50 Follower
92 Ich folge
awogfli

Awogfli - Bookcroc

Ich bin Buchgourmet und Buchgourmand quer durch viele Genres

Spoileralarm

Großartige Geschichte der gescheiterten Selbstbestimmung einer Frau

Die Vegetarierin: Roman - Han Kang, Dr. Ki-Hyang Lee

Dieses Buch hat mich überhaupt nicht verstört, sondern restlos begeistert. Auch finde ich gar nicht, dass der Roman Veganismus thematisert, und wohin ein solches Verhalten führen kann. Für mich ist es die Geschichte einer Frau, die verzweifelt um ein kleines bisschen persönliche Autonomie in einer komplett übergriffigen Umgebung kämpft und permanent von der gesamten Familie mit Gewalt und mit Hilfe des Systems wieder auf "Linie" gebracht wird.

Der erste Versuch eines Befreiungsschlages passiert tatsächlich über die Ernährung und den Veganismus, ein kleiner, sehr eng gezogener Teilbereich in dem die Protagonistin bis zum Start der Geschichte zumindest ein Fünkchen selbstbestimmt leben konnte.
Ich setze auch in dieser Rezension eine Spoilerwarnung, denn ich möchte die Aussage und meine Interpretation des Buches genauer analysieren, weil es mir so gut gefallen hat.

Yeong-Hye führt ein völlig fremdbestimmtes furchtbares Leben. Ihr Vater hat sie sich in ihrer Kindheit im Gegensatz zu ihren Geschwistern als fast ausschließliches Opfer seiner Gewaltorgien ausgesucht, weil sie erstens so duldsam war und weniger aufmuckte und als jüngeres Kind zu wenig Nutzen in die Famile einbrachte. Der Bruder war ja scho seit Geburt per se als zukünftiges Familienoberhaupt unentbehrlich und die ältere Schwester war auch nützlich, da sie den besoffenen Vater bedienen konnte. Auch ihre Ehe ist furchtbar sie hat sich am Rollenbild des Vaters orientiert und einen gefühlskalten Mann gefunden, der sie nicht liebt, sie als Dienstbotin und Fickfetzn missbraucht. Er sagt selbst, dass er sich eine unscheinbare duldende graue Maus zur Ehefrau genommen hat, weil er meint, sich deshalb in der Beziehung nicht anstrengen zu müssen und glaubt, sich komplett gehenlassen zu dürfen.

Nun nimmt sie sich auf Grund eines Traumes ein kleines Fünkchen Automomie entgegen der üblichen gesellschaftlichen Konventionen heraus, obwohl im Roman auch mehrmals betont wird, dass es bereits einige Vegetarier in Korea gibt. Und wie reagiert ihre Umgebung darauf, dass sie sich ein bisschen anders ernnährt? Ich war sehr fassungslos, wieviel menschenverachtende übergriffige Gewaltakte hier von den Männern ihrer Familie stattfanden: Der Ehemann ist zuerst konsterniert, da sie es wagt, ihm zum Frühstück kein Fleisch zuzubereiten, stachelt dann ihre ganze Familie auf, die sie zwingen soll, so zu essen wie er will und vergewaltigt sie auch noch, weil sie sich ihm im Bett verweigert, da er nach Fleisch riechen soll. Der Vater prügelt sie und versucht, ihr mit Gewalt, Fleisch in den Mund zu schieben, die restliche Familie schaut zu, alle finden nichts dabei und keiner schreitet bei diesen Übergriffen ein. Im Gegenteil unter dem Deckmantel der "Sorge"  in unbedingter Anpassung an die Norm der Familie und das patriachalische System werden diese Schandtaten sogar noch als Akte der Liebe schöngeredet. Im Prinzip geht es hier nicht um Veganismus, sondern um die Abwehr von permanenter Vergewaltigung von Frauen, sexuell, geistig, und emotional. Eine Art von Emanzipation in einem patriachalischen System, das auf dem Brechen von weiblichen Seelen beruht. Der erste eigentlich sehr harmlose Ausbruch der Emanzipation scheitert an der gesamten Umgebung und ihrer Gewalttätigkeit und endet mit einem Selbstmordversuch und einem kurzen Aufenthalt in der Psychiatrie.

In Teil zwei versucht Yeong-Hye wieder in einem ganz beschränkten Autonomiebereich auszubrechen, nämlich ihre sexuelle Selbstbestimmung auszuleben. Ihr Mann hat sie verlassen und sie schläft - selbstverständlich wieder mal gegen alle gesellschaftlichen Konventionen, die so in Korea herrschen - mit ihrem Schwager, was zwar nicht nett aber sicher nicht kriminell und verrückt ist, so wie es die Familie darstellt. Die geschilderten Szenen im Roman waren wundervoll und sehr erotisch wie die beiden als bodygepaintede Pflanzen sowohl ein Kunstwerk kreieren als auch den Akt vollziehen. Leider werden sie wieder erwischt und die Familie versucht erneut mit staatlicher Gewalt, Verhalten etwas abseits der strengen Normen völlig unverhältnismäßig zu bestrafen. Der Schwager wird angezeigt und muss vor der Polizei flüchten Yeong-hye wird wieder in die Psychiatrie gesteckt.

Im letzten Teil bleibt Yeong-Hye permanent eingesperrt und von der Familie und Schwester abgeschoben - kein Fünkchen Selbstbestimmung mehr. Als sie aus der Anstalt rauswill, wird ihr das verweigert, also hört sie konsequenterweise irgendwann ganz mit dem Essen auf und wird zwangsernährt. Das gruseligste ist, dass sogar ihre Schwester, die ihr natürlich auch grollt, weil sie mit ihrem Mann geschlafen hat, aber dennoch ein Mensch mit ein bisschen Gefühlen ist, nicht nachvollziehen kann und will, dass nicht die Familie auf Yeong-hye mit mehreren moralisch nicht ganz so korrekten Aktionen reagiert hat, sondern ihr Verhalten immer eine Folge der vorausgehenden Gewaltakte der Familie war. Hier wird permanent die Täter-Opfer-Umkehr betrieben.

Lediglich das Ende gefällt mir nicht so gut, ich hätte mir gerne einen Abschluss gewünscht. Entweder die letzte Konsequenz den Tod von Yeong-hye oder dass wenigstens ihre Schwester irgendeine Entwicklung durchmacht. Aber dass ist eine Petitesse, die die 5 Sterne-Bewertung des Werkes absolut nicht trüben kann.

(show spoiler)



Fazit: Großartig! Für mich eines der drei besten Bücher, die ich heuer bisher gelesen habe zusammen mit  Report der Magd von Margaret Atwood und Eine allgemeine Theorie des Vergessens von Jose Eduardo Agualusa. Jetzt muss ich grad schmunzeln, denn alle drei haben irgendwann mal den  Man Booker Prize oder den Man Booker Interntational Prize gewonnen.