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Awogfli - Bookcroc

Ich bin Buchgourmet und Buchgourmand quer durch viele Genres

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Welcher Mensch willst Du sein?

28 Tage lang - David Safier

Lange hab Ich ungläubig staunend die begeisterten Rezensionen zu diesem Buch verdrängt, denn ich konnte mir nicht vorstellen, wie ein Autor, der mich derart mit seinem primitiven schenkelklopfenden Humor genervt hat, ein so großartiges Buch zuwege bringen sollte. Aber so kann es passieren: Wenn man einen Schriftsteller schlussendlich in eine Schublade gesteckt hat, hüpft er mitunter wie ein Schachtelteufel überraschend aus derselben wieder heraus.

Safier ist mit diesem Roman eine wundervolle Geschichte aus dem Warschauer Ghetto gelungen. Die 16-jährige Mira betätigt sich zuerst als Schmugglerin, um ihre Familie durchzubringen. Als die Deportationen ins Konzentrationslager Treblinka beginnen und ihre Schwester und Mutter getötet werden, schließt sie sich dem jüdischen Widerstand im Ghetto an, der 28 Tage lang den deutschen SS-Soldaten und den polnischen Polizeikollaborateuren standhält. Das ist länger, als Frankreich die Deutschen aufgehalten hat.

Durch den ganzen Roman zieht sich in allen Szenen eine essentielle menschliche Frage, die Tag für Tag, bei jeder Aktion aufs Neue beantwortet werden muss: Wie weit kann man in seinem Überlebensinstinkt gehen, ohne die Menschlichkeit komplett zu verlieren? Wo beginnt Schuld und wann ist sie gesühnt?

   „Die Frage ist, kleine Mira, was für ein Mensch möchtest Du sein?“
    „Einer der überlebt,“ antwortete ich leise, abwehrend.
    „Das scheint mir als Sinn des Lebens nicht ausreichend“, antwortete der Clown.
    Dann lachte er mich an – nicht aus -, hüpfte mit seiner Beute davon und
    ließ mich mit der Frage zurück: Was für ein Mensch möchte ich sein.

    „Die Frage ist nur“ fuhr er fort, „wie willst Du sterben?
    Willst Du ein Mensch sein, der sich wehrlos abschlachten lassen will?
    Oder einer der sich wehrt?“
    „Der letzte der mich das gefragt hat, was für ein Mensch ich sein will,
    war ein Verrückter“, erwiderte ich.


Dieses Thema hatte ich letztes Jahr schon im sehr realistisch grausamen Roman Nacht von Edgar Hilsenrath. Im polnischen Ghetto gibt es auch unter den jüdischen Opfern nur noch Täter, denn der Firnis von Zivilisation und Menschlichkeit ist unter dem Umstand des täglichen wahnwitzigen Überlebenskampfes wie weggeweht. Bei Safier wird dieser moralische Themenkomplex aber erstens aus der Sicht einer 16-jährigen dargelegt, die noch relativ unverbraucht eine naivere Vorstellung von der Welt hat, und zweitens haben die meisten handelnden Personen ihre Moral und ihre Skrupel noch nicht endgültig abgelegt, sie überprüfen täglich aufs Neue ihren Standpunkt, wohl auch durch den Umstand, dass sie sich entschlossen haben, sich gegen die Nazis zu wehren und somit ein bisschen menschliche Souveränität zurückerlangt haben. So entsteht mitten im Ghetto nicht nur eine grausame Überlebensgeschichte – die natürlich auch Tag für Tag geschrieben wird – sondern auch eine Story über Liebe, Eifersucht, Freundschaft, Heldenmut, Altruismus, Humor, Satire, fantastische Märchen und – man glaubt es kaum – sogar in kurzen Szenen über Genuss und Glück. Fast ist es eine normale Geschichte, wenn nicht der Tod an jeder Ecke lauern würde.

Auch die Frage, warum die meisten Juden sich sehenden Auges, ohne Widerstand zu leisten, wie Schlachtvieh in die Konzentrationslager haben treiben lassen, wird hier konsistent thematisiert. Die Nazis haben die Hoffnung immer ein bisschen am Leben gehalten. Es wurden immer wieder Ausnahmen von der Deportation gemacht zum Beispiel durch bestimmte Bescheinigungen, die nach einer Woche nichts mehr wert waren, aber die Hoffnung – quasi wie auf einen Lottogewinn – aufrechterhielten. So wurde die Bevölkerung still gehalten und auch Kollaborateure akquiriert, die andere ans Messer lieferten. In den Ghettos gab es viele Werkstätten, die wichtige Güter für die Nazis produzierten. Die Juden haben gedacht, „Wir sind billige Arbeitskräfte, da werden sie doch nicht, das wäre doch verrückt“….. . Es dauerte lange, bis alle begriffen: Wir werden nicht überleben. Erst diese bittere Einsicht gab den Menschen die Kraft, sich zu wehren.

So lebt und kämpft Mira mit ihren jugendlichen Freunden im Ghetto Tag für Tag – 28 Tage lang im Widerstand gegen die deutschen Besatzer und überlebt in einem Happy End außerhalb des Ghettos zusammen mit ihrer großen Liebe – vorerst in einem offenen Ende.

    Ich werde keinen neunundzwanzigsten Tag kämpfen. […] Ich werde ein Versteck suchen für mich und die Kleine. […] Kommst Du mit?“

Fast schon ist dieses Ende ein bisschen zu kitschig, um wahr zu sein, man denkt daran, dass Safier hier den gesamten Roman etwas zu optimistisch und rührselig angelegt hat … und dann …
Kommt man im Nachwort drauf, dass fast alle Personen und Ereignisse historisch sind. Die Überlebenden aus der jugendlichen Widerstandsgruppe, die 28 Tage erfolgreich Widerstand und Kampf abgeleistet haben, der Schmugglerkönig mit dem großen Herz, der Zivilisten und Kämpfern seinen Bunker zur Verfügung gestellt hat, der Pädagoge Korczak, der sich für Waisenkinder einsetzte und sogar der durchgeknallte Clown Rubinstein, der reiche Ladenbesitzer erpresste, indem er Hitler lauthals schmähte, wenn SS-Soldaten vorbeigingen, und dadurch Lebensmittel abpresste, nur damit er zu reden aufhörte und die Soldaten nicht in Versuchung kamen, alle zu erschießen. Lediglich die Hauptfiguren Mira, Amos und Daniel sind fiktional, aber alles, was ihnen im Roman geschieht und alle Szenen ihrer inneren Konflikte basieren auf realen Ereignissen. Sie wurden aus den Memoiren von Überlebenden, umfangreichen Sammlungen, Quellen und von Ringelblums Vermächtnis, einem geheimen Ghettoarchiv, übernommen.

Fazit: Großartige Aufarbeitung des Themas – diesmal nicht nur furchtbar und bedrückend erzählt, sondern auch mit einem Fünkchen Hoffnung, Humor, Liebe, Freundschaft und viel Menschlichkeit. Das Beste an der Geschichte ist, dass sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit tatsächlich genauso passiert ist.