Ich bin Buchgourmet und Buchgourmand quer durch viele Genres
Marie Luise Lehner greift mit ihrem feministischen Frauenroman viele heiße Eisen und heftig diskutierte Themen der letzten paar Jahre an: Geschlechteridentität, Homosexualität in der Jugend, sexuelle Übergriffe auf Frauen und Alltagssexismus, die im Rahmen der viel diskutierten #metoo Debatte endlich mal aufs gesellschaftliche Tapet kamen.
Ihre Romanfiguren, die anonyme Protagonistin, ihre wunderschöne angebetete Geliebte, die nur mit Du angesprochen wird, Anja die beste heterosexuelle Freundin aus der Schulzeit, mehrere gute Freundinnen und die Exfreundin der Geliebten, die Wölfin, leben im Universum des Heranwachsens und der frühen Adoleszenz und setzen sich eher weniger als mehr mit der im ersten Absatz genannten brisanten Thematik auseinander. Sie sind eigentlich nur betroffen und leben so vor sich hin mit ihren Problemen, ohne jemals irgendwas zu reflektieren, zu thematisieren oder zu hinterfragen, geschweige denn, sich mal richtig wütend über etwas aufzuregen.
Die Gedanken, die die Autorin auf den Tisch des gesellschaftlichen Diskurses legt, sind extrem wichtig, dennoch bleiben sie bedauerlicherweise nur kurze Ideen und Schlaglichter gleich einem Stroboskop. Dieser Eindruck entsteht auch zusätzlich durch den Stil, denn die Geschichte springt ziemlich unvermittelt, sehr dekonstruiert und fragmentiert zwischen den Figuren, den Handlungssträngen, den Themen und sehr dissoziativ zwischen der Vergangenheit und Jugend mit Anja und der Gegenwart mit der Geliebten und den Freundinnen. Das ganze Konvolut wirkt weniger wie ein Roman, eine Geschichte aus einem Guss, als vielmehr wie ein Rohkonzept dazu – es scheint unfertig und liest sich sehr holprig.
Irgendwie verweigern sich sowohl die Autorin als auch die von ihr konzipierten Romanfiguren komplett einer intensiven Auseinandersetzung mit den Themen und einer gesellschaftlichen Diskussion. Gegenargumente werden nie ausgeräumt, weder breit theoretisch erörtert, noch gibt es eine Figur in der Geschichte, die diese Rolle und die Position argumentativ übernimmt. Damit erweist sie der feministischen Literatur und dem sehr wichtigen Anliegen einen Bärendienst, weil die Figuren nur egozentrisch um sich selbst kreisen und die angesprochenen Probleme einfach zwar unreflektiert und unangenehm berührt hinnehmen, aber auch ihre feministische Position zu der gegenwärtigen Situation, nie ausführlich begründen.
Am besten demonstriert dies jenes Beispiel, dass sich die Figuren Anja und die Protagonistin in ihrer Jugend oftmals durch Drogenkonsum oder Autostoppaktionen in der Pampa nicht nur in Österreich sondern auch im Ausland in gefährliche Situationen begeben haben und dann eben postwendend sexueller Belästigung ausgesetzt waren. In einem Nebensatz wird irgendwie vermittelt, dass dies keine Rolle spielen sollte. Punktum! Na Bumm!
Abgesehen davon, dass ich total derselben Meinung bin, sollte man hier schon mal breiter diskutieren, warum diese Aussage so im Sinne der Gleichberechtigung und der Ablehnung von Täter-Opfer-Umkehr wirklich ihren Sinn hat. Dazu fallen mir persönlich mehrere Punkte ein.
Eine Frau darf nie schwach und muss immer auf der Hut und gerüstet sein, einen Übergriff auf ihre körperliche Unversehrtheit abzuwehren – sie muss quasi jederzeit damit rechnen, dass ihr etwas angetan wird. Da würden nun viele Leute in der im Roman thematisierten Situation sagen, dass die Mädchen selbst schuld seien, da sie aus jugendlichem Leichtsinn diese gefährlichen Situationen herbeigeführt haben. Abgesehen davon, dass so etwas betrunkenen oder von Drogen benebelten Männern von Frauen so gut wie nie angetan wird und wenn es so wäre, würde der gesellschaftliche Konsens die Täterin nie in Schutz nehmen. Aber was wäre, wenn die Frau durch Krankheit, Autounfall, Ohnmacht … außer Gefecht gesetzt ist – ist sie dann auch noch immer selbst schuld, da sie sich nicht mehr wehren kann? Und glaubt mir, nicht immer ist ein Rausch ersichtlich, es könnte auch ein Insulinschock oder etwas anderes sein. Hier würde nämlich dann die Grenze für viele Übergriffige anfangen, die sie aber nicht mal erkennen könnten, denn sie sind keine Ärzte.
Zweitens was wäre tatsächlich eine Situation, sich in Gefahr zu begeben, bei der das Opfer seine körperliche Souveränität verliert und selbst schuld ist? Sich mal außerhalb des Elternhauses aufzuhalten? Irgendwo fern der Heimat in die Schule zu gehen oder zu arbeiten? In eine Disko zu gehen? In die Ferne zu reisen? Wo beginnt die Gefährdungslage von Frauen, die dann automatisch Freiwild werden? Die Gefährdungslage beginnt aus meiner Erfahrung und auch aus vielen dokumentierten Missbrauchsfällen schon in der Teenagerzeit bei einer Schule oder einem Internat fern der Heimat, in der Täter nicht mehr die Eltern fürchten müssen. Von Übergriffen und Missbrauch im häuslichen Umfeld möchte ich in diesem Kontext noch gar nicht sprechen.
Drittens warum können junge Frauen überhaupt nicht auch mal leichtsinnig ihre Grenzen austesten, ohne gleich bedroht zu werden, einem Verbrechen zum Opfer zu fallen. Junge Männer tun dies in den diversen Fortgeh- und Trinkritualen fast ihre ganze Jugend lang. Warum müssen Frauen immer in Angst leben? …
Dies sind nur ein paar Argumente, zu nur einer im Roman beschriebenen Situation, die ich persönlich in die Diskussion werfen möchte und von der ich mir erwartet habe, dass diese Auseinandersetzung die Aufgabe der Autorin wäre. Leider tut sie hierzu und auch zu allen anderen Themen nichts. Man muss nicht nur Männer sondern auch Frauen argumentativ ein bisschen bei diesen Themen abholen oder ihnen zumindest in der Diskussion auf halber Strecke entgegenkommen, um wirklich etwas in den Köpfen zu ändern. Wenn man sich aber der Kommunikation verweigert, und wie in diesem Roman nur egozentrisch um sich selbst kreist, bringt das gar nichts im offenen Diskurs, im Gegenteil, der vor allem heutzutage durch den gesellschaftlichen Backslash so dringend notwendige Feminismus wird ein weiteres Mal als total abgehoben diffamiert.
Fazit: Ein feministischer Roman mit sehr wichtigen Themen, aber leider kein guter. Mein Urteil bezieht sich sowohl auf Inhalt, stilistische Form aber bedauerlicherweise zudem auch noch auf die Auseinandersetzung und den Diskurs zu diesen brennenden Fragen.