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Awogfli - Bookcroc

Ich bin Buchgourmet und Buchgourmand quer durch viele Genres

Einsamkeit und Paranoia im Aussteigerland

Bananama - Simone Hirth

Dieser Roman ist mir sehr an die Nieren gegangen, denn er vermittelt so intensiv und gleichzeitig subtil eine extrem bedrohliche, angsterfüllte, einsame Grundstimmung, die fast nicht auszuhalten ist.

 

Sehr authentisch wird die Geschichte aus der Sicht eines kleinen Mädchens erzählt, dessen Eltern als Aussteiger leben. Man ist sich nicht klar, in welche Richtung sie tendieren, aber sie haben etwas sektenhaft eskapistisches, öko-esoterisches, manchmal sogar ein reichsbürgerhaftes Verhalten an sich. Das beginnt mit der eigenen Bushaltestelle und dem Universum von Bananama, geht über die völlige Abschottung der kleinen Familie von der Umwelt, bis auf den Postboten, der die Pakete bringt, über die Selbstversorgung und Selbstkasteiung, bis zur Ablehnung von medizinischer Versorgung und vieler anderer alarmierender gruseliger Einstellungen.

 

Das Mädchen ist so einsam und isoliert bei ihren Eltern, dass es sich eine Freundin oder eine Schwester wünscht. Bei Anfrage nach einem Schwesterchen, um die Einsamkeit zu überwinden, beißt sie auf Granit, denn die egoistischen Eltern sind schon glücklich. Relativ bald wird sie auch noch im Rahmen einer totalen sozialen Isolation aus der Schule genommen, weil das SYSTEM den Kindern nix beibringt, alle Medien und Bücher werden verwehrt. Die Eltern verhalten sich im Gegenzug sehr ambivalent und leben nicht vor, was sie dem Kind verbieten. Sie surfen im Internet und bestellen wie wild Sachen – selbstverständlich handgearbeitet und total nachhaltig– die sie meist gar nicht benutzen.

 

Durch die komplette Isolation und das total paranoide Verhalten der Eltern hat das 6-jährige Kind sehr viel Angst – die sich zu einer ausgewachsenen Angststörung ausweitet – es weiß aber nicht mal wovor tatsächlich (normalerweise fürchten sich die Knirpse ja konkret vor etwas wie zum Beispiel vor Monstern oder Einbrechern). Die von der Autorin beschriebenen Überlebensstrategien des Mädchens gegen die Einsamkeit und die Angst sind so herzzerreißend und grandios – beispielsweise werden Wörter, vor denen sie sich fürchtet, im Garten vergraben oder der Spiegel wird eine Weile als Schwesterersatz herangezogen. Das Kind ist in seiner Intelligenz und der isolierten Selbstreflextion zu einem altklugen Erwachsenen in einem Kinderkörper geworden.

Wir wohnen in einem Koffer, auf dem in großen, schiefen Buchstaben Bananama steht. In diesem Koffer steht unser Haus. Der Koffer reicht bis zum Wald, zur Landstraße, zum nächsten Hügel, aber weiter nicht. Dort hört er auf. In diesem Koffer ist es hell. In diesem Koffer scheint immer die Sonne, in diesem Koffer ist alles tot. Der Koffer, in dem wir wohnen, öffnet sich niemals. Wir haben ihn fest verschlossen, weil wir Aussteiger sind.

 

Sprachlich grandios wird hier aus der Sicht des Mädchens dieses für Menschen wie Du und ich total unwirkliche Szenario gezeichnet – die furchtbare, einsame entbehrungsreiche Welt von Bananama. Mein Lesetempo war sehr langsam, da ich permanent diesen Wahnsinn der Protagonisten immer wieder überdenken, reflektieren, und wieder sacken lassen musste. Zudem kenne ich solche Leute tatsächlich persönlich, die wohnen alle nördlich von mir in der Einsamkeit des Waldviertels. Historisch ist dort schon seit den 80er Jahren das Zentrum der gestörten Eskapisten, die sich von der Gesellschaft abgenabelt haben und die die Einsamkeit der Wälder und leeren Landstriche zu schätzen wissen. Solche Leute und vor allem ihre gnadenlose Missionarstätigkeit machen mich in der Realität immer ur-aggressiv – das musste ich auch ständig beim Lesen verdauen.

 

Einige Wendungen im Plot werden von der Autorin nicht aufgelöst. Sind die Leichen im Garten echt oder Ausdruck der beginnenden Wahnvorstellungen des Kindes? Wenn sie existieren, warum liegen sie im Beet und wer hat sie umgebracht. Ich muss sagen, solche offenen Handlungsstränge stören mich immer ein bisschen, aber das ist meine ganz persönliche Meinung, die viele nicht teilen werden.

 

Auch das Ende ist relativ unvollendet und offen. Meine Interpretation versucht aber eine optimistische, großartige Wendung zu konzipieren: Diese wundervolle traurige kleine total reflektierte sechsjährige Person startet einen ganz persönlichen Befreiungsschlag gegen den Wahnsinn der Eltern und versucht, einfach aus Bananama zu emigrieren, was ihr auch gelingt. Wie weit sie damit langfristig Erfolg hat, sei dahingestellt. Aber auch das Verhalten der Eltern lässt viel Interpretationsspielraum und Kritik an der Gesellschaft offen. Ist die propagierte nachhaltige völlig autarke Lebensweise per se schon zum Scheitern verurteilt, weil sie nicht durchführbar ist? Oder scheitern die Eltern nur persönlich auf Grund ihres Charakters, weil sie ihre Ideale einfach selbst nicht konsequent genug verfolgen und alles auf das Kind projizieren? Fragen über Fragen, die noch lange nach der Lektüre wirken.

 

Fazit: Ich bin immer wieder überrascht, welche relativ neuen gesellschaftsrelevanten Themen von österreichischen Verlagen dem Leser präsentiert werden. Hut ab vor dieser deutschen Autorin, die dieses spannende Werk und brandaktuelle Thema sprachlich grandios und atmosphärisch sehr dicht umgesetzt hat.