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Awogfli - Bookcroc

Ich bin Buchgourmet und Buchgourmand quer durch viele Genres

Ich lese gerade

BETA…civilisations volume 1
Jens Harder
Gletschergrab: Island Thriller
Arnaldur Indriðason

Horrorgruselvergnügen mit Gänsehautfaktor aber auch leichten Schwächen

Es - Alexandra von Reinhardt, Stephen King

Aus aktuellem Anlass habe ich endlich erstmals dieses Werk von Stephen King gelesen. Da im September der neue Film herauskommen soll, ist hier auch eine Book2Movie Rezension geplant. Bin mal gespannt, wie dieses Thema glaubwürdig cineastisch mit Spezialeffekten umgesetzt wird.

Zum Buch:
Ein sehr guter sehr gruseliger Thriller und hervorragende Charakterstudien aller Protagonisten, so beurteile ich diesen Roman von Stephen King. Als Meisterwerk ohne Kritik und Tadel kann ich die Geschichte aber aus meiner Sicht aber auf keinen Fall bezeichnen, denn da gibt es schon einige Punkte, die mich gestört haben.

Da wäre zuerst mal die typische enorme epische Breite - man könnte es auch bösartig als Geschwätzigkeit in Form eines Modetrends bezeichnen - die amerikanische Autoren sehr gerne an den Tag legen. Bei über 1200 Seiten halte ich es aber als Leser schon für angebracht, bei jeder Szene einzeln zu überprüfen, ob diese wirklich notwendig ist und für den Plot und den Handlungsaufbau tatsächlich etwas tut. Hier kann ich mit gutem Gewissen nicht für alle die Hand ins Feuer legen, was somit den Roman vor allem bei den Zwischenspiel-Kapiteln in der Mitte manchmal ein bisschen spröde und zäh macht. Nicht dass ich mich sehr gelangweilt hätte, aber ein paar Szenen rauszustreichen, hätte dem Stoff eheblich mehr Tempo, Rasanz und Spannung beschert. Ich merke bei meinem Leseverhalten so einen Umstand immer daran, dass ich nach vorne blättere und abzuschätzen beginne, wieviele Seiten noch zu lesen sind und wie lange ich noch brauchen werde. Wenn sowas passiert, ist irgendwas definitiv episch zu ausladend.

Der Grusel- und Monsterfaktor ist aber tatsächlich als einzigartig grandios herauszuheben. Der Autor  bedient permanent elementarste Kindheitsängste. Jeder Leser kann sich hier mit mindestens einer uralten Phobie identifizieren und wiederfinden, seien es Mörder, Alpträume oder Monster, Clowns, Vögel, grausliche Viecher, Abwässer, Scheiße, Leichen.... . Bei mir war z.B. es nicht nur der Keller, sondern das Böse lauerte auch hinter den Türen in der Wohnung, die alle kontrolliert werden mussten, wenn ich abends immer ganz alleine war. Eine weitere Phobie meinerseits wird auch noch hervorragend stimuliert. Da ich einen sehr ausgeprägt guten Geruchssinn habe, treffen mich erstens unangenehme Gerüche wie ein Keulenschlag und ich kann sie mir sogar bildlich so gut vorstellen, dass mich alleine die Vorstellung schon zum Würgen bringt. Mammamia King kann grausliche Gerüche wirklich gut beschreiben - so anschaulich habe ich so etwas noch nie gelesen. Manchmal scheint es mir, dass dieser Roman durch ein völlig neues Medium transportiert werden müsste - nämlich das Geruchskino, das in Aldous Huxleys Schöne neue Welt beschrieben wurde.

Der prinzipielle Plotaufbau, der zwischen den zwei Zeitebenen Kindheit in den 50er Jahren und Erwachsenenalter der Gruppe der Verlierer in den 80er Jahren hin und her switcht macht den Roman vom dramaturgischen Aufbau her sehr ansprechend. King entwickelt wundervolle Psychogramme aller handelnden Personen - sowohl der Hauptfiguren als auch der Nebenfiguren, dabei wird so en passent vermittelt, wie sich das Leben aller Einwohner von Derry seit den 50er Jahren entwickelt hat - quasi wird das 25-jährige Klassentreffen einer gesamten Stadt abgewickelt. Alles wird thematisiert, die Mobber, die Verlierer, die Reichen, die Mitläufer, das elterliche Umfeld aller Protagonisten, die Beziehungen untereinander: Freundschaften, kleine Animositäten und riesige Antipathien, das Gewaltpotenzial jedes einzelnen ausgelotet, die Entwicklung der Persönlichlichkeiten aller Beteiligtern, die unterschiedlichen Biografien nach 25 Jahren, die Lügen und der Selbstbetrug...... nichts bleibt unaufgedeckt. Das ist wirklich wundervoll konzipiert. Auch habe ich mich sehr gewundert, wie gut und eindringlich die Charaktäre beschrieben und voneinander abgegrenzt werden, denn bei derart viel Personal in diesem Roman, habe ich tatsächlich nur einmal ganz kurz bezüglich einer Namensgleichheit - es gab zwei Eddies - den Faden verloren und wusste nicht, wen der Autor meinte. In Anbetracht der Tatsache, wieviele Figuren hier in den Roman eingeführt werden - King beschreibt ja fast eine ganze Kleinstadt - ist dies wirklich sehr ungewöhnlich.

Auch sprachlich kann der Thriller anderen literarischen Romanen sowohl von teilweise humoristischen Auswüchsen als auch an Weisheiten durchaus das Wasser reichen.

"... aber Fußnoten sind eine komische Sache, wissen Sie, wie Trampelpfade durch ein wildes, zügelloses Land. Sie teilen sich, dann teilen sie sich wieder; man kann an jeder Stelle in eine Sackgasse einbiegen, die einen zu einem mit Brombeersträuchern überwucherten Ende führt, oder in sumpfigen Treibsand. "Wenn Sie eine Fußnote finden", hat ein Prof. für Bibliothekswissenschaften einmal zu einer Klasse gesagt, an der ich auch teilgenommen habe, "dann zertreten Sie sie, bevor sie sich vermehrt.""

 "Kinder konnten das Unerklärliche besser in ihr Leben integrieren. [..] Als Erwachsener lag man nicht wach im Bett und war überzeugt davon, dass im Schrank etwas lauerte oder unermüdlich am Fenster kratzte... aber wenn dann tatsächlich etwas passierte, etwas außerhalb einer vernünftigen Erklärung, war man völlig überfordert, geriet ins Schleudern, die Vorstellungskraft versagte. Man konnte das unerklärliche Ereignis nicht so ohne weiteres mit der Lebenserfahrung in Übereinstimmung bringen. Es war unverdaulich. Der Verstand beschäftigte sich immer wieder damit... bis man schließlich entweder verrückt oder zumindetst völlig unfähig zum Handeln wurde."

Gleichzeitig hatte er auch begonnen, jenes wichtige Prinzip zu begreifen das die Welt regiert - zumindest wenn es um Karriere und Erfolg geht: Man muss den verrückten Kerl in seinem eigenen Inneren finden, der einem das Leben schwermachte. Man musste ihn in die Ecke teiben und packen. Aber man durfte ihn nicht umbringen, o nein. Für kleine Bastarde dieser Art wäre der Tod viel zu gut gewesen. Man musste ihm ein Geschirr anlegen und dann anfangen zu pflügen. Der verrückte Kerl legte sich mächtig ins Zeug, sobald man ihn erst in die Spur gebracht hatte. Und er hielt einen bei Laune, amüsierte einen. Das war eigentlich auch schon das ganze Erfolgsgeheimnis."


Die ganze Geschichte steigert sich dann für meinen Geschmack eben ein bisschen zu gemächlich zu einem Finale indem ES sowohl in der Vergangenheit durch die Kindergruppe gestoppt als auch in der Gegenwart vernichtet wird. Die permanenten Zeitsprünge und Analogien zwischen Vergangenheit und Zukunft passen punktgenau.

Und dann kommt noch eine Szene, die wieder einmal für den Plot überhaupt nichts tut und zudem aus einem anderen Grund völlig fatal und daneben ist. Nachdem die Kindergruppe ES zurückgeschlagen hat, haben alle das Gefühl, der Zusammenhalt würde zerbrechen. Also "opfert" sich die 12-jährige Beverly - ihres Zeichens bisher auch noch Jungfrau - und schnackslt gleich einer Gang-Bang Orgie mit all ihren Freunden aus dem Club der Verlierer gleich in einem Aufwaschen hintereinander, um quasi als Gruppenkleber den Zusammenhalt zu gewährleisten.
Ich bin ja gar nicht zart besaitet und hab zum Beispiel schon mehrere derartige Bücher gut gefunden wie Mc Evans Zementgarten, aber was hier so nebenbei an Pädophilie und männlichem Täter-Opfer-Umkehr-Stereotyp von einem Autor wie King vermittelt wird, lässt mich bei all dem fiktionalen Horror erstmals ernsthaft erschaudern.  
Dies liegt vor allem daran, dass Beverly ja bis zu diesem Zeitpunkt noch keine sexuellen Erfahrungen hatte - nicht mal wusste, worum es genau beim Sex ging -  aber von Ihrem Vater, der seine sanft sprießenden pädophilen Neigungen durch Gewaltorgien kompensierte, beschuldigt wurde, eine Schlampe zu sein. Dann entscheidet sich Bev autonom - und wir reden hier nicht von einer 14-jährigen in der Pubertät sondern einer 12-jährigen, die noch nicht mal weiß worum es geht, spontan diesem Bild zu entsprechen und Sex mit all ihren Freunden zu haben? Echt jetzt? Dass ist wirklich psychologisch völlig irreal. Derart sexualisiert verhalten sich nämlich nur kleine Mädchen, die wirklich bereits vom Vater missbraucht wurden, oder eben nur in einer männlichen Vorstellung, wie sich das erwachsene Täter gerne in der typischen Täter-Opfer-Umkehr zurechtreden: Das Kind hat dies auch so gewollt.

Seid mir nicht bös, auch wenn wir hier über Fiktion reden, einen derartigen Humbug braucht man weder unter die Leute bringen noch solchen Fake unterstützen, das machen die pädophilen Täter eh schon seit Jahrhunderten selber, indem sie so einen Dreck vor der Gesellschaft und ihren Frauen behaupten, um die Schuld abzuwehren. Und dann hat die Szene ja nichts mit Gruselfaktor oder mit sonst irgendwas zu tun. Sie schwebt irgendwie frei im Plotkonzept und wird auch noch so beiläufig in die Handlung eingefügt. Das ist meiner Meinung nach total daneben.
Eine meiner Goodreads Freundinnen hat mir gesteckt, dass King sich zu dieser berechtigten Kritik rechtfertigte, dass er dieses Kapitel total bekifft geschrieben hat.

Fazit: Ein guter Horrorroman, mit hohem Gruselfaktor der aber auch meiner Meinung nach einige Schwächen aufweist.