Klara versucht, einigermaßen selbstbestimmt alle anfallenden Probleme teilweise eben nicht mit perfekten Methoden zu meistern. Als Daniel der Situation gewahr wird, hat er zuerst Mitleid, will helfen, aber mischt sich sofort viel zu viel ein, indem er alles besser weiß und anders machen will. Dieser Konflikt zwischen Überforderung der Tante, das Ringen um Selbstbestimmung, um nicht vom „Helfen-wollenden“ Neffen total entmündigt zu werden, ist sehr spannend. Hier bekommt das Sprichwort „gut gemeint ist nicht gut“ eine überlebensnotwendige Bedeutung. Sehr gut werden dieser Kampf und die Annäherung der Positionen in Form von Streit in Dialogen aufgebaut.

 

Eine kleine Liebesgeschichte mit Maria, der Tochter von Heinz, wird auch noch als Garnitur auf das ohnehin schon gute Familiendrama gesetzt, wobei der sehr pragmatischen Polizistin Maria, die ja schon lange mit dieser Situation im Nachbarhaus lebt, auch die Rolle der Beschwichtigerin zukommt, die Daniel immer runterholt, wenn er aus gut gemeintem Helfersyndrom droht, allzu übergriffig das Leben der drei Senioren zu verändern. Sie übernimmt als Anwältin und Fürsprecherin mit Blick auf Hilfestellung die Agenden der Senioren und ihrer Bedürfnisse nach einem Mindestmaß an Autonomie. Diese Position wird vom Autor aber nicht mit der Brechstange vertreten, sondern Maria versucht auch, die Position und die Sorgen von Daniel zu verstehen und ganz sensibel Kompromisse für beide Seiten zu finden, da, wo sie unbedingt notwendig sind. Das ist richtig wundervoll.

 

Kaum hatte ich mich in dieser zwar nicht konfliktfreien, aber dennoch sehr liebevollen Geriatrie-Kommune geistig und emotional gut eingerichtet, holte mich dieser Fuchs von Herrn Fuchs doch tatsächlich durch eine 180 Grad Wendung nochmals aus meiner Wohlfühlzone. Wahnsinn! Da dreht der Plot auch noch in ein nicht aufgearbeitetes, plötzlich eskalierendes, vergangenes Familiendrama mit einer ganz hässlichen Missbrauchsgeschichte. Das war wirklich ein überraschendes Ende und gibt der schon fast ins gemächliche ausklingenden Story nochmals den letzten Kick. Grandios!

 

Fazit: Diesen Autor muss man sich für die Zukunft merken! Das Buch ist alleine schon durch das in den ausgezeichneten Dialogen behandelte Thema und den gut gemachten spannenden Plot großartig. Unbedingt lesen!

Runter vom Elfenbeinturm, hinter die Kulissen der Wissenschaft geblickt

Nerds retten die Welt - Sibylle Berg

Als ich hörte, dass es ein Buch mit dem Titel Nerds retten die Welt gibt, war mir sofort klar, das muss ich haben, bin ich doch auch seit 1990 auf einigen Universitäten arbeitend und ganz konkret fast immer auf den Wissenschafts-Nerd-Instituten beschäftigt. Sibylle Bergs Werk ist ein sehr innovativer, größtenteils sehr spannender Beitrag zur Funktionsweise und zum Einblick in die Wissenschaft, der aber gegen Ende des Buchs das prinzipiell sehr gute Konzept mit sehr schlecht gewählten Interviewpartnern und schlecht gestellten Fragen noch ganz schön arg vergeigt.

 

Also, das Konzept ist, dass die Autorin mit Wissenschaftlern aus sehr unterschiedlichen Fachgebieten Interviews führt. Dabei werden die Forschungsgegenstände der Befragten, ihre Einschätzung zur Lage der Welt und den Beitrag ihrer Wissenschaft zur Gesellschaft insgesamt thematisiert. Dadurch, dass Berg im Rahmen der Interviews über weite Strecken des Sachbuchs wirklich gute, sehr kluge und spannende Fragen stellt, gibt dieses Werk einen ausgezeichneten, recht detaillierten und meist auch einfach erklärten Einblick hinter die Kulissen der Forschung und der sonst eher wenig allgemein bekannten wissenschaftlichen Arbeit.

 

Zudem ist der Umgang mit Quellen und Zusatzinformationen in diesem Buch topmodern, innovativ und ultragenial: Weiterführende Links zu Quellen wurden mit einem QR Code am Seitenrand versehen und können mit einem kurzen Scan angesteuert werden. Mit der Erkennung des QR-Codes durch den Scanning–beep kann in Webseiten, Lebensläufen der Interviewten, erwähnten Statistiken und youtube-Videos etc. ausführlich geschmökert werden.

 

Zuerst konnte ich nicht gleich in den Genuss dieser sensationellen Mediennutzung kommen, da bei meinem Ersatz-Handy – das letzte hatte vor einem Monat schon wieder den typischen Hosentaschen-Unfall und ist mir in die Toilette gefallen – der QR-Reader nicht installiert war und ich zuerst mein iTunes Passwort verschusselt hatte. Nach der Installation – am längsten dauerte die Suche nach dem Passwort – gab es noch ein paar persönliche motorische Troubles. Ich bin ja auch schon alterssichtig (bei uns sagt man schasaugat) und a bissi zittrig mit den Händen (patschert) und traf mit der Scanning-Kamera zu Beginn den QR-Code nicht punktgenau, so konnte er anfangs oft erst nach drei bis fünf Versuchen korrekt im richtigen Abstand lokalisiert werden. Entweder ich war zu nahe, zu weit rechts/links, zu entfernt oder zu schief mit der Kamera. Als ich mich aber an die Fokussierung gewöhnt hatte – so nach den ersten 100-150 Seiten – funktionierte es sehr genial, und die zur Verfügung gestellten Zusatzinformationen waren großartig und alle Mühe wert. Leute, die technisch nicht firm sind oder kein Handy haben, werden das Buch ohne QR-Scanning zwar auch genießen können, aber es fehlen eben die genialen Hintergrundinfos, die ich als ausgewiesener Nerd so schätze.

 

Die Interviews mit verschiedenen Wissenschaftlern sind gelegentlich zwar nix für jedermann, waren aber über weite Strecken für mich punktgenau passend und teilweise sehr genial. Am besten gefielen mir jene mit einer Pathologin, einer Gesellschafts- und Femizidforscherin, mit dem IT-Professor und Systemtheoretiker aus Delft und jener Wissenschaftlerin, die mit einer Künstlerin mit einem 3D Drucker das Modell einer Klitoris entworfen und umgesetzt hat. (https://vimeo.com/166628201) Dieser spannende Querschnitt durch die unterschiedlichsten Wissenschaftsdisziplinen in den unterschiedlichsten Ländern war fantastisch.

 

Mit zunehmendem Fortschritt so ca. ab Seite 280 stellten sich aber erste Irritationen ein. Oftmals mussten sowohl Berg als auch die Interviewten sprachlich mit ihrem wissenschaftlichen Fachchinesisch zu viel intellektuell auftrumpfen, ohne dass Berg als Interviewerin das Wording populärwissenschaftlich simplifizierte, im Gegenteil, sie schaukelte dieses unnötige Gebaren oft auch noch auf, indem sie zusätzlich Fachausdrücke hinein schwurbelte, ohne sie zu erklären, um zu demonstrieren, dass sie intellektuell ebenbürtig ist. So etwas hat in einem populärwissenschaftlichen Buch einfach nix verloren.

 

Ein weiteres Ärgernis nervte mich gegen Ende der Interviews noch viel mehr. Berg geht so ungefähr ab den letzten drei Interviews von einem falschen historischen Narrativ aus und fragt ständig alle Gesprächspartner, warum Frauen sich per se nicht für Programmierung interessieren, beziehungsweise nicht begabt für Technik sein sollten, das könnte wirklich besser recherchiert sein. In den historischen Beginnzeiten der Programmierung, als die Rechner noch mit Lochkarten gesteuert wurden, war diese Aufgabe fast ausschließlich Frauenarbeit, weil sie als eine Erweiterung der Sekretariatsarbeit stattfand. Nur weil diese Arbeit und die Leistungen, als sie nach der Mondlandung wichtig und „technisch“ wurden von Männern übernommen, die von Frauen erbrachten Leistungen unter den Tisch gekehrt und Männern zugeschrieben wurden, heißt das nicht, dass Frauen nicht technisch bzw. programmiertechnisch begabt sind. Das ist tatsächlich eine reine Umweltproblematik, da dieses mangelnde technische Verständnis Mädchen schon in jüngsten Jahren eingeredet wurde, beziehungsweise ist das auch heute noch gängige Praxis in den Schulen und auf den Universitäten. Dieser Umstand wird aber bei all diesen Diskussionen weder von Berg noch von ihren Interviewpartnern thematisiert, im Gegenteil, die meisten unterstützen zumindest vage und übernehmen diese extrem falsche Darstellung. Für die nahezu ausschließlich von Frauen erbrachte Leistung in den Anfängen der Informatik gibt es genug historische Belege und wenn man denn wollte, könnte man dieses hartnäckige falsche und extrem sexistische Narrativ sogar nur mit einer einzigen Wikipedia-Suche ausräumen und zertrümmern. https://de.wikipedia.org/wiki/Frauen_in_der_Informatik (Ich rede hier übrigens nicht davon, dem Wikipedia Eintrag ohne Recherche zu glauben, sondern von den vielen historischen Quellen zu folgen, die in diesem Eintrag stehen.)

 

Fazit: Ein gutes Buch, das die Wissenschaft vom Elfenbeinturm herunterholt, ihren Beitrag zur Gesellschaft erklärt, und das mit innovativer Quellentechnik arbeitet. Ich spreche sehr gerne eine bedingte Leseempfehlung aus, wenn die letzten 3-4 Interviews weggelassen, beziehungsweise nicht gelesen werden. Natürlich nix für Leute, die nicht an Wissenschaft „glauben“.

Meine Autorinnen Challenge 2020 - Stand Ende März

Wir verlassenen Kinder - Lucia Leidenfrost Das Loch - Simone Hirth Wen kümmert's - Elisa Tomaselli Das Muschelessen - Birgit Vanderbeke Glücklich die Glücklichen - Yasmina Reza

Hallo meine Lieben!

 

Bei mir hat sich im Rahmen der Autorinnenchallenge sehr viel getan. Ich habe zusätzlich ganz schön viele neue Bücher auf meine 2020-Leseliste gesetzt und auch beim Lesen und Rezensieren hat sich sehr viel getan. Ich bin ganz schön weitergekommen und habe die ersten 3 Monate schon 13 Bücher gelesen, 11 davon schon rezensiert. Auch mit der Qualität ging es wieder bergauf, die meisten Bücher waren wirklich richtig gut, haben mich überrascht und sehr glücklich gemacht. Ach ja ich habe meine 2 Listen SUB und Rezensionsexemplare jetzt in der Reihenfolge umgedreht, damit Ihr ganz oben meine neuesten Bücher habt.

 

Meine Wunschliste und der grobe Leseplan das meiste von meinem SUB

4.) Birgit Vanderbeke: Muschelessen ⭐️⭐️⭐️⭐️,5 Sterne (11.03.2020)

3.) Yazmin Reza: Glücklich die Glücklichen ⭐️⭐️ Sterne (08.03.2020)

2.) Amelie Nothomb: Der japanische Verlobte ⭐️⭐️⭐️,5 Sterne (25.2.2020)

1.) Natascha Kampusch: 3096 Tage ⭐️⭐️⭐️⭐️  (09.01.2020)

 

Lust oder die Liebhaberinnen, Elfriede Jelinek

Lady Orakel, Margaret Atwood
Vernon Subutex 3, Virgenie Despentes
Zehn, Franka Potente
Landgericht, Ursula Krechel
Erebos, Ursula Poznanski
Macht, Karen Duve
Delphine de Vigan, nach einer wahren Geschichte
Christine Nöstlinger, Maikäfer flieg
Jessica Durlacher, Die Tochter
Lilian Faschinger, die neue Schehrazade

Raphaela Edelbauer, Das flüssige Land

Bestellte Rezensionsexemplare

9.) Marketa Pilatova: Mit Bat'a im Dschungel Rezensionsexemplar (currently reading)

8.) Sibylle Berg: Nerds Rezensionsexemplar (currently reading)

7.) Lucia Leidenfrost: Wir verlassenen Kinder ⭐️⭐️⭐️⭐️ Rezensionsexemplar (24.3.2020)

6.) Simone Hirth: Das Loch ⭐️⭐️⭐️ Rezensionsexemplar (19.3.2020)

5.) Elisa Tomaselli: Wen kümmert's ⭐️⭐️⭐️⭐️ Rezensionsexemplar (15.03.2020)

4.) Angelika Hager: Kerls! ⭐️⭐️⭐️ Rezensionsexemplar (23.2.2020)

3.) Heidi Emfried: Des Träumers Verderben ⭐️⭐️ Rezensionsexemplar (12.2.2020)

2.) Natascha Kampusch: Cyberneider ⭐️⭐️ Rezensionsexemplar (03.02.2020)

1.) Dora Cechova: Ich wollte kein Lenin werden ⭐️⭐️⭐️⭐️ Rezensionsexemplar (09.01.2020)

Lappert, Simone: Wurfschatten

Borger, Martina: Wir holen alles nach

Lydia Haider: und wie wir hassen

Verena Stauffer: Ousia Gedichte

Was wir voneinander wissen Jessie Greengrass
Happy End für Mrs Robinson, Evelyn Steinthaler

Nothomb, Amélie: Happy End      
Vine, Barbara: Astas Tagebuch 

 

Der Krieg als Vater aller Dinge produziert verwahrloste, verlorene Kinder

Wir verlassenen Kinder - Lucia Leidenfrost

Dieses beachtliche Roman Debüt von Lucia Leidenfrost erinnert vom Setting und von den moralischen Implikationen her an den Roman Der Herr der Fliegen, wurde aber ein bisschen entstaubt, modernisiert, uns von der Kultur her näher gerückt und auch geografisch an unsere Breitengrade angepasst.

 

In einem verlassenen Dorf sind fast alle Erwachsenen infolge eines Krieges weggezogen, nur die Kinder und ein paar der Großeltern bleiben übrig. Die Kids haben sich zu einer Gang zusammengerottet und autonom irgendwelche völlig neuen Regeln etabliert, die zu Beginn nur sehr kindlich grausam, aber doch recht harmlos anmuten.

Die Ausgangssituation erinnert mich ein bisschen an die Dörfer am Land in Bosnien und im Kosovo während des Jugoslawienkrieges, damals, als mein Lieblingsonkel, der bei den KFOR-Truppen angestellt war und die Aufgabe hatte, die Infrastruktur wie Krankenhäuser, Wasserversorgung und Schulen wiederaufzubauen, mir von seinem Alltag und seiner Arbeit erzählte.

 

Nach und nach mit fortschreitender Handlung kann die Leser*in in dieser Geschichte nicht mehr punktgenau festmachen, was wirklich los ist, aus der Sicht der Außenseiterin Mila gibt es vage Andeutungen, dass hier etwas am Eskalieren ist. Auf jeden Fall steigert sich die Bedrohlichkeit der Situation Schritt für Schritt, wie so ein wabernder Ton in einem Thriller von Zeile zu Zeile  – das ist dramaturgisch ganz großes Kino.

„Wie kann man nur so sein“, will Mila rufen. Stattdessen starrt sie die kleinen Kinder an, deren Gesichter anschwellen. „Roh werden wir aus Langeweile“, flüstert Mila.“

Dann liegen das Drama und der Sündenfall auf dem Tisch: diese Langeweile, dieser Mangel an Beschäftigung, diese Verwahrlosung steigert die Grausamkeit der Kindergang enorm, die älteren Teenager quälen die Kleinen, die Gang verletzt und nötigt die Außenseiterin Mila, die nicht mitmachen will, sexuell, brandmarkt sie nachhaltig und vergreift sich sogar an den Großeltern und Erwachsenen, indem sie sie tötet. Die Situation eskaliert total, indem die ganz kleinen Kinder nun auch noch den Fleischhauer irrtümlich oder auch nur aus Neugierde erschossen haben. Die Spirale der Gewalt ist nicht mehr aufzuhalten. Demgegenüber steht das kooperative konstruktive Konzept von Mila, die ihre Geschwister trotz all der Anfeindungen und Übergriffe versorgt und sich selbst in der abgesperrten Schule mit anderen Dingen als Gewaltspielen beschäftigt.

 

Spannend ist stilistisch auch der Einsatz von unterschiedlichen Blickwinkeln, aus denen der Plot erzählt wird. Da gibt es zuerst das WIR des Kinderkollektivs, das sehr viele neue grausame Regeln aufstellt, schlimme Taten begeht und diese auch aus einer kindlichen Sicht rechtfertigt. Dann gibt es auch die Position von Mila, die die Gewalteskalation der Kinder von außen betrachtet, selbst nur kooperative Gedanken hat und Handlungen setzt, natürlich nicht, ohne sich selbst zu schützen. Und dann gibt es auch noch die Sicht der einzelnen Erwachsenen, die die Situation eigentlich gut gemeint haben, ihre Kinder nur schützen wollten, aber somit die Eskalation durch die Verwahrlosung vorangetrieben haben. Zuerst sind die Eltern in die Stadt und in den Krieg gezogen, weil die Großeltern noch da waren, dann sind die Großeltern einberufen worden und haben bezüglich Versorgung nichts unternommen, um die Kinder vor einer Wehrpflicht zu schützen, in der Hoffnung, dass der Staat die Kinder auf dem Land total vergisst. Leider sind solche gut gemeinten Verhaltensweisen nicht zwangsläufig gut. Die Kinder fühlen sich zuerst im Stich gelassen, dann ungeliebt und flippen anschließend als Folge dieser falschen Rücksichtnahme total aus.

 

Fragt mich nicht, was konkret, aber am Ende hat mich plottechnisch irgendetwas gestört, ich kann es aber nicht genau festmachen, was es war, denn ein kleiner Showdown findet durchaus statt. Aber mir war das Finale einfach ein bisschen zu unbestimmt und etwas zu offen für unterschiedliche Interpretationen. Möchte aber darauf hinweisen, dass dies wieder mal Nörgelei von mir auf allerhöchstem Niveau ist, irgendwie bin ich da immer ein bisschen zu monkhaft, wenn noch Fäden der Geschichte lose sind.

 

Fazit: Absolute Leseempfehlung. Diese Geschichte ist spannend, subtil gruselig, lapidar grausam und sprachlich sehr ansprechend. Die Handlung ist zwar ein bisschen dystopisch fiktional, aber dennoch so authentisch nahe einer tatsächlichen Wahrscheinlichkeit, dass sie Gänsehaut verursacht – sehr grandios!

Zu tief im Loch der Depression versunken

Das Loch - Simone Hirth

Wahrscheinlich bin ich die falsche Zielgruppe für diesen Roman, ich kann zwar sehr gut Empathie für überforderte Mütter entwickeln, aber wenn eine Frau fast zwei Jahre nur lamentiert und jammert, ohne zu bemerken, dass etwas mit ihr nicht stimmt, und nicht zu einem Psychologen geht, dann ist mir zwar bewusst, dass so ein Umstand durchaus sehr häufig vorkommen kann, ich muss aber nicht jeden Jammerer und Seufzer in einem Buch niedergeschrieben mitlesen und mitmachen. Wenn ich 75 Euro für eine knappe Stunde Gesprächstherapie kassiere, ist das ja in Ordnung, dann ist das mein Job, aber in einem Buch hat die hier ausgebreitete Depression in diesem gar so exzessiven Detaillierungsgrad einfach für mich zu wenig Existenzberechtigung.

 

Dabei fing alles eigentlich richtig gut an, ich mag ja Problemromane sehr. Eine überforderte Mutter schreibt in der Karenz mit Lagerkoller infolge der Einsamkeit und dem mangelnden Kontakt zu Erwachsenen Briefe an einen Frosch, ein Murmeltier, Jesus Christus, Mohammed, Schneewittchen, den Bundeskanzler, das Loch, in das sie zu fallen droht und an alle möglichen anderen realen und fiktiven Personen inklusive an Nutella. Sie schreibt sich auf kleinen Zetteln ihre Wut, ihren Frust, ihre Überarbeitung und Müdigkeit von der Seele.Ich wusste ja gleich, wie bei einem Kremayr und Scheriau Roman erwartet, dass es ein bisschen „innovativ“ werden wird, aber das war schon total abgefahren und hat mir am Anfang ausnehmend gut gefallen.

 

Zwischen Seite 160 und 200, als der Sohn mehr als ein Jahr alt war und abgestillt, sie teilweise auch wieder arbeitet, lamentiert sie aber weiter, es ist zu heiß, die Füße sind im Sommer geschwollen, im Urlaub hat sie Kopfweh, Heimweh, ihr ist schlecht, das Kind quengelt, weint, undundund. An diesem Punkt wird das Gejammer langsam lähmend und man möchte als Leser*in in das Buch hineinrufen, „geh endlich zu einem Arzt und lasse Dir Deine Depression behandeln“. Die Stimmung kippte bei mir etwa auf Seite 170 dieses unglaublichen Lamentos. Das ist so, wie wenn man einer Freundin immer aufmerksam zuhört, anfänglich Mitgefühl für ihre Scheiß-Situation hat und ihr Lösungsvorschläge bringen möchte, die sie nicht einmal anhören will. Die Freundin hat sich so an ihr Gesudere gewöhnt, dass sie Dich als Kummerkasten, als Auskotzstation missbraucht, sie suhlt sich regelrecht im Unglück und im armseligen Leben, in dem man sich selbst nur zu gerne eingerichtet hat. Irgendwann verdreht man nur noch die Augen, so ging es mir mit dem ewigen mittlerweile sinnlosen Gejeiere* im Roman, ich mochte mir nur noch die Augen zuhalten und der Autorin, da sie schreibt, einen Fingerknebel verpassen. Kein einziges positives Erlebnis mit dem Kind wird erwähnt. Nur einmal gibt es die neue Gefühlsregung Neid, als der Mann etwas Positives erlebt hat, denn das Kind ging seine ersten paar Schritte erstmals bei ihm.

Liebe Wölfin!
vermutlich liest du das und wirst lachen. Du wirst sagen: Aber das haben doch schon Generationen von Frauen vor Dir geschafft, mit mehreren Kindern und mit weniger Mitteln, also was soll das Gejammer?
Du hast natürlich Recht. Das ist alles Gejammer und das ist ja das Schreckliche. Gejammer ist weit entfernt von Literatur. Und Literatur ist das, was ich brauche, wie die Luft zum Atmen. Was ist das eigentlich für ein dämlicher, abgedroschener Vergleich? Und warum fällt mir kein besserer ein?

Auf Seite 217 kommt endlich die Erlösung, schließlich kommt auch die Protagonistin drauf, dass sie eine postpartale Depression hat und geht zum Arzt. Vor allem die Leserschaft seitenfüllend mit jedem einzelnen depressiven Furz zu quälen, und aus Innensicht auch noch tief in jeden Schas* hineinzuschnüffeln, ist schon ein starkes Stück und unnötiges literarisches Flagellantentum, das ich mir nicht unbedingt antun wollte und vor dem ich Euch auch warnen möchte.

 

Nach der Diagnose gibt es in Babyschritten eine positive Entwicklung der Hauptfigur, aber da musste ich schon zu viel Geduld vorher aufbringen, um ihr noch wirklich anteilnehmend zuhören zu können, allzu sehr hat mich die ganz Geschichte nur noch genervt.

 

Fazit: Der Roman Das Loch beschreibt sehr authentisch, extrem genau und für mich viel zu lange das Loch einer ausgewachsenen Depression. Ich kann eine Depression auch nachvollziehen und Empathie für Betroffene empfinden, wenn man mich nicht so quält, dass ich beim Lesen auch noch wütend und depressiv werde. Aber vielleicht sieht das jemand anders und ist diesbezüglich duldungsfähiger. Ich war es nicht.

*Schas, der  = Furz auf österreichisch
*Gejeiere, das = Gejammer auf österreichisch mit einer weinerlichen Note inkludiert

Soziale Berufe und soziales Engagement spannend aufbereitet

Wen kümmert's - Elisa Tomaselli

Vordergründig wurde ich auf dieses Sachbuch aus dem Verlag des österreichischen Gewerkschaftsbundes aufmerksam, da mir die Grafiken so gut gefallen haben, weiters dachte ich zuerst durch den Titel, dass hauptsächlich die unbezahlte Sorgearbeit von Frauen in Österreich thematisiert und sichtbar gemacht wird und es dadurch perfekt als einer meiner wichtigen Lesebeiträge zum Weltfrauentag passen würde. Keine meiner Erwartungen wurde komplett erfüllt und trotzdem bin ich so angetan von den mir völlig neuen sehr international geprägten Inhalten dieses Buches über kluge Projekte und Probleme von Sorgearbeit aus Europa, dass ich es sogar dem deutschen Publikum unbedingt vorstellen möchte, was ich ansonsten bei einem österreichischen Minderheitenprogramm nicht machen würde.

Die Kapitel sind thematisch lose aneinandergereiht und haben als einzige inhaltliche Klammer Projekte und Probleme mit Sorgearbeit.

Bereits im ersten Abschnitt Jugendarbeit und Familie kommt ein sehr kompetenter Mann zu Wort, der uns das Konzept der modernen Bubenarbeit vorstellt. Um toxische Männlichkeit von Anfang an zu vermeiden, sollen männlichen Kindern schon in der Schule stereotype Geschlechterklischees, Sexismus und andere Verhaltensweisen gar nicht antrainiert werden, beziehungsweise den Burschen auch alternative Konzepte von Männlichkeit abseits von Machogehabe und moderne Problemlösungsmechanismen vorgestellt werden. Kindern, die einmal vorgelebt bekommen, dass Hilfe in Situationen zu suchen, die nicht selbst bewältigt werden können, nichts Unmännliches ist, tappen auch als Erwachsene in Krisensituationen seltener in die Falle der toxischen Männlichkeit. Das verhindert sowohl Suizid als auch Femizid. So nebenbei reden die Burschen im Rahmen des Projektes auch über Tabuthemen wie Sex, Pornos und LGBT, was auch sehr zur Weiterentwicklung beiträgt.

In Kapitel zwei geht es um das moderne Modell der Väterkarenz beziehungsweise Elternzeit für Väter. Es zeigt anhand von Fallbeispielen, wie in dieser Situation mit viel Gegenwind gegen traditionelle Rollenbilder angegangen werden muss und welche Probleme dabei in sehr traditionell orientierten Gesellschaften wie Österreich und Deutschland entstehen. Dem werden die skandinavischen Problemlösungen der Vereinbarkeit von Familie und Beruf auch mit den schon erwähnten schönen Grafiken gegenübergestellt.

Im zweiten Abschnitt geht es um Pflege und dabei um zwei total gegensätzliche Modelle. Das erste ist die Österreich–Variante mit weiblichen Vollzeit 24-Stunden-Betreuerinnen aus Rumänien und der Slowakei, die zwischen drei Wochen bis einen Monat ununterbrochen in einem österreichischen Haushalt arbeiten und erst dann wieder nach Hause fahren. Hier wird die Situation in Hochpreisländern wie Österreich geschildert, aber auch wie sich dieses Arbeitsmodell zu Hause in der Heimat der Pflegerinnen mit der Arbeitsverteilung zwischen Ehepartnern auswirkt.

Während in Österreich und in Deutschland händeringend nach Lösungen für Langzeitpflege gesucht wird, scheint sie Holland gefunden zu haben. Das Nachbarschafts-Pflegemodell BUUR wird vorgestellt, das einheimische Arbeitskräfte einsetzt, Menschlichkeit vor Bürokratie stellt, Selbstorganisation im Job und Zufriedenheit der abgesicherten Angestellten gewährleistet und dadurch Überforderung der Angehörigen und des Pflegepersonals verhindert. Zudem ist dieses Modell langfristig sogar kostengünstiger.

Im letzten Abschnitt wird das Freiwilligenengagement für die Gesellschaft dargestellt und wie die Arten der Tätigkeiten sich zwischen Männern und Frauen in Österreich strukturell unterscheiden. Diese Situation wird in Deutschland wahrscheinlich nicht anders sein. Männer arbeiten vorwiegend im Bereich Katastrophen- Rettungsdiensten und Vereinen, Frauen im Sozial- und Gesundheitsbereich.

Die offensichtliche Stärke des Buches zieht sich über alle Abschnitte: Fakten und detaillierte Modellbeschreibungen gewürzt mit ganz persönlichen Geschichten und wunderschön gezeichneten Statistiken. Der einzige Kritikpunkt, den ich persönlich anmerken möchte: Es war mir einfach zu kurz und die Themen hätte ich gerne noch umfassender behandelt gesehen. Aber wahrscheinlich würde das dem Werk dann ein bisschen die Leichtigkeit und die Innovationskraft nehmen. Ich bin eben ein Faktenfan.

Fazit: Eine große Überraschung und Leseempfehlung für dieses wunderschöne farbige Buch zum Thema Sorgearbeit, das im Verlag des Gewerkschaftsbundes herauskam. Da in allen erwähnten Teilbereichen Österreich, Deutschland und die Schweiz ähnlich ticken und sehr viele europäische Aspekte vorgestellt werden, ist es meiner Meinung nach EU-weit auch relevant.

Sturz des Tyrannen

Das Muschelessen - Birgit Vanderbeke

Ein großartiger Plot und ein wundervolles Szenario das dieser kleine kurze Roman entwickelt. Der Patriarch kommt verspätet von der Dienstreise nach Hause, das eigens für ihn vorbereitete Muschelessen gammelt stundenlang vor sich hin. Schrittweise entpuppt sich auch die brutale Autorität des Tyrannen, die plötzlich schwankt, weil die restliche Familie die eingefahrenen erstarrten Verhaltensmuster der Familie genau an diesem Tag nicht abrufen kann und damit Zeit und auch Raum bleibt, sich einmal ohne den psychischen und physichen Missbrauch des Vaters mit neuen subversiven Gedanken zu beschäftigen.

 

Das ganze Setting wird sehr authentisch aus der Sicht der Tochter erzählt, wodurch der Schreibstil anfangs ein bisschen mühsam und nervig ist mit den sprachlichen Redundanzen, diese sind aber nicht im Plot sondern kommen in den Sätzen vor. Das junge Mädchen wiederholt und bekräftigt in Bandwurmsätzen ständig ihre eigenen Aussagen, um sich selbst auch zu versichern. Irgendwann hatte ich mich aber daran gewöhnt, und die plappernde und teilweise panische Erzählweise des geschundenen Kindes entwickelte einen Sog, dem auch ich mich nicht entziehen konnte.

 

... mein Bruder ist auch nicht so gefräßig gewesen, sondern sanft, was aber mein Vater jämmerlich fand, seine dauernde Niedlichkeit hat meinen Vater gegen ihn aufgebracht, während er sie bei mir sehr vermisst hat, weshalb es in unserer Familie immer geheißen hat, ich bekomme, so uncharmant, wie ich bin keinen Mann, während es geheißen hat, so mädchenhaft, wie mein Bruder ist, das ist alles andere als normal, ...

 

Der Schluss ist grandios. Der Patriarch wird in Abwesenheit ohne ein einziges böses Wort abmontiert und sehr subtil gestürzt.

 

Fazit: Stilistisch ungewöhnlich, aber authentisch erzählt und lesenswert. Eine sehr gute, tiefe und hintergründig gestaltete Geschichte, wie sich ein Familiensystem gemeinsam und jeder einzeln nach langer Qual gegen einen Tyrannen auflehnen kann.

Knarren Objektophilie

Der Revolver - Fuminori Nakamura

Asiatische Schriftsteller sind ja völlig Meines und haben mich ganz selten enttäuscht. Sie vermitteln meist eine fremde exotische Kultur, beschreiben eine mir völlig fremde Gesellschaft mit unbekannten Sitten, haben aber dennoch eine Schreibkultur auf höchstem Niveau entwickelt, die uns Europäern diese unerklärliche mysteriöse Welt sprachlich gewandt beizubringen weiß. Deshalb habe ich mich mutig auf den mir bisher völlig unbekannten Autor eingelassen und war auch diesmal sehr begeistert.

 

Der Roman ist sehr kurz, extrem spannend, richtet den Fokus der Geschichte ausschließlich auf ein bestimmtes Objekt einer Obsession - einen Revolver - und beschreibt die Beziehung des Protagonisten zu ebendiesem Ding. <!--more-->Das Leben des Studenten Nishikawa ähnelt der langweiligen Existenz einer grauen Maus und wird plötzlich bereichert, als die Hauptfigur eines Nachts in den Händen eines vermutlichen Selbstmörders einen Revolver findet, den er vom Tatort mitnimmt. Plötzlich fühlt sich der Student als kleiner Gangster, als tiefgründiger Mensch mit einem kriminellen Geheimnis, das seinem bisher faden Charakter Unvorhersehbarkeit, Gefährlichkeit und Tiefe vermittelt. Nach und nach werden dieses Ereignis und die Leidenschaft, die er zum Objekt seiner Sehnsucht und Begierde entwickelt, krankhaft zu einer objektophilen Zwangsstörung. Nikishawas restliches Leben existiert zwar noch, tritt jedoch neben der Beschäftigung mit der Waffe total in den Hintergrund, fast wie bei einem musikalischen fade out.

 

Irgendwann erinnerte mich diese Geschichte in ihrer Zwanghaftigkeit frappant an Patrick Süßkinds Die Taube: die gleiche Länge des Textes und irgendwie die gleiche Obsession, statt Viecherl eben Knarre. Das Ding übernimmt ganz allmählich, schrittweise die Macht über den Menschen. Der Revolver, der ausschließlich dazu gefertigt wurde, um abgefeuert zu werden und damit vielleicht auch jemandem das Leben zu nehmen, fordert seinen Tribut und wirft die bisherige gleichförmige Existenz des Studenten völlig aus den Fugen. Der Protagonist hat sich zumindest in seinem Geiste vom unschlüssigen, schüchternen, gesellschaftlich in strengen Regeln verhafteten, entscheidungsschwachen, verlorenen, zweifelnden japanischen Mann, den ja auch Murakami immer so treffend zu beschreiben weiß, in einen gefährlichen Macher mit Tiefgang und bedrohlichen, ernstzunehmenden Absichten entwickelt.

Der Revolver war wie ein unbezähmbares, eigenwilliges Wesen. Und ich ahnte, dass ich diesem mächtigen fordernden Wesen nicht mehr lange würde standhalten können und es nur durch den erlösenden Schuss bändigen konnte. Der Gedanke ließ mich schaudern. [...] Ich erinnerte mich an mein Glücksgefühl, als ich den Revolver entdeckt hatte. Dennoch hatte ich versucht, einen kühlen Kopf zu bewahren, hatte versucht, mich von meiner Erregung nicht überwältigen zu lassen. [...] Am liebsten hätte ich die Zeit zurückgedreht, als der Revolver und ich noch gleichberechtigte Partner gewesen waren. Doch das war nicht mehr möglich. Der Revolver war ein Teil von mir geworden, hatte mein ganzes Denken und Handeln durchdrungen. Zu schießen war die eigentliche Bestimmung eines Revolvers, und so war es auch nur logisch, dass auch ich das wollte.

Ein potenzielles Opfer, ein Tatort und ein Tatplan, mit dem man eventuell vor der Polizei davonkommen kann, werden systematisch entwickelt. Am Ende im Rahmen der realen Umsetzung der lange geschmiedeten Pläne dreht sich der Plot noch drei Mal um 180 Grad, eine sensationelle Dramaturgie, die den Spannungsbogen dieser wirklich kurzen Geschichte so rasant konzipiert, dass ich fast nicht mehr zum Atemholen kam. Und die Moral von der Geschicht: Spiele mit der Knarre nicht.

 

Fazit: Kurz, knackig, tiefgründig, spannend, rasant, sprachlich sehr ansprechend und sensationell. Absolute Leseempfehlung, das Buch kann in einem Haps verschlungen werden.

Episodenroman, dessen Episoden kein Puzzle ergeben

Glücklich die Glücklichen - Yasmina Reza

Ein sehr nerviges Werk, das als Episodenroman keine konsistente Gesamt-Geschichte zusammenbringt und als lose Kurzgeschichtensammlung gesehen sind die Figuren der Episoden einfach viel zu wenig entwickelt und der Plot weist in den meisten Fällen keinen  Spannungsbogen auf. So war ich als Leserin ständig damit beschäftigt, zu versuchen das Gesamtbild, das  Puzzle, zusammenzupfriemeln was nicht funktionieren konnte, da die  tangent zusammenhängenden Episoden und die auch nur tangent zusammenhängenden Figuren und Biografien einfach keine Struktur oder ein Ziel ergaben.

Ich  bin ja sehr für anspruchsvolle Literatur, möchte mich auch sehr gern geistig ein bisschen anstrengen und habe schon mit ausgezeichneten Episodenromanen wie Daniel Kehlmanns Ruhm oder Denn sie sterben jung  von Antonio Ruiz-Camacho sehr gute Erfahrungen gemacht, aber sinnlose Leserquälung, Defragmentierung, und nur tagente Episoden im Stakkato stroboskopartig platziert ohne Ziel, Sinn und Verstand ist nur eines: nämlich schlechtes Literaturhandwerk

Was das traurigste an diesem zusammenhanglosen Machwerk ist, ist der Umstand, dass die Autorin sehr wohl und sehr gut zu schreiben vermag. Ein paar wenige Episoden sind sogar als Kurzgeschichte relativ gut konzipiert und weisen plottechnisch einen humorvollen sich rasant zuspitzenden Spannungsbogen auf wie zum Beispiel die erste Szene einer Ehe zwischen Odilie und Robert als ein winziger Konflikt mit Publikum im Supermarkt sehr schnell eskaliert. Oder sie fallen auch durch sprachliche Skurrilität auf, z.B. die schräge Sexszene “ Er befreite sein Geschlechtsteil, und plötzlich fiel mir auf, dass das Sofa türkis war“, aber das ist auch schon alles, was diese 170 Seiten an positiven Erlebnissen und Qualität zu bieten haben.

Dann auch noch in einer Episode des Romans Klosterneuburg als Filmdrehort zu installieren ist wirklich absurd. Ich hab nix gegen Fiktion und Imaginationskraft, aber konsistent sollte sie schon sein und nicht ausgerechnet das letzte spießige Nest im Schatten eines Hügels im Norden von Wien als Location für einen internationalen französischen Film auswählen. Ich war so verblüfft, dass ich googeln musste, ob mir da etwas entgangen ist, aber außer einer einzelnen Folge von Soko Donau tat sich dort niemals etwas. Weil Kloburg (Spitzname) an der Donau liegt, musste das ja mal sein aber alle anderen Nester an der Donau waren schon weitaus öfter und mehrmals Schauplatz dieser Serie. Ok das Kloster ist schön, wenn man einen Wachauer Marillenbaum veredeln will, ist das der richtige Ort, die dortige Wein- und Obstbauschule hat eine 1861 Methode zum Messen des Zuckergehaltes von Wein entwickelt,  oder wenn man eine schweineteure Wohnung meist sehr ungemütlich in Hanglage in der Nähe von Wien kaufen will, ist man dort auch gut aufgehoben, ein gutes Kunstmuseum wurde dort gegründet aber 2016 wieder geschlossen, ansonsten tut sich gar nix dort.

Fazit: So, aber nun komme ich zur Endabrechnung. Das Buch ist komplett entbehrlich. Wahrscheinlich war der einzige Nutzen, dass ich es gelesen habe jener, dass Ihr mich immer so gern leiden seht und auch mein Lamento über mein Leiden gar so sehr genießt. Hab da schon öfter positive Signale unter meinen Freundln gehört, die sich immer so daran ergötzen, wenn ich mich über ein Buch aufpudle im Lesestatus extrem sudere und es dann auch noch als Schlusspunkt auch noch gemein verreiße.

Mein Autorinnen Challenge 2020

Der Japanische Verlobte - Amélie Nothomb, Brigitte Große Des Träumers Verderben - Heidi Emfried Kerls!: Eine Safari durch die männliche Psyche - Angelika Hager

Hallo meine Lieben!

 

Ein Monat ist vergangen und bei mir hat sich sowohl beim Abarbeiten der Liste als auch beim Auffüllen der Pläne einiges getan. Ich habe viele neue Bücher insgesamt 6 von Frauen nachbestellt, wodurch sowohl meine SUB-Liste als auch meine Rezensionsexemplarliste ordentlich gewachsen ist.

 

Der Lesemonat Februar war nicht so prickelnd, die ausgewählten Bücher waren nicht so begeisternd, wie jene im Jänner, aber das wird sich sicher wieder ändern.

 

Meine Wunschliste und der grobe Leseplan das meiste von meinem SUB und dringende Wünsche

1.) Natascha Kampusch: 3096 Tage ⭐️⭐️⭐️⭐️  (09.01.2020)

2.) Amelie Nothomb: Der japanische Verlobte ⭐️⭐️⭐️,5 Sterne (25.2.2020)

 

Lust oder die Liebhaberinnen, Elfriede Jelinek

Lady Orakel, Margaret Atwood
Vernon Subutex 3, Virgenie Despentes
Zehn, Franka Potente
Landgericht, Ursula Krechel
Erebos, Ursula Poznanski
Macht, Karen Duve
Yazmin Reza, Glücklich die Glücklichen
Delphine de Vigan, nach einer wahren Geschichte
Birgit Vanderbeke, Muschelessen
Christine Nöstlinger, Maikäfer flieg
Jessica Durlacher, Die Tochter
Lilian Faschinger, die neue Schehrazade

Raphaela Edelbauer, Das flüssige Land

geplante und bestellte Rezensionsexemplare

1.) Dora Cechova: Ich wollte kein Lenin werden ⭐️⭐️⭐️⭐️ Rezensionsexemplar (09.01.2020)
2.) Natascha Kampusch: Cyberneider ⭐️⭐️ Rezensionsexemplar (03.02.2020)

3.) Heidi Emfried: Des Träumers Verderben ⭐️⭐️ Rezensionsexemplar (12.2.2020)

4.) Angelika Hager: Kerls! ⭐️⭐️⭐️ Rezensionsexemplar (23.2.2020)

5.) Simone Hirth: Das Loch Rezensionsexemplar (currently reading)
6.) Lucia Leidenfrost: Wir verlassenen Kinder Rezensionsexemplar (currently reading)

7.) Elisa Tomaselli: Wen kümmert's Rezensionsexemplar (currently reading)

Nerds, Sibille Berg
Was wir voneinander wissen Jessie Greengrass
Happy End für Mrs Robinson, Evelyn Steinthaler

Nothomb, Amélie: Happy End    
Borger, Martina: Wir holen alles nach   
Lappert, Simone: Wurfschatten    
Vine, Barbara: Astas Tagebuch    

 

Flirten und Beziehungen auf japanisch

Der Japanische Verlobte - Amélie Nothomb, Brigitte Große

Prinzipiell muss ich sagen, dass mir Teil eins dieser Erfahrungen einer Belgierin in Japan wesentlich besser als dieses Buch gefallen hat. Ursprünglich habe ich  Mit Staunen und Zittern  nur deshalb 4 Sterne verliehen, da mir diese großartige berufliche Groteske einfach zu kurz war, aber damals wusste ich noch nicht, dass die Fortsetzung in Form eines anderen Buches exisitiert. Deshalb habe ich nun Teil eins nachträglich auch aufgewertet, denn mein Hauptkritikpunkt existiert durch diese Fortsetzung der Geschichte de facto nicht mehr.

Der zweite Teil der Geschichte, nämlich Der japanische Verlobte spielt nahezu zeitgleich, aber betrachtet ausschließlich den privaten Aspekt der Erfahrungen der belgischen Protagonistin in Japan. Er startet ein halbes Jahr vor der beruflichen Karriere mit dem zarten Beginn einer Liason mit dem Studenten Rinri, überlappt dann Teil 1 indem er ausschließlich das Privatleben des Paares schildert und beleuchtet in einer Nachschau noch den endgültigen Schlusspunkt der Beziehung Jahre später.

Was mir sehr gefallen hat, war die Authentizität, die im Plot vermittelt wurde: zwar nicht so wie wir im europäischen Stil den Start einer Liebe schildern würden mit all unseren Gefühlsaufwallungen, sondern eben völlig anders. Was mir weniger gefallen hat, ist der Umstand, dass mir so eine Beziehung einfach literarisch zu langweilig ist. Der Anfang war wie gesagt holprig und a bissi fad, nämlich die zarte Pflanze des Flirts in der japanischen Gesellschaft. Weil die Japaner ja diesbezüglich extrem verklemmt und vielen gesellschaftlichen Konventionen unterworfen sind, lähmte die Beschreibung dieser linkischen Art von jungen japanischen Männern ordentlich, war aber auch a bissi niedlich in ihrer Unbeholfenheit. Die Handlung plätscherte so dahin, ohne wirkliche Flirt-Highlights bis zur Fondueszene, dann legt sich der Schalter sofort auf total schräg um - als Analogie möchte ich Euch die Folgende anbieten: vom Kinderzimmer gleich auf die Fetischmesse gehupft.

Anschließend geht es wieder sehr konventionell weiter, der Leserschaft offenbart sich eine mäßig spannende Beziehung ohne Höhen und Tiefen, die allmählich ernst wird. Interessant waren aber die Sidekicks durch Einblicke ins Land und in die Gesellschaft, die durch die vielen typischen Pärchen-Unternehmungen, die die beiden absolvieren, von der Autorin in die Handlung eingebunden wurden. Offenbar gibt es eine Romatik-Liste, die japanische Paare, die sich ja auch nicht zu Hause herumtreiben und Sex haben dürfen, abarbeiten sollten, um gesellschaftlich anerkannte und standesgemäße Werbung zu betreiben. Darauf stehen zum Beispiel eine Wanderung auf den Fuji, Abendessen der Frau mit Freunden des Partners, Besuch der Insel Sado und ein Wellness-Bad in heißen Quellen, Kino-Besuche, Parks, Förmliche Vorstellung bei der Familie ... .

Was da so en passant an japanischer Kultur vermittelt wird, die uns völlig fremd vorkommt, ist nicht unspannend.  Zum Beispiel kommt heraus, dass schon im Alter von 5 Jahren ein ernormer Leistungdruck auf japanische Kinder ausgeübt wird, indem sie einen Intelligenztest machen müssen, der über ihre zukünftige akademische Karriere entscheidet. Das ist total bekloppt und megaheavy bezüglich Stress, kein Wunder dass es so viele Selbstmorde gibt. Nur während des Studiums können sich junge Leute austesten, nicht in der Schule, in der auch ein enormer Druck herrscht, und so gut wie nie wieder nachher, dann stecken sie im Hamsterrad der Arbeit fast ohne Freizeit fest. Erst nach der Pensionierung können die Japaner einigermaßen selbstbestimmtes Leben wiederaufnehmen.

Auch die Vorstellung der Liebsten in einer formellen Zeremonie für alle Studentenfreunde, war sehr schräg und ungewöhnlich, aber sehr interessant, die Vorstellung von Rinris Familie insbesondere der Großeltern war überhaupt sehr überraschend.

Nach und nach wird der Protagonistin die von ihr aus eher locker geführte Beziehung viel zu eng, ein Heiratsantrag steht ins Haus, den die junge Frau zwar nicht ablehnen möchte, damit sie die Beziehung nicht gefährdet, aber mit einer laangen unbestimmten Verlobungsphase, wie es in ihrem Heimatland Belgien angeblich üblich sein sollte, abwiegeln kann.



"Ich wollte Rinri nicht heiraten. Außerdem war mir die Idee einer Heirat schon lange zuwider. Was hatte mich also daran gehindert abzulehnen? Die Erklärung war, dass ich Rinri mochte. Eine Ablehnung hätte Trennung bedeutet, und ich wollte nicht mit ihm brechen. Mich verband so viel Freundschaft, Zuneigung und Lachen mit diesem sentimentalen Jungen. Ich hatte keine Lust, auf seine charmante Gesellschaft zu verzichten. Ich segnete den Erfinder der Verlobung."


Schließlich läuft sich die Beziehung ohne größere Friktionen ganz allmählich Schritt für Schritt tot, was zwar sehr realistisch ist, aber literarisch einfach sehr wenig Futter für spannende Auseinandersetzung bietet. Wobei - wie die Protagonistin strategisch klug ohne Streit und Verweigerung das Heiratsversprechen umgeht ist nicht unspannend - sie wählt eine eher männliche Art der Vermeidung beim Schlussmachen, ist aber etwas netter und kommunikativer im Nachgang der Beziehung.

Fazit: Hat mich jetzt nicht so ganz vom Hocker gerissen, wie Teil 1,  ist aber eine sehr gute behäbige Geschichte über Beziehungen in der japanischen Kultur. 3,5 Sterne wohlwollend aufgerundet auf 4 und eine Leseempfehlung.

In die männliche Psyche im Kinderschwimmbecken abgetaucht

Kerls!: Eine Safari durch die männliche Psyche - Angelika Hager

Versteht mich nicht falsch, ich habe es durchaus genossen, dieses Buch zu lesen, es behandelt das Thema Mann ein bisschen an der Oberfläche, locker und flockig, aber es scheitert meiner Meinung nach an den hohen Ansprüchen, die es sich selbst und den Leser*innen-Erwartungen im Untertitel gesetzt hat. An der auf dem Cover angekündigten Safari durch die männliche Psyche habe zumindest ich nicht teilgenommen, beziehungsweise wurden mir nur ein paar seichte Tümpel mit ein paar Erdhörnchen gezeigt, die big five der männlichen Probleme blieben mir aber weitgehend verborgen.

 

Dabei fand ich das Konzept, eine Frau tiefer in die männliche Psyche eintauchen zu lassen, und uns dieses fremde Wesen dann empathisch möglichst aus Männerpositionen zu erklären, ursprünglich gar nicht so dumm, denn mit Gefühlsdingen und Selbstanalyse sind unsere maskulinen Vertreter ja nicht ganz so familiär und reagieren oft außerordentlich wortkarg verschwiegen. Da schien Angelika Hager, die unter dem Pseudonym Polly Adler schon sehr viele witzige Kolumnen bezüglich menschlicher Schwächen geschrieben hat, durchaus eine Person zu sein, die diesen Spagat schaffen könnte.

 

Leider funktionierte das nicht, denn Angelika Hager konnte sich nie von der weiblichen Sicht von außen auf den Mann lösen. Eine Frau ist ausgezogen, uns den Mann in seiner ganzen Tiefe inwendig zu erklären und beschrieb dennoch nur eine oberflächliche Sicht wie sich Frau ungefähr den Mann vorstellt. Da kann ich dann auch gleich selbst herum dilettieren – als langjährige Ehefrau und Hobbypsychologin.

 

Die inhaltliche Auseinandersetzung beginnt ausgerechnet mit #metoo und einer doch sehr feministischen Sicht des Problems, in dem über Männer nur am Spielfeldrand geurteilt wird. Dann wird viel über männliche Teenager und ihre durchaus nicht uninteressanten Schwierigkeiten bezüglich Sexualerziehung in der heutigen Welt wie Pornos, Tinder etc. geschrieben, aber eben über keine Typologie oder tiefere psychologische Einblicke in das Wesen der modernen Männer. Im lockeren Plauderton wird dann auch noch über Erektionsstörungen und Paarprobleme parliert, gemixt schon wieder mit viel zu vielen Frauensichten und –positionen.

 

Da bin ich schon bei einer weiteren Schwierigkeit, die ich mit der generellen Tonalität des Sachbuchs hatte. In ihren wöchentlichen Kolumnen kommt die locker-flockige amüsante Plauderei, die die Autorin gezielt einsetzt, immer außerordentlich gut rüber, sie macht die kurzen Artikel witzig und spannend. Wenn wir aber in einem Sachbuch über das ernste Problem der toxischen Männlichkeit reden müssen und auch darüber, was solche eingelernten Verhaltensmuster der Kindheit – wie niemals um Hilfe bitten zu dürfen, weil ein Mann das nicht macht – in den männlichen Seelen anrichtet, dann ist diese leichte Auseinandersetzung richtiggehend kontraproduktiv.

 

Strukturell fehlt mir auch eine logisch aufgebaute umfassende Männertypologisierung, denn DEN MANN als einzigen Prototyp gibt es ja auch nicht. Zum Beispiel wäre schon schön gewesen, mal zu lesen, wie sich der moderne Hipster und Frauenversteher eigentlich an die Anforderungen der neuen Zeit angepasst hat, beziehungsweise in welchen Bereichen noch immer sein Steinzeitprogramm abläuft. Das hätte ich unbedingt einmal wissen wollen.

 

Am Ende des Sachbuchs kommen dann doch noch ein paar sinnvolle ernsthafte tiefere Auseinandersetzungen mit Depression, Gewalt und deren Zusammenhänge gerade bei Männern, aber leider auch nur ganz wenige und zu wenig konkrete Lösungsansätze dazu. Da ich ja sehr oft ein Thema gleichzeitig mit mehreren Büchern abdecke, habe ich einen ganz kurzen extrem konstruktiven Artikel über Bubenarbeit in der Schule in einem Buch des ÖGB Verlags zum Thema Jugend- und Familienarbeit, das ich wahrscheinlich auch bald auf diesem Blog besprechen werde, weit erhellender als Wegweiser zu langfristigen Lösungsstrategien gefunden.

 

Fazit: Kerls! erklärt uns den Mann nur so mittel, nicht schlecht, aber ohne Tiefgang. Liest sich sehr gut, ist teilweise sogar humorvoll aber oberflächlich, zu wenig Mann inwendig und überhaupt inside the book. Zudem wurde letztendlich zu seicht in die männliche Psyche und die Lösungsstrategien eingetaucht. Da müssen wir raus aus dem Kinderschwimmbecken, brauchen doch unbedingt ein paar Meter mehr Tauchgang und noch drei zusätzliche Sauerstofflaschen

Nachhaltige, globale Wirtschaft by Nature

Animal Spirits - Oliver Tanzer

Dieses Werk, das sich mit einem nachhaltigen globalen Wirtschaftskonzept beschäftigt, hat mich schlichtweg vom Hocker gerissen – auf Englisch würde man es als mindblowing bezeichnen. Schon heute kann ich für Dezember prognostizieren, dass es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf meiner Sachbuch-Bestenliste stehen wird.

 

Dabei habe ich das Buch, als es mir in einer recht kuriosen Situation angeboten wurde, sofort einmal abgewehrt, zu sehr ließ der Name Animal Spirits vermuten, dass es sich um etwas Esoterisches mit Tieren handelt. Und hier bin ich schon beim ersten massiven Kritikpunkt: Der Titel spricht die Kernzielgruppe, zu der ich punktgenau zähle – Wirtschaftswissenschaftler und Leute, die sich für globale Wirtschaft und Volkswirtschaft interessieren – nicht an, im Gegenteil, er ist sogar ein Hinderungsgrund, das Buch in die Hand zu nehmen. Gott-sei-dank waren der Autor und seine Lektorin, die ich auf der BuchWien ganz zufällig im Kaffeehaus an meinem Tisch getroffen habe, weil man dort infolge der Enge ein bisschen zusammenrücken muss, sehr hartnäckig und haben mich überzeugt, es dennoch zu nehmen. Ich möchte mich nachträglich bei ihnen bedanken, gebe dem Verlag aber zu bedenken, dass in einer klassischen Buchkaufsituation kein Autor neben dem Interessenten steht und derartige Überredungs- und Überzeugungsarbeit leistet.

 

Beim Vorwort von Tomáš Sedláček dachte ich mir „ohjeohje“, denn auch er schwurbelte gemäß des Titels irgendwie sehr mühsam über die Ursprünge der titelgebenden Wörter Seele, Körper, Spirit aus der uralt philosophischen Ecke der Griechen und Römer herum, was wieder völlig konträr zum eigentlichen Inhalt des Buches verläuft. Wahrscheinlich ist Sedláček nicht über die ersten Seiten hinausgekommen und hat schlussendlich dann natürlich mit seiner an den Haaren herbeigezogenen Analogie zur Wirtschaft die Kurve nicht gekriegt.

 

Aber dann, …
…. dann nach all dem irreführenden Vorgeplänkel legte der Autor Oliver Tanzer endlich los und ich war hingerissen und entzückt. Schritt für Schritt kritisiert Tanzer im ersten Drittel des Buches die Ursachen für unsere gegenwärtige Bredouille. Auch er geht weit zurück in die Vergangenheit zu den Griechen und Aristoteles, da nicht hauptsächlich der Kapitalismus unser Problem ist, sondern der Wurm im kompletten System der Ökonomie zu finden ist. Ökonomie wurde schon seit mehr als drei Jahrtausenden als hierarchisches System der (männlichen) Herrschaft (Patriarch>Frau>Tiere>Sklaven) definiert. Der Gegenentwurf von Xenophon, der kooperativen Katallexie, der ungefähr zur selben Zeit entstand, hat sich bedauerlicherweise nie durchgesetzt, und daran krankt unser ganzes Fundament und unser Denken.

Befehl und Gehorsam ist der Common Sense, der sich in der Politik, im Rechtswesen, in Bildung und Wissenschaft, in den Medien, in Familien und in Religion wiederfindet. Dabei ist es unerheblich, wer Befehle gibt oder ausführt, ob das ein Mann oder eine Frau oder aber ein Roboter ist. Für den Prozess ist alleine ausschlaggebend, dass befohlen und reagiert wird. In diesem Sinne könnte sich auch das Patriachat auflösen und von einem Matriarchat ersetzt werden. Es könnten auch transhumane Mischwesen die Herrschaft übernehmen. So lange nur jemand dominiert, ist für das System alles perfekt. Ich meine, dass diese vertikale Ordnung von Befehl und Gehorsam in der Vergangenheit optimale Bedingungen vorfand, nämlich einem beständigen Mangel an Nahrung.

Heute in unserer gegenwärtigen Wirtschaftssituation des Überflusses ist dieses Modell aber völlig ungeeignet, nun muss der Mangel künstlich durch ständig neue Bedürfnisse und die Wegwerfgesellschaft hergestellt werden, um das System am Laufen zu halten und nicht zusammenbrechen zu lassen, was die Ressourcen unseres Planeten verschwendet und die Erde an den Rand eines Kollapses treibt.

 

Anschließend zerlegt Tanzer den Homo Oeconomicus von Adam Smith, zeigt, warum auch der Kommunismus an seinem hierarchischen Herrschaftsdenken scheitern musste und identifiziert den einzigen Revolutionär, der ein vernetztes und kooperatives System konzipierte: Jesus von Nazareth, der bedauerlicherweise von seinen eigenen Anhängern verraten und uminterpretiert wurde. Da jubelte mein VWL-Hirn.

In einem radikalen Sinn ist auch der Auftrag von Jesus zu verstehen, wenn er die Jünger an die Bettelei bindet. […] Jesus will seine Leute mit den anderen Menschen in Beziehung setzen. Alles, was nicht in Beziehung setzt, etwa autonome Versorgung des einzelnen Apostels mit Lebensmitteln, schmälert die Intensität des Kontakts. Er fordert gleichsam ein existenzielles „Aufeinander-angewiesen-sein“ ein, damit wirkliche Freundschaft entstehen kann.

So geht es munter weiter. Der Autor kritisiert die grassierende Krankheit des Narzissmus als prägende Störung der Gesellschaft und was sie nachhaltig in Wirtschaft, Medien und Politik, aber auch bei einzelnen Personen anrichtet. Die deckungsgleiche Entwicklung der narzisstischen Schübe einer diagnostizierten und beobachteten Störung mit den Konjunkturzyklen ließ mich gruseln und erklärte mir auch erstmals völlig logisch die Systemzusammenhänge. Dass sich unter Topmanagern ein hoher Anteil von Personen mit narzisstischer Störung und ausgewachsene Psychopathen tummeln, ist ja nichts Neues. Wie diese Prototypen von Managern aber gerade in Krisen- und Problemlösungssituationen durch ihre Defizite am kolossalsten versagen, wurde mir noch nie so deutlich vor Augen geführt.

 

Anschließend wird das Wachstum von Bäumen thematisiert, mit dem alten System von Bretton Woods in Bezug gesetzt, die Finanzkrise 2008 und ihre Folgen bis zum heutigen Tag zerlegt und analysiert. Bei der Entwicklung und Konzeption einer neuen und nachhaltigen Wirtschaft und des damit einhergehenden globalen Finanzsystems, rät der Autor, sich das nachhaltige Baumwachstum mit den Ruhephasen im Winter zum volkswirtschaftlichen und konzeptionellen Vorbild zu nehmen. Er geht sogar so weit, die Baum-Strategie auch im mikroökonomischen Bereich auf die Entwicklungsabteilungen und auf die Konzeption von Produktinnovationsportfolios in Unternehmen anzuwenden.

 

Ihr fragt Euch mittlerweile wahrscheinlich: Wo bleiben hier die Animals, also die Tiere? Und ich muss gestehen, dass sie bis zur Seite 137 gar nicht vorkommen. Da das ganze Buch total spannend und in sich schlüssig aufgebaut ist, fehlten sie mir gar nicht, wenn da nicht dieser ominöse Titel wäre … Aber gemach, nach der Hälfte des Sachbuchs dürfen sie als Rollenmodelle für nachhaltige Strategien herhalten. Im Kapitel Pantoffeltierchen werden Vermehrungsstrategien dieser „possierlichen“ Einzeller auf das Wirtschaftssystem in der Finanzkrise und auf den Keynesianismus angewandt. Die Strategien von Bienen transformiert auf Medien-Kommunikationsmuster, der Umgang von Fledermäusen mit Egoisten (analog zu Narzissten), Management und Leadership by Wolfsrudel und die Konfliktvermeidung von Bonobos runden die tierischen Vorbildfunktionen ab. Das letzte „Wort“ hat dann der Wasserfloh, um den Weg zu einer zukunftsweisenden Strategie zu zeigen.

 

Fazit: Titel ändern, Vorwort weg, ansonsten bin ich total hingerissen. Der Autor hat hier so viel Innovatives und Neues zu einer nachhaltigen Wirtschaftsentwicklung zusammengetragen, dass ich dafür plädiere, eine prüfungsrelevante, volkswirtschaftliche Pflichtlehrveranstaltung für alle Studierenden der Wirtschafts- und Politikwissenschaften zu diesem Thema in gleicher Gewichtung wie Makro- und Mikroökonomie, einzurichten und zudem alle narzisstischen Topmanager irgendwie zwangszubeglücken. Für Leser*innen, die mit Wirtschaft überhaupt nichts anfangen können, gebe ich keine Leseempfehlung ab, für alle anderen, die sich nur ein bisschen für das Thema interessieren, beziehungsweise denen nachhaltige Wirtschaft am Herzen liegt, ist es ein absolutes Muss.
Dazu ist noch ganz explizit festzustellen, dass auch Leser*innen ohne wirtschaftswissenschaftlichen Hintergrund dieses Buch leicht verstehen können, denn die wirtschaftlichen Zusammenhänge sind einfach erklärt, aber ein Bezug zur Wirtschaft, was bei der Finanzkrise abgegangen ist, ein bisschen Keynes und das Gegenmodell des Monetarismus machen das Buch noch interessanter, weil man dann tiefer die dahinterstehenden Mechanismen begreift.

Zu viel langweilige repetitive Polizeirealität in der Fiktion

Des Träumers Verderben - Heidi Emfried

Sehr habe ich mich auf den zweiten Krimi mit Inspektor Leo Lang von Heidi Emfried gefreut, war doch ihr Debütroman Die Akte Kalkutta eine sehr positive Überraschung für mich. Leider operiert die Autorin mit nahezu demselben Plotkomponenten wie ihm vorhergehenden Roman der Reihe.

Dieses exzessive Auswalzen vom Suchen, Strukturieren und Bewerten jedweder winzigkleinen Spur war bei einer unbekannten Leiche, die in keinem System ist und auch sonst nicht identifiziert werden konnte, wie bei der Akte Kalkutta erstens sehr innovativ, weil noch nie so gelesen und zweitens auch auf Grund von fehlenden Hinweisen auf das Opfer auch absolut notwendig.

 

Im Fall des Mordes an einem Mitglied der Wiener High Society, in dem man die Verdächtigen infolge des Mikrokosmoses leicht identifizeren kann, weil Wien bekanntlich ein Dorf ist und die Reichen und Mächtigen eigentlich in Folge des Umstandes, dass sie fast ausschließlich untereinander Beziehungen knüpfen, total überschaubar sind, ist es einfach nur eine recht langweilige Wiederholung des erprobten Konzeptes, das zudem nicht gut auf den vorliegenden Fall passt. Versteht mich nicht falsch, mir ist schon klar, dass täglich abgearbeitete Excel-Listen mit jedem potenziellen Verdächtigen inklusive Alibi und Motiv und einer Farbbewertung inklusive Ersatzlisten mit noch nicht verfolgten Spuren wahrscheinlich der realen Polizeiarbeit mehr entsprechen, als diese Kiberer, die immer so ein Bauchgefühl haben, dem nachgehen und damit fast ausschließlich richig liegen. ABER ich würde ja auch nicht gerne jedes Wurschtradl genau analysiert bekommen wollen, das der Kommissar Rex gefressen hat. Hey, das hier ist Fiktion, da darf man auch Langweiliges kürzen, Repetitives straffen und mitunter auch weglassen. Lähmende echte Polizeirealität ist nur insofern als Konzept interessant, als sie erstmalig beschrieben wird, beim zweiten Mal ist sie das nimmermehr.

So plätschert der Plot so vor sich hin, keine innovativen Ideen, kein Pep, kein spannender Drive, keine aktuellen wissenschaftlichen Bezüge wie in ihrem Erstlingsroman. Moment! Ja, da gibt es das eingeführte Thema Gender Studies, Gleichberechtigung in der Sprache, Sexismus im Alltag, das durch die Figur der jungen Praktikantin Alithia eingeführt wird, die als Nichte des Innenministers und Studentin der Gender Studies dem Polizeiteam von Leo Lang aufs Aug gedrückt wurde. Sie wird ursprünglich aber leider als ein so ein klischeehafter Typ geschildert, sogar noch ein bisschen pubertierend (Hä? auf der Uni) und sich lähmend trotzig emanzenhaft gerierend, der dann auch noch durch die Polizeipraxis, den Fall und durch das Team Mores gelehrt wird und die sich letztendlich kompromissbereit in die bestehenden Hierarchien und Strukturen fügt. Echt jetzt? Das ist so schablonenhaft, so wie sich ein klischeehafter alter weißer Mann ein derartiges nerviges rotziges Emanzlein vom Uni-Institut Gender Studies vorstellen würde. Dabei ist die Realität enorm vielfältiger, da gibt es auch in diesem Fachgebiet einige witzige intelligente Feministinnen, die ich auch persönlich kenne und die mit brilliantem Humor, beißender Ironie und entwaffnenden Vergleichen operieren, anstatt wie die Figur Alithia (wahrscheinlich eine Namensanalogie zu Attila dem Hunnenkönig) wild und unsicher und misogyn um sich schlagend mit Emanzenphrasen durch die Gegend werfen und letztdendlich ihre Ziele nicht vertreten, sondern sich kleinlaut fügen, um final doch der Gruppe zu gefallen. Genau, erst auf Krawall und Konfrontation gebürstet und dann umgedreht. Ist das die Botschaft? Es wäre schön gewesen, wenn die Autorin ihre Emanzenschablonen der 80er-Jahre (junge unsichere agressive Emanze, die sich noch selbst finden muss/ versus alte hässliche, spassbefreite, untervögelte, beziehungsunfähige Emanze, die ihr Leben ohne Mann weggeworfen und verschwendet hat - mehr Protoypen gabs nicht) in der Lade gelassen hätte und eine moderne junge, intelligente und auch humorvolle Feministin geschildert hätte, die es heute zu Hauf gibt und die tatsächlich dem Team um Leo Lang ein paar wichtige Dinge beigebracht hätte. Konflikte im Team würzen zwar normalerweise einen Krimiplot aber dieses konstruierte Emanzen-Schattenfechten ist nur platt, stereotyp unschön und leider langweilig.

Ach ja die Auflösung des Falls ist auch recht mau. Die Vermutungen des Teams bezüglich Motivlage haben sich zwar bestätigt, die konkrete Person des Täters stellt sich aber dann nicht so vordergründig heraus. Insofern war das der einzige Mini-Faktor, der nicht allseits bekannt und vorhersehbar war.

Fazit: Das war diesmal definitiv kein Krimi für mich.

awogfli und ein Abend mit Raphaela Edelbauer auf dem flüssigen Land

 

Schon sehr viel Begeistertes habe ich von meinen Kolleginnen @Bri und @thursdaynext vom Gemeinschaftsbuchblog Feinerbuchstoff über den Debütroman der Autorin Raphaela Edelbauer Flüssiges Land gehört, der recht überraschend 2019 sowohl auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises als auch der des Österreichischen Buchpreises gelandet ist. 

 

Zufällig bin ich in Facebook über eine Lesung bei mir zu Hause um die Ecke gestolpert. Edelbauer begab sich hinein in die Tiefen des flüssigen Landes und las ausgerechnet in Langenlois aus ihrem antifaschistschen Science Fiction Roman. Endlich rockte auch countryside, in einer der verstocktesten Gegenden mit urgrauslicher Nazi- und Neonazi-Vergangenheit wieder Mal die hohe Literatur. Dabei muss ich das moderne Langenlois ein bisschen in Schutz nehmen, dort existiert nämlich neben den fürchterlichen bekannten Protagonisten der rechten Szene auch eine ausgeprägte und lautstarke "linkslinke Gutmenschencommunity", die eben punktgenau zu diesem Abend geladen hatte.

 

 

Der Verlag Klett Kotta beschreibt den Inhalt des Erfolgsromans kurz  so:

Ein Ort, der nicht gefunden werden will. Eine österreichische Gräfin, die über die Erinnerungen einer ganzen Gemeinde regiert. Ein Loch im Erdreich, das die Bewohner in die Tiefe zu reißen droht. In ihrem schwindelerregenden Debütroman geht Raphaela Edelbauer der verdrängten Geschichte auf den Grund.
»„Das flüssige Land“ [ist] eine abgründige und einfallsreiche Parabel auf Österreich und den Umgang mit seiner nationalsozialistischen Vergangenheit, ein philosophisch-phantastischer Roman«
Florian Baranyi, ORF, 25.08.2019

 

Neben einigen spannenden Szenen, die die Autorin gekonnt vorzutragen wusste, gabs auch einges an Hintergrundinformationen, die ich Euch unbedingt erzählen möchte. Edelbauer wurde zum Schreiben des Romans durch zwei äußere Faktoren inspiriert. 

 

Der erste war, dass sie vor ein paar Jahren zur Zeit der Bundespräsidenten-Wahl zwischen Alexander van der Bellen und dem FPÖ-Politiker Norbert Hofer bemerkte, dass früher nie Ausgesprochenes - weil es moralisch verpönt war - plötzlich wieder lautstark und öffentlich - oftmals unter Zustimmung und Beifall - geäußert werden konnte und durfte. Die jahrelang recht stummen, mundtoten und bisher verdeckten Nazis krochen wieder aus ihren Kellern und rülpsten den rechten Dreck lautstark durch das Land. 

 

Edelbauer war zudem während ihres Studiums mit einer der schlimmsten Identifikationsfiguren der rechten Szene konfrontiert. Sie saß mit Martin Sellner, dem Chef der Identitären, im Philosophieseminar. Neben dem manischen Zitieren von ausschließlich rechten Philosophen war sie auch noch mit anderen total kruden, bekloppten Gedankenkonzepten aus längst überwunden geglaubter grausamer und grauer NS-Vorzeit von ihm konfrontiert. Das Land gehört nicht nur den Leuten sondern die Rasse gehört auch zum Land, sie ist unabdingbar für das Überleben in einem bestimmten Landstrich. Da bei uns bekanntlich so viele Wälder vorherrschen, dienen die blauen Augen der germanischen Rasse dazu, unter den Bäumen im Wald überhaupt etwas sehen zu können, was mit braunen Augen nicht möglich sei. 

 

Das ist doch total bekloppt oder?

 

Der zweite Grund für Edelbauer, diesen Roman zu schreiben, war die von ihrem Heimatort Hinterbrühl bei Mödling ebenso wie im Roman kollektiv verdrängte historische Wahrheit, die sie erst so spät realisierte. In der dortigen Seegrotte Hinterbrühl war früher ein Außenlager des KZ-Mauthausens, in dem Häftlinge unterirdisch Flugzeuge bauen mussten. Die Minigemeinde ist auch verantwortlich für ein Massengrab an exekutierten Häftlingen, die der damaligen Einwohnerzahl des Dorfes gleichkommt. Als die Autorin diese im Heimatort verschwiegene Geschichte erstmals hörte, begann sie zu recherchieren und ihr fiktives Dorf Gross-Einland entstand in ihrem Kopf, das übrigens sehr viel mit der Hinterbrühl gemeinsam hat. Tief unten in der Erde ist ebenso ein verdrängtes Loch, das Dorf senkt sich gleichsam wie sein literarisches Vorbild und droht einzustürzen. Details zur historischen Bedeutung der Seegrotte in der Hinterbrühl findet Ihr hier.

 

Den Roman habe ich ja noch nicht gelesen, meine Rezension und Meinung folgen im Laufe des Jahres, aber eines weiß ich jetzt schon: Es war ein spannender Abend mit einer jungen, ambitionierten und interssanten Autorin, die auch abseits ihres Werkes viel spannendes Hintergrundmaterial geliefert hat. Die Lesung war ein fast rundum gelungener Abend, wenn ich über die für mich fürchterliche  Begleitmusik, in Form von Fahrstuhlmusik-Dudel-Jazz (versteht mich nicht falsch, ich liebe Jazz und war früher immer am Jazz-Festival in Wiesen) hinwegkommen könnte.