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Awogfli - Bookcroc

Ich bin Buchgourmet und Buchgourmand quer durch viele Genres

Die Masken fallen

Rozznjogd (Rattenjagd) gezeichnet von Gerhard Haderer: Dialektstück mit hochdeutscher Übersetzung - Gerhard Haderer, Peter Turrini

Das klassische Skandal-Theaterstück von Peter Turrini aus dem Jahr 1971 wird in dieser Graphic Novel vom bekannten Karikaturisten Gerhard Haderer zeichnerisch sehr entlarvend und grandios verstörend umgesetzt. Die Handlung fand ich genauso grausam wie bei meinem ersten Lesen des Stücks in den 80er-Jahren – wenn nicht noch furchtbarer – durch die Bilder.

 

Ein Pärchen hat sein erstes Rendezvous im Auto auf einer Mülldeponie. Warum der Mann diese kuriose und doch sehr unangenehme Location für den Beginn des Kennenlernens gewählt hat, wird dem Leser am Beginn der Geschichte noch nicht offenbart. Zuerst erschießen die beiden mit einem Gewehr die Ratten auf der Müllhalde und dann wollen sie sich WIRKLICH kennenlernen. Aber was bedeutet das?

 

Alle menschlichen Masken fallen nach und nach, die beiden wollen sich in der Essenz und der Nacktheit des Charakters kennenlernen, das Paar räumt sich wie bei einem Christbaum gegenseitig den „Schmuck“ ab. Da werden Toupets, Haarteile und falsche Wimpern abgerissen, die Zähne herausgenommen und auf den Müll geschleudert, da werden Sakkotaschen und Handtaschen analysiert und ausgeräumt, Schmuck und Geld weggeschmissen, alle Kleider abgelegt und Schaumstoff-BH-Einlagen auf die Kippe geworfen. Schicht um Schicht wird alles abgetragen, schlicht und ergreifend wird neben dem spannenden Seelenstriptease auch ein körperlicher Striptease vollführt und alle Errungenschaften des Konsums und der Beziehungen zu anderen auch gleich mitentsorgt.

 

Das ist sowohl spannend, entlarvend als auch brutal grausam, teilweise auch sehr ekelig, da es dem Leser vorführt, unter wie vielen Schichten von Tand und Optimierungen wir uns selbst begraben, um nicht nackt in unserem eigenen Charakter bar von Masken vor unseren Mitmenschen zu stehen. Auch das Ende der Geschichte, das ja durchaus eine positive Sicht auf den Nukleus des Menschen geben könnte, ist absolut gnadenlos und entbehrt jeder Hoffnung.

 

Gerhard Haderer hat das bekannte Volksstück großsartig ganz in Graustufen umgesetzt, dadurch wird auch die hoffnungslose triste Stimmung klar transportiert. Die Figuren sind extrem gut gezeichnet, vor allem die für die Geschichte wesentlichen körperlichen Unzulänglichkeiten und die schlechten Charaktereigenschaften, die sich in der Physiognomie manifestieren, kann ein Karikaturist natürlich noch viel besser mit spitzer Feder umsetzen, als ein traditioneller Grafiker.

 

Dramaturgisch und sprachlich ist die Geschichte auch für den deutschen Markt sehr gut auf das Zielpublikum ausgerichtet. Denn obwohl das Theaterstück ursprünglich in starkem Dialekt konzipiert war, kann man auf den linken Seiten auch die hochdeutschen Dialoge lesen – rechts spielt das Stück im Dialekt, das ist eine sehr gute Idee. Der Dialekt (wo ist der überhaupt her?) war teilweise so ausgeprägt, dass sogar ich hin und wieder links die hochdeutsche Übersetzung nutzte.

 

Das Einzige, was Haderer manchmal übertreibt, ist die Tristesse der Geschichte durch möglichst dunkle Graustufen herauszuarbeiten. Dadurch, dass manche Bilder fast zu dunkel sind, konnte ich oft die Details in den Zeichnungen nicht gut genug erkennen. Vor allem wenn man abends beim künstlichen Licht der Energiesparglühbirne und nicht im kalten Focus der Hallogenlampe liest, ist das ein Hindernis, wirklich jedes Detail zu erkennen und zu rezipieren.

 

Fazit: Grandios, verstörend und starker Tobak – ein tiefgründiges, bösartiges, demaskierendes Stück ohne Gnade und Hoffnung – also nicht für jedermann geeignet.