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awogfli

Awogfli - Bookcroc

Ich bin Buchgourmet und Buchgourmand quer durch viele Genres

Grandiose Manipulationen in einer toxischen Beziehung inklusive Umfeldbeteiligung

Gone Girl: Das perfekte Opfer - Gillian Flynn, Christine Strüh

Eines ist völlig klar, diese Rezension ohne Spoiler zu schreiben, funktioniert nicht, denn alles was mir so gefallen hat, ist plottechnisch eine Überraschung und muss thematisiert werden, damit man die Güte auch erkennen kann.

Aber zuerst noch zu Allgemeinerem, das jeder mitlesen kann. Plottechnisch und sprachlich ist der Krimi ein Pageturner, einer der Klasse, die man ein ganzes Wochenende lang nicht mehr weglegen kann, und durch dessen Schuld man am Montag mit einem gehörigen Schlafdefizit in die Arbeit geht.

Vom Psychologischen und von der Figurenentwicklung her, ist der Roman ganz große Extraklasse, die Autorin zeichnet uns die Protagonisten sogar mehrmals in aller Tiefe: nämlich so wie sie scheinen wollen, also punktgenau als Maske vor der Gesellschaft, vor den Freunden und Bekannten, vor der Presse, vor der Polizei und so wie sie tatsächlich sind. Weil jeder mehrere Rolle spielt, alle vertuschen und lügen, dass sich die Balken biegen, ergibt sich ein sehr spannendes Setting, das alles offen lässt, die Realität nur scheibchenweise offenbart und viel Raum für Spekulationen bietet. Als Leserin kam ich erst nach und nach auf den Trichter, was mir die Figuren vorgaukeln und was real ist. Auf jeden Fall mag ich es sehr, wenn mich die Autorin am Nasenring durch ihren Roman zieht, ich lass mich gerne täuschen. Dabei geht sie aber nicht hektisch vor und legt gleichzeitig tausende falsche Spuren in alle Richtungen, sondern sie plant es generalstabsmäßig, den Leser zuerst in die eine Richtung - mit leichtem Verdacht und Irritationen in die andere Richtung - dann konket in die andere Richtung - mit leichtem Verdacht in eine dritte Richtung... zu führen. Das bedeutet das pure Vergnügen im lustigen Täterraten.
Zudem bindet sie ziemlich wundervoll auch das Spiel mit der Polizei und den Medien ein, die sich fast wie auf Knopfdruck von den Protagonisten manipulieren lassen.

Aber was ist plottechnisch passiert?

[...

Die wunderschöne Amy ist verschwunden, etwas deutet zuerst auf Nick, ihren Ehemann hin, der sich aber als der nette Kerl, ein bisschen weinerlich zwar, aber sonst ganz brav inszeniert, obwohl einem als Leser sofort klar wird, dass er etwas auf dem Kerbholz hat. Nach einer Weile wird klar, Nick ist ein Arschloch, er hat eine Geliebte und aus dem von der Polizei gefundenen Tagebuch von Amy geht hervor, dass er auch zu Gewalt neigt. Bereits zu diesem Punkt fällt dem/der aufmerksamen Leser*in aber auf, dass irgendwas mit dem Tagebuch nicht stimmt, möglicherweise hat Amy ihre mutmaßliche Ermordung nur gefaked. Kurzzeitig hatte ich sogar ihren Jugendfreund beziehungsweise ihren Vater im Verdacht.

In der Mitte der Geschichte wird klar, Amy ist tatsächlich eine Psychopathin, die sich ja vom Soziopath dadurch unterscheidet, dass sie in der Gesellschaft nicht erkannt werden, weil sie sich charmant und liebenswürdig geben und alle manipulieren. Amy ist wirklich eine Meisterin der Manipulation. Ein Jahr hat sie ihren Tod und die Beschuldigung des Ehemanns generalstabsmäßig geplant, sogar das gefundene Tagebuch war komplett gefaked, die Spuren für die Polizei zur Belastung des Mannes werden in einer tatsächlichen Schnitzeljagd ausgelegt, Nick tappt anfänglich wie ein tumber Tor aus schlechtem Gewissen nachträglich in die belastenden Beweise und versieht sie sogar noch mit seiner DNA. Später will er nur wissen, was sich seine Frau noch ausgedacht hat und was ihn erwartet.

All diese neuen Umstände ändern aber nichts an der Tatsache, dass Ehemann Nick trotzdem ein Arschloch ist und Amy ziemlich übel betrogen hat, was offensichtlich zu ihrem Racheplan geführt hat. Diese komlett durchgeknallte Frau hat das Sprichwort, "Rache muss man kalt servieren" total in ihr Dasein integriert. Aber auch Nick beginnt nach und nach bei dem Manipulationsspiel mitzumachen und kann sogar ein paar Treffer landen, weil er Amy so gut kennt. Das ist Psychologie vom Feinsten.

Dabei spielt die Autorin auch gezielt mit den Sympathien der Leserschaft. Einmal ist man/frau der Meinung die liebe Gillian Flinn soll Nick leiden lassen, diesen Betrüger von Ehemann diesen nutzlosen Mehlwurm der immer den Weg des geringsten Widerstands geht und alle anderen wie ein Vampir aussaugt und ausnutzt, solange er davon profiert und sie dann wegwirft. Der selbst nie bereit ist nur irgendetwas zu geben. Dann wieder ist man/frau fassungslos, was für ein Biest diese Amy ist. Am Ende kommt die Erkenntnis - die beiden haben sich wirlich redlich verdient.

Als dieses Setting klar wird, ist der Roman aber beileibe noch nicht zu Ende. Die Autorin schafft es ein weiteres Mal, den Plot zu drehen und erneut ein spannendes Element einzuführen, indem sie Amy durch einen Mord und der Installtation eines zusätzlichen Sündenbocks, dem sie alle vorhergegangenen Spuren zumindest vor der Öffentlichkeit und der Polzei in die Schuhe schieben und ergo zurückkommen kann, auf der Bühne des Geschehens wieder auftreten und mitmischen lässt. Natürlich weiß es Nick besser, und beide belauern sich nun und bleiben in Teil 3 des Romans auf ewig zusammen. Ganz großes Kino mit einem sehr überraschenden Ende.

Zwei Fragen stellen sich vom psychologischen Standpunkt aus, die ich mit mehreren Personenen auch mit meiner Therapeutenfreundin erörtert habe (ihr seht, das Buch regt auch zu Diskussionen an).

1. Warum ist Amy so verrückt geworden, obwohl sie in ein recht stabiles liebevolles Elternhaus hineingeboren wurde?
Ist es realistisch, wenn man davon ausgeht, dass die Eltern gerade durch diese AMAZING AMY-Erziehung eine total narzistische Persönlichkeit kreiert haben? Ja das ist es. Einem Kind überhaupt nie Grenzen zu setzen und irgendwann mal NEIN zu sagen, ist auch eine Form der Vernachlässigung und des Missbrauchs. Denn antiautoritäre Erziehung wurde in meiner Generation - ich meine als wir Eltern wurden - oft als NICHT-Erziehung missverstanden. Dabei braucht ein Kind auch hin und wieder ein NEIN, Regeln und Grenzen. Wenn Kinder schon mit 3 Jahren entscheiden dürfen, ob sie bei Schnee die Schuhe anziehen wollen oder nicht, dann sind sie immer überfordert. Wenn es gar keine Regeln gibt, entsteht auch so eine Persönlichkeit mit definitiven Störungen. Das ist eigentlich auch das Gegenteil von liebevoller Erziehung. Weiters sind die Eltern so aufeinander in Liebe und Abhängigkeit fixiert, dass für das Kind fast kein realer Raum bleibt.

2. Warum bleibt Nick bei Amy, obwohl die Erpressung nicht mehr funktioniert?
Als die Kotze vom Tisch ist, wird Amy schwanger, sie hat sich mit den Eizellen befruchtet, die beide vor einem Jahr einfrieren lassen haben. Hier opfert sich Nick (einerseits vielleicht zu kurzsichtig andererseits aber sehr altruistisch) zum Wohle des Kindes. er möchte keinen Sorgerechtskrieg, den er mit Amys Manipulaitonstalent auch ganz leicht verlieren kann, sondern er will auf das Kind aufpassen. Bevor er das Kind ganz verliert, fügt er sich in eine unbefriedigende Situation und versucht, das Schlimmste zu verhindern, damit der Psychopath (in dem Fall Amy) nicht maximalen Schaden beim Fortpflanz (Kind) anrichtet. Dass sie ohne Rücksicht auf Verluste dazu fähig ist, hat sie sehr oft bewiesen.

Das ist wie die Story von Salomon der das Kind zwischen 2 Müttern auseinanderschneiden wollte. Aber Salomon war weise, das Jugendamt ist das in 90% der Fälle überhaupt nicht. Vor allem nicht bei intelligenten Psychos, denen gehen sie regelmäßig auf den Leim. weiß ich aus eigener Erfahrung. Amtsarzt, Polizei, Jugendamt Psychologen, Gutachter ... der intelligente Psychopath mit Manipulationstalent verwendet sie alle gegen den Partner gleich einem Schachspiel mit 2 Zügen vorausdenkend. Selbst erlebt.

Weiters ist Nick ein bisschen Stockholm-Syndrom geschädigt, denn er kann sich nach und nach eine langweilige Beziehung zu einer normalen Frau gar nicht mehr vorstellen. Dies nennt man eigentlich psychologisch korrekt kognitive Dissonanz, indem man sich schlechte nachhaltige bis unwiederrufliche Entscheidungen, die man spontan oder in in einem Dilemma getroffen hat und für die man verantwortlich ist, nachträglich schönredet, um mit ihnen leben zu können. Gibts sogar sehr häufig und auch sehr banal im Marketing bei schlechten und teuren Kaufentscheidungen wie Auto oder Urlaub.

(show spoiler)



Fazit: Großartig! Mord, Medien, Macht, Manipulation und noch vieles mehr, eine furiose, moderne Geschichte, bei der man kaum zum Luft Schnappen kommt.