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awogfli

Awogfli - Bookcroc

Ich bin Buchgourmet und Buchgourmand quer durch viele Genres

Ansammlung von unverständlichen Romantikern

Die drei Marias (WAT) (German Edition) - Rachel de Queiroz, Ingrid Führer

Eigentlich fand ich das Buch sprachlich gut gemacht und auch angenehm zu lesen, aber ich hatte enorme Probleme mit den Figuren, mit ihrer Handlungsmotivation und mit den Beziehungen der Figuren untereinander. Ich konnte gar so wenig mit den Charaktären anfangen und die Autorin hat mir die inneren Antriebe dieser Protagonisten auch nicht so ausführlich genug erklärt, dass ich sie verstehen konnte. Auf Grund dieses Unverständnisses meinerseits bleiben in meinem Gedächtnis die Figuren also extrem flach.

Dabei fing der erste Teil der Geschichte schon mal sehr gut an. Das Szenario in der Klosterschule habe ich 7 Jahre lang (also von 6-13) genauso am eigenen Leib erlebt: Die Abschottung - die Nonnen, die irgendwie nur in Ausnahmefällen menschlich reagierten, einerseits, weil sie so entrückt des normalen Lebens in der Hinwendung zu Gott, andererseits weil manche tatsächlich sehr bösartig waren. Sie waren auch in meiner Schule  kaum geeignet, Kinder zu erziehen. Auch diese Sonderstellung und die glühende Beneidung der externen Schüler, die nach der Schule rausdurften, und die kasernierten internen Internatsschüler - und bei uns gabs noch die dazwischen, die im Halbinternat HORT bis zum Abend erzogen wurden (ich war übrigens in dieser Gruppe). Auch diese Ausgrenzung von unehelichen Kindern kenne ich zur Genüge - ich wurde mit 6 Jahren meiner 1. Volksschulklasse als "das Produkt einer Sünde" vorgestellt. Das hat mich aber damals nicht gekränkt, da ich von meinen Pflegeeltern atheistisch erzogen wurde, und mit dem Konstrukt "Sünde" damals glücklicherweise nicht vertraut war bzw. sogar das Wort nicht kannte. Auch die durch die Abschottung und Fehlerziehung ohne menschliche Wärme verursachte fast krankhafte Entwicklung zu Klosterschulganserln, die sich bezüglich des männlichen Geschlechts komplett unrealistische romantische Vorstellungen machen, kenne ich zur Genüge und auch diese tiefen Frauen-Freundschaften, die sich einfach nicht verändern, obwohl man sich Jahre - bei mir waren es bei einer Freundin 33 und bei der anderen 20 - nicht gesehen und aus den Augen verloren hat, hab ich kennengelernt.

ABER: und jetzt kommt das traurige ABER: Wo bleibt das Erwachsenwerden der Figuren in dieser Geschichte? Wo bleibt die Rebellion gegen das alles? Keine meiner ehemaligen Freundinnen ist in diesem romantischen Stadium steckengeblieben, schon auf der Schule haben wir uns in der Pubertät zu Rebellinnen zu gnadenlosen Kritikerinnen entwickelt. Bei uns gabs fast nur 2 Extreme - entweder gefangen fürs Kloster oder sehr unromantische pragmatische atheistische Rebellin. Kaum eine in meiner Klasse ist als gläubige Christin aus dieser Hölle herausgegangen - von denen, die wirklich in die Welt gegangen sind.

Und das fehlt mir bei den Protagonisten - sowohl bei den Mädchen, die in der Klosterschule waren, als auch bei den Männern. Die Adoleszenz, die Entwicklung. Und da starten eben die für mich unverständlichen Ungereimtheiten.

Hier startet nun mein Spoileralarm

* Angeblich ist eine der drei Marias laut Information auf dem Buchrücken im Kloster. Warum lebt sie dann mit Maria Augusta zusammen?
* Dieser Trottel, der sich in Guta verliebt hat, warum bringt er sich um? Er hat noch nicht mal versucht, ihr Herz zu gewinnen, er hat sie nicht mal um ein Rendez-vous gefragt. Stattdessen ergeht er sich in schwärmerischer Minne, die mir schon bei Clemens Brentano, Walther von der Volgelweide und Goethe also in der Zeit der ritterlichen Romantik sehr unverständlich war und die heutzutage wirklich recht selten und undenkbar ist. Außerdem ist er tatsächlich eine sehr ambivalente mysteriöse Figur - einerseits zu feige in Sachen Liebe, die ihn quält, zu handeln - andererseits geht er todesmutig in einen Selbstmord, den ich durch den schmerzhaften Tod nicht mal meinem ärgsten Feind zumuten würde. Verliebt in die Todessehnsucht und in die Vorstellung einer unerfüllten Liebe, nach deren Erfüllung man sich nicht zu fragen traut. Also das muss mir Frau de Queiroz dann schon genauer erklären, was in diesem Hirn vorgeht - tut sie aber leider nicht.
* auch der zweite Mann in Gutas Leben, der jüdische Arztanwärter Isaak, ist schon wieder so ein schwärmerischer Romantiker. Die Frau, die er (angeblich) liebt, lässt er von dannen ziehen, ist wieder zu feige, zu fragen und bittet sie nicht, bei ihm zu bleiben und zu heiraten, auch wenn sich dadurch sein Problem der Abschiebung gelöst hätte. Er kann ja vor lauter Liebeskrankheit die Nostrifikationsprüfungen für den Doktor Med nicht machen, die ihm eine unbefristete Aufenthaltsbewillung beschert hätten. Wie hat er denn mit so einem Charakter überhaupt den Doktor in Griechenland geschafft? Den bekam man auch damals nicht unbedingt nachgeschmissen.
* und Guta in Angst vor einer Schwangerschaft, die natürlich auch tatsächlich eintritt, kriegt auch nicht den Mund auf. Sie nimmt lieber die Schande in Kauf und liebt es, sich leidend dieser zu Hause auszusetzen, als einmal die Frage nach dem Zusammenbleiben mit ihrer großen Liebe zu stellen? Was ist schwieriger oder peinlicher? Zu fragen "wollen wir zusammenbleiben" oder die andere Konsequenz für beide, sich ins Unglück bzw. in richtig schwere Nachteile in der Zukunft zu stürzen und die vermeintliche große Liebe nur als etwas theoretisches auszuleben, dem man ewig nachweint. Hat sie das Kind übrigens verloren oder irgendwie nachgeholfen? Fragen über Fragen.

(show spoiler)


Ok dass es solche Charaktäre gibt, ist gar nicht unwahrscheinlich und auch dass solche Personen einander möglicherweise magisch anziehen. Das ist sogar gut für den Plot, solche kuriosen Figuren einzubauen, denn das macht den Handlungsablauf überraschend und spannend. Aber was denken Sie? Was ist ihre Motivation? Warum zum Teufel machen sie das? Diese Anworten bleibt mir Frau de Queiroz leider schuldig und genau deshalb hat mir das Buch nur mittelmäßig gefallen.

Fazit: Ein recht ungewöhnlicher guter Plot, der mich leider durch die flache Figurenentwicklung und die fehlenden Erklärungen zum inneren Antrieb von fast allen Figruen zu ihren ungewöhnlichen Handlungen sehr unbefriedigt zurücklässt. Ich bin kein Fan dieses Stils von Autoren ala "Leser erklär es Dir selbst" das ist meiner Meinung nach schon die Aufgabe des Schriftstellers und nicht meine.