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awogfli

Awogfli - Bookcroc

Ich bin Buchgourmet und Buchgourmand quer durch viele Genres

Was für ein Finale! Guter Physikerkrimi

Schilf - Juli Zeh

Die Geschichte beginnt wirklich sehr gut mit einer Analogie auf die Big Bang Theory und deren Figuren (musste im Internet nachschauen wer sich hier von wem inspirieren ließ, aber es wahr wohl Juli Zeh die Big Bang geschaut hat, denn die berühmte Fernsehserie ist 2007 im Herbst herausgekommen und die Autorin hat den Roman im Dezember 2007 beendet): Zwei Freunde, Oscar, ein theoretischer Physiker, wenig seinen Mitmenschen zugeneigt, der sich für einen total genialen Überflieger hält und ein Experimentalphysiker namens Sebastian, der eigentlich ebenso klug aber nicht so ehrgeizig ist und seinen Lebenszweck eher bei Frau und Kind sucht.

 

Weiters extem kluge Passagen, wie die beiden gegeneinander im intellektuellen Disput brillieren und in denen sehr smart quasi in der Manier der alten Screwballkommödien mit Wissenschaftstheorie, physkalischen Grundsätzen und der Metaphysik gespielt wird - eine echte Wohltat wie Wissenschaftler der 3. Generation die Grenzen der Diziplinen zu Querschnittsmaterieen auflösen.

 

"Er schimpfte seinen Freund als einen schöden Deterministen. Um Oskar und alle Umstehendne zu ärgern, bezweifelte er die Gültigkeit der Empirie als Erkenntnisverfahren. Ein Mensch, der am Flussufer 1000 weiße Schwäne vorbeiziehen sehe, könne daraus nicht schlussfolgern, dass keine schwarzen existierten." Diese Aussage ist sehr polemisch, hinterhältig und grundfalsch denn bei 1000 Flussufern wählt der Empiriker genau einen Schwan aus.

 

Zudem gibt es noch ein bisschen witzige Kindererziehung eines sehr begabten Knirpses mit Heisenberg, Bohr und Schrödinger.

 

"Was ist ein Mengele?", fragt Liam, der im Kampf gegen die Salatblätter noch keinen einzigen Gegner bezwungen hat. "Das ist jetzt nicht so wichtig", sagt Maike schnell. "Immer, wenn es nicht so wichtig ist, geht es um Sex oder um Nazis!", kräht Liam.

 

"Weißt du", sagt Oscar zu Liam, "dass sich immer, wenn Du einen Keks stiehlst, eine zweite Welt abspaltet, in der du den Keks nicht gestohlen hast?" "Die Paralleluniversen", nicht Liam. "Wenn Mama fragt, ob ich genascht habe, antworte ich immer: Ja und nein. Aber das funktioniert nicht."

 

Nach der großartigen Einführung wird der Sündenfall konstruiert. Sebastian begeht unter Zwang eine unglaubliche Tat. Jemand versucht sich eines Mitwissers durch den perfekten Mord zu entledigen. Er findet Sebastian, der ein starkes persönliches Motiv gegen das Opfer hat, entführt sein Kind während die Frau auf Urlaub ist und zwingt ihn zum Stillschweigen und anschließend zum Mord am Opfer."

 

Anschließend dümpelt die Geschichte so dahin es gibt einen ganz normalen Krimi, der recht absehbar erscheint. Kommissar und Kommissarin in Freundschaft verbunden aber dennoch in berufliche Konkurrenz verwickelt, Staatsanwälte, die schon auf Aufklärung drängen, Sebastian, dessen heile Welt und Familie ob des Verbrechens total zusammenbricht, der Erpressertäter im Hintergrund und der beste Freund Oscar, der sehr absehbar als alternative Handlung und Täter das lustige Mörderraten einläutet.

 

.... und dann kommt das Finale - atemberaubend, in sich schlüssig bezüglich Täter und Motiv und doch glaube ich von niemandem genauso vorhergesehen. So etwas muss einem Autor zuerst mal einfallen!!! Das ist genial!!!

 

Fazit: Ein ausgezeichneter Krimi - vor dem Finale hätte man ein bisschen straffen und das Tempo etwas anziehen können, weshalb ich nicht die vollen 5 Sterne vergebe - mit einem gradiosen Finale!