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awogfli

Awogfli - Bookcroc

Ich bin Buchgourmet und Buchgourmand quer durch viele Genres

Magischer Realismus aus Barcelona

Der Schatten des Windes  - Carlos Ruiz Zafón

Ich liebe dieses Juwel, die Geschichte ist wundervoll, sprachlich sehr ansprechend, der Plot ausladend, episch breit aber nicht zu breit, mit vielen unerwarteten Wendungen, ein Meisterwerk der Erzählkunst. Eine nicht unbedeutende Nebenrolle spielt die Stadt Barcelona. Wenn man schon einmal dort war, hilft es sehr, diesen Roman von Anfang an zu lieben, denn man findet sich sofort an den Orten wieder, die auch ein Tourist öfter besucht, nur in einer anderen Zeit.

Ein Umstand lässt mich im Zusammenhang mit diesem Roman von Zafon aber über mich selbst wundern. Es ist schon komisch, wenn ich einen amerikanischen Roman lese, der episch breit, weitschweifend und mit Myriaden von Personal bevökert ist, nervt mich das meist tierisch, denn ich finde es geschwätzig. Bei einem Spanier, Portugiesen oder Lateinamerikaner find ich das hingegen fast immer wundervoll und märchenhaft, eben eine Form von magischem Realismus. Habe ich Vorurteile oder sind die Amis wirklich so viel schlechter im episch breiten Erzählen?

Der Plot gleicht einem Griechischen Drama aus Freundschaft, Familie, Rache, Bosheit, großer Liebe, Schicksal, Mord und Totschlag vor dem historischen Hintergrund als sich Spanien nach und nach zu einem völlig abgehalfterten faschistischen Staat entwickelt.  Hierzu gibt es auch ein paar politische Weisheiten én passent, die uns Zafon vermittelt.
"Dieses Land ist in die Binsen gegangen." [...] "Es ist wie die Gezeiten, wissen Sie", sagte er. "Die Barberei, meine ich. Sie zieht ab, und man hält sich für gerettet, aber sie kommt immer wieder zurück."

Da gruselt es mich gerade angesichts der politischen Situation in Österreich und dieser prophetischen Aussage. Irgenwo habe ich vor Wochen gehört: Wenn jene Generation, die Krieg und Faschismus selbst erlebt hat, ausgestorben ist, kommen sie wieder, weil sich keiner mehr erinnert, wie furchtbar das wirklich war. Gleich dieser Welle der Barberei, die Zafon hier anschaulichst beschrieben hat.

Fazit: Eine grandiose Geschichte voller Spannung, ich bin gespannt wie es mit Band 2 weitergeht.