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Bildgewaltiger k.u.k. Monarchie-Krimi

Der Bankert vom Naschmarkt: Ein Kriminalfall aus dem alten Wien (Graphic Novel) - Gerhard Loibelsberger, Reinhard Trinkler

Im Jahr 1911 wird auf dem  Wiener Naschmarkt, einer auch noch heute sehr beliebten Sehenswürdigkeit, ein erfrorenes Baby gefunden. k.u.k. Polizeiinspector Joseph Maria Nechyba, ein korpulenter Genussmensch, wird mit dem Fall betraut und klärt mit viel Herz und Hirn dieses und andere Verbrechen auf.

Gerhard Loibelsberger, der mit der Figur des Inspectors schon eine erfolgreiche Reihe von klassischen Krimis im Gmeiner-Verlag entwickelt hat, ist mit dieser innovativen Graphic Novel, gezeichnet von Reinhard Trinkler, ein wundervoller Einblick in das historische Wien gelungen. Fernab vom Kitsch der Sisi-Filme wird das wahre Wien zur Zeit von Kaiser Franz Josef geschildert.

Die stimmungsvollen Bilder von Trinkler lassen die Zeit vor dem ersten Weltkrieg sehr authentisch wiederauferstehen. Im Milieu des sechsten und siebten Wiener Gemeindebezirks mit seinen mondänen Jugendstilhäusern auf der einen Seite der Wienzeile und den Arbeiterquartieren auf der anderen Seite des Naschmarktes werden die Archetypen dieser Zeit großartig aber mitunter auch sehr uncharmant bis unbarmherzig skizziert: Die Marketenderin Roserl, der man bis zum Gaumenzapferl in den schreienden Schlund sehen darf, als sie das erfrorene Baby findet, das überhebliche Ehepaar von Odenthal, denen die Bosheit und der Sadismus, mit dem es ihrem Personal begegnet, am Gesicht abzulesen ist, der Bandlkramer Giulio, dem man seine Alkoholsucht auf den ersten Blick durch die blutunterlaufenen Augen ansehen kann ... Das ist zwar nicht hübsch aber grandios; die Armut der dienenden Unterschicht im Gegensatz zu den Hochwohlgeborenen wird gekonnt in Szene gesetzt. Lediglich Inspector Nechyba, seine geliebte Ehefrau Aurelia und der Kaiser Franz Josef sind in dieser Geschichte sehr wohlwollend gezeichnet. Leider hat mich diese grafische Überstilisierung, die mich im Rahmen der Figurenentwicklung so begeistert, bei der Darstellung der Gebäude ein bisschen gestört – hätte ich doch glatt das Polizeihauptquartier im zweiten Bezirk, die Rossauerkaserne, an der ich mindestens einmal wöchentlich vorbeifahre, nicht erkannt. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau.

Der eigens von Loibelsberger für die Graphic Novel entwickelte Kriminalfall ist - obwohl kurz - dennoch sehr spannend. Im Stakkato kann der Leser spannendes Mörderraten spielen, denn der Verdächtigen, die das Baby scheinbar kurz in ihrer Obhut hatten, gibt es unzählige. Auch die Auflösung der Kindestötung ist sehr gut entwickelt. Lediglich das Motiv für den zweiten Mord erschloss sich mir einfach nicht so richtig.

Fazit: Ein guter Krimi - grandios grafisch in Szene gesetzt – sehr innovativ. In dieser Qualität ist es ein herrliches Vergnügen, in das Genre der Graphic Novel einzutauchen.

* Vielleicht sollte ich auch noch den österreichischen Dialektausdruck Bankert im Titel dieser Graphic Novel näher erklären: Bankert ist eine altmodische abfällige Bezeichnung für ein uneheliches Kind, das quasi auf einer Bank gezeugt wurde.