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Awogfli - Bookcroc

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Überleben im Ghetto dargestellt in entmenschlichtem Realismus

Nacht. - Edgar Hilsenrath

Dieses Buch  musste ich auf zwei Anläufe lesen, denn Anfang 2007 war ich nicht in der Stimmung. Es war mir zu abgebrüht, furchtbar und grausam, als dass ich es beenden konnte (zuviel für meine zarte Seele). Dies sagte aber nie etwas über die Güte des Romans aus, und ich wollte ihn irgendwann mal doch noch durchstehen.

Heuer - fast 10 Jahre später - habe ich Nacht in einer Gruppe gelesen, und das half enorm, denn man konnte wenigestens gemeinsam über das Gelesene reflektieren und sich ein bisschen über das umenschliche Grauen austauschen.

Der Roman beschreibt die Geschichte einer Gruppe von Leuten - als Hauptfiguren Ranek und Deborah, die versuchen, im rumänischen Ghetto von Prokow ihr Dasein zu fristen und zu überleben.

Aber was macht den Roman gleichzeitig so furchtbar und großartig? Ich habe noch nie einen Roman über den Holocaust (Shoah) gelesen, der so realistisch grausam konzipiert ist, dabei ist die dargestellte Grausamkeit derart lapidar, dass sie jeden gewollt gewalttätigen Psychothriller um Längen im Gruselfaktor schlägt. Wo andere Shoah-Romane schmalztriefend auf die Tränendrüse drücken und die jüdischen Opfer durchwegs als heroische Figuren zeigen, werden hier die Opfer extrem realistisch tiefgründig und dicht beschrieben selbst zu Tätern. Der Hunger und der einzige Trieb, diesen Horror im Ghetto irgendwie zu überleben, fegt den Firnis der Zivilisation und Menschlichkeit einfach restlos hinweg. Es gibt keine guten Helden und bösen Verräter, nahezu alle Figuren haben sehr viel Dreck am Stecken und begehen die furchtbarsten aber sehr verständlichen Gräueltaten. Auch der Leser stumpft Zug um Zug bei der Lektüre ab und kann bald alles rechtfertigen, im Gegenteil die ambivalent dargestellten Anti-Helden wachsen einem derartig ans Herz, dass man sich tatsächlich wundert, wie man so mitfiebern kann, ob sie an diesem Tag etwas zu essen bekommen, egal was sie dafür tun müssen. Insofern zeigt der Roman, wie schnell man einen Menschen entmenschlichen kann. Gut ein paar Figuren haben ihren Humanismus nicht eingebüßt aber die erscheinen sehr dumm und sind sehr bald sehr tot - bis auf Deborah. Andere Figuren sind vielleicht eine Nuance verschlagener als der Rest, man hat so seine Symphatien. Aber der Tod schlägt auch bei den Gewieften zu - im Prinzip kann es jeden treffen. Manchmal streut Hilsenrath tröstlich auch ein paar Wunder ein, dann bekommt der Roman einen derartigen Euphorieschub, den auch der Leser mit jeder Faser spürt und die Geschichte wird wieder ein bisschen erträglicher.  Gleich einem hungernden Juden im Ghetto ist man wieder gewillt durchzuhalten, auf den nächsten Tag zu warten und zu hoffen.

Lediglich im dritten Kapitel von vier zieht sich die Handlung mühsam wie ein Strudelteig - ewig derselbe Kreislauf: Hunger, etwas Verkaufbares besorgen, Tauschgeschäfte anbahnen, dabei über den Tisch gezogen werden, und dann von Irgendeinem beklaut werden. Klar so ist das Leben im Ghetto, aber die Figuren entwickeln sich nicht und die Geschichte kommt nicht voran. Da dieser Abschnitt ein bisserl nach Kürzung schrie, ziehe ich mit Bedauern bei der Beurteilung einen Stern ab.

Ansonsten ist das Werk tatäschlich meisterlich: Sprache, Figurenentwicklung, Handlung, Leserinvolvement - ein Kleinod der deutschsprachigen Literatur - manchmal sogar in seiner lakonischen Grausamkeit fast schon tröstlich romantisch. Meine Lieblingststelle:

"Zwei Leichen trieben gemächlich flußabwärts: Ein Mann und seine Frau. Die Frau schwamm etwas vor dem Mann. Es sah wie ein Liebesspiel aus: der Mann versuchte fortwährend nach der Frau zu haschen, ohne dass es ihm gelang. [...] Beide Leichen fingen nun an, sich im Kreis zu drehen; sie klebten eine Weile aneinander, als wollten sie sich vereinen. Dann trieben sie versöhnt weiter." .

Zum Abschluss der Rezension möchte ich noch eine Lanze für weitere Werke des Autors brechen, denn Hilsenrath ist ja ein Genozidspezialist der besonderen Sorte. Er bearbeitet das Thema Völkermord immer ein bisschen anders als alle anderen Autoren und versucht, das Geschehene immer aus einer neuen Sicht zu beleuchten:

  • - bei Der Nazi und der Friseur - die "humoristische, satirische" Seite des Holocaust aus der Sicht des Täters - eines der besten Bücher, das ich jemals gelesen habe
  • - bei Das Märchen vom letzten Gedanken - die sehr fantastisch fabulierte Märchenerzählform, des Genozids an den Armenieren (Aghed), der den Aberglauben der Armenier sehr stark unterstreicht.
  • - bei Nacht - der lapidare grausige Realismus der Shoah im Rumänischen Ghetto



Nacht als sein erster Roman konnte von Edgar Hilsenrath lange nicht finalisiert werden. Erstens weil er wahrscheinlich noch zu jung war, zweitens weil der Abstand zu den eigenen Erlebnissen im Ghetto noch zu gering war und drittens und wahrscheinlich der Hauptgrund, weil er keine literarischen Vorbilder zu seiner Geschichte kannte. Erst als Hilsenrath auf das Werk von Remarque stieß, wusste er, in welchem Stil er seine Geschichte schreiben wollte. Tatsächlich hat mich der Roman sehr stark an "Im Westen nichts Neues" erinnert, aber überflügelt diesen nahezu leichtfüßg im Schreibstil des entmenschlichten Realismus. Die Veröffentlichung von Nacht wurde in Deutschland im Kindler Verlag massiv sabotiert, weil einige Mitarbeiter mit der Darstellung der Juden auch als Täter nicht einverstanden waren. Erst als der Roman international in englischer Sprache derart erfolgreich war, wurde er in Deutschland nochmals verlegt.

Fazit: Unbedingt Lesen! Ein furchtbares aber großartiges Meisterwerk, das Ruhe und etwas Leidensfähigkeit benötigt. Auf jeden Fall nicht in depressiver Stimmung und am besten in einer Gruppe lesen, denn es erfordert doch etwas Austausch.