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awogfli

Awogfli - Bookcroc

Ich bin Buchgourmet und Buchgourmand quer durch viele Genres

Die traurige, melancholische Geschichte eines vergeudeten Lebens

Dem Nobelpreisträger Ishiguro ist mit diesem Roman eine ganz leise, subtile, hintergründige, melancholische Geschichte über ein völlig vergeudetes Leben gelungen. Der devote Butler Stevens kämpft verzweifelt mit bzw. gegen den Humor seines neuen amerikanischen Dienstherren, der ihm erstmals in seinem Leben ein paar Tage freigibt. Diese will das Haus-Faktotum nutzen, um eine sehr geschätzte ehemalige Mitarbeiterin, Miss Kenton, die möglicherweise in einem Brief angedeutet hat, dass es um ihre Ehe nicht zum Besten steht, zu überreden, wieder im Haushalt des Landsitzes Darlington Hall anzuwerben.

Mit dem Auto fährt Stevens durch eine vom Autor grandios beschriebene englische Landschaft zu Miss Kenton und rollt in einem inneren Monolog sein bisheriges Leben auf.

Stevens hatte unter seinem bisherigen Dienstherren Lord Darlington keine eigenen Ambitionen, und ist auch noch stolz auf diese Qualitätskriterien eines Butlers, die er internalisiert hat - quasi das Kamasutra des devoten selbstverleugnenden Dienens, ohne die Contenance zu verlieren und dabei auch noch würdevolles Theater zu spielen. Laut Butler Stevens haben dies die Engländer als eine ausschließlich britische Charaktereigenschaft kultiviert. Gleich einem Derwisch managt Stevens für Lord Darlington drei Handlungsstränge in diesem Roman gleichzeitig obwohl es nur einer ist, das nenn ich Multitasking. Erstens die Friedenskonferenz, die Versailles aufheben will, zweitens das Sex-Aufklärungsgespräch mit einem jungen Mann, das mehrmals scheitert und gleichzeitig drittens den Tod des Vaters. Hier kann er sich nicht mehr ausreichend kümmern, ganz der pflichtbeflissene Diener stellt Stevens seine eigene Familie zurück, und Papi verreckt derweil allein in der Dachkammer. Das war eine der traurigsten Szenen in diesem Buch, obwohl es derlei einige gab.

Es ist unglaublich, was diese degenerierte, aristokratische, britische Upperclass ihren Domestiken (und ein Butler ist ja nix anderes) damals einzureden vermochte – das ist wirklich die Paradeausprägung des Stockholm-Syndroms. Da wird es auch vom Betroffenen in der nachträglichen Bewertung des Ereignisses nicht als eine vertane Gelegenheit, sondern als eine Butler-Tugend angesehen, wenn man den eigenen Vater zwei Stockwerke höher einsam sterben lässt, sich nicht mal verabschiedet, um die Herrschaft perfekt zu bedienen. Auch darauf, dass man während dieses sklavischen Aktes dann auch nicht mal ein Tränchen zerdrückt, ist man zu allem Überfluss auch noch stolz. Welch eine unnötige Selbstaufgabe, welch ein vergeudetes Leben! Und das nannten die Briten dann typisch englische Eigenschaften.

Nach und nach während der Reise durch das Land und im Treffen mit Miss Kenton wird dem Leser auch klar, dass Stevens nicht nur diese Gelegenheit vergeudet hat, sondern sich auch seine große Liebe aus Pflichterfüllung nicht eingestehen konnte. Dadurch hat er Miss Kenton aus dem Haus getrieben. Schrittweise fallen auf dieser Reise und der Beschäftigung mit seinem eigenen Leben einige Verdrängungsmechanismen von Stevens ab. Auch dieser vielgeschätzte Hausherr Lord Darlington, den man als ordentlicher Butler auf keinen Fall beurteilen oder kritisieren durfte, war nicht die verehrte Lichtgestalt an britischer vornehmer Aristokratie und Gentlemantum, die es wert war, dafür sein Leben aufzugeben. Im Gegenteil, dem Leser wird allmählich klar, dass Lord Darlington ein Nazisymphatisant oder sogar ein richtiger Nazi war. Lordschafts Friedenskonferenz, die helfen sollte, Gerechtigkeit für Deutschland nach Versailles wiederherzustellen (was historisch sogar relativ klug und noch kein Verbrechen war), war in Wirklichkeit nur ein Kniefall vor Nazi-Außenminister Ribbentrop, die Einladung der Schwarzhemden auf Darlington Hall rechtfertigt Stevens als Versehen und Anbiederung an eine Dame, die Lordschaft verehrte, und der offene Antisemitismus, die Entlassung von jüdischem Dienstpersonal, war natürlich auch ein Versehen. Auch wenn Stevens diese unvermutet auftauchenden Erkenntnisse doch noch ein bisschen rechtfertigt und verdrängt, dem Leser - insbesondere dem britischen Leser - wird schnell klar, dass der Diener sein Leben an einen schändlichen Nazikollaborateur verschwendet hat.

Am Ende ist Stevens frei: frei von seiner großen Liebe, frei von Lord Darlington. Und was macht er mit seiner plötzlichen Souveränität und seinem neugewonnenen Leben? Er widmet sie seinem neuen amerikanischen Dienstherren und will ihm gefallen, indem er versucht, seinen Humor zu lernen.  Wie grotesk! STOCKHOLM-SYNDROM!

Warum gebe ich diesem Roman eigentlich nur vier Sterne? Ehrlich gesagt ich weiß es nicht. Vielleicht war mir die Geschichte gar zu melancholisch, zu hintergründig, zu subtil. Es kann aber auch sein, dass ich ob meines heurigen Lesejahres (und dieses war wirklich unerreicht grandios mit so vielen großartigen Büchern), einfach ein bisschen zu unverschämt in meinen Anforderungen geworden bin. Ein Buch muss mich heuer schon komplett vom Hocker reißen, um neben den 10 anderen Werken in der 5-Stern-Kategorie bestehen zu können. Dafür eignet sich einfach dieses leise Werk nicht ganz so, es ist keine Rampensau, obwohl es wundervoll ist. Ach ja den subtilen grotesken Humor, der immer wieder durch die Zeilen blitzt, habe ich auch sehr genossen.

Fazit: Absolut Lesenswert!

PS: Ich kann mir den Film mit Anthony Hopkins und Emma Thompson in der Hauptrolle geradezu bildlich vorstellen. Wenn er irgendwann nicht zur nachtschlafenen Zeit im Fernsehen gezeigt wird, gibt es hier sicher noch eine Book2movie-Rezension.