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Fremdsein

Lauter Fremde!: Wie der gesellschaftliche Zusammenhalt zerbricht - Livia Klingl

Die ersten 30 Seiten, die der Feder der Autorin entstammen, sind wirklich schwer zu ertragen, denn Livia Klingl geriert sich mit der Lanze der moralischen Rechtschaffenheit bewaffnet, auf die strohdumme männliche unmenschliche Landbevölkerung herabzublicken, nein noch schlimmer sie zu verunglimpfen.

„Verkannt werden die tektonischen Linien entlang derer die Gesellschaft auseinanderbricht. Sie tut es nicht an der Linie Alteingesessene versus neu Hinzugekommene sondern eher entlang der städtischen und der ruralen Bevölkerung, zwischen jungen wenig gebildeten Männern und gebildeteren Frauen, zwischen weltoffenen Menschen und Abschottungswilligen, zwischen Humanisten und Egoisten, Menschenfreunden und Fremdenfeinden.“

Dieses eine Beispiel von mehreren muss man sich wirklich mal auf der Zunge zergehen lassen, da wird einerseits larmoyant in einem Satz der Zusammenbruch des gesellschaftlichen Zusammenhalts beklagt und gleichzeitig der alleinige Schuldige identifiziert und gebasht, der männliche rurale dumme Höhlenmensch.

Dass diese Sicht der Dinge, sofern man tatsächlich an der Lösung der Probleme interessiert ist, genauso wenig zielführend wie rechte Hetze ist, versteht sich für einen denkenden und ausgewogen formulierenden Journalisten, der ausnahmsweise gerade bei diesem Thema von billiger Polemik die Finger lassen sollte, von selbst, vorausgesetzt es ist nicht das einzige Ziel, sich selbst moralisch zu überhöhen und zu beweihräuchern. So eine tendenziöse, schlecht recherchierte Auslegung mag bei einem Kaffee in kleiner Runde mit Gleichgesinnten, durchaus noch diskutabel sein, denn weniger gebildete Menschen sind mitunter möglicherweise tatsächlich in jede Richtung leichter beeinflussbar, es ist aber einer Journalistin, die ein Buch mit Öffentlichkeitswirksamkeit schreibt, absolut nicht würdig.

Vor allem weil diese Aussage auch noch von ihren Kausalitäten total falsch ist. Frau Klingl hätte sich mal weniger bei irgendwelchen Moralphilosophen aufhalten, sondern gleich einen Ausflug in die psychologische Wissenschaft machen sollen. Im Eugene Hartley-Experiment wurde empirisch bewiesen, dass bei der Bewertung von Menschen die Informationslage eine wesentliche Rolle in der Entstehung von Vorurteilen spielt und dies quer durch alle Klassen, sozialen Schichten, Hautfarben, religiösen Ausrichtungen, ethischen Erziehungen etc. Fazit dieses Experiments war: Je weniger wir über einen Sachverhalt oder eine Person wissen, desto kritischer stehen wir den unbekannten Inhalten oder Personen gegenüber. Dies bedeutet, dass die urbanen gut gebildeten Städter lediglich aufgrund ihrer Infrastruktur und der Gelegenheit, reale Erfahrungen in ihrem sozialen Umfeld mit Flüchtlingen zu sammeln, eine bessere Meinung von ihnen haben. Dies erklärt auch, dass jene am meisten Angst und Vorurteile haben, die noch nie einen Flüchtling gesehen haben. Die moralische Überlegenheit der Menschenfreunde, ist also nur in der Gelegenheit begründet, Flüchtlinge kennenzulernen, etwas Fremdes vorerst abzulehnen, ist nur zutiefst menschlich, in allen sozialen Gruppen. Was bedeutet dies aber für die Landbevölkerung?

Ich möchte mal die aktuelle Situation mit einer Flüchtlingsintegrationswelle, die ich selbst erlebt habe und die sowohl zahlenmäßig ähnlich als auch weitaus erfolgreicher absolviert wurde, vergleichen. Ab 1991 haben wir in Österreich ohne viele Reibungsverluste sehr viele Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien aufgenommen. Was war damals anders?

    Die Flüchtlinge waren nicht gar so fremd, da schon viele Österreicher Erfahrungen mit Jugoslawen im Urlaub gemacht haben. Deshalb plädieren auch sehr viele anerkannte Migrationsexperten dafür, Flüchtlinge in Nachbarländern zu integrieren und dafür Gelder locker zu machen. Es ist schlicht und ergreifend einfacher.
    Die Kampagne damals lautete „Nachbar in Not“. Diese Formulierung nahm auch viel von der Fremdheit.
    Es gab tatsächlich damals auf dem Land eine bessere Flüchtlingsinfrastruktur, da die katholische Kirche sehr viele im Sinne der Nachbarschaft in die Klöster, Pfarrhäuser und Pfarrgemeinden geholt hat. Diesmal fühlt sich die Kirche durch die Muslime oft nicht zuständig und auch nicht mehr im Stande, da in den letzten Jahren viele Klöster zu Luxus-Management- oder Fastenunterkünften umgewandelt wurden.

Was kann man daraus lernen?  Man muss die Landbevölkerung schon dort abholen, wo sie sich befindet. Und ich meine nun nicht emotional in ihrer Xenophobie und ihren Ressentiments, sondern am Ort an dem sie sich befinden, um sie mit Flüchtlingen in ihrem vertrauten Umfeld bekannt zu machen. In den Landdörfern gibt es eben keine Caritas und kein Rotes-Kreuz oder sonstige zivilgesellschaftliche Initiativen, sondern nur die Kirche, die Feuerwehr und die Bürgermeister, die aktiv etwas dafür tun könnten. In Landgemeinden, in denen sich die Bürgermeister aktiv um Integration kümmern, funktioniert es ja sogar teilweise ausgezeichnet. Es funktioniert ja sogar in Traiskirchen besser als in einigen Gemeinden des Waldviertels. Sowas ähnliches hätte Frau Klingl schreiben sollen, anstatt die männliche Landbevölkerung zu verteufeln, aber da mache ich ja grad ihre Arbeit.

„Ähnlich unsachlich wie die Kopftuchdebatte verläuft jene, über die Gesichtsverschleierung der Frau beginnend mit dem Umstand, dass Burka genannt wird, was ein Niqab ist.“

Ui ist das putzig, wenn man anderen Unsachlichkeit vorwirft und selbst überhaupt nicht unterscheiden will, dass es früher mehrere Möglichkeiten gab, als Muslima ein Kopftuch zu tragen, und man heute fast nur noch die Art des politischen Kopftuchs sieht, das jener der Wahabiten (Saudis) entspricht, und das wirklich sehr stark zugenommen hat. Alle jene Arten, bei denen man ein Fitzelchen von den Haaren sah, wurden in den letzten 20 Jahren massiv in der muslimischen Welt zurückgedrängt. Auch hier wird von der Autorin nicht auf die prinzipielle faire Diskussionsmöglichkeit der Abschaffung von allen religiösen Symbolen in der österreichischen Öffentlichkeit und im öffentlichen Dienst verwiesen, sondern das „Kopftuch" ist laut Frau Klingl auf jeden Fall von den Frauen freiwillig getragen, und sakrosankt - wer hier wagt, etwas anders zu behaupten, steht eh schon wieder im Eckerl der so verachteten Rechten oder der ängstlichen Dummköpfe. Ach ja und das Kopftuch ist laut ihrer Meinung ein Ausdruck von Tradition und nicht von Religion. Ich weiss nicht, ob sie in den 70er Jahren mal nach Ägypten, in den Iran oder nach Afghanistan geschaut hat - da gab es teilweise gar keine Kopftücher. So weit zur Tradition früherer Zeiten.

Man kann dann richtig froh sein, dass ab Seite 50 nur mehr andere Personen durch Interviews zu Wort kommen, um sich als Österreicher mit Migrationshintergrund aber auch als Vorarlbergerin mit Oberösterreichhintergrund mit der eigenen Identität des Fremd-Seins auseinanderzusetzen. Hier wird das Buch richtig gut, sehr durchdacht meist sehr persönlich wertschätzend, um auf die Integrationsprobleme von vielen Menschen aufmerksam zu machen. Diese wohltuende Entwicklung ist aber den großartigen Interviewpartnern und nicht der Autorin zu verdanken.

Leider kommt selbstverständlich die im Vorwort so gebashte Bevölkerungsgruppe der ruralen schlechter gebildeten Männer in den Interviews wieder nicht zu Wort. Und ich rede da nicht von rechten Hetzern, denen man keine Plattform geben darf, aber von Männern, die durchaus selbstkritisch und reflektiert ihre Ängste artikulieren können, denn auch die gibt es genauso zuhauf, wie nicht alle muslimischen Männer potenzielle Vergewaltiger sind. Leider ist die Frau Klingl da mal wieder nicht von ihrem hohen Ross der moralischen Überlegenheit heruntergestiegen und hat, wie sie es der Landbevölkerung bezüglich der Flüchtlinge oktruiert, ihren Allerwertesten aus Wien herausbewegt um sich ins Fremde zu begeben und die Landbevölkerung mit Ihren Infrastrukturproblemen und Ängsten kennenzulernen. Tja ändern müssen sich dann immer die anderen - gell? Und das Hartley-Experiment hat auch ihr Verhalten bestätigt.

Fazit: Für wen soll das Buch überhaupt sein? Eine moralische Stütze für die moralisch überlegenen Menschenfreunde? Die sind eh schon überzeugt. Rechten Hetzern, die schon komplett in die Szene hineingekippt sind, ist nur mit breiter gesellschaftlicher Ächtung beizukommen, die sind für diese Informationen auch verloren. Also sollte sich das Sachbuch doch tatsächlich an die Ängstlichen wenden. Die hat Frau Klingl aber schon bereits ab Seite 20 das erste Mal zum dummen Sündenbock abgestempelt. Die werden hier sicher nicht mehr weiterlesen, denn so blöd, wie sie glaubt, sind sie dann auch nicht.
Das ist sehr kontraproduktiv und bedauerlich, denn die Interviewpartner mit Migrationshintergrund in diesem Buch kennenzulernen, würde möglicherweise wirklich einiges von der Angst nehmen.

Zu meiner Person, damit hier keine Missverständnisse auftreten, ich könnte mich irgendwie auf den Schlips getreten fühlen und deshalb so argumentieren:

     Ich habe großväterlicherseits keine Migrations- sondern sogar eine Flüchtlingsbiografie, aber das ist schon 102 Jahre her.
    Wenn Du mich in eine Gruppe Syrer stellst, kannst Du mich optisch nicht leicht rausfinden
    Ich bin sehr gut gebildet und weiblich, mein Mann ist auch Akademiker
    Ich wohne so richtig am tiefsten Land und weiß, wovon ich spreche, meine Freunde sind zwar nahezu alle gut ausgebildet, aber ich bin natürlich alltäglich, wenn ich nur 10 Meter rausgehe, mit dieser „pösen männlichen Landbevölkerung“ konfrontiert.
    Ich bin Österreicherin, Feministin, Links und selbstverständlich sehr gerne Teil der Zivilgesellschaft. Ich stehe dafür, dass wir die Pflicht haben, die Flüchtlinge zu versorgen. Ich stehe dafür, ängstlichen schlecht gebildeten Menschen auf dem Land, die nicht hetzen, ihre Angst zu nehmen und sie zu überzeugen, anstatt sie zu diffamieren und zu verspotten.