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Awogfli - Bookcroc

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Die Biografie von Kara Ben Münchhausen ...

Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste: Ein Karl-May-Roman - Philipp Schwenke

… fast spannender als jeder seiner Romane.

 

So meine lieben abenteuerliebenden Burschen und Mädels jetzt müsst Ihr gaaanz tapfer sein, wie beim Tod Winnetous die Zähne zusammenbeißen und dürft kein Tränchen verdrücken, denn ein Idol Eurer Kindheit und Jugend, der vielgerühmte und meistübersetzte deutsche Autor Karl May wird als historische Person in diesem Roman richtig grauslich demontiert und vom Sockel gestoßen.

 

Dabei ist fast das Grausamste an diesem „fiktionalen“ historischen Roman, dass er extrem gut recherchiert ist. Wenn ich mal schätzen darf, sind mehr als 85% der geschilderten Begebenheiten historisch belegt und haben sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit genauso oder ganz ähnlich abgespielt.

 

Philipp Schwenke verknüpft Fakten und Fiktion sehr geschickt und präsentiert dem Leser ausladend und episch breit, gleichsam im Schreibstil seines Protagonisten, einen äußerst ambivalenten nicht wirklich sympathischen Helden Karl May, der als Verbrecher und genialer Schwindler in sein Leben gestartet, nach und nach an seine eigenen Gschichtln glaubt und zu guter Letzt Wahrheit von Fiktion nicht mehr zu unterscheiden vermag. Dabei werden auch punktgenau Originalzitate von Karl May bzw. Kara ben Nemsi – wenn Karl glaubt er sei seine fiktive Figur – eingestreut.

 

Viele von Euch werden ja die historischen Fakten kennen, dass May die Länder, über die er schrieb, bis zu seinem 57. Lebensjahr gar nicht bereist hatte. Im Gegenteil: er war bis zu diesem Zeitpunkt gar nicht aus seiner Heimat herausgekommen. Wenige wissen aber, dass er jahrzehntelang steif und fest behauptete, keine fiktionalen Romane zu schreiben, sondern Tatsachenreiseberichte abzugeben und wirklich alle Geschichten unter dem Pseudonym Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi erlebt zu haben.

 

Der Roman beginnt 1899 als er seine erste Reise in den Orient unternimmt und sich bereits in den Zeitungen Deutschlands die ersten Gerüchte über den mangelnden Wahrheitsgehalt seiner Aussagen verdichten. Auf der Reise nach Kairo, Jerusalem und Ceylon schwindelt sich Karl mit Aggression, Dreistigkeit und Chuzpe aus Lagen, in denen er sein Sprachtalent oder seine Kampfkünste oder andere Fähigkeiten, die er sich selbst in seinen Romanen zugeschrieben hat, beweisen soll. Diese Situationen sind total spannend, amüsant und zum fremdschämen, wie er sich windet, sein selbst erstelltes Lügengebäude aufrecht zu erhalten. Der Protagonist ist leider kein fiktionaler Autor mit wundervoller Fantasie, sondern ein ziemlich fieser Aufschneider, der vertuscht, lügt, betrügt und die Leute anpöbelt, die es wagen, seine Ausführungen der Fiktion zu bezichtigen. In Ägypten läuft Karl zudem wie der typische deutsche Tourist mit dem Reiseführer Baedeker durch die Gegend, bar jeder Sprachkenntnis, holt sich Durchfall und wird im Bazar abgezockt. Auch das ist sehr witzig.

 

So en passant werden dem Leser in Rückblenden auch noch die sehr schwere, historisch verbriefte Jugend von Karl May und die Traumata der Vergangenheit präsentiert, die ihn zu einem Verbrecher und Schwindler haben werden lassen. Nach der Verurteilung zum Knast wegen einer Bagatelle, waren seine Laufbahn als Betrüger und weitere schwere Straftaten somit einzementiert. Durch mangelnde Resozialisierungsmöglichkeiten zur damaligen Zeit hatten Straftäter nie wieder die Gelegenheit, einer ehrlichen Arbeit nachzugehen. Insofern hat Karl May mit seiner Fantasie als Autor sein Potenzial, mit ehrlicher Arbeit Geld zu verdienen, maximal ausgeschöpft.

 

Im Roman wird die Figur Karls sehr liebevoll, tief und detailgenau entwickelt, aber nicht nur unsympathisch sondern auch mit ihren positiven Eigenschaften. Zum Beispiel ist es erstaunlich, was May, der ohne mit der Wimper zu zucken andere belügt, bestiehlt und betrügt für einen unverrückbaren moralischen Kompass bezüglich Sklaverei, allgemeinen Menschenrechten und Frieden hat, den die Reichen gesetzestreuen Bürger nicht aufweisen, denn sie unterscheiden zwischen wertem und unwertem Leben. Zwar ist das Menschenbild schon seiner Zeit geschuldet, aber May schwamm immer gegen den Strom und versuchte, fremde Völker nicht zu diskriminieren. Manchmal wirkt der Protagonist fast als tragischer Held in einem für sich selbst inszenierten Drama, in seinem hehren Anspruch an sein ideales Selbstbildnis, in seinem Dozieren, in seiner kindlich naiven Friedensliebe, mit all seinen Fehlern und psychischen Störungen, wie er sich selbst im Weg steht, und sich von den falschen Leuten instrumentalisieren lässt.

 

Ein weiterer spannender Aspekt des Romans ist das sehr gut geschilderte Beziehungsdreieck zwischen Karl und seiner ersten beziehungsweise zweiten Ehefrau. Karl und Emma May, die erste Frau, passten charakterlich überhaupt nicht zusammen, weil sie so unterschiedlich waren. Bei einem wertschätzenden Umgang in so einer Ehekonstellation ist dies aber durchaus meist die beste Voraussetzung für ein glückliches Zusammenleben. Nicht jedoch, wenn die beste Freundin der Frau und Witwe seines ehemalig besten Freundes, Klara Plöhn, sich bei den entfremdeten Eheleuten Süßholz raspelnd, verständnisvoll, hinterfotzig, ständig einwanzt, die beiden in ihren Ressentiments gegeneinander bestärkt und den schwelenden Konflikt richtiggehend durch Lug und Trug befeuert. Es kommt wie es kommen muss. Der so eingesponnene Karl May glaubt seiner „guten“ Freundin Klara und entsorgt die erste Ehefrau sehr unschön und ohne Absicherung. Emma sah ich als eigentliche tragische Heldin dieses Romans, auch wenn sie als sehr dumme egomanische Hedonistin auch nicht wirklich sympathisch geschildert wurde. Am intrigantesten ist aber die Figur der Klara Plöhn gezeichnet, die den Sieg als Klara May in diesem spannenden Ehedrama davonträgt. Die bösartigen Eigenschaften von Klara sind insofern auch historisch verbrieft, weil sie in jahrelangen gerichtsanhängigen Verfahren in der Causa May ja auch an die Öffentlichkeit gelangten. Zudem basiert der Roman auch noch auf den Tagebuchaufzeichnungen von Klara May.

 

Fazit: Ein episch breiter, sehr spannender historischer Roman mit viel Faktengehalt der mich zum Recherchieren angeregt und keine Sekunde gelangweilt hat. Aber eines solltet Ihr als Fans auf jeden Fall beherzigen. Lest ihn mit der Maxime: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“.