46 Follower
86 Ich folge
awogfli

Awogfli - Bookcroc

Ich bin Buchgourmet und Buchgourmand quer durch viele Genres

Ich lese gerade

BETA…civilisations volume 1
Jens Harder
Gletschergrab: Island Thriller
Arnaldur Indriðason

Buchrezension - ein Blick in die Untiefen der österreichischen Seele

Die Klavierspielerin - Elfriede Jelinek

“Ein Heuriger am Wochenende spukt bereits in ihren Köpfen herum und vernichtet mehrere Kilo Gedankenmaterial. Der Alkohol wird den Rest besorgen. Land der Alkoholiker. Stadt der Musik.”

Dieser wenig schmeichelhafte Blick ist nur der harmlose Auftakt ins böse Österreich, ein Blick hinter die Fassaden des Mozartkugeldreherlandes. Der imperiale touristische Zuckerguss, der alles überdeckt und erstickt wird abgekratzt und offenbart Furchterregendes. Lasst uns eintauchen ins Land der Gestörten, der Fritzls, der ewig Besoffenen – so wie Elfriede J. es sieht.

Wie eine hundsgemeine forensische Pathologin seziert die Jelinek die Untiefen der österreichischen Seele, holt all die Boshaftigkeit, die Maden und den Eiter hervor, der unter der bürgerlichen Oberfläche brodelt. Aber auch Gastarbeiter, Ausländer, Männer im Allgemeinen, Männer im Speziellen, Mütter, Bobo-Mütter, junge Mädchen, StudentInnen, SchülerInnen, Musikliebhaber, Straßenbahnfahrer ….. alle kriegen sie ihr Fett ab, im Prinzip ist niemand vor ihr sicher, keiner ist harmlos.

Alle bis in die letzten Details beschriebenen Sexszenen sind teilweise grotesk bis massiv gewalttätig – das ist wie bei einem Verkehrsunfall – man muss einfach hinschauen. Auch in der sehr ungesunden Mutter-Tochterbeziehung wird nicht mit Intrige, Manipulation, Perfidie, Drohung, Gewalttätigkeit und unangemessener sexualisierter Intimität gespart. So abartig!

Diesen sprachlich perfekten, zynischen Rundumschlag der literaturpreisgekrönten Autorin habe ich durchaus erwartet, doch plötzlich blitzt in sehr vielen Szenen durch die clownesk-groteskte Konzeption der Situationen so etwas wie böser schwarzer Humor auf – die Frau ist doch tatsächlich irgendwie auch witzig – auf eine Monty-Python-Art nur wesentlich gruseliger, weil sie einfach zuviele Tabus gleichzeitig bricht. Das war irgendwie das Letzte, das ich bezüglich der Klavierspielerin erwartet hätte.

Wenn die Jelinek als externe Beobachterin irgendwas beschreiben soll, ist sie spitzenklasse – böse, aber saugut. Soll jedoch in Szenen von den Hauptprotagonisten aus innerem Drang und Gefühlen die Handlung vorangetrieben werden, so bleibt die Autorin bei der Beschreibung dieser Innenansichten plötzlich unglaublich sprachlos und wirkt wirr, zerrissen, sprunghaft und inkonsistent bei der Konzeption einer durchgängigen Dramaturgie. Fast könnte man vermuten, die guten Szenen hat sie recherchiert und gesehen, die schlechten, die sie möglicherweise erlebt hat, fühlt sie aber leider nicht. Dies ist mein größter Kritikpunkt am Buch auf den letzten 80 Seiten.

Es gibt viele Leute, die den Roman als furchtbar bezeichnen und ihn sogar hassen – sie haben alle Recht. Zwischen den Buchdeckeln offenbart sich ein Monstrositätenkabinett vollgespickt mit allen menschlichen Grausamkeiten & Abgründen, die man sich vorstellen kann und die nur schwer zu ertragen sind.
Bereitet es mir igendwie Vergnügen hinter diesen dunklen Vorhang zu schauen? Ehrlich gesagt JA.

Fazit: Ein sprachgewaltiges, gewaltiges, gewalttätiges Buch, das den Leser bei der Kehle packt und würgt, mit einem flachen letzten Viertel.

Meine deutschen Buchklubfreunde, mit denen ich Die Klavierspielerin in einer Lesegruppe disktuierte, meinten, die beschriebenen Personen wären völlig irreal. Aus diesem Anlass habe ich eine Wien-Exkursion zu den sehr ungewöhnlichen Schauplätzen irgendwann im Sommer geplant, an denen man solche menschlichen Exemplare garantiert antreffen kann – anbei ein virtueller Rundgang zu den Locations des Buches:

description