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Awogfli - Bookcroc

Ich bin Buchgourmet und Buchgourmand quer durch viele Genres

Wiener Sterbenachhelfer

Böse Samariter. Ein Fall für Alma Liebekind. Wien-Krimi (HAYMON TASCHENBUCH) - Constanze Dennig

Dieser Wien-Krimi der Psychiaterin und Neurologin Constanze Demming hat mir zu Beginn ausnehmend gut gefallen. Er entspricht zwar der offensichtlich notwendigen Anpassung an das weibliche Zielpublikum durch die unabdinglichen Sex- und Liebesszenen, aber oh Wunder, ich fühlte mich ausnahmsweise so gar nicht abgestoßen, da die Autorin ungewöhnlich innovativ in der Damenhöschenabteilung operiert.

Anstatt der von mir so verachteten romantischen Schmachtfetzen inklusive Herzschmerz, Märchenprinzsyndrom und weichen Knien, werden dem Leser realistische, recht lapidare, teilweise sehr ironische Sexszenen – ein bisserl satirischer Porno à la Bum Zack – serviert. Zuzüglich Frauen-Geschichten, die eben nicht romantisch, sondern aus dem Leben gegriffen sind: Sex, ein total schlampiger Künstlerliebhaber, der zu sonst nix taugt, das Aufwachen in seiner siffigen Wohnung, in der es wie bei den Sioux unterm Sofa aussieht, die Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft …

    Das Begehren blockiert alle anderen Empfindungen. Wie sonst würde ich mich nackt in einer schlecht beheizten Wohnung auf das Sofa werfen, um mich von einem anderen Körper halbherzig bedecken zu lassen?

    Ein gemeinsames Baby würde bei ihm erfrieren, verdursten, ertrinken, unter den Tisch fallen und als verhungerte Mumie in einem Schuhkarton landen.


Auch sonst spart die Autorin nicht mit Selbstironie und gutem Sprachwitz wenn sie die Wiener Schicki-Micki Gesellschaft, den Umgang  mit dem Tod und die Abnabelungsprobleme der Protagonistin von Mutti pointiert, psychologisch seziert aufs Papier bringt. Sie brachte mir sogar neue Wörter bei: Zum Beispiel das früher in Tirol, Salzburg und Kärnten übliche Ahnlvertilgen durch das seinerzeit mit Hüttrach (Arsenik) die Pensions-Problematik sehr flugs und effizient erledigt wurde. Heute erzielt man dasselbe Ergebnis österreichweit mit der Überdosierung des Diabetesmedikaments – man erzeugt einen Hypo und betet einen Rosenkranz.

    Die "Natur" ist der einzig wirkliche Massenmörder. Es ist unbegreiflich, dass gläubige Menschen einen Gott verehren, der ein System erschaffen hat, das nur zum Ziel hat, das Erschaffene wieder zu zerstören.[...] Alle Religionen dienen nur dazu, den Menschen die Angst vor dem Sterben zu nehmen, indem sie ihnen ein weiteres Leben versprechen, ohne es einhalten zu können. Ein Betrug der tadellos funktioniert.

Im Krimiplot geht es um einen dubiosen Sterbehilfeverein, der seine alternden siechen Mitglieder vor allem im gehobenen Kunst-Milieu akquiriert. Kann möglicherweise irgendjemand das Unausweichliche nicht abwarten und entleibt mehrere Mitglieder vorzeitig, um die nicht unerheblichen Mitgliedsbeiträge in Form von Erbschaften und Gebühren schneller zu verwerten? Oder sind die unheilbar Kranken doch freiwillig aus dem Leben geschieden, also die Tötung war auf Verlangen, ein humanitärer Akt, der auch im Sinne der Vereinsstatuten durchgeführt wurde? Das ist die Elferfrage, die die Psychiaterin Alma Liebekind, in Konkurrenz und auch noch in Form einer unzulässigen und ungesetzlichen Einmischung zu ihrer besten Freundin, der Kriminalkommissarin Erika Sacherl lösen möchte. Der Konflikt zwischen den beiden Damen, in dem sich die Psychiaterin permanent hinterrücks in die beruflichen Agenden der Polizistin einmischt, ist zu Beginn höchst vergnüglich, nervt aber dann gegen Ende ein bisschen, da Alma gar so unverbesserlich nicht einsehen will, dass für manche Aufgaben dilettierende Amateure einfach nicht geeignet sind.

Am Ende wird zu Gunsten eines effektheischerischen Show-Downs à la Dan Brown auf der Kanalinsel Guernsey viel zu sehr auf den Krimiplot und auf die ausführliche Erklärung der Motivlage verzichtet. Die Täter kristallisieren sich zwar relativ klar und auch teilweise leicht durchschaubar heraus, aber das Ganze wird erstens zu viel zu überhastet im Telegrammstil dargelegt und zweitens gibt mir zumindest ein schlampig präsentiertes, an den Haaren herbeigezogenes Motiv tatsächlich psychologische Rätsel auf. Da erwarte ich mir einfach von der Autorin Constanze Demming als Fachfrau und Psychiaterin, die ja eigentlich Spezialistin auf diesem Gebiet sein sollte, viel mehr Beschreibung und Expertise. Mehr Details kann ich zu dieser Angelegenheit leider nicht genauer ausführen, denn sonst müsste ich ausgiebig spoilern. Aus diesem Grund, und da bin ich immer sehr streng, stürzte der ansonsten sprachlich und inhaltlich gut gemachte witzige Krimi doch noch letztendlich von vier Sternen auf drei Sterne ab.

Fazit: Gut gemachter, humorvoller Kriminalroman - qualitätsmäßig über dem Durchschnitt mit einem bedauerlicherweise schlampig konzipierten Ende.