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Awogfli - Bookcroc

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BETA…civilisations volume 1
Jens Harder
Gletschergrab: Island Thriller
Arnaldur Indriðason

Familienleben mit Demenz

Der alte König in seinem Exil - Arno Geiger

Das unangenehme Thema des Alterns, der Demenz bzw. Alzheimer wird in unserer dem Jugendwahn frönenden Gesellschaft meiner Meinung nach in der Literatur abseits von spezialisierten Sachbüchern viel zu wenig thematisiert, insofern ist das Buch von Arno Geiger, bereits bevor man eine Seite gelesen hat, eine erfreuliche Ausnahme.

Ich hatte ja bisher so meine Probleme mit dem Autor, da er mir in seinen früheren Werken einfach keine relevanten Geschichten erzählt hat, dies aber sprachlich hervorragend arrangiert.

Dieses Buch ist jedoch total anders und ich bin so froh, dass ich ihm eine weitere Chance gegeben habe! Es rührte mich fast zu Tränen, wie persönlich, ehrlich und intim Geiger über die Alzheimererkrankung seines Vaters und die gemeinsame Beziehung schreibt, das war so wundervoll und großartig. In der Krankheit und in der dementen Person nicht nur eine fürchterliche Bürde – was sie auch definitiv ist und was in diesem Roman auch nicht verheimlicht wird – sondern auch eine Chance zu sehen, die nicht gerade gelungene Vater-Sohn-Beziehung neu zu entwickeln, finde ich berührend. Der Vater wird nicht nur über den Verlust der Fähigkeiten definiert, sondern auch über die durch die Demenz verursachte Herauskristallisierung von alten Stärken, die durch das bisherige Leben verschüttet waren. Ich glaube so eine Sichtweise hilft allen Beteiligten, obwohl Geiger selbstverständlich darauf hinweist, dass alle Demenzerkrankungen höchst unterschiedlich verlaufen, und ein solcher Umgang und die damit einhergehenden Chancen nicht generalisierbar sind.

    „Das Leben ist ohne Probleme auch nicht leichter“. Witz und Weisheit des August Geiger. Schade nur, dass die Sprache langsam aus ihm heraussickert, dass auch die Sätze, bei denen einem vor Staunen die Luft wegbleibt, immer seltener werden. Was da verlorengeht, das berührt mich.

    Es ist, als würde ich dem Vater in Zeitlupe beim Verbluten zusehen. Das Leben sickert Tropfen für Tropfen aus ihm heraus. Die Persönlichkeit sickert Tropfen für Tropfen aus der Person heraus. Noch ist das Gefühl, dass dies mein Vater ist, der mitgeholfen hat, mich großzuziehen, intakt. Aber die Momente, in denen ich den Vater aus früheren Tagen nicht wiedererkenne, werden häufiger, vor allem abends.

    Die Abende sind es, die einen Vorgeschmack auf das liefern, was bald auch der Morgen zu bieten haben wird. "


Durch die Aufarbeitung und erstmalige Thematisierung der Vergangenheit des Vaters und seiner Familiengeschichte quasi mitten in der Demenz – also viel zu spät – versucht Geiger das gleichgültige Verhältnis der beiden zueinander zu verändern und zu verstehen, warum der Vater nie irgendwie Position bezogen und als Reibebaum für seinen Sohn fungiert hat.

  "Wir hatten nie etwas anderes als beiläufige Gespräche geführt. Er hat mich nie ins Gebet genommen, mir nie Ratschläge erteilt. Ich kann mich an keinen Vortrag von pädagogisch relevantem Inhalt erinnern. Sein bevorzugtes Metier waren Bemerkungen über das Wetter und die Bewegungen der Landschaft.“

Diesen Fehler macht übrigens der Autor auch, was psychologisch sehr nachvollziehbar und verständlich ist, mich aber trotzdem ein ganz kleines bisschen gestört hat. Immer wenn Arno Geiger etwas zu nahe geht, wird er beiläufig, um sich abzugrenzen und abzuschirmen. Das beginnt mit beiläufigen Verwandtengeschichten, die dann einfach plötzlich eingestreut erzählt werden, obwohl sie mit der Familiengeschichte im Kern überhaupt nichts zu tun haben, und endet mit beiläufigen Kommentaren von irgendwelchen anderen Alzheimer-Patienten, die auch in keinem Bezug zu August Geiger stehen. Ich hätte mir gewünscht, dass er die Zähne zusammengebissen hätte und beim Kernthema Krankheit des Vaters, Vater-Sohn Beziehung und Vergangenheit des Vaters geblieben wäre, ohne abzuschweifen.

Das allerletzte Ziel des Buches, nicht einen Roman über den sterbenden August Geiger zu schreiben, sondern einen über den lebenden bzw. sehr lebhaften Demenzkranken, wurde meiner Meinung nach ausgezeichnet erfüllt und hat mir ausnehmend gut gefallen.

Fazit: Ein grandioses Thema, eine sehr gute Geschichte, sprachlich wundervoll umgesetzt und somit eine absolute Leseempfehlung von mir.